Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Dienstag, l.DezemberfyZö ___—_
Reichskriegsopsersührer Oberlindober in Gießen.
Bei seinem Besuch in unserer Stadt wurde der Reichskriegsopfersührer Brigodeführer Oberlindober von einer Ehrenabordnung derNat.- Soz. KOV. begrüßt, die mit ihrer Fahne und der Fahne des Reichsbundes ehem. Kriegsgefangener vor dem „Hotel Schütz" Aufstellung genommen hatte. Trotz des um mehr als eine Stunde verspäteten Eintreffens des Gastes hatten sich auch viele andere Volksgenossen eingefunden. Der Reichskriegsopferführer ging sofort nach seiner Ankunft auf einen schwerkriegsbeschädigten Kameraden im Fahrstuhl zu
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und begrüßte ihn. Hier
auf tauschte er herzliche Begrüßungsworte mit dem nach Gießen gekommenen Gauamtsleiter des NS.- Kriegsopferamtes und Gauobmann der NSKOV., Ziegler (Frankfurt a. M.) Der Kameradschaftsführer der Gießener Ortsgruppe, Oberleutnant a. D. B o n h a r d meldete dem Gast die Ehrenabordnung,
deren Front der Reichskriegsopferführer abschritt. Ein Jungvolkjunge überreichte dem Reichskriegsopferführer einen Blumenstrauß. Am Abend stellte dann eine Abordnung an der Kaserne am Landgraf- Philipp-Platz erneut die Ehrenformation.
(Aufnahme: Pfaff, Gießen.)
Aufruf zum 4. Reichsberufsweitkampf.
Der Führer hat auf dem Reichsparteitag der Ehre dem deutschen Volk seinen Vierjahresplan verkündet. Alle natürlichen Mängel sollen in Deutschland durch Genialität und Fleiß ausgeglichen werden. In diesem Sinne rufen wir die Jugend der Stirn und der Faust zum
4. Reichsberufswettkampf.
kommt alle aus den Betrieben, den Dörfern und Städten und bekennt euch mit Freuden im Gegensatz zum antreiberischen Skachanowfystem in Rußland zum freiwilligen Leistungswettbewerb.
Es geht um die Ehre der Ration!
Der Reichsleiter der DAF.: Dr. R. Ley.
Der Reichsjugendführer: Baldur v. S ch i r a ch.
Die erste Sitzung des Gauausfchuffes für den 4. Reichsberufswettkampf.
NSG. Die gesamte schaffende deutsche Jugend hat den Ruf des Führers zur Mitarbeit am Vier
jahresplan mit Begeisterung ausgenommen. Sie stellt den 4. Reichsberufswettkampf ganz in das Zeichen dieses großen Planes und wird erneut das freiwillige Bekenntnis zur Leistung ablegen.
Als Helfer und Berater in diesem großen Werk haben sich die Führer der Bewegung, des Staates, der Wehrmacht und der Wirtschaft innerhalb unseres Gaues, an ihrer Spitze Gauleiter und Reichsstatt- Halter Sprenger, in dem Gauausschuß des 4. Reichsberufswettkampfes zu- sammengefchlosfen und werden an seiner Gestaltung mitwirken.
Die erste Sitzung des Gauausschusses findet am Mittwoch, 2. Dezember, 10 Uhr, im Bürgersaal des Rathauses zu Frankfurt statt. Auf ihr wird der Gauleiter selbst das Wort ergreifen und die Vorbereitungsarbeiten zum friedlichen Leistungswettkampf der deutschen Jugend eröffnen.
forderlich. So kann die Erstaufführung der Komödie „Seiner Gnaden Testament" von Hjalmar Bermon, am Freitag, 4. Dezember, nicht stattfinden. Dafür geht am Freitag das Lustspiel „Der Kampf mit dem Tatzelwurm" von Leo Lenz und Ralph Arthur Roberts in Szene und wird somit in den offiziellen Spielplan der Miete-Dorstellungen ausgenommen Die Spielleitung führt Wolfgang Kühne.
NSV., Ortsgruppe Gießen-Ofl
Velr. Lebensmittel-Opferring.
Die Sammlung wird Dienstag, 1., und Mittwoch, 2. Dezember, von der RS -Frauenschaft durchge- führt Die Mitglieder wollen die Pfundpäckchen bereithalten und die Mitgliedskarte zur Eintragung vorlegen. Der Inhalt der Päckchen ist außen sichtbar anzugeben.
Es wird gebeten, daß sich außer den Mitgliedern auch diejenigen Volksgenossen beteiligen, die in der Lage sind, das WHW. zu fördern
Betr. Kohlenversorgung.
Die Kohlenhändler werden aufgefordert, die in Zahlung genommenen Kohlengutscheine bis zum 5. Dezember, täglich in der Zeit von 17 bis 19 Uhr, auf der Geschäftsstelle, Kaiserallee 52, gegen eine Wertquittung umzutauschen. Später eingereichte Kohlengutscheine können nicht mehr in Zahlung genommen werden.
Ortsgruppe Giehen-Nord.
Winkerhilfswerk 1936/37.
Die Kohlenhändler werden aufgefordert, die in Zahlung genommenen Kohlengutscheine (Serie B) bis spätestens am Freitag, 4. Dez., 20 Uhr, auf der Geschäftsstelle, Walltorstraße 38, einzureichen. Später eingehende Gutscheine können nicht mehr angenommen werden.
Ortsgruppe Giehen-Süd.
Am Dienstag, 1., Mittwoch, 2. und Donnerstag, 3. Dezember 1936, findet in der Ortsgruppe Gießen- Süd durch die RS.-Frauenfchaft die WHW.-Pfund- sammlung statt. Es wird gebeten, die Lebensmittelspenden (Pfundpakete) zur Abholung bereitzuhalten.
NSDAP. Ortsgruppe Giehen-Süd.
Hilfskasse.
Alle Angehörigen der SA., SS., Marine-SA., Reiter-SA. und des RSKK., die im Bereich der Ortsgruppe Gießen-Süd wohnen, zahlen ihren Hilfs- kasfenbertrag für die Monate Januar, Februar und März 1937 am
Dienstag, 1. Dezember, Mittwoch, 2. Dezember und Donnerstag, 3. Dezember jeweils in der Zeit von 20 bis 22 Uhr auf
der Geschäftsstelle der Ortsgruppe. Frankfurter Straße 29 H.
Bei Nichtbezahlung der Beiträge erfolgt Abmeldung bei der Hilfskasse in München.
Kreisfiimstelle.
Der Groß-Tonfilm „Friesennol"
wird von der Gaufilmstelle Hessen-Nassau an folgenden Terminen oorgeführt:
Dienstag, 1. Dezember, in Treis a. d. Lda.;
Mittwoch, 2. Dezember, in Allendorf a. d. Lda.;
Donnerstag, 3. Dezember, in Londorf;
Freitag, 4. Dezember, in Geilshausen;
Samstag, 5. Dezember, in Großen-Buseck;
Sonntag, 6. Dezember, in Heuchelheim;
Montag, 7. Dezember, in Reiskirchen;
Dienstag, 8. Dezember, in Beltershain;
Mittwoch, 9. Dezember, in Ettingshausen;
Donnerstag, 10. Dezember, in Steinbach;
Freitag, 11. Dezember, in Annerod;
Samstag, 12. Dezember, in Watzenborn-Steinberg;
Sonntag, 13. Dezember, in Großen-Linden;
Montag, 14. Dezember, in Klein-Linden;
Dienstag, 15. Dezember, in Kirch-Göns;
Mittwoch, 16. Dezember, in Gambach;
Donnerstag, 17. Dezember, in Nieder-Florftadt;
Freitag, 18. Dezember, in Assenheim;
Samstag, 19. Dezember, in Kaichen;
Sonntag, 20. Dezember, in Nieder-Mörlen;
Montag, 21. Dezember, in Nieder-Wöllstadt;
Dienstag, 22. Dezember, in Ober-Eschbach;
Mittwoch, 23. Dezember, in Nieder-Erlenbach.
Dieser Film schildert in spannender Handlung das Schicksal deutschen Kolonisten in Rußland und die rassischen Gegensätze zwischen Deutschtum und Bolschewismus. Niemand sollte den Besuch dieses außergewöhnlichen Spielfilms versäumen. Eintrittskarten im Vorverkauf durch die Ortsgruppen.
Hitler-Jugend Bann 446 Gießen.
Betr.: Tätigkeitsberichte der Stellenleiter.
Die Tätigkeitsberichte folgender Stellenleiter müssen am 2. Dezember auf der Adjutantur des Bannes vorliegen:
KS., WS., G., S„ K., R., Pr., GA. Termin ift einzuhalten
Betr.: Anträge auf hJ.-Ehrenzeichen.
Anträge auf Erlangung eines HJ.-Ehrenabzei- chens werden wieder entgegengenommen.
Dienststunden des Bannes 116.
Im Winter sind die Dienststunden des Bannes 116 täglich von 9 bis 13 und von 15 bis 21 Uhr.
Sprechstunden des Bannführers
Dienstags und Freitags von 15 bis 18 Uhr, Samstags von 9 bis 11 Uhr.
Sprechstunden der Adjutantur und Personalstelle täglich von 15 bis 17 Uhr, außer Samstags.
Sprechstunden der Verwaltungsstelle
täglich von 15 bis 17 Uhr, außer Samstags.
Sprechstunden der Sozialstelle
Dienstags von 20 bis 22 Uhr, Samstags von 17 bis 19 Uhr.
Sonstige Sprechstunden nur nach vorheriger Vereinbarung.
Hitler-Zugend, Iungbonn 446.
Betr.: Dienst der Fähnlein 1 bis 5 und 21/116.
Der Dienst für die Junggenossen fällt in dieser Woche aus; es wird lediglich zur Führerschulung angetreten.
Betr.: Führerschulung des Stammes 1/116.
Zur Führerschulung tritt die Führerschaft des Stammes 1/116 am kommenden Mittwoch, 2. Dez., pünktlich 20.15 Uhr, an der Provinzial-Heil- und Pflegeanstalt an.
3öhne putzen ist viel, Zötzne pflegen alles.
Nicht darauf kommt es an, mit welcher Kraft Sie die Zähne putzen, sondern darauf, daß auch der äußerste Winkel der Zahnreihen erfaßt wird. — Nivea- Zahnpasta wirkt auch dort, wo die mechanische Reinigung nicht hinreicht Das ist dann Zahnpflege.
llr. 281 Drittes Blatt
Aus der Provinzialhauptstadt.
Mittwinter.
Der Dezember ist von altersher der Monat, der -in'Ähreszeitlauf der Natur den Abschluß und die eßte Reinigung bringt. An seinem Ende aber steht Die Wintersonnenwende, der Anfang des neuen Sternenjahres. Mittwinter kommt heraus — das Leißt im Volksglauben, daß nun das alte Jahr Jcinem Ende entgegengeht, nachdem die Stürme der ^rbftmonate das letzte Leben und Grün aus der Natur in alle Winde verweht haben. Mutter Erde lut sich uns nun wie nach einem Großreinemachen .•fl sauberen und gepflegten Zustande auf Alle Zrnte ist lange eingebracht, der Toten wurde an ^hrem Ehrentage gedacht, alles Gewesene liegt nun jinter uns. Wohl scheinen uns Wald und Flur fast ^starrt. Und doch wieder ist es wie ein Hauch der Erwartung des Neuen und des Kommenden. Schimmert nicht schon die Wintersaat mit den ersten jriinen Spitzen durch das Erdreich, zeigen nicht die Läume schon erste schwellende Triebe? Ja, mitten □n kalten Winter beginnt das neue Leben. Mitt- winter, das ist die Wende vom Tod zum Leben, das st die Feier vom Dunkel zum Licht, die in zahlrei- tjen Bräuchen zu allen Zeiten im Volksleben leben- >ig wurde und erhalten blieb.
St. Nikolaus und der erste Adventssonntag deu- LN auf die Verkündung des aufgehenden Lichtes inb des neuerstehenden Heils mit ihren ersten Licht- ein hin. Und denken wir nur an das „Tirolische Zrauentragen", wenn die Menschen das Bild der Gottesmutter als einer in Hoffnung gehenden Frau mter dem Gesang frommer Lieder durch ihr Land tagen, Sinnbild des Neuerstehens des Jahrgottes ur Zeit der winterlichen Sonnenwende. Die viel- oche Buntheit des Brauchtums in diesen Tagen : eigen uns immer wieder, wie sehr diese Wende >ie Menschheit bewegt hat. Es ist eine unheimliche Zeit für alles Leben, und so haben sich die Men- chen von jeher auch mit allerlei Zauber beschäftigt, im Unheil und Unglück abzuwehren, um das Böse u beschwichtigen und die Zukunft zu erforschen. Über in den warmen Glanz der strahlenden Lichter iber der großen Sonnenwendfeuer, die in der Nacht les Mittwinters angezündet werden, haben sie stets illch eine Befreundung mit den guten Mächten ge- mcht, sie haben sich gegenseitig durch die Hilfe und Nächstenliebe und durch Geschenke zu erfreuen veracht, ein Ausdruck innerer Glückseligkeit im An- »lick des heraufkommenden Lichtes.
Für den Landmann haben Mittwinter und Sonnenwende mit ihrem Brauchtum von jeher ihre besondere Bedeutung gehabt. Ist er doch mit dem Wesen und Weben der Natur durch seine Arbeit von der ersten bis zur letzten Stunde des Jahres so iinig verbunden, daß für ihn auch das Wieder- rstarken des Sonnenlichtes, wie es sich in der win- erlichen Sonnenwende ankündet, tiefsten Sinn und Deutung erhält. Für ihn ist die Wendezeit heilig, 3flug und Acker ruhen und müssen wohl verwahrt ein, es darf nicht gesponnen und nicht gewaschen verden, und alle alltäglichen Beschäftigungen müssen lvhen. So liegt im Mittwinter für die Menschheit !ie Offenbarung der ewigen Lebensquelle, und sie ucht im gegenseitigen Erfreuen, sie sucht im Anzün- 'en der Sonnenwendfeuer und der Lichtlein am Adventskranz und am Christbaum dieser allgewal- igften Lebenskraft, der Freude und dem Glauben nn das neue Licht und an das neue Leben Ausdruck zu geben.
Bornotizen.
Tageskalender für Dienstag.
Stadttheater: 20 bis 22 Uhr „Jngeborg". — Hloria-Palaft, Seltersweg: Zwischen Abend und Morgen". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: 14.15 ilhr Märchen-Vorstellung „Frau Holle"; „Arme Heine Inge". — Landschaftsbund Volkstum und Heimat, 20 Uhr, Film- und Lichtbildervortrag: .heimisches Brauchtum" von Dr. Winter in der Aula des Gymnasiums.
Stadltheater Gießen.
Heute abend findet die erste Wiederholung von Jngeborg, Komödie von Curt Goetz statt. Die Spielleitung führt Wolfgang Kühne. Die Vor- tellung findet als 11. Vorstellung der Dienstag- Miete statt. Anfang 20 Uhr, Ende 22 Uhr.
Mehrfache Erkrankungen int Personal machen eine grundlegende Umstellung des Spielplans er-
Wege im Rebel.
Roman von Käthe Meßner.
(Copyright by Aufwärts-Verlag, Berlin SW 68.)
21. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)
Mitleid stieg in ihr auf:
„Ja, um Gottes willen, Ralf, wie siehst du denn aus? Ist etwas mit dir geschehen?"
Rauh, fast heiser klang seine Stimme:
„Mit mir geschahen? Was soll mit mir geschehen fein? Schließlich kann ich ja nicht so gut aussehen wie du! Du hast dich ja — dort — in Oberhof — erholt, während ich gearbeitet habe! Nicht wahr, du hast dich doch gut — erholt?"
Janna blickte auf Das Abgebrochene, Stockende an seiner Antwort schreckte sie auf. Eine geheime Ironie schien in seinen Worten zu liegen. Dabei detrachtete er sie unausgesetzt, wendete den Blick nicht von ihr.
Fast zitternd fragte sie endlich:
„Was ist denn, Ralf? Warum siehst mich denn io an?"
„Ich? Oh, nichts Besonderes. Es ist dir wohl nicht angenehm, wenn ich dich ansehe?"
Wieder schien es Janna, als ob in seinen Worten ein geheimer Sinn verborgen läge. Ein seltsames Lächeln umspielte seine Mundwinkel, während er sprach. Wußte er etwas? War nicht alles verloren, wenn er schon etwas erfahren hatte, wenn 2r schon wußte, daß sie und Gerhard ...
Pauline, die mit einem Tablett eintrat, um den Tisch zu decken, überhob sie ihrer Antwort. Beim Essen würde sich leichter sprechen lassen, dachte Janna, sprach sich innerlich Mut zu.
„Darf ich dir Tee einschenken, Ralf?" fragte sie leise.
Doch jetzt saß Ralf schweigend auf seinem Platz, die Blicke auf das Tischtuch geheftet. Wie verzerrt tvar sein Gesicht.
Noch einmal versuchte sie es:
„Du mußt aber doch etwas essen, Ralf ..."
„So iß du doch, wenn du essen kannst! So iß du doch! Siehst du denn nicht, daß ich nicht essen kann!
Hörst du, ich kann nicht essen! Ich kann nicht!! Ich kann nicht!!"
Fast geschrien hatte es Ralf. Dann stieß er plötzlich seinen Stuhl zurück, stürzte zur Tür.
Einen Augenblick später verriet das laute Dröhnen der Haustür, daß er das Haus verlassen hatte.
Janna war totenbleich geworden. Zitternd hatte sie Ralfs Ausbruch mitangehört. Dann brach ein Stöhnen aus ihrer Brust. Fassungsloses Schluchzen, in dem das Weh von Jahren sich zusammengedrängt zu haben schien, erschütterte ihren Körper.
Lange weinte sie so. Endlich,--es schienen
Stunden vergangen zu sein, — — erhob sie sich und langsam und unendlich müde hinüber in Frau von Bermanns Haus, in dem bereits alle Lichter erloschen waren.
Ralf Rammelt aber tat während dieser Nacht kein Auge zu, sondern wartete in einem stillen Zimmer der Weststadtklinik Stunde für Stunde, um den Bericht über Olga Willnoffs Zustand entgegenzunehmen. Alles andere in seinem Leben schien ihm bedeutungslos geworden zu sein — wenn nur Olga Willnoff nicht starb. Wenn nur er, Ralf Rammelt, kein Mörder war ... Und fast brach er zusammen vor Erregung, als die Oberschwester gegen Morgen selber erschien, um ihm das vorläufige Urteil des Arztes mitzuteilen.
„Reden Sie, Schwester, um Gottes willen, reden Sie doch, Schwester, sie ist doch nicht tot?", rief er fast stammelnd vor Angst.
„Nein, nein!" beruhigte ihn die Schwester. „Es ist noch nicht jede Hoffnung verloren! Allerdings schwebt die Patientin noch immer in großer Lebensgefahr, und wir müssen Sie auf alle Fälle bitten, die Eltern der jungen Dame zu benachrichtigen! Wir hätten es schon selbst getan, — — aber da Sie der Dame näher zu stehen scheinen, wäre es vielleicht angebrachter, wenn Sie diese Aufgabe übernähmen, nicht wahr?"
Hastig stimmte Rammelt zu, während er sich die Stirn trocknete.
„Selbstverständlich brauchen Sie sich darum nicht zu bemühen, Schwester! Ich werde die Eltern selbst oenachrichtiqen!"
XII.
Gerhard Brand hatte sich bei seinem Bruder nicht angemeldet, und so löste sein unverhofftes Erschei
nen im Verwaltungsgebäude der Brand A.-G. großes Erstaunen aus. Man hatte zwar längst von feiner wunderbaren Rückkehr gehört, aber noch niemand hatte ihn bis jetzt zu sehen bekommen. Es war das erstemal seitdem, daß er das Büro seines Bruders auffuchte.
Unwillkürlich lächelte Gerhard, als plötzlich alle Schreibmaschinen stillstanden, und einer nach dem andern von den Angestellten, die in dem großen Vorsaal arbeiteten, ihn ansah, als könnte er es noch nicht begreifen, daß es wirklich Dr. Gerhard Brand war, der vor ihnen stand. Erst als der alte Bürochef, der Gerhard noch als kleinen Jungen gekannt hatte, freudig bewegt auf ihn zuging und ihm die Hand drückte, war der Bann gebrochen. Alle standen nun auf und drängten sich, ihrer Freude Ausdruck zu geben, daß ihr junger Teilhaberchef, den sie schon als tot betrauert hatten, gerettet und wieder zu ihnen zurückgekehrt war.
Gerhard bemerkte ihre Anhänglichkeit mit aufrichtiger Freude, gab dann dankbar ihre Begrüßung zurück. Wie schön mußte es sein, hier wieder mitzuarbeiten ... hier zu arbeiten, ja ... während zu Hause ein geliebtes Weib auf ihn wartete ... Er fuhr sich mit der Hand über die Stirn. Immer nur Janna, Janna war in feinen Gedanken
Ein schmerzlicher Zug trat in sein Gesicht, während er nun langsam zum Büro seines Bruders hinüberging. Auch hier erwarteten ihn Sorgen und Schwierigkeiten. Wie würde das alles noch auslaufen?
„Gerhard! Du?!" rief auch Walter Brand in größter Ueberrafchung aus, als die Türe zu feinem Büro sich plötzlich öffnete und fein Bruder eintrat.
„Wo kommst du denn auf einmal her? Ich denke, du bist in Oberhof?"
„Dort bin ich ja auch erste heute nachmittag abgereist!" entgegnete Gerhard. „Wie du dir vor- stellen kannst, lag mir nun zuerst daran, hierher 3u kommen, um mit dir über die Geschäftslage zu sprechen!"
Walter Brand schob dem Bruder einen Stuhl heran:
„Darüber bin ich auch aufrichtig froh, Gerhard! Aber zuerst eine Frage: Hast du in Oberhof noch mit Rammelt über das Gutachten gesprochen?"
Unwillkürlich fuhr Gerhard zusammen:
„Mit Rammelt? Wie kommst du daraus? Rammelt ist doch gar nicht in Oberhof!"
„Dann hast du ihn eben nicht gesehen! Dr. Rammelt ist mit seiner Braut, einem Fräulein Heller, glaube ich, schon seit einigen Tagen dort! Leider weiß ich es selbst erst seit vorgestern, sonst hätte ich dich davon benachrichtigt!"
„Dr. Rammelt mit seiner Braut in Oberhof!?
In höchstem Erstaunen rief Gerhard es aus.
„Wer hat dir das gesagt, Walter?"
„Olga Willnoff!" erwiderte Walter, ohne die Verwunderung seines Bruders weiter zu beachten.
„Ich habe sie selbst nach Oberhof geschickt, damit sie mit Rammelt wegen des Gutachtens verhandeln sollte. Das heißt, eigentlich hat sie sich selber dazu angeboten. Sie meinte, im Auftrage ihres Vaters gewissermaßen, der als Rechtswalter unsere Angelegenheiten vertritt, könnte sie ganz gut etwas aus- richten, um unsere Interessen wahrzunehmen. Und weil du dich so hartnäckig geweigert hattest, selber mit Rammelt zu sprechen, dachte ich ..."
„Olga Willnoff! Unbegreiflich!" sagte Gerhard endlich, der seines grenzenlosen Erstaunens kaum Herr werden konnte. „Olga Willnoff soll sich an- geboten haben, unsere Interessen wahrzunehmen?! Und seit wann seid ihr denn so befreundet, daß du ihr derartig wichtige Angelegenheiten überläßt?!"
„Seitdem du dich geweigert hast, diese wichtigen Angelegenheit selber auszuführen!"
Walter Brand gab es nicht ohne Schärfe zurück; fuhr dann in etwas milderem Ton fort:
„Selbstverständlich würde ich ihr unter gewöhnlichen Umständen die Sache nicht übertragen haben, Gerhard! Aber du hast ganz recht, Olga Willnoff und ich sind befreundet! Noch mehr sogar, ich liebe Olga Willnoff, und wenn sie von Oberhof zurückkommt, will ich mich mit ihr verloben!"
Eine einschlagende Bombe hätte Gerhard nicht stärker überraschen können als diese Nachricht.
Er überlegte schnell. Er kannte Olga Willnoff zu gut, um sich von ihr verblüffen zu taffen. Da steckte etwas dahinter, und sicher nichts Gutes! Erst das Spiel mit ihm und die Irreführung Jannas, dann der plötzliche Umschwung auf Walter, und obendrein noch Verhandlungen mit Jannas Verlobtem.
(Fortsetzung folgt!)


