Ein Lied vom Glück.
Vornan von Anny von panhuys.
33. Fortsetzung Nachdruck verboten!
Bernd Brussak lachte mit verzerrtem Gesicht, warf ihr das Wort „Manaiüe!" entgegen wie einen schweren Stein, Er gestand noch einmal: ,Zch habe den Mord begangen", dann fuhr er Roberta an: „Weiht du nicht mehr, wie du mich bearbeitet hast, um mich gefügig zu machen Laß nur das Lügen, du weiht das alles jo gut wie ich. Du hattest Ängst, der Gutsherr, nach dessen Reichtum du gierig warst, konnte Lila von Born heiraten. Du wolltest seine Frau werden, du wolltest, dah ich ihn, wenn dir das gelungen, mit Gift toten sollte. Versprachst mir, mich dann zu heiraten, mich reich zu machen. Aber mir sind die Augen aufgegangen, und alles ist mir gleich. Doch du sollst auch leiden, wenn ich leiden muh- ich sage die Wahrheit, weil ich nicht will, dah du dich in die Freiheit zurücklügst. Ich dulde es nicht."
Roberta schrie auf: „Der Mensch lügt, nicht ich, er lügt! Ich werde wahnsinnig, wenn man ihm glauben würde."
Der Richter erwiderte trocken: „Wenn Sie jetzt wahnsinnig würden, wäre das sehr störend für den Prozeh, der dem armen Herrn von Malten die Ehre zurückgeben soll."
Er lieh Roberta absühren, und sie ging, von Wut förmlich grichüttelt. Sie erkannte, der Richter glaubte ihr kein Wort. In der Untersuchungszelle erlitt sie einen Tobsuchtsanfall.
Bernd Brussak aber gestand weiter: ,Lch bin in diese Gegend gezogen, weil ich aus dem Böhmischen stamme, und weil sich Gelegenheit für mich fand, mich hier als Kokainschmuggler zu betätigen. Meiner lahmen Hand wegen muhte ich dem Zirkusleben Valet sagen. Ein bißchen Geld hatte ich erspart, dafür kaufte ich das Haus. Es lag so vorteilhaft einsam. Ich kannte die Sage von Maltstein. Roberta Olbera hatte sie mir erzäht. Um sicherer meinen Schmuggel betreiben zu können, hielt ich es für klug, die hiesigen sehr abergläubischen Leute mit dem alten Spuk zu schrecken. Man sollte nachts die Grenze zwischen Maltstein und meinem Hause meiden. Ich schmuggelte nebenher auch Granatschmuck und Spitzen. Meine Lieferanten auf böhmischer und meine Abnehmer auf deutscher Seite verrate ich aber nicht, eher lasse ich mir die Zunge herausreißen. Da binden mich Schwüre, gegenseitige, und die breche ich nicht. Roberta Olbers bemerkte, wie sehr sich besonders Frau von Malten über die weiße Reiterin aufregte, und riet mir zuletzt, die Rolle öfter zu spielen, in der Hoffnung, die alte Dame könne vielleicht vor Schreck sterben. Roberta Olbers glaubte, es würde ihr dann leichter werden, den Sohn zu gewinnen, der ziemlich stumpfsinnig geworden war durch den Mordverdacht, der auf ihm ruhte."
Bernd Brusiak irrte weit von der eigentlichen Mordtat ab, und der Richter lenkte ihn gesch ckt wieder dorthin.
Brussak erzählte: «Lila von Born, die sehr hübich war schien Robena Olbers für ihre Pläne gefähr- lich, denn Frau von Malten schien sie sich als Schwie- gertochter zu wünschen. Ich hatte nun einmal eine ^Zusammenkunft mit Roberta im Schloß, das heißt, ich schlich mich zu ihr; ich war ja so grenzenlos verliebt in sie. Es war gegen Abend, und ein Gewitter war heraufgezogen. Roberta schalt, als sie mich in ihrem Zimmer fand, denn ich durfte nicht zu ihr kommen; doch dann verlangte sie plötzlich von mir, ich solle Lila von Born erwürgen, die vorhin in die Bibliothek gegangen, wo sie sich immer längere Zeit aufhalte. Die Gelegenheit fei überaus günstig. Ich war entsetzt und sträubte mich. Doch sie gab keine Ruhe, machte mich mürbe. Ich war, wie gesagt, grenzenlos verliebt, war abhängig von ihr. Sie überschüttete mich mit Liebkosungen, bedrängte mich mit Bitten, zog mich durch eine Zimmerflucht bis zur Bibliothek, gab mir flüchtig Erklärungen, und ich trat ein, sah das Mädchen vor einem Bücherschrank. Es drehte mir den Rücken zu. Ich trug den Dolch aei mir, wie so oft, wenn ich von Hause weggegangen. Fräulein von Born drehte sich um, als ich über den Teppich tappte; da stieß ich sinnlos zu, ich wußte kaum, was ich tat. Sie brach sofort lautlos zusammen. Da kam mir meine Tat erst richtig zum Bewußtsein, und meiner nicht mehr mächtig, nur besorgt, man könne den Dolch bei mir finden, warf ich ihn in ein Bücherregal und lief zurück durch die Tür, die mir Roberta Olbers vorher bezeichnet hatte. Roberta war plötzlich da, zog mich durch die Zimmer bis in ihre Wohnung. Wir wechselten nur wenige Worte; ich wusch mir bei ihr die Hände, und durch den Park verließ ich das Schloß, raste durch das Wetter heim. Ein paar Tage danach sah ich alles ganz ruhig an. Ich hatte getan, was die Frau, die ich liebte, von mir gefordert; ich empfand keine Reue. Den Dolch hat Roberta gesucht, immer von neuem gesucht, seit mehr als zwei Jahren. Immer holt« sie sich Bücher aus der Bibliothek, um Gelegenheit zum Suchen zu haben. So suchte sie auch eines Abends spät, dabei stürzte sie mit dem Regal um, und die Bücher fielen weit in die Bibliothek. Run fand sich der Dolch, aber durch die Gesellschafterin. So, das ist das Wichtigste, was Sie wissen müssen. Und nun ist mir alles gleich, denn Roberta Olbers ist für mich verloren, ich hasse sie jetzt; ich habe mit dem Leben abgeschlossen. Hätte Das Weib zuletzt aus mich gehört, hätten wir beide noch rechtzeitig die Flucht ergriffen, dann befänden wir uns schon im fremden Lande in Sicherheit. Ich habe sie kehr geliebt und hasse sie nun ebensosehr, ich habe sie beshalb nicht geschont. Mag sie nun ein paar Jahre hinter vergitterten Fenstern darüber Nachdenken, wie anders alles gekommen, wenn sie mit mir geflohen wäre."
Der Richter sagte scharf: „Da Sie nun einmal da- bei sind, zu gestehen, machen Sie doch lieber gleich
vollständig reinen Tisch, denn Sie haben noch einen Mord auf dem Gewissen. Der Zollbeamte, den man auf Maltsteiner Gebiet fand, und der einen weihen, grobleinenen Stoffetzen in der verkrampften Hand hielt, kommt ja auch auf Ihr Schuldkonto."
Einen Moment lang schien es, als wollte Bernd Brussak aufbegehren und widersprechen, aber dann neigte er ergeben den Kopf.
,Lch werde für zwei Menschenleben nicht mehr zu bezahlen brauchen als für eins; deshalb gebe ich zu, ihn erschossen zu haben. Er hatte mich schon im Schlafittchen, und es blieb mir nichts weiter übrig, wenn ich mich retten wollte. Em mürber, verwaschener Fetzen des großen Bettuches, das ich immer als weiße Reiterin trug, blieb in {einer Hand."
Er machte eine müde Gebärde. „Run kann ich für heute nicht mehr, meine Nerven streiken. Ich mochte Ruhe haben."
Bier Wochen später wurde Achim von Malten freigesprochen; jeglicher Makel war von ihm genommen, niemand durfte ihn mehr Mörder nennen. Bernd Brussak wurde zum Tode verurteilt, Roberta Olbers erhielt zehn Jahre Zuchthaus. Der letzte Wunsch des ehemaligen Artisten war, Achim von Malten möge sich feiner beiden weihen Pferde an- nehmen. Das Schicksal der Tiere, die noch aus den Zirkustagen flammten, laa ihm sehr am Herzen. Und Achim von Malten übernahm die beiden schonen, wenn auch nicht mehr jungen Tiere, die wohl abwechselnd unter der „weihen Reiterin" gegangen.
Frau von Malten war, als sie zuerst von der Verhaftung Robertas gehört, völlig fassungslos gewesen. Alles schien ihr unglaublich, aber allmählich gewohnte sie sich an den Gedanken, daß auch ein Mädchen das sie von Kind auf kannte, gemein fein konnte. Und als sie von dem Urteil horte, faltete sie die Hände und betete: „Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unfern Schuldigem."
Alles, was sie jetzt über Roberta wußte, war zu häßlich; sie dachte nur noch mit Ekel und Verachtung an sie und dankte dem Himmel, daß er zur rechten Zeit Licht in das Dunkel gesandt, dah Roberta nicht erst ihres Sohnes Frau geworden. Sie dachte auch an den Brief aus Paris und an das beigefügte Kleeblatt; sie segnete aus tiefstem Herzen Marlene, die ihm geholfen, ihm, der {ich eigentlich kleinlich gegen sie gezeigt. Kleinlich, wie sie selbst gegen Marlene gewesen war.
Sie sagte zu ihrem Sohn: „Du mußt Marlene danken mit allem, was du besitzt, und wenn sie dich noch will, sie zu deiner Frau machen."
Er wehrte fast heftig ab.
„Mutter, wie dürfte ich bas wagen! Nein, nein, nach dem Dorgefallenen will ich mich mit der Hoffnung lieber nicht tragen. Bedenke doch, ich war mit Roberta verlobt, stand dicht vor der Hochzeit mit ihr. Ich wäre ja schon glücklich, wenn ich Marlene nur um Verzeihung bitten und ihr sagen dürste, 'ch
verstände jetzt ihre damalige Handlungsweise ganz. Ich wäre damals gleich wie vor den Kopf geschlagen gewesen und hätte mir erst gar keine Mühe gegeben, sie zu begreifen. Ich mochte ihr sagen, ich wäre doch wie gehetzt gewesen von dem Mißtrauen und Unglauben meiner Mitmenschen, und als ich sie ebenso zu sehen gemeint, wäre ich roh geworden aus Verzweiflung. Wenn ich ihre Verzeihung erhalten konnte, wollte ich zufrieden fein, ganz zufrieden, Mutter."
Die alte Dame schlug vor: „Schreibe doch einfach an ihren Vater, schreibe ihm so. wie dir ums Herz ist. Er wird den Brief dann schon weiterbesorgen. Bor allem muß sie erfahren, dah durch das Kleeblatt die Spur des Mörders wirklich gefunden wurde. Luch ist Marlenes Adresie nötig, damit du ihr das Schmuckstück senden kannst."
Er drückte die mütterliche Hand. „Ich werde das gleich tun. Es quält mich und drängt mich, ihr zu danken."
Die Mutter blickte ihm sinnend nach. Sic wühle ja, er liebte Marlene noch; er halte niemals aufgehört, fte_ zu lieben. Und sie dachte bewegt, wie wunderschön es wäre, wenn er Marlene wieder- fände. Aber er halle sie aus dem Haule gewiesen, das konnte sie ihm nicht vergeben, nein, das nicht. Aber halle sie es ihm nicht schon vergeben? Denn sonst hätte sie ihm doch nicht das Kleeblatt mit dem erläuternden Brief schicken lassen. Oder hatte das nichts miteinander zu tun? Geschah das lediglich aus dem Gefühl heraus, einem Menschen ,u helfen, auf dem der Schatten eines schweren Verdachtes ruhte? Hätte sie nicht aus Rechlsgefühl dasselbe auch für jeden anderen Menschen getan' Es war schwer, die Frage zu beantworten; doch wahrscheinlich hätte Marlene auch jedem anderen Menschen auf dieselbe Weise zu helfen versucht, wenn sie dazu in der Lage gewesen. Aber schade war es, jammerschade, daß Achim und Marlene auseinandergekommen. Herrgott, warum war sie selbst nur damals so engherzig und kleinlich gewesen? Warum hatte sie sich nur so rasch zu Achims Auffassung bekehrt? Aber sie steckte ja damals auch bis zum Hals voll Mißtrauen.
Achim trat nach kurzem Anklopfen wieder ein. „Mutter, ich habe es mir anders überlegt: ich mochte selbst zu Marlenes Vater reifen. Ein Brief ist, wie er auch abgefaßt wird, etwas Kühles, Sachliches, das gesprochene Wort hat Wärme. Wirst du zwei Tage ohne mich auskommen, Mutter?"
Sie nickte eifrig: „Natürlich! Solange meine gute Auguste im Hause ist, fühle ich mich nicht allein. Fahre nur, mein Junge, und sprich mit Marlenes^ Vater; der gibt dir hoffentlich ihre Adresse."
Schon am nächsten Morgen reifte Achim von Malten.
(Fortsetzung folgt)
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