ttr. 303 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheflen) Donnerstag, 28. Dezember (955
Der Kampf gegen die Anarchie in Spanien.
Von unserem v. Gß.-Äerichterstaiter.
Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten.
Madrid, Ende Dezember.
Brennende Kirchen, verstümmelte Polizeisten verunglückte Eisenbahnzüge, Mord und Totschlag, ver° ursacht und begangen durch ein im innersten kindliches Volk, das ist das Charakteristikum des letzten spanischen Aufstandes Entweder sie beten mit selten gesehener Inbrunst die Mutter Gottes an oder sie morden und zerstören, was ihnen falsche Evange- listen als hinderlich auf dem Wege zu ihrem irdischen ^rluck bezeichnen Kompromisse kennen f 1 e nid) t entweder sie sind heilige oder sie benehmen sich wie wild gewordene Afrikaner Wenn man die Berichte der spanischen Presse über die Vorgänge auf dem flachen Lande während jener fünf Aufstandstage liest, dann greift man sich an den Kopf und fragt fid), wie es nur möglich ist, daß jene im Grunde genommen friedfertige und hilfsbereite Be- volkerung dieser rebellisch gewordenen Dörfer so wild gemacht werden konnte, daß sie dem objektiven Beobachter wie von einem Zerstörungsrausch besessen erscheinen muß. Leute, die sonst keiner Fliege ein Haar krümmen, sind zu M ö r d e r n und B e st i e n geworden Menschen, die sonst ihr Letztes teilen mit dem Hilfsbedürftigen, haben Weiber und Kinder ihrer Gegner zu Gestein gemacht-, Spanier, die in der Mutter und im Kind ihr Höchstes sehen, haben Eisenbahnzüge gesprengt und dem Fanatismus Hunderte von Opfern gebracht.
Wenn man nach Gründen sucht, um sich solche um erborte Widersprüche zu erklären, dann stößt man immer wieder auf die Tatsache, daß die Primitivität, insbesondere jenes Landvolkes, durch gerissene und gewissenlose Drahtzieher mißbraucht wird, und daß das Fehlen der hier einzig richtigen schärfsten «taatsautorität solche Ausschreitungen überhaupt erst möglich macht Ist es ein Wunder, daß bas einfache Volk, welches zum großen Teil ganz oder halbanalphabetisch ist, seinen von Haus aus gesunden Menschenverstand verliert, angesichts derHaß- und Aufstandspredigten, die nicht nur die Anar- chistenführ'er, sondern auch so mancher ehemalige sozialistische Minister in der letzten Zeit losließ? „Lieber Anarchie und Chaos, als Reaktion und Fa- schismus" — solche Worte aus dem Munde eines früheren Ministers, „der das doch wissen muß", sind eben nichts anderes als gröbste Verhetzung der Masse.
Die Regierung aber ließ aus einem entschieden zu weit gehenden Gerechtigkeitssinn heraus solche Leute frei Herumlaufen, ihre Versammlungen abhalten unb in ihren Zeitungen schreiben, statt sie hinter Schloß und Riegel zu setzen Dieselbe fast um begreifliche Weitherzigkeit herrschte auch hinsichtlich der Presse der Syndikalisten und Kommunisten, die ohne jede Scheu Aufstandsparolen herausgab und nicht müde wurde, Regierung, Gesellschaftsordnung und den Staat überhaupt mit dem gröbsten Geschütz anzugreifen. Diese sozialistische Taktik kam natürlich den Etiremisten, die in der „Confederacion Nacio- nal de Trabajo“ und in der „Federation Anarquista Iberica" organisiert sind, außerordentlich zustatten, weil sie damit ihren Leuten beweisen konnten, daß sogar die sonst so „braven" und von den Syndikalisten deshalb gehaßten Sozialisten ihr eigenes Gedankengut propagierten Daß im Ernstfall' die sozia- list schen Hetzer nicht mitmachen würden, wußte man auf der extremen Seite auf Grund der überreichlich vorhandenen Beispiele nur zu genau. Trotzdem aber glaubte man sich stark genug, um allein losschlagen zu können
Der eigentliche Termin lag vor den Wahlen, weil der tiefere Sinn jener Aktion die Verhinderung der Wahl fein sollte Nur dem ausgezeichneten Informationsdienst der Polizei war es zu verdanken, daß dieser Plan rechtzeitig verhindert werden konnte. Die Aktion wurde abgeblasen, als man merkte, daß die Regierung Bstcheid wußte. Wie bei solchen Fällen immer, war aber auch diesmal die Erhitzung zu weit vorgeschritten, so daß der
Zündstoff doch Feuer fangen mußte. Außerdem „mußte etwas geschehen", um die empfangenen Gelder zu rechtfertigen, die dunkle Hintermänner in das „Unternehmen" hineingesteckt hatten Nur so erklärt sich der — vom anarchistischen Standpunkt aus gesehen — helle Wahnsinn, trotz des Ginge* weihtseins der Polizei loszuschlagen Der Innenminister selbst hat erklärt, daß der eben überwundene Aufstand nur einen Bruchteil dessen darstellt, was ursprünglich geplant war und daß seine Beschränkung lediglich der Voraussicht und den Vorbeugungsmaßnahmen der Regierung zu verdanken ist. Die bekannt gewordenen Tatsachen bestätigen die Richtigkeit dieser Aeußerung
Die Durchführung dieses Umsturzversuches, der ohne Zweifel der ernsteste und umfassend st e war. den die Republik seit ihrem Bestehen erlebt hat, zeichnete sich durch besondere Heftigkeit und Gewalttätigkeit aus. Im Gegensatz zu früheren Putschen wurden diesmal nicht nur Bomben in außerordentlichen Mengen, sondern auch als Neuiakeit Brandflaschen verwendet. Richteten sich früher die Attentate in der Hauptsache gegen die ausgesprochenen Vertreter der Staatsautorität, so ging
Durch Opfer zur wahren Volksgemeinschaft!
Das deutsche Volk hat in den vergangenen vierzehn Jahren erkannt, daß esaufsichselbstge- st e l l t ist. und daß es sich selbst helfen muß, wenn es wieder hochkommen will. Deshalb hat es den
man diesmal dazu über, auch die neutrale Bevölkerung aus dem Hinterhalt anzugreifen. Bezeich- nend ist, daß in den Grockstädten, alfo diesmal in Barcelona und Saragossa (in Madrid blieb es, abgesehen von zahlreichen Bombenexplosionen, ruhig) die Hefe des Volkes die Führung m der Hand hatte, während auf dem Lande zum Teil auch Mitglieder der sogenannten gebildeten Stände sich an der Spitze der Aufständischen befanden. Das Traurigste dabei aber ist, daß gerade der negative Gedanke die Massen so beeinflussen konnte. Zerstörung und nochmals Zerstörung und bann ein sinnloses Abwarten in verschanzten Stellungen auf die Exekutive des Staates, das war die ganze Idee. Nicht ein Schein von positiven Gedankengängen! Alles Tun galt nur der Zerstörung Die Primitivität des spanischen Landvolkes und die Gemeinheit der Hefe der Stadtbevölkerung konnten sich nicht krasser äußern, als durch diese irrsinnigen Verbrechen, die über hundert Menschenleben und mehrere hundert Verwundete kosteten
Es ist zu hoffen, daß angesichts dieser Tatsachen, die nun zur Regierung kommenden neuen Kräfte des Landes ihr höchstes Ziel darin sehen werden, die Autorität des Staates restlos hochzuhalten und mit ihr die gesellschaktsfeindlichen Instinkte, die feder ungebildeten Masse anhaften, aus- zutilgen Irn Interesse dieses uns im Innersten nahestehenden Landes gilt der alte Warnungsruf „Caveant Consules ...“.
Austritt Deutschlands aus dem Völkerbund am 12. November in so überwältigender Volksabstimmung bestätigt. Das Wahlergebnis bedeutet den Entschluß des beustchen Volkes, sich auf allen Gebieten s e 1 b st z u helfen Ganz besonbers gilt bas für bie Ueberroinbung von Hunger und Kälte in biesem Winter. „Einer für alle, alle für einen", biefer alte Wahlspruch muß
Aufwärts aus eigener Kraft!
Das deutsche Volk wird zum zweiten Abschnitt des Wmterhilfswerks aufgerufen
X)cr Jdnchspräfiömt
Berlin, den 19. Dezember 19)).
Das Winter-Hilfswerk des deutschen Volkes hat in seiner bisherigen Arbeit Millionen notleidende Deutsche vor Hunger und Kälte geschützt. Aber die Not des Winters ist noch nicht überwunden. Es muss weiter geholfen werden. Im Geiste der Nächstenliebe, im Gefühl nationaler Verbundenheit muss jeder nach besten Kräfte» dem hilfsbedürftigen Volksgenossen beistehen. So wie Deutschland in den schweren Jahren des Weltkrieges in der Verteidigung des Vaterlandes einmütig zusammenstand, so wollen wir auch jetzt wieder im Kampfe gegen die Not uns wie eine Familie zusammen- finden in dem festen Willen: Wir helfen weiter •
jetzt verwirklicht werden. Das ganze Volk steht fest unb treu zusammen, bamit nach bem Wort des Führers in diesem Winter kein Volksgenosse zu hungern unb zu frieren braucht Eine gigantische Anstrengung zeigt der Welt den festen Willen Deutschlands zum Leben. Jetzt müssen wir das Letzte aufbieten, um bas Winterhilfswert glücklich zu oollenben Vieles ist erreicht, woraus wir stolz sein können, jetzt müssen wir burch 0 p f er, nicht burch Almosen den endgül. tigen Sieg im Kampf gegen Hunger unb Kälte da. vontragen unb in nationaler Solibaritä« bi« wahre Volksgemeinschaft begrünben Wei jetzt für das Winterhilfswerk gibt, schützt bami n Volkstum und hilft ben hungernben und frieren- ben Volksgenossen.
Reichsminister des Innern.
Keiner für sich-Zeder iiu alte!
In seinem erbitterten Kampfe gegen Hunger unb Kälte ist das deustche Volk allein auf sich selb st angewiesen. Von Sieg ober Niederlage hängt das Schicksal von 6 Millionen notleidender Volksgenossen ab. Der Sieg aber ist nur bann zu erringen, wenn wir geschlossen im Sinne echter Volksgemeinschaft bekennen: „Keiner für sich — Jeber für alle!" unb im wahren Frontgsstt danach handeln.
Stellvertreter des Reichskanzlers.
3m Ginne alter Krontkameradschaft!
Im Kampf gegen Hunger und Kälte ist es Pflicht jedes Deutschen, für seine notleidenden Volksge- Hoffen Opfer zu bringen Wie im Felde müssen wir für unsere Mitmenschen unb Mitkämpfer um Deutschlanbs Wiederaufstieg auch heute eintreten im Sinne aufrichtiger unb herzlicher Kameradschaft und fester Volksverbundenheit.
Reichsarbeitsminister.
Wohlzuiun und müznteilen vergesiet nicht!
Das Jahr 1933 hat uns durch Gottes Gnade die deutsche Wende gebracht. Unser Dank bestehl darin, daß wir in christlicher Nächstenliebe unfern hungernden und frierenden Brüdern und Schwestern Helsen.
„Wohlzutun und mitzuteilen vergesset nicht, denn solche Opfer gefallen Gott wohl."
Ludwig Müller,
Reichsbischof der Deutschen Evangelischen Kirche.
Der junge Nestaue».
Von Or. Friedrich von Oppeln-Sronttowski.
Diese Würdigung, die anläßlich der Fertigstellung eines neuen Films geschrieben wurde, dürfte auch im Hinblick auf die zur Zeit im Stadttheater gegebene historische Operette „Anneliese von Dessau" von Interesse sein.
Es war an der Zeit, die Gestalt dieses deutschen unb preußischen Kriegshelben wieber zu beleben. Sein 250. Geburtstag würbe vor acht Jahren kaum geroürbigt, unb in der Volksphantasie lebt er fast nur noch als „alter Dessauer" fort, als Exerziermeister bes preußischen Heeres unb „Knegs- mechanikus", wie Friebrich ber Große ihn genannt hat, als großer Jägersmann unb Freunb des Sol- batenkonigs Friebrich Wilhelm L, schließlich als Sieger bei Kesselsbors, ber ben Zweiten Schlesischen Krieg entschieb. Ein neuer Ufa-Film setzt mit Recht die Gestalt bes „jungen Dessauers" ins Licht, ber hn Spanischen Erbfolgekrieg — bem Weltkriege vor zweihunbert Jahren — von Sieg zu Sieg schritt unb den Ruhm des jungen preußischen Heeres von Land zu Land trug. Aber auch die Gestalt des jungen Trotzkopfes, der bie Ehe mit feiner Jugenbliebe, ber Dessauer Apothekerstochter Anneliese F ö h s e , erzwang, beren Elternhaus noch heute als Fachwerkbau in bie altertümlichen Stein» bauten auf bem Marktplatz von Dessau hinein» schaut. Die Ufa hat nicht nur biefe Apotheke, sondern den ganOcn Markt- unb Schloßplatz von Dessau, wie er bamals war, als Hintergrunb ihres Films wieber aufgebaut, ebenso stilecht wie bas Gewimmel ber bamaügen Uniformen und Trachten, bie Blauröcke vom Regiment Anhalt mit ihren roten Westen unb Strümpfen, ihrem breiten weißen Leberzeug mit ber großen schwarzen Patronentasche unb ihren wappengeschmückten Grenabiermützen, aber auch bie krebsrot gefleibeten Spielleute mit ihren riesigen Trommeln, bie Dragoner in ihren langen gelben Röcken voll blitzenber Metallknöpfe unb ihren Hohen Stulpenstiefeln, bie Kürassiere mit ihrem blanken Harnisch, bie Höflinge in ihrer malerischen Tracht, bie Bürger unb Bauern auf bem Marktplatz von Dessau.
In ein kriegserfülltes Zeitalter bineingeboren, hier Schwebennot, Türkennot, bort bie ewigen Raubkriege Lubwigs XIV., wuchs Leopolb In Waffenübung unb auf ber Iaab auf. Sein Vater, branbenburgifd)er Felbmarfchall. war h»r treue
Beiftanb feines Schwagers, bes Großen Kurfürsten, in ber Schwebennot gewesen, hatte sich 1683 bei ber Errettung Wiens von ben Türken auch bes Kaisers Dank oerbient. Als er zehn Jahre darauf in Berlin starb, übernahm sein siebzehnjähriger Sohn fein brandenburgisches Regiment
Seine kluge oranische Mutter, bie währenb seiner Minberjährigkeit bie Regentschaft seines Länbchens führte, schickte ben jungen Brausekops auf bie übliche Kavalierstour nach Italien, damit er feine Liebste, die Anneliese, vergäße; doch trotz toller Jugendstreiche blieb er ihr treu, unb als er 1698 bie Regierung antrat, heiratete er sie zum Entsetzen ber Mutter unb ber Hofkreise. Kaiser Leopolb hatte mehr Verstänbms für biefe „Mesalliance", inbem er 1701 Anneliese zur Reichsfürstin erhob unb sie mit bem Erbfolgerecht für ihre Söhne ausstattete. Sie war eine treffliche Gattin unb Mutter in einer Zeit, wo man es, vor allem in höfischen Kreisen, mit ber ehelichen Treue wenig ernst nahm. Fünf Söhne unb fünf Töchter gebar sie; in den Söhnen lebte des Vaters Heldengeist fort; alle fünf wurden preußische Generale, zwei Feldmarschälle; Moritz, fein Liebling, starb an der Wunde von Hochkirch.
Schon vor seiner Heirat hatte Leopold sich als Kriegsmann ausgezeichnet. Vor Namur hatte er die Feuertaufe empfangen. Unb im folgenben Jahre würbe er General. In ben fommenben Friebens- jahren roibmete er sich aanz ber Ausbilbung feiner Truppen in Dessau unb seines preußischen Regiments, führte ben eisernen Labestock, ben Gleichschritt unb eine bisher unbekannte Feuerbisziplin unb Feuergeschwinbigkeit ein. Im Spanischen Erbfolgekrieg zeigte er ber Welt, was biefe grunb» legenben Neuerungen wert waren. Schon 1702 trug er entscheibenb zur Einnahme von Kaiserswerth bei — ein Thema, bas ber Film pacfenb ausgestaltet hat. Im folgenben Jahre roanbte er in ber ersten unglücklichen Schlacht bei Höchstäbt burch seine eiserne Phalanx bie Nieberlage ab. 1704 eyt- schieb er in der zweiten Schlacht bei Höchstäbt ben Sieg ber Alliierten unter Prinz Eugen. Er selbst trug bie Fahne hoch zu Roß feinen ftürmenben Truppen voran. „Branbenburger!", so rief er, „benft an Fehrbellin unb Warschau!" Eine Stückkugel tötete sein Pferb. Er raffte sich mit ber Fahne hoch, unb mit bem Rufe „Mit Gott!" führte er sein Fußvolk zum Siege.
Sein Ruhm wuchs unb brang über Deutschlanbs Grenzen hinaus, als er 1705 unter Eugens Führung, bei Cassanv in Oberitalien, in ber Glutsonne des August, im heftigsten Feuer über zwei tiefe Kanäle setzte unb vor bem britten drei Stunben
lang ausharrte, bis Eugen bie Schlacht abbrach. Das blutige Schlachtfelb aber warb zur Geburts- ftätte bes „Dessauer Marsches", ber bis heute fortklingt unb für bie Zeitgenossen bas würbe, was für bie Neuzeit bie „Wacht am Rhein" ist. Leopolb selbst soll nach biefer fchmettemben Weise (ogar Opernarien unb Kirchenlieber gesungen haben. Im folgenben Jahre befreite ber gläruenbe Sieg bei Turin ganz Italien von ben Franzosen. Wieber würbe Leopold bas Pferb unter bem Leibe erschossen. Seine Orenabiere zogen ihn barunter hervor. Er trank einen Schluck Branntwein, aß ein Stück Kommißbrot unb führte seine Truppen zum Siege. Im folgenben Jahre trugen bie Alliierten ihre Waffen bis vor Toulon.
Der Schwerpunkt bes Krieges verschob sich nun nach Flanbern, aber bas Kommanbo ber preußischen Truppen war bort schon vergeben, unb so wohnte er ber Riesenschlacht bei Malplaguet nur als Freiwilliger bei. Erst 1710 erhielt er bas Korn- manbo unb zwei Jahre barauf ben Marschallstab, doch in biesem Kriege war kein Ruhm mehr zu ernten; alle Mächte waren erschöpft unb schlossen Frieben. Erst ber Schlußakt bes Norbischen Krieges stellte ihn im Herbst 1715 als Oberbefehlshaber ber Alliierten (Preußen, Sachsen unb Dänemark) bem großen Kriegshelben Karl XII. von Schweben gegenüber, ben er burch ben kühnen Uebergang nach Rügen unb bie Eroberung von Stralsunb mitten im Winter bezwang. Diese Taten finb, von ben Fachkreisen abgesehen, merfroürbig wenig bekannt, unb boch waren sie vielleicht seine größten, {ebenfalls bie folgenreichsten. Besonbers ber Uebergang auf Rügen zeigt in größtem Ausmaß feine seltene Doppelbegabung zu langsamer, methobischer Zurüstung unb zu blitzschnellem Hanbeln.
Nach ber Eroberung bieses Stützpunkts mußte auch Stralsunb sich nach langer, erbitterter Gegenwehr ergeben, unb im Frieben von Stockholm fiel ganz Vorpommern an Preußen. Damit war ber Zugang zur See gewonnen; bie Eroberung Schlesiens, b. h. bes oberen Oberlaufs, unb ber Durchstich bei Swinemünbe burch Friebrich ben Großen Dollenbeten bas, was fein Vater bank Leopolbs Oelbherrngenie begonnen hatte
Den treuen Freunb Preußens hat Schab o w im Auftrage Friebrich Wilhelms III. in einem M^wrstanbbilb verewigt, bas sich jetzt in Berlin im Kaifer-Friebrich-Mufeum befinbet — bas Urbild feiner Bronzestatue auf bem Wilhelmsplatz in Berlin, bicht vor bem Reichskanzlerpalais, einem Bau aus ber Zeit bes Solbatenfönigs. Dort steht er porträtwahr unb schlicht, in straffer, sehniger Haltung, ohne jede Pose — wie er gelebt hatte.
Ünferfeeforfdyung im Tauchboot.
Die Bemühungen bes amerikanischen Ingenieurs öimon Lake, ein vornehmlich für bie Meeresforschungen geeignetes Zwergtauchboot zu konstruie- ren, finb jetzt von beachtlichem Erfolg gekrönt worden Lake hat iniAnwesenheit von Seeoffizieren, Beamten, Ingenieuren unb Pressevertretern, die das wichtige Experiment vom Mutterschiff aus beobach- teten, an ber Ostküste ber Vereinigten Staaten eine Jteihe von Versuchen mit seinem Tauchboot gemacht, das eine Kreuzung zwischen U-Boot, Taucherglocke unb Tank ist. Das Boot, bas sich vermittels schwenkbarer Raber wie eine Krabbe auch seitwärts bewegen kann, ist gewöhnlich mit einem Motorschiff in Verbindung, bas es mit Luft unb elektrischem Strom zum Antrieb feines 7'/« PS Elektromotors versorgt unb einen bauernben Telephonverkehr ermöglicht. Es hat eine Länge von nur 6,60 Metern unb ein Gewicht von 7,5 Tonnen unb ist vor allem auf eine Tauchfähigkeit für liefen zwischen 20 bis 100 Metern eingerichtet, kann aber ungefährbet auch bis zu einer Tiefe von 200 Metern gehen. Die Be- satzung beträgt nur zwei Mann; außerbem finben noch Zwei Gäste an Borb Platz. Ein Mann bebient ben Motor, ber eine Unterwassergeschwinbigkeit von 3 Knoten gestattet, zugleich auch ben Hinteren Gleich- gewichtstank. Der anbere im oorberen Turm beobachtet, steuert, unb bebient weitere Tanks, bie Be- leuchtung unb bie Tauchluke. Für ben Fall eines Versagens ber Luftschläuche ist für bie Besatzung genugenb Reservelust für 48 Stunben vorhanben, bie außerbem noch ausreicht, um bie Ballasttanks leer zu blasen, so baß bas Boot wieber an bie Ober- stoche gelangen kann. Für Forschungszwecke ist wichtig, baß eine Beobachtung bes Meeresgrunbes, feiner Pflanzen unb feiner Bewohner burch mehrere Fenster, ebenfo wie bas Photographieren unb Filmen von Borb aus ermöglicht wirb, wofür der Mecresgrunb durch Scheinwerfer beleuchtets werden kann. Neben ber wissenschaftlichen Zielsetzung will sich Kapitän Lake noch einer anberen sehr interessanten Ausgabe roibmen. Er will nämlich an die Wracks mit wertvoller Labung herankommen. Das Fahrzeug hat an feinem Bug schwenkbar« Werkzeuge, Enterhaken, Greiser, Schaufeln, Gebläse, womit Sanb unb Schlamm von versunkenen Gegen- stänben weggeblasen werben kann, bie vom Boot aus bebient werben können. Das Operationsgebiet an ber Ostküste ber Vereinigten Staaten zwischen Kap Cob unb Kap Hatteras ist bafür ein banfbareg lätigfeitsfelb, benn hier haben sich viele Schiffs- Unfälle ereignet.


