Ausgabe 
30.6.1933 Frühausgabe
 
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Aus der Provinzialhauptstadt

fördert die deutsche Luftfahrt!

Oer neue Oherspielleiter des Hessischen Landestheaters.

WSR. Darmstadt, 29. Juni. Der bisher am Thalia-Theater Hamburg tätige Heinz Stieda wurdd als Oberspielleiter und Fred Schröer, Frankfurt a. M., als Spielleiter und für Chargen an das Hessische Landestheater in Darmstadt verpflichtet.

Schöffengericht Gießen.

Gießen, 28.Juni. Wegen Rückfallbetrugs in vier Fällen hatte sich der wegen Betrugs vielfach vorbe­strafte Händler Adolf Holler aus Friedberg zu verantworten. Er war aus der Strafanstalt Preun­gesheim, wo er zur Zeit Strafe verbüßt, hierher verbracht worden. Wie schon oft, hatte er sich durch falsche Vorspiegelungen, wie z. B. er brauche Geld, um eine Obstsendung einzulösen, Geld erschwindelt, und zwar Beträge von 3, 10, 20 und 22 Mark. Er war umfassend geständig, so daß Zeugenvernehmun­gen nicht nötig waren. Seine Behauptung, aus Rot gehandelt zu haben, wurde durch seine eignen An­gaben widerlegt. Rach dem gerichtsärztlichen Gut­achten ist er Alkoholiker, willensschwach und degene­riert, aber verantwortlich. Er erhielt eine Gefamt- iiefänanisstrafe von achl Monaten. Die übrigen an- tehenden Fälle waren schon vor Beginn der Ver- »andlung auf andere Tage verlegt worden.

** »Kampffront der Deutschen Volkswirt e." Der Landesverband Hessen und Hessen-Nassau im Akademischen Volkswirte- bund Reichsbund Deutscher Diplomvolks­wirte veranstaltete am Mittwoch, im Hen- ningerbräu, Frankfurt a. M., seine erste Sitzung nach der Eingliederung in die Deutsche Rechts­front. Der Beauftragte der Bundesführung für den Bezirk des Landesverbandes Hessen und Hessen-Nassau, Diplomvolkswirt Dr. Knopp, berichtete über den zentralen und bezirklichen Neuaufbau der allein anerkannten Stanoesorga- nisation der Bolkswirte, dem Reichsbund Deut­scher Diplomvolkswirte. Bemerkenswert ist der Ausbau des Bcrtrauensmännersystems durch Gründung von Ortsgruppen in den wichtigsten Städten des Bezirks, u. a. auch in Gießen.

O»e O.ensträume

des Reichsstatthalters in Hessen befinden sich nunmehr Darmstadt, Neckar- st r a ß c 7, Fernruf 5001, Nebenstelle 202. Für alle Zuschriften: Postschließfach 266. Es wird dringend ersucht, bei der genannten Anschrift nur Anliegen oorzubringen, die den Reichsstatthalter betreffen.

Die Anschrift der Gauleiters Sprenger ist nach wie vor Frankfurt a. M., E l b e st r a ß e Nr. 61.

Vaterstadt die Zeit seines Ruhestandes zu ver­bringen.

" Platzkonzert zur Luftfahrt- Werbewoche. Gestern abend fand auf dem Hindenburg.Wall ein Platzkonzert zur Lust- sayrt-Werbewoche statt, das einen großen Zu- horerkreis fand. Die Kapelle der hiesigen Reichs- wehr konzertierte unter der Leitung von Ober- musikmcister C. K r a u ß e und brachte ein ge­diegenes Programm au Gehör. Die Darbie­tungen fanden aufmerksame Zuhörer. Sebr starkes Interesse fanden auch die vier Segelflugzeuge der verschiedenen Typen, die von der Ortsgruppe Gießen des D2V., durch die Segelsliegergruppe des Bataillons und durch den SA.-Fliegersturm ausgestellt wurden. Die Flugzeuge, die mit sehr großer Sorgfalt gebaut sind, boten vor dem grünen Hintergrund einen prächtigen Anblick.

Werbemarsch für die Luftfahrt* Werbewoche. Am morgigen Samstag ver­anstaltet die Hitlerjugend und das Jungvolk einen Werbemarsch für die Luftfahrt-Werbewoche durch die Stadt nach dem Flughafen. Die Auf­stellung erfolgt auf dem Drandplah, der Zug marschiert von dort durch die Sonnenstraße, Seltersweg, Hindenburgwall, Gartenstrahe, Lud- wigsplatz, Kaiserallee nach dem Flughafen. Außer den Segelflugveranstaltungen finden für die Zuateilnehmer ein Ballonwettbewerb und ein Modellflugzeugwcttbewerb, zu dem die Mo­dellflugzeuge gestellt werden, statt.

Eine Ehrung des Ministerpräsidenten Or. Werner.

Der Vorstand der Hauptstelle der Technischen Not- Hilfe hat dem Ministerpräsidenten Professor Dr. Werner die goldene Nothelfebnadel mit Kranz mit folgender Urkunde überreicht:

Mit dankbarer Anerkennung gedenkt der Vor­stand der Verdienste, welche Sie durch Ihr tat­kräftiges Eintreten bei der Durchführung der Be­strebungen der technischen Nothilfe nicht nur um diese selbst, sondern auch unmittelbar um die All­gemeinheit erworben haben. Der Vorstand über­reicht Ihnen als äußeres Zeichen feiner Anerken- nung die goldene Nothelfernadel mit Kranz. Möge bei Ihnen die Erinnerung an die Gelegenheiten, bei denen Sie die gemeinnützige Tätigkeit der technkjchen Nothilfe wertvoll unterstützten, stets wachbleiben."

Provinzialausschuß-Sihung.

In der jüngsten öffentlichen Sitzung des Prooin- zlolausschusfes kamen folgende Gegenstände zur Be­ratung:

Die Klage des Bezirksfürsorgeoerbandes Karls­ruhe-Stadt, vertreten durch das städtische Fürsorge- amt A in Karlsruhe, gegen den Bezirksfürforgever- band des Kreises Friedberg wegen Anerkennung der Kostenerstattungspflicbt für Heinrich Engelhardt wurde als unbegründet kostenpflichtig zurückgewie­sen.

Einem Antrag der Gemeinde Groß-Karben auf teilweise Enteignung eines Grundstücks in der Ge­markung Groß-Karben für Straßenzwecke wurde entsprochen. Der Prooinzialausschuß setzte die Ent­schädigung für die in Frage kommenden Grundstücke entsprechend einem Gutachten der Lokalkommifsion auf 1,10 Mark für den Quadratmeter fest.

Die Klage des Kaisers Kaffeegeschäft GmbH., Vier- sen, gegen den Bescheid des Areisamts Gießen vom 12. April 1933 wegen Versagung der Erlaubnis zum Kleinhandel mit Spirituosen in der Verkaufsstelle Gießen, Mäusburg 5, wurde vom Provinzialaus- fchuß kostenpflichtig abgewiesen.

Daten für den 30. Juni.

1503: Kurfürst Johann Friedrich der Groß­mütige von Sachsen in Torgau geboren: 1522: Der Humanist Johannes Reuchlin in Bad Lie­benzell gestorben: 1789: Der französische Maler Horace Bernet in Paris geboren: 1807: Der Dichter Friedrich Theodor Bischer in Ludwigs- bürg geboren: 1853: Der Archäologe Adolf Furtwängler zu Freiburg i.Dr. geboren.

Bornotizen.

Tageskalender für Freitag. Ober- hessischer Kunstoerein, Turmhaus am Brandplatz: 15 bis 17 Uhr: AusstellungVorformen künstleri- fchen Schaffens". Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: SA.-Mann Brand". Hubertus: 17 bis 19 Uhr, Kugslschießen.

Gießener Künstler an das Hes­sische Landestheater verpflichtet. Neben Fräulein Beatrixe Döring, über deren Verpflichtung an das Hessische Landestheater in Darmstadt wir gestern berichten konnten, sind nunmehr auch Jochen Hauer als schwerer erster Held und das frühere Mitglied des Gießener Stadttheaters Ludwig Link mann als Cha- rakterkomiker sowie Ernst Heck für Chargen ver­pflichtet worden.

Nach Gießen zurückgekehrt. Amts­gerichtsdirektor Funk, zuletzt Vorstand des Amts- aerichts Worms und Vorsitzender der dortigen Kammer für Handelssachen, ist nach 45jähriger Dienstzeit nach Gießen zurückgekehrt, um in seiner

m

land.

Man wisse eben zu genau, daß der ernstliche Wehrwille eines Volkes zehnmal mehr fei, als eine schwerbewaffnete Negerlruppe.

Kundgebung der Gießener Studentenschaft gegen das Mai von Versailles.

nur die Möglichkeit, deutsches Recht nach außen zu verteidigen. Bevor ein 70-Millionen-Dolk gewaltsam zugrunde gerichtet werde, wolle man lieber die Heimat mit dem letzten Blutstropfen verteidigen. Deutschland sei heute von bis auf die Zähne be- waffneken Gegnern umgeben und habe nicht ein­mal die Möglichkeit, sich gegen böswillige Angriffe zu verteidigen. Wäre in Deutschland tatsächlich .m Geheimen ausgerüstet worden, so wäre es nie mög­lich gewesen, daß zwei fremde Flieger über Berlin die Hetzschriften auch nur eine Minute lang hätten abwerfen können. Da aber, wie es ja bei jedem ent­arteten Volke begreiflich ist, die Angst vor dem zwar wehrlosen aber gesunden und hochwertigen Volke immer ins Unendliche steige, zittere Frank­reich trotz Festungen, Kampfflieger, Tanks und schweren Geschützen vor dem fast wehrlosen Deutsch­

es zu dieser freiwilligen Erniedrigung nie gekom­men. Als Beispiel dafür führte der Redner die große französische Aktion gegen die Universität Halle im Jahre 1806 an. Als die Franzosen die Schließung der Universität anordneten, richteten viele Pro­fessoren ein unterwürfiges Bittgesuch an den Kaiser, das der Dekan der medizinischen Fakultät unterschreiben sollte. Dieses Gesuch konnte aber nie abgesandt werden, da dieser, der Unioersitätsprofessor Dr. Reil erklärte, er könne als deutscher Mann so etwas nie und nimmer unterfertigen. Wenn 1919 Männer an der Spitze gestanden hätten, wie jener im Falle Halle, so wäre es zu Versailles nie ge­kommen. Jetzt nütze aber kein Jammern und Kla­gen, sondern nur ein Arbeiten und Handeln. Wenn Deutschland außenpolitisch erstarken wolle, so müßte vorerst im Innern Ordnung geschaffen fein. Ein Volk, das im Inneren zerrissen, und in Klassen und Parteien gespalten ist, können außenpolitisch nie Forderungen stellen.

Man bettle nicht um ein Recht, sondern ein Recht müsse man sich erkämpfen.

Man wolle keineswegs einen Angriffskrieg, sondern

Am Mittwochabend fand in der Neuen Aula der Universität im Rahmen der politischen Schulungs­abende der Gießener Studentenschaft eine Kund­gebung gegen Versailles statt. Der Führer der Gießener Studentenschaft stuck, jur. H. I. Adam eröffnete den Dorttagsabend und hieß die Herren Dozenten, die in großer Anzahl erschienen waren uyd die gleichfalls zahlreich vertretenen Kommili­tonen herzlich willkommen.

Er gedachte in kurzen Worten des Diktates von Versailles, das die Studenten niemals anerkennen könnten. Mit besonderer Freude begrüßte er den Redner des Abends, Ingenieur W a 11 uj d) c f aus Salzburg, und erteilte ihm das Wort. Pg. Wal - tuschet wurde lebhaft begrüßt und begann seinen Dorttag:

Das Versailler Diktat und der Anschlußgedanke an Oesterreich".

Der Redner führte u. a. folgendes aus: Heute jähre sich wieder der Schandtag, an dem die verantwor­tungslosen pazifistischen Vertreter des einstigen Deutschlands den Vertrag von Versailles unter­zeichneten. Der langen Arbeit eines Erzbergers fei es gelungen, einen Abgeordneten nach dem ande­ren zur Unterschrift unter das Gewaltdiktat zu be- wegen. Wenn sich auch zuerst selbst die Sozialdemo, traten für die Unannehmbarkeit des Vertrages ausgesprochen hätten, und ein Scheidemann den bekannten Ausspruch von derverdorrten Hand" machte, so sei es doch bereits am 23. Juli gelungen, eine Mehrheit von 237 Stimmen (Zentrum, Sozial­demokraten, Demokraten und USPD.) zusammen- zubringen, von der Paris sofort verständigt wor­den sei. Am 28. Juni 1919 sei nun im Spiegelsaal von Versailles in dem am 18. Januar 1871 die feierliche Gründung des Deutschen Reiches erfolgte, der Vertrag von Versailles von den deutschen Ver­tretern unterzeichnet worden.

Man möge nur nicht behaupten wollen, so fuhr der Redner fort, daß die Unterzeichnung dieses Diktates eine unabwendbare Sache gewesen sei hätten eben damals an der Spitze des Staates nicht der Sozialdemokrat Müller und der Zenttumsmann Bell gestanden, sondern deutsche Manner, so wäre

Deutschland sei heute wieder einig und habe einen Führer, der ihm wieder zum Rechte verhelfen werde. Man wiße genau, daß es noch ein hartes Ringen sein werde, doch für die Heimat zu kämpfen sei und bleibe das Ziel jedes deutschen Mannes. Wenn man eine Verständigung und einen gesicherten Frieden anstrebe, so heiße dies aber noch lange nicht, daß sich das deutsche Volk entrechten lassen wolle. Zwei Millionen deutscher Manner seien für Deutschlands Freiheit und nicht für Deutschlands Sklaverei ge­fallen. Ein Langemarck wäre überflüssig und wert­los gewesen, wenn mir den Geist der Kriegsschuld­lüge nicht bis auf das Mester oekämpfen wurden. Deutschland fei weder schuld nock mitschuldig am Kriege. Heute zögen dieEnthüllungen" eines Kautzky und Eisner nicht mehr, denn heute wisse jedes Kind, daß Frankreichs systematische Bündnispolitik seit Beginn der französisch-russischen Beziehungen aus Rache hinziele. Wenn er, der Red­

ner, als deutscher Österreicher hier zu diesem An­laß spräche, dann solle dies zeigen, daß für das neue Deutschland die künstlichen Grenzen nicht aep ten könnten. Für deutsche Belange habe eben icocr deutsche Mann zu kämpfen. Die Haltung der heuti­gen österreichischen Regierung zeige nur zu genau, daß Frankreichs Einfluß das bestimmende Element fei, um unter allen Umständen das Erwachen auch in Oesterreich zu verhindern.

Der Deutsche Oesterreichs kämpfe heute genau fo schwer, wie jedes andere deutsche Grenzoolk um seine deutsche Kultur.

Die Rede wurde mit großem Beifall aurgenom­men. Der Führer der Studentenschaft dankte dem Redner für feine Ausführungen und verlas im An­schluß daran eine Protestkundgebung. Die Kund­gebung wurde mit dem Gesang des vierten Verses des Deutschlandliedes geschlosten.

Geschichten ans aller Welt.

(Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!)

Der Staat als Ehcvermittler.

, (ft.) Tokio.

Wohl überall in der Welt wird die Maßnahme der deutschen Reichsregierung, das Heiraten durch Gewährung von Darlehen zu erleichtern, Aufsehen erregt haben.Bon den Deutschen sollte unsere Re- aierung lernen!" so sagt jetzt mancher hierzulande. Immerhin verdient es gerade die japanische Regie- rung nicht, daß man ihr Interesselosigkeit gegen das Familienleben Nachsaat. Im Gegenteil sie ist ständig bemüht, die Zahl der Eheschließungen zu erhöhen, und da, wo es notwendig ist, wendet sie auch dazu ganz moderne Mittel an. Tokio beispiels­weise widmet sich dem Problem der Eheschließung auf recht sachliche Art. Der Magistrat der otabt unterhält neben vielen anderen Bureaus nach euro- päischem Muster auch eines, das nur dazu bestimmt ist, Ehen zu stiften. Dort geht der japanische Jung­geselle, der des Alleinseins müde ist, zur (Eintra­gung in das Register der Eheanwärter hin. Das japanische junge Mädchenvon heute" tut des- gleichen. Es ist nun einmal Eigenschaft aller Be­hörden, daß sie neugierig sind, und daher fragt auch diese städtische Stelle aus den Bewerbern alles Mögliche und Unmögliche heraus. Darüber hinaus läßt es die Anwärter auf einen glücklichen Ehestand ärztlich untersuchen, im Bedarfsfälle auch photogra­phieren, und nun erst beginnt die Vermittlungs­tätigkeit. Auf Grund besonderer ärztlicher Gut­achten werden die Bewerber und Bewerberinnen durch das Ehevermittlungsamt einander oorge- schlagen. Nach amtlichem Ermessen paßt eben jener Jüngling zu dieser Jungfrau, und nach diesem Prin­zip werden die Bewerber miteinander bekanntge­macht. Nachdem unter amtlicher Nachhilfe auch die wirtschaftlichen Fragen besprochen und geregelt sind, gelingt es wie der Bericht des Magistrats von Tokio besagt in den meisten Fällen, schon beim ersten Zusammentreffen eine festere Verbindung zu treffen, die fast immer zur Ehe führt. Bei den wäh­lerischen Bewerbern sind oft drei und noch mehr neue Zusammenstellungen notwendig. Alles das wird gern und kostenfrei vom Magistrat unternom­men; nur eine Garantie für Eheglück wird nicht gegeben. Soweit vorgeschritten ist man nicht ein­mal im sonst so modernen Japan.

Das Gewissen.

(w.) N e u y o r k.

In einer Neuyorker Schule hat sich kürzlich fol­gendes ereignet: Der Lehrer Alfred Milton war dafür bekannt, daß er gerade die Jungens zwischen neun und zwölf Jahren, jene oft so schwer zu be­handelnden Kinder, ausgezeichnet anzupacken ver­stand. Mit Beispielen aus dem täglichen Leben regte er ihr Interesse an und sand dann immer den ge­eigneten Uebergang zu jenem Gebiet, über das er mit den Kindern sprechen wollte. Um dieser seiner vorzüglichen Eigenschaft willen nahm er im Kolle­gium eine^beoorjugte Stellung ein. Manchmal frei­lich reagierten die Kinder anders, als er beabsich­tigte. Und er war großzügig genug, diese kleinen Unterbrechungen als heitere Episoden selbst weiter zu erzählen. Neulich gab er diese zum besten.

Ich wollte den Kindern die Begriffe von Recht­schaffenheit und Ehrlichkeit an einem Beispiel de­monstrieren. Unter allgemeiner Aufmerksamkeit der Klasse erzählte ich folaendes Beispiel: ,Als ich vor vielen Jahren genau so ein kleiner Junge gewesen war wie ihr, tarn ich einmal an einem Obststand vorbei, dessen Besitzer wahrscheinlich gerade eine kurze Besorgung machte. Die Straße war vollkom­men leer, niemand war zu sehen, und die schönen Birnen »achten mich verlockend an. Ehe ich es recht wußte, odtte ich eine von diesen Birnen, die mir doch nicht gehörten, in der Hand. Wie ein Verbre­cher lief ich mit dieser Birne in der Hand um die nächste Straßenecke und atmete erst auf, als ich drei bis vier Querstraßen hinter mir hatte. Dann sah ich mir mit gemischten Gefühlen die gestohlene Birne an. Sie brannte geradezu in meinen Händen. Ich wollte sie verzehren. Doch kaum hatte ich sie mit meinem Mund in Berührung gebracht, als mich ein -seltsames Gefühl befiel. Ich konnte nicht anders, ich lief zu dem Obststand zurück, umkreiste ihn und legte in einem unbeobachteten Augenblick die ge­stohlene Birne wieder in ihren Korb zurück. Dann atmete ich wie erlöst auf. Wer von euch kann mir nun sagen, was mich gezwungen hatte, diese ge­stohlene Birne wieder an ihren Platz zurückzutra- gen na, was meinst du, Tom?'

Tom schrie über die ganze Klasse hin:

Sie hatten eine faule erwischt, Herr Lehrer!"

Sensationeller Borkampf.

w. New-Jersey.

Wunderlich ist nicht etwa die Geschichte vom Boxer Tom Rizzi, die in ähnlicher Art schon zu verschiedenen Malen dagewesen ist wunder­lich ist vielmehr die des Impresario Corrh, die Amerika einigermaßen in Staunen versetzt hat. Der amerikanisch-italienische Borer Tom Rizzi hatte angekündigt, daß er gesonnen sei, zwei beliebige Gegner seiner Boxerklasse hinterein­ander nicht nur zu bekämpfen, sondern auch zu schlagen, und das hatte nicht nur in New-Jersey, sondern in allen Staaten die richtige Wirkung gehabt. Der Impresario Corrh verfehlte nicht, die große Reklametrommel zu schlagen, und so war denn der Tag des Kampfes in den Sport­kalendern rot angestrichen. Man schloß die irr­sinnigsten Wetten ab und tobte viele Minuten lang, als Rizzi seinen ersten Gegner in sieben harten Runden einwandfrei L o. schlug. Rach einer Viertelstunde Erholungspause ttat Rizzi gegen den zweiten Gegner an, frisch und elastisch, als ob er eben aus dem Bade käme. Der Kampf war schwer. Aber ein ungeheurer Hieb streckte den Partner in der sechsten Runde zu Boden.

Das Publikum war außer Rand und Band. Die Begeisterung überstieg alle Grenzen. Da hatte der Impresario Corrh einen unglücklichen Ge­danken: er wollte dem Sieger in seinem Um* kleideraum gratulieren. Aber wer beschreibt sein Erstaunen, als er einem verdoppelten Rizzi ac- genüberstand: er fand zwei Zwillingsbrüder, die sich aufs Haar glichen... Und nun beging Corrh die größte Dummheit seines Lebens. Er schimpfte und forderte seine 10 000 Dollars Vorschuß zu­rück. Aber die halten die Brüder schon aus- gegeben. Und nun hob in der engen Kabine ein Kampf an, der sich so ungleich gestaltete, daß sogar das Publikum die Schreie des Im­presarios hörte. Das Rätsel des Erfolges wurde offenbar. Corrh mußte sich aufs Podium be­geben und die Tatsache verkünden. Was machte das Publikum? Cs lachte es lachte so, wie es noch bei keinem Chaplin-Film gelacht hatte. Und nach diesem Amüsement bedachte es, daß es ein amerikanisches Publikum sei, dem Zeit Geld ist und forderte die Eintrittspreise zu­rück.

So kam der ungeschickte Impresario um sein Geld. Gewinner waren das Publikum, daS sich gratis halbtot gelacht hatte, -und die italienischen Zwillinge, denen die Engagementsanträge von diesem Kampfe an für eine gute Weile nur so zuflogen.

Die Sache mit dem Zolltarif

(es.) Stockholm.

Mit vielem Fleiß und mit einem umfangreichen Wissen von den Bedürfnissen der Menschheit sind die Zolltarife ersonnen worden, die gedruckt und zu einem netten Bande vereinigt <edem königlich schwe­dischen Zollbeamten in die Hand gegeben werden. Danach soll er feftfteUen, ob die Einfuhrgüter über­haupt zollpflichtig sind, und wenn, wieviel gute schwedische Kronen für die Einfuhr zu entrichten sind. Recht übersichtlich sind diese Zolltarife ange­legt, in Tabellensorm; nach bestimmten Eachgebie- ten sind die einzelnen Zollpositionen aufgeteilt, und meist bedarf es wahrhaftig nur eines einzigen Gris- fes in die Seiten, eines Blickes auf die betreffenden Positionen, und schon steht cinwandsrei fest, wel­chen Obolus Vater Staat für sich zu beanspruchen hat. Wenn nur nicht die verflixten Zweifelsfälle wären, für deren Behandlung nur eine einzige Dor- schrift besteht, nämlich, daß bei derartigen Fragen großzügig zu verfahren sei. Soviel Verantwortungs­gefühl hat aber nun jeder Zollbeamte in den Kno- chcn, daß er die anbefohlene Großzügigkeit nicht in verschwenderischen Leichtsinn ausarten läßt, der als zollfrei deklariert, was vielleicht doch in irgend eine Rubrik hineinpaßt. Was aber ist im folgenden Falle zu unternehmen? Da läuft ein Dampfer aus Arne- rika ein, der für eine schwedische Universität ober vielmehr für die Studentenoereinigung einer Uni­versität allerlei Präparate vom menschlichen Körper fein säuberlich in Spiritus aufbewahrt mit sich führt. Die englische Zollerklärung lautete:Leichenteile", und sie erklärt von vornherein die seltsame Fracht als zollfrei, weil sie zu Lehrzwecken bestimmt fei. Die Zöllner hätten sich dieser Ansicht anschließen können, wenn die Sendung unmittelbar an die Uni­versität gerichtet wäre. Aber an eine studentische Vereinigung? Das ist genau zu überlegen. Und wenn die Fracht unter diesen Umständen zu ver- zollen wäre, welcher Zoll ruht dann aufLeichen- teilen"? Eine derartige Position gibt es im schwe­dischen Zolltarif nicht, wenigstens nicht in dieser ein- dcutig-grausamen Fassung. Daher hat es geraume Zeit gedauert, ehe die Fracht von Bord gekommen ist; die Zöllner haben an das Ministerium berichtet, das hat bei der Universität angefragt, der Kapitän hat inzwischen fürchterlich geflucht, weil er nicht weiterkam, und die Zöllner wurden grob, weil man ihnen nachsagte, sie beherrschten ihre Vorschriften nicht. Erfreulicherweise hat das Ministerium den rechten Ausweg gefunden: Leichenteile in Spiritus sind ganz einfach: anatomische Präparate!

Wcr hat die größte Uhr?

(Hk.) Messina.

Es ist erst wenige Tage her, da beanspruchten die Bürger von Paris für sich den Ruhm, die größte Uhr der Welt zu besitzen, in Gestalt jenes Lichter­werkes am Eiffelturm, das über die ganze Stadt hinweg zu sehen ist, wenn der Abend hereingebro­chen ist und keinerlei Nebel über der Stabt liegen. Sagen wir also: Paris hat die größte Nachtuhr, aus der verschiedenfarbige Lichter die Stunden und Minuten angeben, die dem Einwohner von Paris soeben, wenn auch nicht schlagen, so doch leuchten...

Den absoluten Ruhm macht aber jetzt die Stadt Messina der Stadt Paris streitig. Man arbeitet so­eben an der Vollendung eines ungeheuren Uhrwer- fes, dessen Gang zum ersten Mal am Tage von Mariä Himmelfahrt angeworfen werden soll.

Und wer es nicht glaubt, daß hier die größte Uhr sei, der höre und staune: entsprechend jener alten Sitte, die Stunden durch den Aufmarsch von allerlei Figuren zu bekunden, hat man einen Auto­maten eingebaut, der unheimlich große Gestalten bewegt und die Glockenzeichen geben läßt. Mittags brüllt ein mächtiger, überlebensgroßer Löwe, mor­gens kräht ein ungeahnt großer Hahn. Kinder mar­schieren auf und Heldengestalten, biblische Grup­pen und symbolische Darstellungen aller Art. Zu den verschiedenen Zeiten des Kirchenjahres sind die Vorgänge, die den Perioden zugrunde liegen, eben­falls in mächtigen Gestalten wiedergegeben.

Und doch sind dies alles nur die figürlichen Dar­stellungen im Rahmen eines unheimlichen Zeiger­und Ziffernwerkes. Die Proportionen kann man sich ungefähr ausrechnen, wenn man hört, daß eine Heldengestalt in dieser Uhr gut 2,25 Meter hoch tfi und der Löwe fast zwei Meter erreicht...

Es wird schwer fallen, den Messianern diesen Ruhm der größten Uhr streitig zu machen...