!tr. 129 Drittes Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)Samstag, 6. Zuni 1936
Maschinengewehre.
Von Oberstleutnant a. £). Äenary.
Das Bestreben vom Einzelschuß zu einer rasche- ren Folge aus der gleichen Waffe abgegebener Schüsse zu kommen, ist uralt. Es hat über den Mehrlader und die Mehrlaufwaffen zum Maschinengewehr geführt. Als sein geistiger Vater ist der Amerikaner Maxim anzusehen, der in seinem Ausbau die Arbeit seines Lebens gesehen und ihr Arm und Hand geopfert hat. Sein Grundgedanke, eine Waffe zu schaffen, die durch Ausnutzung d e s R ü ck st o ß e s das Zuführen, Laden und Entzünden der Patrone sowie das Ausziehen und Auswerfen der Hulse nach dem Schuß selbständig bewirkt, ist noch heute bei den Maschinengewehren der meisten Staaten, darunter auch Deutschlands gewahrt. Nur wenige Staaten haben anstelle des Ruckstoßladers einen Gasdrucklader gewählt d. h. eine Waffe, bei der ein Teil der Puloerqafe durch einen besonderen Gaskanal nach rückwärts zu einer motorähnlichen Bewegung der Schloßteile geleitet wird.
Man unterscheidet leichte, schwere und überschwere Maschinengewehre. Leichte und schwere Maschinengewehre haben, um die Mumtionsfertigung und den Munitionsnachschub zu vereinfachen, meist das Kaliber des Jnfanteriegewehres in Deutschland, also Kaliber 7,9 mm.
Das leichte Maschinengewehr-^ l. MG. — vermag den Schützen in jedes Gelände zu begleiten. Sein niedriger Aufbau erschwert die feindliche Beobachtung, sein niedriges Gewicht gestattet seine Verwendung in vorderer Linie in allen Kampftagen durch einen Mann. Mit dem l. MG. sind ausgerüstet: jede Infanterie- und Reitergruppe sowie in beschränktem Umfange die anderen Waffengattungen und Kolonnen. Jrn deutschen Heere sind das l. MG. 08/15 und das l. MG. 13 (Dreyse) in Gebrauch. Das l. MG. 08/15 ist wassergekühlt, d. h. sein Lauf wird von einem röhrenförmigen Mantel umschlossen, der zur Kühlung des durch die schnelle Schußfolge rasch erhitzten Laufes mit Wasser ge- füllt ist. Das l. MG. 13 ist luftgekühlt, d. h. bei ihm ist das Mantelrohr zur Kühlung des Laufes durchlöchert. Die Patronen werden beim l. MG. 08/15 mit Hilfe eines Gurtes, beim l. MG. 13 mit Hilfe eines 25 Patronen fassenden Magazins zugeführt.
Das l. MG. ist durch seine große, zeitlich und räumlich zusammenfaßbare Feuerkraft die Hauptfeuerwaffe der Schützengruppe. Seine günstigste Wirkung erzielt es auf nahe und mittlere Entfernungen bis zu 800 Meter. Seine leichte Bauart macht es für Dauerfeuer ungeeignet, zwingt es zu kurzen, Überraschenden Feuerstößen. Die l. MG.s bilden die Angriffsspitzen. Die Mannschaften der l. MG.-Trupps müssen Mordskerls sein. Durchdrungen vom Gefühl ihrer Unentbehrlichkeit, ihrer tadellosen Kenntnis des Baues, der Eigenart, der Wirkung und Bedeutung ihrer Waffe, müssen sie danach trachten, so nahe wie möglich ungesehen ohne Schuß an den Feind heranzukommen und ihn durch einen kräftigen Feuerschlag zu vernichten. Im Gefecht wird das l. MG. von dem Richtschützen (Schützen I) getragen. Außer ihm zählt der l. MG.- Trupp noch vier Schützen als Ersatzleute, Gerät- unb Munitionsträger. Auf dem Marsche werden die l. MG.s auf den Gefechtsfahrzeugen (bei den Kraftradschützen auf den Beiwagen der Seitenmaschinen gefahren, von den Reitern in einem ledernen Gewehrschuh am Pferde getragen.
Als schweres Gewehr ist in Deutschland das MG. 08 eingeführt. Sein Aufbau entspricht im wesentlichen den l. MG.s 08/15. Jedoch hat es eine schwerere und standfestere Lafettierung (Schlitten oder Dreifuß), die Dauerfeuer ermöglicht. Das Gewehr ist so schwer, daß es auf längere Strecken von mehreren Leuten getragen werden muß. Zu seiner Bedienung gehören außer dem Gewehrführer im allgemeinen vier Schützen: der Richtschütze, Schütze 2, der beste und entschlossenste Mann der Bedienung, der Patronenzuführer, Schütze 3, der Verbindungsmann zwischen Zug- und Gewehrfeuer, Schütze 1, und der Ersatzmann, Schütze 4, der das Gelände beobachtet und für den Munitionsersatz verantwortlich ist. Selbstverständlich muß jeder Schütze so durchgebildet sein, daß er sämtliche Verrichtungen bei der Bedienung des Gewehres ausführen kann. Hierzu gehören: schnelles Freimachen der MG.s von den Fahrzeugen, ununterbrochenes Tragen auf langen Strecken, Ueberwinden von Hindernissen mit freigemachtem Gewahr, unauffälliges und gewandtes Einnehmen einer Stellung, Befeiti-
Der AttillerieoWer.
13on Voaislav von (Melchow
Eine Besichtigung durch den Geschwaderchef, den Vizeadmiral Prinz Heinrich von Preußen, war keine Kleinigkeit. Der Prinz war ein ausgezeichneter Admiral. Mit Leib und Seele Seemann, technisch sehr begabt, hatte er von früh auf vor keiner Arbeit zurückgescheut, immer mit Hand angelegt, wenn es irgendwo zuzupacken galt, immer selbst mit seiner Person sich voll eingesetzt, wenn Gefahr im Verzüge war. Der Vorsichtige legt das Ruder nur 10 Grad nach Steuerbord. Der Wagende befiehlt Steuerbord 25. Das kann leicht fchief- aehen. Aber wagen ist Herrenart. Wer sich mit 10 Grad an der Verantwortung vorbeidruckt, ist zum Kärrner geboren, nicht zum König.
mrin3 Heinrich hatte als Kommandant fein Schiff vorbildlich gefahren. Seine Manöver waren oit Waaniffe gewesen. Aber nie war ihm eins fehl- ge chlaqen Jung, frisch, begeistert, allem Neuen ausgeschlossen sein Ohr leihend war er em Führer, wie die Jugend ihn liebte Aber l-m B-s.cht - qunqen waren mehr als unbequem. Er netz sich nichts vormachen, griff plötzlich ein, befahl Un- erwartetes, Nicht-Vargesehenes Das buchte 'eicht aus der Fassung. Aber gerade daran wollte er sein- Offiziere und Mannschaften erkennen ob st- sich aus der Fassung bringen ließen. Unser S o m M and ant auf S M. S. Sachsen war m mdem anders als der Gefchwaderches, sehr ruhig sehr überlegt, bedächtig, gar nicht I°rtreißend wie der Prim aber auf seine Art em vorzüglicher Erzieher. Als Lehrer wäre er vielleicht Pauker geworden. Den Offizier bewahrte das streng Soldatische davor der" milUärische^Jmxeratio des Preußentums und
Wehr und Waffen.
gung von Hemmungen, Laufwechsel auch bei Dunkelheit und mit aufgesetzter Gasmaske. Auf dem Marsche werden die s. MG.s auf zwei- oder vierspännigen Fahrzeugen, bei den Kraftradschützen- Kompanien auf den Beiwagen der Seitenmaschinen oder auf geländegängigen Mehrachsern, bei der Kavallerie auf vierspännigen Protzfahrzeugen oder auf Tragtieren, bei den Gebirgstruppen auf Tragtieren fortgeschafft. Sie sind bei der deutschen Infanterie zu Maschinengewehr-Kompanien (je eine bei jedem Infanterie-Bataillon) oder zu MG- Bataillonen zusamengefaßt. Die s. MG.s bilden mit ihrer großen Feuerkraft im Angriff und in der Verteidigung das Gerippe der infanteristischen Kampfführung. Sie können mit Hilfe von feingearbeiteten Richt-,. Meß- und Beobachtungsgeräten auch als verdeckte Stellung im indirekten Schuß verwandt werden.
Die überschweren Maschinengewehre sind Maschinengewehre von 20 mm Kaliber, die panzerbrechende Geschosse zur Kampfwagen- und Luftabwehr verfeuern können. Sie sind meist motorisiert. Alle Maschinengewehre sind so eingerichtet, daß sie auf ein Dreibein gefetzt, auch gegen Luftziele zu
wirken vermögen. Die Richtung wird dann mit einem besonderen Fliegeroisier und einem Kreiskorn genommen.
Die Maschinengewehre waren bereits im Weltkrieg die beherrschende Waffe der vorderen Kampfzone. Sie werden allen waffentechnischen Neuerungen zum Trotz auch auf absehbare Zeit noch ihre Vormachtstellung behaupten. Wir haben erlebt, daß einzelne brave MG.-Bedienungen nach tagelangem Trommelfeuer ihre leichten und schweren MG.s am Rand eines verschlammten Granattrichters in Stellung brachten und ganze Kompanien und Bataillone stürmender Weißer, Schwarzer und Gelber aufhielten. Wir lesen von den gleichen Heldentaten in den italienischen und abessinischen Heeresberichten der jüngsten Zeit und sind gewiß, daß die MG.- Schützen des neuen Heeres dem Beispiel ihrer Vorväter nacheifern werden. Wir sehen, wie alle Militärmächte der Welt, nach Kampfwaffen aus, die fähig sind, die Vorherrschaft der MG.s zu brechen, und sorgen, daß ohne sie kein durchschlagender Erfolg gegen eine mit MG.s genügend ausgestattete Infanterie im Angriff und in der Verteidigung zu erzielen sein wird.
Dreißig Jahre deutsche Feldküche.
Im Oktober 1905 schrieb das preußische Kriegsministerium einen Wettbewerb für eine Feldküche aus. Mancherlei Bedenken standen ihrer Einführung entgegen. Dor allem sprach dagegen die Vermehrung der Fahrzeuge. Sie betrug, wenn jede Infanteriekompanie eine Feldküche bekam, 48 Fahrzeuge für die Infanterie-Division, was einer Marschtiefe von über einem halben Kilometer entsprach. Auch die Kostenfrage war zu berücksichtigen. Bei den Abstrichen, die der Reichstag immer an dem Heeresetat machte, erschien es nötiger, alle bewilligten Gelder für Waffen und die neuen technischen Mittel zu verwenden, als für Feldküchen.
Im russisch-japanischen Krieg hatten sich die Feldküchen bewährt. Die Russen besaßen schon im Frieden für ihre Sommerlager Feldküchen, die aus dem Wirtschaftsfonds der Truppen beschafft wurden. Während des Krieges wurden über 4000 Feldküchen in die Mandschurei gesandt. Die Russen hatten vielfach die Feldküchen mangelhaft gebraucht: um so bessere Erfolge hatten die Japaner mit erbeuteten russischen Küchen.
Bei der deutschen Armee wurden bereits 1902 die russischen Modelle bei zwei Regimentern der Berliner Garnison erprobt; Fahrversuche fanden nicht nur in ebenem Gelände, sondern auch im Harz und im Riesengebirge sowie auf schlechten Wegen in Ostpreußen statt. Die Verwendung derselben Küchenwagen wurde dann während der Herbstmanäver 19 0 5 beim Gardekorps wei- tergeorüft mit dem Ergebnis, daß ihre große Zweckmäßigkeit zwar an sich außer Frage stehe und die ganze Einrichtung für die Truppe von außerordentlichem Werte fei, daß den beiden Wagensystemen jedoch verschiedene Mängel anhaften, die abgefteüt werden müßten. Deshalb erließ das Kriegs- minifterium das Preisausschreiben.
Ungefähr 40 verschiedene Fahrzeuge wurden dem Kriegsministerium zur Begutachtung vorgeführt. Als 'diese Feldküchen im Frühjahr 1906 auf dem Hofe be=. Traindevots in Temvelhof auffuhren, ergab es sich, daß die wenigsten den Forderungen des
Preisausschreibens entsprachen. Dom einfachen, auf einem Karren aufmontierten Kessel mit offenem Feuer, waren alle möglichen Konstruktionen vertreten, bis zum komfortablen Wohnwagen mit eingebautem Herd, Küchenschrank und sogar dem Bett für den Koch.
' Bei den Versuchen mit den Fahrzeugen in wechselndem Gelände stellte es sich heraus, daß es nicht möglich war, eine brauchbare Feldküche zu bauen, die mit nur einem Pferde bespannt war und der Truppe überallhin folgen konnte. Generalstab und Kriegsministerium forderten, wenn der zweispän- nige Zug nicht zu vermeiden war, daß die dritte eiserne Portion zur Entlastung dem Infanteristen weggenommen und auf der Feldküche mitgeführt werden sollte.
Im August 1906 erließ das Kriegsministerium ein neues Preisausschreiben. Nach mancherlei Verbesserungen, die auf Fahrversuchen in verschiedenem Gelände im Sommer und Winter angeftellt worden waren, wurde im Jahre 1 9 0 8 hie Feldküche eingeführt. Mit ihr wurden ausgestattet die Linien- und Reseroe-Jnfanterie- Regimenter, die Pionier-Bataillone und die Sanitätskompanien. Die Einführung der Feldküche erfolgte nach und nach, da die Beschaffung auf einmal zu teuer gewesen wäre. In der Regel wurden im Laufe eines Jahres die Truppen der Armeekorps mit Feldküchen ausgestattet, die im Herbst Kaisermanöoer hatten. Mit der Herstellung wurden nicht nur die beiden Firmen beauftragt, die sich in erster Linie um die Einführung verdient gemacht hatten, vielmehr wurde die Anschaffung auf etwa 20 Firmen verteilt. Das hatte im Frieden manche Nachteile bei der Abnahme; auch waren die Kosten höher, als wenn nur wenige Firmen die Feldküchen serienweise in großer Zahl hergestellt hätten. Im Kriegsfall bewährte sich diese Art der Beschaffung aber ganz hervorragend. Die 20 Firmen verfügten über die Maschinen zum Herstellen der Küchen, und deshalb konnten in kurzer Zeit alle Truppenteile nach dem Mobilmachungs-Beschaffungsplan mit Küchen ausgerüstet werden.
Der Leutnant in der deutschen Armee.
Von Dr. Gerhard Scholh, Hauptmann a. D.
unter.allen Soldatengestalten; kein Geringerer als Bismarck ist der Urheber des verpflichtenden Wortes, daß uns den preußischen Leutnant keiner in der Welt nachmachen könne. Nicht mit Unrecht hat man die zweite Hälfte des Weltkrieges, als Leutnante die Kompanien und Batterien geführt haben, als den „Krieg der Leutnante" gekennzeichnet. Der Leutnant Ernst Jünger, der bekannte Stoßtruppführer und Inhaber des Pour le merite, Verfasser des Buches „In Stahlgewittern", sowie Beumelburg, Schauwecker, von Brandis, der Erstürmer des Douaumont, Walter Flex und viele andere sind vorbildliche Beispiele für das, was „Leutnant fein" heißt. Das Maß von Verantwortung, das auf den Schultern des jungen Offiziers ruht, hält ihn bescheiden. Er weiß den Wert 'der unverbrüchlichen Kameradschaft zur
Seit jeher und wohl auch immer ist das Jugendalter mit dem Dienstgrad des Leutnants verknüpft, und der Tag der Ernennung zum Offizier bedeutet einen erfüllenden Augenblick im Leben des jungen Soldaten. Kein alter General hat diesen Tag jemals vergessen; es ist der Tag, an dem eine gewisse einfache Grundlage der allgemeinen Ausbildung abgeschlossen ist und der bisherige Anwärter in den Kreis der Führer in der Wehrmacht ausgenommen wird.
Eine richtig begriffene, das heißt, mit Schwung der Seele, mit voller Hingabe an den Beruf, mit Ehrgeiz und Aufgeschlossenheit durchlebte Leutnantszeit ist zuletzt doch die schönste Zeit im Leben jedes Offiziers. Vom Leutnant singt manches Volkslied, er war vor dem Kriege die volkstümlichste Figur
nicht zuletzt das große Wohlwollen, das er unterschiedslos jedem seiner Untergebenen entgegenbrachte.
Es gibt Vorgesetzte, für die geht man durchs Feuer. Aber durchs Feuer kann man nicht bedächtig gehen, weil man dann verbrennt. Durchs Feuer muß man durchstürmen, muß so gepackt sein von einer Idee, so entrückt von allem, was rings um einen vorgeht, daß man gar nicht merkt, daß die Flammen an einem emporzüngeln, gar nicht fühlt, daß einem die Füße schmerzen vor Brandwunden. Solch ein Mann war unser Kommandant Kapitän zur See Kindt flicht. Er glich mehr dem großen Lehrmeister der Flotte, dem Admiral von K o e ft e r, der bedachtsam und unermüdlich die Grundlage legte für die seemännische und militärische Ausbildung der Schiffsbesatzungen. Die junge Marine bedurfte solcher Männer. Ohne ihre rastlose und selbstlose Vorarbeit wäre Skagerrak 15 Jahre später nicht denkbar gewesen.
Unser Kommandant genoß in der Messe eine große Verehrung. Alle waren wir gewillt, für die Besichtigung unser Bestes herzugeben. Eine schlechte Besichtigung konnte leicht seiner Laufbahn ein Ende bereiten. Aber eine Besichtigung durch den Prinzen Heinrich von Preußen war keine Kleinigkeit.
Wie es seine Art war, ging der Geschwaderchef während des Klarschiffs persönlich überall herum, stellte Fragen an einzelne Leute, kümmerte sich nicht um den vorbereiteten „Besichtigungstropp". Er kam an ein Geschütz:
„Das Geschütz ist unbrauchbar, die Bedienung tot bis auf Sie drei. Was tun Sie?"
„Wir suchen uns ein ander Geschütz, Königliche Hoheit."
„Gut. Dom dritten 8,8 ist die Bedienung ausgefallen, aber das Kanon ist unbeschädigt."
Er ging mit den drei Leuten auf das Aufbaudeck, ließ sie das neue Geschütz bedienen.
„Sie haben eine Ladehemmung."
Die Ladehemmung wurde beseitigt.
„Der Munitionsaufzug ist zerschossen. Was tun Sie?"
Die Leute wußten auch hier Bescheid.
„Das Geschütz ist ausgefallen. Was machen Sie?" „Wir suchen uns eine andere Verwendung." „Die Leute am Reooloerkanon sind ausgefallen." Die drei Mann liefen zum Reooloerkanon, bedienten es. Der Prinz folgte, legte Störungen ein, schüttelte den Kopf.
„Was sollt ihr tun, wenn euer Geschütz ausfällt?"
„Uns sofort eine anderes Kanon suchen."
„Wer hat das befohlen?"
„Der Artillerieoffizie r."
„Seid ihr denn an allen Kalibern an Bord ausgebildet?"
„Jawohl, Königliche Hoheit!"
„Wer sagt euch denn, wo ihr hin müßt?"
„Jeder ist selbst verantwortlich, daß er das Richtige tut."
„Wer hat euch das gesagt?"
„Der Artillerieoffizier."
„Die Brücke ist weggeschossen. Was tut ihr?"
Einer der drei Mann sprang zum Kommandeur des vorderen Turms. Der übernahm von dort die Schiffsleitung, bis der älteste überlebende Seeoffizier benachrichtigt war und erschien.
„Schlagen Sie zu Schotten-dicht an", befahl der Prinz einem Munitionsmanner.
„Die Schotten sind geschloffen, Königliche Hoheit."
„Aber doch nicht alle. Der Munitionstransport ist doch gestört. Sie haben doch selbst vorhin die beiden Schottüren in Abteilung III Also
los."
Mannschaft zu schätzen. Die glatten silbernen (oder mattgrauen) Achselstücke und die Silberkordel am Mützenabzeichen sind falsch verstanden, wenn Heber» heblichkeit daraus hervorgeht: zum Vorkämpfer und Führer feiner Mannschaft ist der Leutnant bestimmt. Mit seinem Kopfe, mit seinem Können, mit seinem Willen und seiner entscheidenden Pflichtsatzung haftet er für den Dienst und den Erfolg feiner Gefolgschaft; sein Herz aber gehört vor allem feinen Mitkämpfern, der Mannschaft. Dazu muß der Leutnant jedem ein» Seinen seiner Untergebenen ein Vorbild sowohl art Können und Wissen und Gewissenhaftigkeit im Dienst als auch im Charakter und im außerdienstlichen Leben sein.
Mag es einst vielleicht einmal eine Zeit gegeben haben, in der die Leutnantszeit vorzüglich als die zur Annehmlichkeit bestimmte Spanne in der Laufbahn angesehen wurde, um „später" mit ernsterem Streben zu beginnen, so verlangt die Aussicht auf den späteren Erfolg heute die ernste Dienstauffassung und die beharrliche Arbeit vom ersten Tage an. Don den großen Vorbildern des jungen Offiziers, Scharnhorst und Clausewitz, Moltke, Ludendorff und Seeckt, hat keiner seine Leutnantszeit leichtsinnig dahin- gelebt; sie alle haben währenddem mit der Vorbereitung zu ihrem hochgesteckten Ziele begonnen und Jahrzehnte gebraucht, um es mit der Vereinigung von Begabung und rastlosem Fleiß zu erreichen.
Neben der Silberkordel an der Mütze, dem glatten Achselstück ist der Säbel oder Dolch das Abzeichen des Offiziers. Der ältere Leutnant wird, vor dem Nachweise seiner Befähigung zum Hauptmann, Rittmeister ober Kapitänleutnant, zum Oberleutnant befördert; ein goldener Stern auf dem Achselstück ist das Abzeichen dieses Dienstgrades, der als einziger in der ganzen Dienstlaufbahn mit dem Dienstalter verknüpft ist. Sonst gilt mit Recht der durch Scharnhorst, den großen Neuschöpfer des preußischen Hee» res nach 1806, begründete Satz, daß beim hohen Maße der beruflichen Verantwortung — „der Gefährlichkeit des Geschäftes", wie Clausewitz treffend den Krieg kennzeichnet — jeder Fortschritt bei den Beförderungen durch Ausweise der dienstlichen Befähigung bedingt ist. Die Ehre der Wehrmacht ist damit verknüpft, daß es in den Reihen ihrer Führer keine Ausnahmebestimmungen oder Bevorzugungsmöglichkeiten gibt.
Unter der einzigen Voraussetzung des notwendigen Befähigungsnachweises, zu dem ein Mindestmaß an allgemeiner Bildung und berufliche, erwiesene Eignung gehört, steht die Laufbahn des Osfi» 3,ters und damit auch die Erreichung des Leutnantsdienstgrades jedem deutschen Volksgenossen offen, der Führer werden will und nicht die Berufslaufbahn im Unteroffizier- oder Deckoffizierkorps oder in einer der Abzweigungen wählt. Die Frage nach dem geldlichen Vermögen entscheidet niemals. Immer wieder hat die deutsche Wehrmacht in ihrer langen Entwicklung vielmehr gezeigt, daß gerade unbemittelte, nur begabte, ehrgeizige und charakterstarke Persönlichkeiten die Jahre der notwendigen Einschränkung in den äußeren Bedürfnissen mit Erfolg und Ansehen Überwunden und sich aus oft einfachsten Verhältnissen heraufgearbeitet haben. Der Leutnant von Moltke, der spätere Sieger von Sedan, hat sich durch schriftliche Arbeiten Nebenverdienst gesucht; der Generalfeldmarschall von der Goltz hat als Leutnant unter einem Decknamen Unterhaltungsbeiträge an Zeitschriften geliefert, der Leutnant Ludendorff hat sich jahrelang mit dem bescheidensten, allein auf der Stube verzehrten Imbiß beholfen und «fleißig gearbeitet.
Noch niemals ist aus einem minderwertigen Leutnant ein guter Hauptmann geworden: die gebändigte und strebsame Zurücklegung der Leutnantszeit ist vielmehr eine Probe auf die berufliche Zukunft. Dabei braucht eine frohe Lebensbejahung nicht zu kurz zu kommen; sie ist eine Bedingung für die Zuversicht, die der militärische Beruf vom Manne verlangt. Eine frohe Zuversicht auf der Grundlage einer ernsten Berufsauffassung ist eine Charaktereigenschaft, bei deren Mangel vom Ergreifen der Offizierslaufbahn abgeraten werden muß; nichts weniger als die ganze Aussicht hängt daran. Der Leichtsinn ist hier unverantwortlich; die Neigung, die Dinge schwarz zu sehen, das Fehlen von Wage- mut und Vertrauen auf den Erfolg durch Ueberwin- bung von Krisen haben schwere Unglücksfälle zur Folge gehabt; sie sind hier schädlicher als in irgend- einem anderen Berufe. An der Verantwortung, die mit dem Dienstgrade des Leutnants verknüpft ist, kann sich ein strebender Charakter aufrichten, und die Mannschaft folgt dem jungen Führer freudig, der seine Aufgaben begriffen hat.
„Kann die Kasematte noch schießen. Königliche Hoheit?"
„Ja, die kann noch schießen."
„Solange wir noch schießen können, dürfen die Leute nicht durch Schotten-dicht von ihren Gefchützen weggeholt werden. Ich darf den Befehl nicht aus- führen.
„Jeder von euch denkt ja selbständig. Wer hat euch denn das beigebracht?"
„Der Artillerieoffizier."
Durch alle Abteilungen ging der Geschwaderchef, in die Munitionskammern, zu den Schnellfeuergeschützen zum Turm, in die Kasematte, ließ Leute ausfallen, Feuer ausbrechen, Bremsen sich festklemmen, Leitungen zerstört sein. „Was tun Sie?" Jeder hatte eine Antwort, die ihm nicht in den Mund gelegt war, die der Lage entsprach. „Tun Sie das und das." Nein, das dürfe er nicht, das schade der Hauptaufgabe des Schiffes, den Gegner zu vernichten. „Von wem habt ihr denn das alles?" „Vom Artillerieoffizie r." Der Prinz konnte alle Offiziere und Maate und Geschütze ausfallen lassen. Noch der letzte Matrose würde das Kommando zum Rammstoß geben. Das ganze Schiff war ja geladen vom Geiste dieses Artillerieoffiziers.
„Ich habe noch keine so vorzügliche Besichtigung erlebt. S. M. S. Sachsen ist das b e st e Schiff meines Geschwaders", schloß der Prinz feine Kritik.
18 Jahre später vollbrachte dieser Artillerieoffizier die letzte große Tat des Weltkrieges. Der die deutsche Flotte vor Scapa Flow versenkte, das war der Kapitänleutnant von S. M. S. Sachsen, nunmehr als Vizeadmiral von Reuter, eingegangen in die Unsterblichkeit.


