Ausgabe 
27.5.1933 Erstes Blatt
 
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Nr. 122 Drittes Blatt

Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefsenl

Samstag,27. Mai (955

Wandern und Reisen Bäder und Sommerfrischen.

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In der Heimat des Schinderhannes

Von Ludwig Klaas.

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darmerie zu verraten. Hierher brachten die Han- dclsjuden aus dem Nahe-Hunsrück-Gebict die ihnen von Schinberhannes auferleglen Kontribu­tionen. 3n der Nähe von Sobernheim, dem heutigen bekannten Pastor-Felle-Kurort, überfiel er einmal bei der sogenannten Schinderhanncs- eiche eine ganze Schar von Handelsleuten, plün­dert sie aus und zwang sie, die Schuhe auszu­ziehen, die er dann durcheinander warf. Mit vor- gehaltener Pistole erklärte er, jeden, der inner­halb einer Minute seine Schuhe nicht anhabe, zu erschießen. Eine wüste Keilerei um die Schuhe entstand und Schinderhannes hatte seinen Spaß daran. Bei Meisenheim, in dessen alten Fachwerkhäusern der Näuber mehr als einmal wohnte, hatte er Berhandlungen mit den Behör­den, die immer wieder versuchten, da sie mit Ge­walt seiner nicht habhaft werden konnten, mit ihm ein gentlcman agreement zu schlichen. Als es gegen das Ende seiner Räuberlaufbahn ging, be­nutzte er oft die alten Kupferbergwerke im Hut- tental bei M ü n st e r am Stein zum Unterschlupf, dort, wo heute friedliche Kurgäste lustwandeln, stapften damals die wilden Räuber durch den Wald. Don ihren Verstecken sahen sie die Gen­darmen von Bad Kreuznach her vorbeirei­ten. Schinderhannes mag sich oft ins Fäustchen gelacht haben, wenn die französischen Landjäger ahnungslos an ihm vorbeiritten. In Bad Kreuz­nach befand sich das Hauptquartier der fran­zösischen Gendarmerie, die jahrelang verzweifelte Anstrengungen machte, des Räubers habhaft zu werden. Heute erinnert in dem schönen Radium- solbod nichts mehr an jene unruhigen Zeiten. Ein vergilbtes Zeitungsblatt, ein paar Chroniken einige Gerichtsakten und der Dolksmund melden allein die Tage des Schinderhannes. Damals um 1800 herum, zur Zeit der Franzosenherrschaft am Rhein, war er der ungekrönte Herrscher des Lan­des von Birkenfeld bis Dingen am Rhein. Roch sind die Taten des Schinderhannes lund seine Streiche lebendig in der Erinnerung des Volkes. In den Stuben uralter Bauernhäuser an der Rahe und im Hunsrück hängt vielfach noch sein Bild, in den Heimatmuseen der Städte befinden sich Briefe, Dokumente, Waffen, die von Johannes Bückler stammen.

Zweitägige pfingstfahrt in den Vogelsberg.

1. Sag:

Hungen Schellnh 0 f Schotten.

Dom Bahnhof Hungen durchschreiten wir das aufstrebende Landstädtchen und folgen blauen Stri­chen. die uns bis Schotten das Geleite geben. Bald hinter Hungen nimmt uns der Wald auf. Aus stillen wenig begangenen Pfaden wandern wir durch herrliche Baumbestände an einer Eisen­grube vorüber Beim Schnittpunkt der blauen Kreuzmartierung. Nidda Laubach erfreut uns ein prächtiger Blick auf das hochgelegene Stornfels und aus den Hohen Vogelsberg. Nach geraumer Zeit, nachdem wir den Schellnhos passiert haben, stoßen wir aus rote Kreuze, mit denen wir gemein­sam mit unserem seitherigen Zeichen weitergehen. Wir überschreiten das reizvolle Gierbachtal, kom­men durch den Spichwald und erreichen nach knapp vierstündiger Wanderung das Endziel^dcs ersten Tages Schotten, das Herz des Bogelsbergcs. Hier suchen wir in einem der guten Gasthäuser Anter- kunst.

zarte Gras der Wiese zertrampelt ist von den über­mütigen Spaziergängern. Das Herz tut einem weh, wenn man solche Zerstörung sehen muß. Mit welchen Gefühlen mag der Bauer, dem die Wiese gehört, in den nächsten Tage hier stehen! Soll er da nicht wütend werden auf dienichtsnutzigen Faulenzer", die ihm alles zertreten und verunreinigt haben. Und dabei ist der rafenbewachsene Weg doch genau so weich und schön wie die Wiese.

Am Bache blühen die goldnen Sumpfdotterblumen, daneben das Wiesenschaumkraut und das Dergiß- meinnicht. Ein solcher Strauß mit den leuchtenden Blüten wird uns auch im Zimmer noch erfreuen. Aber müssen wir beim Plücken das Gras nieder­treten und überall gerade die schönsten Blumen her­aussuchen, wohl gar einen Strauß in der Größe eines Korbes mit nach Haufe schleppen, oder, was noch schlimmer ist, die abgepslückten Blumen wieder wcgwerfen? Ueberall auf den Waldwegen liegen die welken Blüten der schönen Frühlingsblumen. Muß das sein?

Tressen wir tm Walde eine frohe Schar von Wan­dervögeln, bann lacht uns das Herz im Leibe. Sie sollen uns ein Dorbild geben, wie man wandern soll Bei ihnen herrscht Zucht und Ordnung, so den­ken wir. Aber leider müssen wir dann sehen, wie sie mitten im Wald ein Holzfeuer anzünden, nach dem Essen ihre Zigaretten rauchen und die Papierreste genau so achtlos liegen lassen wie die Sonntags­spaziergänger. Das waren jedenfalls keine echten Wandervögel.

Wir sehen sie abends wieder. Sie stören die Ruhe des abgelegenen Dörfleins, schreien und erzählen laut tolle spaße und lachen den Leuten ins Gesicht. Wahrhaftig, es gibt immer noch Wanderflegel.

Wir sollten mit Andacht und innerer Freude den wundervollen Dom des gejchmüdten Waldes betre­ten, sollten die Schönheit still und beglückt genießen und den Zauber des deutschen Frühlings ganz auf uns wirken lassen, nicht aber die Natur beschmutzen mit Zeitungsresten, Bierflaschen und anderen Gegenständen. Die Stille des Waldes sollten wir nicht durch unflätige Schreie und Worte stören.

Ehrfurcht sollen wir auch haben vor den Pflan­zen und Tieren, die sich nicht wehren können, wenn sie mißhandelt werden Auch sie sind Gottes Ge- schöpfe.

Wir wollen deshalb schon bei unseren Kindern be­ginnen, sie aufmerksam machen aus diese Sünden vieler, vieler Wanderer. Das gilt besonders auch für aüe Schulklassen, die einen Ausflug machen. Man achte streng barauf, baß ber Platz, auf bem gerastet würbe, keine Spuren von irgenbwelchen Uederresten aufzeigt. Die Wanbe unb Balken von Aussichtstürmen bürfen nicht mit Namen beschmiert, bie Wiesen nicht zertrampelt werben. Soviel muß unsere Jugend be­greifen können.

Alle Wanderer aber, die noch Gefühl für die Rein­heit unserer Wälder und Felder haben, grüßen wir!

Zirkus in Zahlen.

Die Ankunft des Zirkus Krone in Gießen lenkt die Aufmerkfamkeit weitester Kreise auf die Fragen der Organisation und des Verbrauches in einem so riesigen fahrenden Unternehmen, wie es der Zirkus Krone darstellt.

Dem Zirkus Krone geht der Rus voraus, der größte Zirkus der allen Welt zu fein. Wer eine solche Behauptung ausstellt. muß dies durch Zif­fern bcweüen können. Der Zirkus Krone kann diesen 'Beweis beibringen. Gewaltige Zifsern. die Marksummen darstellcn. marschieren auf: Zwei große Ausgabeposten stehen im Vordergrund des Etats. Es sind die Kosten für Gehalter und Löhne und für Fourage aller Art.

Der Troß der 1200 Menschen unb 800 Tiere verschlingt (bitte dies nur bei den Tieren wort­wörtlich zu nehmen) zusammen mit allen lau- senden Ausgaben zwischen 16 000 bis 18 000 Mark täglich.

-Beweise: Da liegt ein alter Frachtbrief aus dem vorigen Jahre. Er berichtet, daß die vier Extrazüge allein für den Transport von Mühlhaufen im Elsaß nach München eine Frachtsumme von 40 500 Mark erforderten. Da liegen Quittungen aus dem (Ein- foufsetat des Unternehmens wahllos entnommen: Betrag für 160 Zentner Heu dankend erhalten!" 130 Zentner Stroh find ordnungsmäßig bezahlt worden!"Der Betrag für 425 Zentner Säge- fpöhne zur Verwendung in der Manege ging am 26. April ein!"

Der Pferdebestand eines friedensstarken Regi­ments wandert alljährlich in den Magen der Löwen. Tiger und anderen Bestien.

Tag um Tag werden dreibisvierPferde geschlachtet, 18 Pfund frisches Fleisch ver­braucht ein Tiger beispielsweise zu einer einzigen Mittagsmahlzeit. Sieben Brote hintereinander stellen für einen Elefanten nicht viel mehr dar, als für uns ein paar bayerische Klöße.

Reichsbahn und Rcichspost sind Großverdiener am Zirkus Krone Mehrere hunderttausend Mark vereinnahmt die Reichsbahn jährlich durch den Transport der vier Ektrazüge 2003 bis 2500 Briefe gehen täglich in den acht Büroabteilungen hinaus in alle Welt Briefmarken werden nur engros, aber leider ohne Rabatt, eingetauft. Die Rechnungen für Telephon und Telegramme er­reichen in jeder Stadt auch nur bei drei- oder vier­tägigem Aufenthalt vierstellige Marksummen.

Ein erheblicher Teil der Einnahmen bleibt gleich in der jeweiligen Gastspielslabt.

Zwölfhundert Menschen wollen wohnen, essen und Dinge des täglichen Bedarfs einkaufen. Geht bas Geschäft in einer Stabt einmal für ben Zirkus schlecht, so kann es passieren, baß er direkt und indi­rekt mehr Geld dort läßt, als er einnimmt. Die lau- senden Ausgaben der Zwölshundert. die jetzt mit Krone kommen, betragen in jeder Stadt im Durch- schnitt in je drei lagen 15 000 Mark Statistisch er­rechnet und unter Beweis zu stellen!

Auf der Ueberfieblung von Landshut nach Strau­bing ging ein See-Elefant ein. lieber 20 000 Mark Verlust an einem einzigen läge! In Marseille wur­den in drei Tagen 28 wertvolle Kamele und Drome- dare von einer tropischen Krankheit dahingerafft. In Turin erlitten im August des Borjahres drei See- lowen und ein Eisbär Hitzschlag. In Budapest gingen zwei Leoparden und eine Löwin ein. Verluste, die hunderttausend Mark übersteigen, unvorhergesehene Verluste in einem einzigen Jahre. Verluste, bie aller­dings ben Zirkus zum wertvollen Käufer für bie großen Tierhanblungen machen.

Alle kennen wir ihn, den berühmten und be­rüchtigten Räuberhauptmann. Rebellen und Eu- lenfpicgel, Iohannes Bückler, genannt S ch i n - derhanncs. haben von seinen Taten gelesen, sein Konterfei in Film und Theater gesehen. Wer von uns jedoch hat einmal seine Heimat besucht, ist durch die Schluchten und Wälder. Städte, Dör­fer und.Burgen feines Reiches gestreift? Nichts ist reizvoller, als den Spuren dreses rheinischen Desperados nachzugchen. Ueberall finden wir Erinnerungen an ihn, im Hunsrück, an der Nahe, in allen Städten und Dörfern, in der einzigarti­gen Landschaft.

Bei Trechtingshausen, dem lieblichen Winzerdorf am Rhein, ist Schinderhannes oft aus dem Rechtsrheinischen über den Fluß gekommen. Seine Spießgesellen hielten von der Burg R h e i n st e i n Ausschau nach ihrem Herrn und Meister, warteten an der uralten Klemens- k a p e l l e auf ihn und dann ging der Marsch los. hinauf durchs Morgenbachtal in die Wäl­der des Hunsrücks. In Stromberg, dem heu­tigen Luftkurort, wurde Rost gemacht, im Wirts­haus fröhlich gebechert und so nebenbei dem Fak­tor von der Stromberger-Neuhütte oder irgend­einem anderen vermögenden Beamten ein Brand­brief in das Haus geschickt. In Gemünden wurde die Beute verteilt, die Bande zerstreute sich in die endlosen, wundervollen Wälder, ver­schwand in alle Winde, um sich einige Zeit später bei B i r k e n s e l d wieder zusammenzufinden. Hier hatte man einen besonderen Streich vor. Schinderhannes wollte das Schloß Burg-Birken- feld stürmen. Die Dauern läuteten Sturm. Es kam zu einem blutigen Kampf. Schinderhannes er­litt seine erste Niederlage. Oberstein-Idar, damals schon berühmt durch seine Edelsteinschlei­fereien und seinen Schmuckwarenhandel, übte auf die Räuber eine starke Anziehungskraft aus. Heute noch ist unweit der Stadt eine Eiche zu sehen, an der Schinderhannes den Pretiosenhändlern auf­lauerte und ihnen die Edelsteine abnahm. Die Deute wurde gewöhnlich noch der Schmittburg. einer damals noch gut erhaltenen Ruine (bei Kirn an der Nahe) geschleppt. In dieser Raub- rittcrburg präsidierte Schinderhannes jahrelang. In weitem ^Umkreis gehorchten die Dauern sei­nem Defehl, niemand wagte es. ihn an die Gen-

2. Tag:

Schotten Hoherodskopf Herchen - Hainer Höhe - Hartmannshain.

Da der erste Teil unseres Weges nahezu schat­tenlos ist. benutzen wir die frühen Morgenstunden au unserem Ausstieg. Wir folgen grünen Ringen, Die uns in 2*/t Stunden übet Michelbach und Breungeshain hinauf zum Hoherodskopf bringen, wo wir uns im Elubhaus des DHE. erholen kön­nen. Nunmehr folgen wir gelben Strichen nach dem benachbarten Taufstein, um vom Bismarck­turm die großartige Rundschau zu genießen und auf schönen Waldwegen, abwechselnd über blu­menreiche Triften, vorbei an der Lauterbacher Hütte, zur Herchenhainer Höhe zu gelangen. Hier besuchen wir zunächst das stimmungsvolle Gefal- lenen-Denkmal und steigen dann hinab zum Dater- Dender-Heim. unterwegs unsere Blicke an der prächtigen Fernsicht weidend. Nach einer Ersri- schungspause in dem gastlichen Heim gehen wir durch Herchenhain, dem höchstgelegenen Dorfe Hessens, nach unserem Endziel Hartmannshain, von wo wir die interessante Bahnfahrt durch das liebliche Niddertal über Stockheim antreten. Wan­derzeit am zweiten Tage fünf Stunden.

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Wander-Günden.

Von Phil, oofmann, Lang-Göns.

Wir freuen uns, wenn wir sehen, wie in diesen strahlenden Maitagen die Menschen ihre Wohnungen verlassen und mit Kind und Kegel hinausziehen in den srischgrunen Wald, um dort Erholung und neue Kräfte für die Tagesarbeit zu suchen. Ueberall be­gegnen wir frohen Gesichtern. Kinder fingen und jubeln, und die Erwachsenen machen aus ihrer heite­ren Stimmung kein Hehl. Die letzten bösen Wochen sind vergessen, die Sonne mit ihrer verjüngenden Krast zeigt sich wieder als der rechte Zauberer.

Dort am Bergeshany hat sich eine Familie ge­lagert Die Kleinsten spielen im Gras, die kelteren sitzen im Kreise. Aus den Rucksäcken wird nun gar manches Schöne herausgeholt, belegte Brote, Kuchen, und die Thermosslasche spendet das nötige Getränk. Für die Kinder gibt es sogar noch Schokolade. Woh­lig strecken sich alle in dem jungen Grase aus. Lachen und Scherzen schallt zu uns herüber.

Wir kommen nach einiger Zeit an dem Rastplatz vorüber Gern würden wir auch hier ruhen, denn der Blick auf die Wälder und Fluren ist wundervoll. Ader da, wo die andere Gesellschaft gelagert hatte, da mögen wir nicht bleiben. Schon von weitem sehen wir die zurückgelassenen Zeitungsblätter, in die die Brote eingewickelt waren, sogar die Scherben einer zerschlagenen Flasche liegen daneben, Stanniolpapier, ein zerrissener Karton, Eierschalen und Reste von Apfelsinen All das findet man hier wild zerstreut auf der Wiese. Und jetzt erst bemerken wir, daß das

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