Nachdruck verboten!
1. Fortsetzung.
Soklor Grudes Ehe
jDriginakoman von 3. Schneider-Foerstl.
„Was ist mit ihr?" Seine Finger schraubten sich um das Rohr des Hörers, daß das schwarze Holz knirschte.
„Gott, wir wissen's doch selbst nur aus der Zeitung! Hörst du, Felix!"
„3a, Madien!"
„Also: der .Moltke', mit dem Christa bk lieber- fahrt gemacht hat, ist nicht in Calais angekommen. Er ist überfällig."
Er lehnte gegen den Schreibtisch und sah die Bilder im Zimmer in rasche Drehung versetzt. Von rechts und links schoben sie sich und begannen unauf- hörlich zu kreisen. In seinem Kopf schlug ein Hammerwerk. „Aber Gewißheit ...", er riß sich zu- stimmen, „nicht wahr, Madien ..."
„Natürlich, Gewißheit haben wir keine", kam deren Stimm« aus dem Apparat. „Der Papa ist schon den ganzen Nachmittag unterwegs. Ich weiß nicht, wo er überall hintelepyoniert und depeschiert. Die Mama hat eine Stunde in Ohnmacht gelegen. Nun ist sie auch fort. — Was hat die Christa auch nach England fahren müssen! Wär sie ,)ji Hause geblieben, bann wäre ihr nichts passiert."
Dor Grudes Augen tanzte noch immer alles in schwingender Bewegung. ,Zch komme!" sagte er, wartete nicht mehr auf eine Entgegnung und warf den Hörer auf die Gabel.
Lena Moore, die Assistentin, half ihm draußen tm Halbdunkel des Korridors in den Mantel schlüpfen. Sie wagte nicht, zu sraaen.
Er sah sie an und schloß für Sekunden die Lider. „Der .Moltke' ist überfällig, Lena!"
Sie verstand nicht.
„Meine Braut hat ihn zur Ueberfahrt nach Ca- lais benützt."
Sie streckte unwillkürlich den Arm nach ihm aus. Aber er stand hochaufgerichtet, obwohl es noch eben Seschienen hatte, als würde er stürzen. Sie ging mit is zur Türe und suchte seinen Blick. „Seit wann?"
„Ich muß erst Näheres hören. Ich fahre jetzt zu Wellenbergs. Dort können Si« mich erreichen, falls Ich dringend benötigt würde."
„Ja, Herr Doktor!"
Sonst pflegte sie die Flurtüre sofort hinter ihm zu schließen. Heute wartete sie, bis er die letzten Stufen der Treppe genommen hatte. Dann sah fie ihn durch das Fenster des Stiegenhauses nach der Garage gehen. Sie hatte Angst um ihn. Vielleicht wäre es besser gewesen, unter irgendeinem Vorwande ein Stück mitzufahren. Aber er wäre wohl erstaunt gewesen darüber.
Der Wagen schob sich durch das offene Tor, rollte über das Pflaster und verschwand in der Durch
fahrt. Lena rannte nach dem Sprechzimmer und sah, wie er eben über den Asphalt der Fahrbahn nach dem Innern der Stabt zu glitt.
An der Kreuzung der Straße sah Grude jemand über die Fahrbahn springen, der chm zuwinkte. Er fuhr dicht an den Gangsteig und sah Dick Montrey, der ihm die Rechte über den Schlag entgegcnftrerfle. „Servus, Felix!--Wie gehts der Christa?--
Verdammtes Schwein haben wir gehabt, was. Gurgelt der „Moltke" da mir nichts dir nichts in Den Hexenkessel."
„Du bist--mit dabei gewesen?" schrie Grude
heraus.
„3d) bin mit dabei gewesen, ja.--Warum
schreist du denn so? Wohin fährst du? — Zu den Wellenbergs? Da komm ich mit." Er setzte sich neben Grude ans Steuer und begriff nicht, weshalb dessen Hände für den Moment unfähig waren, bas Rad zu drehen.
„3ft die Christa nicht wohl? — Nicht zurückge- fommen ist fie? — Wie? Ueberhaupt noch nicht eingetroffen?" Dicks Gesicht verlor an Farbe. „Mensch, 'red doch! Red' sag' ich dir."
Der Wagen schoß zwei Meter in die Gehbahn hinein und rollte wieder zurück. Montrey begriff, daß er jetzt kein Wort mehr reden durfte. Mil ftarr- blickenden Augen sah er die Fahrzeuge, die ihnen entgegenkamen, oorüberjagen. Immer fürchtete er, jetzt müßte Grude einem von ihnen in die Flanke fahren. Aber es glückte dem Freunde immer wieder, daran oorbeizukommen.
Dann schlug die Vierradbremse ein, daß es ihn beinahe über den Schlag warf. Geheimrat Wellenberg, der eben aus der Hauptpost trat, sah einen Mann auf sich zuspringen und machte unwillkürlich Anen Schritt zurück. „Du, Felix?" sagte er und hob die Finger an den Hut. „Du weißt also fd)on? — Am 18. hätte der „Moltke" in Calais emtreffen sollen. Heute ist der 19. Ich weiß nicht mehr, wo ich noch hindepeschieren soll." Er sah nach Montrey, der eben auf ihn zukam. „Mit welchem Dampfer sind Sie zurückgekommen, Herr Hauptmann?"
„Mit dem ,Moltke', Herr Geheimrat."
Wellenberg riß die Augen auf, als habe er falsch gehört, lehnte sich, auf den Füßen unsicher wer- dend, gegen die Säule, welche die Tür des Haupt- Postamtes trug und starrte Montrey an. Dick fühlte sich gedrängt zu sprechen. ,Lch wollte Christa eben einen Kognak bringen, als der .Moltke' zu sinken beginnt. Hamstead ..."
„Wer ist Hamstead?" fragte Grude.
„Der bekannte irische Forscher. — Ich stellte mich dumm und verschüttete den Likör, den ich mir vom Mixer erbeten hatte. Hamstead riet mir, eine Flasche zu nehmen. Im selben Augenblick muß der.Moltke' gerammt worden sein, oder sonst etwas. Wir rannten sofort zu zweien nach Christas Kajüte. Hamstead nahm sie in die Arme und trug fie an Deck. Dort habe ich fie ihm abgenommen uni» einem anderen zugeworfen."
„Geworfen? ..." entsetzte sich der Geheimrat.
„Es ging nicht anders", saale Montrey erregt. „Es blieb keine Zeit mehr. Die Männer drängten schon in die Boote."
Ein Schutzmann trat herzu und dirigierte Grude nach feinem Wagen zurück. „Sie sperren den Verkehr."
Der Doktor öffnete den Schlag und ließ Wellenberg und Montrey in den Fond steigen, während er sich selbst wieder ans Steuer setzte. Er teilte fein Ohr zwischen den Hupentönen, die von allen Seiten kamen und den Worten, die der Freund mit dem Geheimrat sprach. Aber er vernahm von allem nur die Hälfte.
Man hatte ihn von Wellenbergs Fenster aus bereits kommen sehen und als sie nun zu dreien die Treppe hinaufstiegen, wurde die Flurtüre oben hastig geöffnet. Die Geheimrätin kam ihnen entgegen und streckte die Hände nach dem Gatten aus. „Nichts?" —
Er schüttelte den Kops und sah nach Montrey, der als Letzter die breiten Stufen nahm. Der Geheimrat schloß die Flurtüre wieder ab, während feine Gat- hn bereits das anstoßende Wohnzimmer geöffnet hatte.
Montrey faß in einem der Gobelinfessel, den ihm Grude zugeschoben hatte und erzählte noch einmal das Wenige, das zu erzählen war. Grude ließ keinen Blick von ihm und kauerte sich in die Ecke des großen Sofas. Seine Augen waren müde. Sich gegenüber sah er Madien, die Schwester seiner Braut. Sie war schlank wie ein Junge und trug das brünette Haar straff zurückgekämmt, was ihr ein knabenhaftes Aussehen gab.
Sie war kürzlich achtzehn gewesen. Aber jeder- mann schätzte fie für höchstens sechzehn ein. Lange fiel kein Wort von ihr. Dann brach sie verärgert das Schweigen, das Montreys Erzählung gefolgt war. „Wein doch nicht schon wieder, Mama. Das ist ja zum Aus-der-Hautfahren! Erst muß man doch Gewißheit darüber haben, ob jemand wirklich tot ist oder nicht."
„Es ist deine Schwester", verwies die Geheimrätin.
.Weiß ich! Ja!" kam es schnippisch, und trug ihr einen warnenden Blick des Vaters ein. „Wenn Dick lebt, warum soll gerade Christa tot sein."
Grude war ihr für dieses Wort über die Maßen dankbar. Seine Augen leuchteten auf. „Madien hat recht, Mama." Er strich dabei über die Hand der Schwiegermutter, die neben ihm auf dem Diwan Platz genommen hatte. „Man kann oft nicht sagen, wie lange ein Rettungsboot auf dem Wasser treibt und wo es an Land kommt. Und ob es Christa überhaupt möglich ist, Nachricht zu geben."
Madien ließ, während er sprach, keinen Blick von seinem Gesicht. Sie hatte ihn eigentlich nie so eingehend betrachtet. Seine Augen waren schön, — auch fein Mund, — sie schloß die Lider und run
dete die Lippen. Während sie den Kopf etwas gegea die Lehne drückte, liebkoste sie ihn in Gedanken.
Als sie wieder aufblitfte, sah sie sich von ihm beobachtet. Sie wurde ein Nein bißchen rot und lächelkch an ihm vorüber. Wenn Christa tot wäre? (Eine innerliche Scham ließ ihre Wangen noch dunNer auf- glühen. Ich neide ihr das Sein nicht! Nein! Neins —verteidigte sie sich vor sich selbst. — Dann kam es wieder. „Wenn Christa tot wäre? —"
„Hast du Fieber?" sorgte sich die Geheimrätin. Jetzt, wo sie solche Angst um ihre älteste Tochter trug, erwachte auch die Sorge um die Jüngere. -®d), Festliche, wenn du doch
Ohne weiteres streckte Madlen dem DoNor die Rechte hinüber. Er befühlte den Puls und trotzdem er sich in solch ungeheurer (Erregung befand, zählte er doch die Schläge richtig.
„Normal", sagte er und gab sie wieder frei „Wo glaubst du, Papa, daß man am ersten Nachricht herbekommen tonnte9 Sichere Nachricht meine ich."
„Nirgends", sagte Wellenberg und hielt das Ge- sicht tief auf die Brust gesenkt.
„Man kann also nichts tun, als warten", erregte sich die Geheimrätin.
„Nichts als warten, nein."
Sie sahen sich an und ließen die Blicke wieder voneinander abirren.
„Weiß Rolf schon?" fragte Grude, hob sich aus dem Sofa und strich der Schwiegermutter leicht über das gewellte Haar. Sie faßte nach feiner Hand und legte ihre Wange darüber, die von Tränen überriefelt war. „Du mußt dich fassen, Mama. Es sind erst zwei läge. Da braucht man noch nicht alle Hoffnung aufzugeben. Ich mochte jetzt mit Rolf sprechen. Kann ich anrufen, ob er zu Hause ist?"
„Gestern war er noch nicht da." Zu Madien gewandt, gebot er: „Frage einmal im Sanatorium an, ob Rolf schon von seinem Urlaub zurück ist."
Der Apparat stand im Nebenzimmer. Man konnte jedes Wort hören, welches das junge Mädchen sprach. „Also ja! — (Eben bei einer Operation, — Danke! Mein Bruder möchte anrufen, wenn er Zeit dazu findet!"
Aus den Mienen der anderen erkannte sie, daß man alles mit angehört hatte.
„Das Beste ist, ich fahre yleich selbst zu ihm" sprach Grude. „Kommst du mit. Dick?"
Montrey verneinte. Er wollte zuerst noch Auskunft bei einer Reederei holen. Vielleicht liege auch von Hamstead schon eine Nachricht vor.
„War Christa mit ihm in einem Boot?" frug Grude.
Montrey schüttelte erst den Kopf und dann hob er die Achseln. Er begriff den Freund nicht ganz. ,Zch weiß nicht, wie du dir das vorstellst!" sagte er. „9n , solchen- Fällen kommen natürlich erst die Frauen und die Kinder. Und dann zuletzt, wenn diese alle untergebracht sind, die männlichen Pasiagiere und die Besatzung/
(Fortsetzung folgt.)
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