Ausgabe 
2.1.1936
 
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nr.l Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)Donnerstag. 2. Januar (936

Nationen im Aufbruch

Eine Ltmfchau unserer Auslands-Korrespondenten an der Jahreswende

Ansprüche Japans wesentlich beeinflußte. Praktisch Hot sich Japan Rüstungsfreiheit geschaffen und ver­sucht nun, auf der neugewonnenen Basis den Neunmächtevertrag außer Kraft zu setzen, der Eingriffsmöglichkeiten dritter Mächte in die Entwicklung der fernöstlichen Angelegenheiten, ins­besondere Chinas, zuläßt. Wenn Japan heute ein» Vormachtstellung im Fernen Osten beansprucht, so ist ohne weiteres verständlich, daß es alle Einflüsse dritter Staaten ausschalten oder doch wenigstens unter seine Kontrolle stellen wird. Sollte es Japan gelingen, China gegen den Neunmächte-Vertrag oufzurufen, mit dem Hinweis darauf, daß ein un­abhängiger Staat sich nicht von fremden Mächten die Souveränität garantieren lassen dürfe, dann sind in der Tat die Voraussetzungen für den fern­östlichen Block gegeben, der, unter Ausschaltung jedes Einflusses dritter Mächte, das große Ziel der japanischen Staatspolitik ist.

rat und den Stoatspolitischen Beirat festgelegt sind. Man darf auch nicht übersehen, daß Meinungsver­schiedenheiten grundsätzlicher Art über innen- oder außenpolitische Ziele im japanischen Volk, in den politischen Parteien oder in Heer und Marine nicht bestehen.

Die letzten Personalveränderungen in Heer und Marine lassen erkennen, daß nach dem Rücktritt des Kriegsministers Hayashi die konservativen Elemente in der Führung der Landesverteidi­gung stärker in Erscheinung treten, nachdem das Attentat auf den General Nagata gewisse Gefahren für die Aufrechterhaltung der Disziplin im Heere auf- geneigt hat. Es hat auch den Anschein, daß die Auto­rität der Regierung als der zentralen Staatsgewalt mehr gesichert ist als im vergangenen Jahre, das eine immer stärkere Einflußnahme des Militärs auf außenpolitische Fragen erkennen und die Zusammen­arbeit mit der offiziellen Außenpolitik des Reiches vermissen ließ. Der gemeinsame Beschluß der Re­gierung, alle Kräfte des Landes geschlossen der Füh­rung der Außenpolitik zur Verfügung zu stellen, muß als ein wichtiger Fortschritt, insbesondere mit bezug auf die Behandlung der japanisch-chinesischen Fra­gen, bezeichnet werden.

Hiermit kommen wir zum wichtigsten Punkt der gesamten japanischen Politik, die immer deutlicher die Vorherrschaft Japans in Ostasien anstrebt und einen Zustand schaffen will, der alle politischen und wirtschaftlichen Fragen des Fernen Ostens, insbesondere in China, unter die Kontrolle Japans gestellt wissen will. Nachdem Mandschukuo mehr oder weniger unter die Aufsicht der japa­nischen Staatsführung gestellt ist, sieht die japanische Politik ihre nächsten Aufgaben in der Schaffung breiter Einflußzonen in Nordchina unter gleichzeitigem Druck auf die Nanking-Regierung, alle Elemente, die sich der Bildung des großen ost­asiatischen Blocks unter Führung Japans in den Weg stellen, zu beseitigen. Es scheint müßig, Unter­suchungen darüber anzustellen, ob und mit welchen Mitteln die japanische Politik die immer stärker werdende Zersplitterung Chinas fordert. Die ja­panische Regierung lehnt alle Beschwerden und Einwände Nankings oder dritter Staaten mit dem Hinweis ab, daß die Vorgänge der letzten Monate in Nordchina eine rein innerchinesische Angelegen­heit seien, in die Japan sich nicht einmischen werde. Japan sei aber berechtigt und verpflichtet, von China die Innehaltung be st ehender Ver­träge zu fordern, deren wichtigster Punkt die Aufrechterhaltung der Ruhe und Ordnung und die Gewähr für die Sicherung der Grenzen Man- dschukuos in Nordchina sei. Japan verficht den Standpunkt daß sowohl die Währungsreform Nankings wie auch die Bemühungen der chinesischen Zentralregierung um Anleihen von dritten Staa­ten, unter denen immer England zu verstehen ist, einer internationalen Finanzkontrolle Vorschub leisteten und somit den Frieden in Ostasien gefähr­den. Man wird abzuwarten haben, ob Japan ge­nügend Machtmittel einzusetzen hat, um schon heute diese Politik derAufrechterhaltung des Friedens" mit Erfolg gegen die widerstrebenden Elemente in China oder gegen England durchzuführen. Jeden­falls aber muß man damit rechnen, daß die japa­nische Politik fein Mittel unversucht lassen wird, um die angeblich vorhandene Autonomiebewegung in den nördlichen fünf Provinzen vor Eingriffen Nankings zu schützen.

Von der Flottenkonferenz in London wird man nicht erwarten dürfen, daß irgendwelche entscheidenden Fragen gelöst werden, die die poli­tische Lage im Pazifik wesentlich beeinflussen kön­nen. Japan scheint davon überzeugt zu sein, daß die weltpolitische Lage günstige Voraussetzungen für einen neuen Flottenvertrag geschaffen hat, der jede Angriffsmöglichkeit auf Japan ausschließt und

somit eine tatsächliche Anerkennung Japans als stabilisierenden Faktor in Ostasien bedeutet. Don entscheidender Bedeutung für die weitere Entwick­lung der Lage im Fernen Osten werden endlich die unverkennbaren Absichten Japans sein, eine Erneuerung des gesamten Vertrags­wertes von Washington einschließlich des Neunmächtevertrages herbeizuführen. Japan be­zeichnet diese Verträge als unzeitgemäß, da sie der gegenwärtigen politischen Lage nicht mehr Rechnung trügen. Der erste Vorstoß richtete sich gegen den Flottenvertrag, der auf Grund der un­gleichen Rüstungsverhältnisse die machtpolitischen

(Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten.)

Washington, Dezember 1935.

Das durch die Wirtschaftskrise der Jahre 1929/1932 in seinen Grundfesten erschütterte Amerika wandte sich im November 1932 von demReaktionär" H o o v e r ab und demFortschrittler" Roosevelt zu. Ob es Amerika unter Roosevelt besser geht als früher, ist die Frage, die jetzt hier allgemein ge­stellt und oft verneinend beantwortet wird. Sicher ist, daß Roosevelt mit seinemNeuen Kurs" grundlegende Aenderungen geschaffen hat. die mit unseremAufbruch" nicht zu vergleichen sind, die aber doch für Amerika eine, wenn auch auf kaltem Wege erfolgte Revolution bedeuten. Sicher scheint uns ferner, daß es Amerika erheblich besser geht als in den Jahren 1929/1932. Zunächst hat sich die Industrie erheblich erholt. Die Erzeu­gung sowohl wie die Umsätze sind bis zu dem Stand der Vorkrisen-Monate von 1929 gestiegen, die Frach­ten sind im gleichen Tempo gefolgt, die Autoindustrie baut und verkauft mehr Autos als feit Jahren, die Aktien steigen von Monat zu Monat und die Gold­vorräte sind auf die phantastische Höhe von 9,7 Mil­liarden Dollar gekommmen. Jedes Schiff bringt wei­teres Gold aus dem Ausland ein Beweis für das Vertrauen der Fachleute in die Sicherheit der ame­rikanischen Wirtschaft. In der Landwirtschaft ist eben­falls ein großer Fortschritt auf dem Wege des Aus­gleichs zwischen Angebot und Nachfrage und damit der Erzielung besserer Preise für die Bauern erreicht worden. Die Mehrheit der Landbevölkerung hat sich für Fortführung dieser Planwirtschaft erklärt. In der Sozialpolitik ist ebenfalls der Weg für bessere Verhältnisse und damit für Vermeidung von grö­ßeren Streiks bereitet worden: Regelung der Be­ziehungen zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer einerseits, Schaffung von Siedlungen auf dem Lande andererseits.

Diese Fortschritte, zumindest die auf wirtschaft­lichem Gebiet, werden sogar von Roosevelts Geg­nern zugegeben, da sie sich ja nicht leugnen lassen. Aber die Antwort ist, sie seientrotz", nicht wegen" Roosevelts Regierung erfolgt. Das ist Ansichtssache, über die mir nicht zu entscheiden brauchen: diese Entscheidung fällen die Wäh­ler, die im November 1936 den neuen Präsidenten der Vereinigten Staaten bestimmen oder sich zur weiteren Führung Roosevelts bekennen werden. Vor einigen Wochen sanden einige Zwischenwahlen statt. Sie brachten Roosevelts Partei drei neue Sitze im Bundeskongreß, einen großen Sieg im Staat Kentucky gegen sowohl demokratische wie republi­kanische Reaktion und im Staate Neuyork eine Mehrheit von einer halben Million Stimmen. Es scheint also, als ob die Gegner doch nicht so zug­kräftig sind wie sie glauben. Und diese Gegner schießen schon jetzt mit großen Kanonen: Hearst

und Hoover wettern gegen denSozialisten" Roose­velt, der die Verfassung verletze und die Souveräni­tät der Einzelstaaten untergrabe, der die private Betätigung abdrossele und das ganze Land durch seine Riesenausgaben in tiefe Verschuldung bringe. In Wirklichkeit wollen Hearst und Hoover Die Rück­kehr zu der Periode vor dem Aufbruch, zu der Zeit der Ausbeutung des Landes durch egoistische Unter­nehmer, zu der Zeit der Ausnutzung der Arbeit­nehmer, zu der Zeit, wo man sich vor den Steuern drücken konnte und sein Vaterland nicht finanziell zu unterstützen brauchte! Zu Roosevelts Gegner rechnet sich auch der alte Senator B o r a h. Er ist eben aus Tradition Republikaner, jedoch energisch gegen Hoover und dessen Politik, scharf gegen Monopole und Trusts eingestellt. Es macht nicht den Eindruck, als ob die Republikaner im Sommer einen Kandidaten finden werden, der Roosevelts Amtsführung ein wirklich positives, die Massen be­friedigendes Programm entgegensetzt.

Man kann daher mit der Fortführung der bis­herigen Außenpolitik und Außenhandelspolitik rech­nen. Außenpolitisch hat Roosevelt konsequent den Grundsatz der Nichteinmischung in fremde Verhältnisse befolgt. Wo es sich freilich, wie im Falle Italiens, um einen tatsächlichen Krieg han­delt, hat er eingegriffen und über den Wortlaut des Neutralitätsgesetzes hinaus feinem Volk die Ausfuhr von Kriegsmaterial so gut wie verboten. Er hält das Vorgehen gegen Abessinien nicht nur für friedensverletzend, sondern für einen schweren Schlag gegen das allgemeine Ziel der A b - r ü ft u n g und der Rückkehr zu einer gefunden Weltwirtschaft mit stabilen Währungen. Solange die anderen Mächte ihre Flotten nicht verringern, wird auch er weiter rüsten, und besonders im Stil­len Ozean wird alles für eine Abwehr etwaiger japanischer Angriffsabsichten vorbereitet. Selbst auf den Philippinen, die soeben die zehnjährige lieber» gangszeit zur völligen Unabhängigkeit begonnen haben, sorgt Roosevelt für den Aufbau einer Wehr­macht, die jeden Eingriff zurückweifen kann. Da­neben bemüht sich die amerikanische Regierung, die wirtschaftliche Erholung auf dem so dringend be­nötigten Gebiet des Außenhandels auf eigene Faust und nach eigenen Methoden zu betreiben. Mit Kuba, Kolumbien, Brasilien, Haiti, Schweden, Belgien und Kanada wurden weitgehende Verträge abgeschlossen, in denen sich die Vertragsstaaten Zu­geständnisse betreffend der Zölle und in manchen Fällen der Einfuhrmengen gewähren. Auch diese Verträge werden natürlich von seinen innerpoli­tischen Gegnern scharf angegriffen, weil sie die hohen Zollschutzmauern einreißen, und es wird einige Zeit dauern, bis die wohltuende Auswirkung der Vertrüge nachgewiesen werden kann.

Trotzdem: es hat sich seit 1933 hier so viel ge­ändert, daß mit einer Rückkehr von Hoover ober

Die Revolution in USA.

Von unserem ständigen K.G.S.-Berichierstaiier.

Japans Kamps um die Allein- herrschast in Ostasien.

Von unserem I^.W.-Äerichterstaiier.

(Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!)

Tokio, Mitte Dezember 1935.

Ganz Japan feiert in diesen Tagen d i e Ge­burt eines Kaisersohnes. Ueberall weht die Nationalflagge mit dem roten Sonnenball, und aus allen Schichten der Bevölkerung wandern Ab­ordnungen zum Palast, um der Kaiserlichen Familie ihre Glückwünsche darzubringen und den neuen Prinzen zu ehren. Es handelt sich hier um eine jener großen Volksfeiern in Japan, die erkennen lassen, daß das japanische Volk unverändert am Kaisergedanken" festhält. Die feierlich bewegten Massen in den Straßen Tokios lassen fast vergessen, daß sich wenige Tage vorher das Kabinett in 22- ftünbiger Sitzung nach harten Kämpfen zwischen dem greisen Finanzminister Takahashi und den Vertretern von Heer und Marine über den Haus­halt für das kommende Jahr einigte. Wie im Vor­jahre, so sind auch für 1935 f a ft fünfzig Pro­zent des Haushalts für die Landesvertei- o i g u n g vorgesehen. Diese hohe Ziffer läßt er­kennen, daß Japan die sogenannteGefahrenzeit" noch nicht überwunden zu haben glaubt, sondern entschlossen ist, seine Stellung als stabilisierenden Faktor in Ostasien mit allen Mitteln zu behaupten. Politisch ist jedoch die Tatsache wichtig, daß der Oinanzrninister entscheidende Abstriche an den orberungen von Heer unb Marine vorgenommen hat es hanbelt sich um runb 500 Millionen um ben Haushalt ohne neue Lasten für Staats­kasse unb Volk auszugleichen. Dieser Vorgang ge­winnt um so mehr an Bebeutung, wenn man die politisch üterragenbe Stellung von Heer unb Ma­rine in Betracht zieht unb sich ferner überlegt, baß die Mehrforderungen mit der unsicheren Lage des Jnselreiches zu Wasser und zu Lande begründet wurden. Man wird deshalb von einem wichtigen Vorgang in der innerpolitischen Geschichte Japans sprechen können, wenn der hochbetagte Finanzmi­nister es wagen konnte, den Ministern O s u m i und Kawashima (Flotte unb Heer) mit ber Erklä­rung zu begegnen, baß nach seiner Ansicht keinerlei Gefahr für kriegerische Verwicklungen bestäube. Ta­kahashi ist ber Ansicht, baß bem Volk erst bann bie äußersten Lasten zugemutet werben bürsten, wenn Japan tatsächlich debroht sei.

Wenn nun auch bie fommenben Hausholtsbera- tungen im Reichstag bem Kabinett Dfaba keine we­sentlichen Schwierigkeiten mehr bereiten werben, so ist bamit nicht gesagt, baß alle innenpolitischen Hin- bernisie beseitigt sind. Die S e i y u k a i, bie stärkste Partei im Reichstag, hat ihre oppositionelle Einstel­lung zur Regierung noch keineswegs aujgegeben, unb bas Kabinett ist infolgebessen vor überraschen­den Angriffen nicht gesichert. Es ist durchaus mög­lich, baß ber Kampf um biewahre <51 a a t 5 i b e e" plötzlich roieber aufflackert unb eine tarfe Gegnerschaft gegen bie Regierung ins Felb ührt. Die Regierung scheint beshald entschlossen zu ein, berartige Kämpfe nicht abzuwarten, sondern ben Reichstag vorzeitig a u f z u l ö s e n , um bie Ent­scheidung ben fommenben Reichstagswahlen im Frühjahr zu überlassen. Ob es tatsächlich zur Grün- bung einer neuen Regierungspartei fommt, bie ben Kampf für bas Okaba-Kabinett führen soll, scheint zweifelhaft, wenn man sich überlegt, baß bei ben letzten Provinzwahlen bie Seiyukai nach wie vor bas Felb behauptet hat. Aber man barf ben Einfluß ber Parteien auf bie Staatspolitik ober einen Ka­binettswechsel nicht überschätzen, ba bie großen Li­nien ber japanischen Politik burch bie berotenbe Um­gebung bes Kaiser s, burch ben Geheimen Staats-

Gießener Gtadttheater.

Fedor v. Zabeltitz: Weh' dem, der liebt!"

Das alte Jahr würbe mit bem LustspielWeh' dem, der liebt" im Stadttheater auf angeregte unb heitere Weise beschlossen, lieber bas Zustanbekom- men bes Stückes im besonberen unb aus ber Werk­statt bes Autors im allgemeinen plaubert im Pro­grammheft bie Gattin bes liedenswürbigen Dichters unb Bibliophilen, Martha van Zabeltitz. Unb wer etwa vor Jahren einmal bie Romanfassung der Ge­schichte bes Klapperstorchverbanbes gelesen haben sollte, wirb sich über bie stellenweise verblüffende Aktualität dieser Begebenheit gewundert haben, die freilich mit Grillparzer nicht mehr als eiifen flüch­tigen Anklang im Titel gemein hat.

Die bevölkerungspolitischen Theorien einer gro­tesken Kleinstadt-Damengesellschaft, die im ersten Akt mit beängstigend paragraphierten Satzungen unb parlamentarischen Gebärben ansWerk" geht, werben im zweiten Akt entschlossen unb allerdings auf eine wenig geschäftsorbnungsmäßige Art in bie Praxis übertragen. In biefem Akt, welcher Zobel- titzens theaferfichere Geschicklichkeit ins beste Licht rückt (selbst ba, wo bie Szene in ein gruseliges Halbdunkel getaucht wirb) entwickelt sich die lustige Geschichte von ber urlaubslosen Spritztour eines Marineoffiziers auf großer Fahrt, baß bem amüsierten Zuschauer sozusagen vor Lachen Hören unb Sehen vergeht.

Das lustspielmäßig Anziehenbe beruht vor allem auf bem Umftanbe, baß biefe Spritztour keineswegs einem unstatthaften Seitensprung gleichzuachten ist, vielmehr abgesehen von ber bienstlichen In­korrektheit einen angenehm legitimen Charakter trägt, inbem nämlich ber bewußte Kapitänleutnant ein Renbezvous mit seiner nieblichen jungen Frau oerabrebet. Die besonderen unb ganz ungewöhnlichen Begleitumstände bieses eigenmächtig ausgebehnten Hafenurlaubs bringen es mit sich, baß bas Ehe­paar sich wie ein heimliches Liebespaar in einer fremben Wohnung bes kleinen Klatschnestes treffen muß, um in mehrfacher Hinsicht recht bebenkliche Weiterungen bes Abenteuers zu oermeiben.

Sehr amüsant zu sehen, unter welchem Unstern die nächtliche Begegnung sich vollzieht. Die Besitze­rin ber Wohnung ist natürlich im Bilbe unb räumt verstänbnisvoll bas Felb. Aber schon bie Notwen­digkeit, bas zugehörige Haussaktoturn für biefcn

Abenb abzufervieren, stößt auf groteske Schwierig­keiten. Dann kommt Besuch, aber nicht ber er­wartete, sonbern höchst unvorhergesehen unb uner­wünscht, unb bas hübsche kleine Souper zu zweien scheint bereits ernstlich gefährbet. Als enblich bie Luft rein zu sein scheint unb ber Richtige kommt, atmet ber mitfühlende Zuschauer, welcher ber jun­gen Frau ihr kurzes Glück von Herzen gönnt, orbentlich auf, wirb aber alsbalb in neue Auf­regung gestürzt, weil abermals mitten in ber Nacht jemanb erscheint, ber hier bestimmt nichts zu suchen hat, unb bamit bekommt bie Liebesgeschichte einen kriminellen Einschlag, bie Zwischenfälle häufen sich, bie Verwicklung steigert sich zu ungeahnten Dimen­sionen, unb 6s ist aller Ehren wert, baß Zabeltitz im brüten Akt unb einem kleinen Nachspiel alles mit leichter unb sicherer Hanb entwirrt unb ins Reine bringt: ben Kriminalfall unb bie Liebesgeschichte: sie enbet recht lustspielhaft mit zwo glücklichen Paa­ren unb einmal Zwillingen unb kehrt so in Theorie unb Praxis mit gefälliger Runbung zum Ausgangs­punkt zurück.

Das Ganze würbe vom Spielleiter Hub nicht nur spritzig unb spannenb serviert, sonbern auch, in Anbetracht bes Jahresschlusses, silvesterlich aufge­macht unb ausgeschmückt Herr Hub unb Herr Bräuer (am Klavier) hatten sich eine Silvester- Conference ausgebacht, eine Art von Zwischenakt­musik mit hausgemachtem Text, ber teils ben Buh­nenvorgang, teils anbere Vorgänge, mehr ober minber aktuell, mit kurzen Ranbdemerkungen ver­zierte unb bie Leute zum Lachen unb in bie ge­wünschte Mitternachtsstimmung brachte. Herrn Löffler bot bas Thema bes Abenbs naheliegenbe unb bankbar ausgenutzte Anregungen zur be­ziehungsvollen Schmückung bes Vorhangs.

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Es würbe auch allenthalben sehr munter unb ani­miert gespielt. Besonbers bie junge Frau Hella mit bem Abenteuer würbe von Cissi Henckel! gar nicht trocken, sonbern ganz reizenb, mit soviel natür­lichem Temperament, Humor unb Verliebtheit ge­spielt baß es ein Vergnügen war. Sehr hübsch brachte auch Aenne Markgraf bie Derbunbete Freunbin Gerten, währenb K. L. Linbt mit ge­dämpfter Ironie unb milber Frechheit ben Don Juan ber kleinen Hafenstabt machte. Ein sehenswer­tes Klapperstorch-Komitee biibeten bie Damen Hagemann, Karben, Birkmann unb Decker. Herr Rosenthal gab ben forschen, stürmisch verliebten Urlauber, Frau Schubert bas lächerliche Original Mitscherlich im Wasserkan- tcntonfaU, Herr Frickhoeffer mit drolliger Spitz-

bubenbreiftigfeit ben Jules, Herr Lüpke ben von Eifersucht verzehrten Robewalb.

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Das Haus war bicht besetzt unb sparte nicht mit fröhlichem Applaus. hth.

Kinderglück in der Kiste.

Von Max Zungnickel.

Es sind jetzt vier Jahre her, als sie starb. Eine junge, mädchenhafte Frau war sie noch, gerade drei Jahre verheiratet, als bas Glück ber Ehe plötz­lich für immer burch ein Eisenbahnunglück zer­schmettert würbe. Sie hatte ihre Mutter besucht, unb auf ber Heimfahrt geschah es. Wie ein Beilschlag hatte ben Mann ihr Tod getroffen. Er ging ein Jahr wie eingemauert von kalter Einsamkeit umher. Dann zog bie Tote mit einem traurigen Lächeln in seine Erinnerung. Und als er fühlte, daß ihr Bild in seiner Erinnerung schwächer wurde, traf er ein Mädchen. Seit einem Jahr ist er nun wieder verheiratet.

Nun geschah es, baß bie zweite Frau überall Umschau hielt. In ber Wohnung überall. Sie stieg sogar in ben Keller unb auf ben Dachboden. Nicht aus Neugier. Sie wollte so etwas wie einen Ueberblick über ihr Hausfrauenreich gewinnen, wollte bie Dinge, bie sich nun um sie scharten, ge­nau unb gründlich kennenlernen, wollte sich an die Dinge heranfühlen. Sie sah alles an, öffnete dort einen Kasten, hier einen Schrank, schob dort eine Labe und knüpfte hier ben Bindfaden von einem Karton. Sie war unermüblich barin. Unb nun steht sie auf bem Dachdoben vor einer vernagelten Kiste. Eine sehr sorgfältig vernagelte graue Kiste. Sie muß in bie Wohnung laufen unb eine Zange holen. Eine Kiste, bie etwas Geheimnisvolles zu verbergen scheint. Und nun hebt sie ben Deckel. Sie greift hinein, faßt ein Etwas in Papier gewickelt unb lost bas Papier: eine Puppe. Eine etwas altmvbische Kinberpuppe. Unb wieder eine Puppe, und noch eine. Jetzt muß sie sich wahrhaftig neben die Kiste setzen Unb ba sitzt sie nun, fünf Puppenkinder im Schoß. Unb wie sie sich zu ben Puppen herniederbeugt, ba ist's ihr, als ob bie Puppengesichter um eine Liebkosung bettelten. Sie nimmt eine nach ber anderen in den Arm, ordnet an den Kleidern herum, streicht die Haare glatt unb streichelt bie zart getönten Wangen. Sie lächelt zärtlich babei, als sie bas tut. Sie ertappt sich, wie sie den Puppen kleine, dumme Schmeichelworte zu- flüftert. Und sie merkt nicht, wie babei bie Zeit vergeht. Sie ist vom Glück einer fremben, toten Kinbheit verzaubert, wirb von einem Stern ange--

lächelt, ber nicht ihr gehört unb ber nun roieber in ihren Händen strahlenb wirb. Da sitzt sie nun zwischen Gerümpel unb Dachfensterlicht und ist wie­der ein Schulmädchen geworden. Und nun legt sie die Puppen wieder vorsichtig, mit liebenden Hän­den, in die Kiste zurück. Und nagelt die Kiste zu wie ein Zwergmärchenschiff. Nun ist es wieder mit sich allein, bas Kinderglück in ber Kiste.

Sie steigt, bas Herz mit seltsamer Freude um­fangen, die Bodentreppe hinunter. So, als ob sie etwas ganz Wundersames und Geheimnisvolles er­lebt hat. Unb geht ben ganzen Tag, wie von Kin- berliebern getragen, umher. Unb behält bas Ge­heimnis ber grauen Kiste für sich. Und eines Tages steigt sie vielleicht wieder hinauf, unters Dach, wieder wird sie die Kiste offnen, ganz feierlich und selig. Ader bann schließt sie bie Kiste nie wie- ber. Sie steigt mit den Puppen im Arm die Trep­pen hinunter unb legt bie Puppen aus einer längst verwehten Kinbheit in bie Spielhände ihres ersten Kindes.

Wilhelm Bölsche zum 75. Geburtslage.

Wilhelm Bölsche, ber am 2. Januar feinen 75. Geburtstag begeht, ist einer ber wenigen lieber» lebenben jener Generation, bie um 1885 ben litera­rischen Kampfplatz mit ziemlichem Getöse erfüllte, er gehört zu ben Zeitgenossen bes jungen Gerhart Hauptmann, Arno Holz,- Johannes Schlaf, ber Brüder Hart: also zu jener jungen Berliner Gruppe, bie bamals benkonsequenten Naturalis­mus" ausrief. Bölsche, ber in Bonn unb Paris Kunstgeschichte unb Naturwissenschaften ftubiert hatte, gab 1887 seineNaturwissenschaft­lichen Grundlagen ber Poesie" heraus, deren Ansichten wesentlich von denen Z o l a s be­stimmt sind, unb er schrieb, um feine Ansichten burch bie Tat zu erhärten, ben RomanDie Mittags- göttin", ber um 1890 ein Dokument jener mo- bernenAufklärung" barstellte.

Aber balb verließ Bölsche bie Dichtung unb wandte sich feinem eigentlichen Gebiet zu, ber volks­tümlichen Darstellung naturwissenschaftlicher Pro. bleme. Um bie Jahrhundertwende erschienen bie Bücher, bie seinen Namen sehr bekannt gemacht haben, bie populär geschriebeneEntwicklungs­geschichte ber Natu r", feinLiebesleben in ber Natur", das zahlreiche Auflagen erreichte, feine AufsatzsammlungHinter ber Welt, ft a b t" unbNaturgeheimni s". Diese Werke haben zahllose Freunbe gefunben, bie bem fünfunb» siebzigjährigen Gelehrten unb Schriftsteller, der jetzt in Oberschreiberhau lebt, an biefem Tage her^» liehen Dank wissen werden