Ausgabe 
7.5.1936
 
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Nr. ,0b Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)

Donnerstag, 7. Mai,936

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Zuließ.

Die schafft neue

neuen Satzungen, die die Tagung guthieß, eine gegenüber der bisherigen völlig Jugendorganisation in Sowjetruß-

Jnbische Truppen vor dem Zeltlager auf dem Gelände der englischen Gesandtschaft in Addis Abeba. (Scherl-Bilderdienst-M.)

denken und handeln, daß die Stimmung der kom­munistischen Jugend eine ernste Gefahr für die Reinheit der kommunistischen Lehre" darstellt und daß ihr Machtstreben das herrschende Regime selbst bedroht. So beschloß die Parteileitung eineEnt­giftung" des Komsomol und die Zuweisung von neuen Aufgaben an ihn, die in Zukunft verhindern sollen, daß er zum Träger von Ideen wird, die dem herrschenden System nicht genehm sind. Nicht weniger als dreimal wurde der Eröffnnngstermin seiner Tagung verschoben, bis es endlich gelungen war, nur diejenigen Vertreter aus seiner Mitte als Delegierte nach Moskau zuzulassen, deren Ein­stellung nicht die Gefahr von regimefeindlichen Aeußerungen bedeutete. Sodann wurde der Presse der Wink gegeben, die Kommentare zu dem Kon­greß lediglich auf die Besprechung der neuen, dem Komsomol gestellten Aufgaben zu beschränken. Und schließlich erhielten die Erörterungen auf der Tagung eine Richtung, die eine Kritik von Ver­tretern aus dem gegnerischen Lager gar nicht mehr

daß diesem Kongreß keine übermäßige Bedeutung mehr zugeschrieben wurde ober daß gar Mißtöne seinen harmonischen Ablauf störten. Wie es die Parteileitungen mit Stalin an der Spitze vorher vorgeschrieben hatten, so verlief alles haargenau bis zum letzten Tag. Dem Komsomol wurden von den Vertrauensmännern des Diktators gehörig die Le­viten gelesen, seinem Drang nach einer Machtaus­dehnung wurde ein kräftiger Riegel vorgeschoben und einstimmig wurden natürlich auch alle diejeni­gen Entschließungen und Anträge gutgeheißen, de­ren Annahme die Regierung für gut befand. Dann wurde der Komsomol wieder nach Hause geschickt und erst jetzt werden wohl seinen tüchtigsten Ver­tretern die Hintergründe dieser Abfertigung des Komsomols und die wahre Bedeutung seiner Um­bildung aufgehen.

Die Sowjetmacht hat stets ihr Können bewiesen, sich vor allen unliebsamen und die eigene Macht gefährdenden Bestrebungen aus dem Innern zu schützen. Daß sie nicht immer mit Erschießungen und Verbannungen oorzugehen brauchte, beweist die Auflösung solcher alten und angesehenen bol­schewistischen Verbände, wie die Gesellschaft der alten Bolschewiken, die Vereinigung der ehemaligen Zwangsarbeiter usw. Sie mußten aufgelöst wer­den, weil in ihrer Mitte sich mehr und mehr die Neigung zeigte, mitzureden, politische Fragen zu erörtern und natürlich auch zu kritisieren. Jedes Mitreden das nur allzu oft auch das Bestreben zeigt, mitzubestimmen ist natürlich für die Re­gierung einer so krassen Gewaltdiktatur unerträg­lich. Deshalb wurden und werden immer wieder jene Vereinigungen und Verbände aufgelöst, die zum Geburtsherd eines neuen politischen Gedan­kens oder zum Sammelbecken der Unzufrieden­heit im Lande werden können. Sie werden aufge­löst oder umgebildet.

Dieses Schicksal hat jetzt auch die kommunistischen Jugendoerbände, denLeninschen Komsomol", ge­troffen. Der Parteileitung war nicht verborgen ge­blieben, daß zahlreiche seiner Vertreter und nicht die schlechtesten unter ihnen nichtStalinisch" 1

land. Während bisher die Mitgliedschaft im Kom­somol von selbst eine Vorstufe zur Parteimitglied­schaft bedeutete, ist der neue Komsomol einepar­teilose" Zusammenfassung der gesamten Jugend Sowjetrußlands, die zwar organisatorisch nach wie vor von den Beauftragten des Zentralausschusses der Partei geleitet, machtpolitisch aber um mehrere Stufen von ihrem Machteinfluß getrennt ist. Zwei Fliegen mit einem Schlag hat Stalin hier getroffen. Einmal soll der neue Komsomol das Sammelbecken der Jugendlichen aus dem ganzen Lande und nicht lediglich des Parteinachwuchses sein, wodurch eine Ausdehnung der partei-kommunistischen Erziehungs­arbeit erzielt werden soll, und zum anderen wird er von nun ab das lästige Dreinreben ber Jugend- vertreter in seine Politik los sein. An ber Er­ziehung ber Jugenb nach bem Dogma ber Partei hat sich natürlich nicht bas geringste geänbert. Im Gegenteil soll, rote auf bem Kongreß ber Leiter bes Komsomol Kossarew, bie Unterführer Tschemo- danow und Gorschenin sowie der Parteisekretär Anbrejew erklärten, ber kommunistische Einfluß erst recht verstärkt werben. Die Ausbildung in ber

Nachbruck, auch mit Quellenangabe, verboten!

Moskau, Enbe April 1936.

Nachbem im Sommer vergangenen Jahres im Anschluß an bie Kominterntagung bie kommunistische Jugenbinternationale auf ihrem Mos­kauer Kongreß bie Grunbsätze zur Revolutionierung ber jungen Generation ber Welt aufgestellt hatte, würbe mit großem Interesse bem Zusammentritt bes sowjetrussischen kommunistischen Jugenb- t a g e s entgegengesehen, bes sogenannten Komso­mol, ber bie Stammtruppe ber Jugenbbataillone der Komintern und den Brutherd der Ideen der bolschewistischen Jugend darstellt. Der Vorbereitung dieser Tagung dienten unzählige Presseaufsätze und Beratungen der verschiedenen Komsomolgruppen, in Aeußerungen und Gegenäußerungen versuchte man, über das geistige Gesicht der Sowjetjugend und ihre dringenden Aufgaben Klarheit zu gewin­nen, heftige Kritik wurde an ihren organisato­rischen Mängeln geübt,die wettgemacht würden durch pathetisches Geschwätz und anmaßendes Ver­halten ihrer Mitglieder in der Qeffentlichkeit", und mehr als einmal wurde dem Komsomol zu verstehen gegeben, daß er die politische Leitung der Geschicke des Landes ruhig den Aelteren und Erfahrenern überlassen solle, anstatt sich in alles einzumischen und einen bestimmenden Einfluß auf das politische Leben des Landes in Anspruch zu aehmen.

So die eine Seite. Von den geistig aufgeweckten Vertretern der Jugendoerbände wurde aber gegen diese Kritik eine so heftige Sprache geführt und die Belange der Jugendkommunisten" wurden oft so erbittert verteidigt, daß man sich auf eine gründliche Auseinandersetzung über die Grundprobleme der kommunistischen Jugendfrage auf dem Kongreß ge­faßt machen konnte. Die Jugend repräsentiere beute mehr denn je so hieß es auf der Ge­genseitedie Blüte des bolschewistischen Mutterlandes", sie sei mit nicht weniger als 7 Mil­lionen Arbeitern unter 23 Jahren in der sowjelrus- sischen Produktion vertreten und allein in den Groß­betrieben mache der Prozentsatz der jugendlichen Arbeiter 42 bis 58 aus, sie sei derChef-Protektor" von Armee und Flotte, sie stelle über ein Viertel aller Dorfsowjetvorsitzenden und ein Fünftel ihrer Mitglieder; die militärische Ausbildung der Bevöl­kerung sei untrennbar mit ihrem Namen verbunden, sie sei es, die die Aeroklubs mit Mitgliedern fülle, die 3500 Reserveflieger ausgebildet habe, die Tau­fende von Fallschirmabsprüngen ausführe kurz, der bewußten kommunistischen Jugend gehöre schon jetzt ein bestimmender Anteil an ber politischen, organisatorischen unb ibeenmäßigen Leitung bes Staates unb bes Lanbes.

Der Beobachter hat aus biefer Auseinanber- setzung mit Interesse entnommen, baß in Sowjet- rußlanb sich ein Kampf ber jungen Generation gegen bie zur Zeit herrschenbe anbahnt, bessen Ausgang man mit um so größerer Spannung ent­gegensehen kann, als er an bie Grunblage der pro­letarischen Diktatur, d. h. der Macht Stalins, im Lande rührt und gerade die kommunistische Jugend seinerzeit zu den stärksten Stützen des Stalinschen Regimes gehörte. Nun gärt es ober in dieser kom­munistischen Jugend, neue Ideen spuken in den Köpfen der Jungen und das forsche Draufgänger­tum mancher Konsomolvertreter ließ erwarten, daß auch die Tagung ein getreues Spiegelbild der man­nigfaltigen Strömungen in der Jugend werden und daß ihr Zerwürfnis mit der älteren Generation kraß zum Ausdruck kommen würde.

Nichts dergleichen trat jedoch ein. Wie ein träges Wüstenbächlein plätscherten die Reden der offiziellen Vertreter dahin, ohne die Gemüter sonderlich zu er­regen, nach einem im vorhinein genau festgelegten Programm wickelte sich die ganze Tagung ab unb auch in ber Presse würbe auf Geheiß bafür gesorgt,

Der Kamps her (Generationen in Sowjetrußlanh

Von unserem ^.-Berichterstatter

Silbtelegramm aus Rom: Mussolini spricht vom Balkon bes Palazzo Venezia aus zu ber jubelnben Menge. (Scherl-Bilderbienst-M.)

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aktiven Gottlosenpropaganba, die militärische Er­ziehung, die Zusammenfassung in kommunistischen Sportoerbänden, die tätige Mitwirkung an der Heranbildung auch ausländischer kommunistischer Jugendgruppen, die Organisation des Unterrichts in- und außerhalb der Schule, die Schaffung zu­verlässiger weltreoolutionärer Truppen das find die Aufgaben der Sowjetjugend.

Daß die bolschewistische Jugend moralisch und sittlich verkommen und verlottert ist, daß sie un­diszipliniert ist und alle Bindungen ablehnt, daß sie die Frau als Freiwild ansieht, daß sie ein wahres Produkt der materialistisch-bolschewistischen Er­ziehung ist das wurde nur nebenbei auf dem Kongreß erwähnt. Ob die Jugend sich auf die Dauer mit der Beschränkung ihres Machteinflusses abfindet, bleibt abzuwarten. Ebenso wird aber erst die Zukunft erweisen, wie die Welt auf den neuen Vorstoß reagieren wird, den Stalin mit seinen kommunistischen Jugendtruppen gegen sie unter­nimmt.

Ermäßigte Eintrittspreise für Arbeitsmänner in Filmtheatern.

Der Präsident der Reichsfilmkammer hat eine Anordnung erlassen, die den Angehörigen des Reichsarbeitsdienstes in Uniform bis zum Ober­truppführer aufwärts bie gleichen Eintrittspreise bei bem Besuch von Filmtheatern einräumt, wie sie Militärpersonen im Mannschaftsbienstgrab be­reits zugebilligt worben sinb. Demnach finb die Filmtheater berechtigt, auch Arbeitsmännern auf allen Plätzen eine Eintrittsermäßigung bis zu 50 v. H. ber normalen Eintrittspreise zu gewähren. Der Minbesteintrittspreis barf nicht weniger als 30 Pfennig betragen. Begleitpersonen haben die normalen Eintrittspreise zu zahlen.

Oie Gtarenwolke.

Von Johan Luzian

Alle Tage wird es wärmer auf der Erde, der Bogen der Sonne geht höher und höher über bie Welt, ber letzte Schnee an ben Schattenränbern schmilzt in sich zusammen.

Die Wiesen bekommen ein volleres Grün, rosa Mehlprimeln sind schon ba unb gelber Hahnenfuß, die Sumpfdotterblumen quellen am Bache auf, und das Schilf treibt junge Keime am Weiher. Das braune Wasser wimmelt ockn lebendigem Laich, schon lösen sich die Laichinseln zu Millionen schwän­zelnder Quappen; Bläßhühner und Stockenten haben jetzt gute Zeit, das Wasser ist voll Mückenlaroen, Molchen und Spinnen. Die Algen grünen, Knöterich Dost und Froschbiß wachsen, Nahrung ist überall.

Der Weiher ist ein träumendes Auge im stillen Wiesental zu Füßen des Dorfhügels, ein verschleier­tes, grünbraunes Auge. Zuweilen macht eine Fo­relle "einen kleinen Freudensprung darüber hin, ein silberner Blitz aus dem nachdenklichen Auge, ein kleines auffunkelndes Geheimnis der moorigen Tiefe. Sie hüpfen über die Wehre, den Bach hin­auf bis zum Weiher und weiter, immer weiter der Quelle des Bächleins zu, die Regenbogenforellen. Die größten Hindernisse nehmen sie im Liebesspiel. Man" hat ein Wasserrad in ihren Weg gebaut, bas sich mit schaufelnben Räbern breht unb die Fische zurückschleudert, aber da springen sie seitwärts ins Gras und schlagen solang mit dem Schwanz und den Flossen, bis sie jenseits des wirbelnden Ra­des den freien Bach aufs neue gewinnen; doch mit jedem Tag, da das Gras höher wächst, wird der tollkühne Umweg schwerer und manchmal liegt da ober bort unter gelben Schwertlilien unb blauen Vergißmeinnicht ein toter Fisch-

Johannes ist ein Freunb dieses Webers Er liebt seine wechselnden Farben, sein stilles Glan­zen, den Himmel darin und tue $$2^«

Er steht auf einem Steg, der weit durch das Schilf in das Wasser hineinführt, em Steg für die Em tenjäger im Herbst, die hier unter tückischem Dach auf die Vögel lauern. .

Die schweren Karpfen ziehen ganz nahe der Oberfläche im warmen Wasser hm, haben Laichzeit und sind gequält von ber Samemulle. Stumm unb emsig ziehen bie Männchen neben ben Weibchen bahin, streifen einanber mit ihren kuhl- schuppigen Leibern, streifen an Halmen entlang, sich bes Laichs zu entlebigen oder schlagen Purzel, bäume in ber braunen Flut, peitschen bas Wasser mit ihren Schwänzen unb schnellen m großen Sprüngen barüber weg. «r _

In dem Binsengehalm der Mitte des Weihers

haben die Bläßhühner ihre Nester, sie hocken still auf dem Gelege und nur die Männchen tauchen und gründeln um sie herum. Da und dort sind die Jungen schon ausgeschlüpft, viele piepsende Küken rennen der Mutter nach und üben die Schnäbel.

Johannes geht hinauf zum Waldrand. Dort hat er sich eine Bank unter der Eiche gezimmert, dort ist sein Abendplatz um diese Zeit, denn die Sta­renwolke zieht jetzt durch die gerötete Luft. Es sind Tausende von Männchen, die ihre brütenden Weib­chen daheim an den Nistkästen ließen oder die als Junggesellen den Frühling verbringen müssen. Sie haben keckernd unb schmätzenb, flötenb unb zwit- schernb ben Tag auf ben Nistkästen verbracht, sich geputzt unb ihr schimmernb gesprenkeltes Hochzeits­kleid eitel sehen lassen, nun sind sie die freien Herren des Abends, eine wirbelnde Schar non luftigen Abenteurern.

Die Wolke von Staren rauscht über dem schauen­den Mann dahin, ein lichtes, braunes Gespinst, das seine Form wandelt wie ein Rauch am Himmel. Bald bildet die Starenwolke einen schönen fycdb-- mond, der über dem Wald dahmschwebt und ins Wiesenbachtal niedersinken will, dann wieder ist sie eine rollende Kugel geworden.

Wer gab bas Zeichen zum Beginn eines neuen Tanzes in ber Luft, wessen geheimnisvollem Ruf folgen bie Vögel auf ihrem Flug? Jetzt ziehen sie sich lang hin, werben $u einem bünnen Streifen in ber Ferne, unb nun roenben sie sich um unb finb roieber ba. Legionen flügelnber Bällchen im fröhlichen Abenbflug, bis sie enblich brausend und zwitschernd einfallen ins Schilf.

Aber es lockt Johannes, noch einmal das Spiel zu sehen. Er klatscht in die Hände, er ist der Tanz- meister hier auf der Höhe. Und brausend und flirrend stiebt es wieder auf aus dem braunen Ge­halm dort am Weiher und hebt sich von neuem hinauf in das glühende Licht. Die Wolke teilt sich, und während die eine Hälfte über den Weiher schwingt, kommt ihr die andere schon von dem Lärchenbichl entgegen. Sie vereinigen sich unb tren­nen sich roieber. Der Mann unter ber Eiche zieht mit bem Stock in ber Luft ihre schönen Figuren nach, unb er breitet bie Arme ben braunen Wolken bes flügelnben Lebens entgegen, als könne er ihre Leichtigkeit fpielenb burch feine Finger rieseln las­sen, als würfe er Bälle hinauf in bie Luft, Wolken von Bällen mit ber Gaukelkunst bes Jongleurs.

Doch bann ist es genug. Die Starenwolke versinkt in bas Schilf zum nächtlichen Schlaf unb kein Tanz­meisterwort unb Ruf lockt sie jetzt mehr heraus aus bem Dickicht.

Der Himmel ist leer geworben vom Leben. Nur die Wolken sinb noch nicht eingefallen in ben bunklen Weiher ber Nacht. Sie schwärmen noch ein

wenig am westlichen Himmelsranb. Ein fiebriges Rot leuchtet um ihre Ränber. Bunte, exotische Boote könnten es sein, Boote aus frembcn Meeren, auf benen die Liebenden heiter und gefahrlos dahin­gleiten, eine leise Musik in der Luft. Ein tiefes, ruhiges Braun kommt daher, ein Sepiabraun, und die purpurnen Boote fahren in diese Ruhe hinein, unb ein helles Silbergrau beckt sie zu.

Die Wölber verlieren ihre Farben unb Formen. Nur bie Fichtenspitzen stehen wie Lanzen aufrecht unb spießen ben schwerer merbenben Himmel auf ihre Zacken.

Nun wirb es Nacht, unb bas himmlische Abenb- spiel ist oerenbet. Die Kugel bes Monbes rollt über ben Horizont.

Aus derAvneureihe derZeppeline

Bilddokumente im Heichspostmuseum.

Jrn Reichspostmuseum in Berlin ist ein Ehren­hof ber beutschen Luftschiffahrt gemeint. Hier haben sich bie Vorfahren besGrasen Zeppelin" unb Hinbenburg", wenn auch nur in Mobellform, ein Stellbichein gegeben, hier gibt es Nachbilbun - gen läng ft vergessener Kleinluft- schiffe, bie aber zu ihrer Zeit eine Sensation bilbeten unb sogar schon Heeresbienst taten. Da­neben ist ein reiches Bilbmaterial über bie Pioniere der Luftschiffahrt und die Anfänge dieses heute in vollster Blüte stehenden Verkehrszweiges zusam­mengetragen. Es würde zu weit führen, wollte man dieses Material in allen seinen Einzelheiten be­schreiben. Nur einige Bilddokumente mögen er­wähnt sein, weil sie aus der Erstzeit der Luftfahrt stammen unb weil sich in ihnen bereits Pläne aus- brücken, bie bamals noch Hoffnungen unb Wünsche waren, aber schließlich boch in Erfüllung gingen.

Da finbet sich, um nur ein Beispiel zu nennen, eine aus bem Jahre 1835 stammende Abbildung des ersten LuftschiffesDer Adle r". Ein Luft­postschiff sollte es fein. Wie bas Bilb besagt, soll es bamals von ber Aeronautischen Gesellschaft Eng- lanbs in Lonbon öffentlich ausgestellt worben sein. Diesemerkwürbige Maschine" war 150 Fuß lang, 50 Fuß hoch unb 40 Fuß breit. Das Luftschiff war mit vier großen Flügeln (nicht Propellern!) unb einem Riesensteuer ausgerüstet. Seine Bestimmung beftanb barin, biebirectefte Verbinbung unter ben europäischen Hauptstäbten" herzustellen unb zunächst im August bes Jahres 1835 von Lonbon nach Paris zu fliegen. Bilb unb Beschreibung bieses Luftschiffes, bas eine recht gefällige Form hatte unb mit einer netzartigen ©anbei ausgerüstet war, sind erhalten geblieben. Leider fehlt jeder Hinweis darauf, was aus diesermerkwürdigen Maschine"

geworden ist. Recht bezeichnend ist es jedoch, daß man sich damals schon, obwohl die Ballonfliegerei noch in den Kinderschuhen steckte, daran ma'chte, Luftschiffpläne zu verwirklichen, wobei man zwar in ber Praxis nicht weiter kam, wohl aber schon bie spitz julaufenbe Luftschifform für zweckmäßig hielt.

In das Zeitalter des Luftballons, also jene Periode, in der man sich dem Ballonflug mit be­sonderer Liebe hingab, weil die Flugmaschine und das Flugzeug noch nicht geboren waren, wird man durch einErinnerungsblatt an die erste Luftfahrt des Herrn Eugen Godard und Herrn Bernauer mit dem durch die Großherzigkeit der Bewohner von Graz neu erbauten BallonGraz" zurückver­setzt. Mit diesem Ballon hatte es folgende Bewandt­nis, wie aus der Unterschrift des Bilderbogens her­vorgeht: Graz befaß einen Ballon, der auf ben NamenEuropa" getauft war, aber am 22. Febr. 1853 bei St. Peter in ber Nähe von Graz ver­brannte. Das Bilbbokument zeigt auch bie Ver­nichtung bes Ballons, ber in bem Augenblick i n Flammen a u f g i n g, als er von einer größe­ren Anzahl Personen an Seilen gehalten würbe. Die Mannschaften stürzen auf bem Bilb ausein- anber,, währenb im Hintergrunb eine bicht ge­drängte Zuschauermenge Zeuge bes Dernichtungs- roerfes ist. Jeboch wird bie Ursache bes Unglücks nicht verraten. Inzwischen setzte eine rege Sammel- tättgkeit ein. Die Bürger von Graz ließen sich nicht lumpen, sie griffen in bie Tasche, bamit möglichst halb ein neuer Ballon hergestellt werbe. Denn" was ihr ganzer Stolz war, mußte natürlich einen voll­wertigen Ersatz finben. Eines Tages war ber neue Ballon, bem man diesmal den Namen feiner Vater­stadt gab, fertig. Er wareiner der größten und schönsten", die es je gegeben hatte. Sein Durch­messer betrug 37, feine Höhe 49V2 unb fein Um­fang 11V4 Fuß. Nur neun Tage waren nötig, um bie Ballonhülle zuzuschneiben unb bie einzelnen Stücke zusammenzunähen. Sehr gewissenhaft hatte man ausgerechnet, baß die Nähte eine Länge von 9500 Futz hatten. Das wurde auf dem Erinne­rungsblatt vermerkt, dem noch eine zweite Abbil­dung, die des BallonsGraz" beim Flug über feiner Heimatstadt, beigegeben wurde. Für sechs Kreuzer war die Geschichte der beiden Ballons, zwar kurz gefaßt, aber mit zwei Bildern versehen, zu haben.

Noch ein drittes Bilddokument sei erwähnt. Es geht unter der UeberschriftD e r heranna - hende Krieg" unb wirb alsPhantasie" be­zeichnet, weil es in ber riesigen Gonbel eines riesigen über einer frieblichen Lanbschaft bahin- schwebenben Luftballons ein Jnfanteriebataillon, bazu einige Kavallerie unb Artillerie zeigt. W. S.