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Hr.181 Dritter Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)

Mittwoch, 5. August |936

XL OLYMPISCHE SPIELE Q99

Am Dienstag kam Deutschland zu einem neuen Erfolg. Die Weltrekordinhaberin Gisela Mauermayer holte sich das Diskuswerfen der Frauen mit der neuen olympischen Bestleistung von 47,63m vor der Polin Hedwig Weiss. Die Bronzene Medaille errang Paula Mollenhauer-Deutschland Der Amerikaner Jesse Owens errang die zweite Goldmedaille durch einen Sieg im Weitsprung mit 8,06m. Die Silberne Medaille fiel durch Long an Deutschland.

BERLIN 1936

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sprang gleich beim ersten Sprung 7,74 Meter, eine Leistung, die bei dem häßlichkalten Wetter dieses Augusttages die höchste Anerkennung verdient. Der Deutsche Lutz Long kam beim ersten Sprung auf 7,54, während der Altmeister Leichum zum Ent­setzen der Zuschauer zweimal hintereinander über­trat, so daß seine Sprünge für ungültig erklärt wurden. Erst mit dem letzten Versuch schaffte Lei­chum fo viel wie nötig war, um in die Entscheidung zu kommen. Jesse Owens sprang beim zweiten Ver- uch 7,87 und Lutz Long kam unter frenetischem Beifall auf 7,74, ein Sprung, der ihm zurSilber­nen" verhalf, nachdem Owens mit 8,06 Meter die Goldene" errang.

Auf dem Rasen wurde unterdessen das Dis­kuswerfen entschieden. Gisela Mauermeyer holte sich hier die Goldmedaille vor der Polin Waj- sowna, an dritter Stelle landete die Deutsche Mollenhauer.

Eine spannende Angelegenheit war der 4 00- Meter-Hürdenlauf, der ohne deutsche Be­teiligung ausgetragen wurde. Dieser Lauf gehört zu den schwersten Konkurrenzen der gesamten Leichtathletik überhaupt, denn es gilt ja nicht nur, über die 400 Meter Strecke schnell zu sein, sondern

es gehört ein ungeheures Stehvermögen dazu, neben dieser Schnelligkeit die technisch sichere Fähig­keit zu besitzen, 10 Hürden von 91,4 Zentimeter Höhe in Abständen von 30 Meter zu nehmen. Welt­rekordmann über diese Strecke ist der Amerikaner H a r d i n , ein langer, blonder Bursche, dessen tVt« ganter Laufstil Bewunderung erregt. Harbin ließ sich auch heute den sicheren Sieg nicht entgehen und siegte auf der Außenbahn laufend in ausgezeichneter Zeit.

Als erste Entscheidung in der Mittelstrecke wur­den heute noch die 800 Meter gelaufen, zu der man als neunten Mann noch den Polen Kucharski zugelassen hatte, der in diesem Kampf jedoch keine Rolle spielte. Das Feld kam nach einem Fehlstart des Italieners Lanzi gut ab und unter Führung des Negers Edwards ging es in schnellem Tempo in die Kurve. Edwards wird von seinem Rassen- aenossen Woodruff zur Einhaltung dieses mörderi­schen Tempos gezwungen, während das übrige Feld geschlossen an der Spitzengruppe zu bleiben ver­sucht. Auf der letzten 100-Meter-Geraden entspinnt sich ein aufregender Kampf, als aus dem Mittel­felde mit ungeheurem Antritt der kleine Italiener vorfchießt und den Amerikaner Edwards nieder­

ringt. Man hatte den Eindruck, daß Lanzi bei mehr Selbstvertrauen auch noch in der Lage ge­wesen wäre, den völlig erschöpften Woodruff tm Ziel abzufangen. Die Zeit des Siegers von 1:52,9 ist den Umständen entsprechend recht gut.

Im 100-Meter-Endlauf für Frauen gab es eine kleine Enttäuschung insofern, als man auf dem ersten Platz zwar die Weltrekordlerin Helen Stephens-USA. erwartet hatte, nicht aber die Polin Walasiewiczowa auf dem zweiten Platz vor Käte Krauß. Die Amerikanerin und die Polin liefen ein prächtiges Rennen und sie schlugen die Deutsche erst nach harter Gegenwehr.

Bei den Fechtern gab es eine erfreuliche Heber« raschung: Die deutsche Mannschaft ist durch den kleinen Frankfurter Eisenecker wieder verstärkt wor­den und sie schlug Belgien und Argentinien in bet Vorschlußrunde recht sicher, so daß sie mit Jtalie« und Frankreich zusammen in die Schlußrunde ein­zieht. Hier rechnet man jetzt mit einem zweiten Platz der Deutschen hinter Italien und vor Frankreich, da Frankreich in der Vorrunde die ersatzgeschwächte deutsche Mannschaft nur mühsam schlug. Bei den Frauen-Florettkonkurrenzen setzten sich unsere Fech­terinnen sehr gut durch.

Gisela Mauermayer bei ihrem Rekordwurf in der Ausscheidung. (Scherl-Bilderdienst-M.) Harte Entscheidungskämpfe.

Von unserem Or. G. St-Sonderberichterstatter

Berlin, den 4. August 1936.

Wer ursprünglich angenommen hatte, daß nur die ersten Tage nach der Eröffnung der Spiele ein ausoerkauftes Stadion sehen würden, der hat sich gründlich getäuscht, denn auch heute rollen die Fahrzeuge in ununterbrochener Folge schon seit dem frühen Morgen zum Reichssportfeld. Autobusse und Trambahnen sind überfüllt und dichte Men­schenschlangen streben eilig dem Riesenbau des Sta­dions zu, in dem am Vormittag die Zwischenläufe übar 400-Meter-Hürden gelaufen wurden, und in dem am Nachmittag schwere Entscheidungs­kämpfe ausgetragen werden Im 800-Meter- L a u f geht ein erlesenes Feld von Mittelstrecklern an den Ablauf. Unter diesen acht Männern be­finden sich nur zwei Europäer und zwar der Ita­liener Lanzi (Meister und Rekordinhaber seines Landes) und der Engländer Mc Cabe. Drei Läufer aus USA., ein Mann aus Kanada, einer aus Australien und schließlich der achte aus Argenti­nien vervollständigen das Feld, in dem drei Ne­ger laufen. Die Spannung vor dem Lauf ist natur­gemäß sehr groß, denn es sind alle Vorbedingun­gen gegeben, die ein Unterbieten des Weltrekordes wahrscheinlich erscheinen lassen: die Bahn ist nach mehreren Regengüssen sehr schnell geworden, und der Sonnenschein am Nachmittag verbreitet eine wohltuende Wärme auf dem grünen Rasen. Besonders erregt unterhalten sich die Engländer vor diesem Rennen. In kleinen Gruppen sieht man sie beieinander stehen und diskutieren. Die 800 Meter der Olympischen Spiele wurden seit 1920 ununterbrochen von den Athleten des Jnselreiches gewonnen, und immer war der Sieg eine Ueber- raschung. Man erinnert sich des grandiosen Rin­gens zwischen dem Neger Edwards auch er steht heute wieder im Endlauf als Favorit und dem englischen Lehrer Hampson, der in Los Angeles nach mörderischem Kampf diesen Lauf in der un­wahrscheinlich klingenden Rekordzeit von 1:49,8 ge- m aiudi auf den anderen Kampfbahnen des Reichs­sportfeldes herrscht reger Wettkampfbetrieb. Die Basketballspieler sind mit Eifer bei ihrem eigenartigen Kampf, den wir in Deutschland leider nicht pflegen und auch kaum kennen. Die Hockey­spieler begannen mit ihren Vorrundenspielen und die Fußballkämpfe haben auf dem Mommsen-Platz ebenfalls begonnen, wobei es beim Kampf Italien gegen Amerika die erste Ueberraschung gab, denn nur mit Mühe und Not vermochten sich die favori­sierten Italiener durchzusetzen.

Eine große Anziehungskraft üben die Kampfe der Fechter aus. Dom frühen Morgen bis zum späten Abend klirren die Klingen in der Turnhalle des Sportforums und der Kuppelhalle. Im Mann­schaftsfechten der Florettfechter hat Deutschland nach eindrucksvollen Siegen über Belgien und Argen­tinien die Schlußrunde erreicht. Auch die Florett- Einzelkämpfe der Frauen haben begon­nen, und hier zeigten sich unsere drei Teilnehme­rinnen von der besten Seite.

In Ruhleben draußen hat sich alles eingesunden, was am Schießen irgendwie interessiert ist. Bunte Uniformen von Heeresangehörigen aus allen Lan­dern leuchten auf den idyllischen Ständen hinter den Kiefern dieses Platzes, und mit größter Spannung verfolgt man die Leistungen der Schützen im Mo­dernen Fünfkampf. Nach drei Hebungen Reiten, Fechten und Pistolenschießen hat sich der deutsche Oberleutnant H a n d r i ck an die Spitze gesetzt, und erst die Ergebnisse des Schwimmens werden die Gewißheit bringen, ob der Deutsche diese 'nappe Führung halten kann. Leider dürfen wir nicht länger bei den Schützen verweilen, die in ununter­brochener Folge ihre 20 Schuß zu 4 Serien aus die nur 3 Sekunden lang erscheinende Mannscheibe knallen, denn drüben aus dem Olympia-Stadion hören wir das Beifallsgeschrei der Massen, die schon ganz bei der Sache sind, als die 50 Welt- springer ihren Anlauf abmessen, während die Dis­kuswerferinnen gerade die ersten Probewurse weit in die Luft hinausschleudern.

Der K a m p f d e r W e i t s p r i n g e r war span­nend und aufregend von A bis Z. Das öprung« wunder Jefsie Owens zwischendurch war der Amerikaner wieder einmal 200 Meter in 21,1 Se­kunden gelaufen und hatte sich freundlich lächelnd von so vielen Verehrern photographieren lassen

Tag für Tag bezaubert das einzigartige Bild, wenn am Nachmittag die Sonne durchbricht und der graue Steinbau des in seiner Gesamtanlage ebenso zweckmäßigen wie schönen Olympischen Sta­dions in einen hellen Schein getaucht wirb. Kräfttg weht der Wind aus Südwest. Die Fahnen flattern, fein säuberlich ausgerichtet.

Im Jnnenraum ist ein geschäftiges Hin und Her. Die Vorbereitungen für die Wettkämpfe des Nach­mittags sind nahezu beendet. Vom Wurfkreis an der Westseite, wo das Diskuswerfen der Frauen entschieden werden soll, laufen in einem rechten Winkel zwei lange weiße Linien bis zum Rand der Laufbahn hinaus. Im Radius sind die Marken von 35 bis 50 Meter aufgestellt. Auf der Laufbahn stehen schon die Hürden, denn der dritte Kampftag wird mit den beiden Vorentscheidungen über die 400-Meter-Hürdenstrecke eingeleitet. Die Schutzplane, die während eines kurzen Regenschauers über die Sprunggruben und letzten Anlaufmeter der Bahn in der Geraden gedeckt worden waren, sind wieder entfernt worden. Auf der Plattform der Anzeigen­tafel stehen paarweise sechs Matrosen bereit, um die olympischen Symbole für die bevorstehende Siegerzeremonie zu hissen. Im Ausschnitt durch die Eckpfeiler des Marathon-Tores fällt der Blick auf

Sonne über dem Stadion.

Oie Sorbcreifungen zu den Wettkämpfen.

In di-I-m Wettbewerb hotte sich die schnellste Frau der Weih das amerikanische Farmermädel chelen Stephens, die Goldmedaille. Sie schlug die Siegerin von Los Angeles, die Polin Stella Walasiewicz. Von den drei deutschen Teilnehmerinnen erkampste sich die Dresdenerin Käthe Krauß den dritten Platz. (Scherl-Bilderdienst-M.)

das Maifeld, wo Deutschland und Hngarn sich einen rassigen Polokampf liefern. Die gewaltigen Stein- tribünen am Glockenturm sind überraschend stark von Zuschauern besucht. Die hier aufgestellten, adler­gekrönten Banner oollführen in dem kräftigen Wind ein lustiges Spiel. In der letzten halben Stunde ist das Stadion wieder wie von unsichtbarer Hand gefüllt. Das Dutzend Hürdenläufer kommt aus dem Marathontor herein, zusammen mit den in kleid­sames Weiß gekleideten Kampfrichtern. Das Präsi­dium des Internationalen Leichtathletik-Verbandes mit dem Schweden Bo Eklund an der Spitze, in roten Jacken und blendendweißen Hosen, geht über den Rasen.

Den Wettkämpfen voraus geht die Sieges­zeremonie für die am Montag im Gewicht­heben der Halbschwergewichtsklasse ermittelten ersten Preisträger H o st i n (Frankreich), Deutsch (Deutschland) und Wasif (Aegypten). Die fran­zösische Nationalhymne klingt auf, während die Trikolore am Siegesmast hochgeht, und vom Augen­blick mitgerissen singt ein kleiner französischer Block das Nationallied mit. Die auf dem Podest stehenden Athleten mit dem (Siegerreif um die Stirn heben den Arm zum Olympischen Gruß.

Sieg verkündet hotte, brachte die Menge schon hn« pulsiv ihrBravo! Gisela!" auf die tüchtige deutsche Olympiasiegerin aus. Wenige Minuten später schritten die drei Erstplacierten, Mauermayer, Weiß und Mollenhauer, unter Führung von drei Mädels des Ehrendienstes, gefolgt von Exzellenz Lewald und Graf Baillet-Latour, zur Sieger-Ehrung. Mit der Front zur Ehrentribüne grüßen die deutschen Mädels den Führer, während das Deutschlandlied und das Horst-Wessel-Lied nacheinander von den Zuschauern stehend gesungen werden. Doll Freud« über ihren Sieg, geschmückt mit dem grünen Lor­beer, winken die deutschen Mädels bei ihrem Ab- §ang der immer noch nicht zur Ruhe gekommene» «uschouermenge zu.

Wöllke zum Leutnant befördert.

Die vierte Goldene Medaille für Deutschland.

(Gisela Mauermayer gewinnt das Diskuswerfen.

In der zweiten Entscheidung des Tages kam Deutschland zu einem neuen schönen Erfolg Die Weltrekordinhaberin Gisela Mauermayer holte sich das Diskuswerfen der Frauen mit der neuen olympischen B e st l e i st u n g von 47,63 Meter vor der Polin Hedwig Weiß mit 46,22 Meter. Die bronzene Medaille errang Paula Mollen- hauer (Deutschland) mit 39,80 Meter. Den vierten Platz belegte die Japanerin N a f a m u r a mit 38,24 Meter vor ihrer Landsmännin Minneshima (37,35 Meter) und der Schwedin Lundström (35,82 Meter).

Von den 20 im Diskuswerfen gemeldeten Mädels fehlte lediglich die Finnländerin Lipasti am Start. In warme Pullover und dicke Wolldecken gehüllt, lagerten sich die 19 Bewerberinnen um den Wurf­kreis. Heberaus unruhig und nervös begann die erste deutsche Teilnehmerin Anna Hagemann. Mit 28,48 Meter kam sie nicht einmal über die 30-Meter- Marke. Doch allen anderen, die ihr folgten, ging es nicht viel besser, bis schließlich die frühere Welt­rekordlerin Hedwig Weiß (Polen) mit 44,69 Meter als Erste die von einer roten Fahne gekennzeich­neten 40 Meter überbot und gleichzeitig damit auch den olympischen Rekord der Amerikanerin Copeland

aus dem Jahre 1932 von 40,56 auf 44,69 Meter verbesserte. Endlos war der Jubel der kleinen pol­nischen Kolonie, die im weiten Rund der hell­blonden, technisch ausgezeichneten Polin mit Sprech­chören dankte. Doch nicht lange sollte die Freude dauern, denn schon mit ihrem ersten Wurf, wunder­voll konzentriert, energiegeballt, mit ganzer Kraft übertraf Gisela Mauermayer aus München um rund drei Meter mit 47,63 Meter die Polin. Die Deutsche Paula Mollenhauer hatte sich vorher bereits mit 38,59 Meter den dritten Platz gesichert. Heberaus wuchtig und kraftvoll schleuderten auch die beiden kleinen Japanerinnen Nakamura und Min­neshima den Diskus.

Mit einiger Bange verfolgten die über 100 000 Deutschen den immer härter werdenden Zweikampf MauermayerWeiß. Während die Polin sich mit ihrem dritten Wurf auf 46,22 Meter verbesserte, kam die Münchner Weltrekord-Inhaberin kaum noch über 44 Meter. Im sechsten und letzten Wurf aber hatte sich Gisela wieder gefunden. Mit Würfen von 43,54 und 44,26 Meter übertraf sie die letzten Weiten der Polin.

Noch bevor der Lautsprecher den neuen deutschen

Auf Vorschlag des Chefs der Ordnungspolizei, Ge­neral D a I u e g e, beförderte der Preußische Mini­sterpräsident Generaloberst Göring den Revier- oberwachtmeister Hans W o e l l k e, der als erster deutscher Leichtathlet im Kugelstoßen eine Gold­medaille errang, zum Leutnant der Schutzpolizei. Leutnant Woellke wird als Sportlehrer in einer geplanten neuen Polizeisportschule Verwendung finden. (Scherl-Bilderdienst-M.)