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Er stand noch lange auf demselben Fleck, nachdem Marlene sich längst entfernt hatte, und ihm war noch immer, als umspannten schmale, warme Finger seine Rechte als lächle ein reines Mädchenantlitz zu ihm auf, als sähen ihn die schönsten Blauaugen der Welt dankbar an. Und wieder glaubte er die so überaus sympathische Altstimme singen zu Horen:
Du bist wie ein Wunder, das zu mir kommt, Das mir in Not und Jammer frommt —
Er legte die Rechte gegen die Stirn, besann sich. Wie ging das Lied eigentlich weiter? Er besaß doch ein ausgezeichnetes Gedächtnis, behielt.leicht, was ihm besonders gefiel, selbst wenn er es erst einmal gehört hatte. Ach ja, jetzt erinnerte er sich.
Leise sprach er vor sich hin:
Auf das ich gewartet seit Jahr und Tag, Weil niemand sonst mich erlösen mag, Weil niemand die Kraft hat. Nur du, nur du! Du bist mein Wunder, mein Glück, meine Ruh'l (£r trat an seinen Schreibtisch zurück, und ihm war, als fühle er sich merkwürdig leicht und frei. Zum erstenmal seit langer Zeit. Es schien, als |et der ständige Alpdruck, den er seit dem furchtbaren Geschehnis vor zwei Jahren immer mit sich Herumtrug, etwas gewichen. Er empfand die Last nicht mehr so überschwer, so dumpf und marternd. Ihn beherrschte Dankbarkeit gegen Marlene Werner, und er dachte, wie gut es doch war, daß sie der Zufall nach Maltstein geführt hatte. Vielleicht half sie, die finsteren Schatten verjagen die sich hier eingenistet hatten. Ein leichtes Frohgefühl erfüllte ihn und Hoffnung auf etwas glücklichere Tage.
Einen Moment lang war er freilich wieder verstimmt, als er an Roberta dachte. Er wollte die unangenehme Sache lieber sofort erledigen. Aber er wußte nicht, wo sich Roberta augenblicklich befand. Ihm fiel ein, sie war wohl noch in der Bibliothek. Sie hatte doch durchaus die Bücher ordnen wollen. Er ging deshalb in die Bibliothek, fand aber zu feinem Erstaunen die beiden Gesellschafterinnen seiner Mutter dort.
Marlene berichtete ihm, daß Roberta Olbers keine Luft mehr gehabt habe, die Bücher zu ordnen.
Er sah sich befremdet um.
„Ich meine fast, so wirr hätte es hier nicht aus- gesehen, nachdem das Regal umgefallen war."
Olga lachte: „Fräulein Olbers hat alles noch mehr durcheinandergebracht."
Er nickte. „Es scheint mir auch so!" Er ging wieder.
Draußen, auf dem Wege zu den Pferdeställen, kam ihm Roberta entgegen.
Er blieb stehen. „Ich suche Sie, ich habe Ihnen etwas zu sagen, Fräulein Olbers!"
Sie sah ihn fragend an. „Bitte, Herr von Malten." Er spürte eine leichte Verlegenheit, fuhr aber schnell fort: „Ich habe es mir überlegt und bitte Sie, dem Knecht Wollner nicht zu kündigen!"
Robertas Brauen bewegten sich nervös.
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Er war rasch an ihrer Seite. Ihm war, als höre er noch immer ihre weiche bestrickende Stimme wie vorhin singen:
Du bist wie ein Wunder, das zu mir kommt, Das mir in Not und Jammer frommt.
Er hielt sie ganz leicht am Arme fest.
„Sagen Sie mir doch Ihre Bitte. Ich freue mich, daß meine Mutter mit Ihnen so besonders zufrieden ist. Wenn Sie nichts Unmögliches von mir verlangen, ist Ihre Bitte schon gewährt, ehe ich sie kenne." ....
Marlenes Augen strahllen den Mann ganz glücklich an. .
„Oh, das wäre herrlich! Ich wäre Ihnen sehr, sehr dankbar!"
Sie hatte einen Augenblick alle Scheu verloren, weil um den Mund des Mannes ein so gütiges Lächeln lag. Sie begann lebhaft von ihrer Begegnung mit Frau Wollner zu erzählen; aber sie unterließ, irgend etwas zu wiederholen, was diese über Roberta Olbers geäußert hatte. Sie schilderte nur, in welcher Verzweiflung die Frau gewesen war und welche besonders große Angst sie vor der Zukunft hätte, um ihrer Kinder willen.
Achim von Malten machte keinen Versuch, Marlene zu unterbrechen; aber das Lächeln um seinen Mund schwand bald, und schließlich sagte er sehr zögernd:
„An diese Bitte habe ich nicht im entferntesten gedacht, sonst wäre ich nicht so vorschnell gewesen. Ich gestehe Ihnen offen, Fräulein Werner, ich habe meiner Inspektorin auf ihre Anfrage erlaubt, den Menschen zu entlassen; aber ich versprach Ihnen jetzt Gewährung Ihrer Bitte, wenn es sich um nichts Unmögliches handelt, und ich halte mein Ver- sprechen."
Er hatte es fast ein wenig unwillig gesagt. Dach davon merkte Marlene nichts; sie hörte nur, daß die Familie Wollner Maltstein nicht zu verlassen brauchte, daß der Knecht hier weiter sein Brot verdienen durfte. Sie erinnerte sich an die erregte Frau, und ihr Gesicht war übersonnt von der reinen Freude, ein gutes Werk getan zu haben.
Impulsiv griff sie nach der Rechten Achim von Maltens und drückte sie ganz fest.
„Vielen herzlichen Dank, Herr von Malten! Ich freue mich ganz unbeschreiblich."
Er hatte noch eben mit einem peinlichen Gefühl an Roberta Olbers gedacht; aber diesem glücklichen Gesicht gegenüber schien es ihm mit einemmal nicht mehr wichtig, wie Roberta es aufnehmen würde, daß er eine Maßnahme von ihr wieder umstieß.
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Achim von Malten nickte: „Sie werden sie schon gelegentlich sehen. Vorläufig werde ich es ihr bestellen."
,AJa, sein'n Sie so jut, Herr von Malten, und sagen Sie ihr man, an mir hat sie een' Ritter je- funden, der sich vor ihr in Stücke hauen läßt, wenn et nötig ist."
Er ging. Als er außer Hörweite war, mußte Achim lachen. Ganz laut und lustig. Es war zu drollig gewesen, daß sich Wollner einen Ritter genannt hatte.
Verwundert sah Roberka ihn an. Ein lautes Lachen hatte sie seit zwei Jahren nicht mehr von dem Jugendfreund gehört. Das Lachen schien er dieser Gesellschafterin zu verdanken, diesem Nichts mit dem Alltagsgesicht und den gräßlichen Riesenaugen.
Sie konnte, obwohl es tiug gewesen wäre, ihren Groll nicht stumm hinunterschiucken. Sie jagte: „Es kränkt mich, daß ich plötzlich beiseite geschoben werde wie eine Ueberflü||ige. Es muß mich kränken, weil meine Ratschläge unbeachtet bleiben, weil ich eben vor dem Kerl lächerlich gemacht worden bin."
Fast schien es von Mallen, als hätte Roberta recht. Nie hatte er bisher daran gedacht, eine Angelegenheit, die sie, noch dazu mit seiner Zustimmung, endgültig geordnet, wieder umzustoßen. Sie bewirtschaftete Maltstein zu seiner vollsten Zufriedenheit; er selbst hatte in den letzten zwei Jahren kein Interesse dafür gehabt, war froh gewesen, daß er sich um nichts zu kümmern brauchte.
Er antwortete: „Sie haben sich so, wie ich die Angelegenheit jetzt gedreht habe, gar nichts vergeben, Fräulein Olbers, und das ist die Hauptsache!"
Er grüßte freundlich und wandte seine Schritte dem Park zu. Er verspürte zum ersten Male seit langer Zeit Verlangen, im Park spazierenzugehen.
Spätnachmittag war es, unb die Sonne machte chon ein müdes Gesicht, ließ aher all ihr Gold, das ie für heute noch übrig hatte, niederträufeln auf las kleine Stückchen Erde an b^r böhmischen Grenze.
Roberta war stehengeblieden und begrif nicht, daß Achim von Malten den Park ausiuchte, den er seit langer Zeit ebenso mied wie Wanderungen in die Nachbarschaft. Er saß nur immer in seinem Zimmer und fing Grillen, spann sich ebenso in Verzweiflung ein, wie feine Mutter es tat. Ganz verwandelt schien er ihr heute. Es war nicht schwer, den Grund dazu zu erraten. Marlene Werner nannte er sich, und es hieß aufpaffen, sonst war es
„Herr von Malten, ich habe dem aufsässigen Men- ■ scheu bereits gekündigt!"
„Dann machen Sie die Kündigung rückgängig."
„Dadurch würde ich mich um den Respekt bringen", entgegnete sie, und er hörte deutlich Aerger in ihrer Stimme.
„Damit vergeben Sie sich gar nichts. Im Gegenteil, man wird ihnen die Meinungsänderung hoch anrechnen", beharrte er auf feinem Willen. „Wollner wird sich wahrscheinlich von nun an zusammen- nehmen und —" Er unterbrach sich: „Da kommt er ja gerade. Also kann ich die Sache gleich selbst ins Reine bringen."
Er achtete nicht auf das, was ihm Roberta Olbers zuflüsterte, sondern winkte dem Knecht. Der schob sich mit derbem Schritt heran. Sein Gesicht war gutmütig, aber ein wenig leichtsinnig. Er stand vor seinem schlanken Herrn wie ein plumper, breiter Bär.
Achim von Malten begann: „Sie dürfen jiuf Ihrem Posten bleiben, Wollner; aber lernen Sic, Ihren Mund nicht überflüssig aufzumachen, weil ja doch nichts Gescheites rauskommt. Fräulein Olbers will es noch einmal mit Ihnen versuchen. Es hat jemand für Ihre Frau und Kinder gebeten; deshalb will Fräulein Olbers noch einmal Gnade für Recht ergehen lassen."
Roberta Olbers biß auf ihrer Unterlippe herum. Das war ja eine schöne Geschichte! Schon seit langer Zeit lag ihr besonders daran, Wollner loszuwerden. Immer hatte Achim von Malten widersprochen, und nun es endlich geglückt wäre, ja, bereits geglückt war, wurde alles wieder hinfällig. Am liebsten hätte sie jetzt geflucht wie der derbste aller Knechte, aber sie mußte ruhig fein und sich dem fügen, was Achim von Malten bestimmte.
Wollner hatte sich inzwischen von seinem freudigen Schreck erholt. Er stotterte zufrieden: „Na, denn is ja allens jut, Herr von Malten; meine Olle war ja janz verrückt vor Uffregung, ick dachte schon, ick würde ihr in die Irrenanstalt bringen müssen. Et hat also ein Mensch vor meine Frau un Kinder je* beten? Fein! Ick weeß ooch schon, wer bat jewesen is. Meine Frau hat mir erzählt, sie hat die deeden neuen Fräuleins jetroffen und besonders die eene davon ihr Leid jeklagt. Die eene, die so ’ne mächtig stoße Dogen hat, sagt meine Olle."
Achim von Malten dachte an diese „mächtig stoßen Dogen" und lächelte versonnen.
Roberta Dlbers schrieb das Lächeln auf das Schuldkonto Marlenes, und daß sie es fertiggebradjt, Achim von Malten zur Wiedereinftellung Wollners zu bewegen, notierte sie auf das gleiche Schuldkonto.
Sie riß sich zusammen.
„Also, Wollner, wir wollen es noch einmal miteinander versuchen, und nun können Sie gehen —*
Wollner blickte seinen Herrn an.
„Ick möchte mir ooch bei bet Fräulein bedanken, Herr von Malten."
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