Ausgabe 
28.2.1933 Erstes Blatt
 
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Nr. 50 Erstes Blatt

183. Jahrgang

Dienstag, 28 Zebruar 1935

GietzenerAnzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

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Dr. Friedr. Wilh. Lange. Verantwortlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Gange; für Feuilleton Dr H.THynot; für den übrigen Teil Ernst Diumschein und für den An­zeigenteil i. D.TH.Kümmel sämtlich in (Biegen.

Feldmarschall SrafSchlieffen

Zur hundertsten Wiederkehr seines Geburtstages am 28 Februar 1933. Don F'iedrich von Boetticher Generalmajor

Am 1. Juli 1844 weilte König Friedrich Wil­helm I,V. in der Gegend von Niesky, der Stätte segensooller Erziehungsarbeit der Herrnhuter Brü­dergemeine. Seit vier Jahren war dort bei der ftnabenanftalt die militärische Ausbildung einge­führt, einRegiment" aus den Schülern gebildet worden.Zucht, Pünktlichkeit und Ordnung" in straffem Exerzieren, bei Paraden und Felddienst­übungen zu fordern,treue Kameradschaft, freudige

Aufopferung, völlige Unterordnung unter ein ge­meinsames Gesetz und Schulung des Charakters" den Kindern anzuerziehen,die ganze Begeifterungs- fähigkeit des deutschen Knabengemüts in den Dienst Der Sache zu stellen", war das Ziel der über das Spiel weit hinausgehobenen militärischen Uebungen.

Der König nahm eine Parade über dasNieskyer Regiment" ab. Einer von den Knaben, die er dort begrüßte, war Graf Alfred Schlieffen. Ein elfjähriger Junge, dessen Vater, durch Krankheit zu vorzeitigem Abschied aus dem militärischen Dienst veranlaßt, als Besitzer des Gutes Groß-Krausche bei Gnadenberg lebte. Diese Knabe wird einmal 1866 unter König Wilhelm als Generalstabsoffizier im Stabe des Kavalleriekorps des Prinzen Albrecht bei Königgrätz mitkämpfen, er wird 1870 71 im Stabe des Großherzogs Friedrich Franz von Mecklenburg im Winterfeldzug an der Loire reiche Kriegserfah­rung sammeln, er wird von 1876 ab mehr als sieben Jahre lang das 1. Garde-Ulanen-Regiment führen, im Generalstabe dann ein hervorragender Mitarbei­terter oes Feldmarschalls Grafen Moltke und der erste Berater seines Nachfolgers, des Grafen Wal- berfee, fein, er wird vom 7. Februar 1891 bis zum 31. Dezember 1905 die höchste Stellung bekleiden, die Kaiser Wilhelm II. einem Soldaten zu geben hat, wird als Chef des Großen General ft a- b e s der Lehrer und geistige Führer des deutschen Heeres werden, als der Mann, der sich nach harter 21rb.<; and tiefem Denken im Besitz weiß desGe- heimniffes des Sieges".

Bei Uebungen feinesRegiments" in Niesky, die fo angelegt sind, daß den Knaben militärische Groß­taten der deutschen Geschichte verständlich werden, erhält er die ersten Anregungen für das Studium der Kriegsgeschichte und berichtet darüber den El­tern. Den 21 Jahre alten Fähnrich weist der Vater auf die Kriegsgeschichte hin,Die mitten hineinführt in die großen begeisternden Ausgaben des großarti­gen Berufes". Am Abend feines Lebens wird Dann Der FelDmarfchall Die Offiziere mahnen, Kriegs­geschichte zu treiben, weil sichauf Dem GrunDe Die Erkenntnis finDet, wie alles gekommen ist, wie es kommen mußte und wie es wieDer kommen wird".

Dem empfänglichen Knabengemüt hat Niesky nicht bloß erste militärische Eindrücke gegeben. In dem das Leben bejahenden, Tatkraft, Opfer­freudigkeit und Furchtlosigkeit wecken­den frohen Christentum der Brüdergemeine fand Alfred Schlieffen den starken Halt seines Lebens. Der 23. Psalm wird ihn in Not und Glück immer wieder im Glauben daran stärken,daß das die rechte Straße war, die mich der Herr führte"; und wie Bismarck, dessen Größe er schon 1866 erkennt, ist auch Schliefsen in Feldzügen und Friedensarbeit bis zu seinem Lebensende begleitet oon Den Losungen Der 'BrüDergemeine mit ihrem Gvtteswort für jeDen Tag.Ich halte mich an Die HanD, Deren reiche Hilfe ich genugsam erfahren habe. In Dieser freuDigen Zuversicht roerDe ich mei­nen Weg gehen", schreibt er 33 Jahre alt. Zu Furcht­losigkeit, geistiger Freiheit unD Unabhängigkeit sich DurchkärnpfenD. lehnt er Die Furcht vor dem Tode ab und bekennt sich imAlter von 36 Jahren zuDer vollstänDigen, ungetrübten Gewißheit, in Dem ToDe Den Triumph, Den Sieg, Den Abschluß Des Pilger­laufes" zu finden.

Graf Schliessen war ein Kämpfer sein ganzes Leben hindurch. Immer wieder prüft er sich und glaubt, an sich viele Mängel zu entdecken:In Men­schen mit einigen guten Regungen und vielen Mängeln und Schäden erkenne ich mich selbst und die meisten anderen wieder, die mir das Leben ent= tzegenführt." Bis zum 35. Lebensjahr zweifelt er, ob

An der Brandstätte im Reichstag.

Ein Bild wüster Zerstörung. - Schwerer Schaden im plenarsihungssaal. Die Spuren der Brandstiftung.

B e r l i n, 27. Febr. (GZR3.) Kurz vor Mitter­nacht wurde Pressevertretern gestattet, das Reichs­tagsgebäude zu betreten. Gleich das Vesti - bul, das man nach Passieren von Portal II be­tritt, gibt einen Eindruck von der Arbeit der Feuerwehr. Die Reihe der metallenen Ritter­statuen an den Wänden wie überhaupt die breite Freitreppe im Innern und der ganze Raum alles das ist unversehrt, aber es türmt sich ein Gewirr von Schlauchleitungen und Kabeln der Feuerwehr. Aus der Wan­delhalle dringt beizender Qualm. Dom Brand direkt ist hier noch nichts zu sehen. Der rote Teppich ist unversehrt, die Wandelhalle ist hell erleuchtet, die Beleuchtung funktioniert hier also noch. In der Mitte des Rundteils der Wandel­halle steht wie immer das Denkmal Kaiser Wilhelms I. Auch die Fahne ist verschont, ob­gleich das Feuer bis wenige Meter von ihr ge­wütet hat.

3m Restaurant bekommt man einen Begriff von der unheimlichen Arbeit des Brand­stifters: er hat Die hölzerne W and- täfelung gleich rechts an der Einganastür ne­ben dem Buffet in Brand gesetzt. Das ist ihm offenbar mit Hilfe der Portiere gelungen. Meh­rere Quadratmeter der schönen Wandtäkelung sind verbrannt. Die Feuerwehr hat jetzt halbverkvblte Stücke herausgerissen, um ein weiteres Umsich­greifen des Feuers an dieser Stelle zu verhin­dern. Das Restaurant ist Dann im übrigen auch vollkommen erhalten geblieben.

Dagegen bekommt man einen grauenhaften Ein­druck, wenn man über das Durcheinander der Schlauchleitungen an den Sitzungssaal herangeht. Rings um den großen Sitzungssaal befindet sich ein Umgang, in dem die Abgeord­neten sonst zusammenzustehen pflegen. Hier sind Sessel, Sofas und Tische. An den Sitzungstagen sieht man die Abgeordneten hier Besuche emp­fangen, sich einen Augenblick ausruhen und Briefe diktieren. Ietzt ist hier ein ödes Trümmer­feld. Der Fußbodenbelag quietscht von Wasser. Man muß an manchen Stellen durch tiefe Pfützen waten. Am stärksten ist der Teil des Umgangs mitgenommen, der sich hinter d e m Präsi­dentensitz befindet.

3m Sitzungssaal selbst ist nichts zu erkennen als Z e r ft ö r u n g. Der riesige Kaum ist ein einziges broDelnDes Meer von Bauch und Dampf. An Der Pressetribüne züngeln noch ein­zelne Flammen empor. Auf Der entgegengesetzten Seite, wo sich in gleicher höhe Die Logen befin­den, Die Der Reichsregierung, Den Abgeordneten und den Diplomaten Vorbehalten sind, ist ein Teil eingestürzt. Die Holzkelle sind ver­brannt, Träger und Gestänge heruntergestürzt. Nichts ist zu erkennen von dem Gestühl der Abgeordneten, die die tiefer liegende 23o- denfläche ausgefüUt haben. Durch Qualm und Rauch steht man nur in ein riesiges schwarzes Loch hinein. Zu ihm gehört

Der militärische Berus seinen Fähigkeiten entspreche, ob er bei seiner großen Kurzsichtigkeit Aussicht auf höhere Stellen habe, unD schreibt, Daß er,an Den ScheiDeroeg zurückgestellt, wo wir unwissenD wählen müssen, keinen von Den breitgetretenen Wegen, son­dern einen neuen verfolgen" würDe. Noch als er Zum Chef Des Großen Generalstabes ernannt wirb, zeichnet er auf, es fei ihmbange zu Mut". Aber in starkem Glauben packt er Dieschwere Ausgabe": 5tf) habe Die feste Zuversicht, Daß Der Herr, Der mich bisher immer gnädig unD zu meinem Besten geführt hat, mich auch jetzt in einer Lage nicht ver­lassen roirD, in Die er mich ohne mein Zutun und ohne meinen Wunsch gesetzt hat."

Alswichtigsten Wendepunkt" seines Lebens bezeichnete er, längst auf den Höhen des mili­tärischen Lebens stehend seineBermählung mit seiner Base, Gräfin Anna Schliessen. Ein kurzes Glück und viel Trauer und Elend" hat ihm der Herzensbund mit dieser erhabenen, schlichten Frau gebracht, dieDer Mittelpunkt seines Seins" war unD Die in ihmDie größte irdische Seligkeit" erblickte. Rach kaum vierjähri­ger Ehe riß 1872 der Tod von Der Seite Schlieffens Die Frau, Die sein Leben bestimmt bat. Bon da ab steht er über dem Schicksal. Er reift zu dem Manne, dernie eine Stelle be­gehrt", sichnie um die Liebe der Borgesetzten, noch um die Gunst des Kaisers" bewirbt. Er lebt in großartiger Unabhängigkeit und dabei in kluger Ausübung der Kunst der Menschenbchandlung seinen großen Aufgaben; in bewußtem Gegensatz zu feinem Borgänger Wal- dersee, der nach Bismarcks Urteilvon ungesun­dem Ebraeiz beseelt" war, hält er sich von Der Politik fern unD beschränkt sich Darauf, in be­wegten Zeitengewöhnlich einmal wöchentlich" Holstein aufzusuchen, um seiner Pflicht gemäß sich über Das politische Geschehen zu unterrichten.

Denn als eine Fortsetzung Der Po­litik mit anDeren Mitteln betrachtete Dieser BewunDerer und Schüler von Clausewitz den Krieg. Schlieffen erkannte, daß die Politik, die Frankreich und Rußland zu einem Militär­bündnis führte, die Politik Englands, die es spä-

auch Der Teil Des Sitzungssaales, Der einst er­höh! war, unD wo Die Plätze Des Präsi­denten unD Der Schriftführer, Die Bänke Der Reichsregierung unD Des Reichsrates waren. Dieser ganze Aufbau ist r a D i f a l a b - gebrannt und oerschwunDen. Gespen­stig stieben zuweilen noch immer von Der Decke her roilDe Funken Durch Diesen Raum Des Grauens. Wie Das verheerenDe (Element gewütet hat, Davon legt in Dem Umgang genau hinter Dem Sih Des PräsiDenten unter Der Decke e i n eiferner Querträger Zeugnis ab, Der von Der Hitze roie ein Hufeisen ver­bogen ist.

In der schönen Vorhalle, in der sich die Zimmer des Reichskanzlers, des Reichstags- Präs denien und des Außenministers anschließen, bekommt man ein Bild von der raffi­nierten Technik der Brandstiftung. Der Verbrecher hat das Feuer an eine Tür ge­legt und mit dem Brennstoff auf dem Teppich eine Dahn nach der nächsten Tür gegossen, damit auch sie ersaßt wurde. Er wollte auf diese Weise offenbar Durchzug

schaffen, um das Feuer weiterzutragen. Man kann auch von dieser Seite des Gebäudes her in einen Binnenhof sehen und erkennen, wie es im Zwischenstock immer noch brennt. Es brodelt immer noch ein Gemisch von Rauch und Funken heraus, und in den Räumen sind Feuerwehr­leute bei ihrer schweren Arbeit. Auf einem der äußeren Fenstersimse kniet ein Feuerwehrmann, der sich am Fensterkreuz festhält. Cs wirkt grotesk für den Beschauer, wie er an dieser gewaltigen Brandstätte durch den Rauch hindurch von außen her seinen Kameraden mit einer Fackel leuchtet. Im Flur ist eine Reihe von Telephonzel- l e n ausgestellt. Die Zellen sind in Ordnung. Selbst das kleine rote Glühlicht in der Zelle, Das dem Suchenden im Dunkel zeigen soll, wo der Lichtschalter angebracht ist, glüht wie immer. Dec Telephonapparat gibt dem Ohr beim Hörerauf- hcben ordnungsmäßig die gewohnten Tonzeichen. Man wählt das Amt, aber kein Amt meldet sich. Die Leitungen müssen doch zerstört fein. Die Bi­lanz der Zerstörung: Erhalten sind die Räume, Die nach außen liegen. Zerstört i st Der Mittelteil, also vom Sitzungssaal unten bis zur gläsernen Kuppel, Die während des Brandes glühendrot weit in den Tiergarten hinein leuchtete.

Vor einer neuen Notverordnung gegen die kommunistische Gefahr.

Berlin, 28. Febr. (CNB. Funkspruch.) Das Reichskabinett hat Den ausführlichen Bericht Des Reichskommissars für Das preußische Innen­ministerium Reichsminister Göring entgegenge­nommen. Das Reichskabinett roirD auf GrunD Die­ser Mitteilungen Dem Reichspräsidenten noch heute Den Erlaß einer NotverorDnung zum Sch utze Des Volkes vor Der kommuni­st i s ch e n Gefahr Vorschlägen. Sie roirD roeit- gehenDe Eingriffe in Die persönliche Freiheit zu- lassen. Es ist einroanbfrei erwiesen, Daß kom- munistische Führer mit Der BranDstiftung im Reichstag im Direkten Zusammenhang stehen, fer­ner, Daß Die Kommunisten Terrorakte vor­bereitet haben, gegen Die ein sofortiges Ein­schreiten mit Den allerschärfsten Mitteln sich als votwenDig erweist. Es ist festgestellt roorDen, Daß die Provokateure zum Teil auch in Der Uni­form Der Polizei, Des Stahlhelm unD Der S21. auf treten. Der festgenommene BranD- ftifter hat ausgesagt, Daß er auch mit sozial- Demokratischen Führern in Verbin- D u n g gestanDen habe.

Von unterrichteter Seite verlautet, Daß Die Ver­hängung Des militärischen Aus - nahmezustanDes nicht beabsichtigt ist. Die Maßnahmen, Die Das Reichskabinett plant, sind aber gleichbeDeutenD mit Dem Ausnahmezustand Sie roenDen sich leDiglich gegen Die kommunistische Ge­fahr. Es ist feftgeftcUt worden. Daß Der AbgeorDnete Münzenberg Der geistige Leiter Dieser Terror­

aktion war. Er ist nicht auszufinDen und konnte Deshalb noch nicht verhaftet werben.

Zahlreiche Festnahmen in Berlin.

Berlin, 28. Febr. (CNB. Funkspruch.) Die Po­lizeiaktion, im Zusammenhang mit Dem Brand im Reichstagsgebäude, bei der die gesamte Exekutive der Kriminalpolizei in Stärke von 250 Mann mit- wirkte, führte zur Fe st nähme von etwa 100 Personen, unter ihnen Lehmann Ruhbüld, Dti Rechtsanwälte Barbach, Apfel und Litten,

Unter den Verhafteten befinden sich sehr viele Mitglieder der RGO. (Revplutionäre Gewerkschafts-Opposition); u. a. sind festgenommen die Reichstagsabgeordneten T o r g - ler. Der sich selbst gestellt hat, unD Remmele. Der kommunistische StaDtrat Schminke, Der Ber­liner StaDtarzt Dr. H o d a n, Die Schriftsteller Erich Mühsam und LuDwig Renn, ferner Hans von Zwehl, Bernhard Rubinstein, O s s i e tz k i, Paul Tribe, Wilhelm Wittkowski, Walter Stöcker und der Studienrat des Köllnischen Gym­nasiums Dr. Ausländer, der Mitglied des Land­tags und-Führer der kommunistischen Lehrerorgani­sation ist. Egon Erwin Kisch, die Abgeordneten Willi S ch u b r i n g, Willy Kasper, Werner Schölern und Der Verantwortliche Redakteur derRoten Fahne", Ernst Schneller. Oberreichsanwalt Werner ist heute mittag in ^Berlin eingetroffen, um persönlich die

ter immer entschiedener an Deren Seite trieb, schließlich in einem Vernichtungskriege gegen D eu tschland ihre Fortsetzung finden müsse. Ebenso sah er ganz klar, daß von Italien kaum etwas erwartet werden dürfe, daß Deutsch­land und die Sonaumoncrj,ie auf ihre eige­nen Kräfte angewiesen seien. Es wurde Aufgabe seines Lebens, diesen Krieg um Deutsch­lands Bestehen vorzubereiten: einen Krieg also gegen mehrere, Deutschland von wenigstens zwei Fronten bedrohende Gegner, einen Krieg ge­gen eine gewaltige Uebermadjt, der mit Heeren von einer Gröhe zu führen war, wie sie die Weltgeschichte bisher noch nicht ge­kannt hatte.

Für den Kamps auf der inneren Linie gegen mehrere, durch Deutschlands Lage getrennte Feinde wollte Schlieffen überlegene Kräfte ge­gen einen der Gegner zusammenfassen, wäh­rend die anderen nur mit ganz schwachen Kräften zu beschäftigen blieben. Dieser Gegner sollte ent­scheidend geschlagen, vernichtet werden, damit der Feldherr dann eine Liebermacht gegen eine andere Front versammeln konnte. So wird die Lehre von der Dernichtungsschlacht, die Lehre Friedrichs des Großen, wiedererweckt und von Schliessen mit größerem Rachdruck gelehrt als je vor ihm. Er hat erkannt, was kam, als ob er wie ein Seher in die Zukunft blickte, daß ein Mißlingen des vernichtenden Schlages gegen Frankreich zu einem Hinschleppen des Krieges, zum Stellungskrieg, zur Einmischung außenstehen­der Mächte, zu all den Folgen für die Wirt­schaft, für Den Kulturzustand Der Völker führen würde, die in Wirklichkeit eingetreten sind.

Bia zum Ende seines Lebens in der Kriegs­geschichte forschend, erkannte Gras Schliessen, daß die Gesetze der Geschichte, nach denen in den großen Entscheidungskämpfen feit dem Altertum um das Schicksal der Völker gerungen wird, ebenso für die Millionenheere gelten, wie für die kleineren Heere früherer Zeiten. Mit den großen Heeren freilich, zu deren Führung Schlieffen den Generalstab erzog, braucht man Tage und Wochen I für eine Operation ähnlich der, die Friedrich der *

Große bei Leuthen in wenigen Stunden durch- führte. Ewig wahr aber bleibt, daß wie bei Leuthen auch bei den Riesenfchlachten der hun­dertmal größeren Heereein entscheidender Sieg nur möglich ist, wenn der Rücken oder wenigstens die Flanke des Gegners zum Ziel des Angriffs gemacht wird". Den Punkt zu erkennen, wo (Snr- fdjeiöung und Sieg zu erhoffen sind, an ihm eine Uebennacbt zu versammeln, andere Fronten rück­sichtslos zu schwächen und den Wagemut für großes Handeln aus dem Bewußtseindes Bei­standes und des Schuhes einer höheren Macht" Au besitzen: das ist dasGeheimnis des Sieges".

Graf Schlieffen hat mit seinen Offizieren alle Möglichkeiten des Krieges im Osten und im Westen, jede nur denkbareFortsetzung der Politik mit anderen Mitteln" durchdacht. Mit feinem Humor stand er den Menschen und Den Aufgaben feiner Zeit gegenüber, täglich rang eT sich zu geistiger Freiheit durch, indem er gleich Friedrich dem Großen in geistiger Tätig­keit Erholung zu finden wußte von der Alltäa- lichkeit.

Am 4. Ianuar 1913 Ichloß er die Augen. Im folgenden Iahre hat der Krieg gezeigt, daß alles, was er gelehrt hatte, der Wirklichkeit des Krieges entsprach. Wo man seinen Leh­ren nicht folgte, traten Mißerfolge ein. Der Ge­danke der Schlacht bei Tannenberg aber entsprang dem Geist Schlieffens und wurde von dessen Schüler durchgeführt, der schon früher in einem bei Friedensübungen geführten Kampf gegen die Liebermacht seine Zustimmung gesunden hatte, vom Generalfeldmarschall von Hindenburg.

Friedrich der Große und Graf Schliessen sind die beiden großen Meister, die den Krieg gegen mehrere Fronten und den Kampf gegen d i e Liebermacht gelehrt haben. Die Waffen mögen sich ändern, die Taktik mag neue Formen suchen, die Grundsätze Der Meister und ihre Persönlichkeiten bleiben Vor­bild und Grundlage deutschen Schick­sals für Gegenwart und Zukunft.