Ausgabe 
4.8.1936
 
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fahrplanmäßigen Züge brachten etwa 95 000 Fahrgaste. Am 2. August trafen 53 Son- oerzuge mit 27000 Fahrgästen ein. Mit den fahr­planmäßigen Zügen kamen etwa 91 000 Besucher an.

Jestaufführung im Staatlichen Schauspielhaus.

DNB. Berlin, 3. Aug. Im Rahmen der gro­ßen kulturellen Veranstaltungen, die Deutschland seinen olympischen Gästen darbietet, fand am Mon­tagabend im Staatlichen Schauspielhaus eine F e ft» v o r st e l l u n g statt, in der zum ersten Mal d i e ,,L>restie" von Aeschylos in der lieber- setzung von Ullrich von Wilarnowitz-Möl- lendorff zur Aufführung gelangte. Mit der des Schauspielhauses zeigte man den auslän­dischen Gästen zugleich eine der hervorragendsten in der ganzen Welt bekannten Schinckel-Bauten. Auch die Wohl dieses Bühnenwerks, das große Ge­stalten alter griechischer Geschichte aufkleben läßt, erscheint dem Charakter der Olympischen Spiele gut angepaßt. Der Festaufführung wohnten außer dem Hausherrn, Ministerpräsident Generaloberst Göring, und seiner Gattin die Reichsminister Dr. Frick, Dr. Goebbels, Generalfeldmarschall von Blomberg, Freiherr von Neurath, D arr6, Schacht und Graf Schwerin-Kro- s i g k, zumeist mit ihren Damen, bei.

des Weltkrieges nieder. Anschließend marschier­te der Zua nach der Reichskanzlei und nahm ihr gegenüber Aufstellung. Eine Abordnung des Bundes unter Führung des Bundesführers Friedrich Kuhn wurde dort vom Führer empfangen und übergab ihm als Ehrengeschenk das Goldene Buch, das rund 6000 Unterschriften mit den Grü­ßen des erwachten Amerika-Deutschtums für das deutsche Volk und seinen Führer enthält. Außerdem überreichten sie ihm eine Spende von 2300 D o (lat für das kommende Winterhilfswerk. Der Führer dankte den Amerika-Deutschen auf das herz­lichste für ihre Gaben. Nachmittags legte eine starke Abordnung des Amerika-Deutschen Dolksbundes a m Grabe Horst Wessels ebenfalls einen Kranz nieder.

Italienische Gtudenten

bei der deutschen Jugend zu Gaff.

Auf Einladung des Auslandsamtes der Reichs­jugendführung trafen sich die zur Zeit in Berlin weilenden 550 italienischen Studenten mit den An­

gehörigen der Hitler-Jugend und der italienischen Kolonie am Sonntagabend bei Kroll zu einem Kameradschaftsabend, der im Zeichen der freundschaftlichen Verbundenheit der deutschen und der italienischen Jugend stand. Im Lause des Abends verkündete der Leiter des Auslandsamtes, Gebietsführer Schulze, daß im September d. I. 500 Hitlerjungen eine Jtalienfahrt unternehmen werden. Der Leiter der italienischen Studentenschaft und Vizepräsident der faschistischen Unioersitätsjugend Mezzosoma drückte die Be­wunderung seiner Kameraden für die grandiose Organisation der Berliner Olympischen Spiele aus und schloß mit einem Wort Mussolinis, daß gerade die Jugend immer in vorderster Front für ihr Va­terland und für das Wohl der Menschheit kämpfen müsse. Mezosoma überreichte dem Gebietsführer Schulze im Auftrage des italienischen Regierungs­chefs ein Bildnis des Duce mit der in deutscher Sprache abgefaßten Unterschrift:Der Hitler-Jugend zum Zeichen meiner herzlichen Sym­pathie. Mussolini."

Louis Vleriol, der Pionier des Menschenfluges.

Zum Tode des ersten Lleberfliegers des Aermelkanals.

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Der Festaufführung im Staatlichen Schauspiel­haus wohnten weiter bei die Reichsminister Rust, Eltz vonRübenach und S e l d t e, Reichsfüh­rer SS Himmler, der Reichsjugendführer Bal­dur von Schirach, die Reichsstatthalter Ritter von Epp und Meyer, die Staatssekretäre Lammers, Meißner, Funk, Pfundtner und Kröhne. Die Diplomatie war u. a. vertreten durch die Botschafter von Frankreich, England, Polen, der Türkei, Japan, Chile, Brasilien und Sowjetrußland, die Gesandten von Dänemark, Schweden, Finnland, Argentinien, Rumänien, Oesterreich, der Tschechoslo­wakei, Ungarn, der Schweiz und Jugoslawien. Außerdem waren anwesend die Mitglieder des IOK., weiter sah man unter den vielen ge­ladenen Gästen zahlreiche bekannte Männer aus Politik, Geistesleben, Wirtschaft und Sport. In der Begleitung von Reichsbankpräsident Dr. Schacht be­fand sich auch der Gouverneur der Bank von Frank­reich L a b e y r i e. Als Hauptdarsteller wirkten mit Friedrich Kayßler, Hermine Körner, Wal­ter Frank und Maria Koppenhöfer. Die Spielleitung hatte Lothar MÜthel.

Empfänge beim Führer.

Berlin, 3. Aug. (DNB.) Der Führer und Reichskanzler empfing den Besuch des Prä­sidenten des chinesischen Reichsprüfungshofes T«i- schitao, der sich als S o n d e r b e I e g i e r t e r der chinesischen Regierung auf einer Europareise befindet und sich zur Zeit in Berlin auf­hält. Ferner nahm der Führer und Reichskanzler den Besuch des früheren Botschafters der USA. in Berlin Unioersitätspräfidenten Dr. Dr. h. c. Jakob Gould Shurman entgegen. Später empfing der Führer und Reichskanzler den Königlich un­garischen Finanzminister von Fabinyi und den Oberkommandierenden der ungarischen Honveds, General der Infanterie von Shvoy. Mittags stattete seine Hoheit der Maharadscha Gaekwar von B a r o b a dem Führer und Reichskanzler einen Be­such ab. Der Führer empfing alsdann den italieni­schen Presse- und Propagandaminister Dino. Al- sieri, der bereits Ende der vergangenen Woche nach seiner Ankunft in Berlin dem Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda einen Besuch abgestattet hatte.

Amerika-Deutsche in Berlin.

D^ anläßlich der Olympischen Spiele in der Reichshauptstadt weilende Reisegesellschaft des Amerika-Deutschen Volksbundes ver­sammelte sich am Sonntagoormittag am Potsdamer Bahnhof und marschierte unter Vorantritt einer SA.-Kapelle zum Ehrenmal Unter den Linden. Während das Lied vom guten Kamera­den erklang, legte der Bundesvorstand einen großen Eichenkranz mit einer Widmung für die Gefallenen

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Der französische Flieger Bleriot, der als Erster den Kanal im Jahre 1909 überflog, starb in Paris im Alter von 64 Jahren. Dieses Bild zeigt ihn auf dem Höhepunkt seines Lebens: Nach der glücklichen UeberfUegung des Kanals wurde er herzlich von feiner Frau in Dover begrüßt. (Scherl-M.)

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Der Name Louis B l 6 r i o t s , des soeben ver­storbenen großen französischen Fliegers und Flug­zeugkonstrukteurs, ist für immer verbunden mit einem der ganz großen Fortschritte der Menschheits­geschichte. Die heute junge Generation ist schon mit dem Wissen um die Möglichkeit des menschlichen Fluges aufgewachsen. Der Anblick des fliegenden Menschen ist ihr von Kindesbeinen an so vertraut wie die Erscheinung der Eisenbahnen oder des Autos. Louis Bleriots Name klang zum erstenmal in eine Zeit hinein, die den Anblick der fliegenden Maschine in der Bläue des Himmels und das Don­nern der Motoren aus der Höhe noch nicht kannte.

Die ersten Flieger, die ersten Männer, die ihr Le­ben und ihren Glauben an den Menschenflug einem gebrechlichen Gestell aus Bambus und Leinwand anvertrauten, waren Helden. Geheimnis umwitterte sie, und in dem, was sie unternahmen, war für die Zeitgenossen, die das Neue recht begriffen, etwas tatsächlichUeberirdisches": sie eroberten dem Men­schen die dritte Dimension, die ihm bisher verschlos­sen gewesen war, obwohl der Mensch seit Jahr­tausenden nicht aufgehört hatte, sich in den Raum hinaufzusehnen. In der Sehnsucht, zu fliegen, ver­körperte sich der ganze menschliche Traum von Frei­heit, der Drang nach oben war das Symbol des Flugs der Menschenseele in die Regionen außer­halb des Erdenstaubes.

Unter den Männern, die als erste den Willen zum Fluge verkörperten, war Louis Bleriot einer der Besten, und das, was ihm gelang, ge­hörte zu dem Eindruckvollften, was die neuen Flug­menschen den erschütterten Zeitgenossen zu zeigen vermochten. Echter Ersinder, wahrer Pionier einer großen Menschheitsidee, gab es für ihn keine Grenze des persönlichen Einsatzes. 1900 schon hatte er sich der Flugidee zugewendet. 1903 betrat er den Weg, auf dem er, einer unter den Wenigen, deren sicherer Instinkt die Möglichkeiten technischen Fluges richtig erkannten, dem Menschen das Fahrzeug der Lüste mit schuf. Sieben Maschinen baute er, bevor st)M der erste wirkliche Flua gelang. Sechs waren Fehlkonstruktionen und zerschellten. Jedesmal er­hob sich Louis Blöriot mit ungebrochenem Mute aus den Trümmern. Als seine Maschine Nr. VII flog, wußte er, daß er gewonnen hatte.

Aber noch war der Sieg nicht vollkommen. Wirk­lichfliegen" konnte in den Augen der Laienwelt nur bedeuten: über Land fliegen, von Ort zu Ort. So baute Blöriot feine Maschine Nr. VIII und flog von Toury nach Arthenay, 14 Kilometer weit und zurück. Die nächsten beiden Maschinen mißlangen, und um die Jahreswende von 1908 zu 1909 stand Bleriot am kritischen Punkt. Er hatte ein Vermögen geopfert und sah den weiteren Weg nicht. Aber er gab nicht nach und baute Nr. XI. Nach einem halben Jahr war die Maschine slug- bereit. Aber diesmal mußte etwas ganz Großes geschehen. Eine Londoner Zeitung hatte einen Preis von 25000 Francs für den ersten lieber» flieger des englischen Kanals ausgesetzt. Mit einer solchen Tat mußte es gelingen, die Menschheit für die Flugidee ganz zu gewinnen! Es war ganz die Aufgabe, die dem starken Tem­perament Louis Bleriots entsprach. Und er löste sie auf Anhieb. Am 25. Juli 1909 meldeten die Mit­tagsblätter, daß Louis Bleriot den Aermelkanal zwischen Calais und Dover in 27 Minuten und 21 Sekunden überflogen habe!

Die heutige Zeit kann kaum noch die Bedeutung dieser Tat ermessen. Der erste Flug über das Meer war zugleich der erste Flug von Land zu Land, über

eine politische Landesgrenze hinweg. Wir haben seither erlebt, daß Lindbergh von Amerika nach Europa flog; feit seinem großen Sieg sind alle Meere und alle Kontinente überflogen worden, ja, es haben schon Flieger den ganzen Erdkreis durch­messen. Ihrer aller Leistung soll nicht geschmälert werden, aber was sie erreichten, war jedesmal ein Plus gegenüber der Leistung vorher. Don der lieber- fliegung des Aermelkanals zur UeberfUegung des Atlantischen Ozeans war gewiß ein geroaltiaer Schritt, aber ein Schritt auf einem schon gebahn­ten Wege. Bleriots Leistung erfolgte gleichsam aus dem Nichts heraus. Sie war eine echte, große Pionierleistung. Bevor Louis Bläriot den englischen Kanal überflog, hätte niemand behaupten dürfen, daß der Mensch in wenigen Jahren imstande [ein würde, den Ozean zu überfliegen. Seit Bleriots Kanalflug war der Ozeanflug nur noch eine Frage der Zeit.

Louis Bleriot ist gestorben. In wenigen Tagen feiert Deutschland das Andenken seines großen Flugpioniers Otto Lilienthal, dessen Leistung am Anfang aller Fliegekunst steht. Ohne Lilien» thal kein Bleriot; denn auch Blsriots Ma­schine geht direkt zurück auf Otto Lilienthals Lebenstat. Der Deutsche setzte sein Leben ein und starb den Fliegertod, noch ehe er fliegen konnte. Aber fein Erbe genügte, um die, die nach ihm kamen, das Fliegen zu lehren. Die Flügel, mit denen Bleriot flog, hatte ihm Lilienthal geschenkt. Bleriot setzte sein Leben ein, wie Lilienthal. Ihm aber wurde der volle Erfolg einer großen Leistung. Neidlos erkennt das deutsche Volk, das mit Recht auf Otto Lilienthal stolz ist, dem großen Franzosen Louis Bleriot den Lorbeer zu!

Marxistische Provokation.

Französische Bolksfrontler demonstrieren an der deutschen Grenze.

Saarbrücken, 3. Aug. (DNB.) Während in Deutschland anläßlich der Olympiade die deutsche Jugend für den Frieden der Welt eintritt, eine Kundgebung, an der sich über 50 Nationen betei­ligen, laufen undisziplinierte rote Banden an der deutschen Grenze bei Saarbrücken (Gol­dene Brenn) entlang und provozieren auf eine un­erhörte Art und Weise. Am 2. August um 16 Uhr fand auf der Spicherer Höhe bei Saar­brücken eine große Kundgebung der fran­zösischen Volksfront statt, an der sich etwa 3000 Personen beteiligten. Nach Beendigung dieser Kundgebung zogen die einzelnen Teilnehmer in auf­gelöster Ordnung mit fliegenden Sowjetfahnen, Trikoloren und Volksfrontfahnen an die deut­sche Grenze und veranstalteten mit erhobenen Fäusten gegen das deutsche Gebiet und unter Ab­singen der Marseillaise und der Jnternattonale eine Kundaebung. Außerdem wurden .von der Masse Ballons aufgelassen, die Flugzettel hetze­rischen Inhalts trugen und auf deutsches Gebiet flogen. Garde Mobile und Gendarmerie schützten diese Kundgebung. Hohe Offiziere der Garde Mobile nahmen an ihr teil. Angesichts des klar be­tonten Friedenswillens Deutschlands bedeutet die­ses Verhalten, das von Hunderten Deutscher in völ­lig disziplinierter Haltung beobachtet wurde, eine Herausforderung sondergleichen.

Beförderungen in der Wehrmacht.

Berlin, 3. Aug. (DNB.) Der Führer und Reichskanzler, hat mit Wirkung vom 1. August 1936 befördert: Zum General der Kavallerie: den Generalleutnant von Kleist, Kommandie­render General des VIII. Armeekorps; zu Gene­ralen der Infanterie: die Generalleutnante B l a s k o w i tz, Kommandierender General des II. Armeekorps; Geyer, Kommandierender Gene­ral des V. Armeekorps; zu Generalen der Artillerie: die Generalleutnante Grün, In­spekteur der Artillerie, von Kluge, Komman­dierender General des VI. Armeekorps; zu Gene­ralleutnanten: den charakterisierten Gene­ralleutnant Muff, Militärattache bei den deut­schen Gesandtschaften in Wien und Bern mit dem

FideUo-EplsoVe.

Don Alfred Gemerau.

Der Sommerwind fuhr durch das offene Fenster, packte die auf dem Klavier lehnenden Noten und auf dem Deckel liegenden beschriebenen Blätter und wirbelte sie zu Boden. Beethoven, der, die Hände auf den Tasten, hie und da einige Akkorde ergrif­fen hatte, fuhr unwillig aus seinem Grübeln auf, sprang vom Stuhl und las die Blätter auf. Er trat ans Fenster, um es zu schließen, sah zu dem nahen Park des kaiserlichen Lustschlosses Hetzendorf hm und sog die würzige Lust in vollen Zügen ein. Wäre er nur schon früher aufs Land gegangen, bann hätte er feineLeonore" schneller gefördert. Er brauchte Luft, Sonne, Wald, Wiese, Berge, wenn seine Arbeit gedeihen sollte, und in der engen staubigen Stadt hatte er sich nur mühsam, wie auf einem dunkeln unbekannten Weg, vorwärts getastet. Dazu kamen die Verdrießlichkeiten seiner Jung­gesellenwirtschaft wenn auch die Freundin No­nette Streicher hilfreich eingriff, lästige Besuche, auch fand sich der Textdichter Sonnleithner häufig ein, um sich mit dringlicher Verbindlichkeit namens feines hohen Chefs, des Hofoperndirektors Baron von Braun, zu erkundigen, wieweit das Werk ge­fördert fei, das im Herbst im Theater an der Wien aufgeführt werden sollte. All das hemmte die Ar­beit.

Endlich entschloß sich Beethoven, mit feinem Freunde Stephan von Breuning, dem treuenStef­fen", in ein nettes saubres Häuschen am Hetzen­dorfer Park aufs Land zu ziehen. Hier war es still, hier war er von unbequemen Besuchen ver­schont,Steffen" störte ihn nie, das Essen wurde gebracht, und hier gab es keine Nanni oder Baberl und wie die vertrackten Dienstboten sonst hießen, die ihm in der Stadt das Leben verbitterten. Hier ging es auch mit der Arbeit rasch vorwärts, so daß er zufriedener als sonst mit sich war und mit (Stef­fen weniger brummte. Die Partitur konnte in we­nigen Tagen beendet sein, dann ging es an die Instrumentierung,O namenlose Freude Nach unnennbarem Leide So übergroße Lust ..." summte er, während er zu den Alleen mit den breit» wipfligen Bäumen des Parks hinsah. So fangen nach ihrem endlichen glücklichen Wiederfinden Leo­nore und Florestan, und nun kam das letzte Fi­nale. Fernando, der Minister, erscheint, befreit die Liebenden aus der Gewalt des schurkischen Gou­verneurs Pizarro, und der Kerkermeister Rocco ruft dem Retter zu:Nur Euer Kommen rief ihn fort!" nämlich Pizarro aus dem Kerker, wo er die Liebenden erdolchen wollte. Beethoven sah die Szene vor sich, die Bastei vor dem Schloß, mit

Wachen, Soldaten, Offizieren, Volk und den beim Erscheinen des Ministers knienden Gefangenen, die Fernando begrüßten:Heil sei dem Tag '..."

Er warf den Kopf empor, lauschte mit halb ge­schlossenen Augen, schrieb hastig auf ein Blatt, eilte zum Klavier und spielte, ganz der Eingebung hingegeben, die ihn ergriffen hatte. Ein vielstim­miger Jubelgesang stieg auf und füllte das Zimmer mit feiner wundersamen Harmonie. Die Tür ging, Breuning trat ein, ging still zu einem Stuhl und fetzte sich. Beethoven brach ab, nickte ihm zu:Das Finale! Höre zu! Wenn du was zu bemerken hast, warte bis zum Schluß!" Und er begann beim Chor: »Heil sei dem Tag ..." und endete mit dem freu­digen:Wer ein solches Weib errungen ..." Breu­ning, der seinen Sitz so nahe herangerückt hatte, daß er den Noten folgen konnte, sprang, als Beet­hoven die Hände sinken ließ, empor, umarmte stür­misch den Freund und sagte:Herrlich! Der Schluß ist eine Jubelhymne, wie sie noch nie erklungen ist!" Beethoven sah vor sich hin, die buschigen'Brauen aneinandergerückt:Also gelungen! Und alles ist dir nach Wunsch? Nichts zu bemängeln?"

Eine Kleinigkeit, ein Nichts!" Breuning suchte das Notenblatt.Hier! Rocco sagt zum Minister: Nur Euer Kommen rief ihn fort! Du betonst 'Euer', wäre es nicht wirksamer, wenn du den Nachdruck auf das Wörtchen ,nur legtest? Denn das Kommen Fernandos gibt doch den Ausschlag." Beethoven sah gedankenvoll auf das Blatt, mur­melte unverständlich, wiegte zweifelnd den Kopf und sagte:Vielleicht. Laß mich jetzt! Geh zum Park, ich bin bald bei dir, ich muß auch hinaus." Als er allein war, saß er brütend, unbeweglich, die Augen starr auf den Noten, murmelte:Nur Euer Kommen ... Nur Euer Kommen ... rief ihn fort ... Steffen hat recht. Es klingt besser, wirksamer und ist auch richtiger" Er durchkreuzte die Stelle und schrieb sie in der neuen Lesart an den Rand des Blattes. Dann versank er wieder in tiefes Sinnen. Das Werk zog von der ersten mun­tern Szene zwischen Jaquino und Marcelline bis 3um Schluß an ihm vorbei. Er überhörte das Pochen an der Tür und schrak erst auf, als sie aus- ging. Unwirsch über die Störung auffahrend, er­heiterte sich sein Gesicht, als er Frau Nanette Streicher sah, um sich zu verdunkeln, als hinter ihr Sonnleithner erschien. Aber Nanettes lustige herzliche Art ließ kein Mißbehagen bei ihm auf­kommen: Sie habe einmal nach dem Freund in feiner dörflichen Einsamkeit sehen wollen, und da ihr Mann sie leider nicht habe begleiten können, habe sie sich sehr gefreut, daß Herr Sonnleithner die Fahrt mit ihr gemacht hätte. Nachdem sie ihre Wiener Neuigkeiten erzählt und Beethoven, so gut es in feiner Art lag, den höflichen Wirt gemacht

hatte, sagte er:Das Werk ist so gut wie fertig. Sonnleithner, ihr beide kommt mir gerade gelegen. Ihr sollt ein Stück hören. Merkt au,i"

Nanette setzte sich erwartungsvoll im Sofa zu­recht, Sonnleithner, nicht weniger gespannt, stand, die Hand auf Beethofens Stuhl gestützt. Dieser be­gann mit dem Chor:Heil sei dem Tag ..." und hob die neue Lesart:N u r Euer Kommen ..." besonders hervor.Was gibts?" fragte er unwillig, als er eine Bewegung Sonnleithners am Stuhl ver­spürte.Gefällt Ihnen die Kompositton nicht?" Doch, wunderbar gelungen. Nur diese Stelle, ver­ehrter Meister ... Des Ministers Kommen allein hat die Rettung herbeigeführt, und da müßte es doch heißen:Nur Euer Kommen ..."Da haben wirs!" brummte Beethoven.Nun will der wieder recht haben ... und hats vielleicht auch, wie ich von allem Anfang an recht hatte." Dann wandte er sich an Nanette mit einem Anflug von Humor:Was meinen Sie?" Sie zuckte die Achsel: Ich hielte es für wirksamer und klarer, wenn der Hauptton auf dasKommen" gelegt würde. Denn gerade, daß der Minister zur rechten Zeit kam, gibt ja den Ausschlag."

Da sprang Beethoven auf und lachte unbändig: dann sagte er, während ihn die beiden verdutzt an­sahen:Ein Tausendglück, daß ihr nur zu zweit kamt, denn wären euer ein halb Dutzend, gäbs mehr Deutungen und Vorschläge als der Vers Sil­ben und Füße hat. Da bin ich in einer schönen Klemme. Wißt ihr, wie ich mir vorkomme? Lest die Fabel von Lafontaine, von dem Bauern und seinem Sohn, die ihren Esel zum Markt führen und dabei auf das Gerede und den Rat der Leute hören ... und danach tun. Nun laßt mich über eure Vorschläge nachdenken. Geht zum Park, dort wartet Steffen auf mich, ich bin auch bald da." Als sie hinaus waren, setzte er sich wieder ans Klavier Wo steckte das Richtige? Aber je länger er nach­dachte, desto unschlüssiger und verwirrter wurde er Endlich griff er zur Feder:Hols der Henker! Ich bringe alle Lesarten an. Eine davon wird gewiß die wirksamste und also die richtige sein.' Das Publikum soll entscheiden?"

Die Fahnenschwinger und ihre Kunst.

Bei ihrem Einzug in Berlin grüßte die Schwei­zer Mannschaft mit Fahnenschwingen, und es wird öfter Gelegenheit fein, diese alte Kunst, die bei uns in Vergessenheit geraten ist, während der Olympi­schen Spiele zu bewundern. Heute wird sie fast nur noch in der Schweiz gepflegt und dort als wirkungsvolles Schaupiel ausgeführt; eine mit kurzem schweren Handgriff versehene Fahne wird

in allerlei kunstvolle Schwingungen versetzt, hoch­geworfen und wieder aufgefangen. Bei uns wurde die Kunst des Fahnenschwingens vor allem in den Zünften gepflegt, und seitdem diese ihre Bedeutung verloren haben, ist auch das Fahnenschwingen außer Brauch gekommen. Bei großen Festlichkeiten der Zünfte oder sonst, wenn die Zünfte einen öffentlichen Umzug hielten, mußte im Festzug ein Fahnenschwinger sein. Manche Gesellen bildeten sich eigens zu großen Künstlern im Fahnenschwingen und Werfen aus. Sie waren deshalb besonders hoch in der Zunft gehalten und wurden nicht nur wegen ihrer Kunst von den anderen Gesellen be- wundert, sondern bekamen bei solcher Gelegenheit ihre Leistungen gut bezahlt. Noch in den sechziger und siebziger Jahren konnte man bei öffentlichen Aufzügen in Berlin Fahnenschwinger bewundern, so bei dem sogenannten Mottenfest der Schneider, auch bei Erntefesten usw. 1840, bei der Huldigungs­feier für König Friedrich Wilhelm IV. wurden glänzende Proben dieser Kunst von den Fahnen­schwingern der Innungen in Berlin abgegeben. Die Leistungen wurden in den Berichten der Zeitungen ausführlich erwähnt und besonders von Ausländern viel bewundert, denn im Auslande war der Brauch völlig unbekannt.

Ein altes Nürnberger Büchlein bekanntlich blühten in Nürnberg besonders die Zünfte, und die Fahnenschwinger sanden dort oft Anlaß, sich zu produzieren enthielt eine genaue Anweisung, wie die Fahnen mit Vorteil auch zierlich getragen und geschwungen werden sollen, mit schönen Kup» ferftürfen in Truck verfertigt durch Joh. Renner und Sebastian H ä u ß l e r." Es gab da bis zu 120 verschiedene Touren. So konnte ein Fahnenschwin» ger zum Beispiel eine ganze Anzahl von Fahnen mit der Rechten und Linken in die Lüfte werfen, sie immer wieder auffangend und durcheinander wirbelnd. Ein andermal erschienen die Fahnen in einem Bogen, mit großer Geschicklichkeit von einer Seite zur anderen geworfen, daß es aussah wie ein Pfauenrad. Dann wieder warf der Schwinger mehrere Fahnen hoch in die Lüfte und fing sie mit Sicherheit wieder auf. Um die dabei entwickelte Sicherheit zu beachten, muß gesagt werden, daß alles von den Fahnenschwingern im Marschschritt ausgeführt wurde. Mindestens ist es bedauerlich, daß. den Handwerksgesellen mit diesem Brauche auch eine sehr gute Kraftübung verlorenging, denn es gehörte ebenso Kraft wie Gewandtheit dazu. Es wird behauptet, daß bei den Maurern und Zimmerleuten die besten Fahnenschwinger waren, und die anderen Innungen sich bei Festen diese Gesellen ausborgten.