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Donnerstag, 2. Zanuar 1936

UH Drittes Blatt

Kietzen« Anzeiger (General-Anzeiger für Vberheffen)

Achtung!

Hausgehilfen in nichtarischenHaushalten!

Betrifft Gesetz vom 15. September 1935

Aus der Provinzialhauptstadt.

Gedanken in her Neuiahrsnacht.

Die letzte Stunde des Silvestertages hat sich voll­endet. Von den Türmen ertönen die Glocken zum feierlichen Gruß.an das neue Jahr. Bei den bren­nenden Kerzen am Weihnachtsbaum lasse ich noch einmal im Geiste das Jahr 1935 vorüberziehen. Einige Zettel vom Abreißkalender, die besonders be­merkenswerte Daten aufweisen, liegen vor mir. Diese Zettel weisen mich im Zusammenhang mit kurzen Notizen, die ich an den jeweiligen Tagen darauf niederschrieb, auf die wichtigsten Begeben­heiten im letzten Jahre hin. Das Jahr 1935 wird durch diese Zettel noch einmal lebendig. Es hat uns allen viel Gutes, aber auch manche Enttäuschung gebracht. An beides müssen wir in der Stunde des Jahreswechsels zurückdenken, denn alle Tage zählen.

Wir freuen uns, wenn draußen in der Natur alles blüht und duftet, und unser Herz lacht, wenn wir die reifen Früchte ernten. Aber zwischen Blüte- und Erntezeit liegen noch viele, viele Tage. Auch diese Zeit des unbewußten Wachsens, des stillen Reifens, ist wertvoll und sehr nötig. Genau so ist es bei uns Menschen. Wenn wir zurückschauen und uns eine Reihe von Wochen und Monaten nur noch ganz schattenhaft vorstellen können, wenn wir glau­ben, daß diese Zeit wertlos gewesen sei, dann irren wir uns. Es sind vielleicht Tage der Vorbereitung gewesen. Aber verloren sind sie deshalb noch nicht. Nur Nichtstuer und Verschwender kennen wirklich verlorene Tage.

Freilich ohne Höhepunkte können wir uns unser Leben nicht denken. Es gibt Augenblicke, die sich tief und unauslöschlich in unser Gedächtnis eingra- bcn. Und in stillen Stunden kenne ich nichts Schöne­res und Wohltuenderes als ein Zurückrufen dieser Erlebnisse. Das sind die Schätze unserer Seele, und je mehr wir davon ansammeln, desto glücklichere Stunden haben wir. Diesen Reichtum kann uns keine Macht der Welt rauben.

Anders können wir uns überhaupt das Alter gar nicht vorstellen. Es ist eine Rückschau in jene sonni­gen Lebensstunden, ein still wärmendes Glück.

Einsam in alten Tagen lächelt Erinnerung: Einzelne Wellen schlagen, rauschen herauf wie Sagen: Herz, auch du warst jung! (Große). Es gibt auch Menschen, die nur dem Augenblick leben, st»' wollengenießen". Das ist freilich eine schwere Kunst, dennnichts ist schwerer zu ertragen, ols eine Reihe von schönen Tagen". Die Kunst des Erinnerns ist aber oft noch schwerer, und wir soll­ten sie mehr üben, denn dann erst können wir uns Über trübe, traurige Tage hinwegtrösten. Wenn wir zurückschauen auf unsere Kindheit, erscheint uns alles so. leicht und froh, alles voll Sonnenschein und Vogelsang. Die kleinen ärgerlichen Gescheh­nisse sind unserem Gedächtnis entschwunden. Nur die Höhepunkte sind geblieben.

Aber auch schmerzvolle Stunden steigen herauf. Sich ihrer zu erinnern, stimmt wehmütig. Aber linde und weich hat hier die heilende Zeit das Harte ab­gestreift. Das Andenken an dunkle Tage ist uns ebenso heilig, wie das an die sonnige Kindheit.

Und nun stehen wir am Anfang eines neuen Jah­res. Unbewußt kommt da jedem ernsten Menschen die Frage: Was wird uns dieses Jahr bringen, Glück oder Unglück? Stehen wir auf einem Gipfel, oder in einem Abgrund? Aber unser Glauben an das Leben ist unverwüstlich. Wir gehen getrost in die Zukunft, wenn wir an uns selbst nicht irre wer­den. Unser Herz darf nicht erstarren. Trotz aller Nöte und aller Stürme des Lebens gilt es auszu­halten und feinen Mann auf dem angewiesenen Platze z» stellen. K.

Der Zanuar.

Der erste Monat des neuen Jahres, der Januar, der sich bei seinem Erscheinen als Bringer des Glücks feiern läßt, verdankt seinen Namen dem doppelgesichtigen Janus, dem Gott allen Anfangs, dem im alten Rom nicht nur der erste Monat des Jahres, sondern auch der Tagesanfang, die Monats-

Für die in nichtarischen Haushalten beschäftigten Hausgehilfen unter 35 Jahren ist im Einvernehmen zwischen dem Landesarbeitsamt, der hessischen Landesregierung, dem Polizeipräsidium Frankfurt am Main, der Stadtverwaltung Frankfurt a. M. und der Deutschen Arbeitsfront folgende Regelung getroffen:

1. Alle unter die Bestimmungen des Gesetzes fallenden Hausgehilfen scheiden mit Ablauf des 31. Dezember 1935 aus den nichtarischen Haus­halten aus. Die Polizeibehörden schreiten bei Nicht­befolgung gegen Arbeitgeber und Arbeitnehmer so­fort ein.

2. Die aus den nichtarischen Haushalten scheiden­den Hausgehilfen haben sich bei den für sie zu­ständigen Arbeitsämtern zu melden und werden sofort betreut bezw. der jeweiligen Stadt- oder Ge­meindeverwaltung betreffs Unterkunft ab 1. Januar 1936 Überwiesen.

In der Zeit vom 11. bis 20. Januar einschließlich werden sich mehrere Musikkorps der 9. Devision auf einer Konzertreise in den Dienst des Winterhilfs­werkes stellen. Die Reife ist in zwei Abschnitte ge­gliedert, in deren ersten Teil sechs Musikkorps mit­wirken, während der zweite Teil von drei Musik­korps bestritten wird. Das erste Konzert mit sechs Musikkorps und zwei Spielmannszügen findet am 11. Januar abends in Frankfurt a. M. in der Festhalle statt. Dabei werden der Heeresmusik- inspizient Professor Schmidt, sodann der Ober­musikmeister K r a u ß e vom Infanterie-Regiment 36 in Gießen dirigieren. Am 12. Januar wird ein wei­teres Konzert in Frankfurt a. M. folgen, das als Jugendkonzert um 11 Uhr im Hippodrom von drei Musikkorps unter Leitung von Musikmeister D ei­se n r o t h gegeben wird.

Im Anschluß an die Frankfurter Konzerte beginnt die Reise der Musikkorps. Am 12. Januar werden drei Musikkorps unter Leitung von Musikmeister Deisenroth in Darmstadt und am gleichen Tage drei weitere Musikkorps unter Leitung von Obermusikmeister Krauße in Bingen konzer­tieren. Am 13. Januar folgt ein Konzert in Mainz

3. Die Gemeindeverwaltung hat ihrerseits für die in ihrem Bereich tätigen Hausgehilfen in nicht­arischen Haushalten alle Maßnahmen und Vor­kehrungen getroffen bzw. zu treffen. Hausgehilfen, die entweder selbst oder seitens der seitherigen nichtarischen Arbeitgeber Befreiungsanträge gestellt und noch keinen Bescheid seitens des Ministers haben, gelten die gleichen Bestimmungen, und haben die Betreffenden sich ebenfalls bei den zu­ständigen Arbeitsämtern zu melden.

Becker,

Landesobmann der NSBO. und Gauwalter der DAF. Hessen.

Die Behörden des Amtsbezirks Hessen werden angewiesen, in vorstehendem Sinne zu verfahren.

Sprenger,

Gauleiter und Reichsstatthalter.

in der Stadthalle, das von drei Musikkorps ge­geben wird. Von hier aus werden die weiteren Veranstaltungen von drei Musikkorps unter Lei- tuung von Obermusikmeister Krauße (Gießen) bestritten. Am 14. Januar weilen die Kapellen in Wiesbaden, wo sie ein Jugendkonzert und ein Hauptkonzert, beide Mal im Kurhaus, geben wer­den. Am 15. und 16. Januar folgen die Konzerte in Saarbrücken, ebenfalls als Jugendkonzert und Hauptkonzert. Am 17. Januar folgen drei Kon­zerte an einem Tage, und zwar in Neunkir - ft en, Saarlouis und St. Wendel. Von dort aus geht die Fahrt nach Trier, wo am 18. Januar konzertiert wird, sodann fahren die Mu­sikkorps nach Koblenz, um dort am 19. Januar mit ihren Konzertdarbietungen zu erfreuen. Den Abschluß der Konzertreise bildet ein großes Konzert der drei Musikkorps am 20. Januar in Gießen im Gloria-Palast. Die musikalischen Darbietunaen bestehen aus symphonischer und Militärmusik. Als Solist wirkt Ludwig Kaiser aus Kassel mit. Die Musikkorps hoffen, mit ihren Darbietungen an­sehnliche Beiträge für das Winterhilfswerk beschaf­fen zu können.

Je näher der Zeiger der Uhr der Mitternachts- stunde rückte, desto stärker würbe der Betrieb auf den Straßen, immer mehr Feuerwerkskörper heul­ten und krachten durch die Luft, bengalisches Licht blitzte immer häufiger auf, und die begeisterten Feuerwerker" ließen es an der entsprechenden Begleitmusik ihrer Stimme auch nicht fehlen. Als um die Mitternachtsstunde das feierliche Geläute der Kirchenglocken über die Stadt erklang, machten wiederum, wie alle Jahre, viele Männlein und Weiblein, Buben und Mädels ihre Feuerwerks-Be- gleitmufik in den Straßen kräftig dazu. Gleichzeitig erscholl von überall her, von Nachbar $u Nachbar, non Straßenpassant zu Straßenpassant der frohge­stimmte Prosit-Neujahr-Gruß, den man noch lange nach der Mitternachtsstunde hören konnte.

In den Gastwirtschaften herrschte der übliche Neu­jahrs-Hochbetrieb, der die Feiernden bis weit in den jungen Tag hinein beisammenhielt, manche sogar aus der frohen Stimmung heraus dazu brachte, daß sie in ununterbrochener Kette der Neujahrsfeier dem militärischen Neujahrswecken entgegengingen und sich anschlossen, das von dem Spielmannszug und dem Musikkorps sowie einem Zug unseres Infanterie- Regiments 36 unter Führung des Bataillonsadju­tanten Leutnant K e i d e l um 7 Uhr von der Neuen Kaserne abmarschierte und die Truppe durch die Licher Straße, Kaiserallee, Ludwigsplatz, Neuen Säue, Neuenweg, Seltersweg, Horst-Wessel-Wall, Bahnhofstraße, Liebigstraße, Ludwigstraße, Ludwigs­platz, Licher Straße zur Neuen Kaserne zurückführte.

Die Neujahrs-Gottesdienste in unseren Kirchen waren gut besucht. Nach dem Gottesdienst erfreute das Musikkorps des Jnf.-Regts. 36 unter Leitung von Obermusikmeister Krauße in der Zeit von 11 bis 12 Uhr mit einem guten Neujahrs-Kon. zert auf dem Kreuzplatz, das in verdienter Weife eine große Menschenmenge vereinigte, die den aus- gezeichneten musikalischen Darbietungen dankbar folgte.

Erfreulicherweise brauchten die Polizei und die Sanitätskolonne im ganzen Verlauf der Silvester­feier nicht in Tätigkeit zu treten. Nur die Feuer­wache mußte am Silvesterabend im Hause Schanzen­straße 10 einen Kellerbrand löschen, der durch einen von der Straße aus in den Keller gefallenen Feuer- werkskörper entstanden war. Der brennende Feuer­werkskörper fand in einer Strohlage rasch Nah­rung. Die herbeigerufene Feuerwache, die mit Rauch­masken vorgehen mußte, beseitigte in stündiger Arbeit die Gefahr. Das Feuer wurde mit Hilfe einer Schlauchleitung gelöscht. Die Arbeit der Feuerwehr­männer war durch die starke Rauchentwicklung sehr erschwert. Durch das tatkräftige Eingreifen der Feuerwehr konnte größerer Schaden verhütet werden.

Der Neujahrstag gab dann durch fein günstiges Wetter gute Gelegenheit zu Erholungsspaziergängen, bei denen auch mancherschwere Kopf" seine not­wendige Abkühlung erhielt.

Dornotizen.

Tageskalender für Donnerstag.

Gloria-Palast, Seltersweg:Liebeslied". Licht­spielhaus, Bahnhofstraße:Im weißen Rößl".

Winterhilfswerk des deutschen Volkes1935/36

Ortsgruppe Gießen-Süd.

Kohlenscheinabrechnung.

Die Kohlenhändler werden aufgefordert, die in Zahlung genommenen Kohlengutscheine am Sams­tag, 4. Januar, von 15 bis 16 Uhr in unserer Ge­schäftsstelle, Crednerstraße 24, einzureichen. Später eingereichte Gutscheine können nicht mehr angenom­men werden.

pfunbfammlung.

Am Montag, 6., Dienstag, 7., und Mittwoch, 8. Ja­nuar, findet im Bereich der Ortsgruppe Gießen-Süd durch die NS.-Frauenschaft die Pfundsammlung für den Monat Januar statt. Es wird gebeten, die Le­bensmittelpakete zur Abholung bereitzuhalten.

Weiter werden alle Spender unserer Ortsgruppe gebeten, vorkommenden Wohnungswechsel bei unserer

ersten sowie aste Türen, Pforten, Eingänge und Straßendurchgänge geweiht waren. Mit dem Drei- königstaa bringt der Januar den Abschluß der Weihnachtszeit. Er ist ein ganz absonderlicher Ge­selle, denn halb schmücken ihn noch die lichterbesteck­ten Zweige des Christbaumes, halb schielt er be­reits nach der Ausgelassenheit, Fröhlichkeit und Ungebundenheit des Faschings, der heute über sieben Wochen dauert.

In der Regel hat der Monat Januar durchaus winterlichen Charakter, worauf auch die bekann­testen alten deutschen Namen des Januar Hinweisen, die da lauten: Frostmonat, Hartmond oder Hartung. Wenn es mit rechten Dingen zugeht, dann soll in den Januartagen tiefer Schnee die Fluren decken und scharfer Frost herrschen. Der Bauer weiß um diese Zeit gern seine Fluren in die schützende Schneedecke gehüllt.

Ein wertvolles, dankbar entgegengenommenes Geschenk bringt der Januar den Menschen durch den wachsenden Tag. Die Länge der Tage nimmt bereits etwa um eine Stunde zu. Don den 31 Tagen des Monats sind in diesem Jahr einschließlich des Neujahrsfestes fünf Feiertage. Der Heilig-Drei-

königstag wird nur mehr als kirchlicher Feiertag begangen.

Nach dem 100jährigen Kalender soll bis zum 11. Januar anhaltende Kälte herrschen; vom 12. bis 18. trüb und gelind, am 19. falt, darnach hell und wieder kalt; vom 24. bis 26. Regen, d.as Ende trübe und trocken.

Oer Jahreswechsel 1935/36.

Die Silvesternacht wurde in unserer Stadt in altgewohnter Weise begangen. Der Abschied vom alten Jahre nahm eigentlich schon in den Nachmit­tagsstunden des Silvestertages seinen Anfang. In einer Anzahl Straßen knallten da bereits die Frösche und die Kanonenschläge, um das Jahr 1935 mit lautem Krachen endgültig zu vertreiben, und in den Geschäften, die Feuerwerkskörper feil­hielten, herrschte Hochbetrieb. Das Leben und Trei­ben im Geschäftsviertel, insbesondere im Selters­weg, war vielleicht noch etwas stärker als sonst um diese Tagesstunde, denn es gab eben noch mancher­lei zu besorgen, um die Stunde der Jahreswende in der üblich festlich-frohen Stimmung begehen zu können.

Äärtoiwte zum Vesten der Winterhilfe

Sechs Musikkorps her 9. Division stellen sich in hen Dienst her guten Sache.

Prinzessin geht vorüber.

Von Werner Schumann.

Der greife Fürst hatte die Güte, mich durch die bunte und erlesene Gesellschaft seines wohlbehüteten Gästebuchs zu führen. Draußen war, als wir in feinem schlichten Bibliothekszimmer saßen, lauterer, stiller Herbst, wir sahen, wenn wir den Blick bann und wann hoben, ihn sein Zauberwerk zwischen den Bergen jenseits des Rheins treiben, wo das Dunkel der Waldungen längst in heitere, hellere Farben aufgelöst war.

Von jedem der zahllosen Besucher, die unter die­sem Dache einst geweilt oder auch gewohnt hatten, trug der Ehrwürdige sein klares Bild in sich. Aber es genügte ihm nicht. Er hatte die wunderbare Fähigkeit, dieses aus persönlicher Bekanntschaft ent­standene und genährte Erinnerungsbild durch die Schlüsse zu ergänzen, die er aus den Eintragungen der Gäste zog. Nicht daß er ein Graphologe der üblichen Art gewesen wäre! Dazu fehlte ihm wohl das elementare Rüstzeug. Die Natur selbst hatte ihm das seltene Vermögen intuitiver Einfühlung geschenkt. Er war mit seherischen Gaben gesegnet. Hinter den Schriftzügen sah er ein Menschen­schicksal

Mein Gastgeber blätterte bedachtsam um, als gelte es, mit Ehrfurcht und in innerer Sammlung sich einem neuen Schriftbilde zu nähern; quer durch d'e Mitte einer Seite, wie selbstverständlich jede Nachbarschaft oben und unten ausschließend, galop­pierten sechs Worte wie die Reiter einer Parforce­jagd. Der sie hinwarf, vernahm ich, hatte die un­sichtbare Lanze unterm Arm. Wie kühn, wie blind gegen allen Widerstand, wie töricht zugleich sprengte er durch die Welt! Was ist mit ihm, wo lebt er jetzt?

Er ist schon drüben", war die Erwiderung, und eine kleine Geste- der Rechten wies himmelwärts, diese schöne Erde war ihm doch zu klein. Sie konnte ihm nicht genügen. Er fiel in einem allzu mutwillig heraufbeschworenen Duell "

In der folgenden Eintragung schien sich fede Ordnung aufgelöst zu haben. Auseinandergenssen, haltlose Buchstaben tanzten, nein taumelten dahm, ohne Bindung untereinander, eine Truppe in vol­ler Auflösung Und dazwischen standen, architek­tonisch liebevoll gebildet, die klar ausgefuhrten Ver­salieneinsame Leuchttürme des Geistes" hieß sie der kundige Greis und erzählte dann stichwort- haft den irrlichterndsn Diesseitsweg der unglück­lichen Schreiberin, die als hochbegabte Tragodm immer mehr in Disziplinlosigkeit und Exaltation

verfallen und schließlich in London völlig herunter­gekommen und verarmt sei. Als sie auf diesem Stuhl hier saß, brannte ihr die Sehnsucht nach dem besseren Ich in ihr aus den Augen. Sie brauchte nicht Geld, nicht Freunde und gute Rat­schläge nur eine andere Seele hätte sie retten können.Das aber liegt nicht in des Menschen Hand."

Wir sannen einen Augenblick der Unglücklichen nach und weiter knisterte Blatt um Blatt zwi­schen den Fingern des Hausherrn auf, der diese Welt und seine Geschöpfe kannte und aus haar­buschüberwucherten Augen mich zwinkernd ansah, wenn ein lebensfroher Bauer aus diesem gesegne­ten Gefild ein schwärmerisch keckes Derslein vom süffigen Wein dahergekritzelt hatte. Ja, freilich, in diesem Hause gibt es einen guten Trunk und vor der Exzellenz sind sie alle gleich.

Und dann stand plötzlich der korrekte Namens­zug einer alten Prinzessin vor uns. Sie bewohnte in der allernächsten Nachbarschaft eine Villa und hatte aus den Tagen des Glanzes niemanden mehr bei sich als ihre ehemalige Hofdame und eine be­tagte Köchin, der zugleich die Reinigung der Zim­mer oblag. Ein seltsames Liebesschicksal verband sich mit ihrem halb vergessenen Namen. Sie hatte nicht viel mehr zu verzehren, wer erinnerte sich ihrer denn noch? Und wer hätte es nicht begreifen können, wenn sie mit ihrem Schicksal haderte?

Aus dem adeligen Gefüge ihres sehr langsam und selbstbewußt niedergeschriebenen, eher gemalten Namens aber pochte uns, daß wir's zu spuren meinten, ein Herz entgegen, das lange verwunden und seinen alten Rhythmus miedergefunden hatte. Ein stolzer, aber nicht dünkelhafter, ein von feinem Adel überzeugter, ihn andere aber nie fühlen lassen­der Sinn mußte in dieser Frau lebendig sein, die, von den alten Möbeln und Bildern umgeben, in ihrer engen, strengen, selbstgenügsamen Welt wei- terlebte und. der die Existenz der anderen, sich so umstürzend gewandelten Welt immer unergründ­lich blieb.

Wenn Sie noch eine halbe Stunde warten, können Sie sie sehen. Dort am Flußufer kommt sie stets gegen Mittag vorüber." Ja, ich wollte auf die Prinzessin warten.

Den Mann, den sie einst geliebt hatte und der für sie längst verschollen und gestorben war, diesen einst unrastgetriebenen, von Kontinent zu Kontinent jagenden Mann hatte eine merkwürdige Fügung auch in diese stille Klause geführt, ohne daß er gewußt und es ihm jemand verraten hätte, daß die Jugendgeliebte fünf Minuten von hier abgeschlossen

lebte. Lang ist es her, daß er ihr diese Verse ins Schloß geschickt hatte:

Hat dich die Liebe berührt, Still unterm lärmenden Volke, Gehst du in goldener Wolke, Sicher vom Gotte geführt.

Ahnungslos also hatte der Heimkehrer einen Spruch Övids in ritterlich-schöner Schrift hierher­gesetzt und war dann ins Blättern und Lesen gekommen, bis er erbleichend und mit zitternden fänden, zunächst keines Wortes mächtig, den Na­menszug der Geliebten auf dieser Seite entdeckte. Und er riß alle alten Wunden. wieder auf. Der Fremde hatte die sechzig überschritten, er war grau und faltig geworden, aber in seinem Herzen war die Glut dieser tiefen Neigung nie ganz erloschen. In wachsender Erregtheit trommelte er mit den Fingern und schließlich mit den Fäusten auf die Tischplatte. Sein erster Gedanke war: zu ihr eilen, ihr zu Füßen fallen, ihr sein bisheriges, gehetztes Leben offenbaren. Doch der gute Geist dieses Ein- sieblerhauses hatte besänftigend die Hand auf seine Schulter gelegt: Gemach, mein Freund, warten Sie doch, tun Sie nichts Uebereiltes, gleich wird sie ja hier vorüberkommen!

Und wie mich jetzt der Alte ans Fenster zog, so geschah es vor vielen Jahren jenem Manne. Wie damals ging sie vorüber, winzig und kostbar, in ein Cape von schwarzer Seide gehüllt, ein dunkles Kapotthütchen auf dem schneeweißen, spärlichen Haar, mit kurzen Schritten trippelte sie am Arm ihrer rüstigeren Hofdame unter dem vergilbenden Laubwerk der hohen Pappeln stadteinwärts Und wie die Matrone so, seit Jahrzehnten auf der glei­chen ehrbaren Bahn und am gleichen Arm der Ver­trauten, mit gelbem Gesichtchen und zerbrechlich anzusehen wie Porzellan, dahinwandelte, sprachen wir davon, daß wohl auch die Gedanken dieser Frau denselben Pfad gezogen seien, nicht zu niedrig und nicht gar so hoch, und daß sie darum wahr­scheinlich auch nie ganz unglücklich hatte werden können. Ein Wind war aufgekommen und wellte durch ihr Seidencape, und sie hob das Köpfchen blickte den Vögeln nach, die krächzend und scharrend als Wolke über den Fluß stürmten.

Ein neuer Vergleich drängte sich uns auf: wie diese Vögel aber waren die Gedanken jenes er- grsifenen Mannes, der ehedem an diesem Fenster gestanden; Vögel, die Länder überrauschten und endlich bann ihren Ruheplatz gesunden hatten. Bis ein neuer, unvermuteter Sturm sie abermals auf» scheuchte. Wohin? Wohin? Ach, späte Stürme pfle­gen kurz zu fein. Die Prinzessin, erzählte mein

freundlicher Gastgeber, wie sie es feit Jahren ge­wohnt, wollte damals dem Alten am Fenster huld­voll zunicken; doch da sie das fremde Gesicht da­neben gewahrte, unterließ sie den Gruß, blickte starr und geradeaus und entschwand als schwarzes Fähnchen einer verklungenen Zeit endlich den Blicken. Da schwieg der Mann, den es eben noch so gepackt hatte, nun völlig ruhig, ein Versonne­ner, der daran denken mochte, daß das Glück der Erinnerung dem der Liebe kaum nachsteht, denn jedes Alter hat seine hohe, selige Zeit. So ging er, wie vor Jahrzehnten, wiederin goldener Wolke sicher vom Gotte geführt".

Der wilde Othello.

Von Theophilus D ö b b e I i n , dem Begründer des Berliner Theaterwesens, pflegte Joseph Anton Christ, der unter seiner Leitung tätig war, eine Anekdote zu erzählen, die das ehrliche Herz und die Spielfreude jenes vielverkannten Mannes kenn­zeichnet. Döbbelin war stets mit Leib und Seele bei feinem Spiel und er wütete auf der Bühne herum, daß feinen Zuschauern angst und bange wurde. Diesmal handelte es sich um eineOthello"- Aufführung:Herr Döbbelin war im Neglige; Schlafrock, Nachtmütze und Pantoffeln roaren sein Ajustement. Bei einer Stelle, wo er sich ersticht, erstach e^ sich mit der Faust, fiel, so groß und stark er war, der Länge nach auf den Boden, fiel im Niederstürzen, weil er mit dem Pantoffel aus­glitschte, mit dem Kopf auf einen Porzellantisch, der zerbrach, daß gewiß für 50 Taler Porzellan vernichtet wurde, und schlug sich ein Loch in den Kops. Dem ohngeachtet remitierte er seine Sterbe­szene ununterbrochen fort, und da der Souffleur aus Schreck, weil er ihn bluten sah, hinzusprang und ihm aufhelfen wollten, schrie er ihm erzürnt zu:Herr, in Teufels Namen, lassen Sie mich doch erst sterben!" sagte seine Rede ganz her, und dann erst ließ er sich vom Boden aufnehmen."

Zeitschriften

Langenscheidts English Monthly Magazine (Langenscheidtsche Verlagsbuchhand­lung Berlin-Schöneberg) bringt in ihrem Januarheft einen Aufsatz über den neuen britischen Außen­minister Eden und einen illustrierten Artikel übet Neuseeland. Weitere Aufsätze unterhaltender und be­lehrender Art mit vielen Bildern und Karikaturen vervollständigen das Heft, das zur Pflege englische* Sprachkenntnisse mit gutem Gewissen empföhle^ werden kann.