sondern die Geliebte Merlins, die jetzt von dem Manne, der so verräterisch feuchte Augen hatte, Abschied nahm. Immer wieder küßte sie ihn, ermahnte, daß er sich nicht erkälte, daß die Lisaweth gewiß auch das Haus gut durchheize, daß es mollig warm sei. Wenn etwas wäre, sollte er sofort depeschieren.
„Ja, Kind, ja! Soviel Sorge um mich alten Mann."
Sie konnte nicht anders, die Tränen schossen ihr über die Wangen: „Ich habe ja niemanden als dich! Wenn du auch noch von mir gehst, was dann?"
Er versprach alles zu tun, um was sie gebeten hatte. Tag für Tag sollte sie Nachricht haben. Und sie versprach das gleiche.
Als er dann allein nach dem Wagen ging, wußte er kaum den Merger über den Sohn zu dämpfen. So ein Narr war das! Ein ganz hirnverbrannter, gottverlassener Narr! Warte nur, mein Lieber, dachte er ingrimmig, während er sich die Felldecke um die Knie wickelte, wenn dir erst alles mal aus den Händen geschlüpft ist, reißt du die Augen auf und rennst hinterdrein und kannst es nun und nimmer einholen. Du! Du! Du! — Du Narr! Du!
Der Kutscher wunderte sich, was der Herr heute da alles vor sich hinbrummelte. Aber schließlich hatte jeder mal so einen schlimmen Tag. Die junge Gnädige fort und so ein häßlicher Schneewind und der Nebel bocksteif, daß man keine drei Meter vor sich sah. Gar nicht, als ob Weihnacht vor der Tür stunde. Trotzdem die Lisaweth gut geheizt hatte, fror Merlin, als er in die lautlose Stille trat. Ihm war, als hatte man ein Totes hinausgetragen. Den ganzen Nach, mittag stolperte er mit den Hunden über die Felder, nur um die Zeit bis zum Abend herumzubringen. Und als er sich dann an den Tisch setzte, der heute für ihn allein gedeckt war, ließ ihn das Telephon aufspringen.
Es würde doch nichts fehlen.
Das Blut schoß ihm zum Herzen, als er Steffies helles Organ vernahm. „Schonen Abend, Papa! — Wie geht's? Gut? Gottlob! Mir auch, ja! — Ich habe solche Sehnsucht nach Ichenhausen — das heißt, nach Dir, Papa!^
Er wagte eine Frage: „Ist Jörg schon da?" „Noch nicht! — Ich kann's erwarten!"
Er fand momentan kein Wort, so bitterschwer lag es mit einemmal auf dem Herzen, als ob Berges- lasten darüber hergefallen wären. „Such keinen Streit mit ihm, Steffie! Ich bitte dich, Kind!"
„Aber wo werd ich denn! Nein, nein, Papa! Du wirst dich doch nicht sorgen? Ich bpbe nur gedacht, daß es keine Eile mit seinem Eintreffen hat, die Hochzeit findet ja erst übermorgen statt."
Er atmete auf. „Ich danke dir, Steffie--Gute
Nacht, Kind!"
„Gute Nacht, Papa!"
lFortsetzung folgt.)
Ermittelungen in der Angelegenheit beS RelchS- tagsbrandes zu leiten.
Wie die Brandstifter gearbeitet haben.
Die Untersuchung der Brandherde.
Berlin, 28. Febr. (WTB.) Nachdem der CBranb im Reichstagsgebäude vollkommen v b g e l ö s ch t war, ließen sich erst genauere Feststellungen machen, wieweit die Flammen die um den Sitzungssaal herumliegenden Räume ergriffen haben. Besonders auf der Südsront hat das Feuer auf drei Sitzungssäle übergegriffen. die schwer in Mitleidenschaft gezogen sind. Hier mußte noch bis zum Schluß der Lösch- aktion über zwei mechanischen Leitern Wasser gegeben werden. Große Schwierigkeiten stellten sich der Feuerwehr entgegen, als sie von der Ost - feite her gegen den Hauptbrandherd, denPle - narf aal, vorgehen wollte.
Daß im Sitzungssaal mehrere Brandherde gelegt worden sein müssen, geht, tote die Feuerwehr erklärt, daraus hervor, daß bei ihrem Eintreffen der ganze Raum ein undurchdringliches Meer von Flammen u n d R a u ch war. Trotz der außerordentlich starken Glut hat die Kuppelkonstruktion den verzehrenden Flammen standgehalten: allerdings ist die Eisenkonstruktion über dem Sitzungssaal, die genau wie die Kuppel Glasscheiben trug, vollkommen zerstört und hängt dürr in den ausgebrannten Sitzungssaal hinein. .
Rach der Ablöschung haben sofort einige Chemiker die einzelnen Brandherde einer genauen Hn* terfudjung unterzogen. Soweit sich bisher feststellen läßt, haben sogenannteKohlenan- zünder und Ballen Bapier Berwen- dung gefunden. Die Sachverständigen hatten den Eindruck, daß das verwendete Material genau dem gleicht, das bei dem Brand am Samstag im Schloß entdeckt wurde. Daß Benzol, Petroleum oder Spiritus benutzt worden ist, glaubt man nicht da diese Mittel unbedingt Gerüche hinterlassen. Vielmehr neigt man zu der Annahme, da.h die Drandnester, die man auch an Regalen und Klubsesseln fand, mitBen- zin übergossen worden sind. Der Befund der Brandherde und das Ausmaß des Feuers lassen es ganz ausgeschlossen erscheine, daß nur ein Täter diese Brandkataftrovve insten'ort haben sott. Man vermutet, daß sich irgendwo im Hause noch Personen verborgen halten, die an der Brandstiftung beteiligt sind.
Wie die Brandstistung geschehen konnte.
Keine ausreichende Kontrolle möglich.
Berlin, 27. Febr. (ERB.) Heber die Bewachung des Reichstags gibt der Direktor beim Reichstag, Geheimrat Galle, uns folgende Auskunft: Von 22 Uhr wird der Reichstag von zwei Nachtwächter nbewacht. Der erste von ihnen tritt seinen Dienst um 20 Hhr an. Zwischen 20 und 22 Hhr ist also nur ein Wächter im Hause, und zwar deshalb, weil tn dieser Zeit gewöhnlich noch derselbe rege Betrieb herrscht wie am Tag: die Sitzungen pflegen ja meist erst später zu schließen. Von 22 Hhr ab ist dauernd ein Wächter auf ö<ynJRunb- gang durch das ganze Gebäude. Alle Geschosse werden genau kontrolliert. Kehrt der Wächter zurück, so übernimmt er die Wache unten und sein Kollege löst ihn auf dem Rund- gang ab.
Der Brand istvor22Uhrangelegt worden. Für Verbrecher ist es ein leichtes, unter dem Vorwand, einen Abgeordneten zu sprechen oder als Lieferant oder etwas ähnliches zum Botenmeister geführt zu werden, in das
SSauS einzudringen und sich verborgen 8u halten. Er kann gar nicht wieder zurück- begleitet werden, so daß das Verlassen des Hauses kontrolliert wäre, dafür reicht bei den vielen Besuchern im Reichstag das Personal gar nicht aus. Die Tatsache, daß der Brandstifter Ausländer ist und nur gebrochen deutsch spricht, läßt darauf schließen, daß er Komplizen gehabt hat die ihm beim Eindringen in das Haus behilflich waren. Als der Brand entdeckt wurde, war das zum Tiergarten hin gelegene Portal II, das von den Abgeordneten benutzt wird, bereits geschlossen und nur noch das entgegengesetzte Portal V am Reichstagsufer geöffnet, durch das Besucher und Lieferanten zu kommen pflegen. *
Auf die ersten Rundfunkmeldungen, daß als einer der Brandstifter ein nieder län d i s che r K o m - munist festgenommen wurde, meldete sich sofort beim Polizeipräsidium ein Taxichauffeur, der in der Nähe des Reichstages geparkt und bemerkt hatte, daß vor dem Portal V in der Mittagszeit ein niederländischer Wagen lange r e Z e i t h i e l t. Das Hoheitszeichen N. L. (Niederlande) war deutlich zu sehen. Die Polizei hat sofort diese Spur ausgenommen und forscht nach dem Besitzer des Autos, das kein Luxuswagen war, sondern ein Wagen älterer Type.
Gitte Erklärung
her Sozialdemokratischen Partei.
Berlin, 28. Febr. (WTB.) Der Parteivorstand der Sozialdemokratischen Partei übergibt der Oeffent- lichkeit folgenden Beschluß: „3n der Nacht vom 27. zum 28. Februar wurde die gesamte sozialdemokratische Presse f ü r 1 4 T a g e v e r b o t e n. Das Der- bot ist mit der Behauptung begründet, ein verhafteter Mann habe gestanden, den Brand im Reichstag gelegt und zuvor in einer gewissen Verbindung mit der Sozialdemokratischen Partei gestanden zu haben. Die Annahme, die Sozialdemokratische Partei hatte irgendwie mit Leuten zu tun, die den Reichstag in Brand stecken, wird von der Partei entschieden zu- rückgewiesen/
Oie Geschichte des Wallotbaues.
Das Reichstagsgebäude ist vom Architekten Paul Wallott aus Frankfurt a. M. gebaut worden. Unmittelbar nach Beendigung des Krieges 1870/71 wurde der Bau des Reichstages beschlossen. Kaiser Wilhelm I. legte am 9. 3uni 1884 den Grundstein: Kaiser Wilhelm II. am 5. Dezember 1894 den Schlußstein. 3m 3anuar 1890 wurde erst entschieden, daß die Kuppel in Metall und Glas über dem Sitzungssaal zu errichten sei. Die Kosten des Baues einschl. der Aufwendungen für Grunderwerb, Straßenanlagen, betrugen über 23 Millionen Mark. Die innere Ausstattung kostete etwa drei Millionen Mark.
Forderung der Stahlhelm-Selbsthilfe.
B e r 11 n, 27. Febr. (CNB.) Die 4. Jahreshauptver- sammlung der Stahlhelm-Selbsthilfe nahm eine Entschließung an, in der gefordert wird, daß die w i r t« schaftlichen Arbeitnehmervereinigungen unter staatliche Aufsicht gestellt werden. Diese staatliche Aufsicht hätte unter Beaufsichtigung der Verwaltungsausgaben darüber zu wachen, daß entsprechend derBeitragspflicht der Mitglieder die Pflicht der Vereinigungen zu entsprechenden Lei- stungen an ihre Mitglieder eingeführt und ein» gehalten wird. Ferner sei es geboten, alle wirtschaftlichen Arbeitnehmeroereinigungen zu verpflichten. daß den Mitgliedern derjenige Teil ihrer Beiträge, der nicht durch Unterstützungen und notwendige Verwaltungsausgaben aufgebracht wird, als Guthaben erhalten bleibt.
Sin Aeichserlaß gegen das Doppeiverdienen von Beamten.
Berlin. 27. Febr. (TH.) Der Reichsminister des 3nnem, Dr. Frick, hat an die obersten Reichsbehörden, den Reichssparkommissar und die Hauptverwaltung der Deutschen Reichsbahngesell- schäft unter Bezugnahme auf die Notlage des Arbeitsmarktes einen Erlaß gerichtet, der sich gegen das D o p P e l v e r d i e n e n bei den Beamten wendet und zwar sowohl hinsichtlich einer Nebenbeschäftigung des Beam- t e n selbst, wie auch einer gewerblichen Tätigkeit seiner Ehefrau.
Nach dem Erlaß soll bei Gesuchen von Reichsbeamten wegen einer Nebenbeschäftigung nur in wenigen Ausnahmefällen diese Genehmigung erteilt werden. Als Ausnahmefälle werden angesehen, wenn ein öffentliches 3ntereff e dieser Nebenbeschäftigung vorliegt oder ihre Ausübung durch eine geeignete andere Person nicht in Frage kommt. Hnter diesem Gesichtspunkte müssen bereits erteilte Genehmigungen unter Wahrung einer gewissen Frist zurückgezogen werden.
Bei der gewerblichen Tätigkeit für Ehefrauen von Beamten, die an sich nicht genehmigungspflichtig sind, soll nachgeprüft werden, ob dabei nicht eine Umgebung der für den Reichsbeamten selbst geltenden Beschränkungen liege. Wegen der entgeltlichen Musikausübung durch Reichsbeamte wird auf die dafür erlassenen Bestimmungen verwiesen. Für Angestellte und Arbeiter im Reichsdienst soll nach Maßgabe der Bestim- mungen der Tarifverträge entsprechend ver- fahren werden, wobei aber bereits für sie gegebene Anweisungen unberührt bleiben sollen. Die Landesregierungen sollen gebeten werden, entsprechend vorzugehen, um durch ein gleichmäßiges Vorgehen des Reiches, der Länder und der Selbstverwaltungskörper die Wirksamkeit der Maßnahmen zu gewährleisten.
Britisches Waffenausfuhrverbot nach dem Fernen Osten.
Eine „moralische Geste".
London. 27. Febr. (WTB.) 3m Unterhaus bezeichnete der Oppositionelle Lansburh die Puppenregierung in Mandschukuo als die zynischste undkrassesteMihachtun g der feierlichen Völkerbundverpflichtungen durch 3apan. Wenn der Völkerbund sich als wirksam erweisen wolle, müsse er in Zukunft rascher sein. Die Opposition verlange von der Regierung eine sofortige Untersagung der Ausfuhr von Waffen nach 3apan, ferner ein gleiches Verbot für Finanzierungen, Kredite, Kriegsausrüstungen, Baumwolle und alles, was 3apan Lei seiner zynischen Kriegsführung helfen könne.
Staatssekretär Sir 3ohn Simon erklärte, daß die Regierung von heute ab keine Urlaub» niszurAusfuhrvonWaffen nachdem Fernen Osten erteilen werde. Es könne fein Zweifel daran bestehen, daß das japanische Vorgehen den Gesehen des Völkerbundes widerspreche. 3ndessen hieße es, eine schwere Ungerechtigkeit gegen 3apan begehen, wenn man sich nicht darüber klar werden wolle, daß 3apans Lage große Schwierigkeiten'in sich berge, und daß es eine Angelegenheit mit einem Nachbarn abzuwickeln habe, die außerordentlich schwer zu behandeln sei.
„Daily Telegraph" erklärt dazu, es werde nicht beabsichtigt, das Ausfuhrverbot unbegrenzte Zeit in Kraft zu setzen. Wenn a n - dere Regierungen der moralischen Geste Großbritanniens nicht folgen, werde die Lage von neuem geprüft werden. „Times" stellt fest, daß die Mitteilung Simons sehr
überrascht habe, da bisher immer von Inter- nationalem Vorgehen gesprochen worden war. Einige Minister seien gegen isoliertes Handeln eingetreten, aber man habe sich der Erwägung nicht verschlossen, daß den anderen Ländern mit einem sofortigen Ausfuhrverbot e i n gutes Beispiel gegeben werde. Allerdings bestehe leider wenig Aussicht darauf, daß die Vereinigten Staaten, auf die es in dieser Sache besonders ankomme, einen ähnlichen Schritt tun würden.
Amerika folgt erst im März.
London, 27. Febr. (WTB.) Die Vereinigten Staaten haben aus die Anregung eines Waffenausfuhrverbotes durch den britischen Staatssekretär Sir John Simon mit dem Hinweis geantwortet, daß die gegenwärtige amerikanische Regierung keine Macht besitze, ein solches Waffen- aussuhrverbot zu erlassen. Offenbar kann erst der unter Roosevelts Präsidentschaft Mitte März zusammentretende Kongreß der Regierung die gewünschte Ermächtigung erteilen. An dieser Ermächtigung zu einem Waffenausfuhrverbot sollen Präsident Roosevelt und der künftige Staatssekretär des Auswärtigen Hüll eben so sehr interessiert fein wie Präsident Hoover und Staatssekretär Stimson.
Große Enttäuschung in Ehina.
Peking, 28. Febr. (Reuter. Funkspruch.) Die Nachricht, daß Großbritannien keine neuen Bestellungen aus Kriegsmaterial für Japan und China mehr annehmen wird, hat in hiesigen chinesischen Kreisen Verblüffung hervorgerufen, da diese Maß- nähme als eine direkte Unter st ützung Ja- p a n s betrachtet wird. Die Chinesen erklären: Die Japaner sind biszudenZähnenbewafsnet, während China in bezug auf Rüstungen v o n der Hand in den Mund lebt und soviel Kriegsmaterial kaufen muß, als feine Geldmittel jeweils erlaubten.
Kleine politische Nachrichten.
Im Rundfunk sprechen am Mittwoch, 20 Uhr, die Reichsminister S e l d t e aus Magdeburg und Hugenbera aus Bielefeld: am Donnerstag, 20 Uhr, Reichskanzler Hitler aus Berlin; am Freitag, 20 Uhr, Vizekanzler v. Papen aus Stuttgart und Reichsminister Seldte aus Hannover; am Samstag, 20 Uhr, Reichskanzler Hitler aus Königsberg.
Frau Ministerialrat Dr. Gertrud Bäumer, die langjährige Bearbeiterin des Schul- und Jugendwohlfahrt-Referates im Reichsinnenministerium, ist beurlaubt worden.
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Die anläßlich des 5 0. Todestages von Karl Marx durch den Dezirksverband Berlin der SPD. veranstaltete Gedenkfeier im Sportpalast wurde polizeilich aufgelöst. Anlaß der Auflösung war ein Passus in der Gedenkrede des Chefredakteurs des „Vorwärts" Friedrich Stampfer. *
Der päpstliche Geheimkämmerer Graf von Görtz aus Weisberholzen bei Hildesheim ist aus dem Zentrum ausgetreten und hat sich der Kampffront Echwarz-Weih-Rot angeschlossen. *
Die französische Kammer hat nach einer Nachisihung die Finanzsanieru ngsvor- läge mit 348 gegen 222 Stimmen in dritter Lesung verabschiedet, ohne daß eine Einigung mit dem Senat namentlich über di« ,.K r i s e n st e u e r" herbeigeführt wurde. Der Senat hatte Mit 180 gegen 118 Stimmen nach Stellung Der Vertrauensfrage durch Daladier die von der Regierung geforderte Kürzung der Militärausgaben, wie sie die Kammer bereits bewilligt hat, seinerseits angenommen.
Wie sie ihn bezwang
Originalroman von 3- Gchneider-Foerfil.
Urheberrechtsschutz: Verlag O. Meister, Werdau i. S.
10. Fortsetzung. Nachdruck verboten!
„Gewiß!" Aber sie konnte kaum das Weinen ver- beißen, däs ihr in der Kehle saß. Vergangene Nacht hatte sie wie eine Bettlerin vor seiner Tür gestan- den und Einlaß begehrt. Aber sie war verschlossen geblieben. Erst hatte sie gedacht, er habe ihr Klopfen überhört. Aber der Morgen brachte ihr dann Gewißheit. „Was wolltest du noch so spät bei mir?" frua er, als sie sich beim Kaffee gegenübersaßen. „Ich habe mich gesorgt, ob du auch nichts entbehrst, Jörg." — „Was sollte ich entbehren?" war die Erwiderung gewesen.
Daran mußte sie jetzt wieder denken. Er war zwar in den letzten Stunden ihres Zusammenseins wirklich nett gewesen, hatte sie auf den Knien gehalten und gefragt, ob sie noch irgendwelche Wünsche habe. Aber das löschte die Enttäuschung der verflossenen Nacht nicht aus.
„Hoppla, Kind!" mahnte der alte Baron und hielt sie unter der Achsel hoch. Sie wäre sonst über die Treppe gestürzt, die von dem Stationsgebäude nach der Chaussee führte, wo der Wagen stand. Seine sechzig Jahre ahnten die Not ihrer zwanzig. Behutsam legte er die Samtdecke über ihre Knie und zog sie Dann auch noch über die Hände, die ihr so merkwürdig reglos im Schoße lagen. „Du wirst sehen, Steffie, wie schön das wird, wir zwei allein. Ich will dir sicher keinen Aerger machen."
Jbr Lächeln war das einer hoffnungslosen Ver- zweiflung. „Wenn es nimmer gehen wird, besuchen wir ihn--"
„Ja, das tun wir. Oder wir lasten ihn warten, bis er’s vor lauter Sehnsucht nach uns gar nicht mehr aushält."
„Glaubst du?" Ihr Blick streifte ihn so wissend, daß er förmlich Angst bekam.
„Seid ihr nicht gut auseinandergegangen, Steffie?"
„Doch, doch, Vater.--Ich hab' nur solches
Heimweh nach ihm!"
„Heimweh nach ihm? Ich danke dir, Kind." Er legte den Arm um sie und küßte sie auf die kühle Wange.
„Warum dankst du mir. Papa?"
„Es ist doch mein Bub, nach dem du Heimweh hast!"
Mit Steffies Selbstbeherrschung war es zu Ende. Aufschluchzend drückte sie die Hände vor das Gesicht. Und Merlin saß und saß und sand kein Wort des Trostes für die Schwiegertochter.
Es bemächtigte sich seiner eine Allerseelenstim- wung, die ähnlich der war, in welcher die große
Weite trauerte. Die Felder leer! Gelbweiße Stoppeln leuchteten in der fahlen Sonne. Ausgebrannt, ausgesogen, müde all des Gehens, schickte sich die Erde zum Sterben an. Von den Gutshöfen kam das Surren der Dampfmaschinen. Kleine Feuer brannten auf den abgeernteten Aeckern. Ihr Rauch zog in träger Langsamkeit darüber hin. Die Faulbeerbäume prangten rubinrot und trugen in ihrem Geäst Scharen von Amseln, die sich toll daran fraßen.
Stephanies Weinen verstummte allmählich. „Du mußt verzeihen, Papa! Es steckt soviel Egoismus in mir. Ich wäre jetzt so gern mit Hans Jörg an den Bodensee gefahren, und wenn es nur eine kleine Zweizimmerwohnung gewesen wäre. Aber ich begreife, daß er mich nicht brauchen kann. — Dir bin ich keine Last, nicht wahr?"
Er schlang den Arm um sie und nahm ihre kalten Hände zwischen die seinen, wollte fragen, ob sie der Meinung sei, eine Last für Hans Jörg zu bedeuten, aber er unterließ es. Es war gefährlich, den Finger an eine offene Wunde zu legen und in ein Feuer zu blasen, das nach loderte. So lenkte er das Gespräch von dem verfänglichen Thema ab, indem er ihr Die Grenzen, Die Wiesen und Felder zeigte, die zu Ichenhausen gehörten, ihr erklärte, wo die Felder begannen, die Merlinsches Gut waren. „Das ist jetzt alles dein, mein Kind!" sagte er liebevoll.
„Unser!" wehrte sie. „Wir werden sicher niemals in Meinungsverschiedenheiten darüber kommen, wem Das Ganze gehört. Aber ich wäre Dir sehr dankbar, wenn du mich ein bißchen einweihen würdest. Ich bin so furchtbar unwissend, was Landwirtschaft an- betrifft."
Er gab mit Freuden feine Zusage, und in den nächsten acht Tagen saßen sie allabendlich von acht bis Mitternacht zusammen, und Stephanie bekam Einblick in alles, auch in das, was Ichenhausen drückte.
Sie wurde sehr nachdenklich und stützte das Gesicht in Die Hand. „Er hätte eine viel, viel reichere Frau gebraucht", sagte sie und fuhr versonnen über bas aufgeschlagene Ausgabenbuch. „Ich hätte früher Darum wissen sollen. — Du hast nicht gut für deinen Sohn gewählt, Papa!"
Merlin erfchrak über die Maßen. „Steffie, Ich kenne mich nicht mehr aus In dir!"
„Nicht? —" Sie vermied es, ihn anzusehen und verfolgte den Weg, den eine Fliege über die Decke Des Plafonds machte. ,^Jch bin aber gar fein Rätsel, Papa! Ich klügle nur, wie sich alles machen läßt. Don dem, was mir die Mama allmonatlich zur Verfügung stellt, bezahlen wir die Löhne. Ich hoffe, daß es reicht. Die Zinsen meines Vermögens verwenden wir für Steuern und dergleichen. Meiner Berechnung nach bleibt noch etwas für' die Hypothekenzinsen. Wenn's nicht reicht, lasten wir wechseln."
„Mein Gott, Steffie, 'ch alter Mann mache eine | Dummheit um Die andere. Nun habe ich dich auch 1 noch mit diesen Geldsachen beschwert." Er suchte Ver
zeihung heischend in ihrem etwas blassen Gesichte und drängte, daß man zu Bett ging. Er konnte ihren Blick nicht mehr sehen, diesen Blick, der alles verriet, was sie innerlich litt.
Das Licht zuckte unter dem Ruck, mit dem Stephanie den Drücker herumdrehte. Den Arm durch Den seinen schiebend, fliegen sie gemeinsam die Treppe hinauf. Sie gab ihm den Gutenachtkuß und strich zärtlich seine Wange herab. „Es wird schon werden, Papa. Du tust mir so leid. Aber ich hoffe, dir doch einen Teil der Sorgen abnehmen zu können."
Ohne auf seine Antwort zu warten, nickte sie ihm noch einmal zu und verschwand hinter der Tür ihres Zimmers. Und bann lagen sie beibe schlaflos. Er von Vorwürfen gefoltert, baß er sie Einblick in alles hatte tun lasten. Sie in bem gequälten Gebanken, daß Hans Jörg mehr eine Frau um Ichenhausens, als um seiner selbst willen gebraucht hatte. — Aber nun gab es nichts mehr zu änbem. Sie war Baronin Merlin. Unb wer weiß, vielleicht war es bester, allein mit bem Schwiegervater hier zu fein, als mit bem Gatten bas Leben in Konstanz zu teilen.
Als sie enblich bas Licht löschte, tarn vom Gutshof herüber bereits ber Schrei ber Hähne. Fröstelnb kuschelte sie sich in bie Daunenbette unb zwang bas hämmernde Räberwerk ber Gebanken zur Ruhe. Es war zu spät zum Bereuen unb zu früh zum Ver- zagen.
Man mußte bas Leben laufen lassen, wie es lief. Unb wenn es fehlschlug, bann traf niemanben eine Schuld, als sie allein. Es wurde einem vom Schicksal immer'nur Das, was man selbst gewollt hatte.
*
Briefe gingen von Konstanz nach Ichenhausen und von dort hinunter an den Bodensee. Mal einer mehr, mal einer weniger. Nur von Wien tarnen ihrer viele. Sie waren immer ausführlich und aller Sorge voll, so daß Stephanie sich zuweilen gar nicht getraute, sie dem Schwiegervater zum Lesen zu geben. Nur bie unverfänglichen bekam er ausgehänbigt.
Anfangs November schrieb Elisabeth, baß sie sich mit bem Grafen Sacher verlobt habe, unb ba biefer auf rasche Hochzeit bränge, sei bie Vermählung bereits für Mitte Dezember geplant.
Hans Jörg sei oerftänbigt worben, und sie möchten beide ihre Ankunft frühzeitig bekanntgeben.
„Schreibe du nach Konstanz, bitte", sagte Stephanie und reichte dem Schwiegervater den Brief hinüber. „Wie ich ihn kenne, wird er obsagen. Schon unsere eigne war ihm damals zuviel Trubel."
Aber er sagte zu.
Merlin hatte völlig erloschene Augen, als er sie vier Tage vor der Hochzeit an die Bahn brachte. „Komm mir bald wieder, Kind", sagte er ein über das anöeremal. „Ich zähle die Stunden, bis ich dich wieder habe."
Eine Seligkeit ohnegleichen durchflutete sie. Sie tarn sich vor, als wäre sie nicht bie Schwiegertochter,


