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30/05/1933 Erstes Blatt
 
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NWMMU Ein vaterländischerRoman vonHansVietzke

Urheber-Rechtsschutz

durch Verlag Oskar Meister, Werdau.

10. Fortsetzung. Nachdruck verbotenI

Werdet ihr je wiederkommen, herrliche, be- glückende Dinge des Lebens? Ihr, schöne Feste, rau- schende Abende in der Oper, zauberhafte Tage am Meer? Bretagne du mit deinen meerumtobten Felsen; Alpen, ihr mit euren schneegekrönten Häup­tern werden wir euch wiedersehen Ren6 und ich? ...

Die Furie des Krieges sprang jäh in alles Glück, zerriß, was schön und heilig war. Wohl könnte man vergessen, jetzt noch aber es wird kein Ende sein ... Blut und Tod lauern. Verachtung, Haß und Rache fordern ihr grausames, unerbittliches Recht. Sie weiß, daß trotz allem die Freundin an ihrer Seite den Tag erwartet, an dem ihr Volk den Schritt tut, den Schritt der kommen muß, um Frankreich, ihre Heimat, um Napoleon, ihren Kaiser, mit Feuer und Schwert zu Boden zu zwingen. Und Ren6 wird von ihrer Seite müssen, ausgeliefert den Schergen der. Vergeltung.

Sie kann nicht mehr weinen, ihr Schmerz findet keine andere Zuflucht, als sich an die kurzen Tage des noch bleibenden Glückes zu klammern. Hilflos, ohne Rettung, treibt man dem Meer der Tränen und des Unheils entgegen ...

Ein Zuruf schreckt die Frauen aus ihren schmerz­lichen Gedanken. Der Kommissar Rambeaux mit sei­nen Begleitern zu Pferde, zieht tief den Hut vor den Damen. SeinBon jour, mesdames! klingt spitz und voll lauerndem Erwarten. Jeannette dankt kühl. Maria von Löbau grüßt mit einem kurzen Nicken, den Blick abgewandt. Mit bösen Augen sieht ihr der Kommissar nach. Diese Person ist ihm in ihrem un­beugsamen Hochmut schon längst verdächtig. Man wird eine Gelegenheit finden müssen, sie zu ducken. Auch diese neue Freundschaft der beiden Frauen ist höchst seltsam. Die Sache bedarf der aufmerk­samsten Beachtung ...

Die Frauen haben den Blick bemerkt. Jeannette weiß von ihrem Mann, was es mit dem Kommis­sar für eine Bewandtnis hat und auch Maria kennt diesen unerbittlichen Aussauqer der Gemeinde. Wo dieser brutale Mensch auftaucht, begleiten ihn Furcht, Schrecken und Haß. Wer in seine Hände fällt, dem kann nur Gott noch gändig sein ...

I 1L

Wenig später betritt Rambeaux das Arbeitszim­mer des Hauptmanns Lefevre. Der Kommissar ist noch verschlossener als sonst. Etwas wie Müdig­keit und besorgter Ernst spiegeln sich in seinem Wesen., Er versucht sichtlich, seinen Besuch so kurz als möglich zu gestalten. Ohne auf die Förmlich­keiten des Hauptmanns einzugehen, entnimmt er der schwarzen Ledertasche Akten und Verordnungen und beginnt mit seinem Vortrag. Seine Stimme ist gedehnt und erwartend.Leider muß ich Ihnen auch heute wieder das Mißfallen des Oberkommandos ausdrücken, Herr Hauptmann ..." Er macht eine Pause, die eine Antwort erfordert.

Ich habe darauf nichts zu erwidern, Herr Kom­missar, als daß ich meine Pflicht tuel"

Rambeaux sieht den Hauptmann an, dann sagt er nachdenklich:Wir wissen, wie es steht. Aber trotzdem müssen wir unter allen Umständen dafür Sorge tragen, daß die Bestände der Besaßungsarmee unter keinen Umständen leiden oder gar zurückgehen."

Lefevre unterbricht ihn:Was möglich ist, tun wir ohnedies. Ich habe die geeigneten Leute Tag und Nacht auf den Beinen aber es gibt hier schon Ortschaften, in denen keine Ratte mehr etwas finden wird. Die Herren vom grünen Tisch haben gut reden ..."

Rambeaux will den Hauptmann beschwichtigen. Ihre Erregung ist begreiflich, Herr Hauptmann. Aber Befehl ist Befehl, und ich sage Ihnen noch­mals: Wie Sie Ihre Ration stellen, ist Ihre Sache." Die letzten Befehle lauten," erwidert scharf Le- feore,daß, wenn irgend möglich, von jeder Gewalt gegen die preußische Bevölkerung Abstand genom­men werden soll! Ich handle nach dem Befehl! Ich habe oft genug in den letzten Wochen mit knapper Not offenen Aufruhr unterdrücken müssen. Bedenken Sie bitte meine exponierte Lage ich hafte für das Wohl meiner Leute. Verzweiflung kennt keine Ge­setze und keine Furcht mehr wenn ich allein hier die Gewalt ausspielen soll, so ist das ein Trumpf, der eines Tages viel Blut kosten wird." . Rambeaux blickt nicht auf. Er hat Lefevre wohl verstanden.

Ueberlegend blättert er mechanisch in den Akten. Er hat gehört, was er befürchtet hat. Ueberall das gleiche Bild: das Land, die Bevölkerung, ist aus- gebeutet bis aufs Letzte. Und überall lodert heimlich der Aufruhr. Da nützen keine Befehle mehr, da nützt kein Appell an Ehrgeiz und Pflichtgefühl der Füh­rer wo nichts zu holen ist, ist Gesetz ebenso ohn­mächtig wie Gewalt.

Hauptmann Lefevre ist ans Fenster getreten und sieht hinaus in den Schloßhof. Dort macht sich eine

Requisitionspatrouille fertig unter Führung des Korporals Landry, der kein Pardon kennt. Ein Zi­vilbeamter vom Stabe Rambeaux' begleitet ihn. Le­fevre kennt ihre Methoden der stärkste Haß und Wille brechen vor dieser Brutalität zusammen. Die Bauern geben ihr letztes Korn, mit dem sie kärglich genug ihr eigenes Leben fristen, um diesen Henkern zu entgehen.

Herr Hauptmann," sagt der Kommissar aus der Tiefe des Zimmers, und Lefevre wendet sich um, ich hoffe, daß trotz allen Hindernissen nichts unver­sucht bleiben wird, auch in Zukunft der Pflicht voll zu genügen. Gewalt ist nach Möglichkeit zu vermei­den. Haben Sie berechtigten Verdacht, daß an ir­gendeiner Stelle die Besatzungsbehörde arglistig ge­täuscht worden ist, so greifen Sie schonungslos zu »und statuieren Sie ein Exempel." Rambeaux' Stimme wird wieder schneidend.Noch sind wir Herren eines Landes, dem fein Pardon gegeben werden darf, solange noch ein Atemzug geheimer Rebellion in ihm lebt!"

Der Kommissar reicht dem Hauptmann ein Be­fehlsformular hinüber.Unsere Lage ist zwar schwerer denn je aber gerade deshalb müssen wir die Faust erhoben halten und wenn es not tut, zu­packen. Ich bitte Sie, diesem Geheimbefehl Ihre volle Aufmerksamkeit zuzuwenden. Das Oberkommando hat sicherste Nachrichten, daß gerade in diesem Teil Schlesiens die geheimen Verschwörungen und Rü­stungen in vollem Gange sind. Es ist unsere unum­gängliche Pflicht, die Augen offenzuhalten, es ist Selbsterhaltungstrieb, wenn wir die Rädelsführer der Militärjustiz überliefern."

Lefevre begegnet dem Blick Rambeaux'.Ich bin kein Spitzel, Herr Kommissar, ich bin gewohnt, in offener Schlacht dem Feinde ins Auge zu sehen aber das hier . . ."

Rambeaux' Gesicht bekommt einen bösen Zug. Er kennt diesen Widerstand der Feldsoldaten gegen die geheime Polizei. Sie sind schon immer Rivalen ge­wesen. Oft genug haben er und seine Leute die un­verhohlene Verachtung der Offiziere zu spüren be­kommen.

Hier handelt es sich nickt, gegen Kanonen zu kämpfen, Herr Hauptmann, hier heißt es, das schlei­chende Gift des Aufruhrs, das in unserem Rücken lauert, unschädlich zu machen, Verschwörung und Sabotage im Keim zu ersticken. Lesen Sie Ihren Befehl!" Seine Stimme wird trocken vor Aerger. Die Armeepolizei ist Tag und Nacht auf den Bei­nen, um das liebel mit der Wurzel auszurotten, aber wir find machtlos, wenn wir nicht der vollen Unterstützung des Militärs gewiß sind. Vergessen Sie nicht, daß wir uns in einem Lande befinden.

dessen ganzer Haß unserer Nation gilt! Diese Klein» arbeit gegen einen Feind im Dunkeln ist im Augen­blick unsere notwendigste Aufgabe. Verstärken Sie die Außenposten, lassen Sie Meldung machen über jeden, auch den geringsten verdächtigen Vorfall. Richten Sie einen besonderen Fahndungsdienst ein für die preußischen Meldereiter und Kuriere. Das Oberkommando hat hohe Prämien ausgesetzt."

Rambeaux holt ein neues Blatt aus seinen Akten. Es ist uns bekannt, daß der Kurier Hauptmann Döllnitz Anfang des Monats aus Berlin wiederum unter falschem Namen abgereist ist. Er soll sich auf dem Wege hierher befinden. Man vermutet in ihm mit Sicherheit einen der gefährlichsten Parteigänger des preußischen Unterhändlers Stein in Petersburg." Der Kommissar macht eine bedeutungsvolle Pause. Lefevre hat Mühe, seine Bewegung bei dem Namen Döllnitz zu verbergen. Rambeaux' lauernder Blick läßt ihn nicht los.Es find sogar gewisse Anzeichen dafür vorhanden, Herr Hauptmann, daß dieser Kurier sich hier auf Schloß Löbau an einem der Weihnachtstage aufgehalten haben soll." Seine Stimme hat einen irritierenden Klang.Sie sehen also, wie gut es gewesen wäre, schon damals auf das genaueste Informationen erhalten zu haben, bann wäre dieser Fang wohl sicher geglückt und der Sache des Feindes unermeßlicher Schaden erwachsen man wird das zu guter Zeit nachholen müssen."

Lefevre erhebt fick) nervös, als wolle er die Sitzung abbrechen. Die Sache wird ihm unheimlich. Weih dieser Mensch von seinem Vergehen?

Ich werde meinen Leuten strengste Anweisung geben, dieser Kurier ist Offizier wie ich wenn er in meine Hände fällt, werde ich meine Pflicht zu tun wissen, Herr Kommissar!"

Auch Rambeaux hat sich erhoben.Die Belohnung ist der Mühe wert, Herr Hauptmann!" Er sieht ihn mit einem merkwürdigen Blick an. Dann trommelt er leise mit seinen Fingern auf die Eichenplatte des Schreibtisches.A propos ich sah vorhin Ihre Gattin mit der jungen Baronesse auf der Straße nach Breslau . . ." Rambeaux hebt den Kopf und sucht herausfordernd die Gestalt Lefevres,.....ich

würde Ihnen ganz freundschaftlich! raten, diese Verbindung der Damen, die schon recht weit gediehen zu fein scheint, auf das rascheste zu unter- binden. Es könnte immerhin sein, daß böse Zungen deswegen üble Nachreden führen."

Hauptmann Lefevres Gesicht bekommt einen har­ten Zug.Ich wüßte nicht, wem diese Freundschaft zweier Frauen so unangenehm sein könnte. Meine Frau ist eine Zivilperson wie jede andere und kann schließlich tun und lassen was ihr beliebt . .

(Fortsetzung folgt.)

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