Nr. 83 Drittes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Dienstag, I.April (936
Die Tippgräfin.
Vornan von Klothilde v Siegmann
Urheberrechtsschutz: Aufwärts-Verlag, Berlin, SW 68.
32. Fortsetzung. Nachdruck verboten?
Kaum ein Stück davon hatte ihr gepaßt. Was die Aufseherin ihr auch reichte, war viel zu weit.
„Na, bei Ihnen ist es ja nicht für lange", tröstete sie gutmütig. „Und Zeit genug haben Sie ja, um sich Kleider und Schürzen einzunähen."
Mariella sah in der Gefangenenkleidung immer noch lieblich aus. Neugierige Blicke ihrer Leidensgenossinnen trafen sie, wenn sie im grünbelaubten Gefängnisgarten, von einer Wachtmeisterin beaufsichtigt, spazieren gingen, zu zweien und allein, stets in regelmäßigem Abstand voneinander.
Die ersten Monate hatte Mariella, der Gefängnisordnung zufolge, in Einzelhaft zu verbringen. Trotzdem gewannen die meisten der Mädchen und auch das Aufsichtspersonal sie lieb, denn jedem schenkte sie ein freundliches Lächeln, für jeden hatte sie einen guten Blick. .
„Sieht sie in dem blauen Kleid mit dem drel- eckigen Halstuch nicht aus wie ein altholländisches Gemälde?"
Die diensttuende Aerztin fragte es eines Morgens die Direktorin der Anstalt. Die nickte.
„Sie haben recht, Fräulein Doktor. Das arme Wesen trägt sein schweres Schicksal wie eine Heldin.
„Auch wieder eins von den Menschenkindern, das aus Liebe fehlte, und bei denen es einem weh tut daß das Gesetz so wenig Unterschiede machen darf."
Mariella ahnte nicht, wie ihr Schicksal viele Menschen beschäftigte. Sie lebte in einer dumpfen Apathie dahin und atmete auf, als sie endlich arbeiten durfte.
Befragt, was sie könne, meldete sie sich zur Herstellung feiner Handarbeiten oder an die Schreibmaschine. Zuerst saß sie täglich acht Stunden lang in einsamer Zelle — ihre Gedanken bei ihrem toten Verlobten, bei dem ungewissen Schicksal ihres Vaters, bei Annina. Dabei strickte sie fleißig. Die Hände gehorchten ihr rein mechanisch. Nicht umsonst war sie in jenen sonnigen Tagen in „Maidlis
Glück" Frau Aeschis beste Handarbeitsschülerin gewesen.
Und als die vier Wochen Einzelhaft vorüber waren, die Mariella, im Gegensatz zu unzähligen anderen Gefangenen, als wohltuende Erleichterung empfand, kam sie in eine der Tagesgemeinschafts- zellen, in denen mehrere Mädchen zusammen arbeiten und miteinander plaudern durften.
Dort war es, daß zum ersten Male seit langer, ach, wie langer Zeit der Name Heßling wieder an ihr Ohr drang. Der junge Anwalt hatte eine der Gefangenen, die eine schwere Urkundenfälschung begangen hatte, vor dem Zuchthaus bewahrt, und mit begeisterten Worten pries diese seine Güte und seine Klugheit.
„Schade, daß so ein Mann sterben mußte!" seufzte Nummer 15 bitter. „Er war nicht nur klug, sondern auch gut. Er hat es sogar fertigbekommen, daß meine Eltern mich wieder aufnehmen, wenn ich hier 'rauskomme Keine Ruhe hat er ihnen gelassen, bis Mutter es mir schriftlich versprochen hat." Tränen verdunkelten ihren Blick.
„Warum nimmst du an, daß er gestorben ist, Hilde?"
Mariella, die um keinen Preis in diesen Mauern anders handeln wollte als ihre Leidensgenossinnen, und sie ebenso duzte, ohne nach Nam' und Art zu fragen, wußte selbst nicht, wie sie zu dieser plötzlichen Bemerkung kam.
Hilde hob nachdenklich den Blick von der Arbeit, an der sie, gemeinsam mit Mariella, arbeitete.
„Ich erinnere mich noch ganz genau, wie das war, als ich ihn zum letzten Male sah, den Doktor Heßling. Aber sag mal, du kennst ihn wohl auch, Ella, daß du dich so dafür interessierst?"
Die kleine Principessa murmelte etwas Undeutliches.
„Also", nahm ihre Mitgefangene die unterbrochene Rede wieder auf, „ich weiß noch ganz genau, wie das war, als ich ihn zum letzten Male sprach. Ich wollte mich bei ihm bedanken, daß er mich von dem Zuchthaus freibekommen hatte und ich nur zum ,Barnim' kommandiert wurde. Wie ich nun so in seinem Wartezimmer hockte, rauschte plötzlich eine Frau herein — ich sage dir, so was Pickfeines sieht man selten. Einen ganz hellen Pelzmantel hat sie angehabt und ein wunderbares Kleid. Und ein Gesicht sag' ich euch: schön, aber böse! Dellern hieß
Eemesterbeginn-Appell der Universität
Aus der Provinzialhauptstadt
ginnt
Tageskalender für Dienstag.
NSG. „Kraft durch Freude": 20.30 bis 21.45 Uhr fröhliche Gymnastik und Spiele (nur für Frauen)
im Haus der Deutschen Arbeitsfront; 20 bis 21 Uhr und 21 bis 22 Uhr (nur für Frauen) Schwimmen im Volksbad. — Stadttheater: 20 bis 22.45 Uhr „Der tolle Christian". — Gloria-Palast, Seltersweg: „Hilde Petersen postlagernd!". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Der junge Graf".
Stadttheater Gießen.
Heute Abend Erstaufführung der historischen Dichtung „Der tolle Christan", ein Drama aus dem Dreißigjährigen Krieg von Th. Haerten. Spielleitung: Der Intendant. Mitwirkende: Damen: Birkmann, Fornallaz, Markgraf, Stirl; Herren: Bley, Frickhoeffer, Greif, Hub," Kühne, Lindt, Lüpke, Mosbacher, Nieren, Neuhaus, Rosenthal, Schorn, Seitz, von Spallart, Volck, Weiser, Wrede. Dauer von 20 bis 22.45 Uhr. 25. Vorstellung im Dienstag-Abonnement.
Veranstaltungen in der Karwoche.
Die Polizeidirektion Gießen teilt mit, daß am Karfreitag in Gast- und Schankwirtschaften keine Konzerte, Tanzveranstaltungen usw. abgehalten werden dürfen. Dagegen kann den Lichtspieltheatern gestattet werden, Filme, die dem Ernst des Tages angepaßt find, zu zeigen.
Am Vorabend des Osterfestes (Karsamstag) find öffentliche Tanzveranstaltungen verboten.
Reichsautobahnarbeiten bei Steinbach
Aus unserem Nachbarorte Steinbach wird uns heute Vormittag berichtet: Die Arbeiten an der Reichsautobahn in unserer Gemarkung haben begonnen. Zunächst wird die Bahn in ihrer Breite abgepflöckt, um es den Landbesitzern zu ermöglichen, den nicht in Anspruch genommenen Teil der Grundstücke zu bestellen. Gleichzeitig wird durch Bohrungen und Erdprobenentnahme der Baugrund für die Brücken untersucht. In unserer Gemarkung sind drei Brücken erforderlich. Die Straßen Steinbach—Lich, Steinbach —Albach und Albach—Oppenrod werden unter der Autobahn durchgeführt. Der Autobahnhof kommt unterhalb Steinbach zu liegen, die Zufahrtsstraße von Gießen wird durch das Dorf gehen. Wie man hört, sollen im Zug der Dorfstraße nach Lich bzw. nach Gießen der Ädolf-Hitler-Straße einige unübersichtliche Kurven beseitigt werden; das ist nur durch Beseitigung von Häusern möglich. Auch mußte ein Einwohner, der bereits die Fundamente für sein geplantes neues Wohnhaus fertiggestellt hatte, sein Bauvorhaben an dieser Stelle aufgeben, da dort ge-
Köstlicher Dorabens.
Wir alle kennen diesen köstlichen Vorabend. Immer dann, wenn ein Fest bevorsteht, wie jetzt das Osterfest, erleben wir ihn. Er kann so köstlich sein, daß er in uns weit länger nachschwingt, als das Fest selbst.
Was diesen Vorabend so köstlich macht, ist mit Worten kaum zu beschreiben. Was sollte man auch beschreiben? Es geschieht ja am Vorabend noch nichts. An diesem Vorabend erwarten wir noch niemanden, und auch uns erwartet noch niemand.
Und dennoch: In dem Augenblick, in dem wir unsere Arbeit am Vorabend des ersehnten Festes hinlegen dürfen, weil diese Arbeit nun ausruhen darf, und weil auch wir nun ausruhen dürfen, in diesem Augenblick beginnt das Köstliche.
Wir find frei. Nicht, daß wir unter der Arbeit geseufzt hätten! Nicht daß sie uns irgendwie zuwider gewesen wäre! Aber das Gefühl, daß wir selbst nun einmal die Hauptsache sind, daß wir uns ohne Gewissensbisse getrost ein wenig gehen lassen können und auch hingehen können, wohin wir wollen, dieses Gefühl ruft in uns jene leise, berauschende Stimmung hervor, die uns für nichts feil ist.
Und bann treten wir auf die Straße hinaus. Sie sieht dann ganz anders aus. Seltsam, daß meist an einem solchen Vorabend die Sonne scheint! Ist das nur Zufall?- Wir wissen es nicht. Aber selbst, wenn die Sonne nicht scheinen und es regnen würde, so würden wir diesen Regen kaum spüren. Denn in uns selbst ist so viel Sonne, daß alle trübe Stimmung alsbald aufgetrocknet wäre. Auch in anderen Menschen ringsum scheint die Sonne. Auch diese. sind drauf und dran, einen köstlichen Vorabend zu erleben.
Oder mir haben noch schnell eine Besorgung zu machen. Köstlich ist das, einmal nicht so gehetzt zu jein! Und: haben wir auch genug Ostereier besorgt? Flugs werden noch einjge hinzugekauft. Und obendrauf kommt ein buntes Sträußchen Oiterblumen.
Die Hausfrauen eilen noch sehr geschwind in diesen Laden oder in jenen. Aber fie murren nicht, daß sie etwas vergessen hatten. Wer möchte nicht schon ein wenig die Nase in die Feststimmung jtecken, die nun langsam uns alle 3U erfüllen be-
wollen, so wird noch manche Umgestaltung erforderlich sein, manche alte liebgewordene und in der Vergangenheit wertvolle Formen werden fallen müssen, um neuen Formen Platz zu machen, bte besser zum Ziele des Führers passen.
Wir wissen, daß von vielen unter uns schmerzliche Opfer gefordert werden müssen. Aber machen wir uns klar, daß die großen Wendepunkte in der Geschichte eines Volkes stets herbe Opfer erforderten. Machen wir uns klar, daß der Führer uns niemals dahin hätte bringen können, wo wir heute stehen, wenn er nicht von jeher von feiner Gefolgschaft Opfer gefordert hätte unb.roenn die Gefolgschaft nicht stets bereit gewesen wäre, jedes Opfer zu bringen. So möge jeder, der sich zum Führer bekannt hat, bereit sein, ihm weiter die Treue zu halten und bereit sein zu jedem Opfer, das die Gemeinschaft unseres Volkes und die Zukunft unseres Volkes von ihm fordert. Der Führer hat noch nie von feiner Gefolgschaft ein Opfer gefordert, das nicht nachher dem deutschen Volke zum Segen wurde.
Wenn wir in diesem Geiste, in der Bereitschaft zum Opfer und in dem Willen zur Ueberwindung aller Reibungen, im Geiste der Kameradschaft und der Volksgemeinschaft an unsre Arbeit Herangehen, dann wird unserer Arbeit der Erfolg nicht versagt sein und bann werden wir sie beschließen können in dem Bewußtsein, an unserem kleinen Teil mitgeholfen zu haben am großen Werk unseres Führers.
Ein dreifaches Sieg-Heil auf Führer und Volk und das Horst-Weffel-Lied beschloß den eindrucksvollen Eröffnungsappell.
Am gestrigen Montagnachmittag versammelten sich die Dozenten und Studenten in der Neuen Aula zu einem gemeinsamen Appell aus Anlaß des Beginns des Sommer-Semesters. Das Lied „Wohl auf Kame- raoen! leitete die Zusammenkunft ein. Dann begrüßte
öer Rektor Prof. Or. pfahier
die Versammelten, die neuen Dozenten einiger Fakultäten, die seit diesem Semester zum ersten Male an unserer Universität lesen. Ferner gab der Rektor
Erlasse des Reichskultusministeriums und der SA.-Führung, außerdem den Semester-Plan für das Sommer-Semester 1936 bekannt, lieber das kom- menöe Semester stellte Professor Pfähler ein 3itat aus Kolbepheyers Paracelsus-Trilogie und ermahnte alle, den am 29. März gezeigten Gemeinschaftsgeist festzuhalten und unter der Hakenkreuzflagge weiter zu marschieren.
Der Leiter der Studentenschaft und Hochschul- gruppenführer des NSDStB.
cand. meö. vet. Albert Frank
führte dann ungefähr folgendes aus: Im kommenden Semester wird und muß es unsere Aufgabe fein, alle Gegensätze und Streitigkeiten zu überbrücken. In einer Zeit, da das weltgeschichtliche Werk Adolf Hitlers es erfordert, Opfer in jeder Hinsicht zu bringen, ist es unsere Pflicht, unsere ganzen Kräfte einzusetzen, um unser schwer errungenes neues Reich zu festigen. Gerade der Reichsleistungswettkampf hat gezeigt, daß es möglich ist, bei gutem Willen und Opferbereitschaft erfolgreich für unseren nationalsozialistischen Staat zu arbeiten. Möge dieser Gemeinschaftsgeist, der zweifellos alle Kameraden in diesem Wettkampf beseelte, übergehen auf die gesamte Studentenschaft, dann wird und muß der gemeinsame Weg gefunden werden, auj dem wir kameradschaftlich in die Zukunft marschieren können. Wir rufen alle Freiwilligen zur Aufbauarbeit auj. Es ist unser ehrlicher und unerschütterliche Wille, in diesem kommenden Sommer-Semester euch als Kameraden mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Laßt uns immer an die schweren Stunden und Tage zurückdenken, die unser Volk und Vaterland erlebten. Wieder wie einst muß der Geist von Langemarck deutsche studentische Jugend bejeelen, denn heute wie damals gilt unsere Losung allein: für Deutschland leben, arbeiten, kämpfen und sterben! Wenn wir uns das stets vor Augen halten, vermögen wir recht zu ermessen, was Einigkeit und gemeinsame Stärke ausmacht.
Kameraden! Es ist uns eine große Freude, daß unser früherer Lehrer, Herr Geheimrat Sommer, fein kameradschaftliches, und ich darf wohl sagen, jein freundschaftliches Verhältnis zur deutschen Jugend dadurch zum Ausdruck gebracht hat, daß er dem NSDStB. ein Haus mit einem großen Garten am Unteren Hardthof zürn Geschenk machte, damit unsere Kameraden in ihrer Freizeit wahre Stunden der Muße und (Erholung verleben können, frei von den Sorgen des Alltags und vor allem jrei von wissenschaftlichen Fachsimpeleien. Es war gerade der Wunsch des Herrn Geheimrat Sommer, wie er in seiner Schenkungsurkunde angibt, daß sich die Studenten dort draußen in Gottes freier Natur wirklich zur Ruhe und nicht zur Arbeit zujammenfinden. Es ist wohl der Wunsch aller, daß ich ihm heute unseren allerherzlichsten Dank dafür ausspreche und vor allem nochmals für seine so freundschaftliche Gesinnung seinen Gießener Studenten gegenüber.
Was die studentische Selbstverwaltung an unserer Universität anbetrifft, so kann ich berichten, daß unsere derzeitige Kassenlage mit einem erfreulichen Ueberschuß abgeschlossen hat. Wir sind nun mehr als früher in der Lage, die Fachschaften in ihrer Arbeit zu unterstützen und die Lager zu beschicken. Schließlich ist es mir eine große Freude, euch mitteilen zu können, daß unser Kamerad Schuster, ein stets bewährter und treuer Kämpfer für unsere Idee, vom Reichsstudentenbundsführer Derichsweiler die silberne Ehrennadel des NSDStB. erhalten hat. Und nun, Kameraden, bitte ich euch nochmals, schließt die Reihen, stellt euch mit eurer Arbeit unter die ^ahne des Dritten Reiches und seines herrlichen Führers! So wünsche ich euch
allen ein frohes und vor allem erfolgreiches Semester, damit ihr alle gern an eure Alma mater Ludoviciana zurückdenkt.
Im Anschluß an den Hochschulgruppenführer sprach der Prorektor der Universität
Professor Or. Hummel.
Er wies einleitend aus die jüngste weltgeschichtliche Tat des Führers vorn 7. Marz 1936 und die dadurch wiederhergestellte volle Souveränität des Reiches über das gesamte Reichsgebiet hin, enn- erte an die überwältigende und begeisternde Vertrauenskundgebung des deutschen Volkes für feinen Führer bei der Reichstagswahl am 29. März und sagte dann u. a. weiter: Der Gedanke und Wille des Führers hat uns endlich zu einem Volk werden lassen. Im Bewußtsein dieser gewaltigen und einzigartigen Tatsache wollen wir unsere Arbeit im neuen Semester beginnen. Wir wollen dem Gedanken der endlich erreichten Gemeinschaft auch in unserem Kreise Rechnung tragen, und wir wollen tue Zwietracht vergessen, die auch in unseren Reihen herrschte. Das Bewußtsein dieser grundlegenden Gemeinschaft muß uns helfen, im Geiste der Kameradschaft und des gemeinsamen Dienstes am Volke hinwegzukommen über* Widerstände und Reibungen, die sich in jeder lebendigen Gemeinschaft natürlicherweise ergeben müssen. Der Führer hat uns zu einer Schicksalsgemeinschaft zusammengefügt, sorgen wir dafür, daß wir nicht wieder auseinanderfallen. Wenn wir dieses Ziel erreichen
Hauseinsturz in Mainz.
Glücklicherweise niemand verletzt.
Der Hauseinsturz in der Mainzer Altstadt. Wie eine Theaterkulisse wirkt das Haus, dessen Seitenwand völlig einstürzte.
(DNB.-Heimatbilderdienst. — Photo: Petri.)
LPD. Mainz, 6. April. In der Rochusstraße in der Mainzer Altstadt stürzte am Samstagmorgen kurz nach 6 Uhr, als fast alles noch schlief, die Seitenwand eines Hauses ein. Glücklicherweise hatten die Bewohner dieses Hauses schon vorher ein Rieseln in den Wänden vernommen und sofort die gefährdete Hausfeite verlassen, so daß kein Opfer an Menschenleben zu beklagen ist. In dem gegenüberliegenden Haus wurden durch die stürzenden Gesteinsmassen alle Fenster zertrümmert. Die Unglücksstätte bietet einen seltsamen Anblick, da das Haus nun auf der einen Seite völlig offen ist und einen Einblick in die verschiedenen Zimmer der einzelnen Stockwerte gibt.
rade die Zufahrtstraße nach dem Autobahnhof entlangführen wird.
Deutsche Läaerschast.
Jagdkreis Gießen.
Die nächste Prüfung zur Erlangung des ersten Jagdscheines findet am Samstag, 2. Mai, statt. Anmeldungen, zusammen mit einem Lebenslauf und Führungszeugnis, sind bis zum 15. April einzureichen an den Kreisjägermeister, Gießen, Stephan- straße 4. Gleichzeitig ist die gesetzliche Prüfungsgebühr in Höhe von 10 Mark auf dessen Postscheckkonto Frankfurt a. M. 69 886 einzuzahlen. Ort und Zeit der Prüfung werden den sich Meldenden unmittelbar mitgeteilt werden.
Furunkel im Gesicht.
Ein Furunkel im Gesicht ist nicht leicht zu nehmen; er bedroht die Gesundheit stärker, als ein Furunkel am Arm oder Bein. Die Gesichtshaut ist ziemlich straff mit der unter ihr liegenden Muskulatur verbunden, fo daß der Krankheitserreger die Möglichkeit hat, verhältnismäßig schneller in die Tiefe zu bringen, als das am Arm ober Bein geschieht, wo zwischen Haut unb Muskulatur ein ziemlich bickes Bindegewebe besteht. Die Blutabern ober Venen liegen im Gesicht zum Teil gleich unter
sie ober Hellern ober fo ähnlich. Ich hab's gehört, wie sie angemelbet würbe. Rotgolbene Haare wie ein Filmprinzessin und ein schneeweißes Gesicht. Aber nicht gemalt, sonbern Natur. Unb einen Ring mit einer ganz riesenhaften schwarzen Perle unb einem großen Brillanten."
Tante Annina!, bachte Mariella. Sie mußte sich beherrschen, um ihre Aufregung nicht zu verraten. Dann fuhr Nummer 15 in ber Erzählung fort:
„Na ja, wie bas so ist, sie kam natürlich vor mir an bie Reihe. Unb weil ich meinen Freunb nicht unnötig lange auf mich warten lassen wollte, rief ich ihn von der Telephonzelle aus an, bie bei Heßling im Korribor ftanb. Unb als ich roieber 'rauskam, rauschte bie schöne Frau gerabe aus einem anberen Zimmer heraus."
Neugierig hatten jetzt auch bie beiden anderen Gefangenen, die in der gleichen Zelle beschäftigt waren, zu arbeiten aufgehört und lauschten gespannt Hildes Worten.
„Wie gesagt, die Frau muß was ganz Feines gewesen sein", fuhr fie fort. „Denn ich hörte sie vor sich hinmurmeln: ,Er liebt also meine Pflegetochter, dieser Heßling!'"
„Das — hast du gehört?"
Mariella sagte es mit mühsam unterdrückter Aufregung. Erstaunt sah die Sprechende sie an.
„Na, was'n?"
Marietta schluckte schwer, unb bie anberen Mäb- chen riefen voller Neugier:
„Weiter, weiter! Das klingt ja wie ’ne Zeitungsgeschichte!"
„Na ja" — Httbe schien befänftiat —, „unb bann kam ich an bie Reihe. Doktor Heßling saß vor seinem Schreibtisch unb machte ein Gesicht — ein Gesicht, sag' ich euch, als ob ihm was Schreckliches passiert wäre. Plötzlich sieht er mich an unb sagt so halblaut zu mir: Wisjen Sie, wie einem Menschen zumute ist, ber fein Liebstes verloren hat, Fräulein Zischte?'"
In ihrer Erinnerung vertieft, nannte Httbe sogar ihren Namen. Doch keine ber gespannt Zu- hörenben achtete barauf.
„Na, ich bebanfte mich bann auch bei ihm schön. Unb zum Abschieb schüttelte er mir fo boll bie Hanb, wie er es sonst niemals getan hat. Unb bann brachte er mich noch zur Tür unb sagte: ,Wenn wir uns nicht mehr Wiedersehen sollten,
Fräulein Zischte, halten Sie ben Kopf oben unb machen Sie nie roieber faule Sachen, solange Sie auch leben mögen.’ Unb bann ftanb ich roieber im Korribor unb ging fort. Na, und wer will nun bestreiten, daß er sich aus unglücklicher Liebe bas Leben genommen hat, roo er boch am nächsten Tage auf Nirnrnerroiebersehen verschrounben ist?" Ein leiser Wehlaut ließ bas Mäbchen herumfahren. Die kleine Prinzessin war in wttbes Schluchzen ausgebrochen — bie Arme auf ben Tisch gelegt unb das Gesicht daraufgepreßt, weinte sie hemmungslos.
21. Kapitel. Schicksalsfäden.
„Insel der Erwartung" hatte die deutsche Besatzung des Luftschiffes das Eiland im Uelle genannt, roo alles voll gespannter Neugier der Rückkehr Heßlings unb feiner „Speranza I" harrte
Drei Tage waren feit feinem Abflug vergangen, und man fing bereits an, sich um ihn zu sorgen. Besonders bei Herzog Enrico wurden Erinnerungen an frühere Expeditionen wach, die alle hoffnungs- froh begonnen und so trübe geendet hatten.
Die besorgten Gedanken des Herzogs galten in erster Linie Mariella und ihrem Schicksal. Er verstand es nicht, daß er es vor seiner Ausreise nach Afrika verabsäumt hatte, sie unter ben Schutz ber italienischen Botschaft in Berlin stellen zu lassen. Das mußte unbebingt nachgeholt werben, sobald er in bie Heimat zurückgekehrt war. Ein jubelnbes Rusen riß ihn aus seinem Grübeln.
„Sie kommen — sie kommen?" Schreie von bem Luftschiff her unterbrachen feine Gebauten. Gleich- Zeitig härte er ein Surren unb sah in einiger Entfernung von ber Insel einen schwarzen Punkt am Himmel auftauchen, ber sich rasch vergrößerte.
„Gottlob!" Ein Seufzer ber Befreiung entrang sich bem Herzog. Unb wie sein jüngster Matrose, lief er ins Freie, um bei ber Lanbung babei zu fein.
Die Maschine war zu Boben gegangen. Heßling unb Jaan sprangen, unverletzt unb braungebrannt, zu Boben. Doch was war bas? Da kam ja noch ein Weißer zum Vorschein! Unb ein junges, ganz hellfarbiges Mäbchen, das fchwankenb unb wie ge* blenbet, auf ben Arm bes Fremben gestützt, ihm entgegenschritt.
(Fortsetzung folgt!)


