Nr. 53 Drittes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen)
Dienstag, 3. Marz 1936
Aus der Provinzialhauptstadt.
Eintopf-Erlebnisse.
Es regnete wie Bindfaden. Das war aber kein Grund sur uns, nicht w>- in all den varangeaaw g-nen Monaten auch an diesem Sonntag mit Sammelbüchse und Liste in unserem Block die Eintovi- spende zu erheben. Eine ganze Reihe von Häusern hatten wir bereits abgegangen. Ueberall schien man lch°n aus uns zu warten. Flott und reibungslos wickelten sich unsere „Geschäfte" ab. 9
Nun fehlen nur noch einige große Mietshäuser In einem klmgeln mir im Erdgeschoß. Mühselig Waddle Tur aufgeklinkt, und oor uns steht'ein Bürschchen von 4 Jahren Er guckt uns mit großen Augen an. Als er die Sammelbüchse sieht drebt er sich um, läuft in die Wohnung und ' kräht: die Eln.topfmanner sind da!" D.e Mutter tritt aus der Küche und kommt zu uns. Da schießt der kleine Kerl wie ein Pfeil aus dem Dunkel der Wohnung nach vorne, drängelt sich vor seine Mutter und hält mit beiden Händen fest an seine Brust gedrückt, eine Zigarettenschachtel' „Ich will auch Eintopf geben," strahlt er uns an, und während die Mutter mit freudig-stolzem Blick auf ihren Buben schaut, öffnet er sein Zigarettenschächtelchen und nimmt aus ihm ein Kupferstück nach dem anderen.
Auf unseren Blick gibt uns die junge Frau Auskunft. Als er gehört habe, daß heute wieder Eintopfsonntag sei, habe er sich aufgemacht und in diesem großen Mietshause, dessen erklärter Liebling er sei, eine Privatsammlung für das WHW. veranstaltet. Die Ausbeute sei reichhaltig gewesen, und mit Spannung habe er auf unser Erscheinen gewartet, um sein „vieles" Geld in unsere Sammelbüchse werfen zu können.
Nun ist der Kleine fertig. Die Zigarettenschachtel verschwindet in die unergründlichen Hosentaschen, die Hände legt er auf den Rücken und guckt uns erwartungsvoll an. Wir loben den braven kleinen Kerl und streicheln ihm sein blondes Haar. Plötzlich dreht er sich um und ist mit einem Juchzer wieder im Dunkel der Wohnung verschwunden.
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Durch dieses kleine Erlebnis erfreut und erfrischt, eilen wir weiter von Tür zu Tür, bis wir dicht unter dem Dach an eine Mansardenwohnung klopfen. Ein altes Mütterchen öffnet, erhitzt und rot vom Schaffen am Herd und in der Küche. Die Aeuglein blitzen lustig und schalkhaft aus den vielen Runzeln. Wir werden in die Küche gebeten, und während sie im Küchenschrank in allen Tassen nach ihren Barbeständen sucht, schweift unser Blick durch den Raum.
Nanu ..., was sehen wir? ... Eintopfsonntag ... und 4 Töpfe auf dem Feuer?? Unser Blick trifft sich und geht wieder auf den Herd zurück. Da dreht die Frau sich um und sieht, daß wir „was gemerkt" haben. Ein furchtbarer Schreck erfaßt sie, ihre Augen werden ganz groß, die Hand greift zum Herzen: „O Gott, o Gott, ... ja, das ... ist heute ... kein Eintopf ... bei mir."
Und während sie weiter nach Worten sucht, wird sie ruhiger. Der alte Schalk lacht ihr wieder aus den Augen, sie kommt auf uns zu, legt ihre fünfzig Pfennig auf den Tisch, blinzelt uns dabei an und meint dann: „Ja, bis jetzt habe ich den Eintopfsonntag immer eingehalten, ... aber heute geht es nicht, denn wissen Sie ... heute kommt mein Enkel zum ersten Mal als Soldat zu seiner Großmutter zu Besuch ... und da kann ich ihm doch nicht gut Eintopfessen vorsetzen ... wo sie doch in der Kaserne so häufig Eintopf haben, gell?"
Noch haben wir gar nichts gesagt. Wir blinzeln uns zu, und dann sage ich zu meinem Kameraden: „Hast du was gesehen?" „Nö, wir haben nichts gesehen!"
Das sind zwei von vielen Erlebnissen. Sie zeigen, wie durchdrungen von der Idee der helfenden Volksgemeinschaft alle Kreise unseres Volkes sind! ____________________________
Bornotizen.
Tageskalender für Dienstag.
NS.-G. „Kraft durch Freude": 20.30 bis 21.45 Uhr fröhliche Gymnastik (nur für Frauen) im Lyzeum: 20 bis 21 Uhr und 21 bis 22 Uhr (nur für Frauen) Schwimmen im Volksbad: 21 bis 22 Uhr Reiten, Reitschule Schömbs. — Stadttheater: 20
Die Feier des Heldengedenkiages in Gießen.
Don dem Standortältesten der Garnison Gießen wird uns folgendes mitgeteilt:
„Am Heldengedenktag, 8. März, findet auf dem Oswaldsgarten um 9.30 Uhr ein F e 1k- gottesdienft statt. Die Bevölkerung wird hierzu eingeladen. Für die Kriegsopfer und Hinterbliebenen ist ein besonderer Platz bereit gehalten. Anschließend marschiert eine Ehrenkompanie vor dem Gefallenendenkmal auf dem Landgraf-Philipp- Platz auf. Der Standortältefte legt dort einen Kranz nieder. Die Bevölkerung wird aufgefordert, den Anweisungen der Absperrposten, die durch eine weiße Armbinde kenntlich gemacht sind, Folge zu leisten."
lieber den geplanten Verlauf der Gedenkfeier sei noch folgendes mitgeteilt: Auf Oswaldsgarten vor der Feuerwache werden, mit der Front nach der Neustadt zu, die Fahnen stehen. Links davon nach der Kirchstraße zu nehmen die Offiziere und Militärbeamten Aufstellung, rechts von der Fahnengruppe nach dem Wernerwall zu werden die Vertreter der Behörden usw. stehen. Die Ehrenkompanie mit Musik wird vom Wernerwall her unmittelbar oor der Feuerwache zum Oswaldsgarten einmarschieren. Die Mitte des Platzes bis zur Neustadt roerben die Truppen des Standortes Gießen einnehmen, und zwar der Feuerwache zunächst das Jnf.-Reg. 36, anschließend das E-Batl. 53, sodann die Pz.-Abw. Abt., am Schluß an der Neustadt die Artillerie. Die Strecke Oswaldsgarten- Kirchstraße, von der Feuerwache bis zur Neustadt, werden die Musik und Spielleute, anschließend die Politischen Leiter der Partei, SA., SS., NSKK., Jungvolk, BDM., HI. und NS.-Marinebund einnehmen. Die gegenüberliegende Strecke Oswalds- garten-Wernerwall, von der Feuerwache -bis ^ur
Neustadt, ist für die Kriegsopfer und die Hinterbliebenen der Gefallenen, die Mitglieder der NSKOV., die Abteilung Wehrmacht in der DAF., den Reichstreubund, die NSV., die Arbeitsgemeinschaft der Gießener Soldatenkameradschaften, den Arbeitsdienst und den Reichsluftschutzbund Vorbehalten.
Um 9.10 Uhr erfolgt der Einmarsch der Fahnen- aborbnmvqen, um 9.15 Uhr muß die Aufstellung beendet sein. Um 9.20 Uhr wird die Meldung aller Truppenteile durch Oberst G u l l m a n n an den Kommandeur Jns.-Rgts. 36 erfolgen, der sv- bann bie Front Ehrenkompanie abschreitet unb die Aborbnungen b^üßt. Um 9.30 Uhr wirb Cho- ralmustk bes Musikk^z bes Jnf.-Rgts. 36 ben Felbgottesblenst einleiten, sodann wirb ber evangelische Stanbortpfarrer spachen. Nach einem meieren Musikstück folgt bie Sprache bes katholischen Stanbortpfarrers. Wieber^ ein Musikstück folgen, bann spricht ber Regin^tskommandeur Anf.-Rgt- 36, besten Ansprache mit dem Gebächt- nis an bie Gefallenen unb bem &piei des Liebes vom guten Kameraben abschließt. Sokanv. werben bie Truppenteile, bis auf bie Ehrenkompan«, entlasten.
Die Ehrenkompanie rückt von Oswalbsgarten aus burch bie Kirchstraße über ben Kirchplatz, bie W^ll- torstraße unb Braugasse zum Lanbgraf-Philipp Platz vor bas Gefallenen-Denkmal, wo ber Führer ber Ehrenkompanie Melbung an ben Kommanbeur bes Jnf.-Rgts. 36 erstattet. Bei präsentiertem Gewehr ber Ehrenkompanie unb ber Weise bes Liebes vom guten Kameraben erfolgt bie Kranznieber- legung. Zum Schluß finbet ein Vorbeimarsch vor bem Kommanbeur bes Jnf.-Rgts. 36 statt.
Leitung: Paul Walter. Spielleitung: Paul W r e b e. 20. Dienstag-Abonnement.
Oie Eintopfgerichte am 8. Marz.
Der Leiter ber Wirtschaftsgruppe Gaststätten- und Beherbergungsgewerbe teilt seinen Mitgliedern mit, daß für den sechsten und letzten Eintopfsonntag, am 8 März 1936, folgende drei Eintopfgerichte für die Gaststätten vorgeschrieben sind:
1. Suppentopf mit Gemüseeinlage,
2. Fisch-Eintopfgericht nach freier Wahl,
3. Pichelsteiner Fleisch.
Die Festlegung dieser Eintopfgerichte gilt nur für Gast stätten. Den Hausfrauen bleibt die Wahl der Eintopfgerichte selbst überlassen.
Es hat sich hier unb ba bie Auffassung heraus- gebilbet, baß bas Eintopfgericht in Gaststätten bem Gast nur einmal verabfolgt werben barf. Diese Ansicht beruht auf einen Irrtum. Der Eintopf soll nicht eine unzulängliche Mahlzeit fein, bie ben Hunger notbürftig ober nur zum Teil stillt. Der Sinn bes Eintopfsonntags ist vielmehr ber, baß an einem Tage im Monat vom ganzen beutschen Volk ein im Eintopf einfach bereitetes Mahl gegessen unb bas badurch ersparte Gelb bem Winterhilfswerk zugeführt wirb. Damit soll jeher Deutsche seine Verbunbenheit mit ben notleibenben Volksgenossen befunben. In ben Gaststätten kann baher an den Eintopfsonntagen basselbe Gericht selbstver- stänbtvch auf Wunsch gegen entsprechend Bezahlung mehrfach gereicht werben.
NSDAP. Ortsgruppe Gießen-Süd.
Bekr. Zahlung der hilfskafsenbeiträge für April, 2Hai und Juni 1936.
Alle Angehörigen ber SA., Marine-SA., Reiter- SA., NSKK. usw. im Bereich der Ortsgruppe Gießen-Süd roirben ersucht, ihre Beiträge zur Hilfskaste an folgenden Tagen zu entrichten:
Gießener Jungvolk weiß sich zu helfen!
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Junges Volk — Jungvolk — weiß sich zu helfen! Da die Eltern nicht immer Geld geben können für diesen und jenen Zweck des Jungvolkdienstes, ist die Jugend dazu übergegangen, sich auf kluge Weise selbst Geld zu verschaffen. In den letzten Tagen konnte man die Jungens überall mit kleinen Handwagen auftauchen sehen, auf die sie allerlei aufgeladen hatten, das sich bei näherem Zusehen als wertvolles Altmaterial erwies, das die Jungens zu Geld machen. Sie wissen, wie sie es an den Mann zu bringen haben, und bie Groschen, bie sie ba» für erhalten, fließen in bie Kasse ihres Fähnleins. Daburch wirb ein Teil besten beschafft, was bas Jungvolk braucht. Ganz manche Hausfrau herzlich Flaschen, Altmetall, Papic Weise los wirb unb babei
abgesehen davon, baß froh ist, wenn sie alte : usw. auf diese rasche noch einer guten Sache
bient. Unser Bild zeigt einige Jungens, die schon einen ganzen Wagen voll Flaschen geladen haben und nun noch einiges dazupacken.
(Aufnahme: Neuner, Gießener Anzeiger.)
bis 23 Uhr „Undine". — Gloria-Palast, Seltersweg: „Traumulus". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Der ahnungslose Engel". — Oberhessischer Kunstverein (Turmhaus am Brandplatz): 15 bis 17 Uhr Gedächtnis-Ausstellung Hans-Ewald Kleine.
Dienstag, 3. März, Mittwoch, 4. März, Donnerstag, 5. März, jeweils von 20.30 bis 22 Uhr im Lokal Tannhäuser, Frankfurter Straße 83.
Wer bis zum 13. März seine Hilfskafsenbeiträge nicht bei der Ortsgruppe bezahlt hat, wirb bei ber Hilfskasse in München abgemelbet; baraus ent» stehenbe Folgen hat er sich selbst zuzuschreiben.
Winterhilfswerk 1935/36
Ortsgruppe Gießen-Süd.
Kohlenscheinabrechnung.
Die Kohlenhändler werden aufgefordert, die in Zahlung genommenen Kohlengutscheine Serie „E" und Serie „S" am Mittwoch, 4. März, von 19 bis 20 Uhr auf unserer Geschäftsstelle, Crednerstraße 24, einzureichen. Später eingereichte Gutscheine werden nicht mehr angenommen.
pfunbfammhing.
Am Dienstag, 3., Mittwoch, 4., und Donnerstag, 5. März, findet im Bereich der Ortsgruppe Gießen- Süd durch die NS.-Frauenfchaft die Pfundsamm- lung für den Monat März 1986 statt. Es wird gebeten, die Lebensmittelpakete zur Abholung bereitzuhalten.
Amt für Bolkswohlfahrt.
Ortsgruppe Gießen-Ost.
Befr.: Lebensmittel-Opferring der Ortsgruppe Gießen-Ost.
Die Sammlung wird am Dienstag, 3., und Mittwoch, 4. März von der NS.-Frauenschaft durchgeführt. Die Mitglieder wollen bie Pfunbpäckchen bereithalten, unb bie Mitgliebskarten zur Eintragung vorlegen. Der Inhalt ber Päckchen ist außen sichtbar anzugeben.
Befr. Kohlenversorgung.
Stabtthealer Gießen.
Heute von 20 bis 23 Uhr „Unbine", romantische Zauberoper in vier Akten von Lortzing. Musikalische
Die Kohlenhänbler wollen bie Kohlengutscheine bis zum 5. März täglich in ber Zeit von 15—19 Uhr auf ber Geschäftsstelle Kaiserallee 52 gegen
Goeihe-Bund.
Eine frohe Stunde mit Hermann Löns.
In ber Reihe ber vorn Goethe-Bunb gemeinsam mit bem Kaufmännischen Verein veranstalteten Dortragsabenbe erlebten wir gestern in ber Neuen Aula „Eine frohe Stunbe mit Hermann Löns". Der Jäger, Jagb- unb Tierschriftsteller unb Dortragsmeister Wilhelm H och g r e v e sprach ein- leitenb über ben niebersächsischen Volkscharakter, in bem sich schwerblütiger Ernst mit herzhafter Heiterkeit unb ber Lust zum Fabulieren mischen. Auch Hermann Löns, als echter Niebersachse, weist in seinem Werk, wie bie ftamnwerroanbten Wilhelm Raabe unb Wilhelm Busch, solche Züge nebenem- anber auf. Er hat nicht nur ben „Wehrwolf unb „Das zweite Gesicht" geschrieben, sonbern baneben auch eine Älenge kleiner heiterer Geschichten. Bon diesen «ab Hochgreve etliche Proben, nachdem er zuvor einige ber markantesten Gestalten aus bem Freunbeskreise von Löns charakterisiert unb auch bie vorübergehenbe journalistische Tätigkeit des Dichters in Hannover gestreift hatte, bie ihm, wie manche Anekboten aus dieser Zett berichten reichlich Gelegenheit boten, (einem Witz, feiner Schlagfertigkeit unb feiner fafirifdjen Aber freien Laus zu lassen. Aus bem „Mümmelmann horten wir bann nach ber Einführung zunächst bie erhebenbe unb erheiternbe Geschichte vorn Krahen-Klatsch m ber Eilenriebe bei Hannover, ubrtgens eine d^ad) ms- mäßig unb vortragstechnisch beachttiche Leistung,
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bekanntere Hunbegeschichte vom %^rrt „9 J (aus „ffiibu"), einem feingebdbeten, fojufo0en oW tifchen Hunde, ber, während (eme T,m°rame™t Herrin verreist ist, mit erfnfd)enbem Temperament zu feiner wahren Natur zurucksmbet. Z ~ .
des ersten Teiles: bie Satire M ®r0™5 bahn", währenb eine Harzaufenthalt , t
nebenbei entstanden, (lieber bie damals geplante Schaffung eines Naturschutzparkes, gtad)=
Kriegsausbruch vereitelt würbe
laßdcmbe „Für Sippe unb Sitte 5SAnrKDnntflqg» lesen.) In ber Schilderung e»nes Phngstsonnt^ ausfluges auf ben Brocken fanb Lon ...sammen- kommenen Anlaß, an einem erstaunlich z.u gewürfelten Menschenarsenal seinen derben 3 6
üben unb eine Reihe bemerkenswerter Zeitgenossen auf seine spitze Feber zu spießen. Nach ber Pause hörten wir bie Abhanblung „Wissenswertes vom Hasen" aus bem „Zweckmäßigen Meyer", einen Scherz, ber nicht nur ganz beiläufig in bie Jägersprache einführt, sonbern auch, im Hinblick auf folgenschwere Fehler in ber Zubereitung, burchaus auf weibliche Leser ober Hörer berechnet ist. Als eine echte, mit kräftigem Weibmannshumor gebeizte Jagbfchilberung erwies sich ferner bas ,Hahnenfieber" aus „Kraut unb Lot", worin eine Birkhahnbalz in ber Lüneburger Heibe mit Diel Ironie unb plastischer Anschaulichkeit geschilbert wirb. Hier war Hochgreve als weibgerechter Jäger besonbers in seinem Element, unb bie Hörer hatten an bem morgenfrischen Abenteuer ihre rechte Freube. Wieber aus bem „Zweckmäßigen Meyer" stammte bie letzte Geschichte bieses fröhlichen Abenbs, bie einen „billigen Sonntag im 3oo aus ber Tierperspektive beschreibt; hier waren bem erzählerischen Talent H o ch g reo es, auch seinen tierstimmenimitatorischen unb mimischen Gaben bantbare Möglichkeiten zu vielseitiger Entfaltung gegeben. — Die Hörer folgten angenehm erheitert unb fpenbeten oerbienten Beifall. y
Ein Löwe in meinem Garten
Don Nikolaus Schwarzkopf
Keine Angst: er war aus Gips! Ein befreunbeter Bilbhauer schenkte ihn meinen fimbern bie stellten bas überlebensgroße Tier mitten ms ©taubenbeet auf einen von ihnen errichteten Sockel, bestrichen es baß es ber Witterung trotzte mit Zementmilch unb bann mit sanbstemroter Oelfarbe^ Sie freuten sich seiner, unb mit ihnen freuten sich alle, bie ba tQSL" Stobt. °° dies g-fcha-b ,h°t d-n,Läw°n !m Wappen, und das Lanb, m dessen Hauptstadt wir lebten hat ben Löwen auch im Wappen. So warb man bes gipsernen Löwen gewohnt unb f? grimmig wie bie Wappentiere sah unser Lowe nicht aus. Keine gespaltene Zunge streckte sich uber chweng- lich aus einem furchtbar bewehrten Maul, fein Schwest peitschte auf, keine Pranke schlug die unheimlichen Krallen aus. Unser Lowe war nicht ganz Pranke Zahn unb Schweif wie bas Wappentier
seinen vier Beinen unb sah m oie -useir, vie igm ni$p£ÄÄ bie weiften Wappenläwen-
es gab freilich auch solche in Stein, in Messing, in Silber unb Golb, in Samt unb Seibe, unb auf ber lanbwirtschaftlichen Ausstellung sah man ben stäbti- schen wie auch ben länbischen hübsch zusammengesetzt aus festen Weiß- unb Rotkrautköpfen. Hübsch sag' ich, aber grimmig war bas Getier bennoch, unb Furcht flößte es ein nach allen Seiten, insbefonberc ben Leutchen vom Lcmb unb Hinterland. Ich habe mir schon oft Gedanken gemacht: wie nur solche furchterregenden Tiere aus ben Wüsten bes Aequa- tors in unser friebliches Länbchen gekommen sein mögen! Unb wenn man burch bie beutschen Lanbe geht, begegnen einem immer wieber biefe grimmigen Tiere: Löwe, Abler, Bär unb Panther. An- gefprungen fühlt man sich bisweilen, Abler haben zwei Köpfe, Löwen tragen kostbare Kronen, Bären gähnen, unb Panther wüten umher ...
Der Gipslöwe freute mich mehr als ber Löwe in bem Wappenfchilb meiner Stabt, weil bie Stabt in dem Wappen nur Platz hat für einen halben Löwen, weil sie von bem Löwen bes Laubes nur ben oberen Teil aufgenommen hat — merkwürbiger- meife, benn was ist mir ein halber Löwe? Lieber ein ganzes Geißböcklein als einen halben Löwen! Der aufgereckte Löwenkörper ist unterhalb ber vor- angeschleuberten Vorberbeine abgeschnitten. Unter ber Schnittfläche entfaltet sich eine Lilie ... ich aber besaß einen ganzen Löwen.
Er war mein Trost, unb bas will ich so verstauben haben: in ber Stabt bes halben Löwen — bas beweisen etliche huubert Jahre ber Stabt- ! geschichte — ist mancher Mensch geboren, ber schon I in ber Wiege bie Krallen bes Löwen zeigte. Der sich wuuberooll entwickelte, umhegt, betreut, sorgsam erzogen. So sah man junge Gelehrte unb Künstler heranwachsen — von anberen Berufszweigen zu schweigen — bie zu ben besten Hoffnungen berechtigten. Sie wuchsen prachtvoll in bie sogenannten Entwicklungsjahre, sie zeitigten bezau- bernbe Leistungen ... boch eines Tages, ba man sich ihrer schon rühmen bürste, verließen sie plötzlich bie heimische Stabt, um in anberen, größeren, lauteren, vorlauteren Orten aufzutaucheu unb ihren Glanz bort zu entfalten. Diejenigen aber, bie ba verweilten — welch ein tragisches Geschick! —, blieben plötzlich auf ber erreichten Höhe stehen, wuchsen nicht weiter, gingen sogar zurück in ihren Leistungen, bie Krallen schrumpften ihnen ein, wenn auch bie Mähnen weiterwuchsen.
Ich kenne bas Geheimnis bieses Elenbes: Das Stabtwappen! Der halbe Löwe! Das große Muster, sagt Goethe, weckt Nacheiferung. Unb ber halbe Löwe ist ein kleines Muster, ein Unmuster, unb hat
gleich ber Lüge kurze Beine, ist nichts Halbes und nichts Ganzes!
„In dieser Stadt", sagte mir neulich ein kluger Mann, „kannst du dich nicht recht entfalten ... ich will die Gründe nicht barlegen, es hat ja keinen Wert. Aber ich rate bir: Verlaß biefe Stabt!"
Ich beutete auf meinen Löwen unb erroiberte: „Mein Dorbilb ist bieses gewaltige Tier ba, nicht etwa ber aufgebauschte Löwe bes Lanbeswappens, erst recht nicht ber gehälftete Löwe bes Stabtwappens. Die Stabt muß buch enblich einmal einen ganzen Löwen hervorbringen können, einen ganzen Löwen! —
„Ich würbe ben Versuch nicht an mir selber zulassen", entgegnete ber Mann.
„Du hast wie anbere Leute auch nur ein einziges Leben zu gestalten, unb beine Kinber, benk an beine Kinber..."
So wirb mir benn schließlich nichts anberes übrig bleiben, unb auch ich werbe biefe schöne Stabt verlassen müssen. Ich bin ja nicht hier geboren, bin nicht als Löwenkinb aufgewachsen, vielleicht könnte ich boch getrost hier bleiben, benn ich liebe biefe Stabt sehr.
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Mein Entschluß, trotz eines weisen Rates hier zu bleiben, ward durch ein gütiges Geschick umgestoßen: mein Löwe starb. Schon im letzten Herbst Zeigten sich an ben Flanken rounbe Stellen; an ben Pranken brachen weiße Flecken burch, als wollten Krallen hervorwachsen, aber ber Gips war es, ber sein Recht begehrte, ber weiße Gips. Was im Lauf bes nassen Winters sich ba unb bort hervorwagte, beachtete ich kaum, weil ich immer meinte, es sei Schnee, was ba schimmerte. Aber boch war auch bas stets ber Gips. Unb als bie Frühlingssonne aufstieg, bie so viele Leben, auch unb vorab Menschenleben, mit sich empornimmt, ba blätterte mein Löwe überall ab.
Was tun? Meine Frau trauerte, meine Kinber ließen bie Köpfe hängen, bie ganze Nachbarschaft fing an zu meinen. Der Bilbhauer zuckte bie Achseln, sein Löwe stanb in Stein irgenbroo in einer Stabt auf hohem Sockel, anbere Bilbwerke waren seinem Geist entsprungen unb entsprangen feinem Geist, unseren ßöroen schätzte er kaum noch. Mittel anzugeben, wie man ihn retten könnte, vermochte er nicht. So schlugen meine Buben mit ber Axt bas gipserne Tier völlig tot unb verscharrten es. Ich aber werbe bemnächst in eine anbere Stabt verziehen ...


