llr.84 Drittes Blatt Giehener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)_____________Mittwoch, 8. April (936
Aus der Provinzialhauptstadt.
Interview mit dem Osterhasen.
Wir stehen jetzt im Zeichen zweier Löffel. Diese Löffel sind Ohren und gehören dem Osterhasen. Der aber ist die unsichtbare Autorität dieser vorfestlichen Tage, und niemand will und kann sich seiner Macht entziehen. Eine Macht übrigens, die sich mit den milden Waffen cremegefüllter Eier und rosi- nengespickter Napfkuchen sehr liebenswürdig Geltung zu verschaffen weiß. Der Einfluß der Osterhasen ist augenblicklich ohne Grenzen, er bewegt den Greis sowohl wie das Kleinkind, und daher erscheint die Absicht eines einfallsreichen Berichterstatters, den Osterhasen einmal zu interviewen, vollauf gerechtfertigt. Die Schwierigkeit lag mir darin, überhaupt bis zu diesem höchst aktuellen Tier vorzudringen. Denn wo ist es zu Hause? Und auf welchen Wegen gelangt man zu ihm? Genug, dem Reporter gelang es dank seiner Findigkeit, den Plan zur Ausführung zu bringen und er stieß 'kühn bis mitten in die Gefilde des Ofterlandes vor.
Natürlich herrschte hier so kurz vor dem Fest ein Bombenbetrieb und fieberhafte Tätigkeit. Nur mit Mühe gelang es dem entschlossenen Menschen, eines der zahlreich umherflitzenden Häschen am Schwanz festzuhalten und es nach dem Osterhasen zu fragen. „Entweder im Büro oder in der Expedition, und dann lassen Sie mich gefälligst los!" sagte das nette Tierchen und hüpfte eilig weiter. Verblüfft starrte ihm der Reporter nach, dann aber entdeckte er wirklich ein deutliches Schild: „Zentralbüro. Hauptverwaltung" und darunter „Anmeldung in Zimmer 8". Dem Zeitungsmenschen gingen die Augen ob solcher Sachlichkeit über.
Doch dann beschritt er den Weg der Instanzen, mußte eine Viertelstunde warten und konnte schließlich das Zimmer des hoben Chefs betreten. Hier erhob sich ein überaus würdiger Hase hinter dem Diplomatenschreibtisch und reichte dem Besucher gemessen die Pfok". „Sie wall-m in mir den Osterhasen erblicken! Was, junger Mann, führt Sie zu mir?" Mühsam erkämpfte sich der Reporter entsprechende Fassung, trug bescheiden sein Anliegen vor und zückte Bleistift und Notizblock. „Wie'ich sehe, Herr Osterhase, arbeiten Sie hier im Rahmen einer großzügigen Organisation. Können Sie mir Näheres darüber mitteilen?" „Gewiß, wir haben unsere Produktion noch wirtschaftlichen Grundsätzen aufbouen müssen. Anders ließe sich die ungeheure Nachfrage nach unseren Erzeugnissen gor nicht befriedigen. Unser Umsatz berechnet sich noch Millionen, Geschenke in unübersehbaren Mengen müssen verfertigt werden, die Flut der Osterverlobungen ist zu regeln, dos Großreinemachen in unzähligen Haushaltungen zu veranlassen. Vom Legen und Buntfärben der riesigen Eiermengen gar nicht zu reden. Es übersteigt wohl menschliches Vorstellunos- vermögen." Der Reporter: „In der Tat! Darf ich mir nun die Frage gestatten: Legen Sie, Herr Osterhase, die Geschenke und Eier alle höchstpersönlich?" „Nun, man tut, was man kann. Alles vermag ich selbstverständlich nicht allein zu bewältigen, mir stehen aber sehr tüchtige Lege-Assistenten zur Seite. Wie ja überhaupt viele hundert Hasen unserem weitläufigen Betrieb angehören, der schon Ende Februar seine Arbeit aufgenommen hat." Der Berichterstatter: „Danke vielmals!" Und dann, mit leichtem Erröten: „Noch eine Auskunft bitte, gewiß etwas indiskreter, sozusagen intimer Natur: Wie ist das Legen größerer Ostergaben, beispielsweise eines Eisschronkes oder eines Motorrades, überhaupt möglich? Ist es nicht sehr mühsam, womöglich sogar schmerzhaft durchzuführen?" Der Osterhase
Gießener Staditheaier.
Theodor Haerten: „Der tolle Christian."
Theodor Haerten, aus Geldern am Niederrhein gebürtig, 38 Jahre alt, ist, wie kürzlich berichtet wurde, für die kommende' Spielzeit als Schauspielregisseur an unser Theater verpflichtet worden; aber auch abgesehen davon ist es der Mühe wert, sich mit diesem Dramatiker eingehender zu befassen, weil uns aus seinen Stücken neue Kräfte und Hoffnungen für das ernsthafte Drama in dieser Zeit zu erwachsen scheinen: das war — trotz manchem begründeten Einwande — aus allen kritischen Stimmen herauszuhören, die uns nach der Aufführung feiner Schauspiele „Der tolle Christian" und „Die Hochzeit von Dobesti" bekannt geworden sind.
„Der tolle Christian" ist die ungeschichtliche Geschichte des jungen Herzogs von Braunschweig, eine düstere Ballade von Liebe und Tod, ein visionäres Bild vom „großen Kriege in Deutschland", erfüllt von Trommelklang und Landsknechtsgesang, von Schlachtlärm, ^Blut- und Brandgeruch und flackerndem Feuerschein. Unter den vielen Gestalten, welche das Stück bevölkern, ist eine scharf ins wechselnde Licht der Szenen gestellt, ganz in den Vordergrund geXidt, ganz von der Kraft der Vision-getragen: der junge Herzog, abenteuerlicher Kriegsmann und unglücklich Liebender in einer Person.
Das Bild, das wir uns heute vom Dreißigjährigen Kriege machen, die blutige, Europa überflutende Auseinandersetzung zwischen Papsttum und Luthertum, tritt zurück hinter einem Einzelschicksal, das aus der Fülle der Erscheinungen herausgehoben wird. Hier geht es nicht mehr um die Spannung zwischen jenen beiden großen Kraftpolsn und Machtzentren, sondern um die meteorhafte Gestalt des Braunschweigers allein, der, wie Intendant Schultze - Griesheim es in seiner Einführung aüsdrückte, fein eigentliches Ziel ganz aus den Augen verloren hat und daran zugrunde geht. Ihm ist der Krieg am Ende bloß ein Mittel zum persönlichen Zweck; er lebt und zieht zu Felde nur noch getragen und getrieben von einem leidenschaftlichen Gefühl: er liebt Elisabeth, die junge Gemahlin des Kurfürsten Friedrich V. von der Pfalz, des „Winterkönigs" ohne Thron und Land. Ihr will er eine Krone, „das Böhmen", erobern und zu Füßen legen; ihre Liebe wäre ihm der Preis jedes blutig erkämpften Sieges. Sie hetzt ihn, berauscht von der jugendlich-kriegerischen Erscheinung des „Heros Germaniae“, in die Schlacht, Die sein Schicksal besiegelt. „Pour eile“ ist sein Feldgeschrei und sein Fahnenspruch; aber der Verrat seines Feldhauptmanns, des Obristleutnants Dodo von Knyphausen, läßt ihn die Schlacht verlieren; Christian wird verwundet und fällt, und das Stück verklingt düster und hoffnungslos in Regen und Rauch und Feuerschein, mit Blut und Tränen, mit erloschenen Wünschen und begrabenen Träumen.
Leifiungsprüfung in
Die Deutsche Arbeitsfront, die Organisation aller schaffenden Volksgenossen, bietet den Kameraden der Arbeit nicht allein die besonderen Vergünstigungen wie Unterstützungen, Rechtsberatung, Erholung und Ausspannung durch die NS. - (Gemeinschaft „Kraft- durch Freude", sondern auch eine geistige Nahrung, eine Waffe im Berufsleben, die Ausbildung zum Facharbeiter, zum Arbeiter der deutschen Wertarbeit.
Von dem Amt für Arbeitsführung und Berufserziehung wurden die
Arbeitsschulen der DAF.
als die Ausbildungsstätten für alle Sparten der Berufe geschaffen Im ganzen deutschen Reichsgebiet, selbst in der kleinsten Ortsgruppe, wird im Geiste der Arbeitsschule für die Berufsausbildung der von ihr betreuten Arbeitskameraden gearbeitet. Taufende deutscher Arbeiter — Handwerker, Werkmeister, Kaufmannsgehilfen, Techniker und viele andere — haben die Arbeitsschulen der DAF. durchlaufen und stehen heute im Wirtschaftsleben als die Garanten für die Fachausbildung in den Arbeitsschulen.
Jeder Arbeiter bedarf der Schulung, jeder muß bestrebt sein, seine Leistungen zu verbessern und zu vervollkommnen, jeder muß durch seine Arbeit an dem Aufbauwerk des Führers mithelfen.
Die Abteilung für Arbeitsführung und Berufserziehung in der Kreiswaltung Gießen hat Lehrgänge für alle Berufe schon durchgeführt und dabei die besten Erfolge erzielt. Jeder Lehrgangsteilnehmer hat Gelegenheit, bei den monatlichen Leistungs- bzw. bei den Abschlußprüfungen seine Kenntnisse und Fertigkeiten unter Beweis zu stellen. Diese Prüfungen werden sehr streng durchgeführt, und dem Prüfling wird nur dann ein Zeugnis ausgestellt, wenn er wirklich den Anforderungen der Prüfung entspricht und einwandfreie Arbeiten abgegeben hat. Das
lächelte: „Uns bedeutet das Legen fein anatomisches Problem, mein Bester. Es handelt sich da vielmehr um einen mehr symbolischen Vorgang. Doch wollen Sie mich jetzt entschuldigen, ich habe bis heute abend noch siebenhunderttausend Eier und mehrere hundert Verlobungen zu legen. Es war mir ein Vergnügen ..."
Pfotendruck. Verbeugung. Der Mensch enteilt, einer staunenden Mitwelt das Ergebnis dieses märchenhaften Interviews unverzüglich zu unterbreiten.
H. B. v. M.
Vornoüzen.
Tageskalender für Mittwoch.
NSG. „Kraft durch Freude": 20.30 bis 21.45 Uhr allgemeine Körperschule in der Turnhalle der Schillerschule. — Stadttheater: 19.30 bis 22 Uhr „Die unvollkommene Ehe". — Gloria-Palast, Seltersweg: „Hilde Petersen postlagernd!". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Der junge Graf". — 20 Uhr: im Saal des Studentenhauses Klavierabend von Georg Kuhlmann, Frankfurt a. M.
Skadtthealer Gießen.
Heute von 19.30—22.00 Uhr die neue Lustspieloperette „Die unvollkommene Ehe" von A. Nehring. Musikalische Leitung: Ernst Bräuer. Spielleitung: Paul W r e d e. 25. Vorstellung im Mittwoch-Abonnement.
Wenn man diese Szenen, langsam lesend, an sich vorüberziehen läßt, so wird' man sich dem Anhauch dichterischer Vision und dramatischer Kraft kaum zu entziehen vermögen. Zwar sieht man: dieses Stück ist kein Drama im strengen, klassischen Sinne nach den Regeln der Kunst. An das ungeheure, mit unfaßlicher Klarheit und Ueberschau gebändigte Riesenwerk des „Wallenstein" darf man hier nicht denken; aber an die wild und leidenschaftlich zupackende Kraft der Sturm- und Drang- Dramatiker, die Szene um Szene in einem Furioso des Schaffensrausches aus sich herausschleuderten, mag man sich da und dort erinnert fühlen. Es ist im Grunde die alte (ober neue), bequeme und oft gefabelte Bilberbogen-Technik, bie noch kein Drama im strengen Sinne baut: man könnte eine Szene, ein „Bilb" herausnehmen, ein anberes, auch zwei ober brei, hinzutun, ohne bas Gefüge des Ganzen im Grunde zu erschüttern.
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Dabei braucht es selbstverständlich niemanden zu stören, baß bies alles historisch wesentlich anders ausgesehen hat. baß beispielsweise Christian keineswegs in der Schlacht gefallen, sondern am Fieber gestorben ist: barum handelt es sich gar nicht, wir haben hier kein Geschichtsbuch, sondern ein Schauspiel, besten Hauptgestalt durchaus eine bramatische Person ist, Held und Liebhaber zugleich. Und auch ein Drama haben wir insofern, als alles, was geschieht, im eigentlichen Grunde dramatisch ist, das heißt im Spiel von Kraft und Gegenkraft sich vollzieht. Allerdings kann wiederum nicht übersehen werben, daß bie Gewichte ungleich verteilt sinb: Christian ist so sehr Helb unb Zentralfigur, baß er seine wichtigsten Gegenspieler, Elisabeth und Moritz, im wörtlichen Sinne „überwiegt"; der Landgraf besitzt bei weitem nicht bie Vitalität unb Blut- fülle bes Braunschweigers, unb was er, als Träger ber Reichsibee, vorzubringen hat, wirkt blaß neben ber leidenschaftlichen Kraft, hem Temperament unb ber blinben, rauschhasten Gefühlsbesessenheit, bie jenen trägt unb treibt unb am Enbe in fein Derberben jagt. (Schärfer profiliert ist ber verräterische Knyphausen, eine rechte Conbottieregestalt in ber Kriegsfurie einer roilben Zeit.) Auch bie „Winterkönigin" bleibt eine zwiespältig flackernbe Erscheinung, schwankenb zwischen Ueberhitzung unb Kälte, hin unb her gerissen zwischen echtem unb unklarem Gefühl, halb bämonisch, halb kokett, und ohne die innere Geschlossenheit, bie bem Braunschweiger seine persönliche Haltung unb Wirkung verleiht.
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Solchen Einbrücken wirb man sich bei ruhiger Betrachtung unb Wertung nicht entziehen können. Aber wenn auch bie Einzelgestalten bes Schauspiels aus einer ungleich roirfenben Kraft ber Vision erschaffen würben, glauben wir boch, baß Haerten, in manchen Szenen wenigstens, eine anbere, wiewohl unpersönliche Erscheinung wirklich hat leben» big machen können: Bilb unb Wesen jenes Krieges nämlich an sich, als einer mitspielenben Elementarkraft, bie in ein paar unheimlich lebenbigen, aufzuckenden und wieder verlöschenden Gestalten und
deutscher Kurzschrift.
Leistungszeugnis der DAF.
ist darum ein Nachweis wirklichen Könnens, und man legt ihm heute mit Recht bei Behörden, Industrie und Handel besondere Bedeutung bei. Sämtliche Lehrgänge der Arbeitsschulen werden von ersten Praktikern und bewährten Lehrern des Unterrichts durchgeführt, so daß schon die beste Gewähr für eine fachgemäße Ausbildung gegeben ist.
Deutsche Kurzschrift.
Die Arbeitsschule der DAF. legt gerade diesem Lehrfach besondere Beachtung bei, da die Deutsche Kurzschrift heute ein unentbehrlicher Faktor im Wirtschaftsleben geworden ist.
Im Monat März konnte die Arbeitsschule der DAF. folgenden Arbeitskameraden das Leistungszeugnis in deutscher Kurzschrift ausstellen:
Abteilung 80 Silben: Karl Fiedler, L. Feige, Karl Schäfer, Albert Lauer, Hans Heines.
Abteilung 100 Silben: Otto Törner, H. Veith, Robert Sparr.
Abteilung 12 0 Silben: Herrn. Kirchner, Otto Crispens, Lieselotte Glagow, E. Goldhagen, Friedrich Pohl, Anni Pfeiff, Wilh. Germer, Frieda Jung, Kläre Völzel, Wilhelm Best.
Abteilung 14 0 Silben: Wilhelm Kraft, Karl Schick, Karl Klatyk.
Arbeitskameraden! Die Arbeitsschule der DAF. beginnt für die Reichsbetriebsgemeinschaft „Handel" Mittwoch, 15. April, die
neuen Lehrgänge
in Buchführung, faufm. Rechnen, Sprachen, Deutsche Kurzschrift, Maschinenschreiben usw.
Anmeldungen und Auskunft: Die Deutsche Arbeitsfront, Kreiswaltung Gießen, Abtlg. für Arbeitsführung und Berufserziehung, Gießen, Schanzenstraße 18, Zimmer 5.
Oer hessische Behördendienst am Ostersamslag.
Auf Grund eines Beschlusses des Reichskabinetts regelt sich der Dienst der Behörden, wie in eim>m Erlaß der Landesregierung den nachgeordneten Behörden, Gemeinden, Gemeindeverbänden und sonstigen Körperschaften des öffentlichen Rechts mitgeteilt wird, am Samstag vor Ostern nach den Vorschriften über den Sonntagsdienst.
Das Werkstatt-Wochenbuch der Handwerkslehrlinge.
Ab 1. April 1936 hat jeder Lehrling ein Werkstatt-Wochenbuch zu führen, in das er wöchentlich eine kurzgedrängte Uebersicht über das, was er in ber Woche geleistet hat, eintragen muß. Diese Bestimmung wurde im Rahmen der allgemeinen Richtlinien zur Abnahme der Zwischenprüfung im Handwerk herausgegeben.
Seit einiger Zeit ist in verschiedenen Baugewerks- Jnnungen für die Lehrlinge e/h Bauarbeitsheft eingeführt warben, bas mit Eintritt in bie Lehre ausgehändigt wirb. Aufzeichnung von Skizzen unb genaue Darlegung ber Einzelheiten ber in ber lau- fenben Woche burchgeführten Arbeiten, bie ber Lehrling selbst aufzuzeichnen hat, geben ein genaues Bilb über ben Werbegang ber Ausbilbung bes ein»
Bilbern sinnfällig beschworen ist: in ben lärmenden, gröhlenben, betrunkenen Lanbsknechten, in der gespenstigen Figur eines blutige Geschäfte treibenden Händlers, in den gleichsam schattenhaft auf- und untertauchenden Umrissen eines Sekretärs, eines Fähnrichs, einer Marketenderin, der die Kriegsfurie ihr Kind aus den Armen reißt. Hier empfindet man, daß das Stück aus der Hand eines Dichters kommt, ber Anschauung, Phantasie unb Temperament einzusetzen hat für seinen Stoff, — auch sprachliche Kraft unb Einfühlung in manchen Svenen; (nicht in allen, wie es etwa Hauptmann im „Florian Geyer" mit wirklicher Vollendung gelang.) Aber die dichterischen, dramatischen, sp'rachlich'en Kräfte unb Energien, die im „Tollen Christian" am Werke sind, reichen aus, uns mit mancherlei Erwartungen, mit einer großen Hoffnung auf Haertens weitere Entwicklung zu erfüllen.
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Intendant Schultze-Griesheim hat sich persönlich für das Drama eingesetzt und hat es mit spürbarer Liebe und Sorgfalt inszeniert; was er davon hält und worauf er den Akzent zu legen wünscht, hat er in der Einführung am Sonntag (über bie berichtet wurde) und mit einigen Begleit- worten im Programmheft dargelegt: Schwung und Ueberschwang ber Konzeption sollten spürbar werden, ber gespannte Bogen leidenschaftlichen Gefühls; ein lebendiges unb fiaurenreiches Bilb des großen Krieges war aufzurichten, der dunkle, flackernbe, balladeske Ton ber Szenen zu beschwören. Das hat feine Aufführung verwirklicht.
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Die erste Szene („Auf ber Stabtmauer"), mit ber in der Buchausgabe das Stück einsetzt, war gestrichen, auch eine spätere, bie mit jener ersten korrespondiert unb ein hort angeschlagenes Nebenmotiv wieder aufnimmt; endlich bie kurze Schlußszene, der von Elisabeth und Moritz aesprochene Epilog: eine Grabschrift auf Herzog Christians Tab. Das Fehlen ber beiben ersten haben wir an sich bedauert, weil auch von ihnen her Farben in bas Gesamtbild sich mischen: aber man muß zugeben, baß bie Kürzung das Ganze straffer und konzentrierter zusammenfügt unb jener ballabesfen Grunb- ftimmung zugute kommt. Das erste der von Herrn Löffler pbantasievoll entworfenen Bilder schlug gleich den Akkord an, auf den alles gestimmt ist: bie regenverschleierte, Öde, vom Feuerschein überflackerte Landschaft paßte gut zu ber von ber großen Trommel begleiteten Lanbsknechtslitanei „Hüt bich Baur ich fumm" ...
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Im übrigen war die Aufführung so angelegt und gegliedert, daß die stärksten Seiten von Haertens Schauspiel hervorgekehrt wurden. Es liegt in seiner Natur, daß es auf großen Strecken in 'einem Furioso von Ton und Zeitmaß gespielt werden muß. Aber es gab doch dazwischen die unerläßlichen Atempausen, den Sturm abklingen zu lassen unb die Spannung zu lockern. Hier war die Spielführung bemüht, auch die Gegenkräfte szenisch wirksam werden zu lassen unb den dramaturgisch notwendigen Ausgleich zu schaffen. Das strahlende Kernstück der
deinen Lehrlings. Am Wochenschluß werden die Hefte dem Meister und den Eltern zur Unterschrift oorgelegt, damit auch diese sich von dem Weitergang der Ausbildung überzeugen können. Weiterhin dienen diese Aufzeichnungen der Berufsschule zur Erweiterung ihres Lehrplanes.
Keine Zurückstellung von verheirateten Dienstpflichtigen.
Es ist vielfach die Ansicht verbreitet, daß verheiratete Dienstpflichtige von der Ableistung der Arbeitsdienst pflicht oder der Erfüllung der aktiven Dienstpflicht in der Wehrmacht zurückgestellt würden. Der Reichsund Preußische Minister des Innern hatte hierzu bereits im vergangenen Jahre darauf hingewiesen, daß die Verheiratung eines Dienstpflichtigen kein Zurückstellungsgrund ist. Im Hinblick auf die bevorstehende Musterung und Aushebung wird erneut auf diese Tatsache aufmerksam gemacht.
Die Konfirmation in Gießen.
493 Konfirmanden.
Arn vorigen Sonntag, Palmsonntag, haben in der Markus-, der Johannes-, der Petrus- und ber Militärgemeinbe die Konfirmationen stattgefunden. Wegen des beschränkten Raumes der Kapelle des Alten Friedhofs müssen die Konfirmanden der Luthergemeinde in zwei Abteilungen geteilt werden; bie Konfirmation der einen Hülste ist bereits am vorigen Sonntag erfolgt, bie zweite Hälfte soll am zweiten Dfterfeiertog konfirmiert werben. An diesem Tage werden auch bie Kinber ber Matthäus- und der Lukasgemeinde konfirmiert werden.
Die Zahl der diesjährigen Konfirmanden in Gießen beläuft sich auf insgesamt 493, hiervon sind 253 Knaben unb 240 Mäbchen. Auf die einzelnen Gemeinden entfallen: Matthäusgemeinde 53 Knaben, 61 Mädchen = 114; Markusgemeinde 43 Knaben, 47 Mädchen = 90; Lukasgemeinde 71 Knaben, 45 Mäbchen = 116; Johannesgemeinbe 38 Knaben, 21 Mädchen = 59; Luthergemeinde 24 Knaben, 44 Mädchen = 68; Petrusgemeinde 21 Knaben, 17 Mädchen = 38; Militärgemeinde 3 Knaben, 5 Mädchen = 8.
Umsatzsteuer für Veräußerung eines Einzelhanvelsgeschästes.
Fwd. Die Frage, ob bei der Veräußerung eines gewerblichen Unternehmens Umsatzsteuer zu entrichten ist, hat der Reichsfinanzhof in seiner neueren Rechtsprechung bekanntlich bejaht. Wie dabei bas umsatzsteuerpflichtige Entgelt zu berechnen ist, würbe burch ein Urteil bes Reichsfinanzhoss vom 14. Juni 1935 entschieben. Noch ungeklärt war jedoch bie Frage, welcher Umsatzsteuersatz dabei Anwendung findet. Auf Anfrage der Wirtschaftsgruppe Einzelhandel, ob die Veräußerung von Einzelhandels- Unternehmen nicht allgemein mit bem ermäßigten Satz von 0,5 v. H. versteuert werben konnte, hat ber Reichsfinanzminister unter dem 14. März 1936 mitgeteilt, daß mangels gesetzlicher Ermächtigung die ausschließliche Anwendung des Steuersatzes' von 0,5 v. H. bei der Veräußerung eines Einzelhandelsunternehmens im ganzen nicht möglich sei. Aus dem Bescheid geht sodann hervor, daß der Kaufpreis bei der Veräußerung eines Einzelhandels- Unternehmens in verschiedene Teile zu zerlegen ist, die zu verschiedenen Sätzen umsatzsteuerpflichtig sind. Danach ist die Veräußerung von Grundstücken, von Geldfvrderungen usw. umsatzsteuerfrei. Das Warenlager ist regelmäßig mit 2 v. H. zu versteuern. Soweit jedoch die Voraussetzungen des
Aufführung blieb freilich bie große Liebesszene im Schloß zwischen Christian unb Elisabeth: hier war am schönsten unb reinsten der dichterische Atem von Haertens Schauspiel zu empfinden. (Hier kam auch bie Bühnenmusik von Ernst Bräuer mit einer Zarten, lyrischen Melobie nach so viel kriegerischen Klängen zu ihrem Recht.)
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Für Herrn Rosenthal ist der Christian eine wunderschöne Rolle: sie gibt ihm jede Chance, aus sich heraus zu gehen unb sowohl bas Heroische als auch bas Leibenschaftliche bes Charakters mit vollem Einsatz auszuspielen. Die Gefahr ber Rolle liegt in ber heftigen Spannung einer sogleich zum Ausbruch gesteigerten Gefühlslage, in ber er einsetzen muß. Christian führt feinen volkstümlichen Beinamen von Anfang an zu Recht; ber Darsteller gibt ihn auch so heftig, so aufbraufenb, gleichsam von einem inneren Feuer verzehrt, — so unbedenklich, daß dem Zuschauer Bedenken kommen: aber er nimmt sich zurück fängt sich wieder, übersieht seine Mittel unb bie auslabenbe Rolle unb hat dann Atem genug für bie Liebesszene, bie er wieder ganz aus der Fülle bes Gefühls gibt, leidenschaftlich und heftig bis 3ur Besinnungslosigkeit auch hier; unb es schabet nicht einmal unb nimmt nichts vom starken Eindruck, daß hier sein erst harter unb metallischer Sprachklang stellenweise eine leicht pathetische Färbung erhält.
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Aenne Markgraf als Elisabeth: ausgezeichnet; bie Figur wirkt auf ber Bühne (auf unserer Bühne) viel einheitlicher als im Buch, obwohl keiner der angeführten Züge in diesem schillernden und verführerischen Frauenbilde fehlte. Auch hier lag der Höhepunkt in der großen ©efüblsfteigerung jener leidenschaftlich erregten und entscheidenden Szene im Schloß.
Herr Neuhaus setzte sich mit Wärme und innerer Ueberzeugung für den Landgrafen Moritz ein, unb es gelang ihm zum wenigsten theatralisch ber Figur Gesicht und Haltung zu verleihen. — Sehr sicher unb mit ruhigem lleberblicf gab Herr v ©pallart den „Capo" Knyphausen: kalt, gefährlich, brutal und bis zuletzt seiner verräterischen Sache gewiß.
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Noch einige Gestalten aus der Fülle: Herrn L ü p f e s Sekretär (bie Rolle wirkt im Buch, ohne bie Eingangsszene im Marketenberzelt, geschlossener), Herr Hub als Jason, ein rechter Dbrifter, breit unb berb und von galligem Temperament; Fräulein Birkmann als Helga, deren Fiaur erst ganz zuletzt in ihrer Bedeutung angeleuchtet und unheimlich sichtbar wirb; Herr Kühne sehr eindrucksvoll in ber Maske als „Gnab-uns-Gott" (die Figur fehlt im Buch, ist auch entbehrlich, aber theater- mäßig wirksam). Auch die vielen kleinen Posten waren tüchtig besetzt und gespielt.
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Der Beifall setzte zögernd ein, rief aber zuletzt mit den Hauptdarstellern auch den Intendanten an die Rampe. hth.


