Ausgabe 
3.7.1936
 
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Sachverständige Dr. Popp bezeichnet das Saponin als ein ziemlich gefährliches Herzgift. Die Karten­legerin Rocker habe die Erzeugnisse des Müller Vertrieben. Der Sohn der Rocker war im Ge­schäft des Müller tätig. Frau Rocker und Frau Vogler hingen sehr eng zusammen.

Fra u Vogler erklärte zunächst, alle Aussagen dieses Zeugen seien von Anfang bis zu Ende er- logen. Dann glaubt sie plötzlich, der Pharmazeute Müller könne jener geheimnisvolleOn­kel Ehr Hard" sein. Da Müller heute tot ist, kann man ihm alles Mögliche zuschieben. Endlich erklärt die Angeklagte, sie werde bei der Verneh­mung der Frau Rocker und ihres Geliebten Holz­hauer weitere Angaben über diese Fragen machen.

Das deutsche Problem in der Tschechoslowakei.

Ministerpräsident HodzazurNedeHenleins.

Prag, 2. Juli. (DRV.) Der tschechoslowakische Ministerpräsident H o d z a versicherte im Senat, daß die Regierungsmehrheit bereitwillig die Mit­arbeit der Deutschen Christlich-Sozialen Partei an­nehme, der Mnisterpräsident wandte sich gegen den Ausspruch HenleinsLieber will ich mit Deutsch­land gehaßt sein als aus einer Gegnerschaft gegen Deutschland Vorteile ziehen". Der Ministerpräsident erklärte, in der Tschechoslowakei bestehe kein Haß gegen Deutschland. Es sei geradezu tragikomisch, daß die Politik der großen deutschen nationalen Äe- wegung in der Tschechoslowakei auf einer, solchen irrigen Voraussetzung beruhen sollte. Damit ver­liere auch die sudetendeutsche Bewegung ihre eigent­liche moralische Basis. Die tschechoslowakische Regie­rung habe die Aufgabe, für die Interessen der zahl­reichen Deutschen im tschechischen Sprachgebiet ebenso Sorge zu tragen wie für die Interessen der Tschechen im überwiegend deutschen Gebiet. Die deutsche Minderheit werde ihre politische, mora­lische und zivilisatorische Mission nicht erfüllen kön­nen, wenn sie sich von den Tschechen territorial oder sonstwie trennen wolle. Ihre Bedeutung liege eben in ihrem Zusammenleben mit den Tschechen. Die Lage des deutschen Volkstums habe durch die Kund­gebung Henleins einen Schlag erlitten. Die tschecho­slowakische Staatlichkeit werde immer mit den Deutschen rechnen und die nationalen Probleme im Einverständnis mit ihnen lösen. Niemals aber werde sie mit jenen rechnen, die versuchten, diesen Staat gegen das Deutsche Reich zu stellen oder die Deutschen gegen den tschechoslowakischen Staat.

Kunst und Wissenschaft.

Eugen Klöpfer wird Generalintendant in Berlin.

Im Zuge einer Neuordnung des Berliner Thea­terwesens sind die Theater am Nollendorfplatz und in der Saarlandstraße mit der Volksbühne am Horst-Wessel-Platz vereinigt worden. Der Reichs­minister für Volksaufklärung und Propaganda, Dr. Goebbels, hat den Staatsschauspieler Eugen Klöpfer als Generalintendanten mit der Gesamt­

Eugen Klöpfer. -* (Scherl-Bilderdienst-M.)

führung dieser Theater beauftragt, nachdem der preußische Ministerpräsident, Generaloberst G ö - ring, Eugen Klöpfer für diese Aufgabe frei­gegeben hat. Im Einvernehmen mit dem Intendan­ten der Preußischen Staatsschauspiele, Gustaf Gründgens, wird Eugen Klöpfer in der näch­sten Spielzeit bei den Preußischen Staatstheatern noch in zwei Rollen auftreten. Generalintendant Eugen Klöpfer übernimmt die Führung der Volksbühne. Der Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda hat die Führung des Theaters am Nollendorfplatz dem Intendanten Bernhard Grafen Solms, die Führung des Theaters in der Saarlandstraße dem Intendanten Ingolf Kuntze, dem derzeitigen Leiter der Reichsfestspiele Heidel­berg, übertragen.

Ein Reichsinstitut

für Vor- und Frühgeschichte.

Der Reichsminister für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung, R u st, hat am 1000. Todes­tage König Heinrichs I. folgende Anord­nung erlassen:Ich beauftrage den Abteilungs­leiter für Vor- und Frühgeschichte in der Dienst­stelle des Peaustragten des Führers für die Ueber- wachung der gesamten weltanschaulichen Schulung und Erziehung der NSDAP., Professor Dr. Hans Reinerth, mit der Vorlage des Aufbauplanes eines Reichsinstituts für Vor- und Frühgeschichte.

Quedlinburg, 2. Juli 1936. (gez). R u st."

Professor Reinerth ist 1900 in Bistritz (Sie­benbürgen) geboren. Schon als Gymnasiast hat sich Reinerth in den Dienst der deutschen Zusammen­arbeit geftettt, indem er u. a. die Schulerverlnn- dungen der siebenbürgisch-deutschen Gymnasien und Lehrerseminare auf volksdeutscher Grundlage or­ganisierte. Die wissenschaftliche Arbeit Prof. Rei- nerths war von Anfang an der Erforschung der nordischen Kultur, besonders im entscheidenden Ab­schnitt der großen nordischen Landnahme um 2000 gewidmet. Seit 1925 war ReinerthPrwatdozent an der Universität Tübingen. 1933 gründete er den Reichsbund für deutsche Vorgeschichte. 1934 wurde Reinerth durch Reichsminister R u st aus Kossin- n a s lange umkämpften Lehrstuhl für Vorgeschlchte berufen. Reinerths jahrelange, muhevolle Reisen, Museums- und Ausgrabungsarbeiten führten den indogermanischen Südzug folgend über Suddeutsch- lscmd, die Schweiz nach Italien, dem Sudostzug folgend über die Donauländer nach Griechenland und Kleinasien. Rassisch bedingtes Interesse führte ihn nach Skandinavien und Island Seine größten Ausgrabungen waren: Die befestigte Jnselstedlung der Wasserburg Buchau im Federseemoor, die erste Unterwasserausgrabung (Kastengrabung) m Sipp­lingen am Bodensee und das größte steinzeitliche

Pfahldorf Egolzwil in der Schweiz. Viel Zeit hat Reinerth der Einrichtung vorgeschichtlicher Museen gewidmet. Wo sich die Möglichkeit bot, ließ er an vrt und Stelle Rekonstruktionen getreu nach den Llusgrabungsergebnissen aufbauen. So erstanden oas Freilichtmuseum der stein- und broncezeitlichen

Pfahlbauten in Unteruhldingen am Bodensee und broncezeitliche »Häuser in Oerlinghausen und auf dem Lübecker Wall. Die Ergebnisse dieser For­schungsarbeiten sind in feinen Werken veröffent­licht worden.

Täglich Zehntausend Eier...

Wie werden die Olympiakämpfer verpflegt?

B e r I i n, 2. Juli. (DNB.) Ein Problem bei der Vorbereitung der Olympischen Spiele war die Ver­pflegung der rund 7000 Kämpfer aus allen Ländern der Erde, die im Olympischen Dorf wohnen werden. Es galt von vornherein, nicht nur Menschen zu sättigen, sondern sich den Beschäftigungsgewohnheiten und Eigenarten von 53 Nationen anzupassen "nd den einzelnen Kämpfern die für ihre Sportart zuträglichste und die Leistungsfähigkeit steigende Sonderkost zu verabfolgen.

In den drei Stockwerken des Wirtschaftsgebäu­des warten 40 Küchen und 40 Speisesäle für je 40 bis 300 Personen aus ihre ausländischen Gäste. Im Laufe der nächsten Tage werden rund 450 Mann Lloydpersonal, darunter etwa 300 Stewards und etwa 200 Mann Küchenpersonal mit 95 Köchen und Konditoren eintreffen, um ihren Dienst zu be­ginnen. Die Aufsicht liegt in den Händen eines Küchenchefs des Lloyds, der bereits während der Olympiade in Los Angeles die deutsche Mannschaft und während der Olympiade in Amsterdam die Amerikaner betreute.

..Don den Mengen an Lebensrnitteln, die zur täglichen Verpflegung der 7000 erforderlich sind, eien hier kurz herausgegriffen: einem Fleischkeller ür 10 000 Kilogramm Auslandsfleisch schließt sich ein zweiter für 8000 Kilogramm Jnlandsfleisch, außerdem noch ein Sonderraum für 5000 Kilo­gramm Wurst und Schinken an. Zwei Obst- und Gemüsekeller haben rund 25 000 Kilogramm Fas- ungsvermögen, und zwei Konservenräume nehmen 35 000 Kilogramm auf. Im Milchkeller werden täglich 2000 Liter gelagert, während der Raum für Kompotte, Puddingpulver usw. 10 000 Kilogramm aßt. Täglich werden 10000 Eier und 250 Kilogramm Butter benötigt. Neben 320 000 Apfelsinen, 50 000 Grape Fruits und 10 000 Zitro­nen sind u. a. etwa 50 000 Kilogramm Mehl, 6000 Kilogramm Grieß usw. erforderlich. In der Wäschekammer lagern etwa 15000 Betten­bezüge, 15 000 Bettücher, 30 000 Kissenbezüge, 50 000 Handtücher, 18 000 Badetücher, 8000 wollene Decken und 8000 Federkissen.

Als er st es Frühstück stehen den Sportlern Haferflocken, Früchte, Reis, Kaffee, Tee, Schoko­lade, Butter, Honig, Marmelade, Eierspeisen und je nach Wunsch Brot, Brödchen oder Toats zur

Verfügung. Das Mittagessen sieht im allge- meinen Suppe oder Brühe, Fleisch, Frischgemüse, Obst, Käse, Speise usw. vor. Aber hier müssen zahlreiche Sonderwünsche berücksichtigt werden. Die Holländer sind gewohnt, nur abends eine warme Mahlzeit einzunehmen, die A u ft r a I i e r haben als starke Fleischesser täglich drei Fleischgerichte verlangt. Andere Nationen da­gegen bevorzugen vegetarische Kost und andere wieder wollen viel Mehlspeisen. Abends wer­den u. a. kalte und warme Kraftbrühen, Fisch, kalte Platten, Gemüse, Käse, Geflügel aller Art, Tee, Milch usw. gereicht.

Die Reichssportfeldverwaltung teilt mit: Eine am Sonntag, dem 5. Juli 1936, im Olympia-Stadion stattfindende Probe macht es not­wendig, das Reichssportfeld von 12 Uhr abfürBe­st ch t i g u n g e n zu sperren. Die letzte Führung geht um 11.30 Uhr vom Olympischen Tor aus ab. Dafür wird im Gegensatz zu den Wochenführungen, die erst um 8.30 Uhr vormittags beginnen, die erste Führung am Sonntag bereits um 7.30 Uhr vor sich gehen.

Wo werden 1940 die Olympischen Spiele stattfinden?

Berlin, 2. Juli. (DNB.) Der Präsident des Organisationskomitees Exzellenz L e w a l d erklärte dem Vertreter des DNB.-Sportdienstes, das Inter­nationale Olympische Komitee werde am 29. Juli zusammentreten. Der wichtigste Punkt der Be­sprechungen werde die Vergebung der XII. Olympischen Spiele 1940 sein. Um sie be­werben sich schon seit langem Tokio und Hel­ft n g f o r s. Als große Ueberraschung sei jetzt der Antrag von London, das schon im Jahre 1908 Die IV. Olympischen Spiele veranstaltete, einge- gangen. Nach dem Ende des abesstnischens Feld­zuges wolle auch Rom, das sich bereits einmal beworben, aber wieder verzichtet habe, auf dem Berliner Kongreß erneut feine Kandidatur ver­treten. Die Abstimmung erfolge geheim und fei endgültig. Fast das gesamte Internationale Olym­pische Komitee werde in Berlin versammelt fein.

Resignation in Genf.

Die kleineren Mächte znm Versagen des Völkerbundes im Abessinienkonflikt.

Genf, 2. Juli. (DNB.) In der Völkerbundsver­sammlung verkündete der Vertreter Australiens, Bruce, den Beschluß der australischen Regierung, die Aufhebung der Sanktionen zu beantragen, da sie aussichtslos geworden feien. Der dänische Außen­minister erklärte zu den Sanktionen, es wäre nur eine leere Demonstration, wenn man ihre Beibehal­tung befürworten wollte. Für das gute Einverneh­men unter den Nationen fei der augenblickliche Wirtschafts- und Währungskrieg hin­derlich. Bundesrat Motta- Schweiz erklärte, das wesentlichste Ziel sei die Universalität des Völker­bundes. Der holländische Außenminister empfahl die Aushebung der Sanktionen in einem nahen, durch gemeinsamen Beschluß festzusetzenden Zeitpunkt. Der Vertreter Chiles vertiefte die von ihm früher gemachte Anregung, den Völkerbund im Sinne einer größeren Universalität zu refor­mieren. Wenn weder der Frieden, noch kollektive Sicherheit erreicht werden können, so müsse sich Chile seine Neutralität wieder nehmen. Der Plan einer jeweiligen B e s ch r änkung der Bei­st a n d s v e r p f l i ch t u n g auf die Mitglieder be­stimmter geographischer und politischer Gruppen sei zu begrüßen. Der schwedische Außenminister erklärte, Schweden werde solange mit dem Völker­bund Zusammenarbeiten, wie der Bund den all­gemeinen Interessen und nicht den beson­deren Interessen einzelner dienen würde.

Der irische Ministerpräsident de Valero er­klärte, jedes Land sei für die augenblickliche Kata­strophe verantwortlich. Der Frieden hänge von dem Willen der Staatsmänner ab. Darum sollten sich die Völker Europas schon jetzt in einer großen Friedenskonferenz vereinigen. Der Mecha­nismus des Paktes müsse unverzüglich dazu benutzt werden, schreiende Ungerechtigkeiten zu beseitigen, die augenblicklich den Weltfrieden bedrohten.

Der österreichische Vertreter setzte sich für die Reform des Völkerbundes ein. Oesterreich er­warte eine endgültige Regelung des Abessinien­konfliktes, die den Erfordernissen der kollektiven Sicherheit und der Aufrechterhaltung der Autorität des Völkerbundes Rechnung trage. Der Vertreter Ungarns betonte, die Haltung Ungarns ent­spreche seiner dynamischen Auffassung von den Zielen des Völkerbundes. Die ungarische Regierung

könne nicht zugeben, daß es die einzige Aufgabe des Völkerbundes fei, die strenge Anwendung der Zwangsbestimmungen des Paktes durchzusetzen. Sie sei für die Herstellung des Gleichgewichtes dieser Bestimmungen mit den Artikeln 11, 13 und 19 (Revision), die eine friedliche und vorbeu­gende Beilegung von Konflikten und Möglichkeiten vorsehen, um Zuständen abzuhelfen, die den- Welt­frieden gefährden könnten.

Französische Zweifel am Wert des Völkerbundes.

P a r i s, 3. Juli. (DNB. Funkspruch.) Der Außen­politiker desEcho de Paris" sagt über die Stim­mung in Genf: Alle Redner hätten so gesprochen, als ob der Krieg morgen vor der Tür stehe. Der Glaube an den Völkerbund sei kaum mehr vor­handen. Den kleinen Staaten bleibe bei dem Zu­sammenbruch die Hoffnung, ihre Bündnisse zu retten, die man mit dem schmückenden Namen gegenseitige Beistandspakte" bedacht habe. Aber die große Mehrheit der kleinen Staaten habe g a r n i ch t einmal diese Möglichkeit. Das System der Reform der kollektiven Sicherheit, wie es sich die französische Regierung vorstelle, umfasse 1. Militärbündnisse, die als gegenseitige Beistands- oder regionale Pakte getauft würden, und 2. eine Verpflichtung zu wirtschaftlichen Zwangsmaßnahmen. Dabei müsse man aber feststellen, daß die Staaten, die den Glauben an den Völkerbund verlören, dazu neigen, in neutraler Haltungzu verharren. Das bedeute, daß man den Staaten, die Veränderungen herbeiführen wollen, die erforderlichen Zugeständnisse werde machen müssen, damit sie sich der Genfer Einrichtungen an­passen. Man sollte einem Völkerbund, der n u r n o ch a l s Büro zur Entgegennahme vollendeter Tat­sachen tätig sein werde, mißtrauen. Für Frankreich habe der Völkerbund eigentlich nur praktischen Wert als geeigneter Ort zur Aussprache mit Großbritan­nien und als Verbindungspunkt Großbritanniens mit feinen Dominions. Aber erst müsse man feststellen, ob der Mißkredit des Völkerbundes in der ganzen Welt sich nicht auch auf die britischen Völker erstrecke.

Baldwin bleibt am Ruder.

Begrüßung im Unterhaus. - Rede im konservativen Klub.

London, 2. Juli. (DNB.) Premiermimster Baldwin traf am Donnerstagmittag, sichtlich er­holt von einem kurzen Urlaub wieder in London ein. Er wurde, als er das Unterhaus betrat, do n minutenlangem Beifall feiner 21 n = bänger begrüßt. Baldwin hatte zunächst die Anfrage des Abgeordneten Johnston zu beant­worten, der ihn gefragt hatte, ob er angesichts der Tatsache, daß er über den Umfang Der deutschen ßuf tauf ruftungirregefubrt worden sei, nun eine Erklärung über Die Quellen seiner Unterrichtung abgeben wolle. Bafinmni er- widerte, sowohl er wie Lord Londonberry hatten auseinanderbesetzt, daß Die Beschleunigung Der deutschen Rüstungen großer gewesen sei als sie und ihre Ratgeber vorausgesehen hatten. Er habe also keineswegs Warnungen feiner Ratgeber über Die Beschleunigung der deutschen Luftaufrustung nicht beachtet Als er gesagt habe, daß erlrregefuhrt worden sei, habe er keinem Ressort und keiner Persönlichkeit irgendwelche Vorwurfe machen wollen. Die Regierung sei der Ansicht, daß Die gegenwärtig in ihrem Besitz befindlichen Informationen den tat­sächlichen Zustand mieDergeben. Lord London­

derry gab seiner höchsten Befriedigung über Die Erklärung Baldwins Ausdruck.

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Baldwin hielt abends auf der Jahrhundertfeier des Konservativen Verbandes eine Rede, in Der er sich mit außenpolitischen Fragen befaßte. Baldwin, Der mit starkem Beifall empfangen wurde, trat zu­nächst den Gerüchten, die von seinem baldigen Rücktritt wissen wollten, entgegen. Die Gründe, aus denen die englische Regierung beschlossen habe, in Genf die Aufhebung der Sanktionen zu befürworten, seien unanfechtbar. Die Sanktions­politik fei in der Praxis nicht schnell genug gewesen, um das erhoffte Ziel herbeizuführen. Es sei bann ein Zeitpunkt eingetreten, wo weitere Druckmaßnahmen sehr wohl zum Kriege hät- t e n führen können. Unter diesen Umständen fei er ganz zufrieden, wenn man ihn einen Feigling nenne, weil er in Übereinstimmung mit jedem Lande in Europa alles in seinen Kräften stehende getan habe, um fein Volk vor einem Kriege z u bewahren. England dürfte nicht noch ein­mal mit geschlossenen Augen bereit sein, Sanktio­nen gegen irgendein Land zu beginnen. Wenn es

noch einmal dazu kommen sollte, müsse England wissen, daß die Auferlegung von Sanktionen sehr wahrscheinlich einen Krieg mit sich bringen wurde. England müsse daher die Wirkung kennen, bevor es sich noch einmal auf Sanktionen einlasse und es müsse sich so oorbereiten, daß es diese Verpflichtung unter allen Umständen erfül­le n könne.

Die finanziellen und wirtschaftlichen Fortschritte Englands in den letzten fünf Jahren könnten niemals, auf sicherer Grundlage ruhen, wenn sie nicht auch bei den anderen Nationen vorhanden seien. Zwar wisse jedermann, daß England sehr schnell a u f r ü ft e n müsse, aber gleichzeitig erkenne man den unglaublichen Wahnsinn im heutigen Europa, daß man aufÄoftenbesinternationalen Handels riesige Summen für Rüstun- g e n ausgebe. England müsse durch seine Bespre­chungen mit ausländischen Mächten alles in seinen Kräften stehende tun, um diesen Wahnsinn an den Pranger zu stellen, der, wenn er zu lange fortae- setzt werbe, alle in Elend bringen müsse. Daher müsse man früher ober später eine R ü - stungsherabsetzung erörtern. Im Herbst werbe bie englische Regierung bie Zukunft bes Völkerbundes und die Frage erörtern, wie auf Grund der Lehre des vergangenen Jahres eine Friebenssicherung durch kollektive Sicherheit zu erzielen fei. Es fei Englands stärkster Wunsch, Frankreich und Deutschland, ohne deren Mitarbeit kein Friede in Europa möglich sei, z u - sammenzubringen. Er hoffe immer noch, daß in den nächsten Monaten ein Fortschritt zu dem Ziel möglich sein werde, das jedermann wünsche.

Kein Rücktritt des Premiers

London, 3. Juli. (DNB. Funkspr.) Die Rede Baldwins im Unterhaus wird von der Regierungs­presse mit betonter Genugtuung aufgenommen, wo­bei hauptsächlich auf den starken Beifall hingewiesen wird, mit dem Baldwin bei seinem Erscheinen be­grüßt wurde. Es wird auch auf die Worte des Oppofitionsmitgliedes Johnston hingewiefen, der dem Ministerpräsidenten versicherte, daß alle froh feien, ihn wieder an feinem Platz zu sehen. DieTimes" erklärt, die Herzlichkeit der Begrüßung genüge allein schon, die Gerüchte über eine unmittelbare Veränderung im Kabinett zu widerlegen. Dem gegenüber meintNews Chro- nicle", daß bloß die Herzlichkeit des Empfanges Baldwins im Unterhaus Die Bedenken und Ver­mutungen über feine Zukunft nicht habe dämpfen können. Immerhin werde der Ministerpräsident trotz Der wachsenden Kritik an seiner Amtsführung wohl kaum vor dem Herb st zurücktreten.

Times" schreibt u. a., daß die herzliche Begrü­ßung Baldwins eine Reaktion auf die Bestrebun­gen gewesen sei, ihn und sein System einer natio­nalen Regierung zu vernichten. Dieses Bestreben habe nicht viele Anhänger im Unterhaus, aber es wäre verfehlt, leugnen zu wollen, daß die große Masse der Abgeorbneten eine ftärfere Führer­schaft wünscbe. Im letzten Parlament sei Die Opposition zu schwach gewesen, Der Regierung auch nur vorübergehende Schwierigkeiten zu bereiten. Im gegenwärtigen Parlament habe sie aber Ver­stärkung erhalten, und daher sei der Angriff hefti­ger ausgefallen. Nur der MinisterpräsiDent könne die Dinge wieder in Ordnung bringen, und offen­sichtlich gehe der allgemeine Wunsch dahin, baß kein anderer Ministerpräsident als Baldwin das tue. Deswegen fei er fo herzlich begrüßt worden. Er habe zwar nichts Neues gejagt, aber an feinem Ton fei zu erkennen gewesen, daß er seinen Mut behalten habe und nicht mehr Daran denke, seine Aufgabe wegen irgendwelcher Drohun­gen im Stiche zu lassen.

Meine politische Nachrichten.

Die badische Staatsregierung hat von 40 Bezirksämtern 13 aufgehoben. Durch eine den geschichtlich, wirtschaftlichen und kul­turellen Bindungen Rechnung tragende Neuordnung entstehen 27 Bezirksämter, bie ben Lanb- kreisen in Preußen entsprechen. Die poli­tische Einteilung bes Gaues Baben in 27 Kreise der NSDAP, ist bereits burchgeführt.

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Staatssekretär General Der Flieger Milch ver­ließ am Mittwochmorgen zusammen mit Den Her­ren seiner Begleitung Lonbon. Er begab sich im Flugzeug nach Berlin zurück.

Der Sonderberichterstatter desParis Soir" meldet aus Genf, daß für ben 14., 15. und 16. Juli in Brüssel eine Zusammenkunft Der Restlocarnomächte mit oder ohne Italien vorgesehen sei.

In Der Ratssitzung Donnerstag abend ist be­schlossen worden, die Danziger Frage auf bie lagesorbnung bes Rates zu setzen und den Senats­präsidenten aufzufordern, sich nach Genf zu be­geben. Die Angelegenheit wird am Samstag vor dem Rat zur Sprache kommen.

Die Oberste Sport- und Turnfront in Wien hat das Turnfest Des Rheintal-Vorarlbergischen Tum- verbandes, das in Feldkirch hätte ftattfinben sollen, verboten. Begründet wurde dieses Ver­bot Damit, daß Dem Rheintal-Vorarlbergischen Turn- oerbanb auch Vereine des Deutschen Turner­bund e s 1919 angehören.

An Stelle Lord Stanhopes, der nach London zurückkehrt, um fein Amt als Kommissar für die öffentlichen Arbeiten anzutreten, wird Lord Stan­ley, der parlamentarische Staatssekretär Der Admi­ralität, Die Leitung der britischen Abordnung für bie Meerengenkonferenz in Montreux übernehmen.

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Am Donnerstag traf mit Dem Wiener Schnell­zug bie Königinmutter Maria von Ru­mänien auf ber Durchreise in München ein. Nach mehrstündigem Aufenthalt setzte sie ihre Reise über Calais nach England fort, wo sie mehrere Wochen Erholungsaufenthalt nimmt.

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An dem japanischen Oberstleutnant A i z a w a, ber ben General Nagata ermordet hatte, wurde das Todesurteil vollstreckt.

Heule lennisfampf (Tramm Perry im Rundfunk.

Am Freitag, 3. d. M., überträgt der Deutschland­sender ab 15.30 Uhr einen Funkbericht vom Tenniskampf Perry von Gramm. Die Hörer werden also Gelegenheit haben, das auf dem großen Meisterschaftsplatz von Wimbledon stattfindende Endspiel der Männer-Einzelmeister- schast mitzuerleben.