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nr.225 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheflen)
Dienstag, 2b. September (933
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lassen. Es ist
sich dahin verständigt, daß die Partei- und Parlamentsreformwünsche zurückzustehen hätten und eine unabhängige, mit Vollmachten versehene Regierung notwendig sei, die die Volkskraft aus den Ausbau der Wehrmacht zu konzentrieren habe, d. h. Ausbau der Flotte und der Luftwaffe. Damit soll wohl für den Augenblick die Auseinandersetzung um Faschismus und nationale Diktatur, die vor allem in der akademischen Welt und auch im Offizierskorps Anhänger haben, vertagt, andererseits aber die nötige Em- heitlichkeit der Front und des Willens für Entscheidungen gesichert sein, die man ganz offenbar, sei es von der Seite der Abrüstungsfrage, sei es von dem fernöstlichen Konflikt her, kommen sieht oder für möglich hält. Uns scheint, daß damit für den außenstehenden Beobachter recht wichtige Symptome aufgezeigt werden.
Zeder Abonnements-Platz
ist ein Baustein am geistigen Neubau unseres Vaterlandes!
Deutschlands flüssige Kohle.
Eigene Kraststoffversorgung - keine Utopie mehr? - Kohle wird Benzin. Neueste Forschungsarbeit schafft Unabhängigkeit.
Von Egon Larsen.
Indien, wo der Baumwollkampf zwischen englischer und japanischer Industrie nicht beigelegt ist, in Holländisch-Jndien, in Europa und nun auch in Südamerika, zunächst in Argentinien. Wie lange kann das so weitergehen und wie lange überhaupt die latente Krisis und Spannung im Fernen Osten?
Wir erheben diese Frage angesichts zweier wichtiger Vorgänge in der Innenpolitik Japans. Am 14. September ist der bisherige Außenminister U ch i d a durch den früheren Botschafter in Moskau, S) i r o t a , ersetzt worden, der nicht nur ein fähiger Diplomat, sondern ein naher Freund des Kriegsministers A r a k i ist. Dieser aber ist Ser» fechter einer energischen Vorwärtspolitik Japans in China, Mandschukuo und Mongolei. Und am 5. September haben die Führer der beiden großen Parteien, der Minseito und der Seynkai, deren Spiel trotz des allgemeinen Wahlrechts auch heute noch im japanischen Parlament ausschlaggebend ist.
Herr Ober.
Don Udo X Fischer.
„Die Speisekarte, bitte!"
Der Gast — man denkt so — der Gast hat es gut: er setzt sich hin, bestellt, ißt und bezahlt. Dann geht er wieder.
Der Kellner windet sich durch die Reihen besetzter Tische, bringt die Speisekarte.
„Zahlen!" ruft es daneben, gerade wenn der Kellner die Bestellung entgegennimmt.
„Moment, bitte!" Eins nach dem anderen, denkt der Kellner.
Und er hat Recht. Der Gast denkt anders.
„Bummelwirtschaft!" sagt er, wenn er warten muß, und wehe dem Kellner, wenn er nicht gleichzeitig bedienen, kassieren, Auskunft erteilen, Gerichte empfehlen und nebenher noch beim An- und Ausziehen des Mantels helfen kann.
Der Herr dort ein Bier, angewärmt, aber schnell, der Tisch daneben dreimal Essen zu 90 und eine Flasche „Schwarze Katz". Die einzelne ältere Dame da hat ein Filet bestellt, anschließend einen Kaffee, die zwei Herren am Fenster wollen ein kleines und ein großes Bier, dazu das Kursbuch.
Nichts von alledem darf der Kellner vergessen oder durcheinander bringen. Jeder hat es eilig, will individuell bedient sein, gut, schnell, genau so, wie er es eben gesagt hat, nicht einen Deut anders.
Don der Küche kommt die Meldung, daß Kalbsbraten und Rehrücken von der Karte zu streichen sind, aber Rehkeule ist noch da. Das muß der Kellner wissen. Er muß auch verstehen, den Gast zu halten, der gerade deshalb gekommen ist, weil er einmal wieder Rehrücken essen will.
Und hier beschwert sich einer, die Kartoffeln feien zu hart, und dort jemand, sie seien zu weich, und bald findet sich auch ein Gast, der braucht Mostrich, und der steht drei Tische weiter. Gleich an der Tür sitzt einer, der so aussieht, als könne er nicht bezahlen. Aber man darf es ihn nicht merken lassen und ans Büfett muß man doch schließlich auch und die Tür ist so nahe.
Am Telephon wird Herr Meier aus Bernau verlangt und der Herr mit der Brille da drüben will ein Gespräch anmelden, da und dahin, die und die Nummer, und eine Dame fragt, ob ihr Mann schon hier war, groß, blond, grauer Mantel und Aktentasche.
Der Kellner muß das wissen, er muß Zahlen, Namen, ganze Adressen, Personalbeschreibungen und Aufträge im Kopf haben. Er muß rennen, er muß höflich sein, er muß sorgfältig die Rechnung aufstellen plus Getränkesteuer plus Trinkgeldablösung, nicht zum Nachteil des Gastes, sonst gibt
Im Zusammenhang mit den grundlegenden Ausführungen, die Staatssekretär Feder dieser Tage über die deutsche Kraftstofsver- soraung machte, dürfte die nachfolgende Dar- stelluna der deutschen Produktionsquellen und Zukunftsmöglichkeiten besonders interessieren.
Ein Wort des „Tigers".
Am Nande der großen Politik.
Außenpolitische Umschau.
Von Or. Otto Hoehsch, o. ö. Pros, der Geschichte dn der Universität Äerlin
Der griechisch-türkische Freundschaftsver- trag, der am 14. September im Ankara unterzeichnet wurde, ist vielleicht kein großes Ereignis der europäischen Politik, aber unwesentlich für den europäischen Frieden ist er nicht. Denn er setzt den letzten Punkt hinter eine Verständigungs- und Friedenspolitik zwischen Griechenland und Der Tür- fei, die man vor zehn Jahren noch für ganz unmöglich gehalten hatte. Man erinnere sich an das großgriechischeProgramm, die sogenannte „große Jdeea" von Venizelos 1918, als die Türkei zusammenbrach, an den von England und Frankreich angeregten griechischen Krieg zur Verwirklichung in Kleinasien, an den entscheidenden Sieg der Türkei unter Mustapha Kemal über die im Frühjahr 1921, an den Lausanner Frieden und das Abkommen über,den Bevölkerungsaus- tausch vom 30. Januar 1923: alle Griechen in der Türkei, alle Türkei, in Griechenland zwangsweise heraus und in das andere Land auszutau- fchen. Es drehte sich um über l1/« Million Griechen und knapp ‘/» Million Türken. Der Prozeß mußte große Schwierigkeiten und Härten und Konflikte mit sich bringen, und der Rivalitätenkampf der Großmächte in Athen miteinander trug nichts dazu bei, das zu erleichtern. Erft 1930 konnten die Austauschfragen im Abkommen ganz geregelt werden, heute ist der Prozeß im ganzen beendet. Beide Staaten, personell Mustapha Kemal und Venizelos, sind dabei einander immer näher gekommen und haben immer mehr das Intrigieren und Hereinreden der Großmächte, hinter dem für die Um- roorbenen niemals etwas Reelles stand, immer wehr bei Seite geschoben. Schon 1930 kam ein Neutralitäts- und Schiedsgerichtsvertrag und ein Seerüftungsprotofoll zustande. Dem ist setzt, indem die Annäherungspolitik zielbewußt weitergetrieben wurde, bei einem Besuch des griechischen Minister- Präsidenten in Angora dieser neue Vertrag als Ab- schluß gefolgt.
Er ist weder ein Defentivbündnis im alten Sinn, noch etwa ein Nichtangriffspakt etwa im Sinne der neuen russischen Verträge. Er garantiert die Unverletzlichkeit der Grenzen und legt gemeinsame Beratung und gemeinsames Vorgehen in allen Fragen der internationalen Ordnung fest, die gemeinsame Interessen berühren, sogar mit der Möglichkeit gegenseitiger Vertretung aus internationalen Konferenzen. Das zielt nicht nur auf die allgemeinen Fragen der europäischen Politik, sondern ganz konkret auf die Einigungsbestrebungen, die mit dem Wort „Balkanföde- r a t i o n" bezeichnet werden. Für diese Idee ist nun ein griechisch-türkisches Zusammenwirken ge- sichert, das nach langen Kämpfen an einer Ecke wenigstens zu schiedlich-friedlichem Zusammenleben unter fast völliger (früher niemals für möglich gehaltener) nationaler Vereinheitlichung der beiden Ländern geführt hat. Was hier möglich war, müßte eigentlich auch in der, freilich noch verwickelter liegenden jugoslawisch-bulgarischen, d. h. der mazedonischen Frage möglich fein.
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5m Fernen Often stagnieren großenteils die Dinge, insofern als Japan hält, was es gewonnen hat, und nur langsam in der Mongolei vorrückt und die Verhandlungen zwischen Rußland und Mandschukuo, die um den Verkauf der Ost- chinesischen Bahn an letzteren Staat in Tokio geführt werden, nicht vorankommen. Währenddem rückt Japan als Ausfuhrmarkt mit Hilfe der Den- Entwertung (der Yen, Pari 2,07 Mk., heute in Berlin 77 Pf.!), der geringen Löhne und der lan- gen Arbeitszeit, immer schärfer vor: in Britisch-
Industrie sich äußerst elastisch nach den jeweiligen Marktbedürsnissen richten kann: daß die Benzinproduktion mit Leichtigkeit gesteigert oder gedrosselt werden kann, wenn der Absatz es verlangt.
Führende Wirtschaftler und Politiker des neuen Deutschland haben es in letzter Zeit häufig ausgesprochen, daß die Zukunft dem Kraftwagen gehört. Erleichterungen aller Art für den Automobilisten, Bau neuer Fahrstraßen, Förderung der Krastwagenindustrie sollen die Revolution des Verkehrs einleiten. Hand in Hand damit geht selbstverständlich die wirtschaftliche Revolution. Sollen die mangels Absatz stillgelegten deutschen Kohlengruben für immer geschlossen bleiben? Nein — wir brauchen Kohle mehr Denn je, aber nicht nur für Dampfmaschinen, Lokomotiven, Kraftwerke, Hochöfen, sondern jetzt auch zur Benzinerzeugung.
Kraftwagen in Front.
Wenn nicht alles täuscht, so wird der Benzinbedarf Deutschlands mit steigender wirtschaftlicher Besserung enorm steigen. Schätzungen besagen, daß statt der heute für Vergasermotoren benötigten 1,5 Millionen Tonnen Treibstoff im Jahr 1935 schon reichlich 2 Millionen, nach einigen weiteren Jahren 2,5 und 3 Millionen Tonnen verbraucht werden dürften. Da wäre es nicht nur Unsinn, sondern geradezu ein volkswirtschaftliches Verbrechen, sich mit einigen 100 000 Tonnen heimischen Benzins zufrieden zu geben — während es möglich ist, den gesamten Bedarf im Inland zu decken, Millionen Mark an Devisen zu sparen und deutschen Arbeitern Brot zu schaffen!
Es wird keine lange Zeit vergehen, so werden wir an der Wiege einer neuen großen deutschen Industrie stehen: der Benzinerzeugung durch Kohleverflüssigung. Techniker und Wirtschaftler sind dabei, die Grundzüge dieses Planes aufzustellen. Wahrscheinlich werden mehrere Hydrierungsstätten mit hoher Leistungsfähigkeit in den verschiedensten Gegenden Deutschlands entstehen — eine Dezentralisierung, die aus mannigfachen Gründen erforderlich ist. Und die Zeit, in der wir in der Benzinversor- gung unabhängig vom Ausland fein werden, ist damit in nächste Nähe gerückt.
Noch marschiert Deutschland, vor allem wegen seiner bisherigen Abhängigkeit doih internationalen Oelmarkt, in letzter Reihe der motorischen Kul- turländer. Während das petroleumreiche Amerika auf 4,8 Einwohner ein Auto zählt, während sogar das öllose Frankreich auf 25 Einwohner einen Kraftwagen besitzt, trifft in Deutschland e r ft auf 10 0 Einwohner ein Auto. Aber alle Anzeichen sprechen dafür, daß schon im nächsten Jahr die Statistik anders ausferjen wird!
es Aerger, nicht zum Vorteil des Gastes, denn die Differenz trägt immer der Kellner selbst.
Der Kellner muß ein Universalgenie fein, geschickt in seinen Bewegungen, sonst fällt der Por- ■jellanturm um, geschickt im Verhandeln, sonst kommt Der Gast nicht wieder. Und immer wieder rechnen und tausend Dinge im Gedächtnis haben.
Und rennen und immer wieder rennen. Und nie schwitzen.
Das ist der Kellner.
„Oie Blume von Hawaii
Die erfolgreiche und an vielen Bühnen gespielte Operette hat unter der Regie von Richard Oswald ihre Filmfassung gefunden und wurde von der Äafa mit Marta Eggerth in der Titelrolle herausgebracht: seit gestern läuft sie im Lichts piek- Haus. Die phantastisch ausgesponnene Handlung, von einer weichen und großenteils einschmeichelnd sangbaren Musik umspielt, verbindet in lockerem Libretto-Stil ein exotisches Liebesabenteuer mit einer Palastrevolution in der Südsee und hält, obwohl nicht übermäßig wahrscheinlich, den Zuschauer bis zur letzten Szene in angenehm temperierter Spannung. Marta Eggerth, hier schon aus dem „Kaiserwalzer" bekannt, setzt sich mit Temperament und hohem Sopran für die nach Europa verschlagene Prinzessin Laya ein. Iwan Petrooich und Hans Fidesser (von der Berliner Staatsoper) sind ihr darstellerisch und gesanglich angemessene Partner. In kleineren, überwiegend heiteren Aufgaben: Verebes, Junkermann und Baby ©rat). Oswalds Regie zeigt vor allem in einigen sehr malerischen Landschaftsaufnahmen ihre filmische Begabung. — Im Beiprogramm sieht man u. a. ausführliche Bildberichte von den großen nationalen Feiern am Tannenberg-Denkmal und anläßlich der Saar-Kundgebung. Ferner je einen Vorspann zu den demnächst hier erscheinenden Filmen „SOS. Eisberg" und „Lachende Erben".
Lochschulnachrichten.
Professor Dr. R. Brinkmann von der Universität Göttingen hat einen Ruf auf den geologischen Lehrstuhl an der Universität Hamburg angenommen und seine Ernennung zum Orbina- rius und zum Direktor des Geologischen Staats- Instituts in Hamburg erhallen.
Auf Grund des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums wurden in den Ruhestand versetzt: Professor Dr. Alfons N e h r i n g (vergleichende Sprachwissenschaft) in Würzburg: der ao. Professor Dr. Traugott Saumgärtei (Bakteriologie) und Diplomingenieur Oskar Poebing von der Technischen Hochschule in München.
materials gewährleistet, der Schlüssel zur deutschen Eigenversorgung gefunden worden ist!
Wirtschastsrevolution der Zukunft.
Was das bedeutet, ist nicht schwer zu errechnen. Das schon früher gefundene Steinkohle-Hydrierungs- verfahren ermöglicht es mit Leichtigkeit, jährlich eine Million Tonnen Benzin herzustellen: dazu sind 3,5 Millionen Tonnen Steinkohlen erforderlich — nur etwa 2,5 Prozent der jetzigen deutschen Steinkohlengewinnung! Auch bei Der Braunkohleoer- flüssigung spielt die für eine weitere Million Tonnen Benzin benötigte Kohlenmenge im Rahmen der Gesamtförderung Deutschlands keine wesentliche Rolle. Das Wichtigste aber ist, daß die Hydrierungs-
Das ewig unvollendete Bild.
Don Bruno Brehm.
In einer schwedischen Galerie hängt ein großes, -.Der Lebensbaum" benanntes Bild, das eine mächtige Esche darstellt, in deren Krone die Vögel des Waldes horsten und nisten, und deren Schatten das Tiergewimmel der Erde aufnimmt.
Der Galeriedirektor hatte sich dareingefunden, daß sich der Maler, der vor Jahren, durch Armut genötigt, dieses Bild schweren Herzens veräußert hatte, an Tagen, da die Galerie dem allgemeinen Besuch gesperrt war, vor seinem Werke mit Pinsel und Palette einfand und hier an einem Blümchen, dort an einem Federchen herumänderte. Als er aber eines Tages den alten Herrn dabei traf, wie dieser einen mächtigen, am Fuße des Baumes gelagerten Tiger in einen Elefanten umzuwandeln im Begriffe war, da riß ihm die Geduld, und er 9a° öem Maler zu verstehen, daß er seiner unmaßgeblichen Meinung nach der älteren Fassung des Bades entschieden den Vorzug gäbe. Ob er das lr^te ber a(te Maler sich auf seinem Klappstuhl umdrehend, ob er denn nicht oer- ftehen könne, daß ihm, dem Schöpfer eines im ^^?de friedlichen, ja idyllisch gedachten Bildes, ein so blutdürstiger Tiger unter all dem friedlichen Getier den Schlaf rauben müsse? Mit dreißig Jahren glaube man an das Paradies, da pinsle man ruhig em sanftes Reh neben solch einen bunten Räuber bin, aber als alter Mann lasse man sich alle Sachen ein wenig durch den Kopf gehen. Wenn jedoch der Direktor auf dem Tiger bestehe, bann müsse er auch erlauben, baß all die Hirsche, Rehe und Gazellen die Hasen, Rinber unb Giraffen, ja selbst die Affen oben im Geäst und die Vögel in der Krone vor diesem Räuber fliehend dargestellt würden.
Ueber diesen Plan erschrak der Galeriedirektor so, daß er mit aufgehobenen Händen den Maler beschwor, in drei Teufels Namen den Tiger in einen Elefanten zu verwandeln und bann aber enb- lich ein für allemal Ruhe zu geben.
Hoch und heilig versprach es der alte Herr, übermalte die sein Idyll störende Bestie und ließ sich ein ganzes Jahr nicht mehr bei dem Galeriedirektor sehen.
Da aber auf diesem Bilde Vögel und Vierfüßler nach wie vor die Plätze tauschten, stellte der Direktor den alten Herrn einmal auf der Straße zur Rede. Mit Blick und Gebärde alles leugnend, wich Der JDtaler aus und ging, trotzigen, ja verstockten Blicks feiner Wege.
, Etnes Abends, da der Direktor spät aus der Ge- lellschaft heimkehrte, sah er oben im Museum Licht.
Deutschlands Erde — aber der Wirtschaftler schüttelt den Kopf: eine einzige Bohrung, die oft genug eine Fehlbohrung ist, kostet bei uns eine Vier- tel Million Mark! Unb die fünf deutschen Förderstellen — in Hannover und Thüringen — können nur einen verschwindenden Bruchteil des Verbrauchs decken, nämlich im allerbesten Fall 80 000 Tonnen im Jahr.
Nun kommt uns der Chemiker zu Hilfe. Schon während des Kriegs, als der Treibstoffmangel katastrophale Folgen zeigte, zerbrach man sich in den deutschen Laboratorien den Kopf, um einen Ausweg zu finden. Unb genau so, wie es gelang, Stickstoff aus der Luft zu zaubern, entdeckte man auch Möglichkeiten, Benzin auf „k ü n ft l i d) e nr Wege herzuftellen.
Benzin aus Braunkohle.
Als Nebenprodukt der Kokserzeugung entsteht Benzol. Heute werden in Deutschland etwa 200 000 Tonnen davon produziert; eine Zahl, die sich jedoch fast verdoppeln ließe, wenn die Ueberzeugung von der Wichtigkeit deutscher Eigenoersorgung mit Treibstoff Allgemeingut würde. Aber auch bann wäre bie Benzoloersorgung aus eigenen Mitteln nur ein Tropfen auf einen heißen Stein.
Erst im Anfang steht eine weitere Ausnutzungsmöglichkeit heimischer Bobenschätze — die Benzin- geroinnung durch Schwelen von Braunkohlenteer. Sie ist jedoch heute noch stark beschränkt, da der Schwelkoks, bei dessen Gewinnung Benzin anfällt, wirtschaftlich wenig ergiebig ist.
So bleibt nur der Weg, den uns die modernste Forschung zeigt. Die ganze naturwissenschaftliche Welt geriet in Aufregung, als Sergius fein Verfahren der Kohleverflüssigung bekanntgab. „Katalytische Druckhydrierung" heißt das Zauberwort, das tatsächlich imstande ist, Deutschland den Weg zur völligen Unabhängigkeit vom Ausland in der Benzinversorgung zu garantieren.
Eine lange Reihe von Untersuchungen war nötig, um aus Experimenten, die in den Reagenzgläsern der Laboratorien vor sich gingen, wirtschaftliche, im Großen durchführbare Verfahren zu machen. 1927 wurde die erste Großversuchsanlage gebaut, 1929 gelang die Hydrierung von Braunkohlenschwelteer, und in jüngster Zeit entdeckte man endlich das Verfahren, um Braunkohle direkt z u verflüssigen. Die deutschen Braunkohlenlager sind so ausgedehnt, daß mit diesem System der Hydrierung, das die höchstmögliche Ausnützung des Roh-
Dies alles ist nicht nur historische Theorie für unsere damaligen Gegner; es ist zugleich das Programm für die Zukunft. Gewiß ist ein wichtiger Grund für Frankreichs krampfhaften „Sicherheits". Ruf die Unsicherheit feiner Petroleumverforgung. Es weiß, daß die stärksten Forts, die größten Armeen machtlos sind ohne Kraftstoff. Der Mangel eigener Oelquellen ist Frankreichs Achillesferse.
Ein Tribut von 200 Millionen Mark.
Wie steht es um Deutschland?
Dreiviertel der deutschen Motortreibstoffe werden heut a u s dem Ausland eingeführt: von 2,66 Millionen Tonnen Mineralöl, die alljährlich verbraucht werden, rund 2 Millionen Tonnen. Das ist ein Tribut von jährlich 200 Millionen Mark, der an das Ausland entrichtet wird.
Die Frage, ob diesem wirtschafts» und wehrpolitisch gleich unhaltbaren Zustand ein Ende gemacht werden kann, ist in den letzten Jahren von den verschiedensten Seiten her aufgegriffen worden. Da kamen die Geologen und erklärten, sicher gebe es noch eine Reihe unentdeckter Petroleumquellen in
Er läutete den verschlafenen Torwart heraus, der ihn durch die schweigenden Säle führen mußte. Dor dem Lebensbaum saß beim Lichte einer Blendlaterne der Maler und war gerade dabei, einen Adler in einen Auerhahn zu verwandeln.
„Nun habe ich dich! Nun hab' ich dich! Und den Torwart hast du wohl auch bestochen! Dem Mann kann das die Stelle foftenr frohlockte der Direktor.
„Der Adler", klagte der Maler, „hat mir den Frieden der Vogel gestört, der Adler war ein schlechter Kerl!"
„So! Und warum hast du den Reiher aus der Krone des Baumes auf den Rücken des verdammten Elefanten flattern kaffen?"
»Der große graue Fleck hat nach Farbe geschrien! Bedenke doch, wie bunt vorher der Tiger war! Es gibt doch nicht nur Gesetze der Moral, es gibt auch Gesetze der Schönheit!"
„Aber das Bild gehört doch nicht mehr dir", erwiderte der Direktor, „das Bild gehört doch der Galerie, dein Anrecht darauf hast du um bares Geld dem Staat, dem Volk, der Mit-, und wenn du nichts mehr daran herumänderst, vielleicht sogar der Nachwelt abgetreten."
Aber nicht einmal der Hinweis auf den Nachruhm verfing bei dem alten Herrn, dem der Gedanke, diesen Vogel, der nun vorne ein Auerhahn und hinten ein Adler war, in die Welt gesetzt zu haben, den Schlaf zu rauben drohte. Er müsse nach seinem Tode wiederkommen, beteuerte er fast unter Tränen, der Direktor möge nur ein Fünkchen Mitleid haben.
Mit Mühe nur wahrte der Direktor den Ernst, erlaubte dem alten Mann, diese Aenderung noch durchzuführen und nahm ihm das Versprechen ab, von dieser nächtlichen Begegnung hichts verlauten zu lassen, da sonst alle Maler herbeikämen, um an ihren Bildern herumzupatzen. Auf die Frage des Malers, wann er denn wiederkommen dürfe, bestimmte der Direktor einen Tag des Jahres, an dem der alte Herr geschlagene Drei Stunden an feinem Bilde herumpinseln dürfe. „Denn lasse ich dich öfter herein, so übermalst du bas ganze Bild und man wird mich beschuldigen, deine gute Mannesarbeit veräußert und gegen ein lahmes Alterswerk ausgetauscht zu haben."
Jährlich, am 5. Mai, an feinem Geburtstag, kam der Alte, saß drei Stunden vor feinem Bild, erbettelte sich zwei weitere Stunden und wurde nach Ablauf dieser Frist vom Direktor selbst sanft aber nachdrücklich hinausgeleitet.
„Auf diese Weise , rief der alte Maler an feinem dreiundsiebzigsten Geburtstage, „zwingst du mich, hundert Jahre alt zu werden!"
»Wenn die Verbündeten, den Krieg nicht verlieren wollen, dann dürfen sie am Vorabend des großen ~ igriffs Frankreich nicht ohne Benzin . für die kommenden Schlachten ebenso notwendig wie Blut." Clemenceau, der „Tiger", war es, der diesen Appell während des Weltkrieges an den amerikanischen Präsidenten Wilson richtete. Frankreich hatte im Schrecken der Marneschlacht erkennen gelernt, welche Bedeutung das Benzin im modernen Krieg erlangt hat. Damals charterte der Pariser Militärgouverneur ©allieni sämtliche verfügbaren Autos, einschließlich der Taxis, um die Imke französische Armee gegen die rechte deutsche Flanke zu werfen und die drohende Ueberrunwelung der Hauptstadt abzuwenden. Aber auch die Schlacht um Verdun wurde von den Franzosen gern als „Sieg des Lastautos über die Lokomotive bezeichnet. Und Lord Cur- g o n faßte die Bedeutung des Motorentreibstoffs im Weltkrieg in die lapidaren Worte zusammen: „Die Alliierten wurden auf einer Oelwoge zum Siege geschwemmt".


