Nr. 234 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oderheffen)
Dienstao. 6 Oktober (936
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mie auf jenem riesigen Feld, das für die chilenische Geschichte von gleicher Bedeutung wurde, wie das Tempelhoferfeld für Preußen-Deutschland, findet die alljährliche Heerschau der chilenischen Wehrmacht statt. Schon in den Morgenstunden beginnt die Völkerwanderung zur " Paradestätte. Hunderttausende lagern auf dem riesigen Platz, den „Gieziocho de Septiembre" zu feiern. Ist die Parade verrauscht, der stramme Gleichschritt der oorüber- ziehenden Einheiten verklungen, beginnt das Vol k zu feiern, die ganze Nacht hindurch und oft auch noch den
Nationalfeiertag in Chile.
Don unserem W.Sz -Berichterstatter.
Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!
Santiago de Chile, 20. September.
Die alte Plaza de Armas im Herzen der chilenischen Hauptstadt wird nun nicht mehr ausschließlich von Stiefelputzern und Zeitungsjungen beherrscht Die Fähnchenverkäufer haben sich das Feld erobert, Händler, die jetzt gute Geschäfte mit den chilenischen Farben machen, dem Rot-Weiß-Blau mit dem funfgezackten Stern. Das Volk steht begeistert zu seinen Festen und auch begeistert zu den Farben der Republik. An Festtagen wie heute Jft die Stadt e in einziges Flaggenmeer. Und die Menschen, die in breitem Strom durch die Straßen fliehen, schwenken festlich die kleinen Fähnchen, die sie soeben bei den Straßenhändlern erstanden haben. Man kann hier auch das Sternenbanner, die Trikolore, das Hakenkreuz oder die italienischen Farben kaufen und sie ebenso begeistert schwingen lassen wie es die Chilenen machen. Chile ist ein gastfreies Land, das weiß, was es den Ausländern verdankt. An Feiertagen wie heute darf auch der Ausländer neben den chilenischen Farben das Hoheitszeichen seines Vaterlandes ausweisen.
In der heiteren Frühlingsatmosphäre dieser Tage beging Chile die Erinnerung an den 18. September 1810, dem Tag der Unabhängigkeit des Landes. Das sind wahre „Fiestas patrias“, diese Tage um den Nationalfeiertag, wo das Volk drei Tage hindurch aus dem Jubeln und Feiern nicht herauskommt. Seit dem Gründungstag haben sich die Zeiten gewandelt. Auch hier hat der Fortschritt die Wege geebnet: Eisenbahnen fahren im Norden und Süden, moderne Straßen sind gebaut worden, an Stelle der Kolonialgebäude sind hohe Wolkenkratzer und moderne Villen getreten, die Petroleumlampen in den Straßen haben elektrischer Beleuchtung Platz gemacht, anstatt Pferde- und Ochsenkarren fahren Automobile und Lastkraftwagen über das Land, während Flugzeuge die Lüfte durchkreuzen. Wehmütige Betrachtungen dieser Art stellt heute der Chilene an, denkt an die Zeit zurück, da Santiago noch als alte Kolonialstadt träumte, und auch die Erinnerung an jene Zeit wird wach, wo Mut und Entschlußkraft der Vorfahren dem Land die Freiheit eroberten. Das junge chilenische Staatsleben hat seine festeste Grundlage in der vaterländischen Begeisterung des Volkes, die an Festtagen wi" diesen svontan"n Aufdruck findet.
folgenden und nachfolgenden Tag. Zunächst beherrschen noch Volkstänze und Gesänge das Bild, dann kriegt sie alle der Alkohol unter. So tritt neben den Glanz auch das Elend eines Feiertages. Der Alkohol treibt den chilenischen Arbeiter ins Elend. So ersteht neben dem Glück, ein Volk so geschlossen am nationalen Geschehen beteiligt zu sehen, auch das tiefe Leid einer sich langsam zermürbenden Masse. Innerhalb der letzten sieben Monate wurden allein beim Staatlichen Leihhaus Gegenstände im Werte von 25 Millionen Pesos versetzt (bei einer Bevölkerung von viereinhalb Millionen). Aber Feiertage wie diese zeigen, daß das Volk sorglos in die heiteren Frühlingstage hineinzuleben versteht. Und wenn das letzte Bett versetzt wird, zum Nationalfest muß gefeiert werden.
Neue 1000-Mark-Neichsbanknoten
Von der Reichsbank werden neue Taufendmark-Reichsbanknoten ausgegeben, deren Vorderseite unser Bild zeigt. Die Noten sind auf leicht gelblich getöntem Papier gedruckt und haben sowohl im Kopfwasserzeichen wie auf der rechten Seite das Kopfbildnis des berühmten Baumeisters Karl Friedrich Schinkel. — (Scherl-Bilderdienst-M.)
Gewaltige Natur am Südpol.
Schönheit in den Schrecken des ewigen Cises.
MMO
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Und der alte Prunk südamerikanischen Staats- lebens ersteht an diesen Tagen von neuem. Glanzvolle diplomatische Empfänge, die festliche Vorstellung im Teatro Municipal, das sind gesellschaftliche Ereignisse, die den Lauf eines ganzen Jahres überschatten können. Die etwas historisch gewordene Aulfassung, daß ein ausländischer Diplomat den Reichtum, den Glanz, das Ansehen seines Landes durch die blendende Ausstattung seiner Figur auch nach außen hin zu vertreten hätte, ist hier Wirklichkeit geblieben. Gerade die Vielzahl der Diplomaten der zahlreichen kleinen südamerikanischen Staaten erscheint in glänzendem Aufzug. Lurus- wagen fahren vor, denen prunkvoll gekleidete Männer, mit viel-n Orden und Ehrenzeich-n geschmückt, entsteigen. Militär hat in den Straßen des Regierungsviertels Aulstellung genommen. Schneidige Marschmusik ertönt. Und wenn nun der Zug der Galakutschen vorüberzieht, die historischen vierspännigen Waoen, die den Präsidenten Alessan- dri und die Mitglieder des Kabinetts zu den großen Deranstaltunaen brinaen bann bricht b«”* Jubel durch, dann gibt es ein begeistertes Fähnchenschwingen und Händeklatschen und Vivatrufe füllen die Straßen.
Die Begeisteruna erreicht ihren Höhepunkt am Tao der großen Militärparaden. Im Park Cousine, zu Füßen der chilenischen Militärakade -
In dem Bericht über die großangelegte Expedition des Admiral Byrd in das Gebiet südlich vom Roß-Meer, der unter dem Titel „M i t Flugzeug, Schlitten und Schlepper" bei F. A. Brockhaus in Leipzig erschienen ist, stehen die Männer, die in knappster Zusammensas - sung eine Fülle von Tatsachen und wissenschaftlichen Ergebnissen geben, auch unter dem überwältigenden Eindruck der grandiosen Natur und ihrer wilden Schönheit, wie sie sich sonst nirgend auf der Erde findet.
Schon bevor die Forscher das Land erreichen auf dem sie ihr Hauptlager aufgeschlagen, hat ihr Schlitten das gefahrvolle (3ebief der Eisberge zu durchfahren. Es ist nahezu Mitternacht See, Himmel und Eis vereinigen sich zu farbenprächtigen Stimmungsbildern. Vergeblich suche ich nach Worten. P a i g e, der Maler ist, steht auf Wache. „Warum malen Sie das nicht?" frage ich. „Ich könnte schon", erwiderte er lächelnd, „aber wer wird es glauben. Solch ein Himmel ist einfach unmöglich." Wie körperlos breitet sich die Wasserfläche, ins Rot edler Weine getaucht, darinnen die blendend weißen Eisberge schweben. Ein Himmel wie zartestes Porzellan, als ob er beim nächsten schrillen
Laut in Scherben gehen müsse. Die Welt ist still.
Wir befanden uns in des Teufels Friedhof, dem wir den Namen geben und an den wir ewig zurückdenken werden. Im Sonnenschein durften wir des Teufels Eisflotte mustern. Fast verdeckten sie alles Wasser; kein Ende war abzusehen. Wie die Wolkenkratzer einer Riesenstadt stuften sie sich auf und ab. Verwunderung wurde überwältigendes Staunen. Gewaltigere Eismacht ward wohl noch nie geschaut. In vierundzwanzig Stunden schätzten wir ihre Zahl auf achttausend, das sind neunzehn- mal mehr, als der weltweite Eisbergdienst in durchschnittlichen Jahren meldet. Einmal fuhren wir mit zehn Knoten zwei Stunden lang an einem Tafelberg vorbei, der somit 30 Kilometer lang war. Aus genauen Winkelmessungen ergab sich eine Breite von 16 Kilometer und eine Höhe von 75 Meter vom Wasserspiegel zum Klippenrand. Nach Dr P o u l t e r s Berechnungen enthielt er 4*/2 Milliarden Tonnen Eis. Viele andere waren mindestens ebenso groß; zwei oder drei können gar größer gewesen fein.
Bei klarer Sicht durften wir diese Horden mit Gleichmut betrachten. Abends zauberte die Sonne warme Bernsteintöne ins zarte Blau und Grün der ziehenden Gestalten. Manchmal gemahnte das Farbenspiel ans Licht, das durch die bunten Glas
fenster einer Kirche fällt. So schenkte uns des Teufels Friedhof zuletzt doch noch eine sanftere Laune des Wesens..."
*
„Ich empfand die Winternacht als Born geruhsamer Freuden. Die Sonne brachte Unruhe und Hall. Während der dunklen Monate durfte man aulatrnen. Trat man ins Freie, so leuchtete der er- havene Frieden der Schneenacht unter funkelnden Gestirnen oder im Glanz des Mondes. Im Strahlenspiel mit Eiskristallschleiern zauberte der Mond seine Ringe hervor oder die Mondhunde oder die seltene Farbenhülle, die ihn als silberne Scheibe in blaßblauen, grünen und brandroten Kreisen zeigte. Unwillkürlich denkt man an die letzten Tage dec Menschheit.
Am nächsten Tag kommt ein Schneesturm und verwirbelt die erhabenen Gedanken zu einem Höllengebräu. Die Windrosse bäumen sich in den Brandungswellen der Schneefluten. Die Welt brüllt auf. Ins tiefe Dröhnen des Sturmes mischen sich die Saitentöne gespannter Drahtseile. Und wenn man im Bett lauscht, so spürt man auf einmal etwas anderes, etwas Ungreifbares, das wuchtend heranschleicht, die große, die knackende, die krampfende Kälte .. *
„Langsam hob sich der Tag aus der Nacht. Am 21. August huschten die ersten Strahlen wirklichen Lichtes durch die Luftschächte. Erstaunt und fast verzückt blickten wir vom Waschbecken auf. Die Fachleute stritten darüber, ob heute oder morgen der amtlich zu beglaubigende Tag des Sonnenaufganges sei. Einige meinten, daß die Sonne heut über dem Roßmeer auftauche. Die Haarspalte behaupteten, daß die Sonne am nächsten Tage Kleinamerika scheinen werde, weil sie erst über d, Geländerücken steigen müsse. Jedenfalls feierte P e l t e r, Petersen und B r a m h a l l de heutigen Tag, indem sie auf Skiern an die Wal fischbucht fuhren und die Sonnenscheibe über bei Eisfläche stehen sahen. Opalene Wolken schwammen in Rosenglut. Das kalte blaue Licht drang in die Höhlen der Hundestadt und weckte das Geheul von 121 Ueberlebenben. Es war ein erfrischenber Frühlingstag mit 57 Grab unter Null ..
*
„Man strebte bem Hainesberg zu, um von ihm aus die Nordflanke des Gebirges entlang zu wandern. Die herabfließenden Gletscher bilden Brüche am Gebirgsfuß. Zwisechn den Bergen Haines und Woobward überschritten bie Reisenben einen breiten Talgletscher. Die Sübseiten ber Berge finb bicht in Eis und Schnee gehüllt, wohingegen sich bie Norbseiten felsig unb steil emporrecken. Aus ben Erzählungen bieser Männer leuchtete ber Zauber, ben bas Gebirgslanb auf sie ausübte. An klaren Tagen würben sie von ber Schönheit ber Lanb- schaft überwältigt. Farbige Granite unb schwarze Kegel ragen aus weißem Glitzerschnee unb blauem Gletschereis. Weiße unb grellrote Flechten malen bunte Flecken hinein. Von schwarzen Felsen scheint rote Farbe herabzurinnen. In allen Ritzen verbirgt sich Lebenbiges. Die älteren Gesteine scheinen hauptsächlich von ben Pflanzen zersetzt zu werben, bie sich sogar unter bie Verwitterungskruste drängen. Es "gibt Moospolster in der unglaublichen Dicke von fünf Zentimeter... Mittlerweile wanderten S i p l e unb Göret) an ben kühnen Alwm- gestalten ber Berg Rea unb Saunbers (1335 Meter) vorbei. Zwischen ihnen unb den Fosbick- bergen überschritten sie einen achtzehn Kilometer breiten, zerklüfteten Talgletscher. Sie gewannen langsam eine Höhe von 600 Meter unb gelangten schließlich ins Herz ber Fosbickgruppe. Dunkle Gipfelformen am östlichen Enbe erregten ihre Aufmerksamkeit. Dorthin roanbten sie sich am nächsten Tag und fanden die schon erwähnten Zackenbrüche eines erloschenen Kraters. Auf einer Seite fielen die Klippen fast senkrecht ab. In ben Lavabänken sah man bie Flecken glänzenbgrüner Olivinkristalle. In Lee zogen sich Aschenkämme kilometerweit ba- hin. Es staubte, wenn man mit bem Fuß hinein-
Uhr
vor bem und ver- bei ihrer Mark ge
schimpfte
Zwei Brötchen mit (Si
Don O. G Roerfier
neben.
„Sind ja nette Zustande bei Ihnen!" der Gast. Der Geschäftsführer trat an bie Saffe, nahm eine Mark heraus und gab sie dem Herrn. „Bitte, entschuldigen Sie den Irrtum! sagte er. Inge kämpfte mit den Tränen.
In diesem Augenblick trat der Chausseur heran. „Das Fräulein hat sicher richtig herausgeqeben , sagte er, „vielleicht hat sich der Herr geirrt!
Der kaum beschwichtigte Gast geriet neuerlich in
Selbst Inge, die jeden lag ein paar hundert Brötchen verkaufte, fiel es auf, wie pünktlich unb regelmäßig bieser Gast erschien. Aber sie hatte nicht Zeit genug, um sich über ihn ben Kopf zu zerbrechen Bis bie Kollegin vom Würstchen-Büfett eind Tages sagte: „Der kommt boch nur beinet- roegen her! Merkst bu benn gar nicht, wie er bich immerfort anfieht?" r ...
Inge fanb das unverschämt. Kommt so ein wildfremder Mensch daher und starrt einen an, wenn man bei der Arbeit ist! Sie vermied es fortan geflissentlich, den Gast anzusehen, wenn sie ihm Brötchen verkaufte. „ . ro... ..
Eines Nachmittags kam ein Herr an das Bufett und verlangte zwei Brötchen mit Ei. Er zahlte mit einem Markstück. Inge gab ihm acht Groschen zurück, ber Herr ließ sie in bie Westentasche gleiten unb aß die Brötchen. Plötzlich faßte er wieder in die Tasche, holte das Gelb heraus, zahlte es unb kam zum Büfett zurück. .
„Sie haben zu wenig herausgegeben, Fraulein! sagte er. „Ich gab Ihnen vorhin zwei Mark und Sie haben mir nur achtzig Ps-nmg wied-rg-geb-n,
„Sie irren sich, mein Herr!" erwiderte Inge hos- lich, „Sie gaben mir nur eine Mark, ich weiß es
noch genau." . ..
Der Gast geriet in Zorn. „Horen Sie, ich bin doch kein kleiner Junge, der nicht eine unb zwei Mark unterscheiden kann! Ich hatte ein Zweimarkstück in meiner Westentasche, das kann ich beschwören! Und das gab ich Ihnen.
Schon sammelten sich die Neugierigen Büfett. Der Geschäftsführer eilte herbei nahm die Klage des Gastes. Inge blieb Behauptung, ber Herr habe ihr nur eine
Jeden Nachmittag zwischen zwei unb brei kam ber junge Chauffeur in bas große Speisehaus, ging gerabeswegs auf bas Brötchen-Büfett zu, er- ftanb zwei belegte Brötchen unb verzehrte sie stehenb an einem ber nächsten runben Tische. Seine Taxe stanb gleich gegenüber vor bem Fernbahnhof.
Entrüstung. „Was mischen Sie sich benn hier ein?" fragte er. „Wollen Sie etwa behaupten..."
„Behaupten will ich gar nichts!" unterbrach ihn ber junge Mann. „Aber ich würbe an Ihrer Stelle lieber noch einmal genau nachsehen, ob Sie wirklich eine Mark zu wenig in Ihrer Tasche haben, ehe Sie das Fräulein verdächttgen!"
Nur mit Mühe gelang es dem Geschäftsführer schließlich, ben Streit zu schlichten und den Gast, der sich noch immer geneppt fühlte, hinauszukomplimentieren.
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Einige Tage später vernahm der Chauffeur Franz Mantey, als er durch eine belebte Geschäftsstraße fuhr, einen scharfen Pfiff und ben Rus: „Taxe!" Er brachte ben Wagen zum Stehen. Ein Herr mit Aktentasche unb Schirm riß bie Tür auf, befahl kurz „Steinstraße 18" unb ließ sich auf ben Sitz fallen.
Franz betrachtete ihn finster, benn er hatte in seinem Fahrgast auf ben ersten Blick ben Herrn roiebererfannt, ber neulich von bem hübschen blon- ben Fräulein im Speisehaus eine Mark zu wenig zurückbekommen haben wollte.
Die Taxe bog nach bem Westen zu ab unb hielt nach einer oiertelftünbigen Fahrt vor bem Hause Steinstraße 18.
Der Fahrgast stieg aus unb faßte mit zwei Fingern in die Westentasche. „Macht?" fragte er kurz.
„Drei Mark und neunzig.
Der Herr zog einige Geldmijnzen hervor, betrachtete sie kopfschüttelnd und wühlte nervös tief in der Tasche herum. „Verstehe ich nid)!" sagte er ärgerlich, „ich habe doch eben noch ein Fünfmarkstück hier drin gehabt!"
Franz wartete vergnügt und geduldig. Der Fahrgast riß wütend das Futter der Westentasche heraus. „Nichts!" stellte er brummend fest.
„Doch?" sagte Franz. „Ein Loch!'
Wirklich? Ein ansehnliches Loch zierte die Westentasche an ihrer Futterseite. Der Herr angelte mit spitzen Fingern tief im Westenfutter herum und zog schließlich triumphierend ein Fünfmarkstück hervor.
„Da ist es!" rief er und reichte es dem Chauffeur.
Franz sah ihn ernst an. „Ich wette, Sie finden auch noch ein Zweimarkstück dort unten!"
„Ausgeschlossen, mein Lieber!" lachte der Herr und fühlte den unteren Westenrand ab. „Das heißt... Donnerwetter! Da scheint wirklich noch was drin zu fein!"
Das Zweimarkstück stieg aus feinem dunklen Versteck ans Tageslicht. „Nun sagen Sie mir bloß, woher wußten Sie das so genau?" fragte sein Besitzer.
Franz kam sich wie ein Untersuchungsrichter vor, als er die Frage stellte: „Haben Sie vorgestern nachmittag kurz vor drei Uhr im Speisehaus Edinger zwei Brötchen mit Ei gegessen ...?"
Plötzlich ging dem Herrn ein Licht auf. „Sie sind ja der..." begann er.
„Jawohl!" sprach Franz, „und wie wollen Sie das Fräulein von dem Verdacht befreien, eine Mark unterschlagen zu haben?"
Der andre wußte keinen Rat. Aber Franz gab ihm einen.
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Der Geschäftsführer machte große Augen, als er die beiden Männer zusammen eintreten sah. Sie gingen geradeswegs zu Fräulein Inge, und als er besorgt herbeieilte, überreichte der eine der beiden ihm eine Mark und erzählte bann bie ganze Geschichte.
„Ich möchte nun bas Fräulein um Verzeihung bitten", schloß er unb sah Inge babei ein wenig verlegen an. „Ich habe Sie durch meine Nachlässigkeit in eine peinliche Lage gebracht, unb ber junge Mann hier hat mich mit Recht herzitiert, um bies Unrecht roieber gut zu machen."
Inge war froh, baß bie bumme Angelegenheit eine so befriebigenbe Lösung fanb. Der Herr mit bem Loch in ber Westentasche zog ab, unb Inge lächelte Franz bankbar an. „Bitte geben Sie mir zwei Brötchen mit Ei!" sagte Franz. Währenb er sie aß, unterhielten sie sich ein wenig, benn es war Mittagszeit, unb Brötchen waren nicht gefragt.
Am Sonntag barauf hatte Franz bienftfrei. Er hatte sich feinen Wagen ausgeliehen unb fuhr mit Inge ins Grüne. In einem Gartenrestaurant tranken sie Kaffee unb verzehrten dazu Brötchen mit Ei.
Oioria-palast: „Moral"
Das Hübscheste an diesem Film ist die kurze, aber äußerst einleuchtende Rede des Polizeipräsidenten der großherzoglichen Residenz Gerolsheim über die Moral mit doppeltem Boden. Wenn man sich hierüber ausgeschmunzelt hat, wird man (spätestens) auch die Abstände erkannt haben, die uns von der Fabel dieses Lustspiels trennen. Die Vorlage bot Ludwig Thomas bekanntes Stück, das in manchen Zügen gewiß noch immer feiner Wirkung sicher ist, obwohl sich über die satirischen Kernstellen mitt- lerroeile auch schon eine leichte Staubschicht gelegt hat. Die Motive zu einer Verfilmung können nur rein stofflicher Natur gewesen sein: man wollte wohl noch einmal, mit etwas geräumigeren Mitteln, bie Situationen des Sturmes im Wasserglas auskosten, ber sich in einer kleinen Vorkriegsrefidenz ereignet haben könnte. Der Verein gegen bie Sittenlosigkeit atta^ert grimmig anstoßnehmend die volksver
derberischen Frivolitäten einer im Apollo-Theater Cakewalk tanzenden Tänzerin Ernina Lapomme aus Paris, in Wirklichkeit Erna Appel aus Köln. Das ist mit allen Folgerungen und peinlichen Komplikationen unter Hans H. Zerle11s Regie freundlich und mit angemessener Pikanterie ausgesponnen. Fita Benkhoff hat sich keineswegs auf prüde unb schockierte ältliche Fräuleins spezialisiert, sondern sie kann auch, wie man sieht, genau das Gegenteil: sie schwenkt ihre wohlgewachsenen Beine unb wechselt nach bem Einschreiten ber Polizei munter vorn Französischen ins heimatliche Kölsch hinüber. Aus ber schmählich abgeschlagenen Gegenseite: Stein beck unb S t o e ck e l, bei Hole: G. H. Schnell (ein Großherzog von großzügiger Bon- bommie), Roma Bahn unb Arthur Schröder; bie Polizei: Klein-Rogge unb Jupp Hussels, ber zugleich mit Ursula Deiner! bas obligate Liebespaar stellt. — (Synbikat-Film.)
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Im Beiprogramm sieht man in ber Wochenschau interessante Bilber von ben Vorführungen der Wehrmacht in Nürnberg, einen Kulturfilm von ben ostfriesischen Inseln unb einen Vorspann zu , Ave Maria" mit © i g I L hth.
Zeitschriften.
Die Oktoberfolge von Westermanns Monatsheften bringt Dr. Curt Gravenkamp über „Käte Lassen, eine Malerin ber beutschen Nord- mark". Die Flensburger Malerin bringt in ihren iarbenfreubigen, klaren Silbern burch bie Wahl ber Motive bie Derbunbenheit zu ihrer Heimat zum Ausbruck. Don ben Schönheiten ber Eifel erzählt Dr. K. Karos. Den Aufsatz schmücken sechs farbige Wiebergaben nach Oelbilbern von Josef Steib. Die Abhandlung von Gartenbauinspektor Georg Karen „Pflege ber Zimmerpflanzen" mit neun Aufnahmen von F. C. Heinemann wirb bas befonbere Interesse ber Hausfrau finben. Einen Einblick in die Altertumsforschung vermittelt ber Aufsatz von Wilhelm Köhler „Verjüngtes Altertum", bem 7 Aufnahmen von Carolus beigegeben finb. Durch sorgfältige handwerkliche und wissenschaftliche Aroeit werden wertvolle Kunstgegenstände, Schriftstücke usw. ber Öffentlichkeit zugänglich gemacht unb ber Nachwelt erhalten, lieber bie Nachwuchsschu- lung ber Hanbelsmarine berichtet Eugen Keng. Eine köstliche Novelle bringt Bert von Heiseler: „Das nächtliche Mahl". Edwrd Schumann ist mit ber Erzählung „Das letzte Geschick", zwei Tage aus bem Leben eines Kaisers, vertreten. Eine Beschrei- bunq ber Gestalt unb Werke Rudolf Paulsens gibt Erich Bockemühl. Viele farbige Einschaltbilder ver- oollständigen das Heft..


