Ausgabe 
26.9.1933 Frühausgabe
 
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An Lied vom Gliilk.

Roman von Anny von Panhuys.

s. Fortsetzung. Nachdruck verboten!

Sie zitterte vor Erregung.

Wir denken nicht daran, Sie zu verklatschen. Beruhigen Sie sich aber jetzt ein bißchen. Denken Sie an Ihre Kinder. Mit Ruhe kommt man weiter. Vielleicht hat es Zweck, wenn Sie sich an Herrn von Malten wenden."

Die Frau lachte bitter.

»Ich sagte doch schon vorhin, der Herr ist gut, aber die Dlbers regiert. Nein, bei dem Herrn ist nichts zu wollen." Sie schluchzte laut auf.Mein Mann und ich drücken uns durch; aber man will doch die Kinder satt kriegen und anziehen können. Es sind so kluge, hübsche Kinder." Sie ballte die Hände und hob die Arme:Totschlägen möchte ich die Kanaille!"

Ganz erschrocken trat Marlene einen Schritt zurück.

So etwas dürfen Sie nicht sagen, liebe Frau; das ist ja furchtbar. Gehen Sie, statt ins Dorf zu den Klatschbasen, zu Ihren Kindern, und geben Sie sich, ihnen zuliebe, Mühe, ruhiger zu werden. Wenn Ihr Mann tüchtig ist, findet er wohl auch bald ein anderes Unterkommen."

Die Frau holte tief und beklommen Atem. Aber nach einem Weilchen flog ein kaum wahrnehmbares Lächeln über ihr kräftiges, frisches Gesicht.

Sie haben eine Stimme, Fräulein, die ist wie Musik. Wie so 'ne weiche Musik. Man wird, ob man will oder nicht, ruhiger dabei, und wie Sie einem so vernünftig sagen, kann man gar nicht mehr sein. Sie haben recht, Fräulein, ich will wieder gehen. Mein Aeltester ist fünf Jahre alt; die q: beiden sind drei und ein Jahr. Das Jüngste vorhin geschlafen; aber vielleicht ist's aufgew. und schreit nach mir, und ich laufe derweil wie ne Verrückte auf der Landstraße rum." Sie wischte sich mit dem Handrücken über die Augen.Nichts für ungut, und als Dank dafür den Rat: Nehmen Sie sich vor dem Inspektor in Weiberröcken in acht!"

Sie stürmte los, als würde sie verfolgt. Nun sie sich an ihre Mutterpflichten erinnert hatte, war sie Mutter, nur Mutter. Marlene und Olga hätten rennen müssen, wenn sie an ihrer Seite hätten bleiben wollen. Langsam gingen sie weiter.

Olga wiegte bedenklich den Kopf.

Dieser Inspektor in Weiberröcken, wie Frau Wollner Roberta Dlbers nennt, scheint wirklich eine herrschsüchtige Person zu sein. Aber so leid mir die Frau tut, bin ich doch froh, weil wir beide eigentlich mit der Dlbers nicht direkt zu tun haben."

Marlene gab zurück:Als sie heute die Bücher in der Bibliothek allein zu ordnen wünschte, hatte sie wirklich einen abscheulichen Befehlston."

Schweigend gingen sie weiter.

Wie schon seht Schloß und Gut vor ihnen lagen! Im Vordergrund das Schloß mit den langen Seiten­flügeln und der ein wenig seitab stehenden Kirche, weit dahinter der ausgedehnte Gutsbesitz. Viele Ställe und Schuppen sah man, und eine kleine Ko­lonie von einstöckigen Häuschen drängte sich zu­sammen wie eine Herde plumper Tiere.

Als sie die Halle betraten, kam ihnen Roberta Dlbers entgegen.

Sie blieb vor ihnen stehen, sagte lässig:Da ich Ihnen vorhin anscheinend doch nur eine Freude da­mit weggenommen habe, will ich vom Bücherordnen zurücktreten. Sie dürfen Ihre Beschäftigung wieder aufnehmen, ich werde Sie nicht dabei stören." Sie sah Marlene fast herausfordernd an und ging dann sofort weiter, war schon zur Tür hinaus, ehe Mar­lene noch antworten konnte.

Wahrscheinlich ist ihr die Arbeit doch zu lang­weilig geworden", meinte Olga,und da mir jetzt Zeit haben, können wir also weiterschaffen." Mar­lene nickte nur, und nachdem sie ihre Mäntel ab­gelegt, suchten sie die Bibliothek auf.

Donnerwetter!" entfuhr es Olga beim Eintritt. Die scheint ja merkwürdige Begriffe vom zlup räumen zu haben. Sie hat die Unordnung nur noch vermehrt. Man meint fast, sie hätte die Bucher^erft recht gründlich durcheinander geworfen. Kem -Bud) hat sie inzwischen in das Regal gestellt. Es befindet sich noch nicht ein einziges mehr darin als vorher. Ich erinnere mich deutlich, wie das Regal aussah, als ich die Bibliothek verließ."

Marlene nickte.Sie soll doch eine ganz schlimme Leseratte sein. Wahrscheinlich hat sie sich in trgenth einem Buch festgelesen und darüber die Luft zur

"/ Reiterarbeit verloren."

Sie hockten sich auf den Fußboden und begannen ober mit dem Drbnen.

Ein Diener trat ein.

Ich sah bie Damen zurückkommen. Die gnabige Frau bittet Fräulein Werner zu sich "

Also mache ich mich zunächst allem ans Werk, lächelte Olga. Marlene aber folgte bem Diener auf bem Fuße. _ ,

In ihrem Wohnzimmer, bas mit braunen Samt­möbeln etwas altfränkisch, boch behaglich eingerichtet war saß Frau von Malten in einem Armstuhl.

Sie hob ben Kopf.Ich kann heute mieber gar nicht einschlafen unb brauche ben Nachmittagsschlaf so nötig, weil ich auch nachts schlecht schlafe. Mir hat Ihr Gesang so gut gefallen, liebes Fräulein Werner! Bitte, fingen Sie mir noch etwas vor. Ich hatte vorhin bas bestimmte Gefühl, Ihre Musik be­ruhigt sehr. Vor allem Ihr Gesang. Bitte, gehen Sie ins Nebenzimmer unb lassen Sie bie Tür auf."

Marlene spielte unb sang ja so gern. Die Auf­forderung war wie eine Belohnung für sie.

Lächelnb ging sie in den saalartigen Raum, in bem sich ber Bechsteinflügel befand, geschützt von der roten, dick mit Gold gestickten Seidendecke. Kostbare geschnitzte Schränke und Truhen standen hier

Gegenstände aus längst vergangenen Jahrhunderten, Gegenstände von Museumswert. Ein sehr großes Bild bedeckte fast die Hälfte einer Wand. Man sah darauf ein schlankes, schneeweißes Pferd und auf seinem Rücken eine schmale Frau m langem roeifjem Keitfleib. Es wirkte sehr, bas eigenartige ©emalbe.

Marlene war bas Bild bei ihrem ersten 'Aufent­halt jm Musiksaale merkwürdigerweise gar nicht aus- gefallen; jetzt aber drängte es sich vor

B Unheimlich lebenswahr waren Pferd unb Dame.

Blond war bie Dame, ihr Gesicht kühl und hoch- ^Marlene wußte sofort: das mußte sie sein die weiße Reiterin, von der man behauptete, sie lasse sich manchmal nachts in ber Nahe des Schlosses eben. Es mußte jene Frau von halten Jem, bie ihr Pferb so über alles geliebt, baß sie keine Ruhe im Sarge gefunben und noch jetzt lange nach ihrem loöe, nachts auf bem Rücken ihres treuen Tieres über ben Heimatboben ritt.

Marlene setzte sich an ben Fluge! und fang, sich mit herzwarmen Akkorden begleitend:Am Brun­nen vor bem Tore ..." Biegsam unb klangvoll war bie Altstimme, einfach unb boch bewegend der Vor- trag. An dieses Lied reihte sich gleich ein zweites an, dessen schlichte innige Melodie sie selbst gefunden zu einem Text, der ihr gefallen hatte.

Sie fang den Refrain:

Du bist wie ein Wunder, das zu mir kommt, Das mir in Not und Jammer frommt, Auf das ich gewartet feit Jahr und Tag, Weil niemand sonst mich erlösen mag, Weil niemand die Kraft hat. Nur du, nur du! Du bist mein Wunder, mein Glück, meine Ruh'!

Marlene erhob sich und trat in die Verbindungs­tür, um zu fragen, ob Frau von Malten noch ein Lied zu hören wünschte. Sie mußte lächeln. Da saß die Schloßherrin, den Kopf fest gegen die braune Samtlehne ihres Stuhles gepreßt und schlief. Schlief fest und ruhig.

Ganz leise schlich sich Marlene hinaus. Sie wollte in die Bibliothek und dort Weiterarbeiten. Sie mußte an ber Außentür des Musiksaales vorbei und auch der Tür zum Arbeitszimmer Achim von Mattens. Sie horchte auf, denn eben klang hinter der zweiten Tür die Stimme des Schloßherrn:Du bist wie ein Wunder, das zu mir kommt!"

Ganz laut und deutlich vernahm Marlene die Worte. Sie stellte fest, Achim von Malten hatte von seinem Zimmer aus ihren Gesang ganz deutlich hören müssen. Sie ging weiter, da öffnete sich bie Tür, unb weil sich Marlene unwillkürlich umblickte, sah sie Achim von Malten an.

Er grüßte unb sagte:Sie haben meiner Mutter roieber vorgesungen. Sie fingen lehr schön. Be­ruhigend ist wohl der richtige Ausdruck dafür. Ich glaube. Sie passen gut hierher, meine Mutter sprach sehr günstig von Ihnen. Auch von ber Baronesse ja, aber Ihr Gesang hat es ihr besonbers angetan."

Sie war stehengebtteben, und Ihre Augen durch­forschten sein Gesicht. Qualvolles Mitleid spürte sie. weil sie bie bitteren galten um Augen und Mund des Mannes sah, bie ihm bas Leid um unverdiente Schmach eingezeichnet. Er lobte:Das letzte Lied war besonders melodiös."

Sie gestand:Ich komponierte es, weil mir die Verse gefielen."

Seine Augen waren erstaunt auf sie gerichtet.

W^e vielseitig sind Sie denn eigentlich, Fräulein Werner? Wenn ich nicht irre, schrieben Sie in Ihrem Bewerbungsschreiben auch, daß Sie vier Sprachen beherrschen."

Sie erwiderte einfach:Vater pflegt zu sagen, heutzutage seien Sprachen sehr wichtig. Ich spreche Französisch, Englisch, Italienisch und Spanisch."

Er nickte und dachte: Was für wunderbare Augen hat die neue Hausgenossin! Er hatte Lila von Born, die arme Ermordete, sehr gern gehabt, vielleicht hätte er sich eines Tages in fie verliebt. Vielleicht! Sicher war es nicht. Ihre Augen hatten ihm be­sonders gefallen. Marlene Werners Augen glichen Denen der Loten sehr, aber sie waren schöner; Lilas Augen waren kälter gewesen.

Er sagte bittend:Vielleicht fingen Sie heute abend noch einmal. Ich glaube, es würde nicht nur meiner Mutter, sondern auch mir gut tun." Er neigte seine hohe Gestatt ein wenig zu ihr nieder. Von ganz nahe blickten sie sich beide an, und es war, als ströme ein geheimes Fluidum von ihr zu ihm, von ihm zu ihr.

lieber Marlenes Gesicht legte es sich wie ein spinn- webfeines Rosenrot, und sie antwortete etwas be­fangen:

Ich finge sehr gern. Doch verzeihen Sie, Herr von Matten, darf ich bei ber Gelegenheit jetzt eine Bitte äußern? Sie ist vielleicht dreist, aber ich möchte wenigstens einen Versuch machen, armen Menschen zu helfen!"

Er öffnete die Tür zu seinem Zimmer.

Treten Sie, bitte, einen Augenblick ein. Auf dem Gange ist es ungemütlich zugig."

Ein Zimmer in matt Eiche, sehr gediegen aus­gestattet, aber nicht mit Möbeln überladen. Einen Schreibtisch gab es, ein paar Klubsessel und einen kleinen Bücherschrank mit Mattens Lieblingsautoren.

Er bot ihr Platz an. Sie setzte sich ein wenig schüchtern. Sie wußte nicht recht, wie sie mit ihrer Bitte herauskommen sollte. Er rückte seinen Schreib­tischstuhl zurecht, saß ihr nun schräg gegenüber.

Sie erhob sich wieder.

Verzeihen Sie, Herr von Malten, ich sehe eben ein, ich habe fein Recht zu ber Bitte, weil sie nichts mehr unb nichts weniger bebeutet als etjte Ein­mischung in Ihre Angelegenheiten. Sie könnten breist finden, wozu mich nur mein Herz drängt. Verzeihen Sie gütigst, ich gehe lieber."

Sie schritt stracks auf die Tür zu.

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entschlief sanft nach langem, mit großer Geduld unsere liebe, unvergeßliche, herzensgute Tochter

Am 24. September ertragenem Leiden und Schwester

In tiefer Trauer:

. Karl Bellof und Frau

nebst Kindern.

Gießen (Ederstraße 6), den 25. September 1933.

Die Beerdigung findet am Mittwoch, dem 27. September, nachmittags 31/, Uhr, auf dem Neuen Friedhof statt.

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