Nr.2 Drittes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhefien)
Zreitag, 5. Zanuar 1956
Aus Oer Provinzialhauptstadt.
Fernfahrer.
Draußen vor der Stadt stehen sie. Auf der Landstraße, wo es jetzt scheußlich kahl und ungemütlich ist. „Ausgerechnet hier", schimpfen sie, „bis zur Stadt hätte er's auch noch schaffen können. Na, mal zu!" Die Winde kreischt und allmählich hebt sich der Wagen an der Seite, wo das Hinterrad streikt.
In der Nachbarschaft hocken auf einem windschiefen Baum ein paar Krähen. Sie betrachten das Schauspiel interessiert, schwirren aber krächzend ab, als ein schnittiger Personenwagen vorüberstiebt. Unterdessen geraten der Chauffeur und sein Beifahrer ins Schwitzen. Ihr Atem dampf und ihre spärliche Unterhaltung besteht aus lauter Flüchen.
Schließlich ist der Schaden behoben. Surrend pfeift der Anlasser. Zweimal, dreimal! Dann brummt der Motor und rasselnd geht die Fahrt zur Stadt. Noch im Fahren langt der Chauffeur das bunte Taschentuch: „Noch mal Glück gehabt. Nur fünfzehn Minuten. Wird wieder eingeholt." Er schaut auf den Kilometerzähler und gibt Gas. Der Wagen gerät in ein beschleunigtes Tempo.
So fahren sie bis zur Stadt, gleiten langsamer über die Straßen der Stadt und lassen den Motor wieder donnern, als die jenseitige Landstraße erreicht ist. Ihr Ziel ist noch weit, und sicher wird es später Abend werden, ehe sie am Bestimmungsort anlangen. Wenn nur nicht wieder eine Panne dazwischen kommt. Denn Pannen sind gewöhnlich sehr zeitraubend.
Und auf die Zeit kommt es an. Sie ist neben der Zuverlässigkeit das Wertmaß für den Fernfahrer. Sein Weg ist lang. Meist Hunderte von Kilometer. Kreuz und quer geht es durch Deutschland. Durch große Städte mit Sehenswürdigkeiten, die der Fernfahrer nicht sieht. An Dörfern und Ortschaften vorbei, wo Gänse und Hühner schnatternd und gackernd am Wege stehen.
Die Zahl der Fernfahrer ist nicht klein. Tag und Nacht fahren sie. Bei Wind und Wetter, bei Schnee und Kälte. Weithin blitzen in der Nacht die Scheinwerfer ihrer Wagen und lärmend rattern sie durch nachtstille Straßen, in deren Häusern die Menschen im tiefen Schlummer liegen.
Nur dann und wann gibt es kurze Pausen. Am Bestimmungsort und unterwegs, wo Naft gemacht wird. Und dann sind sie meist unter Kameraden, die gleich ihnen in der Gastwirtschaft einkehren, die dem kurzen Aufenthalt dient. Es gib eine ganze Anzahl solcher Treffpunkte im Reich und jeder Fernfahrer kennt sie, den der Weg immer erneut wieder durch die deutschen Gaue führt. Und jeder von ihnen freut
gestutzt auf den Umstand, daß auch bei der eigentlich letzten Vorstellung des Weihnachtsmärchens „Der kleine Muck" wiederum eine sehr große Zahl von Theaterbesuchern infolge des ausverkauften Hauses umkehren mußte, hat die Intendanz eine nochmalige letzte Wiederholung des Märchens „Der kleine Muck" für Sonntag, 12. Januar, 15 Uhr, angesetzt.
Es besteht begründete Veranlassung, unsere Inhaber von Wahl-Abonnements darauf aufmerksam zu machen, daß die Gültigkeit des Wahl-Abonnements erst mit Schluß der Spielzeit am 31. Mai 1936 erlischt. Bis zu diesem Tage kann das Wahl- Abonnement nach Belieben benutzt und auch ein inzwischen abgelaufenes Abonnement beliebig oft erneuert werden.
..Die acht Entfesselten" als Gäste im Stadttheater Gießen.
Aus dem Stadttheaterbüro wird uns geschrieben: „Die acht Entfesselten" nennt sich ein Kollektiv junger, beliebter und erfolgreicher Künstler des deutschen Kabaretts, die als erste literarisch-parodistische Kleinkunstbühne mit ungewöhnlichem Er-
Ostermann hat auch den Kampf gegen die Schlüpfrigkeiten der Zeit vor 1933 in Wort und Lied ausgenommen und er hat sich damit um das Wohl der Jugend sehr verdient gemacht. Willi Ostermann und seine Künstlerschar schenken Frohsinn mit verschwenderischen Händen und frohen Herzen. Frohe Stunden sind dem Menschen aber nötig, wie dem Hungernden das Brot. Willi Ostermann kommt am Samstag, 4. Januar, zu der NS.-Ge- meinschaft „Kraft durch Freude" ins Cafe Leib.
Deutsche Arbeitsfront.
Abteilung für Arbeitsführung und Berufserziehung.
In den ersten Tagen des Monats Januar beginnen die von der Deutschen Arbeitsfront ausgeschriebenen Lehrgänge der Berufserziehung. Anmeldungen können noch abgegeben werden im Hause Schanzenstraße 18, Zimmer 7.
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Das neue Jahr findet uns gewappnet. Am 6. Januar 1936 öffnet die Arbeitsschule der DAF wieder ihre Tore, um die vielen Hundert arbeitsfreudigen, vorwärtsftrebenden jungen deutschen Arbeiter auf-
Aufruf des Gauleiters zur Sammelaktion der NGKOV.
Der Führer hat am Heldengedenktag 1935 dem deutschen Volke die Wehrsreiheit wiedergegeben. Daraus ergibt sich besonders für die Frontsoldaten erneut die Verpflichtung. sich in alter Opferbereitschast einzusehen für den Sozialismus der Tat. Wir haben als Kameraden in den jähren des Weltkrieges das letzte Stück Brot und den letzten Schluck Wasser geteilt.
3n diesem Geiste stellen sich die Frontsoldaten der Nationalsozialistischen Kriegsopferversorgung und die Hinterbliebenen der Gesallenen ihrem Führer und Front- kameraden Adolf Hitler zur Verfügung und sammeln am 4. und 5. Januar 1936 für das Winterhilfswerk.
Der Gau Hessen-Nassau hat bei den bisherigen Sammelaktionen stets feine Opferbereitschaft unter Beweis gestellt. Ich hoffe daher, daß auch das Sammelwerk der deutschen Kriegsopfer zu einem vollen Erfolg wird, jeder deutsche Volksgenosse soll sich in diesen Tagen bewußt sein, daß sein Geldopfer nichts bedeutet gegenüber dem Blutopfer, das diese Wanner und Frauen ihrem Vaterlande gebracht haben.
Gez.: Sprenger.
Sonderlehrgänge der Jugend, erwerbslose Arbetts« kameraden, nehmt an den Tageslehrgängen teil. Der genaue Stundenplan wird noch bekanntgegeben.
Winterhilfswerk des deutschenVolkes^93S/36 Ortsgruppe Gießen-Eüd.
Kohlenscheinabrechnung.
Die Kohlenhändler werden aufgefordert, die in Zahlung genommenen Kohlengutscheine am Samstag, 4. Januar, von 15 bis 16 Uhr in unserer Geschäftsstelle, Crednerstraße 24, einzureichen. Später eingereichte Gutscheine können nicht mehr angenommen werden.
pfunbfammlung.
Am Montag, 6., Dienstag, 7., und Mittwoch, 8. Januar, findet im Bereich der Ortsgruppe Gießen-Süd durch die NS.-Frauenschaft die Pfundsammlung für den Monat Januar statt. Es wird gebeten, die Lebensmittelpakete zur Abholung bereitzuhalten.
Weiter werden alle Spender unserer Ortsgruppe gebeten, vorkommenden Wohnungswechsel bei unserer Geschäftsstelle, Crednerstraße 24, zu melden zwecks Berichtigung bzw. Ueberweisung unserer Kartei.
NSV., Ortsgruppe Gießen-Ost.
Velr.: Lebensmittel - Opferring der Ortsgruppe Gießen-Ost.
Die Pfundsammlung wird am Montag, 6., und Dienstag, 7. yan., von der NS.-Frauenschaft durchgeführt. Die Mitglieder wollen die Pfundpäckchen bereithalten und die Mitgliedskarten zur Eintragung vorlegen, vorlegen. Der Inhalt der Päckchen ist außen sichtbar anzugeben.
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Die Kohlenhändler werden ersucht, die Kohlengutscheine bis zum Samstag, 4. Januar, 19 Uhr, auf der NSV.-Gefchäftsstelle, Kaiserallee 52, mit der entsprechenden Rechnung einzureichen.
NSV., Ortsgruppe Mitte.
Die Kohlenhändler werden ersucht, die für den Monat Dezember 1935 gültigen Kohlengutscheine der Serie C am Samstag, 4. Januar 1936, 20.30 Uhr, bei der NSV.-Geschäfts- stelle, Kaplansgasse 18, mit Firmenstempel versehen nebst den entsprechenden Rechnungen einzureichen. Der Termin ist unter allen Umständen einzuhalten, da eine Ablieferung nach dem 5. Januar 1936 (Sonntag) strengstens untersagt ist und die Scheine ihre Gültigkeit verlieren.
sich immer wieder auf das kurze kameradschaftliche Beisammensein bei Mutter Schulzen oder Vater Michel.
Es ist ein schwieriger und verantwortungsvoller Beruf, der des Fernfahrers. Ein Beruf, der den Menschen formt und kantige Gesichter prägt. Aber die Gesichter künden von entschlossenem Handeln und sportlicher Gewandheit. Und deshalb zählen sie zu den Gesichtern dieser Zeit, deren Merkmale unverwischbar sind. H. W. Sch.
Vornotizen.
Tageskalender für Freitag:
Stadttheater: 20 bis 22,30 Uhr „Die Tanzgräfin". — Gloria-Palast, Seltersweg: „Nur ein Komödiant". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Der Dogelhändler". —
Stadttheater Gießen.
Heute von 20 bis 22.30 Uhr die Tanz- und Schlageroperette „Die Tanzgräfin" von R. Stoltz. Musikalische Leitung: Ernst Bräuer. Spielleitung: Paul W r e d e. Die Vorstellung gilt zugleich als 12. Vorstellung im Freitag-Abonnement.
Infolge Erkrankung von Frau Maria Perry singt Frau Lissy C h i l l a vom Operettentheater Stuttgart auch weiterhin die Partie der Colette in der Operette: „Die Tanzgräfin" von R. Stoltz.
Auf Grund der vielfachen Anfragen und Wünsche aus den Kreisen der auswärtigen Besucher und
folg eine Gastspielreise durch Deutschlands Gaue machen und von der Intendanz zu einem einmaligen Gastspiel am Sonntag, 5. Januar, nach Gießen verpflichtet wurden. Wir erinnern uns gern der erfolgreichen Gastspiele der „Vier Nachrichter" und freuen uns, in diesen Gästen wieder ein Kollektiv prominenter Vertreter deutscher Kleinkunst kennenzulernen. Das aus acht Personen bestehende Ensemble bringt sein neues, aus Grotesken, Parodien und Tänzen bestehendes Programm zur Aufführung. So werden wir Sonntag von 20 bis 22 Uhr einen Abend fröhlichster Verrücktheiten und goldenen Humors erleben. (Siehe heutige Anzeige.)
NS.-Gemeinschast„Krast durch Freude"
„Einmal am Rhein".
Der das singt und den deutschen Volksgenossen eine ganze Fülle von Frohsinn bringt, daß ist unser Willi Ostermann. „Unser" dürfen wir sagen, weil wir ihn aus dem Rundfunk kennen. Augenblicklich fährt „unser" Willi mit Reinhold Reinhold, Dotz und Dötzchen und einer Reihe lustiger Leutchen durch die deutschen Gaue, damit ihn jeder einmal persönlich kennen lernt. Willi Ostermann ist ein großer Künstler mit einem weiten Herz für notleidende Volksgenossen. Das hat er in Köln beim Rosenmontag bewiesen, als viele notleidende Volksgenossen seine Gäste waren. Willi
zunehmen. Alle rufen wir zur Mitarbeit auf, alle müssen mithelfen, jeder muß nach seiner Tagesarbeit in den Freistunden an seiner Weiterbildung arbeiten, alle müssen von dem Wollen bestrebt sein: Berufserziehung ist Sache des ganzen Volkes.
Die Deutsche Kurzschrift und das neuzeitliche Maschinenschreiben (10-Finger-Mndschreiben) sind die unentbehrlichen Helfer derjenigen Arbeitskameraden, die Tag für Tag mit dem Schreibgerät zu tun haben. Es ist nicht damit getan, daß man sich mit 80 oder 100 Silben begnügt, oder mit 2 Fingern die Schreibmaschine bedient, das wahre Können, die Leistungen, die immer und immer wieder gefordert werden, sind 200 Silben Kurzschrift und die einwandfreie Beherrschung der Blindschreibemethode auf der Maschine, dann erst kann von einer Leistung die Rede sein. Die Arbeitsschule der DAF. besitzt ein auf systematischer Grundlage aufgebautes Unterrichtsprogramm, welches dem Lernenden die Arbeit zur Freude macht und ihn immer wieder aneifert, es den andern Arbeitskameraden gleichzutun. Darin liegt der Erfolg, der gemeinsame Aufstieg der gesamten Klasse.
Arbeitskameraden! Es ist Eure Pflicht, mitzuarbeiten am Aufbauwerk unseres Führers. Alle wollen wir erfassen, jeder muß Facharbeiter seines Berufes fein. Eure Ausbildungsstätte, die euch die Deutsche Arbeitsfront geschaffen hat, ist die Arbeitsschule. Schüler und Schülerinnen, besucht unsere
Sammlung für das WHW.
Der Leiter der Ortsgruppe Gießen des Reichsverbandes deutscher Offiziere, General a. D. Mohr, richtet in unserem heutigen Anzeigenteil die Bitte an die Mitglieder des Reichsverbandes deutscher Offiziere, sich am 4. und 5. Januar an der Sammlung für das Winterhilfswerk möglichst vollzählig zu beteiligen. Die Sammelbüchsen und die Plaketten werden am Samstag um 14 Uhr bei den örtlichen NSV.« Stellen in Empfang genommen.
Hausschlachtungen in Mehgereibetrieben.
Das Kreisamt Gießen gibt amtlich folgendes bekannt: Es ist die Frage aufgeworfen worden, ob Hausschlachtungen, die Metzger in ihren Betriebsräumen für andere Personen vornehmen, der amtlichen Fleischbeschau und Trichinenschau unterliegen. Hierzu ist folgendes zu bemerken. Nach § 2 darf bei Schlachttieren, deren Fleisch ausschließlich im eigenen Haushalt des Besitzers verwendet werden soll, unter bestimmten Voraussetzungen die amtliche Untersuchung vor und nach der Schlachtung unterbleiben. Als eigener Haushalt im Sinne des Gesetzes ist aber u. a. der Haushalt der Metzger, Fleischhändler usw. nicht anzusehen. Die Metzger haben daher auch die Schlachttiere, deren Fleisch in ihrem eigenen Haushalt ausschließlich verwendet
Tanken unO pumpen.
Don Erwin Sedding.
„Merkst du etwas?" fragte mich meine Frau vom Nebenfitz herüber. Ich beugte mich vor.
„Was denn —?"
„Keinen Tropfen im Becher mehr!" begann sie
zu singen.
„Ist das wahr?! —'
Aber die Straße hatte ein sanftes und dauerndes Gefälle, so daß meine Leichtfertigkeit, mich nicht genügend mit Benzin versorgt zu haben, diesmal ungerächt blieb. Wir rollten und rollten — und rollten zum Schluß noch mit einem schönen Bogen bis genau vor die Tankstelle.
„Wieviel Liter —?" erkundigte sich höflich der Tankwart.
„Zehn."
In diesem Augenblick erkannten wir uns, ich und der lange Schmidt von den Gardereitern.
„Schmidt, Mensch, Junge! Immer obenauf? Erzählen Sie!"
„Danke!" entgegnete er strahlend. Nach dem Kriege hätte er zwar böse Jahre durchzuhalten gehabt, aber jetzt habe er sich eine selbständige Werkstatt eingerichtet, sei verheiratet und Vater eines kräftigen Bengels. Und die drei Mark, fügte er hinzu, habe er keineswegs vergessen!
„Welche drei Mark?"
„Die Sie mir geliehen haben, Herr Leutnant!
„W
„Bei Tauroggen, jawohl!"
Dunkel Üieg eine Erinnerung m mir auf: Ich sah unser nächtliches Biwak auf dem Vormarsch durch Ostpreußen, sah den langen Schmidt auf dem Trainkarren hacken, sah den gelben Laternenschem in meinem mageren Geldbeutel. Wie war das doch aeroefen? Er hatte nach Memel gemußt, und in Memel — wohnte da nicht seine Liebste? Stimmt, stimmt! Das sollte vielleicht eine Ueberraschung geben! Nur daß er mit leeren Händen kommen
,,(5d^üM, der Fall ist längst verjährt!"
„Seit neunzehn Jahren, Herr Leutnant. Ich weiß. Ich habe da allerhand Zinsen auszubringen, bis heute!"
Er^wollte nicht nachgeben Meine Frau wurde ungeduldig, sie haßte fruchtlosen Wortwechsel. „Ist das Ihr Häuschen, Herr Schmidt?
Ich hatte nicht geglaubt, daß er auf Ablen- kunq einqehen würde, aber er führte uns stolz durch fein9 hübsches Besitztum, wir lernten den Jungen kennen und dessen Mutter, wir plauderten über
deutsches Schicksal von ehedem und heute; als wir uns endlich trennten, waren die leidigen drei Mark zum Glück mit keiner Silbe mehr erwähnt worden.
Diesmal saß meine Frau am Steuer. „Sag mal," begann sie nach einer Weile, „wieviel Liter Brennstoff hattest Du eigentlich bezahlt?"
„Zehn."
„Weißt Du das bestimmt?"
„Ganz sicher!"
„Na," meinte sie und deutete auf das Schaltbrett, dann ist die Benzinuhr jedenfalls kaputt! Sie zeigt ja viel zu viel an!"
Wir begriffen es dann natürlich beide: der lange Schmidt hatte mir das gepumpte Geld einfach zurückgepumpt!
Bei Waschbären zu Besuch.
Auf einer märkischen Farm.
Eine gute Bahnstunde von Berlin entfernt liegt das märkische Städtchen Löwenberg. Durch seine nüchternen grauen Straßen läuft man hinaus ins Freie. Aus der Eintönigkeit dieser Umgebung erhebt sich die weithin sichtbare Silhouette eines Schlosses. Ein paar Wegkreuzungen noch und man steht vor einem großen Bretterzäune.
Ein Schild verkündet: „Zur Hertefeldfarm!
Hier auf den Parkwegen raschelt das Laub unter den Füßen Man ist sehr allein hier in diesem geheimnisvollen Zwielicht und dämpft die wenigen Worte, die gewechselt werden, als ob man nicht gern belauscht werden möchte.
Plötzlich zerreißt ein gespenstischer Schrei die Stille. Er ist nur kurz, wird aber durch viele kleine, seltsame, gleichsam abebbende Laute begleitet. Dann wieder kühle Lautlosigkeit.
Lächelnd berichtet der freundliche grauhaarige Begleiter, indem er eine Pforte öffnet, daß eben wahrscheinlich ein kurzer aber heftiger Streit in einer der hier wohnenden Waschbarenfamilien aus- gebrochen und wieder beigelegt sei.
Nach wenigen Schritten steht man vor den Drahtgitterkäfigen - 30 an der Zahl - m denen vom letzten Sonnenstrahlen beschienen wunderliche Tier- gestalten sich bewegen.
Fürst Eulenburg auf Liebenberg hat h er dicht neben seinem Schloß die Waschbarfarm Herte- f-ld angelegt. Er gab Siedlern und Landwirten damit eine kluge Anregung zu einem Nebenerwerb, der bei verhältnismäßig leichter Handhabung einen durchaus annehmbaren Verdienst bringt In den 30 Käfigen in Herlefeld — leder ist ca 4X2,5 Me- ter groß — leben 35 junge und 45 alte Tiere Die Unterhaltungskosten sind erstaunlich Niedrig. Drei
bis fünf Pfennig pro Tag und Tier! Dagegen erzielen die Felle gute Preise, da sie ein bekannt schönes und stark gefragtes Pelzwerk liefern. So werden für graue Felle 40 bis 60, für tiefschwarze 60 bis 80 Mark gezahlt. Wie mein Begleiter berichtet, beträgt der Ankaufspreis für ein graues Zuchttier 200 bis 300 Mark, während ein schwarzes Tier ungefähr das Doppelte kostet.
Die reizenden, sehr drolligen Tierchen mit den lebhaften Gesichtern haben die Umpflanzung aus ihrer nordamerikanischen Heimat, wo sie in Wäldern, Prärien und Gebirgen umhertollten und den Bewohnern als beliebtes Nahrungsmittel dienten, bei ausgezeichneter Gesundheit überstanden. Der Klimawechsel konnte auch der Schönheit ihres dichten Pelzes nichts anhaben. Die von Natur an Rohkost gewöhnten Tiere nehmen mit gleichem Behagen die ihnen durchaus wohlbekommende gekochte Nahrung zu sich, die ihnen hier appetitlich zubereitet vorgesetzt wird. Ihr Mittagstisch ist abwechslungsreich und reichhaltig. Sie delektieren sich mit gleichem Genuß an Reisbrei und Fleisch, Mohrrüben und Knickeiern.
Eine der hervorstechendsten Eigenschaften der Waschbären ist grenzenlose Neugierde. Was in das Blickfeld der Tiere kommt und mit den zierlichen Pfötchen erreichbar ist, wird zur genauen Kontrolle erst mal „unter die Lupe" genommen, beschnuppert, beäugelt und im Bedarfsfälle im Bassin, bevor es in das hübsche Schnäuzchen wandert, säuberlich gewaschen. Daher der Name „Waschbär".
Die winzigen Bärenbabies liegen in den Wohnhütten und werden von ihren Müttern mit treuer Liebe und Sorgfalt gepflegt und behütet. Reges Leben herrscht hinter den Drahgittern. Die kleinen Wollkobolde beißen und schlagen sich, wimmern und bellen, turnen und schaukeln unbekümmert in den lag hinein. Infolge ihrer billigen Nahrungskosten haben sich schon manche Tierfreunde diese drolligen und angenehmen Gesellschafter zu ständigen Hausgenossen erzogen.
Da die Waschbären die Uebersiedlung von ihrer Heimat nach Europa so gut vertragen haben, hal man vor einigen Jahren — so erzählt der Oberförster dieser Farm — in der Hocheifel Waschbären ausgesetzt und sie unter das Protektorat der Jäger gestellt. Sie haben sich stark vermehrt, und es ist durchaus denkbar, daß in einigen Jahrzehnten vielleicht der Waschbär in unseren schonen Wäldern vertraut ist.
Die Sonne ist inzwischen untergegangen, und ein gelblich weißer Mond folgt ihrer Bahn nach. Es ist kühl auf den dunklen Parkwegen und ein wenig feucht. Draußen auf der nebligen Landstraße geht
man fröstelnd der nahen Stadt zu. Von weit klingen leise Schreie der warmbepelzten Tiergesellschaft herüber, gleich freundlichen Abschiedsgrüßen ... Da.
Oer Zahnschmerz im Aberglauben.
Das „Feuer Gottes" nannte man den Zahnschmerz früher, und man glaubte fest daran, ihn mit allerlei geheimnisvollen Sprüchen und Beschwörungen abwenden und bekämpfen zu Können. Dazu kam eine Unmenge von Amuletten, Salben und Pulvern, die gegen die gefürchtete Pein verwendet wurden, oft unter den seltsamsten Vorkehrungen. So hieß es: „Krötenschmalz und Rabenblut Bösen Zähnen Wunder tut". Leuchtkäfer, Eidechsen und Heuschrecken, mit Sauerteig vermischt und zu Pulver gestoßen, wurden, wie W. Sichler in der Leipziger Illustrirten Zeitung ausführt, als ein weiteres Mittel gegen Zahnweh angesehen und in Form eines Pflasters auf das Ohrläppchen gelegt. Man empfahl den Zahnkranken auch, recht viele Käfer, die auf dem Rücken lagen, wieder auf dis Beine zu bringen, hartes Brot zu kauen und den im Munde erzeugten Brei auf einen Ameisenhaufen zu spucken ober beim Abendmahl hinter dem Altar in trockenes Brot zu beißen. Anderenorts wurde geraten, mit einem Mund voll Salz bei Neumond auf den Kirchhof zu gehen, dort das letzte geschaufelte Grab aufzusuchen, ein kleines Loch hineinzugraben, über das zwei gekreuzte Strohhalme gelegt werden sollten, und endlich das Salz in das sorgfältig vorbereitete Loch zu speien. Man mußte bann aUerbings sofort nach Hause gehen, ohne sich einmal umzuwenben. — Nach bem Volksglauben soll man sich Karfreitag unterm Zwölf-Uhr- Schlag bie Fingernägel schneiben, benn bann werben bie Zahnschmerzen immer ausbleiben. Auch ist es ratsam, sich morgens beim Waschen bie Hänbe zuerst abzutrocknen unb zu oermeiben, beim Gewitter zu essen. — Groß ist bie Zahl ber Beschwörungen unb Hanblungen aus bem Glauben an ben Abwehrzauber. So hängte man Kinbern brei ab« gebissene Maulwurfspfoten um ben Hals. Die Kniescheibe eines Bibers wirb ebenfalls für abwehrkräftig gehalten. Wer mit all biefen Dingen nichts zu tun hat, glaubt's kaum, aber man wirb noch allenthalben Spuren finben. Aus Bayern stammt fol- genbes Gebet, bas sich an bie Schutzpatronin der Zahnschmerzkranken und ber Zahnheilkunbe roenbet:
Heilige Apollonia!
Ein armer Sünder steh ich da. Mich schmerzen meine Zähne, Laß dich boch halb versöhnen Und schenk mir Ruh in mein Gebein, Daß ich vergess' der Zahnweh Pein!


