Deutsche Jugendliche in Polen verurteilt.
Das Urteil im Tarnowitzer Prozeß.
Kattowitz, 30. Nov. (DNB.) Vor dem Gericht in Tarnowitz ging am Samstag der Prozeß gegen 49 deutsche Jugendliche zu Ende, der Mitte November begonnen hatte. Die Anklage warf den deutschen Jugendlichen Geheimbündelei vor. Die Angeklagten, von denen acht nicht zur Verhandlung erschienen waren, gehörten zu den aufgelösten Jugendorganisationen „Oberschlesier Wanderbund Kattowitz", „Tarnowitzer Wanderbund" und „Jugendgruppe des Verbandes deutscher Katholiken in Polen" in Radzionkau.
Die Staatsanwaltschaft erblickte das Vorliegen der Geheimbündelei darin, daß diese drei Vereine vor ihrer Auflösung untereinander organisatorische Verbindungen gehabt hätten. Sie hätten Gliederungen unterhalten, deren Bestehen vor den Behörden geheimgehalten worden sei. Ebenso seien die Aufgaben und Ziele der Jugendvereinigungen geheimgehalten worden.
Die Vernehmung der Angeklagten wie auch der Zeugen, unter denen sich eine Anzahl Kriminalbeamter befand, erbrachte keinen Beweis für die zur Last gelegten Beschuldigungen.
In seiner Anklagerede bezeichnete der Staatsanwalt die Betätigung und das Ziel der Jugendorganisationen als rein politisch und beantragte daher wegen Geheimbündelei gegen die Angeklagten hohe Strafen.
Das Urteil fiel überaus streng aus: Die Hauptangeklagten Horn und Freier wurden zu je 2% Jahren Gefängnis verurteilt. Acht Angeklagte erhielten je Jahre, neun Angeklagte je ein Jahr und acht Angeklagte je acht Monate Gefängnis. Sieben Angeklagte im Alter von 15 bis 17 Jahren wurden zur Unterbringung in einer Erziehungsanstalt verurteilt. Drei dieser Angeklagten, die das 15. Lebensjahr noch nicht vollendet haben, erhielten einen dreijährigen Strafaufschub. Während dieser Zeit sollen sie jedoch unter Vormundschaft gestellt werden. Nur in sieben Fällen kam das Gericht zu einem Freispruch. Keinem der Verurteilten wurde eine Bewährungsfrist zugebilligt, obwohl sie alle noch unbestraft sind und in jugendlichem Alter stehen.
In der Urteilsbegründung stellte das Gericht zunächst fest, daß die Angeklagten Mitglieder ordnungsmäßig angemeldeter Vereine waren, also keinem Geheimbunde angehörten. Dagegen stellte es sich auf den Standpunkt, daß die Organisationsform dieser Vereine und ihre Arbeit bzw. ihr Ziel vor den Behörden geheimgehalten worden sei.
Nach der Urteilsverkündung stellte der Staatsanwalt mit der Begründung, daß Fluchtverdacht vorliege, Haftantrag für alle Angeklagten, die bis zu anderthalb Jahren Gefängnis verurteilt wurden. Diesem Antrag widersetzte sich die Verteidigung, die
ihrerseits die Haftentlassung des Angeklagten Freier beantragte, der sich als einziger noch m Untersuchungshaft befindet. Nach kurzer Beratung gab das Gericht dem Antrag des Staatsanwaltes insofern statt, als es die Verhaftung des Angeklagten Horn anordnete. Weitere Verhaftungen gestattete das Gericht nicht. Die Haftentlassung Freiers wurde abgelehnt. Das Gericht erklärte sich jedoch bereit, Horn und Freier gegen eine Sicherheitsleistung von je 6000 Zloty freizulassen. Zum Schluß legte die Verteidigung im Namen sämtlicher Verurteilten B e- r u f u n g ein.
Tiefer Eindruck
bei der deutschen Volksgruppe.
Kattowitz, 30.Nov. (DNB.) Das überaus harte Urteil des Tarnowitzer Bezirksgerichtes gegen die deutschen Jugendlichen hat bei der deutschen Volksgruppe einen niederschmetternden Eindruck gemacht. Die deutsche Minderheitenpresse bringt am Montag das Urteil in großer Aufmachung auf der ersten Seite und nimmt in umfangreichen Kommentaren Stellung zu diesem harten Richterspruch.
Das Organ der Jungdeutschen Partei in Polen, „Der Aufbruch", schreibt u. a.: „Die ganze deutsche Volksgruppe in Polen fühlt sich durch dieses harte Urteil bis ins Herz getroffen. Die ganze Tragik der deutschen Jugend tritt hier zutage. Indem das Urteil den toten Buchstaben des Gesetzes über den lebendigen Geist stellt, soll der deutschen Jugend jede Möglichkeit genommen werden, sich entsprechend ihrer Weltanschauung zu organisieren und die für den künftigen Bestand unserer Volksgruppe notwendige Erziehungsarbeit zu leisten. Es sieht so aus, als ob jedes offene Bekenntnis zum Deutschtum ein Verbrechen wäre."
Die „Kattowitzer Zeitung" erklärt: „Älit tiefster Erschütterung nimmt das Deutschtum das Urteil zur Kenntnis, das in Tarnowitz gegen unbescholtene junge Menschen gefällt worden ist. Der Paragraph 165 des Strafgesetzbuches, dessen Uebertretung das Gericht als gegeben angesehen, hat, wurde mit aller Strenge angewandt. Das Schicksal derjenigen Jugendlichen, denen die Unterbringung in einer Erziehungsanstalt droht, rührt nicht nur die Empfindungen der Eltern dieser jungen Menschen, sondern die aller deutschen Väter und Mütter. Die verurteilten jungen Deutschen werden durch den Spruch des Tarnowitzer Gerichtes zu verlotterten Individuen gestempelt. Verständnislos nimmt die deutsche Volksgruppe das harte Urteil auf."
SolftfWiWe Drohungen
gegen Lettland, Estland und Finnland.
Moskau, 30. Nov. (DNB.) Der Leiter der Kommunistischen Partei des Leningrader Gebiets, einer der Stellvertreter Stalins im Sekretariat der Gesamtpartei, S ch a n o w, richtete am Sonntag in einer längeren Rede auf dem Rätekongreß, der, wie üblich, weniger den Fragen der „Verfassung , sondern Beschimpfungen des „Faschismus" gewidmet war, auffallend scharfe Drohungen gegen die Nachbarländer des Leningrader Gebiets: Lettland, Estland und Finnland. In diesen kleinen Ländern, sagte Schanow, gebe es „große Abenteurer, die ihr Land faschistischen Großmächten als Operationsbasis gegen die Sowjetunion zur Verfügung stellen möchten". Diese kleinen Länder müßten sich in acht nehmen, daß die Sowjetunion nicht ihr ihnen zugekehrtes Fenster weit aufmache und „mit $ i I f e her roten Armee nachsehe, was drüben los fei!!"
Roosevelt in Buenos Arres.
Buenos Aires, 30. Nov. (DNB.) Am Montag kurz nach 18 Uhr MEZ. traf Präsident Roosevelt an Bord des amerikanischen Kreuzers „Indianapolis" in Buenos Aires ein. Die gesamte argentinische Hochseeflotte war den amerikanischen Kriegsschiffen bis zum Kap Polonia an der Küste von Uruguay entgegengefahren und geleitete den amerikanischen Präsidenten gemeinsam mit einem Geschwader von 35 Marine-Flugzeugen nach der argentinischen Hauptstadt. Im Hafen wurde Roosevelt, der sich in Begleitung seines Sohnes befand, vom argentinischen Staatspräsidenten General I u st o feierlich empfangen. Zur Begrüßung hatten sich außerdem der argentinische Außenminister Dr. Saavedra Lamas, der amerikanische Staatssekretär H u l l, der argentinische Landwirtschaftsminister, der päpstliche Nuntius als Doyen des Diplomatischen Korps und der amerikanische Botschafter ein- gefunben. Ferner waren die Spitzen der Militär- unb Zivilbehörben anwesenb. Eine vieltausenbkäp- fige Menschenmenge bereitete Präsibent Roosevelt eine begeisterte Begrüßungskunbgebung. Nach einer Ansprache bes Bürgermeisters von Buenos Aires, in ber biefer ben amerikanischen Präsibenten herzlich willkommen hieß, geleitete General Justo seinen Gast burch bie festlich in ben argentinischen unb amerikanischen Farben geschmückten, van bichten Menschenmengen umsäumten Straßen nach ber amerikanischen Botschaft, wo Roosevelt Quartier nehmen wirb.
Präsibent Roosevelt stattete um 17 Uhr (22 Uhr MEZ.) bcm Präsibenten ber argentinischen Republik, General Justo, im Regierungspalast einen offiziellen Besuch ab. Die Zusammenkunft ber beiben Staatsoberhäupter, ber auch ber argentinische Außenminister beiwohnte, verlief sehr herzlich.
Aus aller Welt.
Millionenstiftung
eines englischen Automobil-Industriellen.
Der bekannte englische Industrielle Lord Nuf. field, ber erst kürzlich burch eine Stiftung an die Universität Oxford in Höhe von 2 Millionen Pfund Sterling von sich reben machte, hat für bie Arbeiter und Angestellten seiner neun Automobilfabriken einen Betrag von 2 215 Millionen Pfund ausgeworfen. Der genannte Betrag stellt den Gegenwert von einer Million Stammaktien ber Morris Motors Ltd. bar, beren Dividenbe zur Errichtung eines Morrisfonbs benutzt werben soll, aus bem bie Lohnempfänger anteilmäßig Divibenbe und außerbem die Bezahlung ihres jährlichen Urlaubes erhalten sollen.
Wetterbericht
des Reichswetterdienstes. Ausgabeorl Frankfurt.
Die Witterung Mitteleuropas wirb noch immer von bem nordischen Sturmwirbel beherrscht. Während er aber am Montag noch milde Meeresluft auf das Festland verfrachtete und zu verbreiteten Regenfällen Anlaß gab, Ijat sich unter stark böigen Westwinden in der Nacht zum Dienstag eine Zufuhr kälterer Meeresluft eingestellt. Sie gab zu rasch wechselnder Bewölkung mit schauerartigen Niederschlägen, in den Gebirgen vielfach in Schnce- form, Anlaß. Heber dem Atlantik ist bereits ein neuer Sturmwirbel in Entwicklung, so daß eine durchgreifende Abkühlung für die Niederungen nicht zu erwarten ist. Im Gebirge wird sich jedoch wieder Frost einstellen.
Aussichten für Mittwoch: Veränderlich mit Aufheiterungen, aber auch einzelnen Niederschlagsschauern (im Gebirge vielfach Schnee oder Graupeln), bei teilweise böigen West- bis Nord- westwinden, Temperatur wenig geändert.
Lufttemperaturen am 30. November: mittags 4,9 Grad Celsius, abends 6,6 Grad; am 1. Dezember: morgens 3,5 Grad. Maximum 6,6 Grad, Minimum heute nacht 3,3 Grad. — Erdtemperaturen in 10 cm Tiefe am 30. November: abends 3,1 Grad; am 1. Dezember: morgens 3 Grad Celsius. — Niederschläge 2,7 mm.
Hauptschriftleiter: Dr. Friedrich Wilhelm Lange. Stellvertretender Hauptschriftleiter: Ernst Blumschein. Verantwortlich für Politik und für die Bilder: i. V. Ernst Blumschein; für Feuilleton: Dr. Hans Thyriot; für den übrigen Teil: Ernst Blumschein. Anzeigen- (eiter: Hans Beck. Verantwortlich für den Inhalt der Anzeigen: Theodor Kümmel. 2). 21. X. 36: 10 000. Druck und Verlag: Brühl'sche Universitäts-Buch- und Steindruckerei R. Lange, K.-G., sämtlich in Gießen. Monatsbezugspreis RM. 2,05 einschließlich 25 Pf. Zustellgebühr, mit der Illustrierten 15 Pf. mehr. Einzelverkaufspreis 10 Pf- und Samstags
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