Ausgabe 
27.3.1933 Erstes Blatt
 
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Handelsrichter jüdischer Abstammung sind nicht mehr zur Dienstleistung heranzuziehen."

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Auch das württember gische Iustizmini- sterium hat die Anordnung getroffen, das; jüdische Richter künftig nicht mehr in Strafsachen tätig sein dürfen und daß jüdische Beamte nicht mehr als Staats- und Amtsanwälte verwendet werden. Das Justizministerium hat sich ferner veranlaßt gesehen, die sofortige Entfernung von An­hängern der KPD. und ihrer Hilfs­organisationen aus sämtlichen Laienrichter stellen anzuordnen. Damit ist die Gefahr beseitigt, daß Kommunisten noch als Geschworene, als Schöffen oder als Beisitzer tätig werden.

Auch in Koblen; verbrennen Kommunisten ihre Zahnen.

Koblenz, 27. März. (TU.) Am Sonntag fand in Koblenz eine nationalsoziali-- stische Kundgebung auf dem Clemensplatz, dem früheren Paradeplatz der Garnison, statt, zu der eine große Zahl Kommuni st en mit der eingerollten roten Fahne der Koblenzer Dezirksgruppe und wei­teren Fahnen der Unterverbände erschienen wa­ren. Während der Kundgebung traten die Kom­munisten vor die Front der aufmarschierten SA.° und SS.-Leute, begossen ihre Fahnen mit Benzin und setzten sie in Brand. Die Kommunisten erklärten, sie hätten ihren Irrweg erkannt.

Energische Abwehr der deutschfeindlichen Greuelpropaganda. Besprechung beim Reichskanzler.

verliN. 27. März. (MTV. Funkspruch.) 21ml- l I ch wird mitgeteilt: Reichskanzler Adolf Hitler hatte am Sonntag in Berchtesgaden eine mehr­stündige Besprechung mit dem Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda Dr. Goeb­bels. 3n dieser Besprechung wurde der Gesamt­aufbau des nevgegründeten Reichsministeriums für volksaufklärung und Propaganda, das in den nächsten Tagen seine Arbeiten in großem Mahstabe beginnen wird, endgültig festgelegt.

wie verlautet, galt ein großer Teil der Bespre­chung auch der wirksamen Bekämpfung der von Interessierten jüdischen Kreisen in Deutsch­

land und Amerika gegen das nationale Regime in Deutschland entfesselten Greuelpropaganda.Jn unterrichteten Kreisen wird erklärt, daß die nationalsozialisl.sche Bewegung schon in den nächsten Tagen zu s chär fst e n ge­setzmäßigen Gegenmaßnahmen in Deutschland schreiten wird, um damit die in­tellektuellen Urheber und Nutznießer dieser landesverräterischen Hetze, die in der Hauptsache von ehemals in Deuischiand be­heimateten Juden im Auslande betrieben wird, zu treffen.

Ole stummen Gäste von Zweilinden

Roman vonAnny vonpanhuyek.

Copyright by Belletristische Korrespondenz Bechthold.

1. Fortsetzung. Nachdruck verboten!

Das späte heimliche Zusammensein mit Wulf Speerau hatte sie erregt, und ihre Nerven hatten ihr einen Streich gespielt. Ihre Nerven waren im all­gemeinen nicht überempfindlich, aber das Glück und die Mitternachtsstunde, oer man ohnedies allerlei Zu­geständnisse entgegenbringt, hatten sie schwach ge­macht. Sie erhob sich und stellte sich vor den großen Pfeilerspiegel, blickte sich prüfend in dem Glase an. So sieht ein richtiger Furchthase aus! verspottete sie sich selbst, bann lachte sie sich an: Nein, jo sieht eine Glückliche aus, eine ganz unsagbar Glücklicye! Mor­gen kam ja Wulf Speerau zum Vater, und der Vater würde ihrer Liebe sicher keine Schwierigkeiten in den Weg legen.

Trauer beschattete ihre Züge. In' ihrem siebenten Jahre war sie elternlos geworden, aber sie erinnerte sich deutlich an Mutter und Vater, die so jäh aus dem Leben gerissen wurden. Der Typhus ging damals im Dorfe um und riß sie beide mit so vielen anderen Dorfbewohnern ins Grab. Bettina wandte sich vom Spiegel ab und trat vor ein Bild in glattem, chwarzem Rahmen. Vater und Mutter im Braut- taat. Einfache, schlichte Menschen waren es mit ein» achen, schlichten Gesichtern.

^Bettina sagte leise und zärtlich:Ihr durftet es nicht erleben, wie glücklich euer Kind geworden ist!" Und sie sann, was die Eltern wohl sagen würden, wenn sie wüßten, aus ihrem kleinen Mädel würde nun bald eine Gräfin Speerau werden. Sie faltete die Hände und flüsterte bewegt:Segnet mich, Vater und Mutter, segnet euer Kind."

Mit tränenfeuchten Augen blickte sie auf das Bild.

Drunten in dem alten Bankettsaal hatte sich aber keine Katze eingeschlichen, denn wenn Bettina unten geblieben wäre, würde sie noch einmal das Gläser- klingen gehört haben, aber bald danach auch wieder das Stühlerücken und die Schritte. Sie würde dann gewußt haben, die unsichtbaren Besucher, die stummen Gäste von Zweilinden, hatten sich nach kurzer Rast entfernt, der Bankettsaal war wieder frei von den Unheimlichen.

2.

Graf Wulf Speerau auf Schloß Wiesenthal! Das klang sehr melodisch und gewichtig. Aber es stand hinter dem Titel und Namen nicht mehr allzuviel Bedeutung.

Die Herren von Speerau hatten es nicht verstanden, so zu wirtschaften wie die Zweilindens, und je mehr sich der Besitz der Familie Zweilinden vergrößerte, um so mehr verkleinerte sich der ihre. Der letzte Graf Speerau war wie seine Vorjahren. Er liebte

Vor Einführung der Arbeiisdienfipflicht.

Schon im Sommer vermutlich Einberufung der ersten Jahrgänge.

Berlin, 27.März. (TU.) 3n einer Veranstal­tung der Deutschen Gesellschaft für Ton und Bild (Degeto) hielt der neuernannte Reichskommifsar für den Arbeitsdienst, Studienrat Mahnkens, eine Ansprache, in der er u. a. sagte, daß alle zur Mit­arbeit und Entscheidung über den Arbeitsdienst be­rufenen Stellen bei ihren letzten Besprechungen völlig übereinstimmender Auffassung über die Ge­staltung des Arbeitsdienstes gewesen seien. Schon in den nächsten Tagen werde die Arbeits­dienstpflicht als Bestandteil eines Ge­neralplanes zur Behebung der wirt­schaftlichen und sozialen Röte be­schlossen werden. 3n den verschiedenen Bezir­ken würden dann sofort die vorhandenen Führer- ft ä m m e eingeleilt werden. Ls sei selbstverständ­lich, daß auf die Männer, die sich im Freiwil­ligen Arbeitsdienst in vielen 3ahren Er­fahrung und Verdienste erworben hätten, nicht ver­zichtet werden könne, sondern daß nur T at und Leistung zu entscheiden haben. Schon im Som­mer hoffe man. organisatorisch so weit zu sein, daß genügend Führerstämme vorhanden seien, um be­te i 16 ganze 3ahrgänge zur Arbeits­dienstpflicht einzuberufen. Die Arbeits- dlenstpslicht habe die große Ausgabe, zur Pflicht gegenüber Volk und Vaterland zu erziehen und die Erkenntnis zu wecken, daß Arbeit nicht ein notwen­diges Uebel, sondern ein Segen sei. Die gewaltige Kraft der Arbeitsdienstpflicht werde eingesetzt in den Dienst der Bodenkultur (Oedlandkulti­vierung. Meliorationen, Aufsorsluug) und andere

wichtige Arbeiten, wie z. B. hochwasserfchuh; die sich daraus ergebende landwirtschaftliche Schu­lung vieler Männer käme der Siedlung und da­mit dem national- und bevölkerungspolitischen Ge­danken zugute.

Aus aller Welt

Aufsehen erregende Festnahmen in Karlsruhe.

Die Pressestelle des badischen Staatsministeri­ums in Karlsruhe teilt mit: Führende Persönlich­keiten der Landwirtschaftlichen Zentralgenossen­schaft in Karlsruhe, Präsident und Generaldirektor K e i d e l. Generalsekretär Wirths. Oberbuch­halter Weiß, Direktor Kunde, Direktor Pilger und Generalsekretär Hoffmann sind wegen Verdachtes der Untreue und Unterschlagung vorläufig fe ft genom­men und dem Untersuchungsrichter zur Verneh­mung vorgeführt worden. Gegen einen Teil der Genannten ist bereits Haftbefehl erlassen. Den Ge­nannten wird vorgeworfen, über Vermögensstücke der Landwirtschaftlichen Zentralgenosjenschaft ab­sichtlich $u deren Nachteil verfügt und meist in Tateinheit hiermit fremde beweguche Sachen, die ihnen anvertraut waren, sich rechtswidrig ange­eignet zu haben. Außerdem wird der Vorwurf erhoben, daß Gegenstände des persönlichen Ge­brauches zu Lasten der Zentralgenossenschaft be­schafft wurden.

Unterschlagungen bei der Sonneberger Ortskrankenkasse.

Vor einigen Tagen sind bei der Sonneberger Ortskrankenkasse Unterschlagungen in Höhe

Weib, Wein und Kartenspiel, doch er beherrschte die Kunst, seine Leidenschaften verbergen zu können. Frankfurt am Main war nicht allzu weit, und in der großen Stadt fand er die Sorte Frauen, die seinem Geschmack entsprachen, dort gab es ein paar Kumpane, die mit ihm tranken und lotterten, und dort gab es auch einen geheimen Klub, in dem er bis zum Morgengrauen spielen konnte, so lange, bis er sich die Taschen leer oder voll gespielt. Je nachdem ihm das Glück günstig war.

Aber hier im Umkreis galt er als guter, solider Landwirt, der nach ein paar flotten Jugendjahren den Wert der Arbeit erkannt und es begriffen hatte, daß er fleißig sein und solide leben mußte, um sein Gütchen auf leidlicher Höhe zu halten.

Er hatte einen alten Inspektor, der schon von seinem Vater her auf Wiesenthal in Diensten stand. Ein treuer ehrlicher Alter, der es wagte, dem Grafen Wulf zuweilem wie man so zu sagen pflegt, die Leviten zu lesen. Aber niemals hätte der treue, alte Ludwin West ein schlechtes ober nachteiliges Wort über seinen Herrn gesprochen. Er war Witwer und kinderlos und hing sehr an Wiesenthal.

Es war ein sonniger Vormittag, als Wulf von Speerau das Schloß verließ, das nur zwei Stock­werke hoch war, über die sich ein rotes Ziegeldach schob. Es stammte mit den zwei kurzen, von Türmen flankierten Seitenflügeln aus dem Anfang des neunzehnten Jahrhunderts. Der Gutshof schloß sich dicht an das Schloß an. Er setzte sich zusammen aus einer Kette von Schuppen und Ställen: dazwischen zwängte sich das kleine Jnspektorhaus ein. Knechte und Mägde gab es im Winter hier nur ein paar, erst im Frühjahr wurden einige Landarbeiter ein­gestellt, die bis zum Herbst blieben.

Wulf von Speerau verließ seinen Besitz mit einem kecken Gassenhauer auf den Lippen. Er wollte zu Fuß nach Zweilinden hinübergehen, um sich dort Bettinas Hand au sichern und damit die Gewißheit, recht bald ein bißchen besser leben zu können. Es reute ihn, die Welt kennenzulernen, weitherumzu­reisen, es reizte ihn, mit eleganten, schicken Frauen Feste zu feiern und nicht immer gleich in der Klemme zu sitzen, wenn ihm einmal die Karten nicht günstig gesinnt waren.

Bettina Claudius war der Goldfisch, den er sich eingefangen hatte, um ein Dasein nach' seinem Ge­schmack zu führen. Nun brauchte er nur noch den Segen des Pflegevaters, defs'n Reichtum seine leere Kasse mühelos füllen konnte.

Er ging zu Fuß, weil er im Kopf einen leichten Druck spürte. Er hatte gestern, als er spät nach Hause gekommen, noch ein halbes Dutzend Kognaks gekippt, in der Freude, jetzt so dicht vor dem ersehn­ten Ziel zu stehen. Bettina war nicht sein Geschmack. Ihre ganze Art war ihm zu einfach und harmlos. Er liebte die Frauen, denen ein ordentlicher Schuß Schlechtigkeit im Blute saß, Frauen mit kokettem Wesen und launenhaftem Charakter, der sprunghaft immer Abwechslung juchte und Abwechslung schuf.

von etwa 100000 Reichsmark festgestellt worden. Im Zusammenhang damit sind jetzt der Verwaltungsdirektor, der Vorsitzende des Vorstan­des, der Leiter der Zahnklinik und ein Angestellter in Polizeigewahrsam genommen worden.

Zweifaches Todesurteil.

Vor den: Schwurgericht Arnsberg fand in später Nachtstunde der Siegener Frauen­mord seine Sühne. Am 10. November v. 3. sanden Holzsammler im Walde der Gemarkung Aschenbach die schrecklich zugerichtete Leiche der geschiedenen Ehefrau Schüler aus Siegen. Am Tage darauf verhaftete die Polizei den Land­wirtschaftseleven Werner S t i tz und seinen Ar­beitskollegen Herbert K l e e m a n n, die auch ein Geständnis ablegten. Stih unterhielt mit Frau Schüler ein Liebesverhältnis, das nicht ohne Folgen blieb. Aus Furcht vor Entdeckung führte Stitz seine Geliebte am 9. November in den Wald, wo er sie gemeinschaftlich mit Klee­mann. der dem Paar verabredungsgemäh gefolgt war. mit einem Strick erdrosselte. Da die Täter in der Schwurgerichtsverhandlung ihre Geständ­nisse in vollem Umfange aufrechterhielten, lag der Tatbestand für das Gericht klar, so daß beide zum Tode verurteilt wurden. Ge­richt und Geschworene wollen ein Gnadengesuch befürworten.

Großfeuer in Oberfranken.

Die in den letzten Jahren schon wiederholt von schweren Schadenfeuern heimgesuchte Stadt Teuschnitz (Oberfranken) wurde von einer neuen Feuers brunst schwer betroffen. Dem im' Stadel eines Landwirts entstandenen Feuer fielen insgesamt 14 Wohngebäude und Neben­

gebäude sowie 20 Stadel zum Opfer. Durch Vie Abwesenheit der meisten Einwohner, die das schöne Wetter ins Freie gelockt hatte, wurde der Brand sehr spät bemerkt und konnte sich in kurzer Zeit stark ausbreiten. Der Feuerwehr von Teusch­nitz gelang es infolge des Wassermangels nicht, das Feuer einzudämmen. Bon Haus zu Haus, von Scheune zu Scheune fraß sich das Feu r, b günstigt durch den z.em ich fta.k.n Wind, fort. Erst nach Eintreffen der Kronacher Motor­spritze gelang es, dem Wüten des Elements Ein­halt zu gebieten. Auf Anordnung'der Feuerwehr und der Polizei wurden die umliegenden Häuser geräumt. Durch die aufopfernde Tätigkeit der «gesamten aus der näheren unt) ferneren Umge­bung zusammengezogenen Feuerwehren konnte verhindert werden, daß neue Brandherde ent­standen. Die Ursache ist noch völlig ungeklärt. Schweres Flugzeugunglück in USA. 12 Personen getötet

Beim QI 6 ft u r 8 ernes, Flugzeugs in Oakland (Kalifornien) kamen 12 Personen ums Le­ben. W'e zu dem Unglück aus San Franzisko berichtet wird, stürzte das Verkehrsflugzeug, in dem sich neben dem Flugzeugführer zwei Flug­gäste befanden, auf das Dach eines Wohnhauses ab. Die Benzintanks explodierten. Der Motor wurde 100 Meter weit fortgeschleudert. Eine sechsköpfige Familie, die das Haus be­wohnte und drei Gäste wurden getötet, auch der Flugzeugführer und die beiden Fluggäste fanden den Tod. Alle 12 Personen verbrann- t e n. Das Flugzeug war bei einem Wolkenbruch in eine plötzliche Regenböe geraten und zu Bo­den gedrückt worden. Das Wohnhaus ging trotz des strömenden Regens in hellen Flammen auf.

Aus der Provinzialhauptstadt.

Nachprüfung der seit 1918 in Hessen Eingebürgerten.

WSN. Der Staatskommissar für das Polizei­wesen in Hessen Dr. Best hat angeordnet, daß alle seit 1918 in Hessen «folgten Einbürge­rungen AuJammengeftelÜ und einer Nach­prüfung hinsichtlich volksfremder Clemente unter­zogen werden. Diese Maßnahme ö.ent zur Vor­bereitung der Durchführung der von der Reichs­regierung in Aussicht genommenen Maßnahmen auf dem gleichen Gebiet.

Der Staatskommissar hat weiter an die Kreis­ämter, die staatlichen Polizeiämter und das Lan­deskriminalpolizeiamt eine Bekanntmachung ge­richtet, in der es u. a. heißt:Zur ersten Ein­leitung einer bewußt völkischen Politik ist er­forderlich: 1. die Zuwanderung von Ausländern ostjüdischer Nationalität abzuwehren, 2. soweit solche Ausländer sich zur Zeit noch unbefugt im Inland aufhalten, sie zu entfernen, 3. von der Einbürgerung ostjüdischer Ausländer bis auf weiteres abzusehen. Der Reichsminister des Aus­wärtigen wird die deutschen Vertretungen im Ausland anweisen, Gesuche um Erteilung des Einreisesichtvermerks dieser Ausländer grundsätz­lich abzulehnen, soweit nicht im Einzelfall zwin­gende Gründe entgegenstehen. Ist letzteres der Fall, wird vor der Entscheidung die Verbindung mit den Jnnenressorts ausgenommen werden. Den Polizeibehörden, insbesondere den Paßstellen, wird erh.hte Aufmerksamkeit und scharfes Vor­gehen gegen die Zuwanderung von Ausländern ostjüdischer Nationalität zur Pflicht gemacht. Ge­gen Ausländer ostjüdischer Nationalität, die sich unbefugt im Inland aufhalten, ist im Rahmen der bestehenden Gesetze und Staatsverträge mit Ausweisungsmahnahmen vorzugehen. Von der Einbürgerung von Ostjuden werde ich bis auf weiteres absehen."

Daten für Montag. 27. März.

1813: Kriegserklärung Preußens an Frankreich. Einsegnung der Lützowschen Freischaren in der Kirche zu Rogau in Schlesien: 1845: der Phy­siker Wilhelm Röntgen in Lennep geboren.

Bornotizen.

Tageskalender tür Montag. Turn­halle am Oswaldsgarten, 10 bis 19 Uhr, Ausstellung Stadt und Land". Schützenverein Gießen: 20.30 Uhr,Schützenhaus", Frühjahrsgeneraloersamm­lung. Lichtspielhaus. Bahnhofstraße:Glück über Nacht".

** Das Flughafenrestaurant ist wegen dringender Reparaturarbeiten für einige Tage ge­schlossen.

** Das Feuer im Schiffenberger Wald. Bei der Meldung in der heutigen Früh­ausgabe über den Brand im Schiffenberger Wald hatte der Setzfehlerteufel die Hand im Spiele. Es mußte bei der Angabe der in Mitleidenschaft ge­zogenen Fläche nicht 208 Hektar, sondern richtig 2,8 Hektar hÄßen.

Wettervoraussage.

Der hohe Druck hat sich weiter westwärts bis über die britischen Inseln ausgebreitet und erstreckt sich quer über Mitteleuropa. Sein Einfluß bleibt zu­nächst erhalten, obwohl eine Störung nach dem Mit­telmeer vorgedrungen ist. Durch diese dürste später­hin vorübergehend etwas Bewölkung aufkommen, ohne daß die Schönwetterlage dadurch wesentlich be­einträchtigt wird.

Aus sichten für Dienstag: Tagsüber weiterhin mild, noch vielfach aufheiternd und trocken.

Aussichten für Mittwoch: Vorübergehend etwas Bewölkung, sonst Fortdauer der Wetterlage.

Es war nicht weit von Wiesenthal nach Zwei­linden. Ein Waldweg von einer halben Stunde lag zwischen beiden Gütern. Wulf Speerau rauchte eine Zigarette und legte es sich unterwegs zurecht, was er Konrad von Zweilinden sagen wollte, um ihn schnellstens von seiner großen Liebe zu Bettina ou überzeugen. Der Herr von Zweilinden war nicht allzu bequem, er war gründlich und etwas geradezu. Wulf Speerau warf seine Zigarette weg, es war wohl besser, wenn er nicht rauchte, denn Jein Kopfschmerz war schlimmer geworden anstcckt besser.

Seine Augen hingen am Boden, den hier am Waldrand dünnes Frühlingsgras deckte, und da sah er plötzlich etwas, was ihn Haltmachen ließ. Dicht vor ihm auf dem Grasteppich lag ein Revo.ver.

Wulf Speerau blickte sich nach allen Seiten um, feine Augen suchten den Boden gründlich ab, denn unwillkürlich dachte er sofort an einen Selbstmord, aber er sah nichts, weder einen toten noch einen lebendigen Menschen.

Rechts von ihm lief die Waldchaussee, und da das niedrige Strauchwerk noch nicht allzu üppig belaubt war, konnte man ziemlich weit in den Wald hinein- Sauen. Der Revolver war gesichert. Er untersuchte

i. Drei Patronen befanden sich noch Im Magazin. Er betrachtete ihn interessiert von allen Selten. Die Waffe gefiel ihm, sie war modern, von hübscher Form, und er entdeckte daran ein kleines Messing, schildchen mit der Inschrift einer Waffenhandlung in London. Also in der Hauptstadt Englands war das Dingelchen gekauft worden. Er kannte niemand hier in der weiteren Umgebung der in den letzten Jahren aus England gekommen war. Er steckte den Reool- oer in die Hintere Tasche seines Beinkleids. Wenn er horte, daß die Waffe von jemand gesucht wurde, konnte er sie ja immer noch zurückgeben, sonst be­fielt er sie einfach. Wuls Speerau hatte eine Vorliebe für Gegenstände, die er nicht zu bezahlen brauchte.

Er schritt etwas schneller aus. Als er Zweilinden vor sich liegen sah, schlug es vom Dorfe gerade elf Uhr. Er blieb stehen, betrachtete das Bild vor sich mit den Augen des künftigen Besitzers und schmunzelte. Das stattlichste Gut weit und breit war Zweilinden, auch hatte es das größte Herrenhaus und den prächtigsten Park. Und den Niesenbesitz würde Bettina einmal nach dem Ableben ihres Pflegevaters erben. Der alte Herr hatte ja die Mitte der Sechzig schon überschritten.

Eine seine Sache war es, dachte Wulf Speerau, daß Ottfried Zwellinden nach einem bösen Krach mit seinem Vater davongelaufen war in die weite Welt und wahrscheinlich so weit gelaufen war, daß er nicht mehr zurückfand In die Heimat. Seine Mutter war darüber gestorben, und sein Vater hatte au seinen Freunden gesagt: Rede mir niemand mehr von dem schlechten Bengel. Ich will nichts mehr von ihm hören, für mich ist er tot, und er wird, falls er noch irgendwo aus einer Versenkung aufsteigt, keinen Heller von mir erhalten.

Die Herren von Zweilinden hatten alle.zwei be­sondere Fehler. Ihren Jähzorn und ihren Trotz. Um eine Bagatelle waren Vater und Sohn vor zehn Jahren auseinandergeraten und hatten sich des­wegen für immer getrennt.

Wulf Speerau schmunzelte. Vor allem sollte Schwiegerpapachen erst einmal sein Scheckbuch öffnen und seiner Bettina, an der er sehr hing, eine gute Mit­gift geben, damit er seine Verhältnisse ordnen konnte, er hatte dieses langsame Weiterkrebsen bis zum Halse herauf satt.

Vor dem langgestreckten, einförmig weißen Herren­hause standen zwei mächtige Linden, die schon an ihrem Platz gestanden, ehe noch der Grundstein zu dem Herrenhause gelegt wurde, und die dem Gut den Namen gegeben hatten, und dazwischen gab es einen Platz mit hübsch gehaltenen Anlagen. Der junge Rasen war eben vom Gärtner besprengt wor­den, auf den feinen Halmen glitzerten noch die Wassertröpfchen wie kleine Brillanten.

Ein Diener in grauer Livree öffnete dem Besucher. Er ließ ihn In die Eingangshalle eintreten und öat ihn, hier zu warten. Er kehrte bald zurück, sagte höflich:Herr von Zweilinden läßt Herrn Graf von Speerau bitten!" Er nahm ihm den Paletot und Hut ab und führte ihn in das Arbeitszimmer des Guts­herrn.

Konrad von Zweilinden saß am Schreibtisch, der so groß war, daß er das ganze Zimmer beherrschte, und legte eben eine Zahlenaufstellung fort, als der Graf eintrat. Er erhob sich und ging dem Besucher ein paar Schritte entgegen, reichte ihm die Hand: Nun, Graf, was haben Sie auf dem Herzen? Fassen Sie sich, bitte, ein bißchen kurz, denn ich muß in einer halben Stunde in die Kreisstadt fahren. Da istne Gerichtssitzung, und ich bin als Sachver­ständiger oorgeladen. Wissen Sie, so 'ne Kartoffel­geschichte. Ein Händler hat faulendes Zeug geliefert. Aber ich will uns mit dem Kram nicht aufhalten. Bitte, nehmen Sie Platz."

Er ließ sich wieder in seinen Schreibtischstuhl fallen, nachdem Graf Speerau sich gesetzt hatte. Kon- rat) von Zweilinden war nur mittelgroß, aber von breiter stämmiger Gestalt. Sein Gesicht war sehr ge­sund gefärbt, und die hellen blauen Augen hatten einen tlugen, kühlen Blick, lieber der geraden krästi- gen Stirn setzte das Haar an wie eine schneeweiße Bürste. Auch der kleine Schnurrbart war weiß, doch die breiten Brauen hatten noch Ihre dunkle Farbe.

Wulf von Speerau ward plötzlich, angesichts des ruhig forschenden Blickes, bänalich Aumute. Aber in der nächsten Sekunde hatte er sich schon wieder klar- gemacht, daß er ja fein beliebiger Mann war, der Bettina zur Frau begehrte, sondern der Graf Speerau. Schließlich hieß Bettina nur Claudius und flammte aus dem Dorfschulhaus. Konrad von Zwei- linden würde ihm das Mädel mit Kußhand geben. Also los, fein Zögern war töricht.

(Fortsetzung folgt.)