Ausgabe 
27.5.1933 Erstes Blatt
 
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Ein vaterländischerRoman vonHcmsVietzke

Urheber-Rechtsschutz

durch Verlag Oskar Meister, Werdau.

8. Fortsetzung Nachdruck verbotenI

Eure Majestät aus meinem Wege über Memel und Königsberg habe ich die ganze Hilflosigkeit, die ganze Zermürbung der dem Untergang geweihten napoleonischen Armee vor Augen gehabt. Die Reai- menter zerfallen, von Kälte und Hunger aufgene- ben, die Offiziere versuchen ihr Leben zu retten, in­dem sie der Truppe vorauseilen. Jede Disziplin ist zu Ende. Ick bitte Eure Majestät inständigst um die Gnade, ein Kavallerieregiment führen zu dürfen. Ich werde Generäle, Marschälle und Stabsoffiziere Na­poleons zu Hunderten als preußische Gefangene ein­bringen. Wenn wir jetzt losschlagen, wird der Sieg über Nacht unser sein. Nie mehr wird es dem Kaiser gelingen, ohne diese Elite neue Armeen aufzustellen. Nie war der Augenblick günstiger, Majestät jetzt wäre mit aller Unterdrückung ein Ende zu machen --mit einem Schlag!"

Der König bemüht sich krampfhaft, den Schrecken, den ihm diese Worte eingejagt haben, hinter schroffer Abweisung zu verbergen.Für Sie, Donnersmarck, wäre das ganz schön für mich aber malhonette!"

Er wendet sich Scharnhorst zu, stumm, mit einem scheuen, angstvollen Blick dessen Meinung au erraten.

Eure Majestät müssen sich entscheiden! Die Stunde ruft dringender denn je!" Fast unbe­herrscht, drohend erregt, kommen Scharnhorsts Worte.

Der Disput wird gereizt. Uebernervös antwortet der König:

Man drängt, Scharnhorst, drängt mich über­all! Immer nur Entscheid erzwingen. Kenne das! Vermisse Besonnenheit! Hasse alle Uebereilung."

Scharnhorst, jetzt gefaßter und ruhiger, bemüht sich, seiner Stimme Ueberzeugung und Sachlichkeit zu geben.

Eure Majestu. vergessen, was im Herzen des Volkes seit Jena und Auerstedt vorgegangen ist. Ohnmächtig slüchten die Bedrücker durch das Land. Das Volk, durch Jahre der Not und Schmach aufs äußerste gereizt, kennt nur einen Gedanken: Rache! Ein Wort und wir können marschieren!"

Der König weicht aus. Nur nicht jetzt, nicht jetzt die Last dieser ungeheuren Verantwortung tragen man muß warten, Zeit gewinnen . . .

Kenne das! Marschieren und bann: Flucht! Immer weiter. Immer tiefer ins Elend. Kenne das! Mag nicht mehr, Scharnhorst! Blut, immer wieder Blut . . ." seine Worte werden stockend und heiser . . . . Befehle sind schnell gegeben aber Folgen bluten lange in Wunden."

Eure Majestät müssen den Glauben haben an das Volk! Ein Gedanke brennt in aller Herzen: Freiheit! Aber wir müssen losschlagen wir kön­nen marschieren--Jahre Der Arbeit sind nicht

umsonst gewesen!"

Scharnhorsts Stimme wächst mit der Wucht der Idee.Der Feinde findet uns gerüstet! Die allge­meine Wehrpflicht hat Wunder gewirkt: Wir können Armeen aufstellen! Und diese Armeen, Majestät, werden sich schlagen wie keine zuvor: Denn ein Geist der Rache und ein Geist der Freiheit lebt in ihnen, gegen den Kanonen umsonst aufgefahren werden!"

Der König hat sich erhoben. Er geht zum Fenster, sieht langehinaus in den winterlichen Park. Die Macht der Worte Scharnhorsts arbeitet in ihm. So kann nur einer sprechen, der aus tiefster Seele über­zeugt ist von seinem Denken und Fühlen. Aber der schwache Wille, das halbe Wollen des Königs zer­bricht bei dem einen Gedanken: Jena und Auerstedt! Er kann das nicht vergessen, nie wird er das ver­gessen und niemals wieder will er das erleben.

Gut gesprochen Scharnhorst! Könnte mich überzeugen. Aber--werde erst mit Hardenberg

reden. Muß Zeit haben, lieber keine Attacken, muß erst wissen, was mit Oesterreich wird. Alles hängt davon ab."

Dann wendet er sich seinen Papieren auf dem Schreibtisch zu. Nickt kurz die Offiziere sind ent­lassen.

Schrill klingt das Klirren ihrer Sporen in den hohen Raum. Türen fliegen auf. Würdig stehen die Pagen. Die Audienz ist beendet. Es war wie immer umsonst . . .

9.

Die erste Woche des neuen Jahres 1813 war noch nicht voll ins Land gegangen, als wieder von Osten her ein neues Fanal flammender Begeisterung sei­nen Glutschein bis in das Herz des preußischen Vaterlandes warf.

Es schien ein gutes Omen für kommende Tage: Zum ersten Male sprach laut und vernehmlich die Stimme des Volkes!

Am 5. Januar trifft General Porck in Königsberg ein. Am gleichen Tage spricht er vor den ostpreu­ßischen Landständen jene bedeutende Worte, die die Königspartei in die Enge treiben, und allen Fran- zosenfreunden den entscheidenden Entschluß eines Für oder Wider bringen.

Militärisch kurz, voll verbissener Energie, ganz dem Augenblick hingegeben, ist die Rede Porcks.

Als alter Soldat spreche ich zu Ihnen und sage Ihnen: Es ist im Augenblick Ihre heiligste Pflicht, um sofortige Mobilmachung besorgt zu sein! Ver­stärken Sie aus Ihren Reihen Preußens bewaffnete Macht gegen Frankreich kein Tag mehr ist zu verlieren! Wir leben in einem Zeitpunkt des Han­delns, nicht des Fragens fordern Sie deshalb von Seiner Majestät den Aufruf zu allgemeiner Landes­bewaffnung. Die Gelegenheit ist günstig wie nie

ich bin den ersten Schritt gegangen und opfere gern mein Haupt dafür tun Sie das Ihre!"

Tosender Beifall ist die Antwort. Die Männer bilden eine Gasse. Hochrufe umbranden den General, der dem Ausgang zuschreitet. Noch einmal wendet er sich um. Sieht mit finsterem Blick auf die be­geisterte Versammlung.

Auf dem Schlachtfeld verbitte ich mir bas!"

Unerbittlich ist der düstere Ernst dieses Mannes, gegen alles Aeußerliche. Er erwartet schweigenden Gehorsam. Das Echo sei: Die Tat!

Seit Beginn des Jahres schon brannten Tag und Nacht ununterbrochen in den düsteren Amtsstuben der Berliner Regierung die Dellampen auf den wurmstichigen Schreibpulten: Jetzt gab es Arbeit! Jetzt hieß es: Zu guter Zeit den Kops heil aus der Schlinge ziehen--

Hardenberg hat wirkliche Sorgen. Seine Klugheit gebietet ihm, auf die Stimme der Zeit zu hören. Sein Amtszimmer ist belagert, es regnet Debatten, Anträge, Vorwürfe, Teilnahme, Meinungsverschie­denheiten, und alles in einem Temperament wie nie zuvor.

Man munkelt ja von ganz unglaublichen Vor­gängen im Osten", sagt sein Besuch, Herr von der Marwitz,ich glaube, Herr von Hardenberg, jetzt ist der Augenblick gekommen, auf den wir seit Anno 6 warten!"

Hardenberg seufzt. Er ist froh, einmal sich aus­sprechen zu können, garu offen und ohne Hinterge­danken, soweit ein Diplomat dazu noch fähig ist.

Ganz meine Meinung, Herr von der Marwitz! Lange genug habe ich auf diesen Augenblick gewar­tet. Wir sind nicht untätig gewesen: Meine Verhand­lungen mit England und Oesterreich werden nun doch zu Ehren kommen. Der Scharnhorst rüstet seit Jahr und Tag ..."

Vortrefflich! Wir werden die Waffen bald ge­brauchen müssen", erklärt Marwitz mit Nachdruck.

Das ist noch sehr die Frage!" Hardenberg lehnt sich, atemholend, weit in seinen Sessel zurück.Meine Meinung ist die: Wir werden es diesmal ohne Blut­vergießen schaffen. Napoleon ist bis auf das äußerste geschwächt er wird zu diplomatischen Schritten sich gezwungen sehen, die uns in die Lage setzen werden, leichten Kaufes Ehre, Ansehen und Besitz der alten Zeit wieder herzustellen."

Marwitz ist außer sich. Er vergißt über diesen Worten die Höflichkeit, die dem Minister geziemt. Er schreit Hardenberg an:Herr Minister Sie glauben wirklich, wieder mal mitDiplomatie" die furchtbaren Scharten der letzten Jahre wettzu­machen? Hat man denn hier die Zeit immer noch noch begriffen?! ... Napoleon noch nicht kennen­gelernt? ... Ist die Forderung des Volkes noch nicht bis in die muffigen Wände dieser Amtsstuben ge­drungen?"

Hardenberg ist peinlich berührt. Seine Stimmung schlägt blitzartig um. Der Mensch verkriecht sich in den Diplomaten, der gelernt hat zu schweigen, wenn es gefährlich wird.

Marwitz ist im Zuge. Er achtet nicht auf den Minister. Er spricht wie beschwörend gegen die Wände der Amtsstube. Seine Arme zeichnen er­regte Gesten in die Luft. Er redet sich den lange aufgespeicherten Zorn herunter.

Ich warne Sie, Herr Minister, alles hängt von Ihnen ab! Jetzt ein entschiedener Schritt der Re­gierung und das Volk wird alles Vergangene ver­gessen, alles würde sich noch einmal auf legalem Wege zu einem guten Ende führen lassen ... Wer­den Sie vor allem bei Seiner Majestät vorstellig: Man muß raschest zu den Waffen greifen!"

Beschwörend beugt er sich hinüber zu Hardenberg. Sie allein haben Einfluß! Es ist die dringendste und größte Ausgabe dieser Stunde!"

Hardenberg antwortet kühl:Dazu kann ich den König nicht bewegen."

Sie haben Seine Majestät während Ihres Mi­nisteriums zu allem gebracht jetzt, in diesem wichtigsten, diesem dringendsten Moment muß Ihnen auck das möglich sein!"

Majestät läßt sich wohl leiten bis zu einem ge­wissen Punkte, aber wenn es zur Entscheidung kam- men soll, behält er seinen Willen."

Dann werden wir alles, aber auch alles ver­lieren!"

Hardenberg versucht es mit einem schwachen, bei­nah ironischen Lächeln:Das ist zumindest über­trieben, Herr von der Marwitz! Man kann schließ­lich nichts übereilen. Wir arbeiten ja wir wollen vor allem völlige Übereinstimmung mit Oesterreich aber bas braucht Zeit!"

Marwitz trocknete sich die vor Erregung feuchte Stirn. Langsam gibt er den Angriff auf. In diesen Mauern krepiert der stärkste Wille.Zeit ... wir brauchen Zeit ... das kennt man nun schon noch- gerade!! ... Lieber, verehrtester Herr von Harden- berg ..." will er es noch einmal auf andere Weise versuchen, aber der eintretende Sekretär unter­bricht ihn.

Das Schreiben Ports, vom dritten Januar, aus Tilsit datiert, ist soeben mit der Nachricht der Kon­vention von Tauroggen in der Kanzlei eingetroffen, befördert durch reitenden Kurier.

Mit nervösen Händen erbricht Hardenberg das Siegel.

Er lieft. Sich unterbrechend, Luft holend, setzt er sich.

Wischt sich über die Augen, als sei das unwirk­lich. was er da vor sich in der Hand hält.

Nun begreift er die ungeheuerliche Tragweite die­ser Zeilen.

Das Unabänderliche ist, da. Jetzt wird man end­gültig Stellung nehmen müssen ...

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