lir. Erstes Blatt
Mittwoch, l.Zuli 1936
186. Jahrgang
Gießener Anzeiger
General-Anzeiger für Oberhessen
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MZM General-Anzeiger für Oberhessen
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Krankfurt am Main 11686 Druck und Verlag: Vrühl'sche UniverfitatsVuch- und Steinörudcrd R. Lange in Gießen. Schriftleitung und Geschäftsstelle: Schulstrahe 7 Mengenabschlüsse Staffel 3
Der AeguS als Klager vor der Völkerbundsversammlung in Gens
Van Zeeland zum Präsidenten gewählt.
Die italienische Denkschrift über Abessinien.
Genf, 30.Juni. (DNB.) Der zweite Tagungsabschnitt der 16. Völkerbundsversammlung wurde unter dem Vorsitz des englischen Außenministers Eden als Ratspräsident eröffnet. Die Sitzung begann mit der Verlesung des Schreibens, in dem der bisherige Präsident, der tschechoslowakische Staatsvräsident Dr. B e n e s ch , sein Amt niederlegt. Während der Verlesung betrat der Negus Haile Selassie an der Spitze einer zahlreichen chwarz gekleideten Abordnung den Saal. Eden prach Dr. Benesch den Dank der Versammlung für eine Tätigkeit aus. Die Versammlung wählte darauf den belgischen Ministerpräsidenten van Zec- l a n d zum neuen Präsidenten mit 47 von 51 Stimmen.
Dan Zeeland verlas die Denkschrift der italienischen Regierung. Sie legt das von der italienischen Regierung unternommene Aufbauwerk dar. Dieses Werk betrachte die ita lienische Regierung als eine heilige Kulturmission, die sie gemäß den Grundsätzen des Völkerbundspaktes auszuüben gedenke. Es werde der italienischen Regierung zur Ehre gereichen, den Völkerbund von den Fortschritten ihrer Zivilisationstätigkeit, deren schwere Verantwortung sie auf sich genommen habe, zu unterrichten. Zum Schluß weist die italienische Regierung aus die Notwendigkeit einer geeigneten Völkerbundsreform hin, an deren Verwirklichung sie mitzuarbeiten bereit sei. Jedoch müsse die italienische Regierung auf die Notwendigkeit Hinweisen, unverzüglich die Hindernisse zu beseitigen, die die Verwirklichung des Werkes der internationalen Zusammenarbeit, an dem Italien aufrichtig im Sinne der Aufrechterhaltung des Friedens mitzuarbeiten wünsche, behindern.
Südamerika
droht mit dem Austritt.
Argentinien verlangt Beachtung des Pakts.
Der argentinische Vertreter Ruiz G u i n a z u begründete den Antrag seiner Regierung auf Einberufung der Versammlung. Dieses Vorgehen sei der Auffassung von der Gleichheit aller Staaten entsprungen, die ein Gemeingut aller amerikanischen Republiken darstelle. Der Grundsatz der Achtung der gebietsmäßigen Unversehrtheit der Staaten sei 1926 von allen amerikanischen Kongressen verfochten worden.
Denn der Völkerbund seinen universellen Charakter bewahren wolle, müsse er sich unbeschadet der jeweiligen besonderen Umstände auch zu diesen Grundsätzen bekennen. Wenn sich hingegen die Art, wie der Pakt angewendet werde, nicht mit diesen amerikanischen Grundsätzen vereinbaren ließe, so müsse sich die argentinische Regierung überlegen, ob sie weiterhin mit dem Völkerbund zusammc arbeiten könne.
Der Aeaus spricht
Nach dieser argentinischen Erklärung, die als Antrag auf Nichtanerkennung der Annexion Abessiniens angekündigt worden war, bestieg der Negus unter dem Licht der Scheinwerfer die Tribüne, um eine Erklärung in amharischer Sprache abzugeben. Bei dem ersten Wort ertönte ein alles übertönendes Gepfeife aus den Reihen der italienischen Journalisten. Sie wurden innerhalb weniger Minuten von einem starken Polizeiaufgebot a b g e f ü h r t, während die meisten Delegierten klatschten. Die fast einstündige Rede des Negus, die mit ihrer Uebersetzung ins Französische und Englische den größten Teil der Dienstagssitzung des Völkerbundes aussüllte, wurde in amharischer Sprache gehalten, denn, so sagte Halle Selassie, wenn ich amharisch spreche, kann ich besser meine Gedanken mit der ganzen Kraft des Herzens ausdrücken. Haile Selassie wurde dann vom Präsidenten der Versammlung folgendermaßen das Wort erteilt: „Der nächste Redner ist Seine Majestät der Negus Haile Selassie. Ich erteile dem Hauptdelegrerten von Abessinien das Wort."
Der Negus erklärte, daß er heute hier stehe, um die seinem Volk geschuldete Gerechtigkeit und den Beistand zu fordern, der ihm vor acht Monaten von 50 Nationen versprochen worden sei. Noch nie habe ein Staatsoberhaupt vor der Völkerbundsversammlung das Wort genommen. Aber noch nie sei auch ein Volk das Opfer einer solchen Ungerechtigkeit gewesen wie das abessimsche, dem die Auslieferung an seinen Angreifer drohe. Um ein Volk zu verteidigen, das um seine Jahrtausende lange Unabhängigkeit kämpfe, sei er nach Genf gekommen, nachdem er selbst an der Spitze seiner Armee gestanden nabe.
Der Regus schilderte hierauf die Schrecken desGaskrieges, unter dem sein Land zu leiden gehabt habe und gab seiner Erbitterung darüber Ausdruck, daß er i n f e l n em v e r - trauen auf die wirksame Hilfe des Völkerbundes, das ihn veranlaßt habe,
vorteilhafte Angebote der italienischen Regierung abzulehnen, enttäuscht worden sei. Die abessinische Regierung habe nie erwartet, daß andere Völker, deren eigene Interessen nicht unmittelbar auf dem Spiele standen, das Blut ihrer Soldaten vergießen könnten. Die abessinischen Krieger hätten nurverteidigungsmittel verlangt. Aber die wiederholt geforderte 3 i - nanzhilfe für den Ankauf von Waffen sei ständig verweigert und die Benutzung der Eisenbahn Dschibuti —Addis Abeba für Waffentransporte praktisch unmöglich gemacht worden, heute bestehe nicht die Unmöglichkeit, sondern die Weigerung, den Angreifer aufzuhalten. 3m Ramen Abessiniens verlange er von der Versammlung „alle Wah- nahmen zu treffen, um dem Pakt Achtung zu verschaffen."
Der Negus fuhr dann fort: Ich erkläre vor der Welt, daß der Kaiser, die Regierung und das abessinische Volk sich nicht vor der Gewalt beugen werden, daß sie ihre Forderungen aufrechterhalten und alle ihnen zur Verfügung stehenden Mittel gebrauchen werden, um den Sieg des Rechts und des Paktes durchzusetzen. „Vertreter der Welt", so schloß der Negus, „ich bin nach Genf gekommen, um vor Ihnen die peinlichste der Pflichten eines Staatsoberhauptes zu erfüllen. Welche Antwort soll ich meinem Volk geben?"
Nach der Rede des Negus wurde die Sitzung auf Mittwoch vertagt. Bis jetzt sind Reden der Vertreter Frankreichs, Englands, der Sowjetunion, der Südafrikanischen Union, Kolumbiens und Panamas vorgesehen.
Das Echo in London.
London, l.Juli. (DNB. Funkspruch.) Zu den gestrigen Ereignissen in Genf schreibt der Sonderkorrespondent der „Times", daß die Ankündigung, Italien würde den Völkerbund über die Fortschritte seines Zivilsationswerkes in Abessinien unterrichten, in Völkerbundskreisen mit gemischten Gefühl en aufgenommen worden sei: dieser Teil des italienischen Memorandums scheine aber zu zeigen, daß Italien beabsichtige, Abessinien nach den Richtlinien des Mandatsartikels der Völkerbundssatzungen zu verwalten. Die Tendenz
neige im großen und ganzen dahin, mit dem Urteil zu warten, bis Ergebnisse vorhanden seien. „Daily Telegraph" hebt das Angebot der italienischen Note zur Mitarbeit Italiens an der Völkerbundsreform hervor, und schreibt, daß im italienischen Memorandum zum erstenmal amtlich bekanntgegeben werde, daß die italienische Regierung mit Abessinien zweimal über eine Beilegung des Krieges im geheimen verhandelt habe.
Der Sonderkorrespondent der „Morning Post" in Genf berichtet über die Szene, die sich in der Nachmittagssitzung der Völkerbundsoersammlung abgespielt hat, er erinnere sich nicht, jemals in einer internationalen Versammlung einer solchen Szene beigewohnt zu haben. Ein Höllenlärm sei losgebrochen, als der Negus das Podium betreten habe. Die italienische Note sei in versöhnlichem Ton, aber unmißverständlich in ihren Zielen. Sie verlange vom Völkerbund die Anerkennung der Tatsachen in Abessinien. Stillschweigend würde eine solche Anerkennung eine Bedingung zur zukünftigen Mitarbeit Italiens in den internationalen Angelegenheiten bedeuten und (bildlich gesprochen) „eine auf Europa gerichtete Pistole".
„News Chronicle" spricht den Verdacht aus, daß die italienischen Journalisten, die die Lärm-Szenen beim Auftreten des Negus veranlaßt haben, auf Befehl Roms gehandelt hätten. Auch „Daily He- rald" spricht von einer von Rom aus organisierten Demonstration, die von weltbekannten Journalisten der großen italienischen Zeitungen durchgeführt worden sei. Wenn heute Eden die Aufhebung der Sanktionen vorschlagen werde, würde die Dölkerbundsversammlung wahrscheinlich nicht einstimmig dafür sein. Neuseeland, Südafrika und jedenfalls noch andere würden dagegen stimmen.
Oie italienische Flagge über Moyale.
Addis Abeba, 1. Juli. (DNB. Funkspruch.) Nachdem vor einigen Tagen aus dem südlichen Ast c s s i n i e n Unruhen gemeldet wurden, zu deren Bekämpfung eine Autokolonne aus dem Somaliland beordert wurde, haben die Italiener jetzt e i n- heimische Truppen an die Südgrenze gesandt. Am Montag wurden die Grenzorte Moyale, Kenia und Somasia besetzt und die italienische Flagge gehißt.
Gautag Hessen-Nassau 8.—12. Juli in der Gauhauptstadt Frankfurt a. Main.
Wie bereits mitgeteilt, wird der Gautag Hessen-Nassau vom 8. bis 12. Juli in der Gauhauptstadt Frankfurt am Main am 8. Juli mit der Weihe des Flug- und Luftschiffhafens Rhein- Main beginnen.
Am Donnerstag, dem 9. Juli, findet anläßlich des Gautages auf dem Römerberg eine Festaufführung „Die Verschwörung des F i e s k o" statt.
Am Freitag, dem 10. Juli, wird in Anwesenheit des Reichsbauernführers Darre das neue Erbhofdorf Riedrode geweiht
und
Samstag, der 11. Juli, gehört den 20 Sondertagungen der einzelnen Aemter der NSDAP. Am gleichen Abend tagt in der Festhalle das gesamte Führerkorps der NSDAP, des Gaues Hessen-Nassau. Weiterhin ist für diesen Abend und auch für den Sonntagnachmittag ein großes Volksfest auf dem neuen Ausstellungsgelände bei der Festhalle vorbereitet.
Am Sonntag, dem 12. 3uti, werden auf dem neuen Ausstellungsgelände an der Bismarck-Allee (hinter dem Fefthallenoelände) 104000 Politische Leiter, Männer der SA., SS., des RSKK., DAF.» der Werk- fcharen, des Reichsarbeitsdienstes, der Technischen Rothilfe und des Luftschutzes aufmarschieren. Auch der BDM. wird durch Abord- nungen vertreten fein, vor diesen 104 000 wird um 11 Uhr in wohl der gewaltigsten Massenkundgebung des Gaues, Reichsleiter und Reichs- minister des Innern, Dr. Wilhelm Frick, sprechen.
Die Nationalsozialisten des Gaues Hessen-Nassau erfüllt es mit besonderer Freude, daß Reichs- innenminifter Frick sich bereiterklart hat, seinen Urlaub zu unterbrechen und einzig wegen des Gautages nach Frankfurt zu kommen, weil Pg. Frick als Verwalter eines der allerwichtigsten Ministerien in Deutschland in stärkster Weisti Mit nerantworllich ist für die Gestaltung des neuen Deutschen Reiches, Pg, Frick ist es auch gewesen, der als erster Nationalsozialist ein Ministerium m Deutschland schon im Jahre lSM übernommen hall Seine damalige Tätigkeit tn Thüringen war das erste Sturmzeichen einer Umgestaltung der Ver waltung nach nationalsozialistischen Grundsätzen.
Außerdem hat sich auch Reichsleiter und Reichsminister, Reichsbauernsuhrer Walter Darre bereiterklärt, bei der Weihe des neuen Erbhofdorses Riedrode zu sprechen und voraussichtlich auch am Samstag auf der Sonder
tagung des Amtes für Agrarpolitik das Wort zu ergreifen.
Pg. Darrö, der erst vor wenigen Wochen anläßlich der Reichsnährstandsschau längere Zeit in unserem Gau weilte, war von der Durchführung dieser gewaltigen Ausstellung und vor allem auch von der mustergültigen Zusammenarbeit mit allen Stellen der Partei so befriedigt, daß er nach so kurzer Zeit gern wieder in seinen Heimatgau Hessen-Nassau kommt.
Roch ein dritter Reichsminister hat fein Erscheinen für den Gautag zugesagt. Reichsleiter Reichsminister Dr. W. Franck wird im Schumann - Theater vor etwa 3000 Bürgermeistern, Landräten, Kreisdirektoren und Beigeordneten des Gaues sprechen.
Auch Staatssekretär S t u ck a r t kommt nach Frankfurt und spricht ebenfalls im Schumann- Theater vor den Politischen Leitern mehrerer Aemter. Unter den Rednern der 20 Sondertagun- gen sind außerdem noch so viel bekannte Namen, daß man wirklich nicht weiß, mit wem man bei der Aufzählung beginnen soll.
Redner der S o n d e r t a g u n g e n werden sein: Reichskriegsopferführer Oberlindober, Dr. Walter Groß, Leiter des rassenpolitischen Amtes; Klaus S e l z n e r, Horst Dreßler-Andreß, Dr. Johann von Leers. Von der Reichspropagandaleitung z. B.: Amtsleiter Walter Schulze und der Leiter des Reichsringes T i e ß l e r ; der Reichsärzteführer Dr. Wagner, Bernhard Köhler, Hartmann Lauterbacher spricht vor der HI., der Propagandawalter des Hauptamtes für Volkswohlfahrt Maierhofer, die Parteigenossen Knop und Schneider vom Obersten Gaugericht und Amtsleiter vom Pressepolitischen Amt der NSDAP., Sündermann spricht vor den Presseamtsleitern, Schriftleitern und den Pressereferenten der Gliederungen.
Trotz dieser großen Liste bekanntester Redner der NSDAP, ist es nicht ausgeschlossen, daß noch weitere bekannte Parteigenossen von der Reichsleitung nach Frankfurt kommen werden. Noch niemals'konnte der Gau Hessen-Nassau eine solche Reihe glänzender Redner für einen Gautag einsetzen. Die große Kundgebung der 104 000 und vor allen Dingen die Sond'ertagungen und die Tagung des gesamten Führerkorps des Gaues werden sich für die Tätigkeit der Partei im kommenden Jahre aufs Fruchtbarste auswirken.
Aber auch den vielen Amtsleitern und Parteigenossen, denen es nicht vergönnt ist, zum Reichs- parteitaq nach Nürnberg zu fahren, ist auf diese Weise Gelegenheit gegeben, wertvollste Anregungen von dem Gautag in Frankfurt mit in das letzte Dorf des Gaues zu nehmen.
Oie Luftwaffe im Abeftimenkrieg.
Es ist der Zeitpunkt gekommen, eine militärische Bilanz des abessinischen Feldzuges zu ziehen. Sie wird für jede Waffe ungemein interessant sein: für die Infanterie mit ihren farbigen Hilfstruppen ebenso wie für die Artillerie und die Panzertruppe. Sie wird ein bedeutsames Bild der Maßnahmen entrollen, die für die Vorbereitung des Feldzuges erforderlich waren, die während der Periode des Kampfes verstärkt werden mußten und die an die Etappe erhebliche Anforderungen stellten. Wir brauchen nur an den Wegebau zu erinnern, der genau so wichtig war wie die Kämpfe bei Adua, am Amba Aladschi oder bei Gorahai. Einen besonders breiten Raum wird in der Geschichte dieses ostafrikanischen Feldzuges, des größten Kolonialkrieges, den die Welt je gesehen hat, d i e Luftwaffe für sich in Anspruch nehmen dürfen, obwohl es ihr nicht gestattet war, sich im modernen Sinne zu entfalten. Ihr fehlte der Gegner. Fliegerkämpfe gab es nicht. Zwar nahm man anfänglich an, daß die Abessinier ein paar Flugzeuge den Italienern entgegenstellen würden, ja, es sah sogar so aus, als ob die aufbegehrende farbige Welt Flugzeuge nach Abessinien schicken und auch Kampfflieger entsenden würde. In den Vereinigten Staaten wurde jedenfalls ein heftiger Propagandafeldzug unter den Negern eingeleitet, verpuffte aber wirkungslos. Weder erhielt der Negus die in Aussicht gestellten Flugzeuge, noch betraten diejenigen, die sich schon im Dienste des Negus fühlten unb in abessinischen Kampfflugzeugen den Italienern entgegenstürmen sahen, jemals abessinischen Boden. So mußten also die Italiener die große Enttäuschung einstecken, kein Zeugnis ihrer Leistungsfähigkeit als Kämpfer und Fechter der Lüfte ablegen zu können.
Aber die italienische Luftwaffe kehrt trotzdem voller Ruhm aus diesem Feldzug zurück. Sie ist mehr als einmal durch die abessinische Erdabwehr gepackt worden. Es hat auch Unternehmungen gegeben, bei denen kein Flugzeug ohne Treffer zurückkehrte, aber die Flugzeugabwehr funktionierte doch nicht hundertprozentig, obwohl wirklich gute Flaks vom Ausland den Abessiniern geliefert worden waren. Es zeigte sich vielmehr, daß nur ein ausgezeichnet geschultes Bedienungspersonal in der Lage ist, mit diesen Waffen dem Gegner Schaden zuzufügen, genau so wie das Flugzeug nur dort wirklich von Wert ist, wo die zur Luftwaffe gehörenden Mannschaften durch jahrelange Hebungen Höchstleistungen zu vollbringen vermögen. Aber die Flaks kamen erst wenige Monate vor, teilweise auch erst während der kriegerischen Ereignisse nach Abessinien, so daß die abessinischen Soldaten über allgemeine Kenntnisse nicht hinauskamen. Sie schossen zwar verhältnismäßig gut, aber verhältnismäßig gute Leistungen genügen nun einmal dort nicht, wo moderne Waffen zum Einsatz gelangen. Auch in der Armee Ras N a s i b u, wo wider Erwarten die besten Soldaten standen, war es dem türkischen Generalstabschef nicht gelungen, in den sechs Monaten des Krieges die Flakmannschaften soweit zu schulen, daß sie den Italienern Verluste beibringen konnten. Die meisten Verluste der Italiener — insgesamt fallen sie gar nicht ins Gewicht — sind auf Motorenschäden zurückzuführen.
Anoesichts der Unfähigkeit der abessinischen Flak- mannskchaften hatten es die Bombenflieger natürlich nicht sonderlich schwer, ihre Aufgaben zu erfüllen. Soweit sie mit der kämpfenden Truppe zusammenwirkten, hatten sie durch Bombenabwurf das Artilleriefeuer zu verstärken und vor allem Bomben in die von der Artillerie nicht erreichbaren Winkel abzuwerfen, dann aber die ausgescheuchten abessinischen Verteidiger unter MG.-Beschuß zu nehmen. Je mehr die Abessinier ins Wanken gerieten, desto größer wurden auch ihre Verluste' durch das MG.-Feuer der italienischen Luftwaffe. Die Bomber hatten aber auch in den Kampfpaus-m den Feind zu beunruhigen, ja, in diesen Zeiten hatten sie einen doppelt schweren Dienst, der für die Piloten deswegen zur Strapaze wurde. w-ül Oe stets viele hunhort Kilometer zurück- zulegen hatten, bis sie die Front erreichten. Es ist zwar später dafür gesorgt worden, daß dicht hinter der sich vorwärtsbewegenden Front Flugplätze angelegt wurden, aber das Gros der Flieger kam doch aus dem alten Kolonialgebiet.
In diesen Kampfpausen galt es nicht nur, tief im Innern des Landes liegende Städte, die als Sammelpunkt neu ausgehobener Mannschaften gelten konnten, zu zerstören oder auch, wie das zwei Mal der Fall war, das kaiserliche Hauptquartier in Dessie heimzusuchen, es wurden vor allem die Ortschaften und Lager dicht hinter der abessinischen Front unter einen starken Bombenhagel genommen. Meist fanden nur Kilobomben Verwendung, die genügten, um die gewünschten Ergebnisse zu .teitiaen. So gelang es den Bombern, allmählich die Zufuhr und Versorgung der abessinischen Front in Unordnung zu bringen, zu mal die Beherrschung des Luftraumes hinter den abessinischen Linien alle Truppen- und Munitionstransporte des Negus tagsüber zum Erliegen brachten. Man wagte es nicht mehr, sich bei Tageslicht in Bewegung zu fetzen. Und nachts konnte man wegen des schwer passierbaren Geländes nur mit der Hälfte der Marschleistungen aufwarten. Das Vorhandensein einer guten abessinischen Luftwaffe und einer ebenso guten Flakartillerie hätte es den Italienern allerdings nicht erlaubt, durch ihre Bomber die Basis der abessinischen Verteidl- aung in die Brüche gehen zu lassen. Dafür konnten sie ungestört ihre eigenen Straßen zu den Stunden bauen, da sich die abessinischen Munitionstransporte im Busch oder in Höhlen verstecken mußten.


