Ausgabe 
6.4.1936
 
Einzelbild herunterladen

Nr. 82 Zweiter Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)

Montag, 6. April 1936

In einer Aprilnacht des Jahres 1896 arbeitete in der Dachkammer eines kleinen Landhauses un« weit von Bologna ein junger Mann an seltsam aussehenden elektrischen Apparaten herum, verband kurze Drähte miteinander, schaltete und überlegte. Nichts von der herrlichen Vollmondnacht draußen war für ihn da. Nur zwischen dieser einen Kam­mer und einer anderen, etwas entfernteren, gingen seine Gedanken hin und her.

Seit Wochen und Monaten hatte er sich schon mit dieser eigenartigen Sache abgegeben. Immer verbissener, immer ruheloser, denn er fühlte, daß seine Mühe endlich ihrem Erfolg nahegekommen war. Beinahe alle Geräte, all die verwickelten Drahtgebilde, die vor ihm lagen, waren die Arbeit seiner Hände. Denn das, was er ersehnte, war etwas so unerhört Neues und noch nie Dagewesenes, daß man nicht einfach in ein Geschäft gehen konnte, um einige passende Einzelteile dafür zu kaufen.

In dieser Nacht nun schien sich der Traum zu ver­wirklichen. Alles ging, wie es gehen sollte. Der Strom war eingeschaltet. Das kärgliche Licht warf seine Strahlen über stumm dastehende Spulen und Kondensatoren. Jetzt, nein, er hatte wohl mit den Händen gezittert. Und doch plötzlich wußte er, daß dieses ferne Geräusch den Erfolg bedeutete.

Ganz unsinnig vor Freude lief er die Treppe hinunter. Es war schon spät geworden. Alles lag tief im Schlafe. Vor der Tür der Mutter machte der Jüngling halt.Mutter!" flüsterte er:Mut­ter!" So voller Dringlichkeit, daß die Mutter erwachte und zu ihm auf den Flur trat.

Lautlos führte er sie die Treppe hinauf. Ge­spenstisch fast nahm sie beide die Dachkammer auf. Keiner sprach ein Wort. Jeder wußte, daß etwas geschehen würde, etwas Großes ein Wunder vielleicht? Mutter und Sohn standen dicht nebenein­ander. Starrten auf den Tisch mit seinen seltsamen

Apparaten, hielten den Atem an. Und dann drückte der Junge auf einen kleinen Schalter und blickte mit leuchtenden Augen zur Mutter auf.

Hörst Du?"

Von der anderen Dachkammer her kam ein klares, lang anhaltendes Klingeln. Ließ man die Hand vom Schalter los, verstummte das Zeichen. Und gab erneut unzweifelhafte Antwort, sobald man den Hebel niederdrückte. Die Erfindung war gemacht. Ohne irgendeine Verbindung meldete sich das Klingeln. Der Raum war besiegt. Durch einen noch unbekannten jungen Mann: Guglielmo Mar­co n i! Durch einen genialen Erfinder, von dem später die ganze Welt sprechen sollte.

*

Nach diesem Experiment wurde Marconi immer ehrgeiziger. Früh am Morgen schon, noch ehe seine Angehörigen wach waren, pflegte er im Garten zu arbeiten. Antennenmaste wurden aufgestellt, worauf bald das Gerücht umlief, die Marconische Villa beherberge einen Schwachsinnigen!

Guglielmo störte das nicht im geringsten. Er fing gerade an, feine unsichtbaren Zeichen über den Rand des Gartens hinauszutragen. Auf einem zwei Kilometer entfernten Berg errichtete er eine Emp­fangsstation. Mit ihrer Bedienung betraute er eines Tages feinen Bruder Alfonso und bat ihn, mit den Armen zu gestikulieren, sobald er Si­gnale empfangen würde.

Dann rief er seinen Vater in den Garten, wo die andere Sendestation aufgebaut war, um nun auch ihn zu überzeugen, der bisher nur die Stirn gerunzelt hatte.

Auch diesmal sah er dem Beginnen sehr mißtrau­isch zu Guiglielmo aberdrückte auf die Taste, meinte dabei zum Vater, daß er auf Alfonso achten möchte, der im gleichen Augenblick weit hinten zu tanzen und zu gestikulieren anfing. So war auch der Vater überzeugt.

Cs klingelt: das Radio ist erfunden

Oer 40. Geburtstag einer großen Erfindung.

Zehn Hahre polnische Agrarreform von unserem (E. Z.)-Äenchterstatter.

Wer sich ein sachliches Bild von der Bedeutung der polnischen Agrargesetzgebung machen will, muß wissen, daß in Polen rund 72 v. H. der gesamten Bevölkerung auf dem Lande und von der Land­wirtschaft leben. Nur etwa 28 v. H. aller Erwerbs­tätigen sind in der Industrie, im Bergbau, Handel und anderen städtischen Berufen beschäftigt. Die Frage der Unterbringung der überdies noch stark wachsenden Landbevölkerung ist also in Polen un- aleich midjtiger als die der Beschäftigung der städti­schen Arbeitslosen. Nach Schätzung polnischer Wissenschaftler sind annähernd zwei Drittel der ge­samten Landbevölkerung in Polen ohne richtige Beschäftigung. Sie stellen ein ziffernmäßig schwer erfaßbares Heer von Arbeitslosen dar, die auf den Bauernhöfen ihrer Väter oder älteren Brüder mehr schlecht als recht mit durchgefüttert und be­kleidet werden. Diese Verhältnisse allerdings sind in einem besonders großen Ausmaß in dem früher russischen und österreichischen Gebiet anzutreffen, wo überdies die Bauernwirtschaften durch Erbteilun­gen zu kaum noch lebensfähigen Zwergwirtschaften in zahlreichen Fällen von weniger als 20 Morgen herabgesunken sind, deren Besitzer zudem angesichts der schlechten Wegeverhältnisse keine Absatzmöglich­keiten für ihre Produkte haben und darum ihr Land auch nicht einmal nach modernen Grundsätzen be­wirtschaften. Wie außerordentlich schwer die Not der Landbevölkerung ist, geht vielleicht am klarsten aus der radikalen Haltung der Kleinbauernpartei hekvor, die auf ihrem letzten Kongreß die Parzellie­rung des gesamten Großgrundbesitzes auf dem Wege der Enteignung ohne jede Entschädigung forderte!

(Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!) Warschau, März 1936.

..W^n man die kürzlich veröffentlichte Namens- hfte der im Sinne der polnischen Agrarreformqesetz- gebung für die zwangsweise Parzellierung bestimm­ten Guter durchsieht, stößt man auch in Jahre wieder auf eine lange Reihe d e u t l cd e r Besitzer in Posen und dem früheren West- preutzen, das jetzt Pommerellen heißt In der Woiwodschaft Posen befinden sich von ben 16 in diesem Jahre der zwangsweisen Parzellierung über­gebenen Besitzungen 6, in Pommerellen von den h4 mU"Vnh19xn ^cher Hand. Untersucht man die Große der der Zwangsparzellierung verfallenen Besitzungen, so stellt man fest, daß in9 Posen und Pommerellen zusammen von den 15 844 Hektar = 8394, das sind 53 v. H., in deutschem Besitz sind. In Pommerellen allein ist der deutsche Groß­grundbesitz in einem noch stärkeren Maße zur Agrarreformierung durch das Gesetz herangezogen worden. Bon den 7634 Hektar sind 4734 also rund 62 v.H., deutscher Bodenbesitz.

Leider steht nicht zu erwarten, daß dieser große Verlust an deutschem Volksboden dadurch aufge­hoben wird, daß deutschen Kleinbauern die Bearbei­tung dieser enteigneten Fläche übergeben wird Je­denfalls ist m den zehn Jahren praktischer Aqrar- reformpolitik, auf die Polen jetzt zurückblicken kann, kein einziger Fall der Ansetzung eines deutschen Bauernsohnes auf dem parzel­lierten Boden bekannt geworden. Dafür wird in diesem Jubiläumsjahr der Zwangsparzellierung im Zeichen der Agrarreform das 65. Taufend Hektar auf diesem Wege verlorengegangenen deutschen Prwatbesitzes in Polen, genauer gesagt in Posen und Pommerellen, weit überschritten. Wer die stattliche Reihe der in diesem Zeitraum veröffent­lichten Namenslisten durchprüft und sich den deut­schen Besitz ausnotiert, stellt fest, daß allein auf dem Wege der Agrarreform bisher insgesamt 6 7 6 0 8 Hektar aus den Händen deut­scher Großgrundbesitzer in die polni­scher Ansiedler übergeben wurden. Dieser ge­waltigen Ziffer steht die von 33 668 Hektar parzel­lierten polnischen Großgrundbesitzes gegenüber. Das bedeutet, daß innerhalb der mehr als 100 000 Hek­tar zwangsparzellierter Gesamtfläche in Posen- Pommerellen etwas mehr als zwei Drittel aus deutscher Privathand stammen.

Diese Ziffern können nur dann richtig gewürdigt werden, wenn man weiß, daß schon bei Beginn der Agrarreformpolitik im Zeichen des seit dem Jahre 1926 wirksamen Gesetzes in der Woiwod­schaft Posen von dem gesamten Großgrundbesitz nur etwa 30 v. H. in deutschen 5) ä n b e n , i 70 v. H, aber in polnischen lagen. In Pommerellen betrug ber deutsche Gesamtanteil am Großgrund­besitz damals etwa 55 v. H. Wie man sieht, wurden die deutschen Besitzüngen in Posen und Pommerel­len also auch verhältnismäßig in einem un­gewöhnlich starken Ausmaß zur Zwangsparzellie­rung herangezogen, ohne daß, wie bereits bemerkt, bei der Aufteilung des enteigneten Besitzes die landhungrige deutsche Bevölkerung auch nur die bescheidenste Berücksichtigung fand.

Angesichts dieser, die Entwicklung der deutschen Volksgruppe in Polen außerordentlich nachhaltig bestimmenden Richtung der polnischen Agrarreform­politik muß das in vielen Fällen oft recht tragische Schicksal des betroffenen einzelnen Großgrund­besitzers verstummen.. Es sei aber doch darauf hin­gewiesen, daß mit dem Schicksal eines einzigen deutschen Gutes oft zugleich auch das zahl­reicher deutscher Familien verknüpft ist, die dort als Arbeiter, Angestellte und Handwerker in Arbeit und Brot standen ober als selbstänbige Kaufleute zu einem gro­ßen Teil von ben Aufträgen bes beutschen Grund­besitzers leben.

Ohne Frage: die wirtschaftliche Einschaltung dieser breiten Massen verelendeter Bauernsöhne und Land­arbeiter in die nationale Wirtschaft ist eine der ernstesten Fragen und Aufgaben, denen keine pol­nische Regierung aus dem Wege gehen kann. Wird diese Aufgabe aber dadurch etwa gelöst, daß aus gesunden und nach den Grundsätzen höchster land­wirtschaftlicher Kultur bewirtschafteten Betrieben große Flächen herausgeschnitten werden? Den alt­eingesessenen Großgrundbesitzern, die ja keineswegs herangezogen werden, weil ihre Betriebe schlecht be­wirtschaftet wurden, bleiben die Restgüter mit ihren oft zahlreichen inbuftriearfigen Nebenbe­trieben, bie bann freilich nicht mehr wirtschaftlich arbeiten können unb deshalb ftillgelegt werben müssen. Auf ber enteigneten Fläche werben S i e d- ler aus östlicheren Bezirken anaesetzt, die nicht Wurzel zu schlagen und sich wirtschaftlich nicht durchzusetzen vermögen, weil sie die hier nötige intensive landwirtschaftliche Betriebsführung nicht gelernt haben.

Große Betriebe mit einem komplizierten wirt­schaftlichen Apparat werden lebensfähig oder doch wenigstens zu großen Teilen wirtschaftlich ftiügelegt; landwirtschaftliche und industrielle Facharbeiter so­wie Handwerker werden brotlos; land- und wirt­schaftsfremde Siedler, denen zumeist auch noch da­für den Anfang nötige Betriebskapital fehlt, ve­getieren, ohne wirklich zufrieden gestellt zu fein und ohne Nutzen für die Gesamtwirtschaft auf dem ihnen zugewiesenen Boden. Solche Fälle lassen sich in Posen und Pommerellen immer wieder beobach­ten. Sie sind dort die Regel. Sie können aber niemanden davon überzeugen, daß der so auffal­lend starke Verlust deutschen Bodenbesitzes durch wirtschaftliche und soziologische Vorteile für die na­tionale Wirtschaft ausgeglichen würde!

Gießener Gtadttheater.

Dritte Morgenfeier.

Die gestrige Morgenfeier im Theater war als Einführung zu der bevorstehenden Premiere des DramasDer tolle Christian" von Theodor H a e r t e n gedacht. Im Mittelpunkt stand eine An­sprache des Intendanten Schultze-Griesheim; er sprach zunächst kurz über ben Sinn bieser neu- emgeführten Sonntagmorgen-Veranstaltungen und gab der Hoffnung Ausdruck, der Kreis derer, die daran teilnehmen, möge sich immer mehr erweitern. Dann kam er auf das Schauspiel vom Herzog Christian von Braunschweig zu sprechen: dieses Stück von Haerten sei ein Werk abseits der üblichen Literaturstraße, ein Zeitbild des Dreißigjährigen Krieges, hervorgegangen aus einer dichterischen Vision. Das Erlebnis des Krieges an sich und ein heroisches Lebensgefühl feien die bestimmenden Elemente in dem Schauspiel; Beziehungen zum Kriegserlebnis unserer eigenen Generation seien nicht von der Hand zu weisen. Der Held des Stückes, Herzog Christian, verliert das große Ziel in diesem Kriege aus den Augen und geht daran zugrunde. Der Intendant' wandte sich dann gegen einen mehr­fach wider Haertens Drama vorgebrachten Ein­wand: der Herzog müsse eigentlich, so wie er ge­zeichnet ist als jugendlich-heroische Gestalt, für eine große Idee fallen, nicht um einer Frau willen, unter dem Feldgeschrei und Fahnenspruchpour eile: aber eben in seiner Jugendlichkeit könne er noch das Gefühl nicht aufbringen für die große Idee des Reiches, die ihm entgegengesetzt werde durch den Landgrafen Moritz von Hessen-Kassel. Gerade unsere Zeit habe ein Anrecht darauf, nicht nur die gleichsam fertigen Helden vor uns hinzu­stellen, denn auch unsere Zeit mühe sich ja darum, Idee und Gestalt eines neuen Heldentums wieder aus sich heraus zu formen. Eine andere Eigenart von Haertens Drama fei eine auf langwieriges Quellenstudium gegründete, verantwortungsbewußte Gestaltung der Sprache. Dies zu zeigen, las ber Intendant eine Szene zwischen Christian und dem Landgrafen Moritz vor, in der es um die Idee des Reiches geht, unb in der recht eigentlich der Sinn des Stückes beschlossen liegt; zum Schluß hor­ten wir noch das Lied der Landsknechte, das ge­wissermaßen als Leitmotiv für das Schauspiel gelten kann.

Die Einführung des Intendanten wurde von Vorlesungen umrahmt: Aenne Markgraf und Heinrich Hub lasen Verse und Prosa, in denen die Zeit des Dreißigjährigen Krieges, der Held und

die Ereignisse in Haertens Drama sich spiegelten, wie zum Beispiel bei Ricarda Huch, imErnte­lied" und imSchlachtlied" ausDes Knaben Wunderhorn", in einem düsteren Nachtstück aus Wallensteins Antlitz" von Walter Flex und in Münchhausens berühmter Ballade von den alten Landsknechten am himmlischen Kamin. (Bei einigen der zuerst gelesenen Stücke würden wir übrigens eine Quellenangabe begrüßt haben.) Zu Beginn und zum Schluß der Morgenfeier war ein Jung- volk-Zug mit Fahnen unb Rührtrommeln aufmar­schiert, um mit frischer Stimme alte Landsknechts­weisen zu fingen vom Frundsberg und von der Schlacht bei Pavia,Wir zogen in das Feld" und Die Glocken stürmten vom Bernwardsturm" (Bauernaufftand" von Münchhausen). hth.

Herr Valentin und die Schwalben

Von Zohan Luzian

Die Schwalben sind heimgekehrt aus dem Süden, vom Mittelmeer und von den Küsten Afrikas. Die blitzschnellen Segler sind wiedergekommen, sie haben die Alpen überflogen und die Schneestürme durch- pfeilt, die Regenwolken durchschnitten unb bie weiten Flächen bezwungen, um hier in ben alten Ställen bie Nester zu bauen, lieber ben Hörnern ber Kühe fliegen sie hin, ben Schnabel voll Insekten. Ein kurzes Witt! unb Wibewitt! zirpen sie in bas Ge­brumm. Doch nicht ihres Liebes wegen lieben wir bie Rauchschwalben mit ber roten Kehle unb bem hellen Bauch, dem blauglänzenden Federkleid und den langen zierlichen Schwänzen, wir lieben sie ihrer Treue wegen. Wir fühlen uns froh und dankbar, wenn sie uns ihr Vertrauen schenken, wenn sie durch offene Fenster und Türen hinaus- und hereinflitzen, wenn sie am Dachbalken, über dem Lampenschirm im Stall, an der rauhen Mauer ihr Nest zu bauen beginnen, so nahe bei uns und vertraut, die pfeil­schnellen Segler des Himmels dort draußen, die freien Jäger im Wind.

Herr Valentin ist der Lehrer der Jugend des Dorfes. Er wohnt im Schulbaus, und unter feinem Dach ist die Stätte der Weisheit, der guten Lehren und der tätigen Hilfe, wenn jemand in äußere oder innere Not geraten ist.

Friedlich und schmuck steht es ein wenig abseits vom Dorfe im Grün der Hecken und Nußbäume. Die niederen Fenster mit den kleinen Scheiben sind ganz versteckt hinter Efeuranken und Clematis. Jedes Jahr um diese Zeit werden die Gucklöcher neu herausgeschnitten, bis zum Herbst sind sie wieder zugewachsen, und das wenige Licht, das ins Innere

bringen kann, hat einen grünen, blattgrünen Schein.

Im Efeu sinb bie Vögel zu Haufe, bie Sperlinge bauen ihre Nester barin und ziehen die Jungen dort auf. Ein feines, dünnes Zirpen und Schilpen liegt den ganzen Tag vom März bis August um das Lehrerhaus. Und wehe den Burschen, die sich jemals an diesen Nestern vergriffen! Den Schandruf des Nesträubers würde ihnen Herr Valentin bis in das Mannesalter nachtragen.

In seiner Wohnstube, in seinem Studierzimmer unb selbst in ber Schlafkammer hängen Vogelbauer, größere unb kleinere, schmucke unb selbstgezimmerte, Herrn Valentin zur Freube unb ber Jugend gelegent­lich zur Anschauung unb Belehrung. Die hunbert feinen Unterschiebe, die gottgeschaffenen Arten und die verschiedenen Schönheiten ihres Gefieders und Gesanges würden sie ihr Leben lang nicht bemerken, diese Holzköpfe.

Das Seltsamste in diesem Vogelhaus aber sind wohl die Schwalbennester über Herrn Valentins Bett.

Im vorigen Jahre, erzählt er, im vorigen Früh­jahr um diese Zeit kamen die ersten Schwalben zu mir herein. Ich ließ, als ich es bemerkte, die Fenster Tag und Nacht offenstehen. Und an einem Morgen begannen sie wirklich zu bauen, dort oben im Decken­balken. Sehen, Sie, da! Zankend saßen sie auf meiner Bettkante. Das Weibchen, ich habe sie Elise genannt, nach meiner Frau, Gott habe sie selig! Elise wollte das Bildchen mit dem Bibelspruch man kann ihn jetzt nicht mehr lesen, aber er handelt von den Lilien auf dem Felde, doch das Männ­chen hielt mehr von der Stelle, an der der rostige Nagel steht. An Elises Frommheit wage ich ein wenig zu zweifeln, sie ist gewiß keine Betschwester und hat den Schnabel auf dem rechten Fleck, aber sie hat wohl ein bißchen Schmuck und Feierlichkeit gern bei aller häuslichen Tugend. Nun, Elise war fleißig vom ersten Sonnenstrahl an, Klümpchen für Klümpchen trug sie herbei, bis das Nest schön und stattlich gebaut war, sehen Sie, da hängt es noch. Und über meinem Bett zog sie ihre fünf Jungen auf! ... Nun, auch der Herr Schwalberich rat ferne Pflicht, ich kann es ihm nachrühmen, feit ich weiß, wie fünf Junge den ganzen Tag nach Futter schreien. Er flitzte wacker aus und ein, den Schnabel voll Mücken und Fliegen, von morgens bis abends ernährte er feine Brut. Und der Hunger im Nest fing früh an, was glauben Sie! Ich bin wieder zum Frühaufsteher geworden, denn ließ ich das Fenster bei schlechtem Wetter nur halb offen, strichen sie gleich nach dem Tagwerden so lange über meine Nase hinweg, bis ich aufstand und ihnen die beiden

Doch einmal verlor selbst der junge Erfinder fast den Glauben an seiner Erfindung. Er hatte dem englischen General Baden Powell, dem Be­gründer der Pfandfinderbewegung versprochen, das Arbeiten seiner drahtlosen Nadiostation in Corn­wall zu zeigen.

Um zehn Uhr abends war man um die Apparate versammelt. Marconi wollte eine Verbindung mit der in Stouth Foreland stationierten Sendestation erreichen. Es gelang nicht. Marconi wurde im­mer verlegener und unruhiger. Die Antwort blieb aus. Er überprüfte die Apparate. Alles in Ord­nung. Baden-Powell begann nun ebenfalls nervös zu werden. Eine dumme Geschichte, eine große Er­findung scheitern zu sehen.

Plötzlich schrie ihnen ein Mechaniker aus dem Schuppen zu,South Foreland!"

Baden-Powell unb der Erfinder liefen zur Emp­fangsstation und lasen im Licht einer Kerze die Meldung, die der Mechaniker gerade dem Schreib­gerät entnommen hatte:

Eben zurück vom Abendessen. Ist was los bei euch?"

Das späte Abendessen des Operateurs der South- Foreland-Station hätte dem großen Marconi bei­nahe einen Nervenzusammenbruch gebracht!

K. v. P.

Das Mell gegen die Zigeunersippe KorpaiM

LPD. Frankfurt a. M., 5. April. Im Prozeß gegen die Zigeunerbande Korpatsch wurde am Samstag nach mehrtägiger Verhandlung das Urteil gefällt. Der Führer der Bande, der Zi­geunerprimas Janosch Korpatsch, der 39jäh- rige Johann Korpatsch, der 28 Jahre alte Josef Stephan und der 37jähriae Giovanni Janosch erhielten wegen gemeinschaftlicher Kör- perletzung je 7 Monate Gefängnis. Weitere sechs Angeklagte, darunter die 60jährige Mascha Korpatsch und die 22 Jahre alte K a r o l i n e Korpatsch, wurden zu Gefängnisstrafen von 6 bis 2 Monat en verurteilt. Bei den zwei letz­ten Zigeunern erfolgte Freispruch. Soweit die An­geklagten Ausländer oder staatenlos sind, sollen sie nach der Strafverbüßung aus dem Reichsgebiet ausgewiesen werden.

Deutsche Photographische Ausstellung in Frankfurt.

LPD. Frankfurt a. M., 3. April. Nachdem die Frankfurter Frühjahrsmesse am Dienstag ihre Pforten geschlossen hat, werden nunmehr die Vor­bereitungsarbeiten für die große 3. R e i ch s n ähr­st a n d s - A u s st e l l u n g, die in der Zeit vom 17. bis 24. Mai durchgeführt wird, in verstärktem Maße betrieben. Gleichzeitig beginnt die Frank­furter Messe- und Ausstellungs-Gesellschaft mit der intensiven Bearbeitung der technischen und organi­satorischen Vorbereitungen für dieD eutsche Photographische Ausstellun g", die ge­meinsam mit der 2. Internationalen Schau der Amateurphotographen vom 26. September bis 11. Oktober 1936 auf dem Festhallengelände ver­anstaltet wird. Diese Ausstellung, die die Gruppen Berufsphotographie, Amateurphotographie, histo­rische und wissenschaftliche Photographie, Meister­schulen, Reproduktionstechnik und Industrie und Handel umfaßt, soll sowohl Fachleuten als Laien ein eindringliches Bild von dem derzeitigen hohen Stand der deutschen Photographie und der mit ihr in Verbindung stehenden Industrien vermitteln.

Deutsche Arbeitsfront.

Verwaltungsstelle 19 Gießen.

Die laufende wöchentliche Unterstützungsauszah- tung für Erwerbslose und Kranke findet ausnahms­weise in dieser Woche (Karwoche) am Donnerstag, 9. April, vormittags von 8 bis 1 Uhr in der Ver­waltungsstelle Schanzenstraße 18 statt.

Fensterflügel weit öffnete. Eines Morgens faßen sie dann zu siebenen vor mir auf dem Fußende und schrien mich wach.

Hm, ja, gratuliere schönstens! sagte ich brummend und wollte noch ein wenig weiterschnarchen. Doch paßte ihnen diese kurze Abfuhr wohl nicht, denn sie fingen so aufdringlich an, meine Siebensachen im Zimmer zu untersuchen sieben Schwalben, lieber Herr, das ist eine ganze Gesellschaft, die ihre Spuren hinterläßt! bis ich vollends erwachte und aufstand und sie zum Tempel hinausjagte. Ich hatte so schlecht geschlafen in dieser Nacht. Mögt ihr vorwärtskom- men im Leben, alle Sieben, aber jetzt sucht euch ein anderes Quartier, ich habe genug von euch! rief ich ihnen nach und schlug das Fenster zu. Fort waren sie. Und sie blieben auch fort, ich habe sie sehr ent­behrt, lieber Herr, das können Sie sich denken.

Doch jetzt sind sie wiedergekommen! ruft Herr Valentin, und feine zerlesenen grauen Augen haben einen ganz unverständlichen Glanz. Sie sind wieder da, die Osterzeit hat sie hergeführt, und wir haben den Zwist von damals begraben! Sie fühlten sich gleich, als sie vorgestern fernen, wieder zu Hause. Und auch den alten Streit, ob Bild oder Nagel, haben sie mitgebracht über den Brenner! ... Aber Elise hat diesmal nachgegeben, sie beginnen unter dem Nagel ein neues Nest zu bauen! Sehen Sie, da kommen sie, den ganzen Schnabel voll Lehm!

Wir stehen nebeneinander nm offenen Fenster, wir beiden Vogelfreunde, und schauen dem Flug der Schwalben zu. lieber die Dächer segeln die blauen Punkte dahin und schwingen sich hinab ins Tal, wo der Frühlingsbach schäumt, doch schon sind sie roieber hier, die kleinen Baumeister. Ihr Zwitschern unb Zanken schallt uns entgegen, bis wir das Fenster räumen und den Weg freigeben. Blitzschnell sind sie herein und wieder hinaus in die weite blaue Lust, und Herr Valentins Pfeifenrauch wölkt sich ihnen behaglich nach.

Der nichtbeamtete außerordentliche Professor der Zoologie und vergleichenden Physiologi" Dr. phil. Hermann Giers berg von der Universität Bres­lau ist mit der Vertretung der freigewordenen Vrofessnr für Zoologie an der Frankfurter Universität vorn 1. April 1936 ab betraut worden. Der nichtbeamtete außerordentliche Professor für Geographie und Wirtschaftsgeographie an der Uni­versität Frankfurt Dr. phil. nat. Hans Sch rep- f e r ist mit der Vertretung des freien Lehrstuhls für Geographie in der phiiosovbischen Fakultät der Universität Würzburg im Sommersemester 1936 beauftragt worden.