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Die wundervollen, satten Farben der holländischen Meister erstrahlten in der milden Helle zu einem Glanz ohnegleichen und erquickten die Augen, die so lange Häßlichkeit geschaut.
Lange saß Wera Wettern vor der Sixtinischen Madonna, in träumendes Schauen versunken. Die Gedanken verdämmerten sacht, während ihre Augen die unsagbar hoheitsoolle Lieblichkeit der jungfräulichen Heilandsmutter, den geheimnistiefen Blick des süßen Knaben auf ihrem Arm, in sich hineintranken.
Längst war die Mittagszeit vorüber, als Wera Wettern, noch halb traumbefangen, die Galerie verließ und, einem jähen Impuls nachgebend, ein in der Näh^ gelegenes elegantes Restaurant aufsuchte. Zu dieser Stunde waren die schönen, mit historischen Möbeln ausgestatteten Räume fast leer, was dem ruhebedürftigen Mädchen gerade recht war. An einem kleinen Erkertisch saß sie, sah zum Fenster, auf dessen Sims rote Alpenveilchen glühten, hinaus auf die eisbedeckten Wasser der Elbe und träumte mit in sich gekehrtem Blick weiter von der Welt unvergänglicher Schönheit, in der sie eben geweilt. Erst als der Kellner nahte, die Suppe aus der silbernen Tasse in den Teller goß, erwachte sie.
Wie wohl das tat, an einem gutgedeckten Tisch zu sitzen, lautlos und gewandt bedient zu werden! Gern hätte sie Rheinwein getrunken, seine funkelnde Bernsteinhelle hätte gut zur Festlichkeit dieses seltenen Tages gepaßt, doch sie wagte es nicht. Nur ein Kännchen duftenden Mokkas gönnte sie sich während des Blätterns in den Heften, die der Kellner aufmerksam herbeigetragen.
Sie schob die Hefte beiseite, zahlte und ging. Nicht traurig werden, nicht nachdenken, sonst floh der Tag erschreckt davon--
Ich bin müde, dachte sie, gewaltsam die Schwere abschüttelnd, die sich auf ihr Herz zu senken drohte. Neue Abwechslung tat not. Vor einem Kino drängten sich die Menschen. Sie ließ sich mit hineinfchieben, löste eine Karte, saß im rotgoldleuchtenden Raum, der sich bald verdunkelte. Musik irgendwo — Bilder erschienen auf der weißen Leinwand, Stimmen sprachen, sangen. Irgendeine lustige Liebesgeschichte spielte sich ab. Lachen flatterte empor aus dem Zuschauerraum, in dem sich Kopf an Kopf mit heißen Wangen und glänzenden 'Augen drängte. Alle erfüllte die gleiche Sehnsucht nach Liebe, Glück, Freiheit, nach einem bißchen Sonne.
„Ich sehe mir nur noch Stücke mit einem happy end an", bemerkte eine Stimme hinter Wera, „vom Gegenteil kriegt man im täglichen Leben schon übergenug zu spüren."
„Das stimmt", seufzte eine andere. „Haben Sie schon gehört: Man munkelt von Stillegung der Bittner-Werke. Da roäryi wieder an die zweitausend Arbeiter brotlos."
„Ja, ja, ich weiß schon. Mein Schwiegersohn sitzt im Betriebsrat. Furchtbare Zeiten sind das."
(Fortsetzung fol^
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börse, die ste in der Handtasche fest an ihre Brust hielt, wirklich verlorengegangen wäre? Nicht auszudenken! Sie enthielt ihre gesamte Barschaft.
Dor kurzem hatte Wera ein Paar Strümpfe von ihren Habseligkeiten vermißt, bald darauf ein Taschentuch. Dann fehlten zwei Mark, die, sie wußte es genau, in der Seite des Geldtäschchens gewesen waren. Schublade und Schrank schlossen schlecht, waren leicht zu öffnen. Ein Sparkassenbuch lohnte sich kaum für die paar mühsam Woche für Woche zurückgelegten Notgroschen, auch gab es keinen sicheren Aufbewahrungsort dafür. Da hatte Wera das Geld in die alte Lederbörse getan und unter dem Kleid stets bei sich um den Hals getragen. Nachts lag der kleine Schatz unter ihrem Kopfkissen. Aber heute früh hatte sie in der Erregung des verspäteten Erwachens, noch ganz unter dem Bann des traurigsüßen Traumes vergessen, die Börse umzuhängen und sie schnell in die Handtasche gestopft, um das Versäumte im Geschäft nachzuholen. Und nun hätte ihr Leichtsinn sie beinahe um alles gebracht. Beim Gedanken daran zitterten ihr noch alle Glieder.
Ein heißes Gefühl der Dankbarkeit gegen den Fremden wallte in ihr auf, dessen Ehrlichkeit sie vor dem Schlimmsten bewahrt. Wie hatte er eigentlich ausgesehen — alt, jung, schön, häßlich? Sie' wußte es nicht, sah nur ein Paar kluge, gütige Augen vor sich. Es mußte ein guter Mensch gewesen sein — wie leicht hätte er im Schutz des achtlos hin- und herflutenden Gedränges die kleine Börse aufheben und behalten können! Vielleicht war er wohlbestall- teter Beamter oder Angestellter. Nein, da hätte er wohl schwerlich Muße, um elf Uhr vormittags im Automatenrestaurant Zeitung zu lesen. Er las die Stellungsangebote, durchfuhr es Wera plötzlich, er tat, was ich hätte tun müssen!
Eine Woche Urlaub?! Keinen Tag durfte sie sich gönnen — ^sechsundvierzig Mark standen zwischen ihr und dem Nichts, sechsundvierzig Mark, die groschenweise erübrigt worden waren von einem Wochenlohn, der kaum zum nötigsten Lebensunterhalt gelangt.
Ach, einen Tag, einen einzigen Tag die graue Gegenwart vergessen, dem Gedanken an die holde, glückübersonnte Vergangenheit leben, in der Sorge, Armut, Not unverstandene Begriffe gewesen.
Die Sehnsucht war größer als die Angst vor dem Morgen.
Wera Wettern hielt inne im ziellosen Dahinhasten, überlegte, wandte dann den Schritt in stille Seitenstraßen und stand bald darauf im feierlichen Schweigen der Gemäldegalerie. Langsam stieg sie die weißleuchtende Helle der Marmortreppen empor, wanderte, mehr erfühlend als betrachtend, durch die hohen Räume, deren Ruhe nur selten von Menschenschritt oder -stimme unterbrochen wurde. Es war der Tag des höchsten Eintrittspreises, und die Leute sparten.
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Verlust für mich gewesen!" Ihre Stimme vibrierte leicht. v ,
„Sann freue ich mich doppelt, Sie davor bewahrt zu haben."
Aus schmalem, etwas blassem Gesicht sahen kluge, blaue Augen sie freundlich an. Aber der Schreck war so groß gewesen, daß Wera seine Worte kaum hörte. „ .
„Ich danke Ihnen nochmals sehr. Em Neigen des Kopfes. Der Fremde verbeugte sich, tiefer als üblich vor einer Unbekannten. Er trat hinter Wera auf die Straße, ging, halb unbewußt, ein Stuck hinter ihr her. Ohne sich umzusehen, schritt sie schnell dahin. Da hielt der Mann inne. Was wollte er denn — das war kein Mädchen, der man folgte. Vom Zufall zusammengeführt und wieder auseinandergetrieben. Wer mochte sie sein? Er sah ihr nach, bis sie im Gewühl verschwunden war. Ihm war, als müsse er die Hand ausstrecken, um etwas Holdes zu halten, dessen Nähe ihn eben gestreift.
4. Kapitel.
Ohne die Gedanken des ihr nachblickenden Man- nes zu ahnen, eilte Wera Wettern weiter. Zu Häupten schimmerte es golden zwischen den zerrissen dahinjagenden Wolken, hier und da leuchtete schon ein Stückchen blauer Himmel wie glückliche Verheißung hernieder. Aber die Menschen sahen es nicht. Keiner blieb stehen, um sich an der wachsenden Helle zu freuen, kein Lächeln begrüßte das Licht. Sie hatten keine Zeit, mußten eilen, jagen, bafc sie nicht zu spät ans Ziel kamen, mußten berechnen, wie heute die Einnahme sein würde, planen, wie sie die Konkurrenz schlagen, die Gläubiger Hinhalten konnten.
Aus den meisten Schaufenstern schrien grellfar- bene Plakate ihre Ausoerkaufsangebote in die Welt, „zu noch nie dagewesenen Schleuderpreisen". Lautsprecher lockten mit dem neuesten Schlager zum Kauf, an den Seiten der dahinratternden Bahnen und Wagen pries fußhohe Bemalung die unübertreffliche'Güte einer Zahnpasta, einer Schokolade, überboten einander in origineller Reklame für ihre Spezialware. Ueberalf ein Anbieten, ein Ueberbie- ten, ein Loben und Versprechen, hinter dessen marktschreierischer Front die Sorge lauerte und ihre Zwillingsschwester, die Angst. Hart war das Leben geworden, erschreckend hart. Wer nicht Schritt halten konnte, wer fiel, wurde erbarmungslos mit Füßen getreten.
Wera Wettern, die sich vorhin gedankenlos von der Menge hatte treiben lassen, die mit Wollust die kalte Frische in ihre lufthungrigen Lungen eingesogen, mit blanken 2lugen sich des bunten (Betriebes und ihrer Freiheit gefreut, sah plötzlich mit hellseherischer Deutlichkeit die Peitsche, die das scheinbar so frohgeschäftige Gewühl vorwärts trieb, immer schneller: die Not ums tägliche Brot.
Und sie hatte es gewagt, von süßem Nichtstun zu träumen! Wie, wenn die kleine, schäbige Leder
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Ein stetes Kommen und Gegen ringsum, unaufhörlich tappten Schritte auf dem Holzboden, Stimmen juminten, zu einem Laut vermengt wie das Gespräch in einem Bienenkorb.
Es roch nach Kaffee, Bier und Fifch. Das junge Mädchen war fertig, raffte seine Pakete und diversen Taschen zusammen und ging mit einem flüchtigen „’n Tag". Ein älterer Mann nahm grußlos ihren Platz ein. Er schmatzte laut beim Essen, goß seinen Kaffee in die Untertasse und zurück in die Tasse und trank dann in schlürfenden Zügen.
Angewidert wandte Wera sich ab, eine kleine Unmutsfalte zwischen den Brauen. Sie begegnete just dem Blick eines jungen Mannes am Nebentisch, der leise lächelnd ihr Gegenüber betrachtete und errötete. Hoffentlich merkt er, daß der und ich nicht zusam- mengehören, dachte sie. Sie setzte sich unwillkürlich gerader, hob das Kinn ein wenig, und merkte, ohne hinzusehen, daß der Blick des Fremden nun interessiert auf ihr ruhte.
Er hatte die Zeitung gelesen, las scheinbar weiter, aber immer wieder schweiften seine Augen verstoh- ley über den Rand des Blattes hinweg zu dem blonden Mädchen nebenan, dessen hellhäutiges, feines Gesicht sich aus dem einfachen schwarzen Mantel wie eine zarte Blüte erhob. Sie hatte den Kragen geöffnet und zurückgeschlagen. Weiß leuchtete der freigetragene Hals über einem jener dunklen Wollkleidchen, wie man sie zu Hunderten für wenige Mark im Ausverkauf erstand. Trotzdem haftete der ganzen Erscheinung nichts von billiger Eleganz an; im Gegenteil, sie wirkte auffallend vornehm.
„Zweifellos eine Dame", stellte der heimliche Betrachter fest — und sah blitzschnell woanders hin, denn Wera rüstete zum Aufbruch. Sie schloß den Mantel, zog die Handschuhe an, griff nach ihrer Tasche und erhob sich.
Im Begriff, durch die Drehtür hinauszugehen, zuckte sie zusammen. Jemand hatte ihren Arm berührt. Sie wandte sich hastig um. Der Fremde vom Nebentisch stand vor ihr. Wieder steilte sich die kleine Falte zwischen den feinen Brauen. Wollte er sitz etwa ansprechen?
Eine angenehme Stimme sagte: „Verzeihung, meine Gnädigste, Sie haben eben Ihre Geldbörse fallen lassen, sie glitt Ihnen beim Aufstehen vom Schoß."
Nun erst sah Wera, daß der junge Mann ihr etwas entgegenhielt.
„Ach Gott, meine Börse —" In heißem Schreck griff sie nach dem braunen Lederportemonnaie. „Tausend Dank, mein Herr. Das wäre ein harter
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