Das Wunder
der Magussi Weiser
Vornan von Fr. Lehne.
Urheberschutz durch C. Ackermann, Stuttgart.
22. Fortsetzung. Nachdruck verboten!
Die Fürstin, die neben der Magussi saß, faßte die schmale Frauenhand und strich liebevoll darüber hin, — „die kleine Frau war für mich immer, solange ich sie kenne, wie ein aufgeschlagenes Andachtsbuch. Sie ist vom Genius der Kunst getrieben und muß ihm unweigerlich folgen. Der Erfolg des heutigen Abends hat es bewiesen. Ich bin sehr stolz auf meinen Schützling, — und die Damen können es auch sein", lächelte die Fürstin liebenswürdig nach ihren Gästen hin, „die Auserwählten dürfen nicht mit kleinbürgerlicher Elle gemessen werden."
Gewiß, die beiden Mütter sahen es wohl ein, wenn es nur eben nicht die Tochter »und Schwiegertochter gewesen wäre! Mochte die Fürstin sich noch so schützend vor sie stellen, mochte ihre Kunst noch so ungewöhnlich sein — das, was sie getan, war so rücksichtslos gegen ihre Familie, daß der Vater und der Gatte es ihr schwerlich vergeben würden. —
Lange noch in der Nacht saß Magussi auf; sie konnte -sich nicht entschließen, ihr Bett aufzufuchen. In Gedanken durchlebte sie den vergangenen Abend — sie sah sich auf der Bühne, hörte die Musik, horte sich singen —! Sie breitete die Arme weit aus, ein seliges Lächeln um den Mund. Ja, das war Leben, das war Glück geben, spenden aus der Fülle des Seins — singen, singen — nichts weiter dachte sie, dachte nicht an Beifall, an Ruhm — Eitelkeit lag ihr ja so fern!
Der Gatte mußte sie verstehen; er durfte sie nicht länger zurückhalten; sonst lebte sie nur ein halbes Leben. Er wußte doch, wie sehr sie ihn liebte, und daß ihm nichts genommen wurde.
Am anderen Morgen brachte ihr das Mädchen die Morgenzeitung und die Post ans Bett; es waren schon schon einige Briefe dabei, die gleich unter dem frischen Eindruck der Vorstellung geschrieben waren und ihr begeistert huldigten.
Im Morgenblatt stand nur erst eine kurze Notiz über die Uraufführung; ausführliche Besprechung würde in der Abendausgabe folgen. Es wurde kurz festgestellt, daß der Oper ein großer und glänzender Erfolg beschieden war, an dem alle Mitwirkenden wohlverdienten Anteil hätten; als Ereignis und Ueberafchung des Abends fei aber die Darstellerin und Sängerin der Hero zu nennen. Durch die plötzliche Absage der Asta Grellberg sei die Aufführung in Frage gestellt gewesen, wenn nicht durch das Einspringen einer anderen Künstlerin die Situation gerettet worden wäre, — und die sei geradezu als ein Wunder zu bezeichnen. Sie sei die hochbegabte junge Gattin eines hiesigen Großindustriellen, die mit diesem ersten Schritt, den sie auf die Bühne getan, bewiesen habe, daß sie eine ganz seltene, außerordentliche Künstlerin sei. Aus Liebhaberei und aus Interesse habe sie die Rolle der Hero für sich stu
diert und habe nun dadurch Gelegenheit gehabt die Vorstellung zu ermöglichen. Dann folgte eine kurze Lobpreisung ihrer Gesangskunst und ihrer äußeren Erscheinung, die Magussi doch ein leichtes Rot in die Wangen trieb. Nun, daran wurde sie sich gewöhnen müssen. Sie war zu wenig eitel, um ein besonderes Gewicht darauf zu legen; viel neugieriger war sie darauf was man heute abend über ihre Stimme und sonstigen künstlerischen Fähigkeiten sagen wurde.
Sie stand bald auf und kleidete sich an; denn sicher würde sie heute mancherlei Besuch bekommen.
Den Schwiegereltern sagte sie guten Morgen. Der vorhergehende Abend wurde nicht erwähnt. Der Ge- -neraldirektor war der Ansicht, daß Magussi sich erst mit ihrem Mann auseinanderzufetzen habe, — überflüssige unnütze Auftritte liebte der alte Herr nicht; der Schwiegertochter Vorwürfe zu machen, hatte gar keinen Zweck. Man mußte vor allem wissen, wie der Sohn sich zu diesem abenteuerlichen Schritt seiner Frau stellen würde, — billigte er ihn nachträglich, so waren die Meinungen und das Urteil anderer ohne Belang.
Im Laufe des Vormittags wurden bei Magussi viele Blumen abgegeben, so daß ihr Salon bald einem Blumenhain glich; es waren Grüße von näheren und entfernteren Freunden und Bekannten und auch von Unbekannten; die begleitenden Schreiben zeugten von ehrlicher und herzlicher Bewunderung und Ueberraschung, aus echtem Gefühl heraus geschrieben und dadurch Magussi aufs höchste erfreuend, und es waren fast nur Angehörige der ersten Kreise, die ihrer gedacht. Wenn die ihren Schritt verurteilt hätten, so würden sie sicherlich nicht geschrieben haben.
Frau Kommerzienrat Bunte hatte sich schon frühzeitig bei Magussi eingefunden; beinahe gegen ihren Willen empfand sie innerlich eine große Freude über ihre über Nacht berühmt gewordene Tochter. Magussi hatte die Mutter Eduards heraufbitten lassen, und alle Besucher empfing sie in Gegenwart der beiden Damen.
Einige schüchterne Backfische mit Rosen in der Hand waren die ersten Besucher, die Magussi an ihre selige Backfifchzeit erinnerten, in der sie auch alle Künstler angeschwärmt hatte. Hochbeglückt über die bezaubernde Liebenswürdigkeit der Sängerin verabschiedeten sich die Mädelchen.
Dann wurden der Theaterdirektor und Bruno Halling gemeldet.
„Ich komme. Ihnen nochmals zu danken, gnädige Frau, für Ihre große Hilfsbereitschaft, durch die Sie die Vorstellung gerettet haben!" sagte der Direktor, „die ganze Stadt spricht voller Bewunderung über Ihre unvergleichliche Leistung." Dann wandte er sich mit beglückwünschenden Worten an Magussis Mutter, die leise abwehrte und offen erklärte, daß man gar nicht mit dem Vorgehen der Tochter einverstanden sei.
Der Direktor lächelte fein. „Oh, meine Gnädigste, daran werden Sie sich sicher im Laufe der Zeit gewöhnen müssen!" Seine Worte richteten sich wieder an Magussi: „Eine Frage, die zugleich Bitte ist, gnädige Frau: am Sonntag ist Wiederholung der Oper, — wir dürfen doch bestimmt auf Ihre Mitwirkung rechnen? Fräulein Grellberg ist krank —"
„Ja!"
Wie freudig dieses „Ja!" klang! Frau Kommerzienrat Bunte wollte Einspruch erheben; doch er wurde nicht angehört. Der Direktor sprach weiter: „Darf ich der gnädigen Frau einen Vorschlag zur Ueberlegung unterbreiten? — Ich würde gnädige Frau sofort als jugendlich-dramatische Sängerin verpflichten! Bei dieser Stimme und dieser Begabung würden Sie sich spielend bald eine Anzahl Rollen aneigncn. In erster Linie denke ich jetzt an die Elsa und Elisabeth! — Vielleicht ziehen Sie meine Worte in Erwägung?"
Magussis Augen wurden groß und leuchtend.
„Unmöglich!" rief Frau Kommerzienrat Bunte, ehe noch die Tochter etwas erwidern konnte.
„Warum unmöglich, Gnädigste? Fürsten, Aristokraten haben Bühnenkünstlerinnen als Gattinnen gehabt. Die Kunst adelt und hebt den Menschen aus der Allgemeinheit hervor — und da Ihre Frau Tochter eine so begnadete Künstlerin ist, hat sie auch die Pflicht, mit ihrem Pfunde zu wuchern, — Künstler gehören nicht sich; sie gehören der Allgemeinheit. . ,
„Meine Tochter ist verheiratet und hat bereits ihren Wirkungskreis!" entgegnete Frau Bunte mit bebender Stimme. Sie mar sehr erregt; auf ihren Wangen brannten rote Flecken; der Gedanke an den Gatten bedrängte sie förmlich.
Der Direktor, ein älterer, sehr gepflegter Herr mit gutgeschnittenem Künstlerkopf, erwiderte mit feinem Lächeln: „Ach, meine Gnädigste, vermag denn ein solcher begrenzter Wirkungskreis, wie Sie ihn im Auge haben, eine Künstlernatur so restlos zu befriedigen, daß sie ganz darin aufgehen kann? Viele große Künstlerinnen, die ihren Wirkungskreis in der Welt haben, sind dennoch gute, oft sehr gute Hausfrauen, die ihr Heim und Haus als Kraftzentrale und Ruhepunkt betrachten und nötig haben."
„Herr Direktor hat recht, Mama, er spricht mir aus der Seele", bemerkte Magussi, ,^rnd sein Vorschlag ist mir verlockend! — Sie werden allerdings begreifen, Herr Direktor, daß ich nicht gleich eine bindende Zusage geben kann."
„Gewiß, gnädige Frau, doch bitte ich dringend, zuerst an mich zu denken, — denn ich wette, daß Ihnen noch verschiedene Engagementsanträge gemacht werden. Es waren gestern abend mehrere auswärtige Direktoren und Agenten da, die aus Interesse an der Oper unseres Kapellmeisters gekommen und von der Sängerin begeistert waren."
Bruno Halling hatte kaum ein Wort gesprochen; dafür führten seine dunklen, lodern- denden Augen eine um so beredtere Sprache. Im Geiste sah er Magussi noch immer als Priesterin vor sich und hatte noch immer den betörenden Klang ihrer Stimme in den Ohren. — „Der du die Liebe gibst", — ach,
wieviel Liebe hatte sie schenken können — ihm, denn sie gehörte ihm — und seine Oper, sein Kind, war ja auch ihr Kind. 'Fühlte sie das nicht auch selbst?
Die Herren erhoben sich und küßten den Damen," sich verabschiedend, die Hände.
„Magussi, du wirst das uns, deinen Eltern und deinem Mann doch nicht antun, ein Engagement anzunehmen, rief Frau Bunte aufgeregt, „das ist unmöglich."
„Was ist unmöglich?" Magussi lächelte leicht; ihr Blick verlor sich in unbestimmte Fernen. Verzichten — nachdem sie gestern abend kenncngelernt hatte, wie berauschend es war, von seinen Reichtümern mitzuteilen und dafür bedankt zu werden, — den Traum ihrer Tage erfüllt zu sehen? — Das Verzichten war unmöglich!
„Mama, cs stürzt so vieles auf mich ein, — laßt mich doch erst einmal zur Besinnung kommen!" versetzte sie ausweichend.
Natürlich ließ auch Lilo sich sehen. In Hast kam sie kurz vor Tisch. Magussi war allein; die Mama war mit der Schwiegermutter schon hinuntergegangen; gemeinsam wollte man bei Weisers Mittag essen.
„Nun, du Primadonna, du verstehst wirklich zu überraschen. Mein Gott, ich war wie vom Blitz getroffen, als ich dich auf der Bühne sah. Wie du das wagen konntest. Eigentlich müßte ich dir furchtbar böse sein, daß du mich, deine beste Freundin, so ganz ahnungslos gelassen hast!"
„Wie konnte ich dir etwas sagen, wovon ich selbst nichts wußte!"
Lilo lachte sehr ungläubig. — „Ach, geh, das war doch zwischen dir und dem Kapellmeister verabredet, — jeder hat es gemerkt!"
„In dem Sinne, wie du meinst, gewiß nicht! Wie sollte ich — Aber Halling hat mich gebeten, die Partie zu studieren, um möglicherweise einspringen zu können; denn Asta Grellberg ist bei Uraufführungen sehr unzuverlässig, und es konnte sein, daß sie in letzter Minute versagte — und Halling wollte seine Oper gerettet wissen. Natürlich war ich mit allem einverstanden, weil mir Singen Lebensbedürfnis ist. So habe ich mit Frau Professor Schülein meine Rolle täglich durchgenommen — Es fjat mir viel Freude gemacht, und ich habe gar keine Angst gehabt, weil ich meiner Sache so sicher war."
„Wirst du nun öfter auftreten?"
„Ich wünschte es wohl!"
„Nun, du hast Glück gehabt. Im allgemeinen hat man sich ja sehr über dich gewundert, — gerade dir hätte niemand ein solches Wagnis zugetraut."
„Das mir aber, so denke ich, geglückt ist!" lächelte Magussi.
„Gewiß, gewiß!" beeilte sich Lilo zu versichern, „große Begeisterung herrschte. ^Du sähest auch sehr gut aus. Aber sage: war es nicht ein eigenes Gefühl, als der lyrische Tenor Uhlmann dich umarmte, du ihn küßtest?" (Fortsetzung folgt.)
Gtadttheater Gießen
Eonderveranstaltung der 7IGOAP.
Dienstag, den 29. August 1933, abends 8.15 Uhr
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Nachschau: Mittwoch, den 6. September, von 16 bis 16)4 Uhr.
2. Impftermin: Mittwoch, den 6. September, von 15 bis 16 Uhr.
Nachschau: Mittwoch, den 13. September, von 16 bis 16% Uhr.
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Zu diesen Terminen können alle in 1932 oder früher geborenen Kinder, bei welchen der Nachweis der erfolgreichen Impfung bisher trod) nicht erbracht wurde, vorgestellt werden. Die Kinder müssen mit rein gewaschenem Körper und reinen Kleidern zur Impfung gebracht werden. Kinder aus Häusern, in denen übertragbare Krankheiten herrschen, sind nicht zugelassen.
Gießen, am 28. August 1933. (5361C
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Schulgeld für die Hessische Studien-Anstalt für Juli 1933,
Wohnungsmiete aus städtischen Häusern für Juli 1933,
2. Ziel Vorauszahlung an Gemeinde-, Kreis- und Provinzialumlage einschl. Sondergebäudesteuer 1933 und Nachträge aus früheren Jahren,
2. Ziel Kanal-, Straßenreinigungs- und Müllabfuhrgebühren 1933,
3. Rate Bürgersteuer 1933.
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Gießen, den 29. August 1933.
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