ttr.234 Drittes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Dienstag, 6. Oktober 1936
Hessen-Nassauische Trachtengruppen aus dem Bückeberg.
Das Alte Führerkorps der Partei im Gau Hessen-Nassau.
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Daraus erklang unter Begleitung unserer mit- genommenen Dorfkapelle das
Lied: Der Bauer ist ein Ehrenmann, Er bauet uns das Feld. Wer eines Bauern spotten kann, Der tft ein schlechter Held;
Noch eh' die liebe Sonne kommt. Geht er schon seinen Gang Und tut, was alle Menschen frommt, Mit Lust und mit Gesang.
Heß:
Und wenn die schwere Alltagsarbeit ist vollbracht, Der Sonntag uns in heller Festesfreud' anlacht, Wenn Erntedank wir feiern unter'm Erntekranz, Dann schwingt sich uns're Jugend auch beim frohen Tanz.
Nun zeigt auch heut', wie ihr nach Vätersart, Der Heimat Tänze habt verwahrt.
Nachdem von der Gruppe zwei hessische Volkstänze getanzt waren, erklang nach den nachstehend gesprochenen Worten das Lied vom trauten Heimathaus: „Im schönsten Wiesengrunde".
Heß:
Wo Bauernjugend froh zum Tanz sich dreht Da pflanzt sich auch des Liedes Welle fort. Es braust empor in wundersamen Klängen Der Jubelgruß der Frühlingssymphonie Und lieblich tönt in herrlichen Gesängen Der Liebe wundersame Melodie.
Und hört ihr in der Fremde jene Lieder, Die man euch in der Heimatflur einst sang, Dann trägt in's Vaterhaus zurück euch wieder Weit über's Meer der Heimatklang.
Reichen Beifall erntete die hessen-nassauische Trachtengruppe für ihre Darbietung nach den von (9g. Heß gesprochenen
Schlußworten: Deutsche Tänze, deutsche Lieder, Deutscher Brauch und deutsche Art! Was die Väter uns verwahrt, Soll uns teures Kleinod bleiben, Laßt's uns in die Herzen schreiben: „Deutschland wird nie untergehn, Solang sein Volkstum bleibt bestehn". Zn der Nähe des Führers.
Aufn.: NS. - Gaudienst.
rauben.
Aus
Wir Daß
Bauernstand, Vaterland,
Die Gedenkmünze der Fahrt des Alten Führerkorps der NSDAP, durch den Gau Hessen - Nassau, die gleichzeitig als Teilnehmer - Abzeichen gilt.
Er schafft für alle Brüder Brot, Wie litten uns're Städter Not, Wenn er nicht wär', der Bauernstand! Ihr Städter habt ihr's all' erkannt? Nur Hand in Hand, dann wird's gelingen, Ihr sollt's mit uns im Liede singen.
Ist Dauerpflicht, Die deutsche Art Das ist es, was Mag auch das
Im Schlager feinen „Käs zum Bahnhof rollen". Bauernburschen und Mädchen vom Land, Sie haben nie Schimmy noch Charleston gekannt, Sie sind es, die nach Urväterart Die deutschen Tänze haben verwahrt. Sie haben für heimische Bräuche und Sitten Wie ihre Ahnen gelebt und gestritten. Gebunden an Blut und Heimatschollen, Werden nun sagen, was sie wollen!
heut' und auch immerdar.
in Tanz und Lied zu pflegen, wir Bauern wollen,
Stadtvolk sich beim Charleston bewegen,
Entwurf: H. Winter, Oberursel.
Ich grüß' euch all, aus uns'rem deutschen Vaterland, Besonders euch, aus uns'rem lieben Nassau-Hessen. Die Heimatlaute, schon als Kind gelallt, Sind in dem Herzen mir noch nicht verklungen, Die Heimatliebe hat mit Allgewalt Mich immer wieder in den Bann gezwungen.
Die Heimat ist's, sie gibt uns Kraft, das zu erhalten, Was Brauch und Sitte uns'rer Väter war. Und dieses Kleinod immer zu verwalten,
Die kann uns niemand Heß:
Dem Schwure treu der Er nährt das Volk im
Halten zur Heimat, zur Erde.
pflügen den Acker, wir bauen das Land
Zum Strome ewig deutscher Art.
Gruppe:
Wir haben Brauch und Sitte uns'rer Ahnen, Die Mundart, Lied und Tanz verwahrt.
Der bäuerlichen Kleidung treu. Ob Tausende uns einst verlachten. Und heute tragen wir auf's neu, Mit Stolz der Heimat Trachten.
Frucht und Brot daraus werde!
Heß:
Blut und Boden springen frisch die Quellen
Heß:
Aus Blut und Boden ist aufs neu geboren. Der Ahnen bestes Erbe — Treu' und Gauben ...
Gruppe:
Treu' und Lieb' zum Heimatschollen,
Die Gruppe im Sprechchor:
Wir Bauern draußen vom Land
Der Führer inmitten der Trachtenträger.
Am Sonntagmorgen ertönten in Unsen, einem am weitesten von Hameln abgelegenen Bauerndorfe, wo ein Teil unserer hessen-nassauischen Trachtengruppen in sehr guten Quartieren bei Bauern untergebracht war, 5 Glockenschläge vom Kirchturm, als sich unser Autobus mit diesen Trachtenträgern in Bewegung setzte, um über Haddessen, Wellich- hausen, Pötzen und Höfingen zu fahren, wo die übrigen Teilnehmer zustiegen und nunmehr die ganze Trachtengruppe gemeinsam nach dem Bückeberg fuhr. Graue Regenwolken hingen am Himmel und drohten zu jeder Minute mit einem tüchtigen Guß.
Tausende von Volksgenossen hatten sich auf dem mit FHnen reich geschmückten Bückeberg versammelt, a* unsere Gruppe gegen 9 Uhr an der Sammelstelle für Trachtenträger eintrat. Der größte Teil der Trachtenträger wurde sofort in das Spalier eingereiht, während etwa 10 Trachtengruppen aus dem ganzen Reich auf das untere Podium geführt wurden, von wo aus sie durch Lieder und Tänze die wartenden Volksgenossen unterhalten sollten.
Unsere hessen-nassauische Trachtengruppe erfreute mit einer kleinen Spielfolge von Gg.
Heß, die reichen Beifall fand.
Wort, Lied und Tanz wechselten in dieser Darbietung einander ab. Zunächst begrüßte (9g Heß am Mikrophon die auf dem weiten Platze versammelten Volksgenossen mit folgendem Gruß: Ich grüß' euch alle, die mir stammverwandt Und die mit mir am Heimatherd gesessen.
Unter Führung unseres Heimatdichters Georg Heß, Leihgestern
Sonderdericht des Gießener Anzeigers*).
* Dgl. Gießener Anzeiger Nr. 233 vom 5. Oktober 1936
Angehörige einer Trachtengruppe aus allen Gegenden des Reiches. — (Aufnahme [2]: Pfaff, Gießen.)
Nach dem Abschluß der Darbietungen, kurz vor der Ankunft des Führers, wurden die Tanz- und
Hutten, der politische Dichter.
Von Robert Hohlbaum.
Ursprünglich zum Mönch bestimmt, in Fuldas Klosterschule erzogen, blieb Hutten weltlich und wurde ein Gelehrter. Sein Leben gestaltete sich zuerst wie das anderer adeliger Herren der Zeit, aber schon, als er seine Fehde gegen den Herzog Ulrich von Württemberg begann, lauschte die deutsche Oeffentlichkeit auf. Dieser hatte Huttens Vetter umgebracht, und Hutten trat als Rächer der Sippe auf, mit dem ganzen Rüstzeug feiner gerechten Sache, mit seiner Klinge und mit feinem
in Huttens Leben, feine B e t a nn i. w mit Luther. Der stolze Ritter beugt sich vor dem Mönche, der geniale Dichter stellt ihm ferne Waffe, das zündende Wort, zur Verfügung, er imrb em anderer. Hat er sich vordem mit kleinen Gegnern abgegeben, so findet er jetzt em 6^3 Ziel, dem er sich selbst, sein ganzes Wesen weiht. Nicht mehr lateinisch schreibt er, in dieser Stunde wird der nationale Hutten geboren, der sich dem> großen^deutschen Vaterlande unterorbnet; d^t er früher sein ,/acta est alea" gerufen, so singt er letzt sein hin reifendes ^rh han’s gewagt Mit Sinnen und trag deknöch kein Ne^' Vo'n nun ab schreibt und fingier nur mehr in deutscher Sprache.
Ein abenteuerliches Leben rollt sich voruns ab* mit feinem Freunde Sicki n g e nfampft er als heiliger Rebell. — Aber er fallt nicht im Kampf. Dieses Leben endet traurig m einem furchtbaren Grau. Die Schweiz, die Insel Ufenau, bietet dem
Wort. . . 6.
Die Zeit, in der er lebte, war em Wendepunkt, auch er stand an der Grenze eines deutschen Zeitalters Wie heute entstand ein neues Deutschland aus Kampf und Not, wie heute ging es um bie Befreiung des deutschen Geistes aus feindlicher Gewalt. Seine ersten Schriften schrieb Hutten m lateinischer Sprache. Er schrieb ein schone^ elegantes Latein, er war eine der leuchtendsten Zierden des Humanismus, er war voll treffenden geistvollen Witzes, der namentlich in den sogenannten „Dunkelmännerbriefen" seinen Ausdruck fand. Hier finden wir eines der ersten Beispiele knoderner Satire. Die Gegner werden auf geniale Weise verspottet, m ihrem eigenen Ton, in i^rem (*Wnen JW*« Latem sind diese Briese geschrieben, so wie spater Ludwig Thoma in den „Briefen eines bayrischen Landtagsabgeordneten" seine Gegner auf so wirksame Weise bekämpfte.
In diese Zeit fällt der entscheidende Wendepunk in Huttens Leben, feine Bekanntschaft mit
Heimatlosen, Kranken, Verfolgten eine Heimstatt, und allein, in tiefster Verlassenheit stirbt der größte Kampfdichter des Deutschlands der beginnenden Neuzeit, nach Walter von der Vogelweide und vor Heinrich von Kleist der größte nationale Dichter deutscher Zunge.
Darin liegt seine ungeheure Bedeutung. Deutschland war immer reich an stillen Lyrikern, reich an großen Erzählern, aber der Typus des „politischen Dichters" in des Wortes edler Bedeutung war bei uns nur sehr spärlich anzutreffen. Der Deutsche hat immer eine gewisse Scheu vor jenen Dichtern gehabt, die nicht nur Sänger, sondern in erster Linie „Rufe r" sind. Diese Dichter weihen sich einer Idee, die größer ist als sie, und dahinter tritt ihr Selbst zurück, trotzdem eben unter ihnen sehr starke und kraftvolle Persönlichkeiten zu finden sind.
Ein Dichter hat uns Huttens Bild überliefert und erneuert, farbiger, monumentaler, als es die getreueste Lebensbeschreibung vermöchte, Conrad Ferdinand Meyer, der Schweizer, in dem herrlichen Gedichtzyklus „Huttens letzte Tag e". Es umfaßt nur Huttens letztes Lebensjahr, fein Vergehen, fein Erinnern, fein letztes Aufflammen und Sterben. Dieser Zyklus gehört zu den herrlichsten Dichtungen deutscher Sprache, er ist etwas ganz Eigenartiges, Einmaliges, gleich groß in seiner Kunst wie in seiner lauteren deutschen Gesinnung. Die Dichtung ist unter dem Eindruck der alorreichen Siege des Jahres 1870 entstanden, die Meyer selbst aus langer Untätigkeit zu genialem Schaffen weckten. Und was er dort über unseres Volkes Schicksal sagt, ist so groß und tief, daß es zu den unvergänglichen Merksprüchen nationaler Weisheit gehört. Hutten wird hier aus seiner Zeit gehoben ins Ewige, allgemein Gültige. Er ist der nationale Sänger, der deutsche Dichter, dessen Worte nicht mehr an sein Jahrhundert gebunden sind, die weithin tönen in die Gegenwart und Zukunft. Im Bilde Meyers werden wir künftig Hutten sehen, und wenn wir auch heute noch fein eigenes Kampflied mir Genuß und Ergriffenheit lesen, so klingt uns gleichzeitig das wundervolle Gedicht Meyers „Deutsche Libertät" im Ohr, das Tragik und Hoffnung deutschen Geistes und Werdens so wunderbar vereint:
Geduld, ich kenne meines Volkes Mark, was langsam wächst, das wird gedoppelt stark. Geduld, was langsam reift, das altert spat; wenn andre welken, werden wir ein Staat.
Unsere Sinne im Traumerlebms.
Von A Turat.
Versuche haben gezeigt, daß manch rätselhaftes Traumerlebnis auf die Einwirkung unserer Sinne zurückzuführen ist. Gerüche spielen in unfern Iraumerlebniffen im allgemeinen eine sehr nebensächliche Rolle. Wir träumen von einer herrlichen Blumenwiese oder von einer reich besetzten Tafel, riechen aber dabei weder die Blumen noch die Speisen. Aber gerade da haben Versuche gezeigt, daß solche Träume in der Regel durch Geruchseindrücke hervorgerufen werden. Ein Forscher benützte in einer Sommerfrische ein ganz eigenartiges Parfüm, das er dann ein Jahr ungebraucht hegen ließ, nachdem er heimgekehrt war. Nach Ablauf des Jahres beauftragte er seinen Diener, ihm in einer der nächsten Nächte während seines Schlafes etwas von dem Parfüm auf das Kopfkissen in der nächsten Nähe der Nase aufzuträufeln, wobei der Diener ihm nicht vorher sagen durfte, wann er dies tun würde. Nach dem Träufeln des Parfüms sollte ihn der Diener nach einer kurzen Weile wecken, damit er sich an seinen Traum erinnern könnte. Richtig träumte der Forscher von der vorjährigen Sommerfrische, als der Diener das Parfüm aufträufelte.
Ein anderer Forscher machte ein ähnliches Geruchsexperiment mit zwei Parfüms. Das eine benutzte er, während er im Atelier eines Malers arbeitete, das andere, wenn eine junge Dame in das Atelier auf Besuch kam. Als er sich bann während des Schlafens von feinem Gehilfen die beiden Parfüms einzeln oder gleichzeitig aufträufeln ließ, träumte er prompt von dem Maleratelier und der jungen Dame, je nachdem die betreffenden Parfüms in den Riechbereich kamen. Der Geruch erzeugte also bei jedem Versuch einen Traum, der mit der unterbewußten Erinnerung an denselben Geruch zusammenhing.
In gleicher Weise verursacht der Tastsinn Träume. Ein Forscher ließ sich in einer kalten Nacht während des Schlafens die Füße aufdecken und träumte sogleich von einer kalten Nachtfahrt, die er in einem Postauto gemacht hatte. Ein anderer legte an das Fußende eine Wärmeflasche und träumte von einer Aetnabesteigung, bei der er an der Bodenhitze gelitten hatte. Ein Aegyptologe wurde bei einer Forschungsreise von dem landesüblichen Augenleiden befallen, das nach feiner Heimkehr geheilt wurde. Zehn Jahre später träumte er von der damaligen ägyptischen Forschungsreise und erkrankte nach einigen Tagen an einem Rück
fall in das Augenleiden. Hier wurde der leise Reiz, der als Vorläufer der kommenden Erkrankung auftrat, im wachen Zustand nicht empfunden, weil das Gehirn des Gelehrten anderweitig stark beschäftigt war. Im Schlaf dagegen spannte das Gehirn aus und damit stieg der Reiz der kommenden Krankheit genügend stark über die Schwelle des Unterbewußtseins herauf, um als Traumbild Gestalt zu finden.
Zur Prüfung der Wirkung des Geschmackssinnes las ein Forscher mehrmals eine sehr anschauliche Stelle eines Gedichts und malte dann die betreffende Szene. Dabei hielt er ein Stück Jriswurzel im Mund. Nach einer Weile mußte ihm der Gehilfe während des Schlafes eine Jriswurzel sachte, zwischen die Lippen schieben, und dadurch entstand ein Traumbild, bei dem die gelesene und gemalte Szene lebhaft erschien.
Gehörseindrücke sind sehr ausgesprochene Traumerreger. Irgendein jähes Geräusch, das Schlagen eines Fenster- oder Türflügels, das Knacken der Bettstatt, ein umfallendes Tischchen, erzeugen Träume, in denen Kanonen- oder Gewehrschüsse die Hauptrolle spielen. Ein Forscher tanzte mit zwei Damen mehrmals je einen bestimmten Walzer und ließ sich dann während des Schlafes die beiden Walzermelodien durch Spieluhren Vorspielen. Bei jedem der beiden Walzer träumte er von der betreffenden Tänzerin.
Im Schlaf wird jene Gehirnseite stärker durchblutet auf der unser Kopf liegt. Dadurch werden auf dieser Kopfseite die Hirnzellen stärker angeregt und die darin enthaltenen Vorstellungsbilder treten im Traum stärker hervor. Infolgedessen wechselt jäh das Traumbild, wenn man sich während des Schlafes auf die andere Seite dreht. So endet manchmal plötzlich ein angenehmer oder ein widerlicher Traum, um sich in das Gegenteil zu verwandeln, weil wir uns schlafend umgewendet haben. Bei diesen Versuchen ist die physiologische Einwir- Fung auf unser Hirn und damit auf unsere Traumvorstellungen deutlich erkennbar.
Unglaublich ist die Schnelligkeit, mit der Traumbilder abrollen. Man träumt in Sekunden Traum- erlebnisse, die sich scheinbar auf Stunden, ja Tage erstrecken. Dgs Gehirn arbeitet im Schlaf mit einer fieberhaften Geschwindigkeit, weil unsere bewußte Kontrolle über unfern Denkapparat ruht. Ein Zusammenhang zwischen den wachen Erlebnissen und den Träumen ist selten gleichzeitig. Träume schweifen meist zurück in eine weite Vergangenheit und verwirren sich dabei zu Erinnerungsvermischungen, die einen grotesken und unwahrscheinlichen (9et fanttausdruck finden. .. ..


