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Vornan von Helma von Hellermann.
2V. Fortsetzung. Nachdruck verboten!
„Madame von Vandro, wenn ich bitten darf!" Sie zuckte zusammen, trat vor. „Ihr augenblickliches Guthaben ist bis auf fünfundachtzig Mark erschöpft, Madame. Doch ist bereits, wie vor einigen Wochen, nach D. gekabelt worden, wie Ihr Bevollmächtigter, Herr Magnus Steinherr, Ihren Wünschen entsprechend seinerzeit angeordnet hat. Wir können also Madame mit jeder beliebigen Summe dienen. Möchten Sie gleich etwas Mitnahmen?"
Ueberaus höflich und bereitwillig war der bebrillte Herr. Wenn die Steinherrsche Schwerindustrie für eine Kundin bürgte, konnte man ruhigen Gewissens gefällig sein.
„Ein Rest von fünfundachtzig Mark!", wiederholte die Frau mechanisch und fühlte, wie ihr das Blut aus den Wangen lief. Das langte noch nicht für eine Wochenrechnung in der Pension, geschweige denn für die Heimreise. Aber es war bereits um Geld gekabelt worden, nach D. Wie vor einigen Wochen, hatte der Mann da gesagt? Verwaltete Steinherr das Geld dort? Die fünftausend Mark mußten aber längst erreicht worden sein. Sie mußte das alles einmal in Ruhe berechnen. Ihr wirbelte der Kopf. „
Mit den fünfundachtzig Mark verließ Wcra von Vandro die Bank, ging langfani wie eine Traumwandelnde durch die von frohen Menschen belebten, sonnenbcschienenen Straßen dahin, von einem einzigen Gedanken erfüllt: Woher kam das Geld?
Zu Hause angelangt, setzte sie sich, ohne Hut und Mantel abzulegen, hin und schrieb an den alten Ju- stizrat Böhme in Berlin, der seit Jahren die Geschäfte der Wetterns verwaltete. Oft hatte sie nach des Onkels Diktat an ihn schreiben müssen. Keine ruhige Minute hatte sie mehr, ehe Klarheit geschaffen.
An der Tür traf Wera den Diener, der sie unsicher ansah.
„Haben gnädige Frau nicht eben gerufen?" stammelte er, den Brief in ihrer Hand bemerkend.
Wera verneinte kürzer, als es sonst ihre Art.
„Ich habe Kopfschmerzen", erklärte sie, sich zu
sammennehmend. Der gute Alte sah sie so ängstlich an. „Ich gehe nur ein Stückchen spazieren und komme gleich wieder."
Besorgt sah der Treue ihr nach. Da stimmte etwas nicht' Heimlich auf der Bank gewesen, statt ihn, wie sonst, hinzusenden, einen Brief geschrieben, den sie eigenhändig zur Post trug ... Das mußte er gleich Herrn Steinherr melden!
Vier Tage vergingen, voll marternder Ungewißheit für die Frau, die nicht mehr aus noch ein wußte. Dann kam die Antwort auf ihren Brief. Mit zitternden Fingern riß sie den Umschlag auf.
Sehr kurz und höflich teilte Justizrat Böhme Frau Wera von Vandro, geborene Gräfin Wettern, mit, daß ihm auf sofortige Anfrage bei den Erben des verstorbenen Grafen die Mitteilung geworden, daß sie von keiner Seite um Unterstützung für Frau von Vandro gebeten worden seien, einem solchen Ersuchen auch nicht hätten entsprechen können, da die gegenwärtigen Verhältnisse dies gänzlich ausschlössen. Auch ihm persönlich sei kein derartiges Ersuchen bekannt geworden. Es müßte ein Irrtum vorliegen. Mit ganz vorzüglicher Hochachtung ...
Erstarrt ließ Wera den Briefbogen sinken. Die Verwandten hatten nichts gegeben — ander für sie in Betracht kommende Hilfsquellen aber gab es nicht. Also war es Magnus Steinherr gewesen ... Alles kam von ihm ...
31. Kapitel.
Verwirrt, hilflos, unfähig zu einem klaren Gedanken, saß die Frau in ihrem Zimmer, Essen und Trinken verschmähend. Wie ein glühendes Eisen fraß sich das demütigende Bewußtsein in ihre Seele: monatelang hatten Georg und sie vom Almosen dieses Mannes gelebt und — war cs auszudenken: Sie lebte noch hier auf feine Kosten! Schmach und Schande ... In die Arme wühlte sie den Kopf. Nichts sehen, nichts hören! Wäre nur ewige Nacht; ein neuer Tag brachte nur neue Not.
Es war spät am Abend, als der alte Werner, der in seiner Herzensangst dauernd auf dem Flur zwischen seinem und Weras Zimmer hin und her gelaufen war, mit tiefster Erleichterung die hohe Gestalt seines Herrn auf sich zukommen sah. Magnus Steinherr kam selbst als Antwort auf seinen Brief. Nun war alles gut!
Als auf sein Klopfen nicht geantwortet wurde, öffnete Steinherr kurzerhand die Tür. Das Zimmer
war dunkel. Er tastete nach dem Lichtschalter. Das aufflammende Licht ließ die zusammengesunkene Gestalt auf dem Stuhl am Fenster auffahren, Angst im verstörten Gesicht. Aber schnell klärte sich der Blick, der lichtgeblendet den Eintretenden angestarrt; die zuckenden Züge erstarrten. Totenblaß, aber beherrscht erhob sich Wera von Vandro.
Schnell erhob sich Wera von Vandro.
Schnell schritt Steinherr auf sie zu.
„Frau Wera ..."
Aber sie ergriff nicht die dargebotene Hand, sondern stand steil aufgereckt vor ihm.
„Es ist gut, daß Sie kommen, Herr Steinherr", klang ihm ihre Stimme hurt entgegen. „Morgen hätten Sie mich nicht mehr hier angetroffen. Nun können wir gleich abrechnen."
Auge in Auge standen die beiden Menschen sich gegenüber. Und wieder überkam die Frau das lähmende Bewußtsein einer dunklen Gewalt über sie, die ihren Willen niederzwang, der man nicht zu entrinnen vermochte, floh man auch bis ans Ende der WeU. Ihr Herz schlug in rasender Hast, daß der Puls unter der weißen Haut des schlanken Halses wie ein gefangener Vogel flatterte.
Der Mann sah es.,,
„Wie Sie wünschen!" erwiderte er ruhig. „Auch mir ist es recht und lieb, Klarheit zwischen uns zu schaffen."
Er machte eine einladende Bewegung nach dem kleinen Empiresofa und zog sich einen Stuhl heran, als die Frau wortlos gehorchte. Aber dann hob sie den Kopf:
„Klarheit wollen Sie — warum wurde mir die nicht sogleich zuteil; als man geliebter Mann verschied?" forderte sie leidenschaftlich, vor Erregung zitternd. „Mit welchem Recht setzten Sie mich der Demütigung aus, vom Gelde eines Fremden ahnungslos in den Tag hinein zu leben?"
„Mit dem Recht des Freundes, der einem Sterbenden versprach, für seine Frau zu sorgen", unterbrach sie Steinherr gelassen. „Sie waren durch die lange Pflege und Georgs Tod körperlich zusammengebrochen und völlig unfähig, die Last einer un- gwissen Zukunft sogleich auf sich zu nehmen. Und da Sie in Ihrem törichten Stolz sich schon geweigert hätten, meine Hilfe für Ihren Mann anzunehmen, um wie viel sicherer mußte ich mit einer Verweigerung meiner Hilfe für Sie selbst rechnen! Da griff
ich zur Notlüze — und bereue sie nicht. Sie hat ihren Zweck .füllt, Georg von Vandro ist beruhigt und in Frieden heimaegangen, nachdem er mir die Sorge für Sie vermacht."
Ihr Blick wurde unsicher.
„Die Sorge um mich vermacht?" wiederholte sie lanasam. Sie begriff nicht.
Steinherr beugte sich vor, legte seine Rechte aus ihre Hand, die nervös ein kleines Taschentuch zusammenknüllte.
„Als wir an seinem letzten Lager knieten, Sie auf der einen, ich auf der anderen Seite des Bettes, legte Georg kurz vor feinem Ende Ihre Hand in die meine. ,Dir vermache ich mein Liebstes, Magnus Steinherrk' sagte er, und sah mich groß und klar dabei an. ,Hüte es!' Und ich versprach dem Freund, sein Erbe anzutreten. Nicht nur, weil er es wollte, sondern weil mein Herz den gleichen Wunsch hegte.
So, nun wissen Sie, wie es zwischen uns beiden steht, Frau Wera. Wissen, warum ich Ihnen bis jetzt die Wahrheit verschwieg. Ich wollte Sie „hüten", wie Georg es getan hätte. Das Leben ist grausam, wenn man ihm allein und wehrlos ausgeliefert ist, Frau Wera. Wissen Sie das nicht mehr?"
Ganz still saß sie da und sah starr vor sich hin. Ob sie es noch wußte! Steinig, grau und freudlos lag der Weg in die Zukunft vor ihr, von tausend Hindernissen belagert. Wie sollte sie die je überwinden? Aber sie mußte es ja, mußte sich frei machen vom Zwang dieser fremden Güte, die sie als unerträgliche Last empfand.
„Haben Sie irgendwelche. Wünsche für die nächste Zukunft, Frau Wera?" klang die ruhige Stimme in ihr verzweifeltes Sinnen.
Sie zwang ihre Gedanken zusammen.
„Ich möchte gern die Einrichtung unseres kleinen Heims verkaufen", begann sie stockend. „Der Erlös wird langen, bis ich eine Tätigkeit gefunden habe."
„Ja, wußten Sie denn nicht, daß die Möbel erst zur Hälfte abgezahlt waren, zur Zeit von Georgs Erkrankung?" fragte Steinherr leicht verwundert. Ein großes Mitleid war in ihm für diese zarte, leidgeprüfte Frau, die ihn jetzt ganz entsetzt ansah.
„Nur zur Hälfte?! Ja, da — da muß ich ja ..."
„Gar nichts müssen Sie, Frau Wera , unterbrach er sie voll ruhiger Herzlichkeit. „Es ist alles beglichen worden und steht zu Ihrer Verfügung."
(Fortsetzung folgt.)
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