Nr. 250 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Merheffen) Mittwoch, ?5. Vttober (955
Aus der provinzialhaupistadt.
Abschied vom Zwetschenkuchen.
Beinahe fünf Wochen lang haben wir den feinen Kuchen, wie man sagt, „nicht ausgehen lassen". Wir übertrugen die Sache mit dem laufenden Band auch auf unseren Küchenzettel. Aber alles hat einmal sein Ende. Und wenn man beim ersten Stück des saftigen Kuchens meint, man könnte ihn das ganze Jahr essen, so ist da ein kleiner Irrtum zu verzeichnen: denn man wird ihn auch einmal müde.
Ja, und diese Müdigkeit stellt sich eben ein, denn die Zwetschen sind „überreif", sie sind schon zu süß, zu weich. Sie schmecken fade. So ein bißchen „krachen" muß es, wenn man in den Zwetschenkuchen beißt, sonst ist er nicht vollwertig. Und recht viel Zucker muß man drauf streuen können. Der letzte braucht keinen Zucker mehr. Die Fruchtsüße genügt schon. Aber gerade damit zeigt er auch sein Ende an. Wir sehnen uns nach etwas anderem.
Tränen wollen wir dem letzten Zwetschenkuchen nicht nachweinen, aber so ein bißchen leid tut es uns doch. Denn in diesem Jahre, in dem es so wenig Aepfel gab, freuten wir uns doppelt über den Zwetschenfegen. Wir haben Bäume gesehen, an denen man tatsächlich wochenlang pflücken konnte, und immer wieder füllten sich die Körbe. So reich und dankbar haben die alten Zwetschenbäume noch nie getragen. Und bei jedem Kuchen dachten wir an diese fleißigen Zwetschenbäume. Ob sie auch nächstes Jahr wieder so an uns denken?
Und vor fünf Wochen — ich habe genau achtge- aeben — stand der erste Zwetschenkuchen auf dem Tisch. Wie duftete er, als er aus dem Backhaus kam! Wieviel Zucker konnte er noch vertragen! Aber er wurde mit Freude gegessen! Frisch und warm!
Und dann geriet er von Woche zu Woche besser! Immer weniger Teig, und immer dicker die Früchte gelegt! So wie wir uns ihn wünschten! Nun liegt das letzte Stück Zwetschenkuchen vor mir. Muß man da nicht einmal einen Augenblick stillhalten und rückwärts schauen? Aber es Hilst alles nichts! Liegen bleiben kann das Stück auch nicht, und die wehmütige Stimmung, die mich beherrscht, reicht doch nicht über den Hunger, den ich habe.
Also esse ich auch das letzte Stück auf. Die Zwet- schenkuchel^zeit ist vorbei! Leider! kl.
NSDAP.
Heute, Mittwoch, 20.30 Uhr, in der Ortsgruppe Gießen-Ost Zellenabende der Zellen 2 und 6 im Schützenhaus. — Die NS. - Frauenschaft Gießen - Ost hält ihre Zellenabende em heutigen Mittwoch wie folgt ab: Zelle 1 um 20.30 Uhr im „Bürgerhof", Plockstraße; Zelle 2 (ßeuning) 20.30 Uhr, „Schützenhaus".
Im NS.-Lehrerbund findet die nächste Singstunde der Arbeitsgemeinschaft zur Pflege des Volksliedes (Männerchor) am morgigen Donnerstag, 17 Uhr, im Singsaal des Realgymnasiums statt. Die nächste Orchester - Uebungsstunde wird Mittwoch, 1. November, gehalten. — Die Beiträge für das Haus der deutschen Erziehung in Bayreuth werden auf das Postscheckkonto des NSLB. Kreis Gießen Frankfurt a. M. 64 849 in Höhe von 5 Mk. je Mitglied eingezahlt. — Die Gießener Lehrerschaft wird am Donnerstag zu der um 20.15 Uhr in der Gießener Volkshalle stattfindenden Versammlung, in der der Reichsstatthalter in Baden P g. Wagner spricht, vollzählig erwartet.
„Deutsche Bühne."
Am Donnerstag, 26. Oktober, lösen die Samstag - Abonnenten der „Deutschen Bühne" die Theaterkarten für die zweite Vorstellung im Monat Oktober an der Theaterkasse während der Kassenstunden von 16 bis 19 Uhr.
Außerdem lösen die Donnerstag - Abonnenten am gleichen Tage und während derselben Kassenstunden von 16 bis 19 Uhr ihr Abonnement für die beiden November-Vorstellungen in Höhe von 1,40 bzw. 1,20 Mark ein.
Verlegung der er st en November- Vorstellung! Die am 2. November für die Donnerstag-Abonnenten der „Deutschen Bühne" fällige erste November -Vor st ellung muß aus spielplantechnischen Gründen ausnahmsweise üorocrleqt werden auf Montag, 30. Oft ober. Zur Aufführung kommt das Lustspiel „Minna von Barnhelm" von Lessing, das unter Wolfg. K ü h n e s Spielleitung an diesem Abend erstmalig in den Spielplan dieser Spielzeit ausgenommen wird.
Ortsgruppe Gießen
im Deutschen Lustsportverband.
Am Sonntag, 29. Oktober, 11 Uhr, findet auf dem Flughafen Gießen eine Gedenkfeier für den am 28. Oktober 1916 auf dem Felde der Ehre gefallenen Kampfflieger Hauptmann B o e l cf e statt.
Die Mitglieder der Motor- und Segelflugsportgruppe treten am Sonntag, 29. Oktober, 10.30 Uhr, auf dem Flughafen an.
Die fördernden Mitglieder werden gebeten, an der Feier teilzunehmen. (Dunkler Anzug.)
Autobusverbindung ab Ludwigsplatz 10.30 Uhr. Der komm. Führer der Ortsgruppe Gießen im DLV.
Graf zu Solms-Laubach.
Winterhilfswerk in Gießen.
Ls wird ausdrücklich darauf hingewiesen, daß Anträge an das Winterhilfswerk nicht in den Wohnungen der O r t s g r u p p e n 1 e i t e r sondern in der Alten Klinik, parterre rechts,ZimmerS p, gestellt werden müssen. Das Aufsuchen der Ortsgruppenleiter wird hiermit ausdrücklich verboten, da es gänzlich zwecklos ist.
Der Arbeitgeberverband für Lahn- gau und Oberhessen, Bezirk Gießen, hat der NS.-Volkswohlfahrt den Betrag von 1000 RM. zur Verfügung gestellt.
Von der Firma S ch u n k 8- E b e wurden in ban- kenswerter Weise für die Geschäftsstelle der NS.- Volkswohlfahrt eine Anzahl Bureaumöbel zur Ver- fügung gestellt.
Oie Kartoffelversorgung vom Winterhilfswerk.
Was ist zu tun, um vom WHW. des Deutschen Volkes 1933/34 mit Kartoffeln bedacht zu werden?
1. Der Kartoffelbedarf muß sofort unter Nachweis der Bedürftigkeit bei der zuständigen Ortsgruppe der NS.-Volkswohlfahrt gemeldet werden. Die Verteilung erfolgt in diesen lagen; wer nichts anmeldet, kann auch nichts bekommen!
2. Nach der Meldung ist bei der Ortsgruppe des Winterhilfswerkes der Zuweisungsschein für die Kartoffeln der Winterhilfe abzuholen und
3. darauf zu achten, daß der Zuweisungsschein einen Hinweis auf die Hundertschaft (z. B. Gruppe D) trägt. In dieser Hundertschaft ist zu empfangen.
4. Jeder muß sich schon jetzt Säcke, Körbe, Kisten usw., in denen er etwa 2 Zentner Kartoffeln abholen kann, besorgen.
5. Er muß ferner dafür sorgen, daß die nötigen Transportmittel, wie Handwagen, Karren usw., zur Hand sind. Unter Umständen wird er sich mit dem Nachbar verständigen.
6. Nach diesen Vorbereitungen hält man sich bereit, um nach Empfang der Nachricht, daß die Kartoffeln am festgesetzten Tag auf dem bestimmten Güterbahnhof abzuholen sind, pünktlich mit Transportmitteln an Ort und Stelle zu fein.
7. Der Anweisungsschein ist mitzubrinqen! Ohne Zuweisungsschein gibt es keine Kartoffeln.
8. Dann geht man zu dem Waggon, der die gleiche Bezeichnung trägt wie der Zuweisungsschein, z. B. Gruppe D.
9. Unbedingte Ordnung ist zu halten! Den Anweisungen der Amtswalter des WHW. ist Folge zu leisten. Ordnung ist erste Pflicht!__
Die sonderbare Schachpartie
Von Charfte Noellinghoss
Die Tür nach dem Garten stand offen. Nebenan schlief das Kind. Steve und Mary spielten die allabendliche Schachpartie.
,Hch sehe keine Rettung für mich", sagte Mary mit leichten, Mißvergnügen. „Ich glaube, ich habe verloren, Steve."
Steve hob die rechte Hand, ohne den Blick vom Brett zu lassen.
„Du gibst Dich zu schnell verloren, Marykind... Ich bin der Ansicht, daß es vielleicht einen Zug mit der Dame geben könnte, der Dich .. Laß mich mal Nachdenken..."
„Ich schau mal nach dem Kinde." Und, ohne daß ihre Schritte ein Geräusch auf dem dicken Teppich hervorbrachten, ging sie ins Nebenzimmer.
Alsbald grinste Steve still und glücklich vor sich hin.
„Tatsächlich, sie ist schachmatt, vollkommen schachmatt! Kein Zug kann sie retten!" murmelte er.
Da kam eine leise, knurrende Stimme von der offenen Gartentür her:
„Hände hoch, Herr, oder ich fchieße!"
Steve hob sofort beide Hände hoch. Was sollte er sonst tun? Da stand ein Kerl, gebaut wie Jack Dempsey, und hielt einen Revolver auf den armen Steve gerichtet. Langsam kam er näher heran.
Nur Mary und das Kind nicht erschrecken, dachte Steve und fragte leise:
„Was wollen Sie von uns, Mann?"
„Was ich finde. Verhalten Sie sich still. Sonst gibt’s eine Bohne ' : die Rippen."
Hier fiel des Eindringlings Blick auf das Schachbrett.
Die Waffe immer noch im Anschlag, betrachtete er die Enbstellung.
So erblickte ihn Mary von der Schlafzimmertür aus. Als geistesgegenwärtige Frau oerfchwand sie sofort wieder, um Hilfe zu holen.
Der Einbrecher sagte kopfschüttelnd:
„Warum wird die Partie hier nicht weitergespielt?"
„Weil meine Frau verloren hat", sagte Steve, dem allmählich die Arme einschliefen.
„Das bilden Sie sich doch nicht im Ernst ein!" meinte der Räuber und nahm auf Marys Stuhl Platz. Eine steile Denkfalte hatte sich auf feiner Stirn gebildet.
„Doch", sagte Steve und nahm vorsichtig den linken Arm herunter. „Sie sehen doch, daß es keinen Ausweg gibt!"
„Bilden Sie sich ein!" sagte der Einbrecher und legte den Revolver neben das Schachbrett. Diese Partie ist noch lange nicht verloren. Wie schmeckt Ihnen dieser Zug zum Beispiel, mein Junge?"
„Hm. Ja. Tatsächlich ... Hatte ich übersehen .. ", sagte Steve verblüfft und ärgerlich, wobei er nun auch die Rechte herunternahm. Er machte einen voreiligen Gegenzug mit dem Läufer. So gelangte der Fremde zu einer Gabel, die Steve den Läufer kostete. Steve überlegte angestrengt, wie er dieses unfreiwillige Opfer wieder gutmachen könnte. Aber es half nichts. Die Sache kostete ihn sogar noch einen Bauern, und der Einbrecher sagte:
„Ich gebe keinen Pfifferling mehr für Ihre Partie, Herr!"
„Es muß einen Ausweg geben!" beharrte Steve.
In diesem Augenblick trat Kerry ein, der Polizeiinspektor. Er war auf einem privaten Abendspaziergang und wollte mal zu den Freunden hineinschauen.
„'n Abend, Steve!" polterte er, „wollte nur mal... , ,
Ein ärgerliches Abwinken Steves brachte ihn zur Ruhe. So sagte er denn weiter nichts und trat näher. Nach einigen Sekunden warf Steve resigniert den Kopf zurück und sagte tonlos:
„Ja. Stimmt. Verloren!" r ei
.Das wäre ja gelacht!" meinte der Inspektor. „Mit einem Bauern, der vom Springer gedeckt ist und drei Felder vor der Grundlinie steht, gebe t ch keine Partie verloren! Erlauben Sie mal!"
Und Kerry drängte Steve vom Stuhl und vertiefte sich in die Situation. Steve wollte gerade noch einige Erklärungen abgeben, als fein Blick auf die Schlafzimmertür fiel. Da stand Mary und winkte ihm verzweifelt zu. Er ging mit ihr ms Nebenzimmer. Hier flüsterte sie aufgeregt:
„Ich habe, wie der Kerl reinkam, gleich bei Kerry angerufen. Er war nicht zu Haufe. Da habe ich hinterlassen, er soll sofort Herkommen. Gut, daß Du den Kerl aufgehalten hast... Gott, bin ich aufgeregt!"
„Ja, aber Kerry sah aus, als ob er feine Ahnung hätte ... Er hatte sich hingefetzt... Man muß ihn warnen..."
Mary packte Steve am Aerrnel:
„Ich verbiete Dir hinzugehen! Von Kerry ist das ein Trick! Dafür ist er Polizeimensch! Ich verbiete Dir..."
Inspektor Kerry schwitzte die altbekannten Korinthen und verflieg sich zu einem sechzehnsilbigen Fluch.
„Wenn Sie Ihren Bauern rühren", sagte der Einbrecher mit einem ironischen, überlegenen Lä-
10. Alsdann werden die Kartoffeln gegen Abgabe des Zuweifungsfcheines in Empfang genommen; nach Empfang der Kartoffeln ist der Platz zu räumen, daß andere Volksgenossen rascher zu ihrem Anteil kommen.
Wird alles genau und verständig beachtet und hält jedermann Ordnung, so wird jeder bedürftige Äolksgenosie in wenigen Tagen feine Kartoffeln im Keller haben.
Die Belieferung mit billiger Haushaltmargarine.
Durch Verordnung vom 23. September ist den Arbeitslosen, Kurzarbeitern, Kinderreichen und den anderen Inhabern von Reichsoerbilligungsscheinen für Speisefette ab 1. November ein Bezugsrecht für billige „Haushaltsmargarine" zugeftanden. Zur Durchführung der Belieferung ist vorgesehen, daß Haushaltsmargarine lediglich auf Bezugsscheine ab-
Lustschutz tut not!
Die Amtswalter der NSDAP, haben sich in selbstloser Weise in den Dienst des zivilen Luftschutzes gestellt. Sie haben eine große Werbeaktion eingeleitet, indem sie persönlich von Haus zu Haus gehen und Mitglieder für den Reichsluftschutzbund werben.
Ls ist selbstverständliche Ehrenpflicht eines jeden deutschen Mannes und jeder deutschen Frau, Mitglied des Reichsluftschuhbundes zu sein.
Der Mitgliedsbeitrag beträgt jährlich nur 1,— RM., ein Betrag, den jeder für fein Volk opfern kann und muß, denn
Gemeinnutz geht vor Eigennutz!
Lustschutz ist Gemeinnutz!
gegeben werden darf, die an die Berechtigten durch die Arbeits- und Wohlfahrtsämter ausgegeben werden. Es ist ferner bestimmt, daß Bezugsscheine lediglich in einschlägigen Verkaufsstellen mit Ausnahme der Einheitspreisgeschäfte eingelöft werden dürfen. Anderen als einschlägigen Geschäften ist der Handel mit Haushaltsmargarine untersagt.
Nicht zu den einschlägigen Geschäften gehören u. a. die Glas- und Porzellangeschäfte, die bisher sogenannte Abwehrmargarine im Hinblick auf das durch Verordnung abgeschaffte Zugabewesen im Margarinehandel geführt haben. Hierzu gehören ferner Fleischerläden, die in der Zeit vor dem 1. Januar 1933 keine Margarine geführt haben. Im Interesse einer reibungslosen Belieferung der Bezugsberechtigten mit Haushaltsmargarine ist darauf zu achten, das bisherige Abfatzwefen für billige Margarine möglichst beizubehalten.
Eintopfgericht auch nach Beendigung des Winterhilfswerks.
Die Reichsführung des Winterhilfswerks teilt mit, daß die Einführung des Eintopfgerichts nach dem Willen der Reichsregierung auch nach Beendigung des Winterhilfswerkes beibehalten werden soll Die künftigen Eintopfsonntage werden im übrigen nicht, wie am ersten Eintopfsonntag, um 17 Uhr beendet sein, sondern bis 2 4 Uhr ausgedehnt werden.
Äornotizen
— Tageskalender für Mittwoch. Stadttheater: 20 bis 22 Uhr, „Die Männer sind mal so...". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Ein gewisser Herr Gran" mit Hans Albers.
— Aus dem Stadttheaterbüro wird uns geschrieben: Heute, 20 Uhr, vierte Vorstellung im Mittwoch-Abonnement. Lustspiel-Operette: „Die Männer sind mal so ..." von Walter Kollo. Operettenpreise. Ende 22 Uhr. — Donnerstag, 26. Okto-
cheln, „dann komme ich mit meinem Läufer und setze mich in die Diagonale. Dann geht er flöten, Ihr Bauer!"
„Seh ich alleine!" brummte Kerry. Nervös spielte seine Hand mit irgendeinem kalten Metallgegenstand.
„Darf ich um Feuer bitten?" sagte der Fremde.
Kerry reichte ihm abwesend den Metallgegenstand und sagte dann betrübt:
„Ja... Da habe ich eben eine Riesendummheit gemacht! Eine Riesendummheit!...
Lange noch brütete der Inspektor. Erst zwei Aufschreie von der Schlafzimmertür her brachten ihn zur Besinnung.
„Kerry! Wo ist denn der Einbrecher!?"
„Was für ein Einbrecher!?"
„Mit dem Sie Schach gespielt haben!"
Kerry sperrte einen ziemlich umfangreichen Mund auf. Dann fiel ihm der kalte Gegenstand ein, den er seinem Partner gereicht hatte. Dann warf er einen Blick auf die Partie und ächzte:
„Jetzt hab ich doch verloren!...
Unzulässige Testameniskiauseln.
Die Tochter eines amerikanischen Millionärs, der seiner Tochter sein Vermögen 1930 unter der Bedingung hinterlassen hatte, daß sie niemals einen Gatten nehme, hat jetzt geheiratet und erfreut sich uneingeschränkt ihrer Reichtümer, denn das Gericht hat diese letztwillige Laune für ungesetzlich erklärt. Die seltsamsten Bestimmungen können in einem Testament getroffen werden, aber die Rechtssprechung der meisten Staaten geht dahin, daß diese Forderungen nicht gegen die guten Sitten, gegen die Moral ober gegen das Wohl des Landes verstoßen dürfen. Die Auslegung dieses Gesetzes ist allerdings verschieden und wird in England und den Vereinigten Staaten, wo die meisten seltsamen Anordnungen in Testamenten getroffen werden, ziemlich weitherzig gehandhabt. Ein Erblasser kann seinen Erben das Rauchen und das Alkoholtrinken, das Kartenspielen um Geld verbieten, er kann auch verlangen, daß sie im Vaterlande bleiben müssen; er kann ihnen unterjagen zu fliegen, Lippenstift und Puder zu benutzen, ober ihren Glauben zu wechseln. Aber Auswüchse eines Machthungers über ben Tob hinaus haben ihre Grenzen. Eine solche Grenze ist bas Heiratsverbot, benn bas Wohl ber Staaten beruht barauf, baß seine Frauen Kinder bekommen, und durch eine solche Anordnung wird also unmittelbar gegen die Staatswohlfahrt verstoßen. Ein buckliger französischer Kellner, der ben Namen „Napoleon" führte, hinterließ seinem Neffen, der sein nächster Verwandter war, sein Vermögen
ber: zweite Vorstellung der Donnerstag-Abonnenten „Deutsche Bühne", Reihe 1: ungerade Mitgliedsnummern (blaue Mitgliedskarten): „Die Freundin eines großen Mannes", ein heiteres Spiel um eine Bühne von Möller und Lorenz. Spieldauer von 20 bis 22 Uhr.
— Der Gesangverein .Heiterkeit" (Chormeister Wilh. Schüttler) wird am Sonntag, 25. November, 20 Uhr, in ber Neuen Aula ber Universität sein biesjähriges Konzert veranstalten. Der Chor wirb Volkslieder unb volkstümliche Vertonungen zum Vortrag bringen. Als Solisten wirken Fräulein Waltraub Schüttler (Violine) und Fräulein Decker (Klavier) mit, außerbem ein Knabenchor der hiesigen höheren Lehranstalten. Diese Veranstaltung verdient eine besondere Wertung insofern, als es sich um ein Wohltütigkeits- konzert der NS.-Volkswohlfahrt zugunsten des Winterhilfswerks des deutschen Volkes handelt.
— Deutscher Handlungsgehilfenverband, Ortsgruppe Gießen. Es ist Pflicht aller Mitglieder des DHV., an der am Donnerstagabend in der Volkshalle ftattfinbenben Kundgebung: „Die Nation tritt an", auf der der Reichs- statthalter Gauleiter Wagner-Karlsruhe spricht, teilzunehmen. Auf Wunsch der Kreisleitung der NSDAP, marschieren die Verbünde geschlossen an. Der DHV. tritt pünktlich um 19 Uhr an der Bleich- strahe, Ecke Lonystrahe, an. Unkostenbeittag 10 Pf., Stellenlose frei. (Siehe heutige Anzeige.)
SA-Reserve Gießen.
Der SA.-Reservesturm 11/116 trat am vorigen Samstag zu feinem letzten Sturmabend zusammen. Sturmsührer S o l d a n begrüßte die SA.-Kameraden, die den Raum bis zum letzten Plätzchen füllten, und widmete ihnen herzliche Worte des Dankes für die Treue und Opferfreudigkeit, die fie dem Sturm feit seiner Gründung jederzeit bewiesen hatten. Er sprach die bestimmte Erwartung aus, daß alle Kameraden von R. 11/116, der jetzt aufgelöst würde, dem Führer auch in Zukunft die Treue halten würden.
Truppführer Kurz hielt dann an die Kameraden eine Ansprache, in der er u. a. sagte: Anläßlich der Auflösung des Reservesturms 11/116 und zum Abschied von unserem Sturmsührer Fran^ S o l d a n sind wir heute versammelt. Aber zugleich begehen wir ein freudiges Ereignis, die Aufstellung des Sturmbannes I. R. 116, dem fast alle Sturmkameraden angehören werden. Als Sturmführer Sol» dan am 15. Januar d. I. in schwerster Kampfzeit, als die Zukunft noch düster und undurchsichtig vor uns lag, den Ruf zur Aufstellung eines Reserve- sturmes ergehen ließ, da fanden sich 26 Mann zusammen, die sich bereit erklärten, als alte Soldaten in der SA. für das Dritte Reich zu kämpfen. Wenige Tage später war das Wunder geschehen und das Dritte Reich erstanden. Nun ging es rascher voran, und schon beim ersten Aufmarsch im Fe- bruar, der noch unter ungeheurem marxistischem Druck erfolgte, marschierte R. 11/116 mit etwa 40 Mann durch Gießen und Wieseck, unter den Drohungen der roten Front mit. Später wuchs der Sturm erfreulicherweise weiter. Wir freuen uns defsen herzlich und freuen uns ganz besonders darüber, daß Sturmführer S o l d a n auch ben neuen
In dernächstenNummerder Gießener Familienblätter beginnen wir mit der Veröffentlichung eines neuen Romans: fljese|g m Niko|aiJS Schwarzkopf
Der hessische Dichter, der früher schon mit der Erzählung „Das Domkind" bei uns zu Worte kam, schildert in dieser liebenswerten,mitwarmemHerzenfürdieFreuden und Leidender stummen Kreaturgeschriebenen Erzählung die bunten Schicksale eines kleinen Pferdes
in Höhe von 50 000 Mark unter ber Bebingung, baß er innerhalb von brei Monaten eine Frau heiraten müsse, bie biefelbe Mißbilbung aufweise, wie ber Testator. Der Neffe, ber mit einem gerabe gewachsenen hübschen Mädchen verlobt war, wollte keine bucklige Lebensgefährtin sein eigen nennen, roanbte sich an bas Gericht, unb bieses befreite ihn von ber gegen bie guten Sitten verstoßenben Verpflichtung. — Ein Englänber Bearb hinterließ seinem Neffen fein ganzes großes Besitztum, verlangte aber von ihm in feinem Testament, baß er niemals roeber zu ßanbe, noch zu Wasser irgenb» welche Kriegsbienste leiste. Das Gericht sprach dem Erben bie volle Erbschaft zu unb entbanb ihn von biefer Verpflichtung, ba fie gegen bas Wohl bes Staates verstößt. — Ein ältlicher Amerikaner, ber eine junge unb sehr hübsche Frau geheiratet hatte, bestimmte in seinem letzten Willen, baß sie 300 000 Dollars erhalten solle, wenn sie gelobe, niemals ohne Schleier öffentlich zu erscheinen unb niemals mit einem Mann zu kokettieren. Er bestimmte weiter, baß sie in jebem Falle, in bem sie sich ohne Schleier öffentlich zeige, 1000 Dollars Strafe unb wenn fie einem Manne zulächle, biefelbe Summe zahlen müsse. Die Richter erklärten biefe Klausel bes Testamentes für ungültig. In Englanb ist es, wie in einer ßonboner Zeitschrift bazu bemerkt wirb, auch ungesetzlich, seinen Körper letztwillig für wissenschaftliche Zwecke zu vermachen. Als vor einiger Zeit ein Mann, ber auch nach seinem Tobe noch Gutes tun wollte, seine ßeiche zum Verkauf an ein anatomisches Institut bestimmte unb ben Erlös ba» für feinen Verwandten zusprach, wurde erklärt, daß feine Erben bie ßeiche nicht zum Verkauf ausbieten bürsten.
Hochschulnachrichten.
Der orbentlidje Professor Dr. Gustav Bvehmer (römisches unb beutsches bürgerliches Recht, Rechtsphilosophie) an ber Universität Halle hat einen Ruf an bie Universität Frankfurt a. M. zum 1. April 1934 erhalten.
Professor Dr. Heinrich Vogt von ber Universität Jena würbe zum orbentlidjen Professor bet Astronomie an ber Universität Heibelderg unb zum ßeiter ber ßanbesfternroarte auf bem Königs» stuhl bei Heibelberg ernannt.
Der Hamburger Privatbozent Dr. phil. Dr. rer. pol. Paul B e r k e n k o p s hat Berufungen als Drbinarius an bie Universitäten Königsberg unb Hamburg erhalten; er wirb bem Rufe nach Königsberg auf ben Lehrstuhl ber wirtschaftlichen Staatswiffenfchasten Folge leisten.


