Ausgabe 
28.11.1933 Erstes Blatt
 
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Ur. 279 Erstes Blatt

183. Jahrgang

Dienstag, 28. November 1933

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paftscheckkonw:

granfturt am Matn 1168«. Druck un- Verlag: vrühl'sche UniverfttStS'vuch- und ZteindruSerei B. Lange in Siehrn. Schristleitung und SefchSstrstelle: 5chnlftratze 7.

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GietzenerAnzeiger

General-Anzeiger für Oberhefsen

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Krast durch Freude."- Oie Deuffche Arbeitsfront organisiert den Feierabend.

Berlin, 27. Nov. (TU.) Im kleinen Festsaal des Preußischen Staatsrates fand am Montagnach­mittag eine Zusammenkunft statt, in der die F e i e r- abendorganisation der Deutschen Ar­beitsfront ihre Verfassung erhielt. Der Ein- ladung hatten zahlreiche Reichs- und Staatsminister, die Gauleiter und.,Amtswalter der Partei, sowie die Mitglieder des Kleinen Arbeitskonoents Folge geleistet, unter ihnen der Stellvertreter des Füh­rers, Reichsarbeitsminister Seldte, Reichswirtschafts­minister Schmidt, Kultusminister Rust, die Reichs- statthalter Mutschmann, Murr, Sprenger, Loe- per, Rover, Sauckel und Meyer, die Staatssekre- täre Funk, Posse, Feder, Krohn, Hier! und Rein- Hardt und die Treuhänder der Arbeit.

Reichsminister Dr. Goebbels begrüßte die Gäste. Wenn die Arbeit, die heute durch diese Zu- sammenkunft ihren Anfang nehmen soll, unter einem glücklichen Stern steht, dann glaube ich, be­ginnen wir damit ein Werk, das für die ganze weitere soziale Entwicklung unseres Volkes von ausschlaggebender Bedeutung fein wird. Diese Ar­beit hat bereits Vorbilder in anderen Staaten. Ich glaube, es wäre aber grund­falsch, wenn wir uns an diese Vorbilder blind a n s ch l i e ß e n wollten. Wir sind der Uederzeu- flung, daß dieses Werk einen ausgesprochen deut­sch e n und n a t i o n a l s o z i a l i st i s ch e n Stern« p e l tragen wird. Es handelt sich darum, den Feier­abend zu organisieren, von der Erkenntnis aus­gehend, daß ein Staat, der wirklich mit dem Volk identisch und verbunden ist, das Volk nie­mals sich allein überlassen soll, son­dern daß er nicht nur d i e Arbeit, sondern auch den Feiertag organisieren muh. Für die heutige Tagung haben schon eine ganze Reihe von Vorbesprechungen stattgefunden, in denen wir die organisatorischen und ideellen Voraussetzun­gen zu lösen versucht haben, die notwendig waren, um das Werk tatkräftig in Angriff zu nehmen.

Der Stellvertreter des Führers Rudolf Heß über­brachte der Versammlung die Grüße des Führers. Danach sprach

Oer Führer der Deutschen Arbeitsfront Or. Ley

Er ging auf die Entwicklung der Arbeitszeit in Deutschland ein und gab der Ansicht Ausdruck, daß wir in der nächsten Zukunft wahrscheinlich gezwun­gen fein würden, aus Konkurrenzgründen das Arbeitstempo, die Arbeitsmethoden, die Mechani­sierung und Rationalisierung bestimmter Industrien noch weiterzu erhöhen, daß wir aber gleich­zeitig um die Menschen überhaupt zu erhalten, die Arbeitszeit verkürzen müßten. Die bis­herige Entwicklung habe zu folgender Erkenntnis geführt: Entweder man hätte durch ein vernünf­tiges Arbeitstempo die frühere Arbeitszeit erhalten sollen, oder aber man steigert das Arbeitstempo und müsse dann die Arbeitszeit verkürzen, oder man verkürze die Arbeitszeit und fei dann gezwungen, das Arbeitstempo zu steigern. Den letzten Weg feien mir gegangen. Dieser Weg würde aber zum Ruin unseres Dol- kes führen, wenn nicht gleichzeitig dafür gesorgt würde, daß das Volk in feiner Freizeit eine völlige Ausspannung von dem über­steigerten Tempo des Alltages erhalte. Was früher in diesem Sinne versprochen oder an­gedeutet worden fei, sei nicht gehalten worden. In allen Ländern außer Italien seien nur kümmerliche Ansätze zu verzeichnen. Dr. Ley schilderte bann die Erwägungen, die zu dem Plan der Deutschen Frei­zeitorganisation geführt haben.

lieber allem stehe das vom Führer geprägte Wort:Wie erhalten wir dem Volk dieNeroenlnder Erkenntnis, daß man nur mit einem nervenstarken Volk Politik treiben kann?-Den Achtstnnden-Arbeltstag können und wollen wir nicht mehr zurück- schrauben. 3m Gegenteil, wir werden vielleicht gezwungen fein, auf gewissen Gebieten, um überhaupt wieder exportfähig zu werden, das Arbeitstempo zu steigern. Deshalb wollen und müssen wir dem schassenden deutschen Menschen in seiner Freizeit eine völlige Ausspan­nung seines Körpers und seines Geistes geben.

Wir müssen eine Freizeitorganifation schaffen, in der alle Menschen zu Haufe fein sollen, vor allem auch der Arbeitnehmer. Denn gerade dadurch, daß der L.enfd) in feiner Freizeit mit Menschen anderer Berufe zusammenge- führt wird, erhält er schon eine Ausspannung an sich. Aber nicht allein deshalb müssen wir diesen Fehler vermeiden, sondern auch im Hinblick auf das große und letzte Ziel, aus dieser Freizeitorganisation d i e wahre nationalsozialistische Ge- sellschaftsordnung zu formen, müssen wir vermeiden, Organisationen der verschiedenen Klassen und Verbände zu bilden.

Wir müssen des weiteren unser Hauptaugenmerk darauf richten, daß das Volk innigsten An- teil an bem 2Iuf bau nimmt. Wir müssen eifer- süchtig barüber wacyen, baß bas Volk bisse Organi­sation baut unb schafft. Als britter Grunbsatz muß erkannt werden, sichnichtzuoer^etteln. Wir müssen klar unsere Örenw* uüm» Wtt- bohoj* allein

die Aufgabe, die Müdigkeit des Volkes zu bannen, feine Nerven zu stählen, ihm eine völlige Ausspan­nung zu geben, indem wir ihm das Beste vom B e st en als Nahrung bieten. Hierauf allein müssen wir unser Wollen und Können konzentrie­ren.

Die Freizeit - OrganisationKraft durch Freude" wird ganz analog dem Aufbau der Partei von unten nach oben vor sich gehen. UeberaU im Lande, wo wir früher im Kampf um die Partei standen, werden Gemeinschaften gebildet werden aus allen Schichten und Klassen des Volkes, da die Arbeitsfront im großen gesehen, die Zufammensaffung aller schaffenden deutschen

Menschen ist. Gemeinschaften des Dorfes, der Straßen- oder Stadtteile, der Betriebe und Gemeinschaften, die besondere Zweige der Kul­tur pflegen, wie Gesangvereine, Theaterver­eine. Vergnügungsvereine. Diese Vereine wer­den wir zur größeren Aktionsfähigkeit ; u - sammensassen 3n jeder größeren Stadt oder einem Bezirk wird der Mittelpunkt die­ses geselligen Lebens, dashaus der deutschen Arbeit". Dieseshaus der Arbeit" soll und muh das Zentrum des ge­selligen und kulturellen Ledens werden, ein haus, das alle Einrichtungen enthalten muh, die zur Freude und zur Ausspannung der Menschen bienen sollen.

Sie Gestattung des Urlaub» und der Reizest.

Die Leitung ber OrganisationKraft burch Freube" innerhalb ber Deutschen Arbeitsfront un­terhält folgenbe Aemter: Ein Amt für Kultur, ein Amt für Erüchtigung bes Volkes, ein Amt für Reifen unb Wanbern, ein Amt für gegenseitige Unterstützung, ein Amt für die Würbe unb Schönheit ber Arbeit, ein Amt für Urlaub unb Unterbringung im Urlaub unb ein Amt für Unterricht unb Aus- bilbung. Es barf in Deutfchlonb außerhalb biefer Organisation nichts geben, bas Besseres bieten könnte. Ieber Künstler in Deutschlanb muß ein­sehen, baß er einen Teil feiner Kraft wie jeber anbere Deutsche auch bem Feierabenb-Werk schen­ken soll.

Neben biefer Nahrung ber Seele müssen wir für b i e Ertüchtigung bes Körpers Sorge tragen. Sport unb körperliche Bewegung ist bem 40» unb 50jährigen Menschen notwendiger als ber Jugenb. Wir fen bas überflüssige Fett in unse­rem Volk beseitigen, bamit ber Körper roieber die nötige Spannfra t erhält. Es kommt nicht barauf an, wie hoch ber Mensch springt, fonbern baß er springt, nicht barauf an, wie schnell ber Mensch läuft, fonbern baß er läuft.

Als Drittes werden wir das Reifen und Wandern organisieren. Es genügt nicht, dah wir dem schwer arbeitenden Bergmann, dem Webet ober bem Schlosset im Walzwerk btei bis vier Wochen Urlaub verschaffen. Ls muh Sorge getragen werben, dah er mit biefem Urlaub auch etwas anzusangen weiß unb sich nicht langweilt. Deshalb werden wir in der Heide, in den Bergen, auf den höhen des Rheins überall Lager bauen, in de­nen die Deutschen in Zucht und Kameradschaft ihre Urlaubszeit verbringen. Aber nicht nur

die Raturfchönheiten müßen wir bem Volke zeigen, fonbern wir müssen in biefer Organi­sation auch die Schönheit des Arbeits­platzes organisieren. Wie viel kann hier mit geringen Mitteln getan werden, um dem schaf­fenden Menschen Zerstreuung und Ausspannung während der Arbeit zu vermitteln. Das A m t für UnterrichtundAusbildung wird es jedem ermöglichen, sich unentgeltlich Wissen unb Kenntnisse anzueignen. Dann wirb diese Organisation ihr Augenmerk auch auf die Fa­milien und das heim des Arbeiters richten müffen. Durch ein großzügiges Selbsthilfe­werk wollen wir dem arbeitenden Menschen ge­sunde Wohnungen schaffen, hierfür find groß­zügige Pläne in Angriff genommen und es ist zu hoffen, dah bereits bis zum 1. Mai 1934 die erste Etappe von tausenden Arbeiterhäu­sern in Angriff genommen werden kann.

Als letztes großes Ziel, fo erklärte Dr. Ley ab­schließend, wird so hoffen wir aus ber Frei­zeitbewegung die neue Gemeinschaft, bie neue Gesellschaft bes national fogiali ft i« schen Staates geboren werben. Unb beshalb soll biefes große gewaltige Werk im Hinblick auf bas herrliche Ziel auch schon im Namen unser Wollen zum Ausbruck bringen. NichtFreizeit", nichtgeierabenb", nichtNach ber Arbeit" unser Werk heißt: Nationalsozialistische Gemein­schaftKraft burch Freub e".

Die Rebe Dr. Leys würbe mit großem Beifall aus­genommen, bem als Erster Reichsarbeitsminister S e (b t e Ausbruck verlieh. Reichswirtfchaftsminister Dr Schmitt verlas bann folgenden Aufruf an alle schaffenden Deutschen.

Aufruf an atleschaffendenOeuischen

Die Wahl vom 12. November hat gezeigt, dah bis auf eine verschwindende Minderheit alle schaf­fenden Deutschen, ganz gleich, ob sie als Unternehmer, als Arbeiter oder Angestellte tätig sind, sich freudig hinter die von Adolf Hitler geführte R e i ch s r e g i e r u n g stellen und am Aufbau des neuen Staates und der neuen Wirtschaft mitzuarbeiten gewillt sind. Das Bekenntnis zu unserem Führer bedeutet für die schaffenden Menschen eine Absage an den marxistischen Grundsatz des Klas- senkampfes. bedeutet ein Bekenntnis zum Geist der Volksgemeinschaft und der gegensei­tigen Achtung und Gleichberechtigung von Arbeitern und Unternehmern. Diese Tat soll gelohnt werden.

Die Zeit ist reif, dah das Werk, das am 2. Mai durch die Uebernahme der alten Gewerkschaften in die Arbeitsfront begonnen worden ist, nunmehr feine Krönung erhält. Die Deutsche A r b e i t s - front ist die Zusammenfaffung aller im Arbeits­leben stehenden Menschen ohne Unterschied ihrer wirtschaftlichen und sozialen Stellung. 3n ihr soll der Arbeiter neben dem Unterneh­mer stehen, nicht mehr getrennt durch Gruppen und verbände, die der Wahrung besonderer wirt- schaftlicher oder sozialer Schichtungen und Inter­essen dienen. Der Wert der Persönlichkeit, einerlei, ob Arbeiter ober Unternehmer, soll in der Deutschen Arbeitsfront den Ausschlag geben. Vertrauen täfel sich nur von Mensch zu Mensch, nicht aber von verband zu verband gewinnen.

Rach dem Willen unseres Führers Adolf Hitler ist die Deutsche Arbeitsfront nicht die Stätte, wo die materiellen fragen des Arbeits­lebens entschieden, die natürlichen Unterschiede der Interessen der einzelnen Arbeitsmenschen aufeinan­der abgestimml werden. Für die Regelung der Ar­beitsbedingungen werden in kurzer Zeit Formen geschaffen werden, die dem Führer und der Ge­folgschaft eines Betriebes die Stellung zuweifen, die die nationatfoziallstifche Weltanschauung vorschreibt.

Das hohe Ziel der Arbeitsfront ist bie (Er- Ziehung aller im Arbeitsleben sie­he n d e n Deutschen zum nationalsozia- listischenStaatundzurnationalsozia- l i st i f ch e n Gesinnung. Sie übernimmt ins- befonbere die Schulung der Menschen, die dazu be­rufen werden, im Betrieb und in den Organen un­serer Sozialverfasfung, der Arbeitsgerichte und der Sozialversicherung mafegebend mitzuwirken. Sie wird dafür sorgen, dafe die soziale Ehre des Betrieb sführers wie feiner Gefolg­schaft zu einer entscheidenden Triebkraft der neuen Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung wer­den kann.

So rufen wir heute alle deutschen Arbeiter der Stirn und der Faust auf, in d i e Deutsche Arbeitsfront einzutreten, um in ihr alle Kräfte zum Gelingen des grofeen Werkes zu sammeln.

heil hitleri

Der Führer der Deutschen Arbeitsfront. Gez.: Dr. R. Ley.

Der Reichsarbeitsminister. Ge;.: Franz Seldte. Der Reichswirtfchaftsminister. Ge;.: Dr. Schmidt. Der Beauftragte des Führers für Wirtfchaftsfragen.

Gez.: Keppler.

Der Reichswirtfchaftsminister erklärte sodann u. a.: Die großen Gedanken unseres Führers, bie natio­nale, soziale unb wirtschaftliche Wiebergeburt unse­res Volks, finb wie ein göttlicher Funke von einer kleinen Schar von Menschen übergesprungen von Volksgenosse zu Volksgenosse, um schließlich bas ganze beutsche Volk zu erfassen. Wir wollen es zum Gemeingut aller machen, baß ber Kaufmann nicht ohne ben Bauer, ber Industrielle nicht ohne den Arbeiter, der Hausbesitzer nicht ohne den Mieter leben, daß nicht ber eine ben anberen bekämpfen kann, baß nur der Wohl- stand des einen den des anberen zur Folge haben kann. Wir wissen, baß in diesem Aufbauwerk kein Platz ist für Klassen und Inter- essentengruppen, kein Raum für Haß und Neid, aber auch nicht für Zaghaftigkeit und Angst. Je

mehr und je tiefer der deutsche Mensch von diese« hohen Ideen erfüllt fein wird, desto mehr wird es uns gelingen, die besten Kräfte freizu« machen und Leistungen zu entwickeln, die dem Einzelnen und der Volksgemeinschaft N u t zen bringen. In diesem Ideengut liegt bie Quell« für die wahre innere Zufriedenheit viel mehr als in dem Besitz irdischer Güter. In diesem Geist wird das deutsche Volk gern die nötigen Entbehrungen auf sich nehmen. Hinter dem großen Führer unb Bannerträger des neuen Deutschlands wird es den Weg finden aus aller Not ber Gegenwart, wirb feine Besten ohne Neib an bie Spitze stellen unb eine bessere, stolzere Zukunft für feine Kinder sicherstellen. Ich hoffe zuversicht­lich, daß uns die Deutsche Arbeitsfront ben beut- schen Menschen schafft, ben wir vor allen Dingen brauchen für die Lösung der sozialen Auf­gaben, den wahrhaft nationalsozialistisch denkenden Menschen, der das Herz am rechten Fleck hat, gleich­gültig, ob er hinter den Amboß, bie Pflugschar ober ben Schreibtisch gestellt ist.

Das Schlußwort sprach Reichsminister Dr. ® o eb­be l 5, ber erklärte, baß er ber Ueberzeugung sei, daß tatsächlich ein Werk geschaffen worden sei, das Jahrhunderte überdauern werbe. Mit einemSieg- Heil" auf Führer unb Vaterlanb schloß er dann die bedeutungsvolle Kundgebung.

Das neue Pariser Kabinett.

Die Furcht vor Parlamentarischer Anarchie, der stärkste Trumps Ehautemps.

Paris, 28. Nov. (WTB.-Funkspruch.) Die Aus­sichten der neuen Regierung gelten im allgemeinen nicht als sehr günstig, obwohl bie ersten Nach­richten über ihr Finanzprogramm ben Willen bes Kabinetts erkennen lassen, möglichst ohne 21 n - t a ft u n g ber Beamtengehälter mit einem Schlage bas Bubgetbesizit von sechs Milliarden Francs abzudecken. Immerhin dürfte die Furcht weiter Kreise vor Auflösung des Parlaments dem Kabi­nett zustatten kommen. Man scheint sich, schreibt deshalb berMatin", in ben Wanbelgängen ber Kammer klar zu machen, wie ernst ber Einsatz ist, Der Mißerfolg einer neuen Regierung in ber Finanzfrage würbe bie Aera ber parlamen­tarischen Anarchie einleiten, bie Frankreich sicherlich schnell zu einem Regime ber Not- oerorbnungen unb zur Auflösung führen könnte. Diese von Tag zu Tag näher rücfenbe Ge­fahr bilbet ben sicherster psychologischen Trumpf bes Kabinetts. Aus bem gleichen Gebankengana heraus rührt auch Ebouarb H e r riot bie Werbetrommel für bie Unterstützung ber neuen Regierung burch alle republikanischen Elemente.

Andererseits hält bie Opposition ihren Sieg für sicher unb forbert ihre Vertreter im Parlament auf, zum letzten entfdjeibenben Schlage auszuholen, um möglichst schnell bas Kabinett Ehautemps z u Fall zu bringen, bamit bie unter ben heutigen Umftänben einzig mögliche LosungNationale Union" Wirklichkeit werben könne. Die Rechts­presse sucht biese Forberung u. a. bamit zu be- grünben, baß für bie devorstehenben Verhanb- Lungen mit Deutschlanb, wenn sie schon aufgenommen werben müssen, nur eine ft a r f e Regierung in Frage komme, baß aber bas Kabinett Ehautemps nicht als Ausbruck bes Volks­willens gelte unb baß Paul-Boncour noch weniger ber Mann fei, ber einem Mann wie Hitler ge­wachsen sein werbe.

Türkische Bündnispvliiik auf bem Balkan.

Unbehagen in Bulgarien.

Berlin, 28. Nov. (ENB. Funkspruch.) Der tür­kische Außenminister ist in ber letzten Zeit eifrig um bie Anbahnuna freundschaftlicher Beziehungen mit ben Balkanlänbern bemüht gewesen. Dem tür­kisch-griechischen Freunbschaftsvertrag, ber eine enge außenpolitische Zusammenarbeit zwischen ben beiben ehemaligen Gegnern organisiert, folgte im Oktober ein Freunbschafts- unb Nichtangriffs, vertrag mit Rumänien unb gestern in Bel- grab bie Unterzeichnung eines entfpredjenben Pak­tes mit Jugoslawien. Es ist ohne weiteres verstänblich, baß bie Türkei burch berartige Ver­träge bie (Erinnerungen an bie verschiebenen Bal­kankriege, zu benen auch ber Weltkrieg gehört hat, auslöschen will. Aber unter ben gegenwärtigen Umftänben hätte eine neue Koalition ber Balkan­staaten gegen bie Türkei an unb für sich keine große Wahrscheinlichkeit. Man fragt sich beshalb, befon« bers auf bem Balkan selbst, nach ber tieferen p o litischen Bebeutung biefer neuen Verträge.

Mit starkem Unbehagen werben sie in Bulga­rien empfunben, das von ben genannten vier Staaten umgeben ist unb eine politische Iso­ll e r u n g zu befürchten hat. In Sofia glaubt man, daß bie Reife Rüschby Beys nach Athen unb Bel­grad bem Abschluß eines sogen. Balkanpaktes bie­nen sollte. Man geht bavon aus, baß bie Nachbarn Bulgariens bie Revision ber Verträge kommen sehen unb sich beshalb beeilen, gegenüber Bulgarien Garantien zu schaffen unb ben Status q u o auf bem Balkan zu festigen. Bei ber star­ken Revisionsstimmung, bie sich in Bulgarien ge- rabe in biesen Tagen anläßlich bes 14. Jahrestages ber Unterzeichnung bes Diktates von Neulich oe- grünbet, ist es ganz ausgeschlossen, baß Bulgarien sich in ein derartiges System, bas bie Fort­setzung ber Kleinen Entente auf bem Balkan barstellen würbe, einbeziehen läßt.