Ausgabe 
3.9.1936
 
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llr.206 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen) Donnerstag.^.September M6

Krokodile wachsen schnell und schreien.

Die allgemeine Ansicht ist, daß Krokodile sehr langsam wachsen, und besondere Größe der Tiere gilt für ein Zeichen ehrwürdigen Alters. Vom eng­lischen Zoologischen Garten wird diese Ansicht neuer­dings angefochten, wenigstens für Krokodile in der Gefangenschaft. Es scheint, daß die Regelmäßigkeit des Fältters beim Wachstum der Reptile eine be­deutende Rolle spielt. Die Reptile können Fasten­zeiten von einer Länge aushalten, die für Säuge­tiere den Tod bedeuten würden. Bei den in Frei­heit lebenden Tieren und grade bei der Lebensweise der Krokodile sind solche langen Fastenzeiten un­vermeidlich, und sie haben im Organismus die Folge einer Wachstumsunterbrechung, sogar, wenn die Hungerperiode lange genug anhält, eines dauernden Wachstumsstillstandes, so daß von den freilebenden Krokodilen und Alligatoren nur wenige die ihnen von Natur aus mögliche Größe erreichen. Die im Londoner Zoo befindlichen Krokodile sind jedenfalls so rasch gewachsen, daß ihr Teich jetzt erheblich er­weitert werden mußte. Man schätzt dort, daß ein von seiner Geburt an gut und regelmäßig gefütter­tes Krokodil während seiner Hauptwachstumszeit bis zu 30 Zentimeter im Jahr wachsen kann. Es wächst wahrscheinlich bis zu seinem Lebensende, vom 7. oder 8. Jahr an aber immerhin erheblich langsamer. Natürlich ist es auch bei den verschiede­nen Arten verschieden, aberGeorge", das größte Krokodil in London, ist ungefähr 4 Meter lang und dabei, obwohl es oft als hundertjährig geschätzt wurde, wahrscheinlich nicht älter als 30 oder 40 Jahre. Seit 1927 ist es etwa 120 oder 150 Zenti­meter gewachsen. Dagegen ist ein anderes, später gefangenes und jetzt schon sehr altes Eremplar nie länger als 60 Zentimeter geworden. Hier handelt es sich wahrscheinlich um so ein durch langen Nah­rungsmangelzurückgebliebenes" Tier.

Eine andere wenig bekannte Tatsache aus dem Reich der Alligatoren ist die, daß sie keineswegs so stumm sind, wie sie den Besuchern tagsüber er- scheinen. Sie sind Nachtgeschöpfe und bei Dunkel­heit erwachen ihre Stimmen. Zwar die jüngeren Tiere verhalten sich gewöhnlich schweigend, aber die alten stoßen gebellartige Schreie aus, die manch­mal schon fast Gebrüll zu nennen sind. Aus seinem einsamen Behälter ruftGeorge" dem ehrenwerten Alligator am anderen Ende des Reptilienhauses zu, und der antwortet ihm, während die fischfressen­den Krokodile Töne von sich geben, die, wenn man schon irgendein Bild dafür sucht, nur mit den Ge­räuschen von Seekranken zu vergleichen sind.

I

Stadt.

Der September 1916 ift in der deutschen Kolonialgeschichte em schmerzlicher Erinnerungstaa An diesem Tage ging im Kampf um Deutsch- Ostafnka die Hauptstadt der Kolonie, Dares­salam, an den englischen Gegner verloren

Seit langem schon ist die Hauptstadt der Kolonie e»n verlorener Posten. Ihr Kommandant ist Kapltan zur See Loosf. Einst war er Kom­mandant des kleinen KreuzersK ö n i g s b e r a" Seit dem 11. Juli 1915, 2 Uhr nachmittags, ist er ein Kapitän ohne Schiff. Im Rufiji-Fluß zu Anker liegend, von 21 Schiffen der Briten ange­griffen, hat er fein Schiff, selbst schwer verwundet in die Luft sprengen lassen. Seitdem ist seine Mannschaft zurAbteilung Königsberg" der deut­schen Truppenmacht in Ostafrika geworden, er selbst seit dem letzten HerbstKommandant von Dares­salam" undChef der Etappenleitung von Deutsck- Ostafrika".

Seit Anfang August geht es mit Daressalam zu Ende. Von Land und See her rückt der Feind der Hauptstadt immer näher. Seit langem schon hat der Kommandant vorausgesehen, daß die Tage sei­ner Macht gezählt sein würden. So hat er der Schutztruppe, die im Innern des Landes kämpft, alle überzählige Mannschaften geschickt. Im No­vember war seine Garnison noch 1500 Mann stark; jetzt sind es nur noch 150, und an Geschützen hat er nur noch zwei. Im Frühjahr waren es noch fünf gewesen. Dann hatte der Kommandant die ersten zwei an die Nordfront abgegeben, ein drit­tes Anfang Juli nach Bagamojo geschickt. Dort hat es der Feind am 15. August überrumpelt.

Die zwei Geschütze, über die Kapitän Looff noch verfügt, sind das Letzte, was von seinem stolzen Schiff noch übrig ist. Es ist nicht viel, aber ein echter Seemann macht aus zwei Geschützen zehn. So viel Geschütze glaubt der Feind in Daressalam. Das macht der Kommandant auf folgende Weise: Er hat dem Feind geschickt verborgen, daß sich sein Geschützbestand im letzten Vierteljahr um drei Ein­heiten vermindert hat. Bei Nacht hat er sie fortge­schickt. In aller Heimlichkeit wurden sie abtrans­portiert; kein feindlicher Spion hat von dieser Minderung der Hauptstadt erfahren. Seitdem hat Kapitän Looff seine beiden letzten Geschütze streng bewachen lassen. Keine Zivilperson hat sich ihnen nähern dürfen. Und mit seinem kostbaren Besitz hat er dem Feinde draußen ein lustiges Theater vorgespielt. Seit dem Frühsommer hat er die orts­festen Schiffsgeschütze auf fahrbare Lafet­ten gesetzt. Seitdem gelingt es ihm, durch fort­währenden Stellungswechsel, durch Anlagen von Scheinbatterien und andere Täuschungsmanöver den Gegner in den Glauben zu versetzen, er habe fünf mal mehr Artillerie als er tatsächlich hat.

Seit dem 21. Juli schießt das englische Blockade­geschwader wild drauflos, um die vermeintlich starke Artilleriemacht von Daressalam außer Ge - fecht zu setzen. Am 21., 29. und 30. Juli sowie am 16. August schießt der Gegner mit heftigstem Feuer ganze Häuserviertel in Brand. Aber die Geschütze die lumpigen beiden Geschütze! zum Schwei­gen zu bringen, gelingt ihm nicht. Hunderte von Granaten schüttet er auf die Batteriestellungen, die Aufschläge der Geschosse läßt er durch Flieger be­obachten, aber die Geschütze selbst erleiden keinen Schaden, und täglich stehen sie wo anders. Schweigt das feindliche Feuer und denkt der Feind, er habe nun endlich Erfolg gehabt, bann läßt der Kommandant die beiden Geschütze regelmäßig noch einige Schuß auf den abziehenden Gegner feuern. Das" hat die Wirkung, daß der Feind an zehn Ge­schütze glaubt.

Nun aber ist es Zeit, den Widerstand zu beenden und das kleine Verteidiger-Häuflein vor der Ein­schließung zu retten, um es in Deutsch-Ostafrika bedeutet der Mann noch etwas! für andere

auf seinem Posten. Als alle Anderen abgerückt sind, verläßt er selbst mit seinem Stabe die Stadt, begibt sich aber in die Nähe des Funkturms und beobachtet von dort die weiteren Ereignisse. Dann kommt die große, schwere Stunde. Der britische KreuzerChallenger" erscheint unter der weißen Flagge vor der Insel Makatumbi, auf der der Leuchtturm steht. Er bringt ein Ultima- tum des englischen Geschwaderchefs. Der Walfisch­fängerEcho" übernimmt es, bringt es zur Hafen­sperre und schickt es durch sein Boot an Land.

Sie haben Bemerkenswertes geleistet und eine tapfere Verteidigung durchgeführt. Uebergeben Sie sich oder Ihre Stadt wird bombabiert unb zerstört werben. Wir garantieren das Leben der Bevölkerung, vorausgesetzt, daß die unmittelbare Uebergabe sämtlicher bewaffneten Truppen und des Kriegsmaterials ftattfinbet. Privates Eigen­tum wirb respektiert werben. Nichtkombattanten wirb gestattet sein, in ber Stadt zu verbleiben. Zu diesem Zwecke ersuchen wir, daß Ihre Stadt- polizei fortfahren wird, ihren Dienst des Schutzes des Eigentums weiterzuführen, bis unsere Streit­kräfte die Stadt besetzen. Drahtlose Verbindung kann nicht gestattet werden. Es muß eine Ga­rantie gegeben werden, daß der Hafen frei von Minen ist. Eine Antwort auf diese Forderung muß innerhalb 2 Stunden von dem Zeit­punkt ab gegeben werden, an dem der Ueber- bringer dieses Briefes den östlichen Punkt der Hafeneinfahrt passiert, und muß gegeben werden durch Hissen des SignalsJa" oderNein" nach dem internationalen Code auf dem Flaggenstock der östlichen Hafeneinfahrt.

gez. Edward Charlton Konteradmiral, Geschwaderchef.

gez. Price Brigade-General, Kommandeur der Küstenbrigade.

Da zur Zeit der Abgabe des englischen Ultima­tums keine Truppen mehr in Daressalam standen, es also auch keinen Kommandanten, ge­schweige denn einen Militärgougerneur gab, wurde der Brief an den einzigen, auf Befehl des Gouver­neurs zurückgebliebenen Beamten, einen Gouoerne- mentssekretär übergeben, der die weiteren 23er - Handlungen mit dem Geschwaderchef zu führen hatte. Der Kommandant hatte die Flaggleinen an der Signalstation unb an allen Regierungsgebäu- ben vor bem Abmarsch entfernen lassen, um zu Der- Hinbern, baß von unberufener Seite weiße Flaggen gehißt würben. So konnte bas geforberte Signal nicht gegeben werben. Der Gouvernementssekretär fuhr beshalb an Borb bes englischen Flaggschiffes unb erklärte bem Abmiral, baß bie deutschen Truppen Daressalam verlassen

Aufgaben zu bewahren. Jetzt gibt es nichts mehr zu nerteibigen. 150 Mann gegen 2000 ist ein schlechtes Zahlenoerhältnis! Mit 1000 Mann ist ber Feind zu Fuß aus Narben von Bagamojo herge­rückt. Er steht schon unmittelbar vor ber 31 Don Norben unb von Westen ist sie schon voll­kommen eingeschlossen. Unb 1000 Mann hat das Geschwader als Landungskorps an Bord. Sie wis­sen nicht, daß diese Stadt schon leer ist vom Ver­teidiger. Sie glauben noch an starke Truppen­macht und starke Artillerie, als zwei Drittel der Besatzung mit den beiden Geschützen schon nach Süden rücken. Nur 50 Gewehre stark ist die Nachhut, die im Weichbild der Stadt bleibt, um Plünderungen des Europäerviertels durch die Ein­geborenen zu verhüten. Verteidigung der Stadt durch die Nachhut wäre zwecklos. Sie hätte nur ein Blutbad unter der Zivilbevölkerung zur Folge, ohne daß es möglich wäre, den Feind auch nur vorübergehend aufzuhalten.

So kommt der frühe Morgen des 4. September. Der Kommandant bleibt bis zum letzten Augenblick

Daressalams letzter deutscher Tag.

Die Uebergabe der Hauptstadt Deutsch-Ostafrikas am 4. September 1916.

hätten.Gegen 8 Uhr morgens", so hat Konter­admiral Charlton amtlich über das Ereignis be­richtet,kamen der stellvertretende Bürgermeister, der Bankdirektor und ein Dolmetscher und nahmen alle Bedingungen der Uebergabe an. Unsere Trup­pen erhielten sofort durch Funkentelegraphie den Befehl, in die Stadt einzurücken. Alle Schiffe liefen in die Bucht von Daressalam. Ich ging mit meinem Stabe um 2.30 Uhr nachm. an Land, und um 3 Uhr wurde der Union Jack auf dem Be­zirksgebäude mit allen Ehrenbezeugungen gehißt." Bis auf einige Landsturmleute, die der Marsch­anstrengung nicht gewachsen waren und in Fein­deshand fielen, kamen alle aus Daressalam Ab­

marschierten durch die Einschließungslinte hindurch. Die StammabteilungKönigsberg" war der letzte geschlossene Truppenteil, der Daressalam vor der Besetzung verließ. Auch er war kaum ein ge« schlossener Truppenteil zu nennen, denn die meisten seiner Angehörigen waren erst am Tage zuvor von den verschiedenen Arbeitsstellen der Stadt zurück­gezogen worden. Sie hatten gerade noch ihre Sachen packen können, ehe sie abmarschierten, unb mußten gleich einen anstrengenden Fußmarsch als Geschützbedeckung ausführen.

Dies war der letzte Tag der deutschen Hauptstadt Daressalam, der Kolonie Deutsch-Ostafrika.

Das Zahr der Blumen.

Die Pflanzenwelt im September.

Das Korn ist geschnitten, die Aecker stehen leer, die zweite oder auch dritte Heuernte ist beendet die Erntewagen rollen. Der Monat steht vor allem in den ersten Wochen, wie schon das Ende des vorigen, im Zeichen der Ernte. Nach Roggen und Weizen, Hafer und Heu folgte Lein oder Flachs, bann kommen Rüben und Kartoffeln. Die Obst­ernte steht bevor, die Beerensammler durchsuchen Wald und Hecke, und die Weinlese beginnt bald.

Wohin man sieht, erfüllt rege Arbeit das Land. Es ist eine ganz andere Zeit. Ein anderer neuer tatenfroher Geist herrscht draußen, als zu Som­mers Anfang, zur Rosenzeit oder gar im blühen­den Mai wie lang ist das her. Jetzt sieht die Landschaft ganz anders aus, und mit anderen Augen sieht man die Welt: keine hellgrünen und gelben Fluren mehr, sondern braune Äecker, fahl­gelbe Stoppelfelder, kurzgeschorene Grasnarbe. Nicht nur in äußerlich Sichtbarem ändert sich die Natur, sondern ihr ganzes Wesen, das sich vor allem im Wetter ausprägt. Kühle, frische Morgenluft, viel Nebel taunaß biegen sich Gras und Halm, lang­sam verteilt sich der Nebel, die Sonne bringt durch, unb es wird über Mittag oft noch recht heiß. Herr­liche, weiße Wolkenballen ziehen am tiefblauen Himmel, Zugvögel wandern mit ihnen gen Süden dann kühlt es schnell wieder ab zum frühen Abend und gegen Ende des Monats fetzen oft schon die ersten Nachtfröste ein. Der September ist anders als die Sommermonate, wenn auch nicht gerade dererste" den Umschwung bringt. Der Kalender kündet den 24. September als Tag des Herbstanfangs und dieses astronomische Ereignis kennzeichnet den ganzen Monat. Bald wird das Laub anfangen sich zu verfärben,Altweibersom­mer", die feinen weißen Gespinste, die jungen Spinnen als Segelflugzeug dienen, weht über kahle Felder, und morgens hängen wie kostbare Wunder­werke tauperlenglitzernde und bereifte Spinnetze im Gezweig.

Wer denkt bei seinem Gang durch diese herrliche Septemberwelt mit ihren satten Farben und herben Schönheiten an neue, frisch erblühte Blumen? Wo­zu auch? Es blüht ja noch überall; Blumen und Stauden vom August und Juli haben noch nicht ausgeblüht, und viele andere tragen noch unent­wegt ihre uns bekannten Blumen. Aber das Far­bendurcheinander ist nicht mehr so groß, besonders da, wo die Wiesen frisch gemäht find. Weiß und gelb scheinen uns vorherrschend, das sind die Far­ben des Spätsommers in Wald und Wiese. Aber noch mehr findet der Wanderer draußen. Im August wiesen wir darauf hin. Es ist die Zeit der Frucht­reife in der Pflanzenwelt, und so leuchten aus Hecken und Gebüsch hier und da, oft wie einzelne glänzende Perlen, mitunter als dichte volle Büschel oder wie lockeres Gehänge die vielen Beeren in mannigfaltiger Form und Farbe aus dem grünen Laub.' Stets zu zweien sitzssn die scharlachroten, giftigen Beeren der Heckenkirsche (Lonicera xylosteum) am Ende des kurzen Stieles. In lockeren Dolden hängen die hochroten länglich-runden Früchte

des Schneeballes (Viburnum opulus) über den drei- oder fünflappigen Blättern. Schwarz hängen die kugeligen Früchte der großen Dolde vom Holun­der (Sambucus nigra). In den dornigen Zweigen der Schlehe oder des Schwarzdorns (Pru­nus spinosa) hängen größere eiförmige hellblau bereifte Steinbeeren. Schwarzblaue Beeren, die noch die dreieckige Narbe an der Spitze haben, trägt der Wacholder (Juniperus salsius), der bekannte Machandelbaum, in seinen Nadelquirlen. Diel gesucht und gern gegessen sind die mattroten Sam­melfrüchte der Himbeere (Rubus idaeus) und die glänzend schwarze Brombeere (Rubus fructi- cosus). Im Waldinnern findet man die glänzend schwarze Tollkirsche (Atropa belladonna), deren äußerst giftige Frucht daran einwandfrei xu erken­nen ist, daß noch der fünfteilige Kelch an ihr haftet. Auf dem Boden schattiger Laubwälder erhebt sich aus dem welken Fallaub auf kurzem Stengel der korallenrote Fruchtstand des Aronstabes (Arum maculatum), dessen kantige Beeren sich dicht an der Spitze des Stieles zusammendrängen. So gibt es noch viele schwarze, blaue, dunkelrote oder rotgelbe Beeren und Früchte aller Art.

Ein durchdringender Geruch im Wald erinnert an das Geschlecht der Pilze, für deren viele der Sep­tember die Hauptzeit des Erscheinens ist. Die Stink- m o r ch e l zwar kommt schon viel früher nach war­men Sommerregen, aber der Hallimasch mit feinem gelbbraunen, braun-schwarz beschuppten Hut erscheint jetzt an alten Stämmen und Wurzeln im Laub- und Nadelwald, auch an Baumstümpfen und auf Waldwiesen stehen die bräunlichschwarze G r u - ben-Lorchel und die weißlichgelbe Herbst- Lorchel, in Nadelwäldern der gelbe bis rötlich­braune Gelbliche Bitterling, in Laubwäl­dern, besonders häufig im Buchenwald der aschgraue Nebel-Trichterling oder die schwärzlich­braune Totentrompete im Gebüsch feuchter Wälder und noch manche andere.

Es gibt aber gar viel zu sehen, manches neue und viel bekanntes, so viel Sommerblumen noch, die uns schon vor Wochen begegneten, daß man gar nicht daran denkt, nach neu erblühten Blumen zu suchen bei diesem Reichtum der spätsommerlichen Natur an anderen Schönheiten. Wie suchen wir noch im Frühjahr nach jedem neuen Pflänzchen, nun vermißt man gar nichts, wenn der Zuwachs nachläßt und findet das auch ganz in der Ordnung so, denn der Sommer geht zu Ende, die Früchte reifen, dieJahresringe" der Bäume werden enger, und bald stellen sie das Wachstum ganz ein, bald wer­den die Blätter fallen ... und doch gibt es noch neue Blüten! Die Natur ist eben unerschöpflich. In der spätsommerlichen Pracht der Gärten tauchen immer noch neue Farben auf. Noch eine ganze Reihe von Kultursorten der Aster (Aster spec.) blühen nun, deren gärtnerische Namen, wie die dunkelblaueSchöne von Eisenach" oder die hell­blaueLichtflut" ja nur dem Gärtner geläufig sind. Aehnlich ist es bei den vielen spät blühenden Ab-

I arten der Wucherblume (Chrysanthemum cari-

Der Bremer Rosielenker.

Von Hermann Bredehöst

Unterhalb des Stadttheaters zu Bremen steht, mitten im Grün der Wallanlagen, em Denkmal, der Rosselenker geheißen, welches einen vollständig unbekleideten Mann darstellt, der ein leichtfüßig trabendes Roß am Halfter führt. Die Bremer sind auf dieses Kunstwerk dermaßen stolz, daß sie seit langem Ansichtskarten davon Herstellen. Sie wissen frelhd) nicht, welch betrübendes Mißoerstandns vor Jahren einmal mit dem Vertrieb einer dieser Kar ten heraufbeschworen wurde und daß, ungeachtet der Lobpreisung des Denkmals durch viele Kenner und Künstler, eine einfache s^au eme Art Krttik darüber zum besten gab, welche sie, auch hmpcyl lich ihrer merkwürdigen Auswirkung, mcht oer- mutet haben würde.

Die Frau eine Witwe, welche ihre drei Kinder nach dem frühen Tode ihres Mannes unter Muhen und Entbehrungen gr°hg-z°g-n hatte, worauf zw Don ihnen gleich in die Fremde gmgen, um Ser Mutter nicht länger zur Last zu f ' gMH. einem ländlichen Vorort der Hanfes Milch­

handel, auch zog sie Gemüse, d°e st- °°n M. ch künden oerkauste. Trotz ihrem targM)'* roar die Frau bisher immer zufrieden gewesen uno und arbeitsam waren, so glaubte 1 ten banad) zum Klagen zu haben und hielt s ch a $ b < Und wie nun zu Michaeli bte 3ung|te evens eine Stellung annehmen woll e hieß^ste 1« .^9 gehen, weil sie meinte, end ch Tochter ging, alten Tage sorgen zu muK/blDVb°e ßgft ber aber da spürte die Mutter denn $ Einsamkeit; sie litt darunter und sehnt« ihren Kindern, hütete sich all - schwach er- offenbaren, weil sie vor ihnen nicht scyw j

fei sie gewiß zu alt. ,

®ines Oftobermot0ßn3 nun^ t^rem gewöhn- karren über die Straße ziey , in emen

ten Kundengang zuruckkehrte, fleri

scheinen wollte. .

Di- Leere ihre- W««**** 7n den"7un beklemmender für sie unb ßIJnabenben, ba außer hereinbrechenben dunklen He L, ,üqcn nUr das ihren eigenen Schritten und Atemzügen n^ Geknister bes Herbfeuers obe waren, unb Kaffeewassers unter ^rem Dach yo Mann

i° dachte, wie schon -o doch «««.^« ^hn be- -tzt noch, aber der war 1°f 3 bafür

jraben, unb sich einen anoern a

Menschenauflauf unb \al) zu, wie ein betrunkener Mann gerade seine heulende Frau aus der Tür stieß. Die Frau ward von einigen Leuten aus der Menge aufgehoben, es kam ein Schutzmann und brachte sie ins Haus zurück, währenddessen sich die Unbeteiligten in lauten Verwünschungen ergingen. Die Witwe war bes häßlichen Vorgangs kaum recht ihnegeworben, als neben ihr ein älterer Mann in einem blauen Schlosserkittel sagte, es vermöge eben nicht jeder zu schätzen, was eine Frau wert sei. Sie stimmte ihm zu, und der Mann fügte an, er sei seit langem Witwer und müsse es wissen. Sv kamen die beiden in ein Gespräch, und weil sich jetzt die Menge verlief, gingen auch die davon, in­dem sie mutmaßten, welches wohl ber wahre Grund des Streites sein möchte. Es stellte sich nun heraus, daß der Mann Straßenbahnschlosser war, welcher zufällig in dem Vorort zu tun hatte, und sie ver­hehlte ihm nicht, daß auch sie seit zwölf Jahren Witwe sei. So schritten sie einträchtig nebeneinan­der her, unb ber Milchkarren holperte hinter ihnen brein, sie sprachen wie zwei Menschen, die einander lange nicht gesehen hatten, obwohl keiner boch ben anbern kannte, unb ber Faden ihres Gesprächs riß nicht ab. Zuletzt entdeckten sie gar, daß sie der gleichen Liebhaberei frönten, nämlich dem Kartof­felbau, aber hier zeigte sich, daß sie doch nicht in allem übereinstimmten, denn der Schlosser lobte bie roten Junker, während bie Witwe ben blauen Jn- buftriefartoffeln ben Vorrang zuerkannte. Deshalb lub sie ihn auf der Stelle ein, ihre Kartoffelernte zu begutachten, und da ging er gleich mit und half ihr sogar, den Karren den schmalen Deichweg hm- aufziehen. Der Schlosser bemerkte wohlgefällig bie Drbnima ihres bescheidenen Hauswesens unb sand, daß die Witwe noch rüstig war, und als sie zu guter Letzt in ber Küche zu einem wärmenden Schluck Malzkaffee niedersaßen, dachte er bei ftd), fte gäbe gewiß keine schlechte Frau für ihn ab sie klagte ihm auch ihre Einsamkeit, und ste dauerte ihn nicht wenig Und da die beiden, wie alle schlichten Men­schen recht freimütig in ihren Äußerungen und zudem ja längst über die tollen Jahre hinaus waren, so besprachen sie zuletzt offen die Möglichkeit zu­einander zu ziehen und sich zu ehelichen. Er sagte ihr nun auf den Pfennig genau, was er verdiente, sie aber rechnete ihm vor, wieviel sie mitsamt den Erträgnissen aus ihrem Milchgeschäft davon er­sparen könnten. Und als er sich dann von ihr ver­abschiedete, wußten sie beide längst, daß sie gut mit­einander auskommen wurden. Der Schlosser kam fortan zu ihr ins Haus, und so blieb es nicht aus, daß allmählich ihre nächste Nachbarin aufmerksam wurde, ein geschwätziges Wesen, bem die WltvV einen in ihrem Glück treuherzig in allem Antwort staub

unb ihr auch den Namen bes Schlossers anver­traute.

Die Nachbarin fanb nun bald heraus, daß ihre Schwester den Schlosser seit langem kennen müsse, und erbot sich, Auskunft über ihn einzuholen, unb ruhte nicht eher, bis sie sie haarklein beisammen hatte. Dann erzählte sie der Witwe, zunächst in vagen Andeutungen und nachher, als diese flehent­lich in sie drang, ganz offen, der Schlosser lebe mit einer Haushälterin zusammen, die eben nicht den besten Ruf genieße, auch suche er öfter Wirtschaf­ten auf und gebe sich mit einer Wirtin ab, deren Mann verstorben sei und wäre überhaupt überall als Weiberheld bekannt, obwohl man ihm, wie allen verschlagenen Menschen, freilich nichts hand­greiflich nachweisen könne. Diese Auskunft machte die Witwe zwar in ihrem Vorhaben schwankend, boch nahm sie sich vor, ben Mann selbst barum zu fragen. Es war aber zwischen ihnen abgemacht, daß sie sich am kommenden Sonntag zum ersten- mal in der Stadt treffen wollten, wofern der Schlosser, was bisher noch unbestimmt war, dienst­frei hatte. In diesem Fall hatte er versprochen, ihr zu schreiben, wo und um welche Zeit er sie er­warte. Der Witwe gingen die Tage unter bangen Zweifeln dahin, welche die geschwätzige Nachbarin fleißig zu schüren verstand mit ihren dunkeln Mut­maßungen, so daß die Bettoffene, auch wohl in Erinnerung an den neulich erlebten Ehestreit, am Ende glaubte, es müsse etwas Wahres daran sein und beinahe darüber jeder Vorfreude verlustig ging. Als ihr nun am (Sonntagmorgen der Postbote eine Karte überbrachte, auf welcher der Liebhaber in seiner schweren und ungewandten Schrift kurz mit- teilte, sie möge um vier Uhr am Roland auf dem Marktplatz sein, mit Worten, welche einem Befehl ähnlicher waren als einem Liebesbrief, obwohl diese Form nur aus der Unbeholfenheit des Schreibers in solchen Dingen zu erklären war, da wäre sie trotzdem noch bereit gewesen, zu ihm zu gehen. Nun aber drehte sie die Karte um und sah auf der Rückseite den Rosselenker abgebildet, den sie, die so selten und immer nur flüchtig in die Stadt kam, noch nie bemerkt hatte. Sie entsetzte sich heftig über das Bild, in der Meinung, daß es nichts anderes als eine versteckte Aufforderung bedeute und des Schlossers wahre Gesinnung eindeutig enthülle. In diesem Augenblick kam die Nachbarin herzu, und da sagte sie halb empört und in halber Scham: Ich gehe nicht, Gretchen, du hast in allem recht, er schickt mir diese Schmutzkarte, was soll ich bloß davon denken, sieh nur: ein nackter Kerl und ein nacktes Pferd!" Und wie sie andern Tags den Schlosser den Deichweg heraufkommen sah, drehte sie eilig den Hausschlüssel um und stellte die Schelle ab.