Ausgabe 
28.2.1933 Erstes Blatt
 
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Aus der Provinzialhauptstadi.

Tierkrankheiten beim Menschen.

Don HanS-Wottgünq jRomberg.

In den letzten Jahren erregten einige Fälle von Papageienkrankheit großes Aussehen. Die drolligen Papageien und niedlichen Wellensittiche erwiesen sich plötzlich in einigen Fällen als Träger gefährlicher Krankheitserreger, die bei ihren Besitzern schwere, ja tödliche Krankheiten hervorriefen Wenn diese Fälle gerade wegen ihrer Seltenheit solches Auf­sehen machten, so gibt es anderseits Tierkrankheiten, die den Menschen häufiger gefährden. Das gilt für Personen, die viel mit Tieren umzugehen haben oder tierische Erzeugnisse, aber auch für uns alle, die wir Milch und Fleisch der Haustiere genießen.

Nicht ganz selten sind die Fälle, in denen die Maul- und Klauenseuche, die zeitweise große Der- hecrüngen unter unserem Viehbestand onrichtet, auch auf Menschen übertragen wird. Die Uebertragung erfolgt meist durch die Kuhmilch. Da der Krankheits­erreger durch kurze Erhitzung der Milch auf 85 Grad abgetötet wird, besteht die Vorschrift, daß die Milch während einer Epidemie nur nach entsprechender Vorbehandlung in den Verkehr kommen darf. Man­gelnde Sorgfalt in der Beobachtung dieser Vorschrift kann zu schweren, langwierigen und qualvollen Er­krankungen der Menschen, in schweren Fällen zu dauernden Entstellungen des Gesichts und der Fin­ger führen. Der Tierhalter kann daher in seinem eigenen wie im Interesse seiner Mitmenschen nicht gewissenhaft genug in der Beobachtung der gesund­heitspolizeilichen Vorschriften sein. Für den Ver­braucher empfiehlt es sich möglichst überhaupt keine rohe Milch zu genießen.

Auch der Erreger, der beim Vieh das so ge­fürchtete. seuchenhafteVerwerfen" verursacht, der Dangsche Dazlllus. kann beim Menschen ernst­hafte Krankheitserscheinungen auslösen. Er kann auf den Menschen sowohl durch die Milch der erkrankten Tiere wie beim Umgang mit den Tieren auch durch Eindringen in eine Haut» Verletzung übertragen werden. Er verursacht wo­chenlang anhaltendes Wechselfieber, das von Kops- und rheumatismusähnlichen Muskelschmer­zen und allgemeiner Schwäche begleitet ist, und oft lang andauernde Arbeitsunfähigkeit im Ge­folge hat. Der sicherste Schutz ist auch hier das Vermeiden des Genusses roher Milch unbekann­ter oder unsicherer Herkunft und das Erhitzen der Milch auf 80 Grad, das nicht, wie das Abkochen bei 100 Grad, den Nährwert der Milch verringert.

Weniger schlimm ist für den Menschen die Uebertragung der häufigsten Schweineseuche, des Notlaufs. Hier besteht die Gefahr nur, wenn beim Schlachten rotlaufkranker Tiere, Blut, oder beim Verarbeiten des Fleisches, Fleischsaft in eine Hautwunde eindringt. Oertliche Entzündun­gen mit starken Schmerzen in den Gelenken find die Folgen der, übrigens durch Serumbehandlung und andere Mittel vom Arzt meist leicht zu be­hebenden Krankheit.

Die Trichinose, hervorgerufen durch den Genuß trichinenkranken Schweinefleisches, kommt bei re­gulär durchgeführter Fleischbeschau kaum noch vor und kann deshalb außer Betracht bleiben, eben­so die durch Echweinefinnen hervorgerufenen Er­krankungen. Häufiger ist die durch die Rinber- finne hervorgerufene Bandwurmkrankheit. Das Abtreiben des Bandwurms sollte man dabei stets dem Arzt überlassen.

Eine sehr schwere, nach qualvollem Leiden meist zum Tode führende Erkrankung hat die lieber- tragung des glücklicherweise sehr seltenen Rohes von Pferd und Esel auf den Menschen zur Folge. Bei dem Umgang mit rotzkranken oder rotzver­dächtigen Tieren ist deshalb die allergrößte Vor­sicht nötig.

Dieselbe Vorsicht erfordert der gefährliche Milz­brand unserer Haustiere. Die Krankheit wird meist durch eine kleine Hautwunde übertragen. Es bildet sich in diesem Falle der Milzbrandkarbun­kel, ein bläuliches Bläschen mit geröteter Umge­bung. Nur schnelle ärztliche Hilfe vermag in den meisten Fällen Bettung zu bringen.

Das gleiche trifft für die Uebertragung der Tollwut auf den Menschen zu. Die Anzeichen dieser Hundekrankheit, die durch den Biß eines tollwutkranken Hundes auch auf alle Haustiere und auf Wild übertragen werden kann, sind nicht eindeutig, doch wird dem Hundebesiher, der seinen Hund kennt, das veränderte, scheue und unstete Wesen des Tieres in der Regel rechtzeitig auffallen. Dann ist es ratsam, den Tierarzt zu benachrichtigen, der das Weitere veranlassen wird. Verdächtige, frei herumlau­fende Hunde sind, besonders wenn sie Tiere oder Menschen gebissen haben, möglichst zu töten. Der Kadaver ist aufzuheben, und es ist unverzüglich die nächste Landiägerei oder Polizeistation zu benachrichtigen. Wenn Menschen von tollwut- kranken oder verdächtigen Deren gebissen sind, ist die Wunde unverzüglich gründlichst zu des­infizieren, und der Gebissene muß sofort dem Berliner Institut für Infektionskrankheiten ober dem hygienischen Institut in Breslau zugeführt werden. Die Schutzimpfung, die um so wirksamer ist. je früher sie erfolgt, ist unentgeltlich und ge­währt, rechtzeitig angewandt, fast sicheren Schuh.

Häufiger als durch die, infolge der strengen gesundheitspolizeilichcn Maßnahmen seltene Toll­wut wird die menschliche Gesundheit durch die Gier des Hundebandwurms gefährdet, die sich am Maule oder Felle des Hundes befinden können. Bei zu großer Zärtlichkeit mit Hunden, namentlich, wenn man sich von ihnen die Hände oder gar das Gesicht lecken läßt, können diese Eier in die Derdauungswege und von dort auch in andere innere Organe, besonders die Leber, einbringen, und unter Umftanben sogar recht schwere Krankheitsersch^inungen Hervorrufen. D.shelb soll man Heine Kinder, die sich der Liebkosungen der Hunde nicht erwehren können, und die ihre Finger und allerlei Gegenstände in den Mund stecken, nicht mit Hunden spielen lassen.

Bornotizen.

T a g e s k alen d e r für Dienstag' Stadttheater, 20 bis 22.30 Uhr.Da stimmt was nicht". Oberhessischer Kunstverein, Turmhaus am Brandplatz, 15 bis 17 Uhr, Ausstellung. Sp.-Vg. 1900, Cafe Leib, Faschingsredoute. Lichtspielhaus, Dahnhofstr.:Kamps um Blond".

Vom Konzertverein wird uns ge­schrieben: Für das letzte der Abonnementskon­zerte dieses Winters ist Prof. Wilhelm Back­haus gewonnen worden: mit ihm als einem der Prominentesten Künstler erfährt das Konzertjahr einen besonders würdigen Abschluß. Es bedarf bei Wilhelm Backhaus empfehlender Worte nicht, er ist der Pianist, der in allen Erdteilen von

Triumph zu Triumph gegangen ist und den wir Gießener stolz fast schon zu den Unsrigen rechnen dürfen, nachdem er lange hier gelebt und in vie­len Konzerten uns mit seiner hohen Kunst erfreut hat. Bisher ist es dem Konzertverein, alten Tra­ditionen getreu, noch gelungen, die namhaftesten unter den großen Künstlern für unsere Konzerte zu gewinnen. Das ist aber nur dann zu ermög­lichen, wenn die großen Ausgaben für solche Kon­zerte mit den Einnahmen in Gleichklang gebracht werben können. Der sich immer mehr verschlech- tembe Besuch unserer Konzertveranstaltungen läßt es sehr fraglich erscheinen, ob auch in Zukunft, wie bislang, nut besonbers bekannte und be­rühmte Künstler gewonnen werden können, der Vorstand sieht mit großer Sorge den künftigen Programmgestaltungen entgegen. Möge daher jeder, der einen solchen Künstler in unserer Stadt hören möchte, die Gelegenheit wahrnehmen! Die Eintrittspreise sind so niedrig wie möglich ge­halten und jedenfalls bedeutend niedriger, als sie sonst bei solchen besonderen Veranstaltungen ge­wesen sind. Alles Nähere in den Anzeigen und bei Emst Challier, Neuenweg 10.

Wechsel in der Leitung des Arbeits­amtes Gießen.

Am heutigen Tage tritt der Direktor des Arbeitsamtes Gießen, Regierungsrat Dr. DueS, von der Leitung dieses Amtes zurück, um wie bereits kurz gemeldet als stellvertreten­der Vorsitzender in die Leitung des Arbeits­amtes Köln einzutreten.

Regierungsrat Dr. Bues war seit 17.Septem­ber 1928 als Vorsitzender des Arbeitsamtes Gießen hier tätig. Unter seiner Leitung ist aus dem bis dahin verhältnismäßig kleinen Amt eine Behörde der Selbstverwaltung mit weitreichenden Aufgaben geworden. Nach außen hin wurde von Dr. Bues besonders in den letzten Jahren eine rege und für die seelische und wirtschaftliche Not der Arbeitslosen verständnisvolle Tätigkeit zur Förderung von Not­standsarbeiten und Maßnahmen des Freiwilligen Arbeitsdienstes sichtbar. In den letzten Wochen hatte das Notwerk der deutschen Jugend für den Bereich des Arbeitsamtes Gießen (fast die ganze Provinz Oberhessen) in ihm einen eifrigen Wegbereiter. Bei seinen Bemühungen zur Linderung der Arbeits- losennot ließ er sich nicht von engen bürokratischen Gesichtspunkten leiten, sondern gestaltete seine Maßnahmen aus der unmittelbaren Erkenntnis der täglichen Not heraus, aber er zögerte auch nicht, gegen mißbräuchliche Ausnutzung der Einrichtungen zum Besten der Erwerbslosen ohne jedes Ansehen der Person mit aller Strenge vorzugehen. Seine Maßnahmen zeigten auch volles Verständnis und weitgehende Hilfsbereitschaft für die Notlage des Mittelstandes, hier insbesondere des Handwerks, das ja immer eng mit dem Arbeitsmarkt verbunden ift Das Scheiden von Dt. Bues, der feit eini­gen Wochen auch einen Lehrauftrag für Arbeits­marktfragen usw. an der Landesuniversität erhalten hatte, bedeutet einen Verlust für alle Bestre­bungen, die in unserer Provinz auf umfassende Bekämpfung der Arbeitslosigkeit gerichtet sind.

Die vertretungsweise Leitung des Arbeitsamtes Gießen hat zunächst Direktor Braunersreu- t h e r aus Kassel übernommen. Die endgültige Wie­derbesetzung der Stelle des Leiters soll etwa zum 1. April erfolgen. Der bisherige 2. Vorsitzende des Arbeitsamtes Gießen, Dr. Kohl, ist seit 1.Januar mit der kommissarischen Verwaltung des Arbeits­amtes Marburg betraut.

Handwerkenwi!

Unter dieser Ueberschrift wird uns von der Schreinermeister Vereinigung Gießen geschrieben:

Unsere Maschinen stehen still, unsere Werkstätte leer, unsere Arbeitskräfte find entlassen, weil wir keine Arbeit haben. Obgleich unsere Not, die in die­sen Verhältnissen ihren deutlichen Ausdruck findet, den städtischen Körperschaften hinlänglich bekannt ift, mußten wir die betrübliche Feststellung machen, daß trotzdem die Außentüren für die neue Schule in den Eichgärten als Stahltüren vorgesehen und im Betrage van mehr als 3100 RM. nach auswärts vergeben sind. Don feiten der Stadtverwaltung wird behauptet, die Türöffnungen seien zu groß, um die Türen in Eichenholz ausführen zu können. Dieser Behauptung muß ganz entschieden widersprochen wer­den. Es könnten sehr wohl diese Türen aus Eichenholz ausgeführt und nebst den Kämpfern so konstruiert wer- den, daß sie in keiner Weise den Stahltüren nachstehen würden. Im Gegenteil! Den Stahltüren haften ver­möge ihrer Herstellung aus schwerem Metall Män­gel an, die die Eichenholztüren nicht aufweisen. Das hiesige Handwerk, insbesondere die Schreiner und Schlosser, sind daher im höchsten Maße erbittert, daß ihnen hier wieder einmal Arbeiten varenthalten wurden, durch die mehrere Handwerksmeister mit entsprechendem Arbeitspersonal für eine gewiße Zeit Beschäftigung gesunden hatten und daher die lieber» tragung dieser Arbeiten an das hiesige Handwerk die unbedingte Pflicht der Stadtverwaltung hätte fein müssen. Wir vermögen uns des Eindrucks nicht zu erwehren, daß bei den städtischen Körperschaften das nötige Verständnis gegenüber der Handwerker­not nicht überall vorhanden ist und daß in vorliegen­dem Falle die Befriedigung desÄünftlerauges" der Rücksichtnahme auf diese Notlage keinen Raum ließ.

Im Gegensatz zu diesem Mangel an Verständnis für unsere Belange war sofort ein anderer Geist lebendig, als es galt, die Fortbildungsschule mit einer Schreinerei-Maschine auszustatten, die einen Kostenaufwand von 1400 RM. erfordert, die aber nach unserer Aufsasinug mehr Unterhaltungs-, als Ausbildungszwecken dienen kann und als voll­ständig zwecklos bezeichnet werden muß.

Es ist nur zu bedauern, daß auch in den Kreisen der Stadtratsmitglieder nicht mehr Verständnis für unsere Belange hervortrat, so daß nur ein geringer Teil des Stadtrates sich der Vertretung unserer Belange in unserem Sinne annahm. Handwerk wache auf!"

** Wechsel in der Oberpostdirektion Darmstadt. Präsident Leister der Oberpost­direktion Darmstadt tritt infolge Erreichens der Altersgrenze mit Ablauf des Monats Mai in den dauernden Ruhestand. Der Reichspostminister hat ihn bereits vom 1. März ab beurlaubt

Stimmscheine rechtzeitig befor- gen! Wer am 5. März einen Stimmschein benötigt, darf mit dem Antrag nicht bis zum letzten Tage warten, es besteht sonst die Gefahr, daß der Antrag nicht mehr rechtzeitig erledigt werden kann. Kleine Gemeinden stellen Stimmscheine noch am Samstag aus, in größeren deutschen Gemeinden können An­träge auf Stimmscheine am Samstag nicht mehr entgegengenommen werden.