Ausgabe 
5.5.1936
 
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Hr.104 Zweiter Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)

Dienstag, 5. Mai (936

Bilder aus Neapel

Von unserem Dr. V.-Sonderberichterstaiier.

Neapel, im April 1936.

Der Gesang der ausziehenden Truppen, die vom Bahnhof an die großen, eben fertiggestellten Aus­wanderhallen rückten, schallt herüber. Hier läßt einer aus voller Brust einen langen Sologesang unbekümmert in die staubige Luft des Bahnhofs­vorplatzes steigen. Schallendes Gelächter rings­herum. Die Männer hier sind, scheint's, gewohnt, Regimenter nach Afrika ziehen zu sehen. Sie unö die Gassenjungen von Neapel Legionen wim­meln davon überall herum staunen nur die hoch- gewachsenen, pechschwarzen Askaris an, die zur Feier des Marsches auf Rom vor Mussolini salu­tiert hatten und jetzt wieder auf dem Rückweg zu ihren Truppenteilen sind, die sie in Rom als Ab­ordnungen vertreten hatten.

Abschied von ausziehenden Truppen ist etwas Alltägliches geworden! Alltäglich wie die Sank­tionen!S a n c t i o n i s t i schreien die bettelnden Kinder nach, wenn ihr Geschrei keinen Erfolg hatte. Es ist also bereits ein neues Schimpfwort entstan­den.Sanctionisti! Es stört die Karawanen von Engländern wenig, die nach wie vor an ihr altes Lieblingsziel, den Golf von Neapel, wandern. Aber ihre Flagge hat aufgehört, hier wie in Genua, Venedig oder Livorno die erste Rolle neben der italienischen zu spielen.

Dieser wundervolle Naturhafen liegt tot wie der von Genua. Es ist schon ein Ereignis, wenn der General von Steuden" mit der deutschen Flagge hier auftaucht wie vorher dieMonte Rosa" und die vielbegehrten Scharen deutscher Touristen durch Neapel wandern, den Vesuv besteigen und die schweigenden Ruinenstädte von Pompeji und Her- culanum bevölkern. Fremdenführer und Hoteliers jammern. Die Front der großen Hotelpaläste in Santa Lucia träumt mit herunteraelassenen Jalou­sie über einem Hafen, in dem ein paar blendend weiße Segeljachten einsam kreuzen und nur hier und da eine Barkasse zu den großen Dampfern prescht. Wenn der ständige Küstenverkehr und die Post- und Handelslinien nach Salerno, Amalsi, Capri und Ischia nicht wären, läge alles hinter den schützenden Molen still und reglos wie ein großer Schiffsfriedhof.

Welcher Schwung dabei in dieser tollen Stadt! Mitten im Hafen ragen noch Baugerüste über der riesigen, neuen Auswandererhalle, mo­dernste Bauformen! Wir marschieren durch endlose Gassen der Altstadt. Man reißt sie ein, wie überall in der Welt in Hamburg und London dieGänge- viertel" den modernen Geschäftspalästen weichen. Ein ungeheurer, glatter Bau mit flachem Dach, Bauhausstil", wächst zusammen mit gemäßigter entworfenen Geschwistern in der Hauptstraße em­por. An seiner Seitenfront hat man unbekümmert einen herrlichen Palazzorest mit vier Renaissance­bogengängen übereinander eingebaut! Mit derselben Unbekümmertheit, mit der vier Jahrhunderte vor­dem ein paar Gassen weiter die Dominikanermönche in ihre alte, strenge gotische Kirche die barocke Pracht einer gold- und gemäldeüberladenen Kas­settendecke hineinbauten. Jahrhunderte scheinen an der Vitalität dieser Stadt spurlos vorübergegangen zu sein, in deren Wappen die Roßköpfe stehen.

Jahrhunderte! Karawanen von dreispännigen, hochrädrigen Karren rasseln langsam durch die Gas­sen. Stolz trägt das mittelste Roß den goldgeschmück­ten Pferdekopf als Ziersattel unter der Deichsel, die hoch über die Pferdeköpfe ragt. Soldaten ohne Zahl mit hellgelben Tropenstiefeln und Tropenhüten mit Sonnenbrillen drängen sich durchs Gewühl von Menschen, die keine Eile kennen. Nirgendwo sah ich Menschen so verschiedener Rasse dieselbe Sprache reden! Mattbraun getönte Maurengesichter treffen blonde, hochgewachsene Menschen, dicke, schwarz­haarige Mittelitaliener, die hageren lässigen Gestal­ten von Piemont und Friaul. In keiner italieni­schen Stadt drängt sich das Gefühl, einer armen, sehr armen Bevölkerung gegenüberzustehen, so auf wie hier, wo die Scharen nach Zigarettenstummeln

suchender Kinder sich wenig um die sonst so relativ streng inngehaltenen Bettelverbote Mussolinis küm­mern. Sechsspännige Leichenkutschen dagegen auf der anderen Seite und maßloser Prunk in den un­zähligen Kirchen. Stadt unglaublicher Kontraste. Barcelona, Alt-Marseille- und Neugenua zusam­mengenommen das ist Neapel!

Wir stellten unser Motorrad in Genua in der Empfangshalle eines alten Renaissancepalazzos unter, wo die verblichenen, goldeingefaßten Decken­gemälde an den edlen Tonnengewölben sonderbar mit dem blitzenden Nickel der Autos kontrastierten. Del und Benzindünste stiegen da hoch, wo einst der gemessene Schritt stolzer Nobili hallte. Und hier in Neapel dehnten und streckten sich junge Körper zum Gongschlag des Trainers im Refektorium eines alten Klosters mit dem Blick auf die verwilderten Anlagen eines gotischen Kreuzganges: eine Box­schule in einem alten Kloster, in dessen Kirche neben­an immer noch Kerzen vor denselben Altären bren­nen, vor denen schon Generationen vorher knieten!

Die Orangenbauern von Sorrent undCastelarnare bringen in ihren Körben und Säcken auf hochrädri­gen Karren nach wie vor ihre erlesenen Früchte auf modernen Autostraßen zum Hafen.Portugalis" nennt man sonderbar genug die Sorte, die hier die­ses Jahr selbst die zähen Zweige der Orangenbäume zum Brechen bringt. Aber nicht mehr auf Schiffen, sondern meist auf Schienen wandert jetzt ihr Ernte­segen in die Länder derSanctionisti!

Kein Auswanderer mehr winkt mit dem kärg­lichen Bündel unter dem Arm von den schönen, modernen Schiffen, die im Quai liegen. Die Hun­derttausende, die einst Jahr um Jahr hier zum letzten Male ihre geliebte Heimat sahen, bevor sie

zur harten, zermürbenden Erntearbeit in die end­losen Felder der Pampas von Argentinien fuhren, kämpfen heute in Abessinien oder stehen arbeits­los in den Gassen ihrer Städte umher. Neapel ist als Passagierhafen zur Zeit ohne Bedeutung. Die Truppentransporte sind ein schwacher Ersatz. Als Exporthafen für Südfrüchte, Nüsse, Feigen spielt es keine Rolle mehr.

Dafür heulen die Sirenen doppelt laut in ben Marinewerk st ätten von Caftelamare. Dafür senden jetzt doppelt unangenehm die Schornsteine der riesenhaft ausgebauten chemischen Kunstseide­fabriken von Torre Annunziata und Torre del Greco ihren üblen Qualm in diesen berühmten Golf, den die bizarren Umriffe von Capri, der Steil- abftieg von Sorrent, der Doppelkegel des Vesuvs zu einem der schönsten der Welt gemacht haben. Neue Industrien schießen wie Pilze an der Küste aus dem Boden. Sie haben längst die idyllischen Plätze verdrängt, an denen in der prallen Sonne die gelben Makkaronis trockneten und die Schleifer ihre hübschen Andenken, Ketten, Armbänder und Gemmen aus Perlmutter, Korallen, Muscheln und Glas für die Reiseandenken bedürftiger Touristen aus aller Welt fertigten.

Nirgendwo wirkt die Zusammenballung von Men­schen auf so kargem Raum in Italien eindrucks­voller als hier in Neapel. Nirgendwo darum aber auch die gewaltige Anstrengung in Italien selbst und in Afrika Raum und Arbeit zu schaffen! Arbeit für alle die und Rcrum zugleich, die einst diesen Hafen passierten, um das bittere Brot der Fr emo e zu essen. Fern vom spitzen KegeL des Ve­suvs, dem blinkenden Leuchtturm des Monte Posi- lipo, dem bizarren Zacken von Capri.

DasIayr -er Blumen.

Oie Pflanzenwelt im Mai.

In den vergangenen Wochen hat sich die Natur zwar langsam, aber wesentlich verändert. Wir er­innern uns gut, daß wir schon lange den heran- nabenden Frühling draußen spürten, aber wie sich das für einen echten April gehört, war das Wetter durchaus nicht eitel Wärme und Sonnenschein. Auf einmal waren die Wiesen und jungen Saaten aber doch frisch und grün. Langsam und schrittweise ging es in der Pflanzenwelt voran und oft war man überrascht, da blühten schon Obstbäume und Sträu­cher, hier und dort waren schon Büsche mit jungen, grünen Blättchen zu sehen.

Nun ist die eigentliche Vorbereitungszeit vorbei. Die Blattenfaltung fast aller Holzgewächse geht jetzt schnell voran. Anfang Mai vollendet sich die Be­laubung des Buchenwaldes. DieRoßkaftanie schmückt sich mit ihren prächtigen Blüten, und viele Laub­bäume und die Nadelhölzer blühen in ihrer un­scheinbaren Art. Acker und Wiese sind soweit ab­getrocknet, und der Boden beginnt sich zu erwär­men, so daß jetzt das große Heer der Blumen den Vortrupps der Frühjahrsblüten folgen kann. Viele Waldblumen beeilen sich, ihre Blüten zur Frucht zu bringen, ehe sich das lichtabschirmende Blätterdach über ihnen schließt. Die anderen dagegen, die ge­rade das gedämpfte Licht und die feuchtschwüle Luft des belaubten Waldes lieben, schicken sich zur Blüte an.

Gleich zu Beginn des Monats gesellt sich das all­bekannte und beliebte Maiglöckchen (Conval- laria majalis) zu den Blumen des Vormonats. Die phänologischen Tabellen geben den 2. Mai als Stich­tag für fein Aufblühen an. Dann folgt es in allen Farben und verwirrender Fülle. Nur einige wollen wir herausgreifen. Mit weißen Blüten entdecken wir z. B. das zierliche Schattenblümchen (Majan- themum bifolium), die losen Dolden des Bären­lauchs (Allium ursinum) und den für die Mai­bowle wichtigen Waldmeister (Asperula odo- rata). Geschützt sind die beiden sonderbaren Liliaceen, die vielblütige Maiblume (Polygonatum multiflorum) und das ihr ähnliche Salomons­siegel (P. off.). Die Aehrige Rapunzel

(Phyteuma spicatum), die hübsche Graslilie (Anthericum Liliago), die Hainmiere (Stellaria nemorum) und andere blühen ebenfalls weiß.

Von den gelben blüht zuerst der w o l l i g e H a h - nenfuß (Ranunculus lanuginosus), ihm folgen das Kreuzlabkraut (Galium cruciatum), die Mauer-Nelkenwurz (Geum urbanum), ver­schiedene Habichtskräuter, vor allem das Wald-Habichtskraut (Hieracium silvestre), der seltene, eigentümliche Frauenschuh (Cypri- pedium calceolus) und schließlich die verschiedenen G i n st e r , der dornige Deutsche Gin st er (Ge- nista germanica), der geflügelte ©in ft er (G. sagitalis) und der bekannte Besengin st er (Sa- rothamnus scoparius).

Die zottig behaarte Wald-Lichtnelke (Mel- andrium rubrum) hat große, hellrote Blüten. Rot ober rötlich sind auch einige Orchideen, das g e - meine Knabenkraut (Orchis morio), das purpurrote, das gefleckte und das breit- blättrige. Andere Vertreter dieser eigenartigen, nicht überall häufigen Pflanzen sind die Bleiche Orchidee (Orchis pallens), die Nestwurz (Ne- otna Nidus avis), die Riemenzunge (Himan- toglossum hircinum), die Zweiblätter (Listera ovata) und L. cordata) und das bleiche und das großblütige Waldvögelein (Cephalan- thera pallens und grandiflora).

Die blauen und violetten Blüten sind nicht so zahl­reich. Da wären zu nennen die Teufelskralle (Phyteuma nigrum), die Wald-Akelei (Aqui- legia vulgaris), die offene Glockenblume (Campanula patula), der echte Ehrenpreis (Veronica off.) und andere. Zwei sonderbare Pflan­zen sind noch erwähnenswert, die einzigartige Ein­beere (Paris quadrifolia) und der A r o n st a b (Arum maculatum).

Nicht viel geringer ist im Mai die Zahl der Blumen, die auf Wiesen, auf Weiden, an Rainen und Abhängen und ähnlichen Plätzen wachsen. Wir wollen nur kurz einige wesentliche Vertreter dieser völlig anderen Standorte herausgreifen.

Der wilde Kerbel ober Kälberkropf

(Anthriscus Silvester), der Taubenkropf (Silene inflata), der gemeine Kümmel (Carum carvi), der weiße Klee (Trifolium repens), die Maßliebe (Chrysanthemum leucanthemum) und das Acker-Hornkraut (Cerastium arvense) blühen weiß. Mit gelben Blüten folgen dem L ö - wenzahn und den ersten Hahnenfüßen der scharfe und der Gold-Hahnenfuß (Ranun­culus acer und auricomus), die zweijährige Grundfeste oder P i p a u (Crepis biennis) und der große Klappertopf (Alectorolophus ma­jor). Seltener als dieseUnkräuter" ist die geschützte Trollblume (Trollius europaeus) und die Wilde Tulpe.

Gegen Ende des Monats erscheinen auch rote Blüten auf der Wiese. Etwa die Rote Licht- n e I f e (Melandrium rubrum), die Kuckucks- nelke (Lychnis flos cuculi) in großen Scharen. Stark verbreitet ist auch der r v t e K l e e (Trifolium pratense) und schließlich der Sauerampfer (Rumex acetosa) und der blutrote Storch­schnabel (Geranium sanguineum). Dazwischen stehen noch der blaue Wiesensalbei (Salvia pratensis), die Zaun-Wicke (Vicia sepium) und die beliebten Glockenblumen etwa (Campanula rotundifolia).

Grünliche Blüten trägt der Frauenmantel (Alchemilla vulgaris) und der Mittlere und der Spitz-Wegerich (Plantago media und lanceo- lata) beginnen jetzt zu blühen.

Auf Aeckern, in Gärten, auf Schutt und an Weg­rändern sehen wir außer den beiden letzten z. B. die weißen Blüten des Ackerrettichs (Raphanus rapnanistrum), der echten Kamille (Matricaria chamomilla), weiter den gelbenAckersenf ober Hederich (Sinapis arvensis), bas Schöllkraut (Chelidonium majus) unb die O st e r l u z e i (Aristo- lochia clematitis). Dann noch ben rotblühenben Erdrauch (Fumaria off.) und viele andere neben denen, die Ende April erscheinen.

Auf trockenen Standorten, wie Sand, Fels und Mauern, auf Heide ufw. steht z. B. das weiße Nickende Leimkraut (Silene nutans), der gelbe Hornklee (Lotus corhiculatus), der Wundklee (Anthyllis vulneraria), der Huf­eisenklee (Hippocepis comosa) und schließlich der Färberweid (Istatis tinctoria). Der kleine Wiesenknopf (Sanguisorba minor), die Pech­nelke (Viscaria vulgaris) und die Hunds­zunge (Cynoglossum off.) tragen rote Blüten. Die Kugelblume (Globularia vulgaris) und das Leinkraut (Linaria cymbalaria) blühen blau. Außer diesen gedeihen dort noch Steinbrech­arten, Habichtskräuter und andere mehr.

Schließlich finden wir in diesem Monat Blüten an Standorten, an denen bisher fast gar nichts zu sehen war. Auf sumpfigem Gelände, an Ufern und im Wasser ist jetzt auch der Frühling eingezogen. Das bittere Schaumkraut (Cardamine amara), der Beinwell (Symphytum off.), das Löffelkraut (Cochlearia off.), die gelbe Was- ferfchwertlilie (Iris pseudacorus), die rote Bach-Nelkenwurz (Geum rivale), das Sumpf-Vergißmeinnicht (Myosotis pa­lustris) und das Sump f-Veilch en (Viola pa­lustris) find hier die ersten.

Auf Vollständigkeit macht diese Aufzeichnung, wie schon früher betont, feinen Anspruch. So blieben auch alle Bäume und Sträucher ungenannt. Wir wollen nur auf die Schönheit und den Reichtum der blühenden Pflanzenwelt aufmerksam machen und an- regen, selbst hinauszugehen in den blühenden Mai.

Walter Neurath.

Deutsche Zägerschast.

Iagdgau Oberhessen.

Die Pressestelle des Gaujägermeisters teilt uns mit:

Die Wildmarkierung findet im Jahre 1 9 3 6 ein­heitlich im ganzen Reich durch weiße Wildmarken im rechten Lauscher oder Löffel statt. Diese An­ordnung ist unbedingt zu beachten, wenn die Mar­kierung nicht einen erheblichen Teil ihres Wertes einbüßen soll.

Hauptmann Gorrell und sein Gohn."

Gloria-Palast.

Von den Romanen des Engländers Warwick D e e p i n g ist bei uns in Deutschland wohl die Geschichte des Hauptmanns Stephen Gorrell am bekanntesten geworden. Der Stoff dieses Romans braucht an sich nicht als typisch englisch zu gelten, denn ein Schicksal, wie es hier beschrieben wird, konnte sich, in ähnlichen Entwicklungslinien, auch in einem andern Lande abspielen: es wird berichtet, wie ein Frontoffizier nach Beendigung des Welt­krieges den Boden unter den Füßen verliert; der ehemalige Hauptmann Sorrell sieht feine Existenz vernichtet, es gelingt ihm nicht, eine feiner Er­ziehung und Bildung angemessene Stellung zu fin­den. Seine Frau, egoistisch und falt, ist nicht ge­willt, den Kampf fameradschaftlich an der Seite ihres Mannes mit ihm zu führen: sie läßt sich scheiden, er läßt sie ritterlich fliehen aus seiner brüchig gewordenen Existenz in die Ehe mit einem wohlhabenden, älteren Mann; aber seinen Sohn, Kit, den sehr geliebten Jungen, behält er bei sich. Er hat Pech, der arme Sorrell, das Schicksal ver­folgt ihn, er muß alle Bitternis eines grausamen sozialen Abstiegs auf sich nehmen, und er trägt alle Demütigung und Würdelosigfeit eines subalternen Daseins wie ein Mann. Sein Leben hat jetzt nur noch den einen Sinn, seinem Sohn eine neue Welt aufzubauen, ihm eine Zufunft, eine gesicherte Exi­stenz ein schöneres und glücklicheres Leben zu schaffen. Das gelingt auch: Sorrell gewinnt den Kampf um die einzige große Chance, die ihm das Schicksal noch zu geben hat in diesem Leben: der Junge wird ein richtiger, tüchtiger Kerl, der in sei­nem ärztlichen Beruf Hervorragendes leistet und der auch (nach einiaen Schwiengfeiten) das Mäd­chen zur Frau gewinnt, das ihn glücklich machen wird. Was er als Arzt zu leisten vermag, kann er freilich an dem geliebten Vater nicht mehr bewah­ren: als sie erfahren, wie es um ihn steht, ist es zu spät; Hauptmann Sorrell hat sich verbraucht und aufgerieben in dem Kampf um das Gluck feines Sohnes. Man wird bereits aus diesem fluchtigen Handlungsaufriß entnommen haben, daß die eng­lische Filmproduftion (British and Dominions Film Corporation Ltd.) mit denselben Problemen zu fämpfen hat wie unsere eigene: die Grundgesetze des Films sind, wie man an diesem in mehrfacher Hinsicht lehrreichen Beispiel sieht, durchaus über­national. Schon aus der flüchtigen Andeutung wird

man den ganz epischen Charafter der Fabel erfannt haben, und es gibt in Deepings Roman, wie in den meisten andern Romanen auch, nicht sehr viel, was sich zu einer wirklichen Umgestaltung durch Drehbuch und Kamera anböte ober gar aufdrängte. Dabei folgt das Drehbuch dem Roman in allen wesentlichen Teilen, besonders zu Anfang, genau. Wir sagten es schon: fein typisch englischer Lebens- ausschnitt, den Deeping schildert, sehr englisch aber, wie er ihn schildert; sehr englisch auch die wichtia- ften Gestalten, welche die Handlung bewegen ui>- tragen. Und es scheint uns ein unbestreitbarer Vor­zug des Films zu sein, daß er das eigentliche Eng­lische auch durch die deutsche Bearbeitung (Dia­log: Richard Busch; Regie: R W. N o a ck) deut­lich durchschimmernd auf eine glückliche und liebenswürdige Weife bewahrt; gerade in der bri­tischen Wortkargheit beispielsweise in diesem Ro­man, dessen stärkster innerer Antrieb aus einem großen und zärtlichen Gefühl kommt; und aerabe auch bas menschlich zarte, von Deeping entzückenb geschilderte Verhältnis zwischen Vater unb Sohn ist im Film erhalten geblieben, obgleich natürlich vieles von bem, was bas Buch sehr reizvoll aus- geftaltet, schon aus äußeren unb räumlichen Grün- ben fallen mußte; man spürt bie Konzentration unb auch bie Sprünge unb Nahtstellen innerhalb des übertragenen Erzählungsablaufes sehr beutlich, unb ber Leser, bet bieses Buch lieb gewann, wirb man­ches im Film vermissen. Der Spielleiter Jack R a y - m o n b arbeitet geschickt unb mit kultivierter Ver­waltung ber ihm gegebenen Mittel; er hatte ein paar filmisch brauchbare Einfälle unb war im übrigen bemüht, aus ber Vorlage nach feiner Weise bas Beste zu machen, ohne bie Eigenart unb bie menschlichen Qualitäten bes Originals zu zerstören. Daß fein Film auf beträchtliche Strecken eine photo­graphierte Erzählung würbe, konnte er kaum ver- meiben; boch gelang es ihm, in manchen Augen­blicken (während ber großen Operationsszene zum Beispiel) eine nicht nur äußere Spannung zu er­zielen, fonbern eine Verbichtung unb Beseelung bes geschilberten Vorganges ganz aus bem Mensch­lichen heraus. Dazu half bem Regisseur in erster Linie bie noble Darstellung bes Sorrell burch H. B. Warner, ber, wie uns scheint, ben Menschen, ber hier gezeigt werben sollte, wirklich in feiner Totalität unb vollen Spannweite erfaßt: biefer Hauptmann ist eine echt englische unb babei ganz menschliche Gestalt, ein Gentleman, ber auch als Schuhputzer ben ehemaligen Offizier nicht verleug­net, ber immer bleibt, was er war; eine leise rüh- renbe, burch unb burch liebenswerte Erscheinung. Gut gezeichnet, sehr glaubroürbig, wirkt auch Hugh

Williams (Kit in späteren Jahren) und Margot G r a h a m e in ber nicht besonbers bankbaren Rolle ber Mrs. Stephen Sorrell. Winnifreb S h o 11 e r (Molly) hingegen erreicht mit ihrer Rolle nicht ganz bie Geräumigkeit unb innere Dichtigkeit ber Roman- figur. Donald Ca11hrop (Drange) unb Ruby Miller (Frau Palfrey) möchten wir noch erwäh­nen. Arthur S ch r ö b e r spricht ben Sorrell in der deutschen Fassung sehr angemessen.

*

Es wird um des verhältnismäßig selten mög­lichen Vergleiches mit einer ausländischen Produk­tion willen nicht nur den Lesern von Dee­pings Roman wertvoll sein, diesen englischen Film kennenzulernen. Im Beiprogramm findet man u. a. einen sehenswerten Kulturfilm aus dem WefterwälderKannenbäckerland".r

Wie die Vögel Heimfinden.

Daß die Brieftauben auch auf weiteste Ent­fernung hin imstande sind, wenn sie verschickt wur­den, den heimatlichen Schlag wiederzufinden, ist bekannt und wird oft genug benutzt. Aber die Er­fahrung hat gezeigt, daß derartige Versuche auch mit wildlebenden Vogelarten in weitem Umfange gelingen. So wurden in Amerika Seeschwalben rus Florida verschickt, in Bayern Blaukehlchen und Gartenrotschwänze, die durch Aluminiumringe ge­kennzeichnet waren und die zum Teil schon nach 2 bis 3 Tagen in die heimatlichen Brutgebiete zu­rückfanden. Nachdem nun auch Stare aus Winsen bei Hamburg nach Hannover und Göttingen ver­schickt und richtig wiedergekehrt waren, nahm sich die Wissenschaft der Sache an, und so wurde im Jahre 1934 ein großzügiger Verschickungsversuch mit Staren über ganz Deutschland ausgeführt, über dessen Ergebnisse in der Frankfurter Wochenschrift Die Umschau" näher berichtet wird. Es wurden 350 Stare aus allen Teilen des Reiches, aus Hes­sen, Bremen, dem Rheinland, aus Schlesien, Ost­preußen und so weiter mit der Eisenbahn nach Ber­lin geschickt, wo sie gekennzeichnet, gefüttert, ge­tränkt und sofort wieder freigelaffen wurden ... Ein großer Prozentsatz von diesen Staren erschien überraschend schnell wieder in der alten Heimat und konnte, nachdem er abermals eingefangen war, die Reise von zum Teil über mehr als 400 Kilo­meter wie eingeflogene Brieftauben nochmals zu­rücklegen.

Im vorigen Jahre wurde nun die Flugzeugver­bindung in den Dienst dieser Versuche gestellt und nur Stare und Schwalben verwendet, die in

Scheeßel und Winsen an der Luhe beheimatet unb eingefangen waren. Man konnte bie Vögel so auf größere Entfernungen verschicken; so würben zwölf Stare nach Gleiwitz, 700 Kilometer entfernt, ge­bracht, unb es kehrten zwei Stare aus Winsen nach 6 unb 7 Tagen zurück, nach Scheeßel in ber gleichen Zeit alle mit Ausnahme von breien, bie vielleicht unt'erroegs verunglückt finb. Nach Malmö in Schweben würben 63 Vögel geschickt, von benen bie Hälfte zurückkamen. Sieben Rauchschwalben würben nach Lonbon gebracht, von benen 5 zurück- kehrten; Mehlschwalben kamen aus Gleiwitz unb Lonbon schon am übernächsten Zage wieber in ihre Heimat.

Nicht nur bie Brutplätze, fonbern auch bie Win­terquartiere finben bie Vögel in wenigen Tagen wieber, wie sich aus Versuchen in Zusammenarbeit mit ber Schweizer Vogelwarte Sempach kürzlich ergab. Im Dezember 1935 würben Lachmöven aus Berlin borthin verschickt unb halb barauf auf ber Rückreise beobachtet; eine Lachmöve würbe schon zu Neujahr an ber gleichen Brücke in Berlin, wo sie ergriffen worben war, einmanbfrei festgestellt. Umgekehrt blieben in ber Schweiz eingefangene schwarze Wasserhühner nicht bei ihren zahlreichen Artgenossen, bie auf den Havelfeen überwintern, sondern wanderten zum Genfer und Vierwaldstätter See zurück. Der unglaubliche Orientierungssinn der Zugvögel ist durch diese Versuche erwiesen; worauf er beruht, bleibt vorläufig noch ein ungelöstes Rätsel.

Gefährlicher Triebsand.

An der englischen Küste gibt es Strecken, in denen wie bei uns an der Kurischen Nehrung der Trieb­sand erhebliche Gefahr bringen kann. Das zeigte sich, wie aus Liverpool berichtet wird, dieser Tage wieder, als eine siebzigjährige Frau hilflos in bem Trieb- fanb zu versinken brohte unb nur baburch gerettet würbe, baß ein Polizist ihre Hilferufe hörte unb zu ihrer Befreiung herbeieilte. Er kannte bie Gefahr aber genügenb unb wußte, baß er sich nicht aufrecht ber Stelle nähern konnte: er warf sich also zu Boben unb rollte sich borthin, inbem er möglichst in Bewe­gung zu bleiben suchte. So gelang es ihm, an bie alte Frau heranzukommen unb sie auf festen Boben zurückzubringen. Die Frau, bie völlig erschöpft war, erzählte, baß sie, um frische Luft zu schöpfen, am Strande entlang roanberte, als sie plötzlich ihre Füße versinken fühlte. Immer tiefer glitt sie hinein, und sie war schon bis zu den Hüften im Sande, der eine ganz schwarze Färbung hatte, versunken, als der Nettes sie erreichte.