Ausgabe 
27.2.1933 Erstes Blatt
 
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Die neue deutsche Sozialpolitik muß den Ar­beiter aus der Llnsicherheit seiner Existenz herausführen und ihm einen völlig gleichberechtigten Standort im Staate zu- weisen. Ich weih, daß dies nur gelingen kann, wenn man auch den Arbeitnehmer durchaus für voll nimmt, und wenn ihm die Rechte, auf die er wie jeder Staatsbürger Anspruch hat, nicht vorenthalten werden. Dabei kann nicht ein ZurücZgleiten in überwundene Sozial­zustände des Liberalismus in Betracht kommen, sondern nur die äleberwindung von Kol­lektivismus und w i r t s ch a f t s f e i nd - lichem Klassenkampf, der Ausgleich der sozialen Spannungen in einer verbesserten so­zialen Rechtsordnung. Der deutsche arbeitende Mensch der Leistung kann unmöglich Menschen eines Systems folgen, dessen gesamte 14jährige Arbeit der Rachkriegszeit eine einzige Fehllei­stung wär. Deshalb: Richt den verführten gilt unser Kampf, sondern den Verführern. Die Worte meines Kameraden Duesterberg, des Haupt­gründers der Stahlhelm-Selbsthilfe, n i e m a l s werde er seine Musketiere vor Vpern vergessen, mögen sie heute stehen, wo sie wollen, müssen von jedem echtem Frontsoldaten, der nicht verlernt hat, über Parteischranken hinweg auf das Ganze, auf das einigende Deutschland zu sehen, so begriffen wer­den. Der internationale Gedanke, der 14 Jahre das nationale Erwachen zu verhindern versuchte, weil er sich vor ihm fürchtete, ist infolge seines Versagens auf allen Gebieten in die Verteidigung gedrängt worden. Endgültig überwinden wird ihn die politische Tat der nationalen Kräfte.

Berliner Kundgebung der nationalsoz'aliilislben Veiriebs- zellenorganisaiionen.

Berlin, 23. Febr. (SU.) Am Sonntag fand in Berlin zum ersten Male ein Massenaufmarsch dec nationalsozialistischen Betrie b s- zellenorganisation, Gau Groß-Berlin, statt- Reben den Abordnungen aus den Be­triebszellen waren die nationalsozialistischen Be­amtenarbeitsgemeinschaften stark ver­treten. Ein besonderes Gepräge erhielt der Auf­marsch durch die nach Tausenden zählenden Schutzpolizisten, die in Uniform mit Hakenkreuzarmbinden erschienen waren und Fahnen, die neben dem Hakenkreuz den Polizeistern tragen, mit sich führten. Rach kurzer Ruhepause begann der durch den Osten nach zwei Plätzen führende Demonstrationszug. Da Hierbei Straßen mit stark kommunistisch durch­setzter Bevölkerung berührt wurden, hatte die Polizei umfangreiche Sicherungen ge­troffen. Unterwegs keilte sich der Zug, der von Musikkapellen, begleitet war, in zwei Abteilungen, die nach mehrstündigem Marsche ihre Ziele, den Küstriner Platz und den Schleidenplah erreichten.

Auf den Plätzen fanden Kundgebungen statt, bei denen der Gaubetriebszellenleiter Engel erklärte, daß durch piesen Marsch dem Straßen- bild ein völlig neues Bild gegeben worden sei. Reben dem Arbeiter und dem Angestellten habe man den Verwaltungsbeamten und den Polizei­beamten gesehen. Die nationalsozialistische De- triebszellenorganisation habe eine Stärke erreicht, vermöge der die Rationalsozialisten marxistische Generalstreiksdrohu^kgen nicht zu fürchten brauchten. Der Führer.der Berliner SA., Graf H e l l d o r f erklärte,et sei der Einladung der Detriebszellenorganifation gefolgt, um mit fei­nem Erscheinen die enge Verbundenheit der deutschen Arbeiterschaft mit der national­sozialistischen SA. zum Ausdruck zu bringen. Wenn er stolz darauf sei, SA.-Führer zu sein, so deshalb, weil er damit zugleich Ar­beiterführer sei. Die deutschbewuhte Ar­beiterschaft werde die SA. und SS. immer an ihrer Seite finden. In einigen Tagen werde sich das Schicksal Deutschland endgültig entscheiden. Rach b:m Wahltage würden die Rationalsozia­listen die beutitoc Revolution vollenden. Mit einem dreifachen Heil auf die nationalsozia­listische Bewegung und Hitler und mit dem Ge­sang des Deutschlandliedes fanden die Kund­gebungen ihren Abschluß. Zwischenfälle ereig­neten sich nicht.

Bauernhilfe.

Staatssekretär v. Rohr über die land­wirtschaftlichen Maßnahmen

Stuttgart, 26. Febr. (ERD.) Auf der Hauptversammlung des Landwirtschaftlichen Hauptverbandes Württembergs sprach Staats­sekretär von Rohr vom Reichsministerium für Ernährung und Landwirtschaft über die Maß­nahmen der Reichsregierung für die bäuerliche Wirtschaft. Der Regierung der nationalen Kon­zentration müsse es gelingen, auch die wirtschaft­liche Wende in Deutschland herbeizuführen. Wenn die bisherigen Ernährungsminister des Reiches trotz heißen Bemühens keinen Erfolg hatten, so lag das nicht an ihrer Persönlichkeit, son­dern in volkswirtschaftlichen Irrtü­mern begründet. Wir leiben in Deutschland nicht an einer Ueberproduktion, sondern a n einer krankh aften Fehlprod u k tion und einem ungesunden Fehlkonsum, beide verursacht durch falsche Preisgestaltung. Von dem Hauptziel einer gerechten Preisgestal­tung werden wir uns nicht ablenken lassen.

Wir sehnen den Tag herbei, wo die Zeit der Sub­ventionen ein Ende hat. Die Landwirtschaft will aus eigener Kraft heraus arbeiten und leben. Er müsse es ablehnen, die Rettung der Land­wirtschaft auf dem Wege der Senkung der Land­arbeiterlöhne zu juchen. Die Landarbeiter­löhne stünden ohnedies hinter den Löhnen der In­dustriearbeiter zurück. Wenn die Industrie rate, die Landwirtschaft solle die Produktionskosten senken, dann müsse die Landwirtschaft bei den aus der Industrie kommenden Liefe­rungen den Anfang machen. Morgen wird eine Verordnung herauskommen, wonach dem Bauern, der eine zusätzliche Arbeitskraft einstellt, ein Barbetrag ausbezahlt wird, der dem ent­spricht, was die öffentliche Hand sonst für den Arbeitslosen aufzuwenden hätte. Die Reichs­regierung müsse vom Volk verlangen, daß es künftig Preise bezahlt, für die die Scholle ihre Produkte her­geben kann. Der Export soll sich auf Dinge legen, in denen ein Land eine natürliche Ueberlegenheit hat. Auf nächstem Wege müsse der Industrie für ihre verloren Gegangenen Exportmärkte ein ebenso guter, ja besserer innerdeutfcher Markt geschaffen werden. Die Weltmarktpreise würden für Deutschland die Aufgabe der deutfchen Lohn- und Arbeitsbedingungen bedeuten. Der Weg der Reichs- regierung, die Wirtschaft vom Lande her zu erneuern, ist richtig und wird zur Ueberwindung der Arbeitslosigkeit führen,

Schwere Zusammenstöße in Hessen.

Darmstadt, 26. Febr. (Lpd.) In Linden­fels im Odenwald gab es am Sonntag bei einem politischen Zusammenstoß zwischen Rational­sozialisten und deren Gegnern einen Toten, zwei Schwer- und einige Leichtver­letzte. Um die Mittagszeit hatte in dem Ort eine Demonstration auswärtiger Rationalsozia­listen stattgefunden, die unter polizeilichem Schutz in Ruhe verlief. Rachdem die Rationalsozialisten in verschiedenen Lokalen zu Mittag gegessen hat­ten, ging, Wie der Polizeibericht mit­teilt, ein Trupp Rationalsozialisten in das hauptsächlich von Arbeitern bewohnte Viertel und machte sich daran, die dort hängenden Fah­nen der Kommuni st en und derEiser- n e n Front herunterzureihen. Das bildet« den Anlaß zu einer Schlägerei mit Eisernen- Front-Leuten und Kommunisten. Im Verlauf der Auseinandersetzung wurde, nachdem man sich zu­nächst mit Steinen beworfen hatte, der 18jährige Christian Gröhmann aus Pfungstadt er­stochen, der 17jährige Bohner aus Darm­stadt erhielt mehrere Messer st iche, wovon einer die Lunge traf. Beide gehören der Hit­lerjugend an. Der 42jährige verheiratete Maurer aus Lindenfels, der der Eisernen Front angehört, erhielt aus einer Scheintod­pistole einen Schuh ins Gesicht, wo­durch die Augen so verletzt wurden, dah die Ge­fahr des Erblindens besteht. Die Polizei ver­haftete etwa zehn an dem Zusammenstoh Be­teiligte. Der mit1 ziemlicher Wahrscheinlichkeit festgestellte Messerstecher ist flüchtig.

Bei einem Durchmarsch von 300 SA.-Leuten, der von Polizei gesichert war, wurden inGries- h e i m bei Darmstadt an einer Straßenecke zwei SA. - Leute durch Messer st iche eines Gegners verletzt. Die Polizei verhinderte einen schweren Zusammenstoh. Cs gelang ihr je­doch nicht, den Täter zu fassen, der in der gro- hcn Menschenansammlung verschwand. Auch die Durchsuchung eines Hauses, in das er angeblich geflüchtet sein sollte, verlief ergebnislos.

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Weitere folgenschwere Zusammenstöße ereigneten sich während des Wochenendes in Berlin, Flens- bürg, Köln, Wuppertal, Neisse, Düsseldorf und Ro­stock. Insgesamt wurden dabei sieben Angehörige verschiedener politischer Richtungen getötet.

Sottmann in Dortmund das Wort entzogen.

Dortmund, 26. Febr. (CRB.) Auf einer Massenkundgebung der Sozialdemokraten sprach der frühere Reichsinnenmimster Sollmann, der scharfe Angriffe gegen die Reichsregierung richtete und dem schließlich von dem überwachenden P05 lizeibeamten das Wort entzogen wurde. Sollmann führte aus, dah seit einigen Wochen ein eiserner Vorhang über der inneren Politik liege. Wie das deutsche Volk gedankenlos in den Weltkrieg hineingeschlittert sei, so glitten jetzt Mil­lionen gedankenlos in das Dritte Reich hinein. Die nationale Bewegung, die die Freiheit nach außen wolle, müsse das Ziel haben, alle Fron­ten, die innenpolitisch geschieden seien, zu einer gewaltige n»a uherpolitischenKampf- front zusammenzuschweihen. Der Sozialdemo- krat'.e sei es zu verdanken, daß es heute noch ein Deutsches Reich gebe. Auch die Befreiung und Deutscherhaltung des Rheinlandes sei eine große geschichtliche Freiheitstat der schwarz-rot-goldenen Republikaner. 500 C00 Sozialdemokraten lägen draußen in den Massengräbern. Im Andenken an diese Gefallenen müsse Protest dagegen erhoben werden, dah die Partei als Landesverräter be-

Kleine politische Nachrichten.

Reichspräsident v. Hindenburg emp­fing den stellvertretenden Reichskommissar für die Osthilfe Ministerialdirektor Dr. Reichard und den Direktor der Bank für Industrieobligationen Dr. Boehkes zu einem gemeinsamen Vortrag über den Stand der landwirtschaftlichen Umschul­dung im Osten und die damit in Verbindung stehenden Fragen der Osthilfe.

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Der 5. Strafsenat des Reichsgerichts hat das vom 16. bis 23. Februar befristete Verbot desTempo" aufgehoben. Die Kosten fallen dem Freistaat Preuhen zur Last.

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Durch den Deichspropagandaleiter der RSDAP., Dr. Goebbels, wird für Samtag, den4.März, eine Reichskundgebung der RSDAP. alsTag des deutschen Erwachens" angekündigt. Am Vorabend der Reichstags- und Preuhenwahl werden die Rationalsozialisten in ganz Deutsch­land Demonstrations- und Fackelzüge veranstalten. Auf allen öffentlichen Plätzen sollen Riesen­kundgebungen stattfinden, bei denen die Königs­berger Rede des Reichskanzlers den Massen durch Lautsprecher vermittelt wird.

Der Generaldirektor der -bulgarischen Post, I w a n 0 f f, ist von einem Postbeamten, der im Zusammenhang mit den Sparmahnahmen beur­laubt worden war, mit dem Messer nie­dergestochen worden. Iwanoff ist seinen Ver­letzungen erlegen.

Der Zustand des bei dem Attentat auf Roose­velt schwerverwundeten Bürgermeisters von Chi- kago, C e r m a k, ist Luherst kritisch. Mit Cermaks Aufkommen wird kaum mehr gerechnet. Während des ganzen Sonntagvormittags muhte ihm Sauer­stoff zugeführt werden. Trotzdem hat sich der Blutandrang zur Lunge verstärkt.

Aus oder Welt.

Tagung des Gefamkausfchufses des Deutfchen Sängerbundes.

Der Gesamtausschuß des Deutschen Sänger­bundes hielt in Goslar eine Tagung ab. Es waren etwa 60 Vertreter des Deutschen Sängerbun­des aus dem gesamten deutschen Bundesgebiet sowie aus Oesterreich, dem Sudetenland und Siebenbürgen anwesend. Die Beratung galt zunächst der Vorbe­reitung des Deutschen Sängertages, der am 26. April in Dortmund abgehalten wird, hierzu werden etwa 300 Vertreter aus dem ganzen Bun­desgebiet erwartet. U. a. sollen auf dieser Tagung der Vorstand sowie sämtliche Ausschüsse neu gewählt werden. Der Ausschuß besprach dann das sinanzielle

Ergebnis des XI. Deutschen Sängerbundessestes im Juli 1932 in Frankfurt a. M. Die Abrechnung über dieses Fest schließt mit einem Ueberschuß von 157 250 Mark ab. Dieses Ergebnis des Sängerbun­desfestes ist als ein außerordentlicher Erfolg des Deutschen Sängerbundes zu bezeichnen, der ins­besondere auf die Arbeit des Vorsitzenden des Fest­ausschusses, Rechtsanwalt Dr. H e r r m a n n, Frank­furt, zurückzuführen ist. Der Gesamtausschuß beriet sodann die Jahresabrechnung für 1932 und den Iahreshaushaltsplan für 1933. Beide Rechnungen wurden nach eingehender Aussprache genehmigt und dem Deutfchen Sängerbundestag in Dortmund zur Genehmigung oorgefchlagen.

Oer Haushaltsvoranschlag des Kreises Büdingen.

* Büdingen, 26. Febr. Am kommenden Sams­tag wird sich der Kreistag mit der Beratung des Haushaltsvoranschlags des Kreises Büdingen für das Rechnungsjahr 1933 beschäftigen. Der Voranschlag schließt nach dem Be­schluß des Kreisausschusses insgesamt mit 523 160,62 Mark (im Vorjahr 519 156,51 Mark) ab. Davon ent­fallen auf die Betriebsrechnung 428 300 Mark (436 170 Mk.), auf die Vermögensrechnung 94 860,62 Mark (82 986,51 Mark). Durch Kreis ft euern find 180 000 Mark (185 500 Mark) aufzubringen. Der Sondervoranfchlag des Kreiswohlfahrtsamtes und Kreisjugendamts schließt wie folgt ab: in Aus­gabe mit 222 356,73 Mark, in Einnahme 93 308,40 Mark, so daß aus allgemeinen Mitteln des Kreises

129 048,33 Mark zu decken find. Der Sondervoran­fchlag des Krerskinderheims Bingenheim schließt in Einnahme und Ausgabe mit 24 700 Mark (26 639 Mark) ab. Nach der Vermögensübersicht beziffert sich das Vermögen des Kreises auf 108 916,53 Mark, die Summe der Schulden beläuft sich auf 50 743,25 Mk. Nach dem Derwaltungsbericht über das Rj. 1931 schließt die Rechnung von 1931 wie folgt ab: Ein­nahmen 494 650,16 Mark, Ausgaben 400 633,54 Mk., mithin ein Ueberschuß von 93 981,62 Mark. Beson­ders bemerkenswert ist, daß die Kreissteuern im Verlaufe der letzten 5 Jahre von 235 000 Mark auf 180 000 Mark gesenkt und gleichzeitig die Schulden des Kreises von 115 000 Mark bis auf 50 000 Mark getilgt wurden. Diese Leistung des Steuerabbaues und der Schuldentilgung wurde ermöglicht unter voller Aufrechterhaltung der sozialen Fürsorge des Kreises, die mit 130 000 Mark unverändert geblieben ist. Mit diesem Ergebnis ihrer Arbeit können die Kreisverwaltung und der Kreistag vor der öffent­lichen Kritik durchaus bestehen.

politische Schlägereien in Hungen.

* Hungen, 27. Febr. Gestern nachmittag kam es hier bei Umzügen von Formationen der. und Organisationen des Reichsbanners zu Schlägereien, bei denen drei Reichs bannerleute und zwei SA.-Leute leicht verletzt wurden. Dem Eingreifen der Polizei, die mit Kommandos aus Gießen und aus Butzbach vertreten war, gelang es, die tätlichen Auseinandersetzungen rasch zu be­endigen, so daß die Zusammenstöße eng begrenzt blieben.

Aus der Vrovinzialhauptflaot.

Oie Wetterau

in der älteren deutschen Geschichte.

Am Freitag veranstaltete bqr Oberhessi­sche Geschichtsverein im Hörsaal des kunstw'.ss.nschaft.ichen Inst tats feinen dritten Vor­tragsabend dieses Winters. Zunächst begrüßte der Vereinsvorsitzende, Dibliotheksdirektor Prof. Dr. Ebel, die zahlreichen Zuhörer und erstat­tete Bericht über die in der Mitgliederversamm­lung im Rovember vorigen Jahres angekündigte Rechnungsprüfung, die inzwischen von zwei Der- einsmitgliedern durchgeführt worden war. Die Rechnung wurde richtig befunden. Dem Rechner war bereits im Rovember Entlastung erteilt wor­den.

Rach Erlcd gung d'eser geschäftlichen Angelegen­heit nahm der Vertreter der mittelalterlichen Geschichte an der hiesigen Landesuniversität, Prof. Dr. Theodor Mayer, das Wort. Er erläuterte an Hand zahlreicher Kartenskizzen, die zum größten Teil in der Anstalt für hessische Landesforschung der Universität gezeichnet wor­den waren, die Stellung der Wette rau in der älteren deutschen Geschichte und führte etwa folgendes aus:

Die Wetterau gehört zu den ältestbesiedelten Gebieten Deutschlands. Schon im Vollneolithikum, etwa 3000 Jahre vor Christi Geburt, finden wir hier eine zahlreiche seßhafte Bevölkerung, die unser Gebiet auch niemals wieder voll­ständig verlassen hat. Gewiß ist die alteinheimische Unterschicht im Laufe der geschichtlichen Entwick­lung immer wieder von Herrenschichten über­lagert worden, im übrigen aber ist gerade in jener älnterschicht eine gewisse Deständig'ceit der Bevölkerung festzustellen, die alle geschichtlichen Wandlungen überdauerte. Dies gilt sowohl für die Römerzeit, als die Eroberer die immer waldfreie Wetterau wegen ihrer Fruchtbarkeit in ihre Besahungszone einbezogen, und durch den Limes sicherten, der bis an die waldreichen Derg- landschaften des Taunus und Vogelsberges her- anreicht, wie auch für die Völkerwanderungszeit, als die Germanen den Limes überranten. Sie zerstörten nicht etwa, tote ältere Forscher an- nahmen, die römische Kultur, um dann in jahr­hundertelanger Entwicklung eine von Grund auf eigene Kultur neu aufzubauen, sondern übernahmen das Erbe der Römer großenteils unverändert und entwickelten es allmählich weiter. Dabei ging das ehemals in römischer Militärverwaltung be­findliche Gebiet, das zweifellos einen großen Teil der Wetterau umfaßte, als Reichsgut zu­nächst unmittelbar an die fränkischen Könige über. Daneben aber gab es doch auch noch viel freies bäuerliches Kulturland, das hauptsächlich von der alteinheimischen Bevölkerung besiedelt war und nicht zum Reichsgut hinzugefügt wurde.

Aus den weiteren Ausführungen des Vortra- genven ergab sich immer wieder die ausfallende Tatsache, dah die Wetterau eigentlich nie Sub­jekt, vielmehr stets Objekt oer Geschichte gewesen ist und zwar zunächst wirtschaftlich. Im früheren Mittelalter blieb unser Gebiet nicht nur fast frei von Burgen, sondern auch von Städten, und was später hier an solchen entstand, war doch bis auf wenige Ausnahmen, wie vor allem Fried­berg. nicht in der Lage, sich aus eigenen Mit­teln zu erhalten, sondern durchaus abhängig von Frankfurt, indem die heimatlichen Gewerbe für die reichen Frankfurter Handelsherren arbeiteten. So bildete Frankfurt stets den eigentlichen toirt- schaftlichen Mittelpunkt der Wetterau, was sich' auch an anderen Dingen, wie z. D. dem Zuzug von Reubürgern nach diesem Handelsplatz, der hauptsächlich von der Wetterau her erfolgte, zeigt.

Kirchlich gehörte sie zum Erzbistum Mainz. Ur- sprünglich hatte freilich nicht Mainz, sondern Worms die Vormachtstellung. Erst Bonifatius er­hob Mainz zum Vorort, indem er es zur Aus­fallspforte sowohl für die Heidenmission im Rord- osten, als auch für das langsame Vorschieben der fränkischen Reichsgrenze in sächsisches und slawi­sches Gebiet machte, wie es schon einmal zur Zeit der Römer eine der Ausfallspforten für die Er­oberung Germaniens gewesen ist.

Wie auf dem wirtschaftlichen, so war es auch auf dem politischen Gebiete. Es ist eine immer deutlicher werdende Erkenntnis, dah ursprüng­lich nicht das altbesiedelte Gebiet, sondern das weniger dicht und jünger besiedelte Kolonialland der Träger der territorialstaatlichen Entwicklung im modernen Sinne gewesen ist. So war es im deutschen Osten, wo z. B. Oesterreich und später Brandenburg zu politischer Führerstellung ernpor- wuchsen, so war es auch im Hessenland. Die Wetterau selbst war im späteren Mittelalter und bis weit in die Reuzeit hinein außerordentlich stark zersplittert. Die einzigen, die einen größeren Staat auf territorialer Grundlage hätten bilden können, waren die Grafen von Solms, die ihre I Kräfte jedoch selber durch zahlreiche Gebiets­teilungen unter die einzelnen Linien ihres Ge­schlechtes zersplitterten, und dadurch zu größerer Staatenbiwung unfähig wurden. So blieb eS

einer von außen hereingreifenden Macht, den Landgrafen von Hessen, Vorbehalten, erst im 19. Jahrhundert die staatliche Einigung der Wet­terau herbeizuführen. Sie hatten sich seit dem 13. Jahrhundert in dem althessischen Gebiet um Kassel und Marburg in jahrhundertelangen Kämpfen namentlich mit Mainz ein Territorium geschaffen und rückten dann von hier aus langsam nach Süden vor, die Wetterau schließlich von drei Seiten umfassend. So war es kein Wunder, dah auch dieses Gebiet selber mehr und mehr unter, hessische Herrschaft geriet und schließlich völlig im Territorium der Landgrafen aufging.

Zuletzt streifte der Redner noch kurz die Frage, was wohl aus der Wetterau geworden wäre, wenn man im Mittelalter Frankfurt, das sich zweifellos von allen Reichsstädten am besten dazu eignete, zur deutschen^ Reichshauptstadt hätte machen können, und er beendete seinen Vortrag mit einem Hinweis auf die Wichtigkeit der Be­schäftigung mit der Landeskunde, wie sie seit einer Reih« von Jahren an der UniDerfitat betrieben wird und der er feine Erkenntnisse auf dem Gebiete der wetterauischen Geschichte im wesentlichen verdanke.

Herzliche Dankesworte für die mit lebhaftem Beifall aufgenommenen lehrreichen Ausführun­gen des Dereinsvorsitzenden an den Redner be* schloffen die Veranstaltung.

VOA.-Pfingstsahrt 1933.

Die diesjährige Pfingstfahrt des VDA. geht nach Klagenfurt im Kärntnerland. Es wird wie man uns schreibt ein deutsches Pfingst­fest werden, das an denen der vergangenen Jahre (Elbing, Aachen, Gmunden, Goslar. Hirschberg, Kufstein uff.) nicht nacystehen wird, das vielmehr seine ganz besondere Rote haben wird. Zum erstenmal tagen die vielen Tausende des VDA. unmittelbar an der Volksgrenze im Süden, dort, wo mit den Karawanken wirklich Deutschland zu Ende ist: sie tagen in der Haupt­stadt desjenigen Alpenlandes, dessen Menschen sich durch den Freiheits- und Abstimmungskampf um Südkärnten den Dank Gesamtdeutschlands erworben haben, in dem Lande der majestätischen Hohen Tauern, aber auch der lieblichen Seen und JJluen, in dem Lande lied- und farbenfroher deutscher Menschen.

Die Fahrt wird voraussichtlich nicht so teuer kommen, wie die Ostpreuhenfahrt im letzten Jahre: die Entfernung ist nicht ganz so weit, die Ver­pflegung ist infolge unserer guten Valuta billiger. Für Eisenbahnfahrt hin und zurück, Festbeitrag, drei Tage Massenquartier und Verpflegung usw. müssen für Jugendliche etwa 60 Mark gerechnet werden. Bei einer Beteiligung von mindestens 300 Personen in Hessen kann man einen Sonder­zug bekommen, wodurch sich der Preis auf etwa 55 Mark verbilligen kann. Für eine fünf- bis sechstägige Wanderung in den Alpen muh man mit 20 bis 30 Mark rechnen. Jugendliche müssen jedenfalls mit 75 bis 80 Mark unbedingt aus­kommen können.

Das Kultusministerium hat jetzt schon Lehrern und Schülern, die Kärnten durchwandern wollen, eine Verlängerung der Pfingstferien um sechs Tage in Aussicht gestellt. Schüler und Schü­lerinnen, die teilzunehmen gedenken, wenden sich an ihren Schulgruppenleiter: Erwachsene und Jugendliche, die die Schule nicht mehr besuchen, möglichst bald an Herrn Studienrat Dr. König, Gießen, Senckenbergstraße 25.

»Wahlversammlung der Eisernen Krönt.

In der Turnhalle cm O.Waldsgarten fand am Spätnachmittag des Samstags eine Wahlkund­gebung der Eisernen Front statt. Als Redner erwartete man Philipp Scheidemann, der aber nicht erscheinen konnte, da er, wie der Versammlungsleiter eingangs bemerkte, an Grippe erkrankt sei. An seiner Stelle sprach Ober­regierungsrat Ritzel, Gießen. Der Redner wies zunächst darauf hin, dah er aus eigener Anschau­ung nicht soviel berichten könne, wie Scheidemann es zweiiellos gekonnt hätte der in den Jahren nach 1918 unmittelbar an der Entwicklung der Dinge beteiligt gewesen sei. Scheidemann und Ebert, inbesondere letzterer, seien diejenigen gewesen, die beim Zusammenbruch der Monarchie im Jahre 1918 dafür gesorgt hätten, daß die Ruhe und Ordnung erhalten geblieben sei und sich die Reuordnung des Reiches im wesentlichen ruhig habe vollziehen können. Das habe man leider nur allzu schnell vergessen. Man müsse daran erinnern, daß gerade Ebert in dieser Zeit nie­mals Parteiziele und Parteiinteressen in den Vordergrund gestellt, sondern unbeeinflußt dem ganzen Volke gedient habe. Reichspräsident von Hindenburg habe damals selbst gesagt, daß Ebert als Sozialist durchaus national gewesen sei und dementsprechend gehandelt habe.

In feinen weiteren Ausführungen beschäftigte sich der Redner mit einer Reih« von Veröffent­lichungen der RSDAP. und wies im Zusammen­hang damit aus verschiedene Gegensätzlichkeiten hin. Der Herr Reichskanzler Adolf Hitler