Nr.84 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Mittwoch, 8. April 1936
Wandern und weisen ♦ Bäder und Sommerfrischen.
Vom rechten Wandern.
Eisenbahn, Auto, Schienenzeppelin, Flugzeuge ... immer schneller, immer schneller soll es gehen! Haben wir wirklich keine Zeit mehr? Ist die Liebe zur Einsamkeit, zur Beschaulichkeit ganz verschwunden? Nein! Wir echten Wanderer geben Zeugnis davon, daß wir sie wieder hervorholen, daß wir trotz aller Hast der Alltagsmenschen wieder zur „guten alten Zeit" zurückkehren. Wir halten freilich die Schnelligkeitsentwicklung nicht auf. Wir wissen das, aber zu unserer persönlichen Freude wollen wir wieder „altmodisch" werden, wollen wandern, wie einst frohe und naturnah« Burschen wanderten, ohne Auto, ohne Fahrrad, nur unsere Beine sollen uns hineintragen in die weite Welt.
Das Schönste ist ja, daß es für die Wanderlust keine Regeln, kein Gesetz gibt. Sie steckt uns inwendig im Blut, da hilft auch keine äußere Aufmachung, kein Diktat, kein Befehl. Wer das nicht fühlt, wird es nie begreifen. Beim Wandern find wir unabhängig von allen Menschen, von allen Einrichtungen, von allem, was uns so im Alltagsleben hindert.
Ein rechter Wanderer fährt natürlich auch mit der Eisenbahn, um seinem Ziele näher zu kommen. Aber selbst im Zuge wandert er. Seine Augen schauen hinaus in die deutsche Landschaft, sein Herz wird erfreut an den blauen Bergen, an den tief eingeschnittenen Tälern, den silberhellen Bächen, den weiten Ebenen, an der Einsamkeit der Heide und an den wogenden Kornfeldern.
Schön ist es freilich, wenn man ein Ziel hat. Aber nötig ist es nicht. Im Grunde genommen ist es ganz gleichgültig, wo wir wandern. Es gibt tausenderlei Arten zu wandern. Der eine will nur die Berge besteigen, der andere kann nicht ohne Meeresrauschen sein, ein dritter braucht die Einsamkeit der Heide, ein anderer die Waldeskühle und so fort. Aber auf all das kommt es ja nicht an. Die Hauptsache ist, daß wir überhaupt wandern.
Freilich darf das Wandern nicht zum Sport werden, sonst geht die Beschaulichkeit von dannen. Deshalb ist es auch so schön, wenn man ganz allein wandert. Zum Sport gehören aber mindestens zwei. Ganz ohne Ziel und ohne Plan sollte man hinauswandern. Einen Plan haben wir uns ja zu Hause ausgearbeitet, aber wir wandern nun los mit dem festen Vorsatz, uns von niemand, auch nicht von dem Reiseplan, irgendwelche Vorschriften machen zu lassen.
Wir betreiben das Wandern ganz im deutschen Sinn. Wie sagt doch Richard Wagner? „Deutsch sein, heißt eine Sache um ihrer selbst willen treiben!" Machen wir es mit dem Wandern auch so! Steckt uns Deutschen denn die Wcckderlust nicht so tief im Blute? Fühlen wir nicht den Drang, hinauszupilgern in Gottes schöne Natur?
Denkt doch auch an die vielen Wanderlieder! Keine andere Nation hat sie aufzuweisen. Spanier, Italiener, Franzosen, sie alle verstehen diesen Wandertrieb nicht. Sie lächeln über jeden Deutschen, der einen Berg besteigt, auf den eine Zahnradbahn fährt.
Warum sich diese Mühe machen? Aber sie werden auch nie die Freude erleben, die wir empfinden, wenn wir nach mühsamer Wanderung den Gipfel erreicht haben und nun von des Berges Höhe hinausschauen in die weite Welt.
Wenn behauptet wird, daß unser Leben eine große Wai>>erung mit Fernblicken, Wegbiegungen, Raststätten und einem unbekannten Ziele sei, dann ist das schon richtig. Umgekehrt kann man aber auch sagen: Wandern ist Leben! Niemals fühlen wir uns mehr vom Leben erfüllt als auf der Wanderung. Unser Blut kreist schneller, der Blick wird froh, die Augen leuchten. Wir genießen die Schönheit der Natur, wir freuen uns über jedes Vogellied, jeder | bunte Schmetterling entzückt uns. Das Glück ist auf jeder Wanderung, bei uns. Es gibt kein besseres Mittel, um Aerger und Alltagssorgen zu verscheuchen. Wer nicht gern wandert, der findet bald muntere Gesellschaft. Wenn ein Wanderlied im grünen Wald erklingt, wenn wir frohe Rast halten, dann fallen auch die schwersten Sorgen von uns. Ein Tag der Wanderschaft wird zu einem Feste, zu einer Erholung für Leib und Seele.
Drum hinaus! Der Morgenwind umspielt uns. Wer möchte da noch zögern?
Sonne leuchte mir ins Herz hinein, Wind verweh mir Sorgen und Beschwerden! Tiefere Wonne weiß ich nicht auf Erden, Als im Weiten unterwegs zu sein ...
H. H e s s e. L.
MselsriWim.
Von Josef Schmelzer, Cochem.
Regen fällt durch die Frühlingsnacht, lebenswarme Wolkentropfen. Wie viel Wochen hat das Leben, das der Auferstehung harrte, von winterlichem Frost durchschauert dieser klingenden Tropfen geharrt! Nun träufeln sie in erquickender Fülle auf knospende Zweige, auf zartes Grün, auf kleine Frühlingsblumen.
Der Steilnacken der Brauselay erschließt in Vorfrühlingstagen schon einige ganz seltene Arten von zartester Feinheit: den himmelblauen Stern der Meerzwiebel (scilla), den winzigen, lieblichen Goldstern, den buntfarbenen Lerchensporn. In den Schroffen der Palmalay erblüht der süßduftende Buchsbaum angeblich von St. Eastor aus südfranzösischer Heimat an die Mosel verpflanzt. Es regt sich in den weiten Obsthainen auf den Mosel-Auen und an den Hängen: rosa Pfirsichbäumchen in Hausgärten und Weinbergen, von Kirschblüten überschneit stehen Wiesen und Felder, Apfelblüten sättigen die herbe Frühlingsluft. Bald träufeln schwere Glyziniendolden von den Hausfronten, Magnolien leuchten durch den Abend, Flieder durchhaucht aus schmalen Winkeln und engen Gäßchen im Hausgewirr die Frühlingsnacht.
Lieder klingen durch den hellen Morgen und den dämmernden Abend. Distelfinken nisten im blühenden Holderstrauch, Buchfinken locken aus des Zwei- schenbaumes Blütenfülle, Amselschlag jauchzt über schneeweiße Schwarzdornhecken.
Und dann ist der Abend voll des süßen Sanges der Nachtigall. Aus dem Weinberg klingt ihr Lied so unbeschreiblich zart und fein, immer neu und untadelig, nie laut und herausfordernd, nie keck und übermütig, immer ein seliger Widerklang lieblicher Frühlingstage.
Wanderlieder klingen durch den Moselfrühling.
Die Wanderwege entlang von den Schroffen und Schründen der Steilhänge wider, klingen unterm Blütendach der Obsthaine, klingen von den Waldwegen auf den Moselhöhen, wo Buchen- und Eichenwälder rostbraun und junggrün aufschimmern bis in die fernsten Weiten der Eifel und des Hunsrücks. Heimatlieder klingen von den Bergen herab, wo junges Volk mit Armen voll Frühlingsblüten feine Felskapellen, seine Heiligenbilder und Wege
kreuze kindlich-frommen Glaubens schmückt. Lieder klingen ein fröhlich Auferstehen von Ort zu Ort, das enge Tal des vielgewundenen Stromes entlang.
Frohes Hoffen, geboren aus der Fülle des Moselfrühlings, aus selbstlosem Stolz auf die Moselheimat, aus stärkster Verbundenheit mit dem Lande der Väter, aus unerschüttertem Gottver- vertrauen und Zuversicht in die Kraft eines Heimattreuen Volksstammes.
FriWngspaddelsahrt auf der Lahn.
Von Carl Oskar Iacho.
Unter dem Titel „Sterne über kleinen Flüssen" erschien in der „Kleinen Bücherei" des Verlages Albert Langen-Georg Müller in München ein neues anmutig plauderndes Reisebüchlein von Earl Oskar Iatho, dem wir folgenden Abschnitt entnehmen:
Läßt man in Gießen sein Boot zu Wasser, so erlebt man die Lahn als einen schilfumgrünten Graben, über dessen Rändern Gräser und Blumen und Korn im Himmel schwanken. Zuweilen taucht bei einer Biegung des Grabens ein Bauer auf, der vor weißen Sommerwolken die Senfe schleift. Und man zittert für diese flüsternde zarte Schöpfung, die jedes Jahr für uns blüht und reift und stirbt. Stundenlang trägt uns die lebhafte Strömung durch die tiefe, grüne Rinne, die uns die Landschaft verbirgt, um unser schweifendes Sehen auf die wispernde, von Grillen durchgeigte Einsamkeit des grünumwehten Himmels zu sammeln.
Plötzlich eine Brücke, flankiert von ein paar großen Bäumen, und ein Eisenbahnzug, aus dem Gesichter uns anblicken und Hände uns winken, bricht durch die scheinbar von allem Handel und Wandel abgelöste große Stille. Wir rasten am beschilften Ufer. Einer ersteigt die Böschung und meldet ferne Dörfer, angelehnt an wellige Höhenzüge, vereinzelte Kuppen, bewaldeten Horizont.
Die Böschung wird flacher. Hinter der Begrünung des Ufers erscheinen die Linien der Landschaft. Träger und breiter das Flußbett. Wir fahren zwischen den großen Tellerblättern der Wasserrosen, umschwebt von Libellen, grünen und blauen. Wir fahren im zähen Stau und hören von fern ein Rauschen. Der Wasserspiegel bricht fast unmerklich ab. Von dort her, wo zwischen ihm und dem Himmel ein Vakuum ahnbar wird, das wachsende Rauschen, das Wehr. Wir biegen ab in einen Seitenarm, und das erste dunkle Schleusentor der Lahn wird langsam für uns aufgetan. Mählich, mählich sinken wir zwischen den Mauerquadern des Schleusenbeckens in kühle Tiefe, und oben über die Kante guckt von Zeit zu Zeit der Kopf einer Ziege, die dort unter Apfelbäumen das Gras rupft.
Jnfeits der Schleuse wieder munterer Lauf. Und hinter den Weiden und Pappeln einer langgezogenen Insel ruht in seinen Gärten Dorlar. Hier im Jnsel- raserr vor dem säuselnden Schilf verliegen wir die
Nacht, tiefer und tiefer in Schlaf verzaubert vom Brausen des Wehrs.
Doch am Sonntagmorgen durchläuten die Glocken von Dorlar die wassertosende Monotonie. Rasch sind wir frisch. Auch heute noch überspielen die Gräser und Weidenzweige am Rand der Ufer den Himmel. Nur bei starken Krümmungen wird über dem Vorland sichtbar die Landschaft "und stuft sich, unmerklich fast, in die Ferne. Bis sie herantritt mit einer wunderbar gastlichen Gebärde, die Wetzlar heißt. Die Wohnlage an den Hängen hinauf gleicht dem unvergleichlichen Marburg. Statt des Schlosses zu Häupten ein Dom. Steigende Straßen und Gassen und Plätze und Treppen, von Menschen leer, doch erfüllt von Klavier- und Streichmusik, die aus den geöffneten Fenstern in die besonnten, sonntagsstillen Freiräume sinkt. Man schaut die Bach und Händel und Haydn, die Mozart und Beethoven und Schubert und Weber und Chopin schattenwandeln durch die Romanszenerie von Lotte und Werther. Ein Refugium der Hausmusik sind diese kleinen Städte.
Hinter der Altenberger Schleuse steht verwurzelt im Fels eine gotische Kirche. Gertrudis, die Tochter der heiligen Elisabeth, hat sie erbaut. Wir blicken hinauf, und unser Herz blickt zurück nach Marburg, wo über dem Staub der Mutter der größte Baugedanke des deutschen Mittelalters sich wölbt und mit seinen Steilhelmen die Gotteskrone von Wetzlar und diese Altenberger Tochterschöpfung grüßt. Den Begriff der Milde — „milte" — hat dieses Zeitalter geprägt, und mild ist alles stolze Werk, was es in deutschen Landen schuf.
Unübersehbare Windungen tragen uns weiter durch summenden zirpenden, zwitschernden Wiesengrund. In der Tiefe auf sanfter Stufe die Dörfer. Darüber die Felder und himmelberührende Wälder. Eine Dreistufenkandschaft, für die man viele Leben sich wünscht, um sie Schritt für Schritt und Mensch um Mensch zu erlieben.
Drei junge Bauern lagern angelnd vor dem Dorf Stockhausen am gemähten Wiesenhügel. Da bauen wir unser Zelt und lausthen durch die mondhelle Nacht auf das Singen der Jugend, das am Abend das Wiesenweben der Vögel ablöst, bis vor Sonnenaufgang wieder die Musikanten der unendlichen Flur wie im Morgentraum zu flüstern und ihre Instrumente zu stimmen beginnen.
Auf leise strudelnder Schnelle geht es in..den dampfenden Morgennebeln zu Tal.
Wanderfahrten an den Feiertagen.
ZwertüWe Osterfahrt.
1. Tag:
Gießen — Krofdorf — Waldhaus — Kirchners — Gladenbach.
Zu dieser Wanderung benutzen wir zweckmäßig das Postauto nach Krofdorf, gehen von hier die schöne Waldstraße am Forsthaus Waldhaus vorüber, das leider seinen Wirtschaftsbetrieb geschlossen hat, nach Kirchvers (am Waldausgang reizvoller Blick über das Verstal mit einigen Dörfern). In Kirchvers verlassen wir die vom Waldhaus aus benutzten blauen Striche und folgen jetzt roten Punkten, die uns an Altenoers vorüber durch Rollshausen, hierauf durch eine romantische Berglandschaft, die sog. Subach, über Mornshausen führen. Der letzte Teil des Weges bringt uns über den Kirchberg mit dem vor drei Jahren errichteten Adolf-Hitler-Turm, der Sonntags geöffnet ist, und dessen Plattform eine prächtige Rundschau bietet. Unser Zeichen führt in Windungen hinab nach dem Endziel des ersten Tages, dem anmutig in einem Talkessel gelegenen Gladenbach, wo wir in einem der guten Gasthäuser übernachten.
2. Tag:
Gladenbach — Hünslein — Biedenkopf.
Am andern Morgen wandern wir aufwärts, zunächst schwarzen Dreiecken nach, an großen Schieferhalden und dem Wasserwerk Gladenbach vorbei zum Wald, an dessen Rand man einen prächtigen Rückblick auf das Städtchen und die umliegenden Berge genießt. Durch Wald und Feld gelangen wir nach Runzhausen, an dessen Ausgang uns ein Hecken- und später Wiesenweg hinauf zum bewaldeten Hün- stein, dem nördlichsten der Alberge, führt, dessen Gipfel ein Holzturm mit prachtvollem Rundblick auf das Hinterländer Bergland krönt. Gelbe Striche leiten uns hinab nach Holzhausen und weiter über den Weiler Amelose an zwei Grünsteinbrüchen vorüber durch eine anmutige Landschaft über Mornshausen an der Dautphe nach der Station Friedensdorf, von wo wir in einer Stunde lahnaufwärts das Endziel des zweiten Tages, das bergumkränzte liebliche Städtchen Biedenkopf erreichen.
Wanderzeit am ersten Tag fünf Stunden, am zweiten Tag ebenfalls fünf Stunden.
Keilen, die uns zum Wald und in einem kurzen steilen Aufstieg zur Höhe des Hangelsteins bringen. Oben führt, uns das Zeichen an einer Hütte mit Sitz- gelegenheit vorüber nach dem schonen Ausblick über dem Steinbruch und später über die Felsenkanzel hinab zur Daubringer Straße. Hier verlassen wir die roten Keile, gehen auf der Straße nach links weiter, bis wir blaue Striche treffen, denen wir rechts durch den Wald nachgehen. Wir überschreiten die Marburger Straße und kommen zum Badenburger Wäldchen und bald darauf zu der bewirtschafteten Burgruine Badenburg über der Lahn, wo wir rasten können. Die blauen Striche bringen uns hierauf, zumeist am Bahnkörper entlang, nach insgesamt vierstündiger Wanderung zurück zur Stadt.
Gießen — Wellenberg — Alle Schanze — Wißmar — Ruttershausen — Staufenberg — Friedelhausen.
Wir gehen die Krofdorfer Straße entlang bis zum Wegweiser, wenden uns hier rechts, nehmen die Straße nach Launsbach zu, bald darauf halblinks einen Feldweg aufwärts, schwarzen Punkten nach, über eine Eisenbahnbrücke und kommen zum Wettenberg, im Volksmund Siebenhügel genannt. In langsamem Aufstieg erreichen wir über einen Ringwall die höchste Erhebung, die sog. Napoleonsnase, von der sich ein hervorragender Rundblick erschließt, der leider zuzuwachsen droht. Das Zeichen führt uns weiter, immer schöne Blicke bietend, in das mit gelben Punkten bezeichnete Gleibachtal. Beim Treffpunkt der beiden Zeichen weist uns eine Tafel sowie weiße Striche wieder aufwärts nach der mitten im Wald gelegenen Alten Schanze, einer noch wohlerhaltenen Wehranlage aus dem Siebenjährigen Kriege. Wir gehen nun in östlicher Richtung zum nahen Waldrand, von dem ein Feldweg nach Wißmar führt. Wir durchschreiten das ansehnliche Dorf und wandern, teilweise am Lahnufer entlang, nach Ruttershausen, überschreiten die Lahn nach dem jenseits liegenden Kirchberg, um von hier die Burgruine Staufenberg mit guter Wirtschaft zu besteigen. Hier dürfen wir nicht versäumen, vom Turm der oberen Burg die herrliche Rundschau zu genießen. In kurzer Zeit erreichen wir unser Endziel, die Station Friedelhausen. Wegdauer vier Stunden.
Reisewinke.
Wanderungen um Gießen.
Gießen — Wiefeck — hangelsleln — Dodenburg — Gießen.
Ueberaus lohnend ist gerade zum Beginn des Frühlings ein Besuch des Hangelsteins.»Denn abgesehen von den verschiedenen herrlichen Fernblicken, die der Berg bietet, findet der Naturfreund jetzt die ersten Frühlingsblumen, als Bingelkraut, Lerchensporn, Seidelbast, Anemonen und Lungenkraut, die dem sonst noch kqhlen Wald ein eigenartiges reizvolles Gepräge geben. Wir wandern nach unserem Nachbarort Wieseck (evtl, auch mit der Straßenbahn), durchschreiten das stattliche Dorf und folgen roten
Bad Goden am Taunus.
Den Vorzügen, die die Natur in reichem Maße durch thermale Quellenschätze und reizvoll-gesunde Lage Bad Soden am Taunus verliehen hat, verdankt Soden seine Kurerfolge und seinen Ruf als Luftkurort und Erholungsstätte. Mit Beginn des Frühlings beginnt am Taunus eine Hauptsaison. Dank der geschützten Taunuslage gehört Bad Soden zu den deutschen Bädern, in denen mit Sonnenschein und Blütenpracht zur Osterzeit sich der Aufenthalt im Freien angenehm und heilsam gestaltet. Oster-Besuchern präsentiert sich Bad Soden in blühender Frühlingspracht.
„Fest wie Ziegenhain!"
Spaziergang durch eine kurhessische Festung.
Nach Tagen lockeren Schneetreibens und herber Kälte strahlt wieder der seidenblaueste Himmel über Hessens Wäldern und Bergen, über Rhön und Knüll. Ein ganz klein wenig abseits der großen Straße, nur fünf Bahnminuten von der Hauptstrecke Frankfurt—Marburg—Kassel entfernt, träumt das winzige alte Städtchen Ziegenhain in der trachtenfrohen Schwalm einen Traum von einstiger Pracht in die Gegenwart hinein.
Es ist heute zwar nur ein Kreisstädtchen mit 1900 Einwohnern. Dazu aber eine noch in all ihren Einzelheiten gut erhaltene kleine Festung, die für moderne wehrwissenschaftliche Begriffe von geradezu herausfordernder Ungefährlichkeit im Tal der Schwalm liegt. Die Festung ist in wenigen hundert Schritten durchmessen, aber wieviel Zeugen einer lebensfrohen, vergangenen Zeit umschließen Festungsgraben, Wall und Bastionen!
Ein Rundgang um die Außenwerke gibt den Blick frei auf ein prächtig einzusehendes Vorland, das einst im Ernstfall in einen kalten Sumpf und seichten See verwandelt werden konnte. Der Weg mitten durch die Festung führt über den Paradeplatz, an alten Fachwerkhäusern vorbei und unter kraftvoll geschwungenen Torbögen hindurch, deren mächtige Steinringe einst die schweren Angeln der Torflügel trugen. „Fest wie Ziegenhain!" sagt der Volksmund heute noch in Hessen und auch anderswo — fest wie Ziegenhain ist mancher alte Brotkanten, manch fester Schürzendrell und manche spröde Schöne...
Das kurfürstliche Schloß: Ein Epitaph kündet vom Ruhm der großen Sippe Ziegenhain-Katzen- ellenbogen-Dietz-Nidda — aber wo sind die Kavaliere des 17. Jahrhunderts heute, die damals in Sammetröcken mit gestärktem Jabot, den zierlichen Degen an der Seite, zur Schloßkirche schritten — vielleicht auch Pirsch und Weidwerk dem Kirchgang vorzogen —?! Ein anderes Wappenfeld ist leer — „König Lustik", Napoleons Bruder Jerome, ließ es bei seinem Abzug zerschlagen.
Am Paradeplatz liegt die Hauptwache — heute eine Hufschmiede. Ein braver Ackergaul, der gerade beschlagen wird, schaut ergeben vor sich hin, weißer Hornqualm zischt auf und ringelt sich um das niedere Dach des lichtgelben Barockhäuschens, aus dem Hammer und Amboß klingen. Der Wache gegenüber — immer noch am Paradeplatz — erspähen wir durch einen geschwungenen Bogen hindurch ein altes, in die Wälle eingebautes Magazin. Mit seinen alten Torflügeln, den kunstvollen Krampen und geschwungenen Eisengittern der Kasemattenfenster und dem schier übermenschlich großen Vorhängeschloß scheint es von der guten alten Zeit zu träumen, wie sie Spitzweg in so vielen Bildern festgehalten hat.
Den ganzen Stadtkern, das wehrhafte Werk mit seinem tiefen Graben, beherrscht trotzig der eigenartig achteckige Turm des Schlosses. Irgendwie an chinesische Tempelbauten erinnernd, lädt die gedrungene, niedere Spitze weit aus und hebt chren Windfahnen-Gockel nicht eben allzu hoch in den klaren Tag.
Dieser heraldische Gockel sieht in die Ferne — nach Nidda und Treysa, zum Knüllköpf - ch e n und nach der Lahn, und er sieht manchmal auch gnädig auf sein Heimatfleckchen herab, in dem die größten Bauten in aristokratischer Vereinzelung stehen, so daß sie einer eingehenden Besichtigung von allen Seiten her freien Raum bieten. Die Unterkünfte der kleinen Häusler nämlich, der Bürger und Soldaten, sind im Kriegsgetümmel und Schlachtenlärm vergangener Jahrhunderte zerschossen und abgebrannt. Man hat an ihre Stelle nichts Neues gesetzt, sondern lieber vor der Stadt neu gebaut. So blieb der Stadtkern bewahrt vor fremdem Stilunrat.
Während aus den Kaminen der Häuser sich bläuliche Wolken schlängeln, die erraten lassen, daß es heut in der halben Gemeinde „Sauerkraut mit Sulberknochen" — das ist ein Pökelbein — gibt, klingt aus großen Schafställen der Domäne vielstimmiges Geblök der eingepferchten Herde. Dis ersten Lämmlein üben ihre unsicheren Sprünge, mit zärtlichen Augen von der Alten verfolgt. Bald werden sie draußen dem Frühling entgegenspringen.
H. O.
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