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28.10.1933 Zweites Blatt
 
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Nr. 253 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)Samstag, 28. Oktober 1955

Genossenschaftliche Arbeitsbeschaffung.

Don Dr. W. Kunze, präsidialmitglied des Reichssiandes des deutschen Handwerks und Handels.

Die Arbeitsbeschaffung ist heute Aufgabe aller Spitzenverbände der Wirtschaft. Auch der Deut­sche Genossenschaftsoerband hat sich zur vornehmsten Aufgabe seines Wirkens die praktische Mithilfe durch genossenschaftliche Arbeitsbeschaffung gemacht. Wenn man die Genossenschaft als Funk- tion aller der Berufsstände, die sie umfaßt, betrach, tet, so liegt ihr heute die besondere Pflicht ob, den gewerblichen Mittelslandskreisen und darüber hin­aus großen Bolksteilen Arbeitsmöglichkeiten zu geben. Biele Kreise der kleinen und mittleren Un­ternehmer haben weder die Möglichkeit, ihre Auf­träge unmittelbar finanziert zu erhalten, weil sie nicht über das nötige Eiaenkapital verfügen, noch die bankmäßigen gewöhnlich hypothekarischen Sicherheiten zu stellen in der Lage sind, noch kön- nen sie sich überhaupt an irgendwelchen größeren öffentlichen Aufträgen beteiligen, weil sie durch die Wirtschaftsschrumpfung der letzten Jahre so mit­genommen sind, daß ihnen die notwendige Produk­tionskapazität fehlt. Hier ist es nun Aufgabe der Genossenschaft geworden, helfend und vermittelnd einzugreifen. Durch Bildung von Lieferungs­genossenschaften ist der Weg gezeigt, diese unhaltbaren Zustände im gewerblichen Mittelstand zu überbrücken und dadurch ihm die Möglichkeit zu geben, an die Arbeitsbeschaffung heranzukom- men.

Eine solche Lieferungsgenossenschaft verfolgt zwei wichtige Gesichtspunkte: Einmal durch Zusammen­schluß von gewerblichen Unternehmungen, die voll­kommen ihre Selbständigkeit behalten, die Möglich­keit zu bieten, an große, öffentliche Auf­träge, wie sie heute durch Reich, Länder und Ge­meinden vergeben werden, heranzukommen. Handelt es sich z. B. um eine Lieferungsgenossenschaft eines bestimmten Gewerbezweiges, z. B. des Schnei­de r g e w e r b e s , wie sie heute in der Reichs- lieferungsgenossenschaft für das Schneidergewerbe besteht, so ist hierdurch die Möglichkeit gegeben, Großaufträge der Reichswehr, Reichspost, techni- schen Nothilfe, Wohlfahrtsämter usw. an Unifor­men und Anzügen systematisch zu sammeln und an die einzelnen Unternehmer der Genossenschaft ent­sprechend ihrer Produktionskapazität zu verteilen. Bei dieser Verteilung kann und muß die Genossen­schaft den Qualitätsgedanken obwalten lassen, das heißt, sie wird nur diejenigen Meister einbeziehen, die ihr eine Gewähr für gleichwertige Arbeit geben. Gleichzeitig wird aber auch dem öffentlichen Auftraggeber ein wesentlicher Vorteil dadurch eingeräumt, daß er es nur mit einer Stelle bei der Veraebung zu tun hat, die ihm auch eine Garantie für Lieferung ordentlicher Arbeit gibt. Es wird also der Verwaltungsapparat wesentlich entlastet, und gleichzeitig werden für viele notleidende Kreise des Unternehmertums lau­fend Auftragsmöglichkeiten gegeben. So konnte die Reichslieferungsgenossenschaft des Schneidergewer­bes durch ihr systematisches Wirken vielen Berufs­kollegen wieder Arbeit und Brot schaffen.

Es darf gerade bei den Kleinunternehmern in Handwerk, Handel und Gewerbe nicht verkannt werden, daß diese größtenteils seit Jahren schon die Arbeitslosigkeit mit getragen haben, ohne daß sie Unterstützungen erhielten; mit anderen Worten, es hat sich das Arbeitslosenheer nicht allein auf Arbeit­nehmer-, sondern auch auf Arbeitgeberkreise ausge­dehnt, die heute wieder von vorn anfangen müssen, ihre Existenz aufzubauen. In dieser Aufbauarbeit ist die Genossenschaft ein wesentlicher Helfer, weil durch ihre Rechtsform und durch den besonderen Drganismus-Aufbau die Möglichkeit gegeben ist, Kredite zu beschaffen. Der zweite Vorteil der Genossenschaft ist also, daß sie bei der Auftrags- beschafsung in eine Vorleistung eintritt, die dem ein­zelnen Unternehmer bei seiner prekären wirtschaft- lichen Lage heute in der Regel nicht gegeben ist. Wird die Genossenschaft zielbewußt und orbnungs- I-ggg

Das Wunder der Einfalt.

Von Wilhelm Schäfer.

Als die Russen nach Bernburg kamen, dort einen Rasttag zu halten, war dies ein Sonntag; und manche von ihnen, wie sie die Kirchgänger sahen, machten sich sauber, auch nach den Glocken zu gehen. So sah der Hofprediger Krummacher, als er die Kanzel bestisg, die Hofkirche, statt sonst feit dem Krieg nur mit Frauen, Kindern und Greisen, mit bärtigen Männern gefüllt, von denen kaum einer Deutsch kannte, und die überdies eine andere Kirche gewöhnt waren als die lutherische Einfachheit, darin sie nun sahen und standen, auch ihren Sonntag zu haben.

Die bärtigen Männer hatten dem brausenden Klang der Orgel gelauscht und zum Kirchengesang nur mit dem Mund stumm dagesessen; ihre Augen aber hatten sich groß aufgemacht in die Ferne, wo sie selber zu fingen gewohnt waren. Und weil die Töne zwar in den Noten und die Worte zwar in den Buchstaben angepflöckt sind, aber das Wunder des Sanges ist über den Worten und Tönen, wie der Himmel über der Erde; weil der Himmel wohl mit Worten gesagt werden kann, aber die Augen schauen hinein und brauchen das Wort nicht, die Seele mit Glanz und Größe zu füllen; weil Glanz und Größe wohl in ein Menschenherz fallen, aus Demut Ehrfurcht zu wecken, aber sie selber gehören ihm nicht, wie der Blitz nicht dem Schrecken und das Sonnenlicht nicht der Blume gehört, die ihren Kelch zu ihm wendet; weil die Gottheit nur dessen bedarf, was ihr in Gläubigkeit zugewandt ist: so hatten die bärtigen Männer in Bernburg schon ihren Sonntag geha 1, als der Orgelklang und Gesang schwieg.

Wie nun aus seinem Gehäuse der Prediger kam, bJe Treppe hinan auf die Kanzel zu steigen, wie er in seinem schwarzen Gewand oben allein in dem braunen Holz stand, wie seine Stimme zu sprechen begann in dem leer hallenden Raum, der eben noch von den brausenden Klängen erfüllt war: da staun­ten die russischen Krieger zuerst seine Tollkühnheit an, mit Worten allein die brüllende Orgel und den starken Gesang zu beschwören.

Es war aber Krummacher kein Buchstabenchrist, , ängstlich am Wort zu kleben, und kein Deutler, spitzfindig daran zu klügeln. Er wußte, daß Gott im Säuseln des Windes, im Sternglanz und in der Röte am Morgen namenlos ist, und daß ein Sinn­bild, eine Parabel ihn eher begreiflich zu machen vermögen als je ein Wort der klugen Vernunft. Als darum die fragenden Augen der fremden Män-

gemäß geführt, so werden die maßgebenden Kre­ditstellen, die heute die Genossenschaften in ihren eigenen Kreditorganisationen, an der Spitze auch die Deutsche Zentralgenossenschaftskasse, besitzen, ohne weiteres in eine Finanzierung derartiger öffentlicher Aufträge eintreten. In diesem Rahmen, der also auf genossenschaftlicher Basis steht, kann der Unternehmer bei der Kreditierung seines Auf­trages wesentlich die Bedenken gegen Hergabe eines Wechsels, die er in der Regel immer noch besitzt, zurückstellen, weil sich die Genossenschaft stets von dem Gesichtspunkt der individuellen Behandlung eines jeden Genossen, die sich also nickt nur auf eine geschäftlichen, sondern auf seine gesamten per- önlichen Verhältnisse bezieht, leiten läßt. Wir müs- en uns darüber klar werden, daß die großzügige Arbeitsbeschaffung, die heute das Reich im Auge hat und die sich letztens auf Milliarden-Beträge er­streckt, zukünftig vermehrt durch Wechsel- ziehung finanziert werden muß. In dieser Hinsicht werden die Kreditgenossenschaften als wahre Polksbanken wirken können.

Neben dem Schneidergewerbe ist in letzter Zeit auch im Schuhmacher- und Sattlerge­werbe der Gedanke einer Reichslieferungsgenos­senschaft akut geworden, um auch hier zu Sammel- aufträgen zu gelangen und diese in die weitesten Kreise der Schuhmacher und Sattler zu verteilen. In gleicher Richtung arbeitet heute der Reichsoer- band für das Deutsche Steinmetz-, Pslaste- r e r - und Straßenbaugewerbe gemein­sam mit dem Deutschen Genossenschaftsverband, um durch Gründung einer Reichslieserungsgenvssenschaft mit 300 000 Mark Eigenkapital und 600 000 Mark Haftsumme sich an den Aufträgen für Reichs- autobahnen beteiligen zu können. Es handelt sich in diesem Falle ebenfalls um ein großzügiges, auf breitester Basis des Berufsstandes ruhendes, genossenschaftliches Unternehmen.

Auch das Baugewerbe, das als Schlüsfel- aewerbe erhöhte Bedeutung in der Arbeitsbeschaf­fung erhält, hat den Gedanken der Lieferungs­genossenschaft bereits feit 1924 durch Gründung von Handwerkerbaugenossenschaften Der- wirklicht. Diese Handwerkerbaugenossenschaften, die sich ausschließlich bisher mit der Erstellung von Kleinwohnungen und Eigenheimen, sowie gewerb­lichen Siedlungen beschäftigt haben, sind heute bei größeren Objekten sehr vorteilhaft für In ft and- setzungsarbeiten einzusetzen, zumal sie einen Teil der in der Regel offenstehenden und nicht durch öffentlichen Zuschuß gedeckten 80 v. H. finanzieren helfen. Gerade bei der Frage der Restfinanzierung bei Instandsetzungsarbeiten spielt die Frage der Gründung von besonderen Instandsetzungsgenossen­schaften eine wichtige Rolle. Die gleichen Gesichts- punkte spielen zur Zeit auch für Aufträge aus der Gas-, Elektrizitäts- und Wasserbranche eine maß­gebende Rolle. Neuerdings greift auch die Industrie zur genossenschaftlichen Selbsthilfe.

Wirkt also der genossenschaftliche Gedanke bei diesen Beispielen in rein branchenmäßiger Richtung, so hat der DGB. auch die regionale Betäti­gung der genossenschaftlichen Arbeitsbeschaffung ins Auge gefaßt. So wurde in Ostpreußen eine Zentrallieferungsgenossenschaft aus den maßgeben­den Handwerkszweigen gegründet, die in engster Zusammenarbeit mit der Handwerkskammer Kö­nigsberg steht. Die Handwerkskammer sammelt durch ein besonderes Beschaffungsamt alle nach Königsberg anfallenden Aufträge, vergibt sie an diedie Zentrallieferungsgenvssenschast, die sie ihrer­seits an die einzelnen Berufe vertelt. Auch in diesem Falle erfolgt die Vorfinanzierung durch die Deut­sche Zentralgenossenschaftskasse.

Wenn die Deutsche Reichshandwerkswoche für den Kleinauftrag geworben hat, fo stellen fick die ge­werblichen Genossenschaften mit voller Ueberzeu- gung hinter diesen volkswirtschaftlich wertvollen

ner an seinem Mund hingen, und Krummacher fühlte, er hatte nicht einmal Sinnbilder für sie, weil jedes Wort, das er sagte, den lauschenden Ohren frember war als Holz und Stein ihren Augen: überfiel den frommen Mann feine Ohn­macht, an ihre Herzen zu rühren, fo arg, daß er mit seiner Predigt verzagte.

Er hatte sich aber den Text gewählt, wie Jesus den Jüngling zu Nain durch sein Wort von den Toten erweckte. Und weil der Krieg, der die frem­den Uniformen der Russen in seine Kirche gebracht hatte, über den Frauen, Kindern und Greisen grau­samer war mit seiner Sorge und Not, so daß sie des Trostes mehr als jene der Tröstung bedurften, auch weil ihm zu predigen sonst eine Lust war, nicht anders, als einem Springbrunnen sein Strahl eine Lust ist: so trat er trotzdem mit Tapferkeit ein in seine Predigt und dachte gläubig, daß auch der Springbrunnen keinen Tropfen ins Licht zu werfen vermöchte, der nicht mit Tau und gütigem Regen der Erdentiefe vorn Himmel geschenkt wäre.

Er sprach, das Wunder zu Nain begreiflich zu machen, vom Wunder des Lebens, das nie und nir­gends entstünde, es sei denn Tvtenerweckung, und daß der Tod selber auch nur ein Teil des ewigen Lebens, gleichsam der Schlaf sei, aus dem sich das Dasein neu und gestärkt am Morgen erhöbe. Er sagte das vornehmlich für die Frauen, denen der Krieg die Männer fortgerafft hatte, und niemand wußte: lebten sie noch? und tarnen sie wieder? Und weil er wohl fühlte, daß solche Worte allein den Bangen kein Trost wären, sprach er noch von der Wirklichkeit und dem kärglichen Umkreis der Sinne: Ist denn nur das in der Welt, was wir sehen und hören? fragte er laut in die Leere. Wie könnten sonst diese Männer aus Rußland in unserer Kirche dasitzen und doch ihrer Heimat gewiß sein?

Darüber geschah es dem Hofprediger Krum­macher, der ein getreuer Christ und wackerer Pre­diger war, daß eine Erscheinung ihm die Gedanken verwirrte: Er sah die Witwe zu Nain daliegen auf ihren Knien, wie sie die Hände ausstreckte nach dem Erlöser. Aber ihr flehendes Herz wollte nicht Worte der Tröstung von ihm, sondern den einzigen Trost, daß ihr Kind lebte; und der Herr gab ihr, was sie verlangte, fo daß sie den Jüngling aufstehen sah vor ihren Sinnen.

Da sah er, daß feine Tröstung kein Trost war: Sie hören mir zu, weil ihre Sorge bloß das Bittersalz ist ihrer gläubigen Hoffnung. Sähen sie ihre Männer daliegen, tot auf der Bahre, wie die Witwe zu Nain ihren Sohn liegen sah: sie würden hadern mit meinen Worten, wie die Witwe mit Jesus gehadert hätte, wenn er die Tat nicht ver­mochte. Ihre eigene Gläubigkeit ist cs, die meine

Gedanken und werden sich weitgehend an der Mobilisierung des Klein st anftrages durch Werbung in den Kreisen ihrer Genossen be­teiligen. Heute gilt es, das Prinzip der Vorleistung auf wirtschaftlichem Gebiete praktisch werden zu lassen, um ftber die nächsten Monate hinwegzukom­

men und die Arbeitslosigkeit mit Stumpf und Stiel auszurotten. Bei dieser nationalen Aufgabe wird der Deutsche Genossenschaftsverband mit seinen ge­werblichen Genossenschaften jederzeit tatkräftig Mit­arbeiten.

Das lrojanischepserd bei derikischeiipserde Lotterie

In Dublin hat jetzt wieder die Ziehung für die berühmteIrish Sweepstake" begonnen. Als Motiv bei der Propaganda war diesmal dastrojanische Pferd" gewählt, mit dessen Hilfe einst die listigen Griechen Troja eroberten. Die Lotterie steht bekanntlich durch einen eigenartigen Verlosungsschlüssel jedesmal im Zusammenhang mit den großen englischen Rennen.

Tausend Metten in Angola.

Von Or. Paul Rohrbach.

Luati, den 30. September 1933.

Der Streckenmesser an dem Auto, mit dem uns unser hafenbauender und konsularischer Gastfreund, Herr Bilfinger, durch Angola gefahren hat, zeigte gestern abend vor der VerandaVoßberg" 997 englische Meilen seit der Abfahrt von Lobito am 20. September. Voßberg liegt im Luati-Bezirk im Hinterlande von Luanda, und gehört einem Herrn 0. Kleist aus Pommern. Im Kleistschen Wappen stehen zwei Füchse, daher der Name dieses afrikanischen Besitzes mit 80 000 Kaffeebäumen. Auf einem Ehrenplatz im Wohnzimmer steht, silberglän­zend, die hohe, friderizianische Offiziers-Parade- mütze des Kaiser-Alexander-Gardegrenadier-Regi- ments.

In den Jahren nach dem Zusammenbruch, als es in Deutschland für Männer alter Gesinnung beson­ders traurig aussah, tat sich eine solche Gruppe zu­sammen, und wanderte, da alle anderen Länder, na­mentlich die alten deutschen Kolonien, noch gesperrt waren, unter Führung eines bewährten Ostafrika­ners, nach Angola aus, um hier Baum­wolle nach ostafrikanischem Muster zu pflanzen. Die Baumwolle gedieh hier aber nicht, und nach

einigen Jahren der Enttäuschung wandte man sich dem Kaffeebau zu, der besser einschlug. Die frühere Gesellschaftsform besteht nicht mehr, wohl aber die nahe Nachbarschaft dieser ersten deutschen Nach- kriegssiedler in Angola. Auch unser augenblicklicher Gastfreund, Herr v. Kleist, gehört zu ihnen.

Die Zahl der Angoladeutschen, einschließlich der Familienglieder, ist heute auf über fünfhun­dert angewachsen. In zehn Tagen haben wir aus unsrer Hochlandsrundfahrt eine ganze Anzahl topi­scher Betriebe fennengelernt und unsre Füße unter manches wackeren Landsmannes Tisch gestellt. Luati, das zuerst von den Deutschen ausgesuchte Gebiet, liegt nur zwischen 1000 und U0(T Meter hoch, trägt also in so starker Aequatornähe noch halb tropische Züge und ist nicht frei von Malaria. Trotz­dem gibt es hier d i e meisten deutschen K In­der. Man hilft sich beim Schulunterricht in der Weise, daß eine Familie eine Lehrerin kommen läßt und die Nachbarn ihre Kinder mit dazuschicken. Das Rote Kreuz hat hier eine Krankenschwester statio­niert und ein kleines Hospital, drei Betten enthal- tend, eingerichtet. Es heißt, sie sind fast immer be­legt.

Worte gleichwohl zum Trost macht. Schwiege ich, sie würden genau so gewiß sein!

Indessen ihm seine Rede noch weiter ging, als sähe sie nicht die Leere vor ihren Füßen, verzagte der Hofprediger Krummacher zum anbernmal an der Ohnmacht seiner Worte. Die einen brauchen mich nicht, und den andern bin ich nur ein Ge­räusch in der Leere! klagte sein Herz und sah die fragenden Augen der Frauen, Kinder und Greise nicht anders auf sich gerichtet, als die der bärtigen Männer: Alle Kelche der gläubig geöffneten Seelen sind dem Sonnenlicht zugewandt; nur meine Worte sind das Sonnenlicht nicht!

So sehr war ihm die Lust an dem Springbrun­nen seiner Predigt vergangen, daß der dünne Strahl seiner Stimme zerbrach. Je schwerer ihm seine Zunge wurde, die stürzenden Worte zu raffen, um fo hitziger begann er auf feiner Kanzel mit beiden Händen danach zu greifen, fo daß er den fragenden Augen zuletzt nur noch ein schlechter Schauspieler war, der seine Rolle vergaß. Doch als der Hofprediger Krummacher schon meinte, be­schämt aufhören zu müssen mit seiner Predigt, hörte er hinter sich Schritte, als käme jemand die Treppe herauf; und als er sich tief erschrocken um­wandte, hatte sich einer der russischen Männer den Weg zur Kanzel gesucht und stand da mit treu­lichen Blicken.

Nit, Kamerad! sagte er lächelnd mit allen Falten seines Gesichts und ahmte mit täppischen Händen seine Bewegungen nach, wie er nach Worten griff in die Leere. Und wies mit dem Finger über die fragenden Augen der Frauen, Kinder und Greise, auch seiner Kameraden hinweg nach der Orgel: Do, do! sagte er einfältig und hatte nichts Böses im Sinn, daß er so arg den Gottesdienst störte.

Dem Hofprediger Krummacher war es nicht anders, als wäre ein Engel ihm da zu Hilfe ge- kommen; und ob es ein bärtiger Russe in seiner Uniform war: er spürte das Wunder der Einfalt und wie es in feine zerbrochenen Worte die Tat brachte. Und kaum anders als die Witwe zu Nain dem Erlöser, sank er dem Helfer in dankbarer Gläubigkeit zu.

Wir fingen: Lobet den Herren! sagte er klar in die Kirche hinein; und mit dem Zeigefinger des Russen nickte er glücklich hinauf zur Bühne, wo er die Augen des Organisten kaum noch fragend auf sich gerichtet sah. Und als der Strahl der Orgel auffprang, stärker als je eine Stimme, als der Ge­sang der Frauen, Kinder und Greise sich gläubig in seinen schäumenden Fall mischte, fang der Hof- Prediger Krummacher mit auf der Kanzel, dankbar der Gnade, die mit Tau und gütigem Regen der Erdentiefe vom Himmel geschenkt war.

Oer Traum bringt es an den Tag.

Eine zu Nicco in der Nähe von Spezia lebendü Dame, Frau Mazzachiodi, meldete vor mehr als einem Monat der Polizei, daß in ihrem Hause ein» gebrochen worden sei und daß einige Kleidungsstücke gestohlen worden seien, von denen eins in einer Ge­heimtasche Geld, zwei goldene Ringe und eine gol­dene Kette enthielt. Die Polizei versuchte vergebens, den Dieb aufzuspüren. Eines Nachts hatte Frau Mazzachiodi einen Traum, in dem ihr ihre Groß- mutter erschien und ihr befahl, nach der Kirche der Salesianer in Spezia zu gehen, wo sie ihre Schmuck­sachen wiederfinden werde. Sie legte diesem Traum zunächst keine Bedeutuna bei, aber bas Bild der Großmutter ging ihr nicht aus dem Sinn, und sie fühlte sich magisch nach der Kirche hingezogen. Sie begab sich daher schließlich nach dem Gotteshaus, natürlich ohne eine Ahnung, wo sie dort nach den gestohlenen Sachen suchen sollte, und sie wollte sich bereits enttäuscht entfernen, als sie plötzlich eine Statue des heiligen Antonius, der das Jesuskind hielt, auf einem Altar erblickte. Sie kniete vor dem Heiligen nieder, um einige Gebete zu sagen, und dabei stellte sie fest, daß ihre Kette an einem der Aerrnchen des Christuskindes hing, und die beiden Ringe an seinen Fingern steckten. Sie begab sich zur Polizei, teilte ihr mit, was sie gesehen und ließ sich von zwei Schutzleuten nach der Kirche begleiten, die den Küster ausfragten. Dieser gab an, er habe die Schmucksachen vor einigen Wochen auf einer Bet­bank gefunden und gedacht, sie seien als Opfer zu- rückgelassen worden; daher habe er mit Kette und Ringen das Christuskind geschmückt. Die Dame er­hielt daraufhin ihre Schmucksachen wieder.

Zeitschriften.

Anläßlich der Zehnjahrfeier der neuen Türkei hat die LeipzigerI 11 u ft r i r t e Zeitung" (Verlag I. I- Weber) eine stattliche Sondernummer heraus- gebracht, die sich mit den Wandlungen und mit der heutigen Lage in der Türkei auseinandersetzt. Aus­führliche Berichte über Land und Leute, Wirtschaft und Verkehr, Kunst und Frauenleben, Gesundheits­wesen und jeglichen Kulturfortschritt geben ein um- fassendes Bild von den Veränderungen, die sich un­ter der Führung des Gasis Mustafa Kemal in der Türkei vollzogen haben. Zahlreiche, zum Teil mehr­farbige Bilder illustrieren die vielseitigen Textbei­träge. Reichspräsident v. Hindenburg und der tür» kische Ministerpräsident Ismet Pascha gaben dem Heft Geleitworte auf den Weg, wohl ein Beweis für die Bedeutung, die dieser Sonderveröffentlichung zugemessen wird.