Ausgabe 
27.6.1933 Frühausgabe
 
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Aus der Provinzialhauptstadt.

Pensionäre mit Nebenerwerb.

wie WSTl. meldet, veröffentlicht Gauleiter Sprenger folgenden Aufruf:

Ls muh erwartet werden, daß Pensionäre mit ausreichender Versorgung von sich au» bereit sind, aus Nebenbeschäftigung zu verzichten, um damit Volksgenossen Platz zu machen, die seit Jahren ver­geben» aus Beschäftigung warten, wenn Pensionäre so verantwortungslos der volksgemeinschasl gegen­über sind, die» zu unterlassen, so erwarte ich, daß da» Unternehmertum seinerseits entsprechend han­delt. Es ist ein Zeichen größter Unmoral, sich billige Arbeitskräfte aus Kosten der Allgemeinheit durch Einstellung gutgeslellter Pensionäre zu verschossen. Auch in dieser Angelegenheit wird eine genaue Prü­fung stattsinden. und ich schrecke nicht davor zurück, durch die presse dem Volke entsprechende Ausklä­rung zu geben."

Warnung

vor unberechtigtenVerhaftungen^

Die Staatspresse st elle Darmstadt teilt mit:

Ls besieht Anlaß darauf hinzuweisen, daß Ver­haftungen nur von Organen der ordentlichen Polizei oorgenommen werden dürfen. Auch Angehörige der hilsspolizei dürfen nur gemeinsam mit Beamten der ordentlichen Polizei tätig werden.

wer ohne Polizeibeamter zu sein einen anderenverhaftet", macht sich wegen Irelheit»- beraubung und wegen Anmaßung von Amtsgewalt strafbar. Die Staatsautorität erfordert schärfste» Einschreiten gegen diese Eigenmächtigkeiten. Die Be­troffenen werden ausdrücklich ausgefordert, Straf­anzeige zu erstatten. Gez.: Dr. B e st.

Tagung der RG.-Aerzte in Giehen

2Im Sonntag tagte der ÄS. -Aerztebund Oberhessen-Äord im Hotel Viktoria zu Giehen. Bezirks-Obmann Pg. Dr. Kranz be­grüßte die erschienenen Mitglieder und Gäste und gab seiner Freude darüber Ausdruck, daß die Versammlung eine noch größere Beteiligung er­kennen lasse, als die ebenfalls sehr gut besuchte vorhergehende. 3m Hinblick auf die Fülle des Stoffe- ließ er den angekündigten ersten Vortrag ausfa len und sprach kurz über dieVerpflichtung des Einzelnen auf rassehygieni ch:m Gebiet der Volksgemeinschaft gegenüber". Das Arbeitsfeld, auf dem der Einzelne diese Verpflichtung erfüllen könne, liege in seiner Familie, seiner Sippe und darüber hinaus in seinem Geschlecht. Hier könne er mithelsen, erblich Hochwertige zu fördern und Minderwertige auszumerzen. Aus den Aus­führungen ging ferner hervor, daß der Einzelne und der erblich Wertvolle dem Volksganzen gegenüber nicht nur eine große Verantwortung habe, sondern auch die stolze Pflicht der Fort­zeugung einer ausreichenden Kinderzahl. Zweck und Ziel der R a s s e n h y g i e n e sei die Ausartung des deutschen Volkes, d H. die Hebung der Vo.kszahl und des Volkswcrtes. Voraussetzung z :r Erlangung dieses Zieles ist und wird bleiben die Verständnis- und verant­wortungsvolle Mithilfe des Einzelnen und der Wi.le des gesamten deutschen Volkes zum Leben und zur Gesundung.

Anschließend sprach Pg. Dr. Lorenz über RaM und Kunst". An Hand von reichem Dil- oermaterial wurden die Beziehungen zwischen der durch die Erbmasse bedingten Persönlichkeit des schassenden Künstlers zu seinem Kunstwerke in großen Zügen entwickelt. Nordische Weite ge­paart mit Strenge der Form seien die leitenden

Kräfte nordischer Kunstgestaltung: als allein schöpfe rische Rasse trete in der Kunstge­schichte die n o r d i s ch e Rasse auf. die Werke ton Ewigkeitswert schasse: die anderen Rassen be­dingten lediglich durch mehr oder weniger große Einschläge im schaffenden Künstler Abwandlung in Form und Gestaltung des Kunstwerks. Alle stilistischen Unterschiede einzelner Schulen einer Kunstepoche seien durch rassische Verschiedenheit des Meisters bedingt, wöbe« auch der Umwelt ein merkbarer, aber geringer Einfluß zukomme. Zu­künftige kunsthistorische Forschung werde nicht mehr an der Rassenfrage vorbeigehen dürfen. Durch einige prägnante Beispiele aus der soge­nannten ,modernen Kunst" wurde der grauen­hafte Kulturtiefstand der Jetztzeit gezeigt, in der rassische Entartung und der Untermensch über alles Edle und Erhebende triumphierte. 3n aller­letzter Minute sei das deutsche Volk durch den genialen Führer vom Abgrund zurückgerisien und damit eine jahrtausendalte Kultur gerettet. Die Geschichte wird Adolf Hitler einst als den Ret­ter des Abendlandes vor RassenchaoS und Kultur­verfall in ihre ewigen Annalen eintragen.

Der Vortrag fand größtes Interesse und ver­dienten Beifall. 3m zweiten Teil der Tagung, an dem nur die Mitglieder teilnahmen, tour den organisatorische Fragen behandelt. Zum Schluß brachte der Dezirls-Öbmann einSieg-Heil" aus den Führer aus.

* Schulpersonalie. Dem Lehrer Adolf Weisel zu Grünberg wurde mit sofortiger Wir­kung die ehrenamtliche Leitung der Volksschule Grünberg (Kreis Gießen) übertragen.

* DerT a g der deutschen I u g e n i>", der in den Volksschulen, in den Berufsschulen, wie auch in der höheren Schulen unserer Stadt begangen wurde, vereinigte am toamstaguormitlag die Schüle­rinnen und Schüler zu kurzen Feiern, in denen An. sprachen gehalten wurden, in denen sich die Redner insbesondere mit dem Sinn des Tages der Sonnen­wende befaßten. Gleichzeitig wurde auch die Bedeu­tung der nationalen Bewegung für das deutsche Volk und für das Vaterland Umrissen. Dor den versam- meiten Schülern wurden jeweils auf den Schulen die Fahnen des alten ruhmreichen Deutschlands und die Hakenkreuzfahnen gehißt, während Lehrer und Schüler gemeinsam das Deutschland- und das Horst- Wessel-Lied sangen. Der restiiche Vormittag war dem Spiel und der Unterhaltung gewidmet, man mußte sich dabei aber auf den Kreis des Schulhofs beschränken, da wegen der ungünstigen Wetterlage die ursprünglich vorgesehene große Zusammenkunft auf dem Trieb abgesagt worden war.

* Deutscher Techniker-Verband. Am Samstagabend sand wie man uns mitteilt im Gewerkschaftshaule die Gründung der Ortsgruppe Gießen desDeutschen Techniker-Verbandes" statt. Gauleiter Dilling, Frankfurt a. M., sprach über das Thema:Der Deutsche Techniker-Dcrband in der NSA." Seine Ausführungen wurden von den Ver­sammelten mit großem Interesse ausgenommen. Er wies in seinem Vortrag besonders darauf hin, daß gemäß dem Willen unseres Führers Reichskanzler Adolf Hitler, kein Deutscher in den neuen Be­rufs- und Standesverbönden fehlen dürfe. Erst als Angehöriger eines Berufsverbandes erwerbe man sich die deutschen Bürger- und Ehrenrechte. Wer bis zum 1. Juli 1933 sich nicht freiwillig in den Dienst der großen Sache stelle, den werde man mit glei­chen Pflichten belasten, ohne irgendwelche Rechte dafür in Anspruch nehmen zu können. Pg. Dil­ling schloß seine Ausführungen, indem er dem Wunsche Ausdruck gab: kein deutscher Techniker, Chemiker und Bergbauangestellter lasse sich zwingen, seinem Berufsverbande anzugehören, sondern alle sollten durch freiwilligen Beitritt am Wiederaufbau des Deutschen Reiches mitarbeiten.

Warum Lustfahrt-Werbewoche?

II.

Das deutsche Volk muß ein Volk von Fliegern werden". Diese Worte richtet Reichsminister für Luftfahrt Göring in erster Linie an die deutsche Jugend.

Jahrelang lasten die Fesseln des Versailler Ver­trags auf Deutschland, am schmerzlichsten empfun­den von der wehrfähigen deutschen Jugend, ganz de- sonders aber von denen, deren Herz an der deut- schen Fliegerei hängt. Der Wille nach freier Betäti­gung in der Luftfahrt glaubte man durch Verträge ausschalten und zum Ersterben bringen zu können. Deutschland mußte nach dem Kriege sämtliche Luft­fahrzeuge abliefern oder von Grund auf zerstören, Militärflugzeuge sind heute noch verboten, das Reichsheer darf nur eine ganz geringe Anzahl von Flugzeugführern haben. Der Bau von Zivilflug­zeugen war Deutschland zunächst überhaupt ver­boten, bann den sogenanntenBegriffsbestimmun­gen" unterworfen: Die Flugzeuge durften nur eine geringe Gipfelhöhe und Steigfähigkeit, Flugzeug- motore nur eine geringe Motorenstärke haben. Man glaubte, die Drosselung sei so stark, daß die deutsche Luftfahrt aus der Welt verschwände. Aber alle Maßnahmen haben nicht erreicht, deutschen Geist zu töten, im Volke lebten fort die Taten der großen Flieger aus dem Weltkriege.

In friedlichem Wettbewerb, mit beschränkten geldlichen und technischen Mitteln hat Deutsch­land trotz altem seine Luftfahrt ausgebaut und die anderen mit seinem Zleih, seiner Arbeits­kraft und seinem willen zur Tat überflügelt.

Deutsche Flugzeuge sind heute wieder führend in der Welt, die Leistungen deutscher Flieger, sei es im Motor- oder Segelflug, in der ganzen Welt aner­kannt.

Was in jahrelangem Ringen unter den schwersten außenpolitischen Bindungen, unter den innerpoliti­schen Hemmungen des Systems der Nachkriegszeit, das auf internationales Denken eingestellt war und in harten Kämpfen, die für die meisten Außen­stehenden nicht erkennbar in Erscheinung getreten sind, für die deutsche Luftfahrt erreicht worden ist, darf im neuen nationalen Deutschland nicht ver­loren gehen! Es gilt, das schwer Erkämpfte weiter auszubauen und in erster Linie ist es die deutsche Jugend, die ihren Drang nach vaterländischer und wehrhafter Betätigung in die Tat umsetzen kann.

Das deutsche Bolt muß ein Bott von Jlicgern werden".

Das Wort des Mannes, der heute an der Spitze der deutschen Luftfahrt steht, kann unserer Jugend nicht oft genug eingeprägt werden. Jeder deutsche Junge soll es sich zur Richtschnur seiner sportlichen Be­tätigung nehmen und es soll in ihm immer wieder die Lust und Liebe zur deutschen Fliegerei wecken.

Es ist eine feststehende Tatsache, daß kein Sport so viel ernsthafte Hingabe der Einzelpersönlichkeit er­fordert, wie der Flugsport. Wer nicht den nötigen Ernst mitbringt und nicht sein ganzes Können und seine ganze Persönlichkeit einzusetzen im Stande ist, um etwas Besonderes zu leisten, der soll lieber von vornherein von fliegerischer Betätigung absehen. Die deutsche Fliegerei braucht Männer mit hohem Ver­antwortungsgefühl, die an sich selbst scharfe Kritik üben, in gleicher Weise beim Motor- wie beim Segelflug, sie verlangt treue Kameradschaft, mit der sich jeder restlos für den anderen einsetzt.

Nicht zuletzt ist es aber auch erforderlich, daß diejenigen, die Flugsport treiben, eine eiferne Disziplin zu wahren wissen.

Eine freiwillige Unterordnung unter den Willen des Führers, eine genaue Ausführung der von ihm gegebenen Anordnungen ist eine zwingende Not­wendigkeit, wenn ein hohes Ziel erreicht werden fe«.

Die Erkenntnis des Nutzens des Sports ist heute in allen Kreisen anerkannt, nur Wenige stehen noch abseits. Daß der Sport aber gerade für unser deut­sches Volk eine ganz besondere und zwingende Not­wendigkeit ist, muß deshalb noch einmal besonders betont werden, weil Deutschland eine allgemeine Wehrpflicht nicht haben darf. Die rein sportliche Be­tätigung birgt allerdings die große Gefahr in sich, daß die geistige Betätigung in den Hintergrund ge­drängt werden kann. Der Flugsport kann jedoch für sich die Tatsache in Anspruch nehmen, daß die Ge­fahr des Einseitigwerdens bei ihm nicht in Frage kommt, da hochwertige Leistungen nur dann erzielt werden können, wenn der Sporttreibende eng mit seinem Sportgerät verbunden ist. Derjenige, der Flugsport treibt, wird ohne weiteres angeregt, sich nicht nur sportlich zu betätigen, sondern auch über die technischen Grundsätze des Fliegens, über die Wetter- und Windverhältnisse, über Orientierungs- Möglichkeiten . und anderes mehr nachzudenken. Er muß lernen, kleinere Schäden und Motorstörungen selbst aus eigener Kraft zu beheben und sich fein Sportgerät, wie besonders beim Segelflug, selbst unter eigener Verantwortung herzustellen

Technisches Schaffen, Oualiläls-Handarbeil, wif- fenschaftliche» Denken und sportliche Betätigung müssen eng zusammen wirken.

Wie aber läßt sich der Gedanke, daß die Ausübung des Flugsports eine nationale Pflichtaufgabe ist, in die Tat umsetzen? Schöne Worte über den Wert der Fliegerei genügen nicht, nur Taten können zum Ziele führen.

Zweifellos erscheint auf den ersten Blick die Aus­übung des Flugsports wesentlich schwieriger wie die Betätigung bei anderen Sportarten, da er höhere geldliche Anforderungen an den einzelnen zu stellen

scheint. Gerade in Zeiten schlechter Wirtschaftslage spielt aber die geldliche Frage leider eine ausjchlag- geltende Rolle. Deutschland ist nicht in der Lage, junae Leute auf Staatskosten als Flugzeugführer ausbilden ui lassen, wie Länder mit einem hoch ent­wickelten Militärflugwesen. Aber je schwieriger die Lage ist, um so mehr besteht ein Ansporn, sie zu meistern.

Die Fesseln des Versailler Vertrags haben uns einen neuen Weg gewiesen und den Bau von Leicht- flugzeugen und Segelflugzeugen in den Vorder­grund gestellt.

Der Segelflugsport bietet jedem die Gelegenheit, sich in der Fliegerei zu betätigen.

Diese Sportart kann schon allein deshalb mit dem Aufwand geringster Mittel betrieben werden, weil das Sportgerät das Segelflugzeug oder der Glei­ter von den Sporttreibenden selbst gebaut wird, ohne daß allzu große Ausgaben für Baumaterialien oder für Betriebskosten bestehen. Der Eigenbau von Segelflugjcüger) ich gleichzeitig auch ein gutes Gr- Aietjungsmittci. Derjenige, der an dem Bau Des Segelflugzeuges mitgearbeitet hat, lernt bas Flugzeug so am besten kennen, er wird am besten den Wert der ausgewendeten 'Arbeit schätzen lernen, das Sportgerät um so pfleglicher behandeln und auch Zutrauen zu ihm haben. Nur der, der beim Bau intensive Arbeit geleistet hat, darf an den Freu- den des Fliegens teilnehmen. Denen, die sich beim Segelflugsport besonders ausgezeichnet und sich be­

währt haben, winkt als besonderer Preis und als Anerkennung die Möglichkeit, später als Flugzeug- sichrer auf Motormafchincn ausgebildet zu werben Der Zusammenschluß aller Luftfahrt treibenden Ver­bände in dem auf Veranlassung von Reichsminister Göring neu gegründeten Deutschen Lustsport- Verband begründet die hoffnungsvolle Aussicht, daß der Zweck des Verbands, eine starke deutsche Luft­fahrt zu schaffen, verwirklicht wirb. Mit den Mit­teln, die bisher von den einzelnen Lustsport treiben­den Verbänden getrennt für eigene Zwecke verwen­det wurden, läßt sich gemeinschaftlich wefentlich mehr erreichen. Jede Nebeneinanderarbeit wird in Zu­kunft verschwinden, kostspielige mehrfache Verwal­tungsapparate werden überflüssig.

Durch die Zusammenfassung wird alten Krei­sen und Schichten unsere» Botte» die Mögllch- feil gegeben, Flugsport zu treiben.

Keiner braucht mehr beiseite zu stehen. Für die deut­sche Jugend ist es eine vaterländische Pflicht, sich aktiv am Flugsport zu beteiligen, jeher national ge­sinnte Deutsche gehört in die für ihn zuständige Ortsgruppe des Deutschen Lustsport-Verbandes. Die verständnisvolle Mithilfe des ganzen Volkes ist Vor- ausjetzung für die Schaffung einer starken nationalen deutschen Luftfahrt. Das deutsche Volk von der lebenswichtigen Bedeutung der Luftfahrt zu überzeu­gen und es zu tätiger Mitarbeit zu gewinnen, das ist Zweck und Sinn der Deutschen Luftfahrt-Werbe- woche!

Der Weg durch die Hölle.

Oie Unterzeichnung des Diktates von Versailles. Ein Augenzeugenbericht aus den Schicksalstagen des deutschen Volkes.

Don Rolf Brandt.

I.

Tragisches Vorspiel.

Am 28. 3uni 1919 begann mit der iln- terzeichnung desFriedens" - Vertrages von Versailles der Weg durch die Hölle, den das deutsche Volk in schwerster Rot gehen mußte. Wir nehmen Gelegenheit, zu diesem Tage aus dem soeben im 10. Tausend erschienenen Buche von Rolf Brandt2)er Weg durch die Hölle" (Brunnen-Verlag, Willi Bischofs, Berlin, broschiert 3,75 Mt, Leinen geb. 5 Mk.). das nachstehende Ka­pitel abzudrucken. Rolf Brandt, der als Berichterstatter an der Unterzeichnung teil* nahm, schildert in seinem Buch Menschen und Probleme. 3atrigen und Zufälle in dra­matischer Höchstform der damaligen Aitua- lität. Diese sieben Kapitel stellen nicht etwa eine dem Ablauf der Zeit entsprechende Er- eignisschilderung dar, sondern jedes hat für sich ein geschloffenes Problem zum Mittelpunkt: jedes Kapitel hat seinen eige­nen künstlerischen Aufbau, feine eigene Spannung und feinen eigenen geistigen Ab­schluß. Durch diese Form der schriftstelle­rischen Gestaltung erreicht der Autor, daß man Kapitel für Kapitel mit immer neuer Anteilnahme wie gcfchlosfene Schickfals- dramen liest.

... Am 20. 3uni überreicht Drockdorfs- Rantzau sein Abschiedsgesuch:Sie Verhand­lungen in Weimar haben mich überzeugt, daß Gründe der inneren Politik, besonders die über­wiegende Auffassung von dem seelischen Zustand unseres schwergeprüften Volkes, es für die Re­gierung unmöglich erscheinen lassen, den Einsatz zu wagen, ohne den ich mein Spiel nicht gewinnen kann. Und es war davon bin ich überzeugt kein leichtfertiges Vabanquespiel. Es setzte nur Festigkeit und Selbstvertrauen voraus. 3ch habe das Vertrauen in mich selbst und habe trotz allem das Vertrauen zum deutschen Volke nicht ver­loren ..

Erzberaer hat das Zentrum beschwatzt, jetzt wirft er auch die Sozialdemokraten um, die noch zwei Tage vorher einen Aufruf erlassen haben: Wenn dieser Friede Gesetz wird, so müssen weite Kreise des deutschen Volkes auf der Straße bet­teln gehen", wie sie im 3ahve 1933 es auch wirklich tun.

Ein Mann kennt die Soldaten. Wenn der Ge­danke der Volkserhebung zur Flamme emporschla­gen soll, dann müßte diese Flamme von der Fu­gend, in der in diesen Stunden der neue deutsche Rationalismus gewonnen wird, getragen werden. Der preußische Kriegsminister R e i n h a r d t, der noch etwas von der Seele der 3ugend weiß, ver­anlaßt den Reichswehrminister Roske, die Füh­rer der Freikorps und der im Osten auf gestellten Truppenr erbände über ihre Meinung zu be­fragen.

Am 17. 3uni findet in Kolberg die Aussprache zwischen Generallcldmarschall von Hinden­burg und seinem Generalquartiermeister Gene­ral G r o e n e r, statt. Groener ist für die An­nahme der Bedingungen von Versailles .Deutsch­land verfügt zur Zeit über etwa 350 000 einsatz- bereite Soldaten. Sie genügen, um Polen nie­derzuwerfen. Sie find nicht imstande, den Vor­marsch der Ententemillionen aufzuhalten oder auch nur im Tempo zu vermindere Bestimmte Kreise, die dem Widerstandszentrum um General Rein­hardt nahe stehen, tragen sich mit dem Gedanken, gemeinsam mit Sowjetrußland den Kampf gegen die Entente aufnehmen zu können... Die nüch­terne realpolitische Beurteilung der Oefamtlagc zwingt jedoch zur Erkenntnis, daß die Geschichte eines Volkes Abschnitte kennt, in denen die Selbst­aufopferung für das Gebot der Ehre dem Selbst­mord gleicht..

Lieber Sllav als tot.

Hindenburg dankt fast wortlos. 3hn halt allein sein Glaube an Gott aufrecht. Er fühlt anders als Groener. Lange nach Mitternacht schreibt er mit feiner großen, klaren Handschrift:

Großes Hauptquartier, den 17. 3uni 1919. Wir find bei Wiederaufnahme der Feindseligkei­ten militärisch in der Lage, im Osten die Pro­vinz Posen zurückzuerobern und unsere Grenzen zu halten. 3m Westen können wir bei einem ern­sten Angriff unserer Gegner angesichts der zah­lenmäßigen Ucberlegenfjeit der Entente und deren Möglichkeit, uns auf beiden Flügeln zu umfassen, kaum auf Erfolg rechnen. Ein günstiger Ausgang der Gesamtoperation ist daher sehr fraglich, aber ich muß als Soldat den ehrenvollen Untergang einem schmählichen Frieden vorziehen, von Hin­denburg."

Roste ist mit Groener nun für die Unterzeich­nung deS Friedens. Er mißtraut gründlich aber wahrscheinlich falsch den Kräften dieses Volkes.

3n Weimar geben die Parteien, außer sich vor der Angst der Verantwortung, widersinnige Paro­len aus. DaS Zentrum erklärt, daß man nur unter Vorbehalt unterzeichnen" könne: un­ter Ablehnung der sogenanntenEhrenpunkte", das heißt der Auslieferung von Beschuldigten an alliierte Kriegsgerichte. Schon lautet die Frage nicht mehr es ist wie ein Taschenfpielerkunst- stück, das man getrieben hat:Unterzeichnen oder R i ch t u n t e r z e i ch ne n?" fondem: M i t oder ohne Vorbehalt?" Schon diese Fragestellung muß auf die Gegner in Paris den Eindruck machen, und die Herren Haugenin und Hesnard sorgen dafür, daß dieser Eindruck nach Paris gelangt, daß die Nationalversamm­lung von dem Geist entschlossenen politischen Widerstandes weit entfernt ist. Schon am Abend des 20. 3uni meldet der Professor aus Berlin telephonisch vom Hotel Adlon:

D eutschland wird unterschreiben, bedingungslos. Richt nachgeben."

Am vierten Tage bildet Gustav Bauer, der Darmat-Dauer, das neue Kabinett: die Wei­marer Koalition, Sozialdemokratie und Zentrum.

Am 22. 3uni, in der Mittagsstunde, tritt die Rationalversammlung zu der historischen Sitzung zusammen, in der die Abstimmung über den Frie­densvertrag vorgenommen werden soll. Auf den Ministerbänken, zur Rechten des Präsidenten Fehrenbach, fitzt das neue Reichskabinett.

Man ist bereit und entschlossen, bedingungslos nachzugeben. Man hat innerlich auch die letzte feige Formel über Bord geworfen. Gustav Bauer, schwer, massiv, kühl, Typ des vollgefressenen, von Darmat ausgehaltenen Parteibonzen, schrei­tet zum Rednerpult. Er sagt:Wir erklären offen, daß wir nicht aus innerer Ueberzeugung beistimmen, vielmehr unter Vorbehalt. Daher wird die Vollmacht zur Unterzeichnung lauten: »Die Regierung der deutschen Republik ist be­reit, den Friedensvertrag zu unterzeichnen, ohne jedoch damit anzuerkennen, daß das deutsche Volk der Urheber des Krieges sei und ohne eine Verpflichtung nach Artikel 227 bis 230 des Friedensvertrages au übernehmen"."

Paul Code hält für die Sozialdemokraten eine lange Rede mit Deklamationen und Vor­behalten, ober der entscheidende Sah ist eben:

Rach kurzer Frist müßten wir uns bedingungs­los unterwerfen und einen Frieden unterschreiben, der noch schärfer werden würde. Wenn wir aus diesen Erwägungen die Annahme des Friedens­vertrages billigen...

Groeber läßt den wallenden grauen Bart flattern und beteuert kein Wort geht später in Erfüllung:Die Unterzeichnung bedeutet die Befreiung der Kriegsgefangenen, die Beendigung der Blockade, die Möglichkeit des wirtschaftlichen Wiederaufbaues..." Er sagt aber auch:Unsere Zustimmung findet eine unüberschreitbare Grenze in der Rücksicht auf die Ehre des deutschen Volkes." Rach seiner Rede muh eigentlich we­nigstens die Ablehnung derEhrenpunkte" statt- finden.

Für die Deutschnationalen spricht Gras P o - sadowsky. Er führt alle Gründe an, die für die Ablehnung sprechen. Seine Trauer er­schüttert.

Professor Kahl für die Deutsche Vollspartei: Wir würden uns ehrlos machen." Die Versamm­lung ist sichtlich nervös geworden. 3m Hause herrscht eine drückende Schwüle.

Fehrenbach und ein paar geschickte Zentrums­leute und Sozialdemokraten schieben es gibt keinen anderen Ausdruck inzwischen die not­wendige Abstimmung, die auf legalem Wege, wie aus den Worten Groebers hervorgeht, nicht zu erreichen ist. Der Schlußantrag ist in einer ge­meinsamen Resolution des Zentrums und der Sozialdemokratie eingebracht worden:Die Ra­tionalversammlung billigt die Haltung der Re­gierung in der Frage der Unterzeichnung des Friedensvertrages." Während der Sitzung wird die Resolution abgeändert und lautet nunmehr: »Die Rationalversammlung ist mit der Unter­zeichnung des Friedensvorschlages einverstanden."

Mit vor Empörung bebender Stimme weist der alte Abgeordnete der Rechten, Schultz- Bromberg, auf diese Veränderung hin. Feh­renbach geht darüber hinweg. Er nimmt die Ab­stimmung vor, niemand weih eigentlich, worüber er abstimmt.

Mit 237 gegen 138 Stimmen wird das Ein­verständnis mit der Unterzeichnung deS Ver­trages ausgesprochen.

Am Spätnachmittag strömen die Abgeordneten ins Freie, und sie leben ihr Leben in Weimar weiter, sitzen des Abends in den Gasthäusern und des Rachmittags in den Cafes. Vor dem Denkmal Goethes und Schillers aber ist Deutsch­lands Ehre, Deutschlands Ansehen und Wohl­stand begraben; nicht die deutsche Zukunst....

(Fortsetzung folgt]