Ausgabe 
30.6.1933 Erstes Blatt
 
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Nr. 150 Erstes Blatt

183. Jahrgang

5reitag, 30. Juni 1933

Gießener Anzeiger

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MM General-Anzeiger für Oberhessen

Polftherffonto: 1II

Stcniinn om mein 11686. Vrvik »n» Verlag: vrül)l'!ch« Univerftlälr-Vuch- und St<in6rnderei R. ränge in Sietzen. Schristleitung und S-ichästrtzelle: Schnlitratze 7.

Straßen sind die ersten Verbindungswege zwischen den Völkern. So reicht die Geschichte ihrer Entstehung und Entwicklung bis in die ersten Zeiten der Völkergeschichte. Sie sind, weil sie den naturgegebenen Möglichkeiten gezwungenermaßen folgen, neben den Wasserstraßen die natürlichsten Verbindungen, die für die kulturelle, die wirt­schaftliche und nicht zuletzt die politische Entwick­lung der Völker gleicherweise bedeutungsvoll ge­wesen sind, soweit sie den wechselvollen Bezie­hungen der einzelnen Völker gedient haben. Denn sie sind strategisch wichtig in Krieg und Frieden, ja, man könnte fast sagen, daß sie jederzeit eine Funktion in wirtschaftlicher, kultureller und po­litischer Hinsicht und zwar nach der positiven wie nach der negativen Seite hin gehabt haben. Sie sind also Ursache und Folge der Wechselbeziehun­gen der Erdenvölker zugleich.

Wenn nun der Reichskanzler als Ergänzung der Schienenwege den Ausbau eines großen Fernstrahennehes im Rahmen des Qlr- beitsbcschafsungsprogramms plant, wobei die Straßen nach dem Stand des heutigen landgebun- denen Fernverkehrswesens in erster Linie und zum Teil sogar nur Autofernstraßen sein wer­den, so reicht die Bedeutung einer Verwirklichung dieses großzügigen Projektes über die arbeitswirt­schaftlich-praktische Seite zweifellos weitgehend hinaus. Die Anlage des Fernstcaßennehes, so wie sie heute rein kartenmähig der breiteren Oeffent- lichkeit bekannt ist, folgt bei aller Beachtung rein verkehrspolitischer Gesichtspunkte in wesentlichen Teilen auch kulturhi st arischen Gegebenheiten. 2n allererster Linie wird der Aus­bau des geplanten Autofernstraßennetzes ja neben der Beschaffung von produktiver Arbeit für viele 1

Randnoten.

Die einstweilen noch unbekannten Flieger, die am 23. 3uni über der Reichshaupt- stadt marxistische Flugblätter abwar- sen, haben sich vorher wohl nicht überlegt, daß diese Leistung ein wirksames Mittel für die deut­sche Luftschutzwerbung sein würde. Daß Flieger im marxistischen Auftrag mit der Flugwaffe ar­beiten, hat sich in Italien wiederholt ereig­net. Jedesmal war es die sozialdemokratische Presse, die diese Flugangriffe auf Mailand oder Rom jubelnd begrüßte, was so weit ging, daß bei einer sozialdemokratischen Veranstaltung in Berlin einmal die Flieger auf treten sollten, die durch einen Flug über Mailand bekannt gewor- den waren. Der Verdacht liegt nur allzu nahe, daß die ausländische Riederlassung der Sozial­demokratie bei dem Luftangriff auf die Reichs- Hauptstadt die Hand im Spiele hatte. Das Reichs­banner hotte ja schon eine eigene Fliegerabtei­lung ausgezogen, den Sturmvogel, so daß auch in dieser Hinsicht geeigneteKräfte" für den Luft­angriff aus die Reichshauptstadt vorhanden gewe­sen sein mögen. Daß es zunächst nur Flugblätter mit lächerlichem Inhalt waren, die abgeworfen worden sind, macht die Sache nicht besser, son­dern schlimmer.

Cs ist für Deutschland unerträglich, daß seine Deichshauptstadt oder eine andere große Stadt von unbekannten Fliegern heim­gesucht werden kann. Möglich wird dos nur dadurch, daß diese feindlichen Flieger ganz ge­nau wissen, daß Deutschland zur Zeit nicht über wirksame Abwehrmittel ge­gen Luftangriffe verfügt. Der Versailler Vertrag verbietet Deutschland die Luftwaffe, was Deutschland bei der Entwicklung dieser Waffe völ­lig wehrlos macht. Die Technik des Luftangriffs ist soweit vorgeschritten, daß einige Flugzeuge ausreichen, um große Teile der Reichshauptstadt oder um ganze Städte vom Erdboden wegzurasic- ren. Die aufgerüsteten Länder rings um Deutsch­land verfügen insgesamt über mehr als 1 2 0 0 0 militärische Flugzeuge, dar­unter Bombenflugzeuge für allergrößtes Kaliber. Deutschland hat dem nichts entgegenzustellen, denn die Flugzeuge, die es besitzt, die dabei un­ter offener und geheimer Aufsicht stehen, dienen nur dem friedlichen Verkehr.

Deutschland ist einverstanden, auf die Luft­waffe zu verzichten, wenn alle anderen Länder ebenfalls die Luftwaffe abschaffen. Alle Versuche auf der Abrüstungstagung, die Luftwaffe zu verbieten, sind bisher gescheitert. Das ist nicht die Schuld Deutschlands, das aber gerade des­halb nicht gewillt ist, auf jeden wirksamen Luft­schutz zu verzichten. Kein Land wird es sich ge­fallen lassen, daß unbekannte feindliche Flieger fein Hoheitsgebiet aufsuchen, um Flugblätter, ein andermal vielleicht gefährlichere Dinge abzuwer- sen. Wenn Deutschland über eine militärisch ein­gerichtete Luftwaffe oder über eine regelrechte Luftpolizei verfügte, so wären solche An­griffe nicht möglich, weil die Luftpolizei schon da­für sorgen würde, daß unbekannte Flieger nicht über die Grenzen hereinkommen. Deutschlands Grenzen sind nachallenSeitenoffen, denn auch die österreichische und Schweizer Alpenkette bieten keinen Schutz, sind vielmehr geeignet, mög­liche Fliegerangriffe auf Deutschland zu ver­schleiern. Das deutsche Volk muß von der Reichs- regierung fordern, daß sie mit rücksichtsloser Ener­gie sich für einen ausgiebigen Luftschutz einseht. Auf diesen Luftschutz kann das deutsche Volk nicht verzichten, zumal auch der Versailler Vertrag mehrfach davon spricht, daß der Grad der militärischen Rüstung durch die nationale Sicherheit bestimmt wird. Zu dieser natio­nalen Sicherheit gehört auch, daß Deutschland nicht aus der Luft angegriffen werden kann, denn Angriffe dieser Art sind in ihren Wirkungen von grauenhaften Folgen.

Kultusminister Rust zur Aeuordnung der Evangelischen Kirche.

Berlin, 29. Juni. (TU.) Auf einer Massen» Versammlung der Deutschen Christen machte am Donnerstagabend der preußische Kultusminister R u st zu dem ThemaGott und Volk Kirche und Staat" bedeutsame Ausführun­gen über die kirchenpolitischen Ereignisse der letzten Zeit. Der Minister betonte, es werde sich zwar niemand an einen Glaubenssatz der Kirche heranwagen, aber die leitenden Persönlich­keiten der Kirche müßten immerhin so ausgewählt sein, daß der Staat eine Störung seiner Auf­gaben von ihnen nicht vorauszusetzen brauche.

Aus diesem Grunde habe sich die Kirche mit dem Staat dahin geeinigt, daß bei der (Ernen­nung führender kirchlicher Persön­lichkeiten der katholischen wie der evange­lischen Kirche der Staat ; u befragen ist. ob er staalspolitische Bedenken zu äußern hat. (Es habe noch feineDeranlaf- f u n g bestanden, in solchen Fällen gegen die Vorschläge der katholischen Kirche etwas einzuwenden. Wohl aber hälfen die Herren der evangelischen Kirche in vieler Hinsicht ihre Pflicht nicht erfüllt. Die verant­wortliche Ceilung der All-Preußischen Union habe dieses Konkordat gebrochen.

Wenn die Oeffentlichkeit anders unterrichtet werde, so liege darin eine Täuschung, die nicht mit den frommen Worten jener Männer in Einklang stehe. Die Männer, die heute mit der Gebärde des Märtyrers vor das Volk hin- träten hätten Gelegenheit genug gehabt, Mär­tyrer zu sein, als die Gottlosenbewe­gung frech über die Straßen marschiert sei. Sie hätten den Staat dann st eilen sollen, als er Hehler dieser Gottlosenbewe­gung gewesen sei. Da seien sie nicht zur Stelle gewesen.

Es sei bei der Domhaftmachung eines Reichs­bischofs das Prinzip gebrochen worden, wenig­stens in der Personenfcage eine vorherige üebereinftimmung zwischen Staat und Kirchenleitung zu erzielen. Cs sei unmöglich ge­wesen, dein vor oller Oeffentlichkeit mit Er­klärungen hin und her ausgetragenen kirchlichen Streit noch länger zuzusehen und zu dulden, daß sich hier eine erste Zentrale des Wider st andes auf dem Wege zur Einheit des Volkes bildete. Es sei Pflicht gewesen, in diesen unfruchtbaren Kampf e i n z u - greifen. Mit einer Einmischung in die kirch­lichen Angelegenheiten habe dieses Vorgehen aber nichts zu tun. Das Kirchenvolk habe etwas anderes verlangt, alsVerwaltungsreform: Deues, lebendiges Leben in der Kirche, eine Auferstehung der Reformation.

Der eingesehle Kommissar habe die Aufgabe, unter Berückfichligung des Anwachsens der Deutschen Christen in den nächsten zwei oder drei Wochen die Zusammensetzung der ikirchenvertretungen neuzuregeln, so daß der evangelischen Christenheit ein Wahl­kampf nicht zugemutet werde. (Es werde dabei jene Verbindung zwischen Volk und Kirche ge­schossen werden, die herzustellen Pflicht ihrer verantwortlichen Männer gewesen wäre, weiter

werde unter dem Vorsitz des wehrkreispsarrers Müller ein Ausschuß gebildet werden, der sich aus allen ernsthaften Strömungen innerhalb der evangelischen Kirche zusammensehen werde. Dieser Ausschuß werde die Arbeiten der neuen Verfassung durchzusühren haben. Die direkt und indirekt eingesetzten Kommissare würden nach Erledigung ihrer einfachsten Auf­gaben unverzüglich zurückgezogen werden.

Die Sorge um die Kirche sei also unnötig. Im übrigen sei darauf hingewiesen, daß die Kirche Luthers nicht aus Generalsuperinlendenlen be­stehe, die den Anschluß an die Zeit nicht zu lin­den vermöchten, sondern aus den Millionen Gott-

sehnsüchtiger Männer und Frauen. Es komme daraus an, wer vor der Geschichte recht behalte und nicht vor einem Staatsgerichtshof, den die Herren nach dem Muster der SeveringS ange­rufen hätten. Das evangelische Kirchenvolk sei ergriffen von der Sehnsucht nach Einigkeit. Wenn einer das Recht habe, sich auf Gott zu berufen und an ihn zu glauben, so sei es der Mann, dec mit sieben Arbeitern angefangen habe, ein Volk aufzubauen und dessen Staat heute nicht bestünde ohne Gottes gütige Vaterhand, ohne Gottes Se­gen. Der Minister schloß mit dem Bekenntnis: Wir wollen ein einiges und frommes Volk der Kämpfer sein." Die Versammlung stimmte darauf spontan das Lutherlied an.

Wehrkreispfarrer Müller übernimmt die Leitung des Evangelischen Kirchenbundes.

Berlin, 29. Iuni. (WTB.) Der Bevollmächligle des Reichskanzlers für die Angelegenheiten der evon- gelifchen Kirche, wehrkreispfarrer Müller, gibt folgendeVerfügung zur Behebung der Notstände in Kirche und Volk" bekannt:

1- Die deutschen evangelischen Kirchen sind in einen Notstand geraten. Die unbedingt notwendige Lin- heit von Volk und Kirche ist in Gefahr.

2. Dieser Notstand erfordertaußerordent­liche Maßnahmen. 3m Einvernehmen mit dem Herrn Staatskommissar für die evangelischen Lan­deskirchen Preußens übernehme ich daher um der Kirche und des Evangeliums willen als Be­vollmächtigter des Herrn Reichskanz­lers die Leitung des Evangelischen Kirchenbundes.

3. Ich übernehme insbesondere den Vorsitz im Kirchenbundesrat, die Befugnisse des Kirchentages, des Kirchenausschusses und seiner Unterausschüsse.

Mit Gotlvertrauen und dem Bewußtsein meiner Verantwortung vor Golt und unserem Volke gehe ich ans Werk, gehorsam der Wahrheit des reinen und lauteren Evangelium Iesu Christi.

In Verfolg der bevorstehenden Verfügung b e - urlaube i ch mit sofortiger Wirkung den Bundes- direkfor des Kirchenbundesamtes Dr. h o s e m a n n. Mit der weiteren Durchführung der Verfügung zur Uebernahme der Geschäfte des Kirchenbundesamtes beauftrage ich Herrn Admiral Meusel.

Der Kirchenbevollmächtigte für die Provinz O st Preußen hat mit sofortiger Wirkung den Gene- ralsuperintenden D. Gennrich seines Amtes enthoben.

Veränderungen im preußischen Kultusministerium.

Berlin, 29. Juni. (WTB.) Wie der amt­liche preußische Pressedienst mitteilt, hat der preußische Ministerpräsident Göring folgende Personalveränderungen vorgenommen: Der Mini­

sterialdirektor Dr. Trendelenburg wird so­fort einstweilen in denRuhestand versetzt, der Ministerialdirektor Dr. S t >' ck a r d t wird zum Staatssekretär ernannt, Landgerichtä- rat Jäger wird zum Ministerialdirek- t o r ernannt.

Oie Eingliederung der evangelischen Kirche.

Berlin, 29. Juni. (WTB.) Amtlich. Um dem einmütigen Wunsche des ^evangelischen Kirchen­volkes und der Kirchenregierungen nach baldiger Schaffung der einigen Deutschen Evangelischen Kirche so schnell wie möglich zur Erfüllung zu verhelfen, hat der Reichs Minister des Innern nunmehr die beschleunigte Prü­fung alter Fragen angeordnet, die die Eingliederung der neu z u gestal­tenden evangelischen Kirche in das öffentliche Recht des Reiches zum Ge- ?enstande haben. Er hat zu diesem Zweck den irchenpolitischen Referenten des Deichsmini- steriums des Innern OberregierungÄrat Dr. Eonrad beauftragt, unverzüglich die Ver­bindung mit dem Deutschen Evan­gelischen Kirchenbund und dem Bevoll­mächtigten des Reichskanzlers Wehrkreispfarrer Müller aufzunehmen.

Verbot

der Internationalen Bibelforscher.

Berlin, 29. Juni. (WTB.) Der preußische Minister des Inneren hat die Internatio­nale B i b e l f o r s ch e r-V e r e i n i g u n g ein­schließlich ihrer sämtlichen Organisationen im Gebiete des Freistaates Preußen aufgelöst und verboten, weil die genannten Organi­sationen unter dem Deckmantel angeblicher wis­senschaftlicher Bibelforschung eine unverkenn- bareHetze gegen d i e christliche Kirche und den Staat betrieben haben. In ihrer maßlosen Agitation leistete die Internationale Bibelforscher-Vereinigung in hohem und gefähr­lichem Maße kulturbolschewistische Zer­setzungsarbeit. Der Kampf der verbotenen

zehntausend schaffende Hände der Förderung und Psege des innerdeutschen Fernverkehrs zu dienen haben.

Aber sieht man einmal auf die Ausgangs- und Endpunkte der einzelnen Durchgangsstrahen, so beweist ein Blick auf die historische Landkarte, daß es auch heute wieder die uralten Bahnen sind, die in einer Zeit von anderthalb Jahrtausenden sich herausgebildet und erhalten haben. Die äl­testen Straßenverbindungen in Deutschland ver­liefen in den beiden Hauptdiagonalen Rord-Süd und Ost-West. Das moderne Projekt sieht auch wieder diese zwei Hauptverbindungswege vor und folgt in großen Teilen denaltenHeer-und Handelsstraßen des frühesten und späteren Mittelalters. So berührt die Fernstraße von Hamburg nachDasel auf ihrem Weg durch das Hannoversche und Hessische und weiter im Süden bei uns im Oberhessischen und Badischen eine der ältesten mittelalterlichen Straßen, deren einzelne Teile sogar auf die Strahenanlagen aus der Zeit der Römer zurückgehen. Die geplanten st en st raßen von Tilsit nach Dan- z i g und von Hamburg nach Hannover weisen auf die Zeit der Hanse hin, und die drei Ost-Westrerbindungen mit ihren Abweichungen in der halben Diagonale der Himmelsrose folgen den zroßen Handelsstraßen des mittelalterlichen Han- >elsverkehrs, so auf der Strecke von Frank- urt-M. überHanau, Fulda.Weißen- els und Leipzig bis weiter nach Bres- l a u dem bekannten Königsweg, auf dem die schweren Lastzüge der Fugger von Leipzig nach Frankfurt rollten; zweifellos könnten bei nähe­rem Studium auf fast allen der geplanten Fern- traßen die Beziehungen bis in die ältesten Zeiten der Geschichte hinein festgestellt werden. Richt zu­letzt werden so auch heute wie damals diese gro­ßen Verbindungswege für den friedlichen toirt- chaftlichen und kulturellen Güteraustausch zwi- chen Deutschland und seinen Rachborvölkern und ve'.ter als Durchgangsstrahen für die europäi- chen Staaten ihre große und wertschaffende Be­deutung behalten. -pf.

Durch das Gesetz über die Wiederherstellung des Berufsbeamtentums und auch durch den Arierparagraphen, sehen sich Hunderttausende plötzlich in der Lage, Rachweise für ihren Militärdienst während des Welt­krieges beschaffen zu müssen. Sind die Mili­tärpapiere, und das ist überwiegend der Fall, im Laufe der Rachkriegsjahre vernichtet worden oder verloren gegangen, dann muß versucht wer­den, eine amtliche Bestätigung des Frvnterleb- nisses zu bekommen. Diese kann für die preu­ßischen und hessischen Truppenteile nur vom Zentralnachweiseamt für Kriegerver­luste und Kriegergräber in Spandau, einer Zweigstelle des Reichsarchivs, erlangt werden, während weiter Rachweiseämter für die bayerischen Truppen in München, für die säch­sischen in Dresden und für die württembergischen in Stuttgart bestehen. Seit Wochen wird hier eine gewaltige Arbeit geleistet. Beim Zentral- nachweiseamt in Spandau laufen täglich 2500 bis 3000 Anträge ehemaliger Kriegsteilnehmer aus allen Teilen des Reiches ein, die durchweg dieselbe Bitte enthalten: Zusendung einer Kriegs­dienstbescheinigung oder eine Bestätigung, daß der Absender an der Front war und an diesem oder jenem Gefecht teilgenommen hat. 51nt> be­stimmt wird sein Rame in einer der 135 000 Kriegsstammrollen zu finden sein, die in den nach tausenden zählenden Regalen untergebracht sind. Aber das Suchen in diesen Stammrollen, die die Weltkriegshistorie der preußischen Armee darstellen, ist schwierig und so müssen 125 Be­amte und Hilfskräfte seit Wochen imSach­gebiet Stammrolle" angestrengt arbeiten, wäh­rend früher hier nur 50 Menschen tätig waren.

Denn es sind nicht nur die schriftlichen An­träge. Täglich kommen noch zwischen 100 und 200 Personen um ihre Anträge persönlich ab- zugeb-n. Diese müssen auf den Antragszetteln die für die Suche notwendigen Fragen beantworten als da sind: die für den Truppenteil und bis zur kleinsten Einheit, der letzte militärische Dienst­grad, der letzte Truppenteil und die wann erfolgte Entlassung. Alle noch im Besitz des Antrag­

stellers vorhandenen Militärpapiere, der Ent­lassungsschein etwa oder auch Feldpostkarten er­leichtern die Arbeit des Beamten außerordent­lich.

Die Antwort auf einen Antrag kann durch­schnittlich erst in vier Wochen gegeben werden. Während dieser Zeit suchen die Beamten und ihre Hilfskräfte tagtäglich in den unzähligen Re­galen und vor ihnen baut sich Tag für Tag das ganze furchtbare Geschehen der vier Jahre von neuem auf. Fronten, Schlachtfelder nehmen in den Dokumenten greifbare Formen an. Die Suche beginnt gewöhnlich bei der letzten For­mation, der der Antragsteller angehörte, aber mitunter, wenn z. B. der Entlassungsschein fehlt, wird sein Rame nicht gefunden, und als letzter Ausweg bleiben dann Die Kriegstagebücher der Formationen, die im Reichsarchiv in Potsdam aufbewahrt werden.

Die Antragsteller sind in der Hauptsache Be­amte, Juristen und Aer^te. Fast nie ist es leicht, ihre Wünsche zu erfüllen. Oft findet sich erst nach wochenlangem Suchen ein Anhaltspunkt, der weitere positive Rachforschungen ermöglicht, viele sind nicht ordnungsgemäß entlassen worden, andere haben bei kleinen Einheiten, wie Abhör- ftationen und Mehtruppen Dienst geleistet und deren Rümmer lange vergessen. Auch bei Aerzten erwachsen große Schwierigkeiten. In den La­zaretten wurden die Eintragungen in die Stamm­rolle nicht immer genau Dorgenommen, oft wur­den Aerzte abberufen, in ein Heimatlazarett und dann in ein anderes Frontlazarett. Don Bedeutung ist hierbei der Rachweis, ob der Arzt in einem Seuchenlazarett Dienst getan hat, da dieser dem Frontkämpfer gleichgestellt wird. Einen bitteren Rachgeschmack hat es, wenn man erfährt, daß es zahlreiche Leute gibt, die jetzt nachträg­lich um die Verleihung eines Kriegs­dienstordens bitten. Diele für sich spre­chenden Anträge werden grundsätzlich abschlä - g i g beschieden und nur Anträge auf Erneuerung von Ordensbesihzeugnissen werden den zustän­digen Stellen weitergeleitet.