Nr. 126 Zweiter Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Vberhess^n)
Dienstag, 2.Zuni 1936
Ser spanische Hexenkessel.
Von unterem v <Sß -Äerichterstatier.
(Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten.)
Madrid, Mai 1936.
Das Volksfront-Spanien des 16. Februar hat mit der Amtsübernahme des neuen Staatspräsidenten und der Behebung der durch den Präsidentenwechsel heroorgerufenen Kabinettskrise den ersten hochpolitischen Zeitabschnitt hinter sich. Die Vorzeichen, unter denen der linkrbürgerliche Ministerpräsident Azana die Führung im Staate angetreten hat, sind alles andere als rosig. Die Saat der Freimaurer und Sowjetagenten, die unter den rechtsbürgerlichen Regierungen der Jahre 1934/35 aufgegangen ist, treibt ihre Früchte. Die erhobene Faust und der kommunistische Kampfruf, die noch ,m vergangenen Jahre höchstens in den Versammlungen des damals noch von Regierungsämtern unbeschwerten Propagandaredners Azana auftauchten, gehören heute schon zum guten Ton der Volksvertreter im Parlament. Die „Internationale" ertönt ebenso in dem historischen Sitzungssaal des Madrider Landtags wie auf den Straßen und Plätzen der Städte und Dörfer. Nicht einmal bei der Militärparade, die zu Ehren des neuen Staatspräsidenten vor dem Nationalpalast veranstaltet wurde, fehlten die Schlachtrufe des internationalen Kommunismus.
Politiker im Frack, die hohen Vertreter von Heer und Marine, das Diplomatische Korps in Galauniform, vornehme Damen in Seide, ein parlamentarischer Ausschuß als Zeremonienmeister auf silbernen Stühlen, Teppiche aus Samt, die Millionen kosteten, der Schwur eines Republikaners auf Staat und Verfassung — das war wohl der nicht gerade proletarische Anstrich der in der Verfassung vorgeschriebenen Vereidigung des neuen Staatsoberhauptes; aber den äußeren Rahmen bildeten d i e kommuni st ischen Gruppen, die planlos und ohne Ordnung mit ihren roten Fahnen durch die Straßen zogen und dem Festgefolge, den weiß behandschuhten, präsentierenden Soldaten die erhobene Faust zeigten. In ihrer blinden Begeisterung für ein internationales Sowjetparadies demonstrierten sie auch vor der deutschen Hakenkreuzfahne, die an jenem Tage von der deutschen Reichsbahnvertretung in Madrid gehißt worden war.
Nie, auch nicht zur Zeit der spanischen Könige oder des Diktators Primo de Rivera, hat die Bevölkerung Madrids so umfangreiche Sicherungsmaßnahmen erlebt wie am vergangenen 11. Mai. Die gesamten Polizeikräfte, über die Madrid verfügte, waren anläßlich der Vereidigungsfeier des Staatspräsidenten eingesetzt. Azana, der früher einmal mittlerer Beamter des Justizministeriums war und auch später als Literat und Parteiführer nicht gerade im Ueberfluß gelebt hat, bezog am gleichen Tage die nach seinem Geschmack umgebauten Gemächer der einstigen Königin Maria Christina, der Mutter Alfons XIII., und berief während der daraus folgenden Kabinettskrise die Parteiführer zur Besprechung in das Prado-Schloß, wo einst König Alfons XII. gestorben ist. Alcala Zamora, der erste Präsident der zweiten spanischen Republik, hatte seinen privaten Wohnsitz während der fünfjährigen Amtstätigkeit in einer kleinen Villa.
Die neue spanische Regierung ist wie ihre Vorgängerin eine linksrepublikanische Minderheitsregierung, die jedoch infolge ihres Dolksfrontbündnisies mit den Marxisten und Kommunisten die Mehrheit im Parlament hinter sich hat. Ihre begrenzte Aufgabe besteht in der Durchführung des zwischen Linksbürgerlichen und Marxisten vereinbarten Mindestprogramms. Ihre Vorgängerin hat den Weg in unmißverständlicher Weise bereits gewiesen und durch umfangreiche Ansiedlungen von Landarbeitern, durch eine mit aller Macht in Angriff genommene „Abschaffung" des geistlichen Lehr- und Pflegepersonals an Schulen und sozialen Anstalten, durch Faschistenverfolgungen „großen Stils" und durch eine schonungslose
Republikanisierungspolitik beim Heer, bei der Marine und im gesamten Beamtenapparat den guten Willen gezeigt. Wie das Konto der alten Regierung aussieht, hat der monarchistische Abgeordnete Calvo S o t e l o erst kürzlich im Landtag verkündet: In der ersten Hälfte der Regierung Azana zählte er 17 8 Brand st iftungen, meistens von Kirchen, 199 Ueberfälle auf Kirchen, Parteibüros, Geschäftshäuser und Privatwohnungen, 11 Generalstreiks, 39 Schießereien, 85 Feuerüberfälle auf einzelne Personen und 24 Bombenanschläge, wobei 74 Menschen getötet und 345 verletzt wurden. In der zweiten Hälfte trat eine leichte „Besserung" ein: Es wurden „nur noch" 52 Gebäude, größtenteils wieder Kirchen, niedergebrannt, 38 Streiks erklärt, 53 Bombenanschläge und 99 Ueberfälle verübt. Die Zahl der Toten und Verwundeten sank auf 47 bzw. 261.
Das ist das Erbe, das die neue Regierung unter’ Leitung des Ministerpräsidenten und Kriegsministers Casares Quiroga angetreten hat. Es ist sehr fraglich, ob der latente Revolutionszustand in Spanien endlich aufhört, da die politische Atmosphäre innerhalb der Volksfront zu stark aufgeladen und die Meinungsverschiedenheiten zwischen dem revolutionären und dem bürgerlichen Flügel sehr tiefgehend sind. Die gemäßigte Linke bemüht sich zwar, durch eine rasche Abwicklung des Programms die revolutionären Busenfreunde der Volksfront zufrieden zu stellen, treibt dabei aber immer mehr dem Abgrund zu, sie kann ihrer bürgerlichen Ideologie nach auf die Dauer den Wünschen der radikalen Sozialdemokraten und ihres geistigen Vormunds Largo Caballero, die zum Teil weit über die der Kommunisten hinausgehen, einfach nicht gerecht werden. Die Marxisten begnügen sich vorläufig noch damit, den Boden für die „soziale Revolution" vorzubereiten, der linksbürgerlichen Regierung durch wohl organisierte Sabotageakte, Brandstiftungen, Mordüberfälle und dergleichen das Leben unerträglich zu machen und durch Streiks und Lahmlegung des Wirtschaftslebens unter den Arbeitern Unzufriedenheit zu stiften. Largo Caballero gewährte der Regierung nur eine Galgenfrist, als er die Zusammenarbeit mit den Linksrepublikanern strikt ablehnte und von diesen unter Drohung der Sprengung der Volksfront verlangte, daß sie „vorläufig noch allein" die Verantwortung der Regierungsgeschäfte tragen sollten. Unter diesem Druck wies auch der als spanischer „Noske" bekannte gemäßigte Sozialdemokrat Prieto den ihm von Azana angebotenen Auftrag zur Regierungsbildung aus „Gründen der Parteidisziplin" zurück. Erst der Parteikongreß der spanischen sozialdemokratischen Partei wird Ende Juni mehr Klarheit über die bestehenden Meinungsverschiedenheiten bringen. Aus der verzweifelten Lage, in der sich die Regierung befindet, scheint es kaum eine Rettung zu geben. Eine „friedliche" Machtübernahme durch den revolutionären Flügel lehnt Largo Caballero jedenfalls als ein „Geschenk der verzweifelten Kapitalisten" ab; der Weg zur Macht führt ihn nur über die Revolution. Sollte sich die Regierung im letzten Augenblick noch zu einer energischen Abwehr des Marxismus entschließen, so müßte dies sehr bald geschehen, da die Zuverlässigkeit der bewaffneten Macht infolge der Wühlarbeit der Moskauer Sendboten mehr und mehr in Frage gestellt wird.
Die Wirtschaftslage des Volksfront-Spaniens ist das getreue Spiegelbild seiner Politik. Die Arbeitslosigkeit hat eine bisher nicht gekannte Höhe erreicht. Man hat zwar nach dem berühmten Ausspruch eines bürgerlichen Politikers „zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit muß man das Geld hernehmen, wo man es findet" eine Milliarde Peseten bereitgestellt, doch dürfte diese Summe zum Fenster hinausgeworfen sein, wenn man nicht in der Lage ist, das wirtschaftliche Vertrauen wieder herzustellen. Hieran ist aber zur Zeit gar nicht zu denken. Die Bereitstellung einer solchen Riesensumme, die in gar keinem Verhältnis steht zu der Verschuldung des Staates, kann eher als eine symbolische Geste der Linken gelten, die zeigen soll, daß der Volksblock mehr für das „Proletariat" übrig hat
als die „reaktionären" Regierungen von früher, deren Pläne nie über ein paar hundert Millionen Peseten hinauskamen. Die schlechte Entwicklung des Außenhandels, verbunden mit einer unzulänglichen Devisenbewirtschaftung, hat eine Knappheit an ausländischen Zahlungsmitteln heroorgeru- fen, die eine Abwertung der Pesete immer mehr in den Bereich der Wahrscheinlichkeit rückt. Man versucht zwar, sich die Erfahrungen anderer Länder zunutze zu machen und die Kapitalflucht mit allen Mitteln zu unterbinden, doch ist der Erfolg sehr zweifelhaft; die beste Arznei bringt schließlich keine Rettung mehr, wenn der Körper des Kranken nickt widerstandsfähig genug ist. Die jüngsten Maßnahmen, wonach der Reisende nur noch 500 Peseten über die Grenze ins Ausland nehmen darf (vor einigen Wochen waren es noch 5000!) und die Noten der Bank von Spanien, die im Auslandsbesitz sind, nur dann wieder gutgeschrieben werden, wenn sie von einer Exporterlaubnis begleitet sind, dürften keine Dauerlösung schaffen, wenn nicht zuvor sich die innerpolitischen Verhältnisse von Grund auf ändern.
Zahlreiche Unternehmen schließen ihre Tore, well sie entweder von den Forderungen der marxistischen Arbeitergewerkschaften erdrückt werden oder an den untragbaren Lasten zugrunde gehen, die ihnen der Staat aufbürdet. In Madrid beginnen wieder die Hotels und großen Kaffeehäuser ihren Betrieb einzustellen, da ihre Besitzer sich nicht zu Sklaven der marxistischen Gewerkschaften machen lassen wollen. Die Lage im Kohlenbecken von Asturien ist so ernst, daß in den meisten Gruben nur noch zwei bis vier Tage in der Woche gearbeitet wird, und man die Stimmung unter den Arbeitern mit der vergleicht, die in den Tagen vor der OktoberRevolution 1934 geherrscht hat. Ständig laufen in Madrid Meldungen aus jener „Märtyrerprovinz" ein, die von bewaffneten Streikkomitees, Truppenbewegungen, umfangreichen Vorsichtsmaßnahmen der Polizei, von Ingenieuren berichten, die unter Tage von den Arbeitern verhaftet wurden, und von Hunderten von Bergleuten, die die Ausfahrt verweigern.
Der Fremdenverkehr liegt vollständig lahm. Tausende von Ausländern, die noch im vergangenen Jahre vielen Provinzen reiche Einnahmen brachten und die klassischen spanischen Volksfeste besuchten, bleiben aus: Touristendampfer, die ihre Ankunft in spanischen Häfen angemeldet hatten, telegraphieren in Anbetracht der schlummernden Generalstreikgefahr ab und nehmen einen andern Kurs. Hinzu kommen umfangreiche Hochwasser- und Unwetterschäden, die die Bevölkerung vieler Provinzen dem Ruin nahe gebracht und auf dringende Staatshilfe angewiesen haben.
Das gewagte politische Spiel, das in Spanien seit dem 16. Februar getrieben wird, ist trotz aller „überwältigender" Mehrheitsbeschlüsse im Parlament und bei der Präsidentenwahl doch nur der Willensausdruck der kleineren Hälfte des spanischen Volkes. Die andere Hälfte, durch ein absurdes Wahlgesetz um die ihrer Stärke zahlenmäßig entsprechende Parlamentsvertretung betrogen, ohne jede kraftvolle Organisation, unter si ch uneinig, ist von der Straße und von den Versammlungsplätzen verschwunden. Daß sie überhaupt noch lebt, merkt man lediglich in der Presse, in den Kirchen und zuweilen im Landtag. Aktiv betätigen sich auf dieser Seite nur die Faschisten. Aber auch ihnen scheint die Organisation und der Führer zu fehlen. Viele Optimisten vergleichen die Verhältnisse in Spanien mit dem „Marxistenrummel" der Nachkriegsjahre in Deutschland. Diese vergessen aber, daß bas spanische Volk niemals unter der die Nation einigenden Not so stark gelitten hat wie das deutsche 17 Jahre hindurch, daß ferner die breite Masse des spanischen Volkes politisch, weltanschaulich und geistig sehr mangelhaft gebildet ist, und daß schließlich der angeborene und klimabedingte Individualismus des spanischen Menschen ein nur schwer überwindbares Hindernis für die Bildung einer geschlossenen national-sozialen Einheitsfront darstellt. Diese Gegebenheiten müssen unbedingt berücksichtigt werden, wenn man ein halbwegs klares Bild von
der zukünftigen innerpolitischen Entwicklung gewinnen will. — Ist es in diesem Zusammenhänge nicht verdächtig, daß die Komintern ausgerechnet Madrid als ein zweites Moskau ausersehen hat?
Aus aller Welt.
Zwei schwere Aukounfälle an den pfingslfeierlagen.
Ein trauriges Ende nahm bei Steinen im Westerwald ein Pftngstausflug, den die Eheleute Peter K l e f i s ch und Franz O p e r e e aus Köln mit einem Mietkraftwagen nach Wiesbaden unternehmen wollten. In einer Kurve streifte das Auto einen Grenzstein. Der am Steuer sitzende 32jährige Kaufmann K l e f i s ch verlor hierdurch die Gewalt über den Wagen, der sich zweimal überschlug und in den Dreifelder Weiher stürzte. Von den vier Insassen konnte lediglich die 37jährige Ehefrau Kle- fisch gerettet werden. Der 22jähriaen Frau Operee war es gelungen, sich aus dem Wagen herauszuarbeiten, doch waren ihre Kräfte so erschöpft, daß sie ertrank. Ihr Ehemann hatte bei dem Sturz einen Genickbruch davongetragen, während der Fahrer am Steuer so eingettemmt wurde, daß er sich nicht befreien konnte und hilflos ertrank. Frau Klefisch verdankt ihre Rettung dem selbstlosen Einsatz eines jungen Mädchens und eines Feldwebels vom Infanterieregiment 79, die kurz entschlossen ins Wasser sprangen und die völlig erschöpfte Frau an Land brachten.
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Auf der Fahrt von der Wasserkuppe (Rhön) nach Thüringen überschlug sich in einer Kurve in der Nähe des Dorfes Wüstensachsen ein Lastkraftwagen mit 14 Personen, wobei fünf Personen sehr schwer verletzt wurden, während vier weitere mit leichteren Verletzungen davonkamen. Der Lastkraftwagen war nicht zur Personenbeförderung zu- gelaffen und bereits auf der Wafserkuppe von einem Gendarmerieposten angehalten worden. Die Verletzten, von denen sich drei in Lebensgefahr befinden, wurden nach Bad Salzungen ins Krankenhaus eingeliefert.
Landregen, Schnee und Frost in Schlesien.
Am zweiten Pfingftfeiertag kam es in Schlesien zu verbreiteten Landregen. Die Temperaturen sanken unter den Gefrierpunkt, so daß die Niederschläge in Schnee übergingen. Der Kamm des Riesenaebirges zeigte bereits Montagabend eine Schneedecke, die Dienstagmorgen auf der Schneekoppe 5 Zentimeter Höhe hatte. Die Schneekoppe meldet 3 Grad Kälte. Die größten Regenmengen gingen in Neustadt (Oberschlesien), Landeshut und Reichenstein nieder.
Neuschnee in den bayrischen Bergen.
Der Temperatur st urz, der in der Nacht vom Pfingstsonntag zum Montag einsetzte, hatte zur Folge, daß in den bayerischen Bergen bis auf 1200 Meter herunter Neuschnee gefallen ist. Am Dienstagfrüh mar auch im Tal die Temperatur bei klarem Himmel bis auf den Gefrierpunkt zurückgegangen.
Tragischer Unglücksfall im Nordostseekanal.
Ein Boot der sächsischen Marine-SA., das von Dresden über Hamburg nach Kiel zu den Einweihungsfeierlichkeiten beim Ehrenmal in Laboe unterwegs war, ist beim Schleppen durch den Nordostseekanal in der Nähe von Rendsburg durch eine Verkettung von unglücklichen Umständen gekentert. Drei SA.-Männer aus Sachsen fanden dabei den Tod. Sie starben in Ausübung ihres Dienstes.
lieber 2 Minuten später *z,u Bett, als einen Abend ohne Chlorodont/
Eben dies war ihm anfangs schwierig gewesen, und das Fräulein Abendrot hatte viel Nachsicht mit dem Ungeschick des Knaben haben müssen, bis es der Jüngling durch feine Artigkeit wettmachte. Für die stupsnäsige Julla war er darüber ein Zierbengel geworden, für die Dame ein Kavalier, auf dessen Erziehung sie stolz gewesen war, ehe ihr Herz mitsprach.
An dem Mittag feierte der Kellermeister Diesterweg, der vor diesen Zeiten Korporal gewesen war und davon immer noch steifleinen war, seinen Namenstag. Herr Anckemann hatte dazu eine Flasche gespendet auch ein paar scherzende Worte gesagt; denn er mochte den Ernst bei solchen Gelegenheiten nicht leiden. Wie nun die Dame Abendrot mit dem Kellermeister auf fein Wohl anstoßen und doch etwas Ernstes hinzufügen wollte, hatte sie das Mißgeschick, mit ihrem Aermel am Bein der Pute hängen zu bleiben, das sich ihr entgegensperrte, und zwar so unglücklich, daß ihr Glas das des mürrischen Diesterweg gar nicht erreichte, sondern seinen Inhalt in einem Schwapps halb auf die Pute entleerte.
Darüber mußte die rothaarige Julla kichern, aber es machte sich keiner etwas daraus, weil sie immer kicherte; der Jüngling Tristan hingegen tat etwas Unerklärliches, indem er die Bewegung nachmachte und also auch seinen halben Wein auf die Pute schwappte. Er schien selber darüber erschrocken zu sein, aber die andern waren nur einen Augenblick verdutzt, miteinander in ein Gelächter auszubrechen, das in einem Bruchteil der Hausdame über die Beschämung hinweg helfen sollte, wie die unerklärliche Haltung des Tristan auch als eine einfältige Ritterlichkeit hätte gedeutet werden können. Die Dame Abendrot in ihrer Gereiztheit sah weder die Ritterlichkeit, noch die Hilfe, gerade in dem Augenblick, da sich ihre Bildung in einem ernsten Wort hatte fühlen wollen, gerade in dem Augenblick Gegenstand eines Gelächters zu sein, diese Wendung ertrug sie nicht. Als hätte ihr der Tristan hinterlistig das Putenbein in den Aermel geschoben, überfiel sie ihn mit Vorwürfen, die alle auf seine Herzlosigkeit zielten. Und weil der Beschuldigte nicht daran dachte, seine Augen vor ihren Zornblicken zu senken, sondern auch ihren Ausbruch mit der kühlen Beobachtung hinnahm, die nun einmal seine Wehr gegen die Tücken der Wirklichkeit war, so wurde aus der Flut ihrer Vorwürfe rasch die zornige Ausbreitung einer Dame, die sich in ihren edlen Gefühlen mißachtet sah.
Zu ihrem Unglück wollte Herr Anckemann die aufgeregte Hausdame noch mit einem Scherzwort besänftigen: Gebackene Pute mit Weinguß wäre vielleicht gar nicht zu verachten! Aber damit kam
Gebackene Pute mit Wemguß.
Von Wilhelm Schäfer.
Aus Wilhelm Schäfers neuer Novelle „Anckernanns Xriftan", einem Werk voll besinnlichem Ernst und anmutiger Heiterkeit, bringen wir mit Erlaubnis des Albert Langen/Georg Müller Verlages die nachstehende heitere Episode zur Veröffentlichung.
Als Tochter eines in den niederländischen Händeln gefallenen Offiziers hatte sich die Dame Abendrot zur zweiten Frau des Herrn Anckemann empordienen wollen, war aber schon lange auf den notgedrungenen Verzicht zurückgefallen, weil sie mit ihrer gebildeten Schwermut bei dem handfesten Weinhändler nichts ausrichten konnte. Man sagte seiner ersten Frau nach, sie sei der Dame Abendrot ähnlich gewesen; so mochte Herr Anckemann Warnungen im Gefühl haben, die dem Jüngling Tristan natürlich fehlten, als sie ihm ihre absichtslose Neigung zuwandte. Dafür hatte er einen Schutzengel in dem, was der Weinhändler seine Tumb- heit genannt hatte: ihm wurde weder deutlich, was die Dame mit ihren aufgesparten Zärtlichkeiten wollte, noch war irgend etwas in ihm, das zur Erwiderung drängte. Soweit er in Frage kam, hätte die Dame Abendrot ihre Schwärmerei ebenso gut an einen Hund hängen können; sie hätte sogar besser daran getan, weil der ihr dann wahrscheinlich dankbar gewesen wäre, während der Tristan in ihr nur wieder ein Stück der Wirklichkeit sah, die sich solche Einfälle ausdachte
Wenn sie seine Hand ergriff, wartete er geduldig, bis sie sie wieder los ließ; und wenn sie über fein h<-->r streichelt-, liest er sich °tw°s g-fa l-n das eigentlich dem Haarfchneider zustand Auf lauf e Blicke achtete er nicht, und andeutende Worte konnte er mit einer (o törichten Gegenfrage beantworten, daß es der Dame Abendrot immer schwerer fiel, den Jüngling nicht für herzlos zu halten. Und eines Mittags fiel es ihr zu schwer.
Im Hause des Weinhändlers herrschte noch die Sitte, daß alle Hausgenossen an einem aßen, auch die Köchin Katharina mußte sich dafür em- richten. Herr Anckemann saß der Hausdame gegenüber an der Schmalseite des Tisches, rechts neben ihm die Köchin und links das Hausmädchen Julla während der Tristan und der Kellermeister ih Plätze rechts und links von der Hausdame hatten. Die Schüsseln wurden von den Essern selber herum gereicht; dabei hatte es der Tristan also rechts mit dem Hausmädchen und links mit der Hausdame zu tun.
in die neue Gereiztheit die alte Verbitterung hinein; und der Weinhändler hätte ein anderes Gesicht machen müssen als das mit den blinzelnden Augen in der schlagflüssigen Röte, um das Fräulein Abendrot nicht an seine gescheiterten Hoffnungen zu erinnern, die sich bei dem blonden Tristan nur einen Trost hatte holen wollen.
Sie wisse schon, wie man in diesem Haus ihre Bildung verlache, Spott zu ernten, wo sie Anerkennung verdient habe. Aber nun sei das Maß der Kränkungen voll und sie verließe noch heute eine Stellung, die ihrer unwürdig sei!
Siebes Fräulein Abendrot! sagte der Weinhändler noch einmal in die gestörte Stimmung hinein; und es war, als spräche das blaugeblümte Zimmer selber zu der aufgeregten Dame: Ich würde mir das noch überlegen!
Doch weckte gerade die harmlose Anrede den Dämon ihrer Enttäuschung; als habe er damit endlich den versäumten Antrag gemacht und sie könne sich für die Versäumnis rächen, fuhr es ihr heraus, daß sie sich zu gut für die Liebe eines Weinhändlers fei! Sie griff mit beiden Händen in die Luft, als müsse sie da gesponnene Fäden zerreißen, brach in ein Gelächter aus, das ihr sogleich in einen Weinkrampf mißriet, und verließ, mit hoch- gezogenen Schultern ihr Kleid an sich raffend, das Zimmer.
Gak! Gak! machte Herr Anckemann gegen seine Gewohnheit hinter ihr her und hob die Hand nach der Pute, das Signal zur Fortsetzung der Tafel zu geben. Doch nun trat die Köchin Katharina in ihre beleibte Erscheinung. Als sei auch ihre Frauenehre beleidigt, stand sie auf, raffte die Schüssel und verschwand damit unter der Feststellung in die Küche, daß die Pute kalt sei und daß sie den Wein abgießen müsse; so daß sie zu Vieren vor leeren Tellern saßen. Da hatte Herr Anckemann genug von dieser verunglückten Namensfeier: Sorgt, wie ihr was kriegt! befchied er: Ich gehe in den Schwanen.
Gloria-palast:
,0er Abenteurer von Paris".
Russisches Emigrantenschicksal in Paris, ein oft behandeltes, beliebtes und meist auch ergiebiges Thema. Ein paar Szenen lang wird man sogar an „Towarisch" erinnert. Allerdings bringt das Buch von Axel Eggebrecht die entscheidende Handlung etwas umständlich und schwerfällig in Gang. Hinzu kommt, daß Karl Heinz Martin diesen Film für die Terra inszeniert hat; Martin ist ein bekannter,
erfahrener und begabter Theaterregisseur. Das wird hier besonders deutlich: er inszeniert nicht eigentlich filmisch, sondern theatralisch — mit merklicher Betonung der ziemlich ausführlichen Sprechpartien, auch kleinerer episodenhafter Einlagen. Das erweckt den Eindruck, als ob es sich um die Verfilmung eines Stückes handelte, was gar nicht der Fall ist. (Jedenfalls wird nichts dergleichen erwähnt.) Filmisch vrauchvar ist an dieser Fabel allenfalls die Spielsaal-Szene und das hübsche Motiv „Potemkinsches Dor ", das überhaupt eigentlich als Leitmotiv für die ganze Geschichte gelten könnte: ein emigrierter russischer Fürst verdient seinen Lebensunterhalt als Arti t in einem Pariser Variete und ermöglicht damit ogar seinem jüngeren Bruder ein teueres Studium in Oxford; der weiß nichts von dem Leben, das der Aeltere führt und glaubt an ein aus dem Zusammenbruch gerettetes fürstliches Vermögen. Die zufällige und unvermutete Entdeckung der wahren Zusammenhänge führt zur Katastrophe, doch spielt auch eine Liebesgeschichte mit, und da das Mädchen, um das es sich handelt, den Fürsten nicht nur Hebt, sondern auch über viel Geld und einen einflußreichen Vater verfügt, findet das Pariser Abenteuer ein erfreuliches Ende. Martins Regie, von der schon die Rede war, hat ihre besten Augenblicke in einigen Dialogszenen, auch in der Aufmachung und .Ausmalung des von eigentümlicher Atmosphäre umgebenen Schauplatzes. Peter Voß spielt den Abenteurer, äußerlich stellenweise an Silbers erinnernd, mit Zurückhaltung und gedämpfter Melancholie, so daß man ihm das Kosakentemperament des kaukasischen Schwertertanzes kaum zutrauen möchte. Sehr gut wirken im Typus, ohne eigentlich im Vordergründe zu stehen, Hilde von Stolz und Andrews Engelmann. Karin Hardt, ein wenig spröde und ungelöst, läßt nur in einigen Szenen den ganzen Umfang ihrer Begabung erkennen. Hannes Stelzer spielt hier eine ähnliche Figur wie neulich im „Traumulus" — recht glaubwürdig. Theodor Loos steht diesmal leider nur episodisch auf der Szene. —
Der Film erschien am zweiten Feiertag, übrigens kurz nach der Berliner Uraufführung, bei recht gutem Besuch im Gloria-Palast. Reichhaltiges Beiprogramm: Ufa-Wochenschau; ein Kultursilm „Zwischen Blausee und Blümelisalp"; Karl Valentin und List Karlstadt in der Lustspielszene „Beim Rechtsanwalt"; ein Vorspann zu „Stjenka Rasin"; auf der Bühne Exzentriktanz und Musik. —r—


