Aus der Provinzialhauptstadt.
Pensionäre mit Nebenerwerb.
wie WSTl. meldet, veröffentlicht Gauleiter Sprenger folgenden Aufruf:
„Ls muh erwartet werden, daß Pensionäre mit ausreichender Versorgung von sich au» bereit sind, aus Nebenbeschäftigung zu verzichten, um damit Volksgenossen Platz zu machen, die seit Jahren vergeben» aus Beschäftigung warten, wenn Pensionäre so verantwortungslos der volksgemeinschasl gegenüber sind, die» zu unterlassen, so erwarte ich, daß da» Unternehmertum seinerseits entsprechend handelt. Es ist ein Zeichen größter Unmoral, sich billige Arbeitskräfte aus Kosten der Allgemeinheit durch Einstellung gutgeslellter Pensionäre zu verschossen. Auch in dieser Angelegenheit wird eine genaue Prüfung stattsinden. und ich schrecke nicht davor zurück, durch die presse dem Volke entsprechende Ausklärung zu geben."
Warnung
vor unberechtigten „Verhaftungen^
Die Staatspresse st elle Darmstadt teilt mit:
Ls besieht Anlaß darauf hinzuweisen, daß Verhaftungen nur von Organen der ordentlichen Polizei oorgenommen werden dürfen. Auch Angehörige der hilsspolizei dürfen nur gemeinsam mit Beamten der ordentlichen Polizei tätig werden.
wer — ohne Polizeibeamter zu sein — einen anderen „verhaftet", macht sich wegen Irelheit»- beraubung und wegen Anmaßung von Amtsgewalt strafbar. Die Staatsautorität erfordert schärfste» Einschreiten gegen diese Eigenmächtigkeiten. Die Betroffenen werden ausdrücklich ausgefordert, Strafanzeige zu erstatten. Gez.: Dr. B e st.
Tagung der RG.-Aerzte in Giehen
2Im Sonntag tagte der ÄS. -Aerztebund Oberhessen-Äord im Hotel Viktoria zu Giehen. Bezirks-Obmann Pg. Dr. Kranz begrüßte die erschienenen Mitglieder und Gäste und gab seiner Freude darüber Ausdruck, daß die Versammlung eine noch größere Beteiligung erkennen lasse, als die ebenfalls sehr gut besuchte vorhergehende. 3m Hinblick auf die Fülle des Stoffe- ließ er den angekündigten ersten Vortrag ausfa len und sprach kurz über die „Verpflichtung des Einzelnen auf rassehygieni ch:m Gebiet der Volksgemeinschaft gegenüber". Das Arbeitsfeld, auf dem der Einzelne diese Verpflichtung erfüllen könne, liege in seiner Familie, seiner Sippe und darüber hinaus in seinem Geschlecht. Hier könne er mithelsen, erblich Hochwertige zu fördern und Minderwertige auszumerzen. Aus den Ausführungen ging ferner hervor, daß der Einzelne und der erblich Wertvolle dem Volksganzen gegenüber nicht nur eine große Verantwortung habe, sondern auch die stolze Pflicht der Fortzeugung einer ausreichenden Kinderzahl. Zweck und Ziel der R a s s e n h y g i e n e sei die Ausartung des deutschen Volkes, d H. die Hebung der Vo.kszahl und des Volkswcrtes. Voraussetzung z :r Erlangung dieses Zieles ist und wird bleiben die Verständnis- und verantwortungsvolle Mithilfe des Einzelnen und der Wi.le des gesamten deutschen Volkes zum Leben und zur Gesundung.
Anschließend sprach Pg. Dr. Lorenz über RaM und Kunst". An Hand von reichem Dil- oermaterial wurden die Beziehungen zwischen der durch die Erbmasse bedingten Persönlichkeit des schassenden Künstlers zu seinem Kunstwerke in großen Zügen entwickelt. Nordische Weite gepaart mit Strenge der Form seien die leitenden
Kräfte nordischer Kunstgestaltung: als allein schöpfe rische Rasse trete in der Kunstgeschichte die n o r d i s ch e Rasse auf. die Werke ton Ewigkeitswert schasse: die anderen Rassen bedingten lediglich durch mehr oder weniger große Einschläge im schaffenden Künstler Abwandlung in Form und Gestaltung des Kunstwerks. Alle stilistischen Unterschiede einzelner Schulen einer Kunstepoche seien durch rassische Verschiedenheit des Meisters bedingt, wöbe« auch der Umwelt ein merkbarer, aber geringer Einfluß zukomme. Zukünftige kunsthistorische Forschung werde nicht mehr an der Rassenfrage vorbeigehen dürfen. Durch einige prägnante Beispiele aus der sogenannten ,modernen Kunst" wurde der grauenhafte Kulturtiefstand der Jetztzeit gezeigt, in der rassische Entartung und der Untermensch über alles Edle und Erhebende triumphierte. 3n allerletzter Minute sei das deutsche Volk durch den genialen Führer vom Abgrund zurückgerisien und damit eine jahrtausendalte Kultur gerettet. Die Geschichte wird Adolf Hitler einst als den Retter des Abendlandes vor RassenchaoS und Kulturverfall in ihre ewigen Annalen eintragen.
Der Vortrag fand größtes Interesse und verdienten Beifall. 3m zweiten Teil der Tagung, an dem nur die Mitglieder teilnahmen, tour den organisatorische Fragen behandelt. Zum Schluß brachte der Dezirls-Öbmann ein „Sieg-Heil" aus den Führer aus.
*• Schulpersonalie. Dem Lehrer Adolf Weisel zu Grünberg wurde mit sofortiger Wirkung die ehrenamtliche Leitung der Volksschule Grünberg (Kreis Gießen) übertragen.
*• Der „T a g der deutschen I u g e n i>", der in den Volksschulen, in den Berufsschulen, wie auch in der höheren Schulen unserer Stadt begangen wurde, vereinigte am toamstaguormitlag die Schülerinnen und Schüler zu kurzen Feiern, in denen An. sprachen gehalten wurden, in denen sich die Redner insbesondere mit dem Sinn des Tages der Sonnenwende befaßten. Gleichzeitig wurde auch die Bedeutung der nationalen Bewegung für das deutsche Volk und für das Vaterland Umrissen. Dor den versam- meiten Schülern wurden jeweils auf den Schulen die Fahnen des alten ruhmreichen Deutschlands und die Hakenkreuzfahnen gehißt, während Lehrer und Schüler gemeinsam das Deutschland- und das Horst- Wessel-Lied sangen. Der restiiche Vormittag war dem Spiel und der Unterhaltung gewidmet, man mußte sich dabei aber auf den Kreis des Schulhofs beschränken, da wegen der ungünstigen Wetterlage die ursprünglich vorgesehene große Zusammenkunft auf dem Trieb abgesagt worden war.
*• Deutscher Techniker-Verband. Am Samstagabend sand — wie man uns mitteilt — im Gewerkschaftshaule die Gründung der Ortsgruppe Gießen des „Deutschen Techniker-Verbandes" statt. Gauleiter Dilling, Frankfurt a. M., sprach über das Thema: „Der Deutsche Techniker-Dcrband in der NSA." Seine Ausführungen wurden von den Versammelten mit großem Interesse ausgenommen. Er wies in seinem Vortrag besonders darauf hin, daß gemäß dem Willen unseres Führers Reichskanzler Adolf Hitler, kein Deutscher in den neuen Berufs- und Standesverbönden fehlen dürfe. Erst als Angehöriger eines Berufsverbandes erwerbe man sich die deutschen Bürger- und Ehrenrechte. Wer bis zum 1. Juli 1933 sich nicht freiwillig in den Dienst der großen Sache stelle, den werde man mit gleichen Pflichten belasten, ohne irgendwelche Rechte dafür in Anspruch nehmen zu können. Pg. Dilling schloß seine Ausführungen, indem er dem Wunsche Ausdruck gab: kein deutscher Techniker, Chemiker und Bergbauangestellter lasse sich zwingen, seinem Berufsverbande anzugehören, sondern alle sollten durch freiwilligen Beitritt am Wiederaufbau des Deutschen Reiches mitarbeiten.
Warum Lustfahrt-Werbewoche?
II.
„Das deutsche Volk muß ein Volk von Fliegern werden". Diese Worte richtet Reichsminister für Luftfahrt Göring in erster Linie an die deutsche Jugend.
Jahrelang lasten die Fesseln des Versailler Vertrags auf Deutschland, am schmerzlichsten empfunden von der wehrfähigen deutschen Jugend, ganz de- sonders aber von denen, deren Herz an der deut- schen Fliegerei hängt. Der Wille nach freier Betätigung in der Luftfahrt glaubte man durch Verträge ausschalten und zum Ersterben bringen zu können. Deutschland mußte nach dem Kriege sämtliche Luftfahrzeuge abliefern oder von Grund auf zerstören, Militärflugzeuge sind heute noch verboten, das Reichsheer darf nur eine ganz geringe Anzahl von Flugzeugführern haben. Der Bau von Zivilflugzeugen war Deutschland zunächst überhaupt verboten, bann den sogenannten „Begriffsbestimmungen" unterworfen: Die Flugzeuge durften nur eine geringe Gipfelhöhe und Steigfähigkeit, Flugzeug- motore nur eine geringe Motorenstärke haben. Man glaubte, die Drosselung sei so stark, daß die deutsche Luftfahrt aus der Welt verschwände. Aber alle Maßnahmen haben nicht erreicht, deutschen Geist zu töten, im Volke lebten fort die Taten der großen Flieger aus dem Weltkriege.
In friedlichem Wettbewerb, mit beschränkten geldlichen und technischen Mitteln hat Deutschland trotz altem seine Luftfahrt ausgebaut und die anderen mit seinem Zleih, seiner Arbeitskraft und seinem willen zur Tat überflügelt.
Deutsche Flugzeuge sind heute wieder führend in der Welt, die Leistungen deutscher Flieger, sei es im Motor- oder Segelflug, in der ganzen Welt anerkannt.
Was in jahrelangem Ringen unter den schwersten außenpolitischen Bindungen, unter den innerpolitischen Hemmungen des Systems der Nachkriegszeit, das auf internationales Denken eingestellt war und in harten Kämpfen, die für die meisten Außenstehenden nicht erkennbar in Erscheinung getreten sind, für die deutsche Luftfahrt erreicht worden ist, darf im neuen nationalen Deutschland nicht verloren gehen! Es gilt, das schwer Erkämpfte weiter auszubauen und in erster Linie ist es die deutsche Jugend, die ihren Drang nach vaterländischer und wehrhafter Betätigung in die Tat umsetzen kann.
„Das deutsche Bolt muß ein Bott von Jlicgern werden".
Das Wort des Mannes, der heute an der Spitze der deutschen Luftfahrt steht, kann unserer Jugend nicht oft genug eingeprägt werden. Jeder deutsche Junge soll es sich zur Richtschnur seiner sportlichen Betätigung nehmen und es soll in ihm immer wieder die Lust und Liebe zur deutschen Fliegerei wecken.
Es ist eine feststehende Tatsache, daß kein Sport so viel ernsthafte Hingabe der Einzelpersönlichkeit erfordert, wie der Flugsport. Wer nicht den nötigen Ernst mitbringt und nicht sein ganzes Können und seine ganze Persönlichkeit einzusetzen im Stande ist, um etwas Besonderes zu leisten, der soll lieber von vornherein von fliegerischer Betätigung absehen. Die deutsche Fliegerei braucht Männer mit hohem Verantwortungsgefühl, die an sich selbst scharfe Kritik üben, in gleicher Weise beim Motor- wie beim Segelflug, sie verlangt treue Kameradschaft, mit der sich jeder restlos für den anderen einsetzt.
Nicht zuletzt ist es aber auch erforderlich, daß diejenigen, die Flugsport treiben, eine eiferne Disziplin zu wahren wissen.
Eine freiwillige Unterordnung unter den Willen des Führers, eine genaue Ausführung der von ihm gegebenen Anordnungen ist eine zwingende Notwendigkeit, wenn ein hohes Ziel erreicht werden fe«.
Die Erkenntnis des Nutzens des Sports ist heute in allen Kreisen anerkannt, nur Wenige stehen noch abseits. Daß der Sport aber gerade für unser deutsches Volk eine ganz besondere und zwingende Notwendigkeit ist, muß deshalb noch einmal besonders betont werden, weil Deutschland eine allgemeine Wehrpflicht nicht haben darf. Die rein sportliche Betätigung birgt allerdings die große Gefahr in sich, daß die geistige Betätigung in den Hintergrund gedrängt werden kann. Der Flugsport kann jedoch für sich die Tatsache in Anspruch nehmen, daß die Gefahr des Einseitigwerdens bei ihm nicht in Frage kommt, da hochwertige Leistungen nur dann erzielt werden können, wenn der Sporttreibende eng mit seinem Sportgerät verbunden ist. Derjenige, der Flugsport treibt, wird ohne weiteres angeregt, sich nicht nur sportlich zu betätigen, sondern auch über die technischen Grundsätze des Fliegens, über die Wetter- und Windverhältnisse, über Orientierungs- Möglichkeiten . und anderes mehr nachzudenken. Er muß lernen, kleinere Schäden und Motorstörungen selbst aus eigener Kraft zu beheben und sich fein Sportgerät, wie besonders beim Segelflug, selbst unter eigener Verantwortung herzustellen
Technisches Schaffen, Oualiläls-Handarbeil, wif- fenschaftliche» Denken und sportliche Betätigung müssen eng zusammen wirken.
Wie aber läßt sich der Gedanke, daß die Ausübung des Flugsports eine nationale Pflichtaufgabe ist, in die Tat umsetzen? Schöne Worte über den Wert der Fliegerei genügen nicht, nur Taten können zum Ziele führen.
Zweifellos erscheint auf den ersten Blick die Ausübung des Flugsports wesentlich schwieriger wie die Betätigung bei anderen Sportarten, da er höhere geldliche Anforderungen an den einzelnen zu stellen
scheint. Gerade in Zeiten schlechter Wirtschaftslage spielt aber die geldliche Frage leider eine ausjchlag- geltende Rolle. Deutschland ist nicht in der Lage, junae Leute auf Staatskosten als Flugzeugführer ausbilden ui lassen, wie Länder mit einem hoch entwickelten Militärflugwesen. Aber je schwieriger die Lage ist, um so mehr besteht ein Ansporn, sie zu meistern.
Die Fesseln des Versailler Vertrags haben uns einen neuen Weg gewiesen und den Bau von Leicht- flugzeugen und Segelflugzeugen in den Vordergrund gestellt.
Der Segelflugsport bietet jedem die Gelegenheit, sich in der Fliegerei zu betätigen.
Diese Sportart kann schon allein deshalb mit dem Aufwand geringster Mittel betrieben werden, weil das Sportgerät — das Segelflugzeug oder der Gleiter — von den Sporttreibenden selbst gebaut wird, ohne daß allzu große Ausgaben für Baumaterialien oder für Betriebskosten bestehen. Der Eigenbau von Segelflugjcüger) ich gleichzeitig auch ein gutes Gr- Aietjungsmittci. Derjenige, der an dem Bau Des Segelflugzeuges mitgearbeitet hat, lernt bas Flugzeug so am besten kennen, er wird am besten den Wert der ausgewendeten 'Arbeit schätzen lernen, das Sportgerät um so pfleglicher behandeln und auch Zutrauen zu ihm haben. Nur der, der beim Bau intensive Arbeit geleistet hat, darf an den Freu- den des Fliegens teilnehmen. Denen, die sich beim Segelflugsport besonders ausgezeichnet und sich be
währt haben, winkt als besonderer Preis und als Anerkennung die Möglichkeit, später als Flugzeug- sichrer auf Motormafchincn ausgebildet zu werben Der Zusammenschluß aller Luftfahrt treibenden Verbände in dem auf Veranlassung von Reichsminister Göring neu gegründeten Deutschen Lustsport- Verband begründet die hoffnungsvolle Aussicht, daß der Zweck des Verbands, eine starke deutsche Luftfahrt zu schaffen, verwirklicht wirb. Mit den Mitteln, die bisher von den einzelnen Lustsport treibenden Verbänden getrennt für eigene Zwecke verwendet wurden, läßt sich gemeinschaftlich wefentlich mehr erreichen. Jede Nebeneinanderarbeit wird in Zukunft verschwinden, kostspielige mehrfache Verwaltungsapparate werden überflüssig.
Durch die Zusammenfassung wird alten Kreisen und Schichten unsere» Botte» die Mögllch- feil gegeben, Flugsport zu treiben.
Keiner braucht mehr beiseite zu stehen. Für die deutsche Jugend ist es eine vaterländische Pflicht, sich aktiv am Flugsport zu beteiligen, jeher national gesinnte Deutsche gehört in die für ihn zuständige Ortsgruppe des Deutschen Lustsport-Verbandes. Die verständnisvolle Mithilfe des ganzen Volkes ist Vor- ausjetzung für die Schaffung einer starken nationalen deutschen Luftfahrt. Das deutsche Volk von der lebenswichtigen Bedeutung der Luftfahrt zu überzeugen und es zu tätiger Mitarbeit zu gewinnen, das ist Zweck und Sinn der Deutschen Luftfahrt-Werbe- woche!
Der Weg durch die Hölle.
Oie Unterzeichnung des Diktates von Versailles. — Ein Augenzeugenbericht aus den Schicksalstagen des deutschen Volkes.
Don Rolf Brandt.
I.
Tragisches Vorspiel.
Am 28. 3uni 1919 begann mit der iln- terzeichnung des „Friedens" - Vertrages von Versailles der Weg durch die Hölle, den das deutsche Volk in schwerster Rot gehen mußte. Wir nehmen Gelegenheit, zu diesem Tage aus dem soeben im 10. Tausend erschienenen Buche von Rolf Brandt „2)er Weg durch die Hölle" (Brunnen-Verlag, Willi Bischofs, Berlin, broschiert 3,75 Mt, Leinen geb. 5 Mk.). das nachstehende Kapitel abzudrucken. Rolf Brandt, der als Berichterstatter an der Unterzeichnung teil* nahm, schildert in seinem Buch Menschen und Probleme. 3atrigen und Zufälle in dramatischer Höchstform der damaligen Aitua- lität. Diese sieben Kapitel stellen nicht etwa eine dem Ablauf der Zeit entsprechende Er- eignisschilderung dar, sondern jedes hat für sich ein geschloffenes Problem zum Mittelpunkt: jedes Kapitel hat seinen eigenen künstlerischen Aufbau, feine eigene Spannung und feinen eigenen geistigen Abschluß. Durch diese Form der schriftstellerischen Gestaltung erreicht der Autor, daß man Kapitel für Kapitel mit immer neuer Anteilnahme wie gcfchlosfene Schickfals- dramen liest.
... Am 20. 3uni überreicht Drockdorfs- Rantzau sein Abschiedsgesuch: „Sie Verhandlungen in Weimar haben mich überzeugt, daß Gründe der inneren Politik, besonders die überwiegende Auffassung von dem seelischen Zustand unseres schwergeprüften Volkes, es für die Regierung unmöglich erscheinen lassen, den Einsatz zu wagen, ohne den ich mein Spiel nicht gewinnen kann. Und es war — davon bin ich überzeugt — kein leichtfertiges Vabanquespiel. Es setzte nur Festigkeit und Selbstvertrauen voraus. 3ch habe das Vertrauen in mich selbst und habe trotz allem das Vertrauen zum deutschen Volke nicht verloren ..
Erzberaer hat das Zentrum beschwatzt, jetzt wirft er auch die Sozialdemokraten um, die noch zwei Tage vorher einen Aufruf erlassen haben: „Wenn dieser Friede Gesetz wird, so müssen weite Kreise des deutschen Volkes auf der Straße betteln gehen", — wie sie im 3ahve 1933 es auch wirklich tun.
Ein Mann kennt die Soldaten. Wenn der Gedanke der Volkserhebung zur Flamme emporschlagen soll, dann müßte diese Flamme von der Fugend, in der in diesen Stunden der neue deutsche Rationalismus gewonnen wird, getragen werden. Der preußische Kriegsminister R e i n h a r d t, der noch etwas von der Seele der 3ugend weiß, veranlaßt den Reichswehrminister Roske, die Führer der Freikorps und der im Osten auf gestellten Truppenr erbände über ihre Meinung zu befragen.
Am 17. 3uni findet in Kolberg die Aussprache zwischen Generallcldmarschall von Hindenburg und seinem Generalquartiermeister General G r o e n e r, statt. Groener ist für die Annahme der Bedingungen von Versailles .Deutschland verfügt zur Zeit über etwa 350 000 einsatz- bereite Soldaten. Sie genügen, um Polen niederzuwerfen. Sie find nicht imstande, den Vormarsch der Ententemillionen aufzuhalten oder auch nur im Tempo zu vermindere Bestimmte Kreise, die dem Widerstandszentrum um General Reinhardt nahe stehen, tragen sich mit dem Gedanken, gemeinsam mit Sowjetrußland den Kampf gegen die Entente aufnehmen zu können... Die nüchterne realpolitische Beurteilung der Oefamtlagc zwingt jedoch zur Erkenntnis, daß die Geschichte eines Volkes Abschnitte kennt, in denen die Selbstaufopferung für das Gebot der Ehre dem Selbstmord gleicht..
Lieber Sllav als tot.
Hindenburg dankt fast wortlos. 3hn halt allein sein Glaube an Gott aufrecht. Er fühlt anders als Groener. Lange nach Mitternacht schreibt er mit feiner großen, klaren Handschrift:
„Großes Hauptquartier, den 17. 3uni 1919. Wir find bei Wiederaufnahme der Feindseligkeiten militärisch in der Lage, im Osten die Provinz Posen zurückzuerobern und unsere Grenzen zu halten. 3m Westen können wir bei einem ernsten Angriff unserer Gegner angesichts der zahlenmäßigen Ucberlegenfjeit der Entente und deren Möglichkeit, uns auf beiden Flügeln zu umfassen, kaum auf Erfolg rechnen. Ein günstiger Ausgang der Gesamtoperation ist daher sehr fraglich, aber ich muß als Soldat den ehrenvollen Untergang einem schmählichen Frieden vorziehen, von Hindenburg."
Roste ist mit Groener nun für die Unterzeichnung deS Friedens. Er mißtraut gründlich — aber wahrscheinlich falsch — den Kräften dieses Volkes.
3n Weimar geben die Parteien, außer sich vor der Angst der Verantwortung, widersinnige Parolen aus. DaS Zentrum erklärt, daß man nur „unter Vorbehalt unterzeichnen" könne: unter Ablehnung der sogenannten „Ehrenpunkte", das heißt der Auslieferung von Beschuldigten an alliierte Kriegsgerichte. Schon lautet die Frage nicht mehr — es ist wie ein Taschenfpielerkunst- stück, das man getrieben hat: „Unterzeichnen oder R i ch t u n t e r z e i ch ne n?" fondem: „M i t oder ohne Vorbehalt?" Schon diese Fragestellung muß auf die Gegner in Paris den Eindruck machen, und die Herren Haugenin und Hesnard sorgen dafür, daß dieser Eindruck nach Paris gelangt, daß die Nationalversammlung von dem Geist entschlossenen politischen Widerstandes weit entfernt ist. Schon am Abend des 20. 3uni meldet der Professor aus Berlin telephonisch vom Hotel Adlon:
„D eutschland wird unterschreiben, bedingungslos. Richt nachgeben."
Am vierten Tage bildet Gustav Bauer, der Darmat-Dauer, das neue Kabinett: die Weimarer Koalition, Sozialdemokratie und Zentrum.
Am 22. 3uni, in der Mittagsstunde, tritt die Rationalversammlung zu der historischen Sitzung zusammen, in der die Abstimmung über den Friedensvertrag vorgenommen werden soll. Auf den Ministerbänken, zur Rechten des Präsidenten Fehrenbach, fitzt das neue Reichskabinett.
Man ist bereit und entschlossen, bedingungslos nachzugeben. Man hat innerlich auch die letzte feige Formel über Bord geworfen. Gustav Bauer, schwer, massiv, kühl, Typ des vollgefressenen, von Darmat ausgehaltenen Parteibonzen, schreitet zum Rednerpult. Er sagt: „Wir erklären offen, daß wir nicht aus innerer Ueberzeugung beistimmen, vielmehr unter Vorbehalt. Daher wird die Vollmacht zur Unterzeichnung lauten: »Die Regierung der deutschen Republik ist bereit, den Friedensvertrag zu unterzeichnen, ohne jedoch damit anzuerkennen, daß das deutsche Volk der Urheber des Krieges sei und ohne eine Verpflichtung nach Artikel 227 bis 230 des Friedensvertrages au übernehmen"."
Paul Code hält für die Sozialdemokraten eine lange Rede mit Deklamationen und Vorbehalten, ober der entscheidende Sah ist eben:
„Rach kurzer Frist müßten wir uns bedingungslos unterwerfen und einen Frieden unterschreiben, der noch schärfer werden würde. Wenn wir aus diesen Erwägungen die Annahme des Friedensvertrages billigen...“
Groeber läßt den wallenden grauen Bart flattern und beteuert — kein Wort geht später in Erfüllung: „Die Unterzeichnung bedeutet die Befreiung der Kriegsgefangenen, die Beendigung der Blockade, die Möglichkeit des wirtschaftlichen Wiederaufbaues..." Er sagt aber auch: „Unsere Zustimmung findet eine unüberschreitbare Grenze in der Rücksicht auf die Ehre des deutschen Volkes." Rach seiner Rede muh eigentlich wenigstens die Ablehnung der „Ehrenpunkte" statt- finden.
Für die Deutschnationalen spricht Gras P o - sadowsky. Er führt alle Gründe an, die für die Ablehnung sprechen. Seine Trauer erschüttert.
Professor Kahl für die Deutsche Vollspartei: „Wir würden uns ehrlos machen." Die Versammlung ist sichtlich nervös geworden. 3m Hause herrscht eine drückende Schwüle.
Fehrenbach und ein paar geschickte Zentrumsleute und Sozialdemokraten schieben — es gibt keinen anderen Ausdruck — inzwischen die notwendige Abstimmung, die auf legalem Wege, wie aus den Worten Groebers hervorgeht, nicht zu erreichen ist. Der Schlußantrag ist in einer gemeinsamen Resolution des Zentrums und der Sozialdemokratie eingebracht worden: „Die Rationalversammlung billigt die Haltung der Regierung in der Frage der Unterzeichnung des Friedensvertrages." Während der Sitzung wird die Resolution abgeändert und lautet nunmehr: »Die Rationalversammlung ist mit der Unterzeichnung des Friedensvorschlages einverstanden."
Mit vor Empörung bebender Stimme weist der alte Abgeordnete der Rechten, Schultz- Bromberg, auf diese Veränderung hin. Fehrenbach geht darüber hinweg. Er nimmt die Abstimmung vor, — niemand weih eigentlich, worüber er abstimmt.
Mit 237 gegen 138 Stimmen wird das Einverständnis mit der Unterzeichnung deS Vertrages ausgesprochen.
Am Spätnachmittag strömen die Abgeordneten ins Freie, und sie leben ihr Leben in Weimar weiter, sitzen des Abends in den Gasthäusern und des Rachmittags in den Cafes. Vor dem Denkmal Goethes und Schillers aber ist Deutschlands Ehre, Deutschlands Ansehen und Wohlstand begraben; nicht die deutsche Zukunst....
(Fortsetzung folgt]


