Ausgabe 
28.12.1933 Erstes Blatt
 
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Uvonnes Geheimnis

Roman von Klothilde von Stegmann ilrheberrechtsschuh: Fünf-Tünne-Derlag Halle (Saale) 19 Fortsetzung Nachdruck verboten!

Irene stand auf: ,^d) darf wohl jetzt gehen. Herr Äriminalftireltor, es fallt sonst auf, wenn ich zu spät nach Hause komme!"

Miller erhob sich und begleitete Irene bis zum Ausgang. Dann kehrte er zu Walburg zurück. Der begann sofort eifrig mit seinem Bericht. Sein Gesicht strahlte vor Freude, als Miller ihm bei der Schilde- rung, wie er sich als Zeilungshondler unmittelbar an den (Eingang desEsplanade"-Hotels postiert habe, anerkennend auf die Schulter klopfte und zu ihm sagte:

Das haben Sie fein gemocht. Walburg! Haben Sie nun die Damen kommen wie immer selbst­verständlich zuerst irgendein besonderes Kenn­zeichen nn der Dame bemerkt?"

Sie war sehr, sehr schön und elegant, und ein Parfüm hot sie gehabt, so was können Sie sich gar nicht oorstellen."

.Lieber Walburg, wenn ich auf die Angaben hin jemanden verhaften wollte, könnte ich die halbe Damenwelt von der Taucntzienftraße verhaften. Etwas genauer müssen Sie schon jein. Haben Sie den Namen auch unbedingt richtig behalten?"

Ja! Madame Dumont hat sie der Ausländer an- geredet. Und eine Stimme hot sie, so ganz hell und klar. Was mir besonders auffiel, war, daß sie gar nicht laut sprach und man doch jede Silbe verstehen konnte, obgleich sie ein ganzes Stück entfernt war. Dos heißt, ich habe leider nichts verstanden, weil sie ausländisch sprach."

Würden Sie diesen Herrn von Holtay wieder- erkennen?"

Ganz bestimmt. Der ist sehr stark und hat so ganz breite Schultern, aber nicht mit Watte ausgefullt, wie dos jetzt so viele tragen. Dos scheint Natur bei ihm zu sein. Er ist das, was man untersetzt nennt. Er geht sehr elegant angezogen, aber er sieht aus, als wenn die Sachen nicht recht zu ihm paßten oder er nicht zu den Sachen. Als ob er sonst anders ge­kleidet ginge. Ich weiß nicht recht, wie ich das be­schreiben soll."

Hält er sich sehr gerade, so wie ein Soldat?" fragte Miller dazwischen.

Franz Walburg sah ihn bewundernd an:

Wie Sie das gleich herausgefunden haben, Herr Doktor. Das meinte ich gerade. Ich könnt' es bloß nicht richtig ausdrücken."

Das müssen Sie auch noch lernen, Walburg. Wird

schon kommen! Nun der große Unbekannte, Ihr Aus- londer. Der war mittelgroß,J^r elegant angtlogen, graues Haar, schwarzer Schnurrbart, ebenjouhe Augen, feines Gesicht, keine auffallende Einzelheit. Stimmt's?"

Walburg blickte Miller fassungslos an.

3a, waren Si* denn auch dort. Herr Kriminal- bireftor? Dann brauche ich Ihnen das alles ja gar nicht zu erzählen?"

Nein, hort war ich zwar nicht, aber ich habe schon genaue Schilderungen von diesem Herrn."

Boller Spannung fragte Walvurg:

Also der Ausländer, ist das jemand ..."

3a, das ist schon jemand! Aber keiner aus unse­rem Verbrecheralbum. Sondern der hochongesehene, einwandfreie Direktor einer weltbekannten franzö­sischen Filmgesellschaft. Mit der Sache, der ich nach­gegangen bin, Hot der bestimmt nichts zu tun. Aber das macht nichts. Jedenfalls, Walburg, Sie hoben sich sehr geschickt benommen, haben gut beobachtet und schnell berichtet. Sie haben sich bei einer plötzlich auftretenben Schwierigkeit sofort zu helfen gewußt wenn Sie diese Eigenschaft auch weiterhin be­weisen. kann ich wahrscheinlich in einiger Zeit Ihre Uebernahme zur Kriminalpolizei befürworten. Wer­ben Sie aber nun nicht größenwahnsinnig: die Dor> aussetzung ist. daß Sie biefe, Eigenschaften auch ferner zeigen. Und nun Schluß für heute. Rufen Sie mich an, sobald es etwas Neues gibt."

Freudestrahlend ging Franz Walburg nach Hause.

Doktor Miller aber war von dem Gehörten nicht recht befriedigt. Er hatte fast den Eindruck, daß er einem Irrlicht nachgejagt war.

14. Kapitel.

'floonne Dumont war nicht mit dem Train bleu nach Paris gereift. Sie war, als ob sie von einer kurzen Reise zurückgekehrt wäre, mit dem Auto wie­der zu Mertens gefahren. Sie tat, als wäre alles wie sonst. Nur vermied sie es, mit Seeburg zusam- menzutreffen.

Ihr Nachbar Wassiljew saß nach wie vor fast den ganzen lag in feinem Zimmer, sehr zur Befriedi­gung Frau von Mertens, die von ihrem ruhigen, anspruchslosen Mieter entzückt war.

Das einzige Steckenpferd Wassiljews schien das Photographieren zu sein. Ganz zeitig frühmorgens fuhr er jetzt oft ins Freie, um Ausnahmen zu machen, die er bann entwickelte. Diese Liebhaberei schien ihn ganz auszufüllen. Tische und Fensterbretter waren mit Holzrahmen belegt, in denen er feine Auf­nahmen kopierte. Es waren meist Photos aus der nächsten Umgebung von Berlin.

Ab und zu besuchte ihn ein Bekannter, ein Russe, der die gleiche Liebhaberei zu betreiben schien. Jetzt waren die beiden russischen Herren dazu überge­gangen, Vergrößerungen und Verkleinerungen an- zufertigen, und Wossiliews Zimmer glich einem kleinen photographischen Atelier ...

Mit unseren Mietern können wir doch ganz zu­frieden fein", meinte Frau von Mertens Irene gegen­

über, als sie abends plaudernd zusammensaßen. Was für ein Glück, daß wir alle Rimmer an so ruhige Leute vermietet haben! Ahnst du übrigens, was mit Seeburg los sein kann? Der sieht ja elend aus, als ob er krank wäre."

Ich habe ihn jetzt schon eine ganze Zeit nicht gesehen", erwiderte Irene,ich bin ja auch tagsüber im Bureau."

Weißt du, Irene, eine Zeitlang habe ich gefürchtet, daß sich zwischen Seeburg und Fräulein Dumont etwas anspinnt. Aber seit einiger Zeit hat das aus- gehört. Ich hatte schon Sorge, weil die Besuche eeeburgs bei Fräulein Dumont ein bißchen häufig waren."

Mutti, du mußt dich möglichst wenig um unsere Mieter kümmern. Dann hast du auch keinen Aerger. Und Herr von Seeburg wird die gebotenen Grenzen hier im Hause schon einhalten. Er arbeitet wohl jetzt ziemlich viel?"

3a, Irene, er geht abends gar nicht mehr fort. Dabei ist er doch noch ein junger Mensch."

Was geht uns das an, Mutti, ob er ausgeht ober zu Hause bleibt. Wir wollen froh fein, daß wir aus den Sorgen vorläufig heraus find". log Irene.

Gut, daß die Mutter nicht ahnte, wie sie in den letzten Nächten leise an die Tür gegangen war, um nachzusehen, ob in Seeburgs Zimmer immer noch Licht brannte. Seeburg schien sich das Schlafen ganz obgewöhnt zu haben. Bis um zwei, drei Uhr hörte sie das Rascheln der Akten, das leise Kratzen der Feder auf dem Papier. Er brachte ja auch jeden Tag außer den Akten, die er sich schicken ließ, noch Arbeit mit. Zweimal war Franz Walburg dagewesen, um irgend etwas zu bringen. Er hatte Irene nur wie eine Fremde gegrüßt, als er sie im Flur traf.

Frau von Merten hatte nach der Zeitung gegriffen. Irene nahm sich ein Buch vor. Da schrillte das Tele­phon. Irene nahm den Hörer. Sie erkannte die Stimme Doktor Millers.

Ist Herr Baron von Seeburg zu sprechen?"

Irene bejahte und stellte um. Durch die Tür hörte sie Seeburgs ruhige Stimme. Worte waren nicht zu verstehen. Bald darauf klingelte es aus Seeburgs Zimmer nach Berta. Die kam gleich darauf, um sich die Schlüssel zu holen.

Der Herr Boron bekommt noch Besuch. Einen Herrn. Er läßt um ein paar Gläser bitten, ich soll einen Krug Pilsner holen."

Berta brachte das Gewünschte in Seeburgs Zim­mer. Kurz darauf klingelte es: es schien Miller zu sein. Er sprach draußen mit Berta und war bald in Seeburgs Zimmer verschwunden.

Sie haben so lange nichts von sich hören lassen, Herr Baron, daß ich mich doch wieder mal noch Ihnen umsehen muß! Sie sehen übrigens nicht ge­rade besonders gut aus!"

Mir fehlt nichts. Aber ich habe schon daran ge­dacht, Ihren Rot zu befolgen und mal ein paar Wochen auszuspannen. Ich arbeite schon vor. Aber ich muß erst noch ein paar wichtige Sachen er­ledigen."

eeeburg schenkte Miller ein. Der nahm bedächtig einen tiefen Zug.

Ausspannen kann nie schaden", meinte er dann nachdenklich.Wann sprachen wir eigentlich haoon?"

Als ich Ihnen von meiner schonen Nachbarin, yoonne Dumont, erzählte. Ich glaube, ich bin ein großer Dummkopf gewesen, lieber Doktor! Ich habe mich damals über Ihre Skepsis von Herzen geärgert. Aber Sie hatten doch wohl recht." Als Miller jchw.ea. fuhr Seeburg fort:

,,2Id) nxis, es muß mal runter von der fieber."

Ausführlich erzählte er von der Filmvorführung und dem offensichtlichen Berjuch yoonnes, fein Urteil zu erlaufen.

lieber den Kaufpreis zu sprechen, erlösten Sie nur wohl, Doktor!"

Ader ich bitte Sie, Baron! Geld wird man Ihnen ja nicht gerade angeboren hoben. Im übrigen bin ich nicht neugierig. Aber mir fällt ein Stein vom Her- Zen! Daß da irgendein Planchen ausgehecki wurde, war von Anfang an mein Eindruck. Gut für Sie, baß es sich so harmlos löst. Und wenn Sie mir weitere Erklärungen erlassen, mochte ich mir Ihre Worte von vorhin zu eigen machen. Ich glaube, ich bin gleichfalls ein großer Dummkopf gewesen! Ich habe Gespenster gesehen. Und das darf man in meinem Beruf nicht. Ich habe auch nicht die Ent­schuldigung für mich, daß mir eine schöne Frau Augen gemacht hat. Uebngens, ich bitte um Ver­zeihung^ Wenn ich noch mal darauf zurückkomme haben Sie seit dem Jilmabend gar nicht- mehr von Ihrer schönen Nachbarin gehört, Herr Baron?"

Nein!" kam die knappe Antwort.

Na schön!"

Auch Miller schwieg, aber in seinen Augen war etwas Nachdenkliches. Obgleich Seeburg sichtlich er­leichtert war, daß er sich die Sache von der oede gesprochen hakte, kam doch keine rechte Stimmung mehr auf.

Doktor Miller verabschiedete sich früher, als er ursprünglich beabsichtigt hatte. Es war ihm auch lieb, jetzt allein zu sein. Die Sache Poonne Seeburg beschäftigte ihn immer noch: zwar schien die Ge- schichte abgeschlossen. Wenn er nur hätte begreifen können, wozu das Zusammensein yvonnes, Perlains und des Assessors Malesius nach dem vergeblichen Angriff auf Seeburgs Entscheidung veranstaltet war. Sollte Malesius an Stelle von Seeburg gewonnen werden? Was bezweckten yvonne und Perlain da­mit, daß sie mit Malesius Fühlung nahmen? Und Malesius konnte nach Seeburgs Weigerung doch auch nichts ausrichten?

Wer war dieser Holtav, der so merkwürdig frei­gebig war? Halt, Vorsicht!, ermahnte sich Miller. Nur nicht wieder sich in einen Verdacht verrennen! Jetzt konnte man an den Knöpfen abzählen, ob man die Akten schließen sollte oder sie dem berühmten gelben Schrank anvertrauen, in dem so manche später wieder aufgenommene Angelegenheit geruht hatte ...

(Fortsetzung folgt.)

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