lkr.4 Zweiter Blatt__Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)Montag, 6. Zanuar (936
Slreiszug durch die skandinavische WirWast.
Von unserem —di.-Äerichierstaiier.
(Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!) Kopenhagen, Dezember 1935.
Deutschlands Handelsumsatz Mit den Ländern Europas hat in den ersten drei Viertel« jähren 1935 einen Wert von 4034,4 Millionen Reichsmark erreicht. Davon sind 636,3 Millionen auf Skandinavien einschließlich Finnland entfallen. Diese Zahlen sprechen für sich. Die deutsche Handelsbilanz mit den Ländern des Nordens ist trotz zeitweiligen Rückganges immer noch aktiv. Sind die einzelnen Staaten auch verschiedenen Einflüssen, Bedürfnissen und Hilfsquellen unterworfen, so bleiben sie doch insgesamt ein Wirtschaftsraum, zu dem das Reich von altersher die engsten Beziehungen unterhalten hat. Dieses Verhältnis, wie auf kulturellem so auch auf wirtschaftlichem Gebiet, zu pflegen und womöglich zu noch stärkerer Entfaltung zu bringen, ist eine Pflicht der nationalen Wirtschaft jedes einzelnen Landes und zugleich ein Dienst am gemeinsamen Interesse aller Staaten, die den Ostseeraum beleben.
Die handelspolitische Stellung Deutschlands zu Dänemark, Norwegen und Schweden ergibt sich im Rahmen der heutigen Verrechnungsmöglichkeiten aus einem Ausgleich der Ein- und Ausfuhrwünsche auf beiden Seiten. Dabei spielen die Verhältnisse auf den Binnenmärkten und die Rücksichten auf die nationalen Wirtschaften eine immer größere Rolle. In Dänemark haben vor kurzem Neuwahlen stattgefunden. Sie standen im Zeichen des Kampfes für und gegen die staatliche Valutazentrale. Daß die bäuerliche Sammlungsbewegung auch eine Kronensenkung verlangte, erleichterte der Regierung den Sieg. Mit dem neuen Jahr wird ein neues Valutagesetz das alte ablösen. Wie sich die Opposition benehmen wird, ist noch nicht völlig ersichtlich; sie macht ihre eigenen Vorschläge, kann aber einen Zustand ohne Kontrollinstanz auch vor ihren Wählern nicht verantworten. Dänemark ist nicht ganz selbst Herr über .seinen Außenhandel. Es steht zwischen England und Deutschland. Nach den britischen Inseln geht der Hauptteil seiner landwirtschaftlichen Ausfuhr in der Form von Speck und Butter. Nähme Deutschland nicht die beim Herausschneiden des Specks übrigbleibenden höchst wertvollen Teile ab, so würde die dänische Ausfuhr nach England unrentabel werden. Nun will das englische Landwirtschaftsministerium im kommenden Jahr Einfuhrzölle auf das ausländische Fett legen, um den Aufbau der eigenen Landwirtschaft zu finanzieren; dagegen tritt Deutschland immer stärker a l s Käufer auf dem dänischen Landwirtschaftsmarkt auf. Rinder, Federvieh, Butter, Eier und Käse gehen in gesteigerten Mengen über die Grenze ins Reich. Dafür muß Deutschland Zugang zu bestimmten Teilen des industriellen dänischen Marktes behalten. Dasselbe erstrebt England. Unter dem Schutz der Valutazentrale ist aber die dänische Industrie auch auf Gebieten, die sie früher nicht betreten f)at, üppig emporgeschossen. Ihre Produktion hat sich seit 1913 um 73 v. H. vermehrt. Wie hier der Ausgleich geschaffen werden farm, ist Däne« marfs Problem nach außen hin; auch wenn man zugibt, daß die Industrie in dem Maße in die Bresche springen muß, in dem die Landwirtschaft als Wirtschaftsträger des Landes anteilmäßig verliert.
Die dänische Nationalbank treibt eine in die Zukunft schauende Politik Seit diesem Sommer hat sie ihre Valutastellung um rund 20 Millionen Kronen verbessern können. Ihre Obligationsbestände hatte sie Ende November gegen März d. I. um 46 Millionen verringert Der frühere Finanzminister und jetzige Nationalbankdirektor zeigt, daß er den Kern der Lage erkennt, wenn er die Industrie vor Vorstößen auf Gebiete warnt, auf denen ihr eines Tages die Konkurrenz des Auslandes mit besseren Waren und niedrigeren Preisen wieder
entgegentreten wird. In den ersten zehn Monaten dieses Jahres hat Dänemark einen Einfuhrüberschuß von 66 Millionen Kronen gegen 102,1 in der entsprechenden Zeit des Vorjahres gehabt. Das ist eine wesentliche Verbesserung, die auf die straffe Einfuhrhandhabung der Dalutozen- trale hindeutet. Die Drosselung geht freilich auf Kosten des Handels, der hier wie überall unter dem Zwang der verfahrenen und überproduzierenden Weltwirtschaft leidet. DeutschlandsAusfuhr nach Dänemark hat in den ersten zehn Monaten 240,8 Millionen Kronen betragen gegen 242,3 im Vorjahr; feine Einfuhr aus Dänemark ist im gleichen Zeitraum auf 157,2 gegen 138,5 Millionen Kronen gestiegen. Zusätzliche Abmachungen zwischen den beiden Ländern werden das Bild dieser Zahlen in den beiden letzten Monaten des Jahres vervollständigen. Dänemarks Ausfuhr nach England ist in den ersten zehn Monaten auf 609,5 gegen 617,9 im Vorjahre heruntergegangen; feine Einfuhr von dort auf401,5 gegen 329,5 Millionen Kronen gestiegen.
Die deutsch-norwegifchen Umsatzmöglichkeiten werden von industrieller Seite als außerordentlich günstig angesehen. Wenn gerade in diesen Tagen eine Verstimmung eingetreten ist über mangelndes norwegisches Entgegenkommen in der Wal öl- und Walfangfrage, so muß immer noch dem Wunsche Ausdruck gegeben werden, daß die Handelsbeziehungen beider Länder nicht getrübt werden. Sie liefen, im großen gesehen, bisher auf den Austausch von Walöl, Fischerzeugnissen, Konserven und Pelzen gegen Schiffe, Maschinen, Chemikalien hinaus. Der verdienstvolle Förderer deutsch-norwegischer Beziehungen, Direktor Vogt vom norwegischen Jndustrieverband, der sich zur Zeit wieder auf einer Reise durch Deutschland befindet, sagt: „Deutschland kann sich einer allgemeinen Sympathie in Norwegen erfreuen. Das verdankt es nicht zuletzt der hervorragenden Stellung seiner Industrie. Man muß berücksichtigen, datz Norwegen an der Meistbegünstigung als Grundlage für seine Handelspolitik festhalten will. Auf dieser Grundlage sollte die Möglichkeit einer Ausweitung des gegenseitigen Handels so gegeben fein, daß Deutschland feine Stellung auf dem norwegischen Markt aus der Zeit vor dem Kriege wieder- gewinnt und Norwegen seinen Markt in Deutschland verbreitert. Eine Verschiebung hat stattgefunden: Textilien und Manufakturwaren sind zugunsten der Einfuhr von Maschinen, technischen Apparaten und Schiffen zurückgetreten. In der norwegischen Ausfuhr sind Metalle und Erze mehr in den Vordergrund gerückt. Im übrigen wünscht Norwegen in erster Linie den Absatz von Fischen und Konserven."
Damit sind die Warenaustausch-Fragen zwischen Norwegen und Deutschland von einem Fachmann umrissen. Norwegens Außenhandels- zahlen für den Oktober haben einen Rekord erklommen. Die Ausfuhr ist mit 59,3 Millionen Kronen die seit April 1930 wertmäßig größte, die Einfuhr mit 77,7 die seit November 1931 stärkste. Der Einfuhrüberschuß ist in Höhe von 18,4 um 4,2 Millionen Kronen gegen den Oktober des Vorjahres gestiegen. In den ersten zehn Monaten dieses Jahres hat Norwegen für 656,3 gegen 607,7 Millionen Kronen im Vorjahre eingeführt und für 484,3 gegen 473 ausgeführt. Das Minus seiner Handelsbilanz deckt Norwegen in der Zahlungsbilanz der Jahresabrechnung ebenso wie Dänemark durch Schiffsgewinne und Einnahmen aus dem Reiseverkehr. Es ist, wenn auch die Bevölkerung des Landes sich ihren Verdienst schwer erarbeiten muß, immer noch Raum für einen Einfuhrüberschuß.
Wie die Zukunft sich unter dem Drucke von außen gestalten wird, ist eine Frage, deren Lösung nicht zuletzt von der Entwicklung auf den Weltmärkten
Gießener Stadiiheaier.
Gastspiel: „Die acht Entfesselten".
Am Sonntagabend gastierten vor gutbesetztem Hause die „Acht Entfesselten" mit einem rund zwanzig Nummern umfassenden Kabarett - Programm, das sie als konzentrierte Kleinkunst bezeichnen, und welches, wenn man es mit zwei auch bei uns geläufigen Begriffen auf eine Formel bringen will, etwa auf der Mitte zwischen dem Repertoire der „Vier Nachrichter" und der „Comedian Har- monists1' liegt, dabei aber doch einer eigenen Note nicht entbehrt. Das Ensemble besteht aus drei Damen und fünf Herren und bildet ein sogenanntes Kollektiv, das sich durch Vielseitigkeit wie Individualität der Begabungen auszeichnet. Sie machen, nach bewährtem Muster, alles selbst und ganz allein: sie singen, sprechen, tanzen, spielen Theater, sagen an — Text, Regie, Musik. Ausstattung: die acht Entfesselten.
Nach ihrem Auftrittslied, alle acht, kommt ein Solotanz „Die Frau mit dem doppelten Gesicht" (G a r g a), der im Spiel mit der Maske seriöser wirkt als das folgende, ganz aus Witz, Ulk und Parodie gestimmte Programm. Aber schon der Sketsch „Finden Sie, daß meine Frau sich richtig verhält?", gespielt vom Ehepaar Scholz, zeigt, wie es gemeint ist; vier Variationen über ein alltägliches Thema: die Frau hört zu, wie sich der Mann am Telephon für den Abend verabredet; Paraderöllchen für die Partnerin; vier Temperamente binnen zehn Minuten. Das Publikum freut sich verständnisvoll.
Dann gibt es Gestalten von gestern und Zeitgenossen von heute, und es erweisen sich als dankbare Objekte für Miniatur-Karikaturen sowohl „Die unnatürliche Ziege", als auch die entzückenden drei ..sonny boys‘‘ und die groteske „Denunziantin". Großer Beifall für Bren, Godden, Scholz, G a r g a und Krock. Dazwischen eine wirklich herzerfreuende Conference über den „Vatertag (S ch o l z), die offenbar allen männlichen Besuchern aus dem Herzen gesprochen war. Für den weiblichen Teil des Publikums, zur Entschädigung, der Song an Madame. *
Eine besonders hübsche Nummer war das bürgerliche Trauerspiel „Vater und Sohn", das von Rudi Godden in einer Person, aber sozusagen mit verteilten Rollen, gespielt wurde; man muß es gesehen haben und kann nur sagen: Ei potz! Nur wenig mehr Personal beanspruchte die kleine preiswerte Oper „Das leichtbeschädigte Vaterherz" (Bren
und Godden), das besonders musikalisch, mit aanz geringer Anleihe bei Schubert, sehr witzig gesetzt war. (Das Orchester bildete für diesen Abend lediglich ein Flügel; am Flügel: Hannes Haching).
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Das Mittelstück, auf die zwei Hälften des Programms sinnvoll verteilt, heißt „Endlich daheim", genormte Expreß-Operette in drei Akten, mit dem gesamten Ensemble. Die Nachrichter haben Aehn- liches zwar schon gedrängter und in der Kürze witziger serviert, aber die durchschnittliche Operette bietet ja besonders textlich noch eine unausgeschöpfte Fülle parodistischer Anregungen: Findelkind, Grafenschloß, Zigeuner, Pußta, Honvedleutnant, Csardas sind ungefähr die Stichworte für das nach bewährtem Kochrezept für genormte Operetten zusammengerührte Libretto, und die. Gesänge von den knallroten Rosen und von der kleinen notwendigen Pause dürfen als die Glanzstücke der Partitur gelten.
Im Song leisten sie überhaupt Beträchtliches, zum Beispiel in dem Männerterzett von den möblierten Herren, aber die pikante literarische Note gibt dem Programm erst die erstaunlich vielseitig begabte Gerty von Reichenau; die kleine Szene „Abschied am Bahnhof", leider um ein paar Zeilen zu lang, könnte auf einem beinah ernstgemeinten Programm stehen, und die „35 Jahre Ueberbrett’I", 1893 bis 1928, konferiert von Scholz und Godden, zeigten sie auf der Höhe parodistischer Wandelbarkeit; „Das Mädchen fürs Geld" zum Beispiel (anno 1905) hätte auf die Szene der „Elf Scharfrichter" gepaßt, und die Verulkung des blauen Engels Marlene war ebenso naheliegend wie treff- sicher. #
Ein netter Einfall, tänzerisch geschickt ausgewertet: die „Schaufensterpuppe" (©arg a). Etwas schwächer wirkte das Bühnenweihfestspiel „Des Sängers Fluch", sehr frei nach Uhland, aber es gab da zum Schluß einen grotesken Geistertanz (von Krock), der war unglaublich komisch; es wurden wahrhaftig Tränen gelacht. Besondere Freude bereitete unserem Publikum, das sich fei» neswegs getroffen fühlte, das Momentbildchen vom Faschingshochbetrieb in Gießen, das wir leider hier nicht näher beschreiben können.
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^um Abschied haben die Entfesielten sich über Film und Funk hergemacht; hier war entschieden der Höhepunkt „Flachs tönende Wochenschau" mit dem Besuch beim Schimpansen „Gurru" und dem Bericht vom Kriegsschauplatz in Mandschukuo. Den „Schluß mit Jubel" bildete dann der letzte Akt
abhängt. Norwegens Staatsfinanzen Haden sich trotz der großen, im Krisenausgleich dieses Frühjahrs festgelegten Ausgaben für die Preisgestaltung auf dem Lande und in der Stadt sowie für die Ankurbelung der Arbeit von der Beschäftigungsseite her erfolgversprechend angelassen. Jedenfalls handelt die Regierung, und sie bemüht sich zugleich, mit dem Vorbild Schwedens und Dänemarks vor Augen, um die Erhaltung des Arbeitsfriedens. Daß ihr die Gewerkschaften dabei Schwierigkeiten bereiten, ebenso wie in den Nachbarländern, bedeutet freilich eine starke Belastung. Eins ist sicher: Auch in Norwegen verlagert sich das Schwergewicht der Wirtschaft auf den Binnenmarkt. Das heißt Förderung der heimischen Industrie und zum Teil auch der Heimarbeit. Die Regierung unterstützt diese Entwicklung mit allen Kräften; sie tut es nicht einer theoretischen Autarkie zu liebe, sondern aus Zwang und darum aus nationalen Gründen. Auch die Schiffahrt muß diesen Gesichtspunkten Rechnung tragen. Das schließt nicht aus, daß sie in steuerlicher Hinsicht diejenige Berücksichtigung erfährt, die sie im Kampf gegen die internationale Konkurrenz benötigt.
Auch Schwedens Außenhandel steht im Zeichen eines stattlichen Einfuhrüberschusses. Gestützt auf die natürlichen Reichtümer: Holz und Metalle, kann indessen gerade dieses Land sich eine bedeutende Einfuhr erlauben, besonders dann, wenn die Einkäufe dem Ausbau der Industrie zugute kommen. Es ist dasselbe Bild wie in Dänemark und Norwegen. Schweden freilich ist d a s stärk st e. von diesen drei Ländern, politisch und wirtschaftlich. Es kann jedem Druck von außen mit dem gewichtigsten Gegendruck entgegentreten. Politisch nimmt es eine Schlüsselstellung ein, und wirtschaftlich treibt es dank seiner Bodenschätze bei jeder Konjunktur auf der Oberfläche. Die Konjunktur steht im Zeichen des aufnahmefähigen Binnenmarktes. Die Richtzahl für die Wirtschaft zeigt den seit 1931 besten Stand an;
die Beschäftigungszahl hat die von 1920 erreicht. Immer noch kurbelt das Baugewerbe die angeglie« derten Wirtschaftszweige an. Die Ausfuhr in. d u ftr i e hat dagegen an Boden verloren. In den ersten zehn Monaten dieses Jahres hat der Einfuhrüberschuß 140,3 Millionen Kronen gegen 25,7 in derselben Zeit des Vorjahres betragen. Größere Beachtung als diese Zunahme des Einfuhrüberschusses beansprucht indessen die Steigerung des gesamten Warenumsatzes mit dem Ausland. Deutschland hat in den ersten neun Monaten 1935 für 243,8 Millionen Kronen gegen 252,7 in derselben Zeit des Vorjahres nach Schweden ausgeführt; eingeführt hat es Waren im Werte von 135 gegen 116,1 Mill. Kronen. Die entsprechenden Zahlen für England sind 206,1 gegen 186,4 und 229 gegen 238,8. Bemerkenswert ist die Zunahme des schwedischen Handels mit den Vereinigten Staaten. Es hat in der besprochenen Zeit für 132 Millionen Kronen aus den Staaten herein- genommen gegen 97,8 im Jahre vorher und für 102,3 nach dort ausgeführt gegen 90,9. Das ist eine Sondererscheinung im skandinavischen Außenhandel. Sie beruht auf der im Mai dieses Jahres zustande- gekommenen und zunächst für drei Jahre gültigen Regelung zwischen beiden Ländern, die man auf die Formel bringen kann: Kreuger-Bereinigung gegen Zollfreiheit für Zellulose, die 70 o. H. der schwedischen Ausfuhr nach Amerika ausmacht.
Damit ist ein kleiner Rundgang abgeschlossen. Er hätte durch Hinweise auf die Lage der einzelnen Erwerbszweige und tieferes Eindringen in die Wirtschaftsziele der Regierungen im Gegenspiel zu den Anschauungen dieser oder jener Gruppe ausführlicher gestaltet werden können. Das hätte den Rahmen dieser Betrachtungen gesprengt. Es war darauf angekommen, die Bedeutung der skandinavischen Länder für Deutschland auf wirtschaftlichem Gebiet zu umreißen.
Die Nase darf nicht austrocknen!
Ein Schnupfengespräch mit Professor Or. von Eicken.
Von £. B. Spielmann.
Jetzt leidet fast jeder „Dritte" an Schnupfen. Alle Welt fürchtet ihn. Prof. Dr. med. Carl von Eicken, Direktor der Hals-, Nasen- und Ohren-Klinik an der Berliner Charite, zuvor in gleicher Eigenschaft an der Universität Gießen, war so freundlich, unserer Mitarbeiterin einige kleine Winke für Schnupfenbekämpfung und Verhütung zu geben.
Der Schnupfen dauert acht Tage, wenn man ihn nicht behandelt, und acht Tage, wenn man ihn behandelt, sagt eine alte Bauernregel. Ueberall auf den Straßen, dem Autobus und den Büros, trifft man jetzt Schnupfenkandidaten. Es ist Schnupfenhochsaison. Ueberall flattern aufgeregte Taschentücher, um ein vorlautes „Hatschi" abzudämpfen. „Wohl bekomm's", kann man nur sagen. Aber damit ist den armen Schnupfenkandidaten auch nicht geholfen. Besser ist es, zu wissen, was ein Schnupfen bedeutet, wie man ihm aus dem Wege geht, und wie man ihn bekämpft.
Professor von Eicken sagt:
„Die häufigsten Erkältungen sind ein einfacher Schnupfen harmloser Art, hervorgerufen durch plötzlichen Wechsel von warm und kalt, oder trockner und feuchter Luft. Wenige sind sich darüber klar, was die Nase bedeutet. Die Nase ist die Nase und damit gut. Sie ist zum „riechen" da, und mancher betrachtet sie als Schmuckstück. Viele Männer sind stolz auf eine recht große Nase. Darum heißt es auch in einem alten deutschen Sprichwort: „Ein großer Giebel ziert das Haus". Wenn aber in diesen „Giebel" ein richtiger Schnupfen einzieht, wird sein Inhaber doch bedenklich und unzufrieden. Wer daher keinen Schnupfen haben möchte, soll sich mal die Nase mit anderen Augen ansehen. So wie die Aerzte das tun, nämlich von innen.
Schwellkörper, aus venösen Blutgefäßen bestehend, verleihen dem eintretenden Luftstrom in der Nase die nötige Wärme und Feuchtigkeit. Wenn dieses Organ normal funktioniert, so ist es imstande, sehr beträchtliche Temperaturerhöhungen zu bewirken und große Mengen Wasserdamps an die Luft abzugeben. Außerdem fängt die Nase Staubpartikel ab und säubert die Luft. Die Nasenschleim- Haut selbst ist überzogen mit einer Deckschicht von Zellen, die mit feinen Flimmern versehen sind, und die die Aufgabe haben, kleinste Staubpartikelchen nach rückwärts in den Nasenraum zu transportieren. Auf diesem Wege werden die Fremdkörper mit Schleim umhüllt, der vom Nasenrachen- raum in die Mundhöhle gerät und ausgespuckt oder verschluckt wird. Werden nun an den Mechanismus der Nase besondere Ansprüche gestellt, so versagt er und es treten Reizzustände auf, die als heftige Katarrhe mit Schleimproduktion einhergehen, und zwar in solchen Massen, daß die Flimmern nicht mehr für den nötigen Abtransport sorgen können. Zweifellos sind verschiedene Menschen verschieden empfindlich. Zu enge Nasen, mangelhafte Durchgängigkeit durch Vorhandensein großer Mandeln in den Gaumenbögen und Vorhandensein der dritten Mandel im Nasenrachenraum bilden Gefahrpunkte.
Tritt zu dieser Schädlichkeit, die ein Stagnieren in der verschwollenen Nase bedingt, bakterielle Infektion hinzu, so ist einer ganzen Reihe von Krankheiten freie Bahn gegeben: Kiefernhöhleneite- rung, Stirnhöhleneiterung, Bronchialkatarrhen, Lungenentzündung, eitrige Mandelentzündung.
Der Laie wird meist das richtige Empfinden haben, ob ein einfacher Schnupfen vorliegt oder sich eine ernsthafte Krankheit entwickelt. Treten Fieber und Kopfschmerzen auf, ist es
der Expreß-Operette, der noch einmal das ganze Ensemble vor dem angeregt klatschenden Publikum vereinigte. hth.
Oberhessischer Kunstverein.
Künstlerbimd Isar, München.
Die erste Ausstellung des neuen Jahres ist eine Wanderschau des Künstlerbundes Isar e. 23., München, der, wie man sich erinnern wird, vor Jahren schon einmal (damals im „Einhorn") mit gutem Erfolg bei uns zu Gast war. Es handelt sich hier um eine JSruppe von Malern, nicht allerjüng- ften, aber bewährten und angesehenen Vertretern der Münchener Schule, unter denen man Namen wie Dietz, Erler, Liebermann (Ernst) und H o h l w e i n findet. Greifen wir aus einem lieber» blick, der bei der Fülle des vorhandenen Materials nicht vollzählig fein kann, die wesentlichsten Eindrücke heraus, so wäre etwa folgendes zu nennen: von Korthaus finden wir ein lebhaft getöntes, atmosphärisch bewegtes „Erntegewitter", von M i l» l e r - D i f l o eine pastellzarte, empsindlich gemalte Landschaft „Törwang", von Wolf B l o e m , einem Neffen des Dichters, eine klare, Helle und offene Voralpenlandschaft, auch eine malerische Flußbrücke „Chioggia". Professor W o l f f - F i l s e ck zeigt in einer lebhaften Skala von Blau den „Föhn im Karwendel"; saftige, herzhaft farbige Blumenstücke sieht man von Hoppe und (sehr tonig und blu- menhast die Dahlien) von Bauriedl, den wir bisher nur als Landschafter kannten. Prof. Schrader-Velgen bringt einen behäbigen „Erbhof" hinter hohen, sommerlichen Bäumen. Von S e y l e r sehen wir mit Vergnügen die schweren Gespanne der ackernden Pferde, in einer impressionistisch lockeren Manier gemalt. Prof. Dietz, dessen sich manche Beschauer wohl von der Münchener „Jugend" her erinnern werden, malt eine romantisch heitere „Maskerade", die in ihrer Zartfarbigkeit unh figürlichen Bewegtheit wie eine Theaterszene aus dem Rokoko^ wirkt. Sehr interessant ist die Begegnung mit Hohlwein in dieser Ausstellung, wo man ihn zunächst nicht vermutet hätte: sein prachtvoll plastischer Plakatstil verleugnet sich auch in diesen kleinen Jagdszenen keineswegs. E r l e r s „Sonnige Alm", sehr weiträumig ausgebreitet vor einem hohen, tiefblauen Himmel, weckt lebhafte Erinnerungen an manche Landschaften von Segantini. Am modernsten erscheint unter den Malern dieser Gruppe — in der Umrißschärfe, der Plastik jeglicher Form und den glatten, wie lackiert wirkenden Farbflächen — der offenbar sehr vielseitig begabte C. Th. Protzen: ausgezeichnet das überaus kultiviert gemalte Stilleben mit weißen Rosen;
bann eine farblich und figürlich ausgewogene und beseelte Kreuzigungsgruppe; endlich ein ganz großzügig gegliedertes, vor fernen Bergkulissen mächtig hochwachsendes Städtebild „Berchtesgaden", das, wie wir hören, später im „Braunen Haus" aufgehängt werden soll. Don Ernst Liebermann erschließt sich für unser Gefühl die ruhige, klare Dorfpartie unmittelbarer als das etwas düstere, große Waldbild, das nur durch die Kinderstaffage im Vordergrund ein wenig belebt und gelockert wird. Oswald Poetzelberger, ein hochbegabter und phantasievoller Maler, zeigt hier ein wuchtiges Alpenmotiv aus dem Wallis, — ohne die sonst für ihn charakteristischen grünen unh. gelben Töne. Ein sehr schönes, klares und dekoratives Bild von beträchtlichem Format ist das nicht ohne Grund an den repräsentativsten Platz gehängte ,,Jura-Tal" Liebermanns. Don Baurieol nennen wir noch zwei Landschaften, ferner die „Fischbörse" von Otto D. Franz, ein Föhn-Bild von Miller» D i f l o , aus dem einem der warme, feuchte Wind entgegenzuwehen scheint; auch seine „Schnee- schmelze" sei um ihrer linearen Zartheit willen nachdrücklich hervorgehoben. — Die Malerei wird durch eine Reihe guter, kleiner Bronzeplastiken von D a u m i l l e r ergänzt („Stehende", „Unschuld"); nicht zu vergessen der reizende Miniatur-Putto mit Häschen von Prof. Mattes. —y—
Die inzwischen noch durch einige Gemälde von Erlex ergänzte Wanderausstellung wurde am Sonntagvormittag eröffnet. Der Vorsitzende des Kunstvereins, Stadtbaurat G r a v e r t, hieß in einer kurzen Ansprache zunächst die Erschienenen willkommen und dankte ihnen für ihr zahlreiches Erscheinen. Er wies ferner darauf hin, daß diese Ausstellung den landschaftlichen Gegensatz zu der im vorigen Jahre gezeigten friesischen Malerei betone und übrigens vom nächsten Sonntag ab durch neues Material aus der gleichen Künstlergruppe noch ergänzt werden solle. Als eine der nächsten Ausstellungen sei ein Ueberblicf über das malerische Gesamtwerk des Rheinländers Josef Steib geplant, der bei uns im Kunftverein früher schon ausgestellt hat. Ueberhaupt werde der Verein be- müht fein, fein Arbeitsfeld zu erweitern — gerade in einer Zeit, in der die Mitgliederzahl wie auch die Kauffreudigkeit der Besucher zu wünschen übrig lasse. Es solle im kommenden Frühjahr und Sommer der Versuch gemacht werden, Autofahrten zu den Kunststätten der näheren und weiteren Umgebung zu veranstalten; so seien fürs erste Ausflüge nach Fulda und Gelnhausen, auch nach dem volljährigen Hersfeld in Aussicht genommen. — Mit nochmaligem Dank an die Besucher erklärte Baurat @rädert die Ausstellung für eröffnet.


