Ausgabe 
25.1.1933 Frühausgabe
 
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die jene Expedition nach dem Berg bes Sterbens begleitet, die das Ziel hat, das geheimnisvolle Tal za finden, in dem die Elefanten sterben. Tarzan kreuzt aber ihren Weg, raubt sie aus der Mitte Der ExpeDitionsteilnehmer, schleppt sie in sein Baum­lager, um sie zu verlieren und dann end.ich ganz zu gewinnen. Tarzan aber vollbringt dabei Wunder­taten des Kampfes gegen Raubtiere. Er kämpft mit Löwen in engster Umarmung und ersticht sie mit dem Messer, er schwimmt mit Krokodilen um die 'jßeiie, hat die Tiere des Urwalds dienstbar zur Hand, die Elefanten sind seine Kriegstruppen im Kam 's gegen die Pygmäen, die Ässen sind ihm Kundschafter und er ihrer aller Herr. An langen Baumwurzeln schwingt er sich mit affenartiger Ge- schicklichkeit durch die Luft und beherrscht den Ur­wald mit allen seinen Geheimnissen. Und dieser Tarzan ist hier in diesem Film Jonny Weiß­müller, der Weltrekordschwimmer. Er erweist sich als ein Artist, als ein Kämpfer, und wird außerdem

auch mimisch seiner Rolle gerecht. Die Nebenrollen sind ebenfalls sehr gut besetzt. Das Ueberraschende an diesem Film sind die vielen hochinteressanten und außerordentlich glücklichen Tierausnahmen. Man sieht Duizende von großen plumpen Nilpferden im An­sturm auf das Floß, sieht ein Krokodil nach dem andern in das Wasfer gleiten, die Löwen bewegen sich in freier Wildbahn und sind dabei hervorragend aus den Film gebannt. Man sieht ferner große Ele fantenherdcn durch Urwald und Busch jagen in das Pygmäendorf einbrechen, und fragt sich, wie das die Filmleute alle?- in so lebendigen, technisch guten und auch künstlerisch durchaus wertvollen Bildern auf den Film bekommen konnten. Das ganze Bild werk hat doch etwas Mitreißendes an sich, man folgt gespannt der Handlung, lebt mit und möchte immer noch mehr sehen von all den zauberhaften Dingen des Urwalds, der hier aus den Bildern spricht und ahnen (wenn auch nicht wissen läßt), wie der Urwald in Wirklichkeit sein mag.

Das Reatsteuer-Oiktai in G ehen.

Zur Grund - und Gewerbe st euer- erhöhung in Gießen wird uns von dem 1. Vorsitzenden des Hausbcsitzervereins Gießen folgendes geschrieben. D. Red.

Seit Jahren bestand bei der sozialdemolratgch.n Fraktion im Stadtparlament der Wunsch, Die Grund- und Gewerbesteuern auf den Durchjchnittsjatz in Hessen heraufzusetzen, ein Ver­langen, das aber stets dank der bürgerlichen Mehr­heit abgekehnt wurde.

Nachdem der im Voranschlag 1932 für das Wohl­fahrtsamt vorgesehene Krebi^ erschöpft war, wurden vom Finanzausschuß des Stad.rals 150 060 Mark nachvewilligt. Dieser fehlende Betrag soll nun vom Haus- und Osaundbesitz sowie von dem Gewerbe durch SteuererhShungen gedeckt werden. Obgleich die trostlose Lage, in der sich der Haus- desitz unb der Gewerbetreibende befinden, der hessi­schen Regierung zur Genüge bekannt sein dürfte, hat sie durch Diktat Anordnung zur Erhöhung dieser Steuern getroffen, und zwar rückwirlend für 1932.

Wenn diese Steuererhöhungen auch kein welt­bewegendes Ereignis bedeuten, so ist doch heute, wo die Not und die Verzweiflung unter der Mehrzahl der Hausbesitzer und des Handwerks auf das höchste gestiegen ist, für diese jeder Pfennig neue Steuern eine Unmöglichkeit. Die Not nagt bereits an den Wurzeln des einst so starken Baumes des deutschen Hausbesitzes und Gewerbes, und deren letzte Kraft wird zermürbt. Unzählige zur Vernichtung gebrachte Existenzen liefern hierfür den traurigen Beweis. Abgesehen davon, daß das neuerliche Steucrdiktat die Selb st Verwaltung der Städte wieder­um in ihrer ganzen Ohnmacht zeigt und ihr bloß;s Papierdasein von neuem bestätigt, mußte die Regie­rung bei ruhiger, sachgemäßer Ueberlcgurtg wissen, daß die Steuerschraube schon längst als überdreht zu bezeichnen ist.

Dieses Steuerdiktat bedeutet für die Stadt Gießen, die in Gemeinschaft mit dem Stadtrat sparsam gewirtschaftet hat, gegenüber ein­zelnen Gemeinden, die im Ausgeben keine Grenzen gesunden hallen, ein bitteres Un­recht und eine Bestrafung für die Mißwirt­schaft, die andere Städte getrieben haben.

Städten wie Darmstadt, Offenbach und Mainz, deren Steuersätze über dem Durchschnitt für Hessen

liegen, hot man auf Grund dieser erhöhten Satze 4 o. H. Miete mehr zugcbilligt als den anderen he,p- >chen Städten. Herzu tommt noch, daß in Offen­bach und Mainz die Kanaigebühreu aus Der Grund­steuer bestritten weiden, jo daß dadurch der Haus- besitz nichi mehr besonders belastet wirb, während die,e Gebühren in Darmstadt und Gießen besonders erhoben werden und vom Hausbesitz neben der Grundsteuer zu tragen sind.

Wie folgendes Beispiel zeigt, steht die Stadt Gießen mit Der Höhe d.eser Gebühren an der Spitze aller hessischen Städte. Gießen erhebt von je 100J Mark Brandoersich.rungsmert 1, Mark unu von je 1 qm Fläche 0 01 Mark, so daß bei einem Haus mit einem Brandveisicherungsrckcrl von 4J 000 Marl und einer Grundfläche von 500 qm zu zahlen sind:

40 000 X 1, = 40, Mark

500 X0,01= 5,

zusammen 45, Mark

wahrend in D a r m st a d t nur 0,80 Mark von je 1000 Mark Brandversicherungswert erhoben wer­den, also nur 32, Mark. Von Der Grundfläche wird dort keine Gebühr erhoben.

Dir zahlen also hier in Gießen für das gleiche Objekt 13, Mark mehr als in Darmstadt.

Wenn man in Hessen eine Steuerausgleichung anstrebt, dann muß auch auf der anderen Seite ein Ausgleich für den Grundbesitz und das Handwerk, das in den meisten Fällen mit dem Hausbesitz iden­tisch ist, geschaffen werden, zumal letztere von beiden Erhöhungen betroffen werden. Es muß daher als ein Akt der Gerechtigkeit bezeichnet werden, daß Die Stadt Gießen dem Verlangen des Hausbcsitzes, die Kanalgebühren auf den gleichen Satz wie Darm­stadt, also auf 0,80 Mark herabzusetzen, nach'.ommt, und zwar ohne Rücksicht auf Den finanziellen Be- Darf, Da cs nicht angeht, Daß Der Hausbesitz in Gießen bei einer gebundenen Miete am schlechtesten von allen Städten in Hessen gestellt wird.

Wer heute noch glaubt, daß vom Hausbesitz und Handwerk noch neue Steuern herauszuquetschen seien, verkennt die Tatsache, daß sich ein durch Die Steuerpresse geschwächter Wirtschaftskörper bereits so weit verblutet hat, daß ein großer Teil davon Wohlfahrtsempfänger geworden ist und ein weiterer Teil mit einem Fuß vor der Schwelle Des Wohlfahrtsamtes steht.

Aus der Provinzialhauptstadt.

DHB Gießen im Jahre 1932.

Die Ortsgruppe Gießen im Deutjchnatio- n a len Handlungsgehilfen - Verband hielt, wie man uns berichtet, unter außerordentlich Harker Beteiligung ihre diesjährige Jahreshauptver­sammlung ab.

Ortsgruppenvorsteher Schwarz begrüßte die Er­schienenen. Er gab dann einen Ueberblid über Die Entwicklung Der Ortsgruppe im verflossenen Jahr. Viel Arbeit sei im Notjahr 1932 erforDerlid) ge­wesen, um Der Krisenerscheinungen Herr zu roerDen. Wenn Die Ortsgruppe Gießen Das Jahr 1932 nicht nur unerschüttert überstanden habe, sondern teil­weise recht beachtliche Fortschritte, vor allem auf Dem Gebiete Der Mitgliederentwicklung, verzeichnen könne, jo sei Das der beste Dank für alle Ehren­amtsinhaber und Mitarbeiter.

Kreisgeschästsführer Schroeder berichtete über die Gewerkschafts- und Sozialpolitik, gab einen Ueberblid über die Notverordnungen des vergange­nen Jahres, sowie die durch sie bedingten Opfer für die Kaufmannsgehilfen, und ging bann näher auf die Tarifbewegungen in Gießen ein. Die starke Rechtsschutztätigkeit in Gießen spiegele deutlich Die Not Der Kaufmannsgehilfen wieder.

Zahlstellenleiter M o h a u p t berichtete über Mit» stliederentwidlung und Werbearbeit. Unter dem Bei­fall der Versammelten gab er bekannt, daß trotz er­höhter Stellenlosigkeit unb trotz starken Abgangs an Mitgliedern infolge Berufswechsels sich am Ende des Jahres ein Neinzuwachs von 13 Mitgliedern ausweise.

lieber eine gute und erfolgreiche Jugendarbeit berichteten der Jugendführer Bepperling unb Der Führer ber Fahrenben Gesellen im DHL., Müller, Dipl.-Kaufmann Braubach, als Lei­ter ber Scheinfirma, berichtete über bie Arbeit dieser Berufsbildungseinrichtuna.

Heber die erfolgreiche Arbeit auf dem Gebiete der Berufsbildung unb Der Allgemeinbilbung sprachen bie Herren Gesekus unb Zammer t.

Der Rechner Weder erstattete ben Kassenbericht unb unterbreitete ben Voranschlag für bas Jahr 1933. Die Kassenverhältnisse finb gesund, bie Rech­nungslegung würbe in Ordnung befunben unb ge­nehmigt.

Die Wahl Des Vorstanbes ging reibungslos von- fiatten. Es würben gewählt: Schwarz zum Orts- aruppenvorsteher, Bars d) zu seinem Vertreter, Bilk zum Schriftführer, Weber zum Rechner, Werbeobmann: Ai o Haupt, Jugenbführer: M. Ai ü 11 e r, Berussbilbung: Gesekus , Allgemein­bilbung: Christ, Geselligkeit: Schaub, Bücher- roart: Schön, Presse: Schroeber, Sozialpoliti­scher Obmann: R a m h o r st, Sachwart: Bill.

Es folgten fobann Berichte ber Leiter ber Unten glieberungen; Eichholz berichtete über ben Män­ner-, Frauen- unb Kinberchor, G e itz über bie Mu- fifergilbe, Mohaupt über bie lurnergilbe unb H. Müller über bas Leben im Ortsgruppenheim.

Im Schlußwort bankte Klaue (Frankfurt), ber als Vertreter bes Gauoorstehers anwesenb war, zu­nächst bem alten Lorstanb im Namen bes Gauvor- stanbes für die im verflossenen Jahr geleistete Ar­beit. Die Ortsgruppe Gießen habe selbst im Krisen- jahr eine erfolgreiche Tätigkeit entfaltet. Der DHL. habe bas Jahr 1932 gut überstanden; mit einem Bestand von 403 112 Mitgliedern gehe er in das neue Jahr. An seine stellenlosen Kollegen zahlte der Verband im vergangenen Jahre über VA Millionen Unterstützungen. Die Rechtsschutzabteilungen des Ver­bandes nahmen in 17 000 Terminen vor den Ar­beitsgerichten die Interessen der Mitglieder wahr. - Millionen Mark an oorenthaltenen Gehältern wurden erstritten, 179 000 mündliche und schriftliche Rechtsauskünfte erteilt. 9831 Gehilfenstellen konnte die Stellenoermitllung des Verbandes im vergange­nen Jahr noch vermitteln. Das kommende Jahr werbe Den Verband unb feine Glieberungen vor neue große Aufgaben stellen. Vertrauensvoll unb mit Der Hoffnung auf eine Besserung ber Wirtschaftslage gehe ber DHV. in bas neue Jahr, stets bas große $iel, ben Aufstieg unb bie Wieberfreimachung un­seres Daterlanbes im Auge. Auf bie mit starkem

Beifall aufgenommenen Ausführungen würbe bas Lerbanbslieb gesungen, worauf ber Ortsgruppen» Vorsteher Die Versammlung schloß.

*

Weiter fanb bie Jahreshauptversamm­lung ber Deutschnationalen Kranken­kasse, Verwaltungsstelle Gießen, statt. Obmann G i e I begrüßte besonders das Hauptoorstandsmit- g(ieb der Deutschnationalen Krankenkasse, B a u dach (Hamburg). Nach einem von Obmann Giel erstatteten allgemeinen Bericht gab Lerwaltungs- stellenleiter Geitz Auskunft über bie Kassenverhält­nisse, bie als gut bezeichnet werben können. Zahl­stellenleiter Mo Haupt sprach über Werbearbeit unb Mitglieberentwicklung. Der bisherige Vorstanb bleibt, abgesehen von einer Ergänzung, weiter im Amt.

Mit großem Beifall wurden bie Ausführungen bes Hauptvorstandsmitgliebes Baubach (Ham­burg) über:Die Neugruppierung ber Ersatzkosten unb ihre Bebeutung für bie Entwicklung unserer Berufskrankenkasse" aufgenommen. Großen Beifall fanben bie vom Rebner näher erläuterten, bebeu- tenben ßeiftungsDerbefferungen, bie ab 1. Januar 1933 in Kraft treten. Mit ber Einführung ber Kran­kenhilfe in ber Familienoerficherung für bie Dauer von 39 Wochen trete bie Deutschnationale Kranken­kasse in biefer Hinsicht an bie Spitze aller Kranken­kassen Deutschlanbs. Zum Schluß legte ber Rebner bie Grünbe bar, bie bie Deutschnationale Kranken­kasse bestimmten, aus bem Verdank) kaufmännischer Berufskrankenkaffen (VkB.) auszuscheiben. Unter Führung ber Deutschnationalen Krankenkasse ist ber Verdank) gewerkschaftlicher Berufskrankenkasten (VgB.) gegründet worden. An den Vortrag schloß sich eine lebhafte Aussprache an.

Vornot izen.

Aus dem Stadttheaterbüro wird uns gcfcyricben: Heute 19.30 Dhr, Shakespeares TrauerspielHamlet" (Spielleitung: Oberspiel- Leiter Peter Fasso11): 16. Torstellung im Mittwoch-Abonnement, gewöhnliche Preise. Ende nach 22.30 Dhr. DerT a n z - A b e n d" Der Solotänzer des Hessischen Landestheaters Darm­stadt findet zu kleinen Preisen am Samstag, 28. Januar, 20.15 Dhr statt. Das Programm bringt Tänze aus drei Jahrhunderten und umfaßt Werke Der bekanntesten klassischen und modernen Kom­ponisten von Chambonniöres bis zu Strawinsky. Kostüme nach Entwürfen von City Büttner. Begleitung am Flügel Erwin P a l m. Ende 22.15 Dhr. Als Fremdenvorstellung findet am Sonntag, 29. Januar, 18.30 Dhr die nächste Wie­derholung der Operetten-Revue3m weißen Böhl" statt zu ermäßigte t Operetkenprcisen. Vor- zugsgutscheine haben Gültigkeit. Ende nach 21.30 Ahr.

** Revision der Gießener Kreis­kasse. Wie uns das Kreisamt Gießen mitteilt, . hat in der Zeit vom 14. Rovember bis 5. De­zember 1932 durch drei Beamte der Oberroch- nungskammer eine Visitation der Kasse- und Buchführung Der Kreiskasse stattge^unden, deren Ergebnis nach dem bei dem Kreisamt eingegange­nen Streiken der Oberrechnungskammer mit sehr gut" bewertet wurde.

* Rollen-Llmvesetzung i m Stadt- theaker. Infolge Grtramung des Herrn Bruck wird in der heutigen Vorstellung.Hamlet" die Titelrolle von Jochen Hauer gespielt, der die Partie übernommen hat.

**I a r j a n" im Tonfilm. Tarzan lebt in vielen Büchern, er feierte Auferstehung im Bild Des 1 stummen Films unb kehrt nun roieber im Tonfilm, i umgeben von einer Fülle Der Geräusche, Die seinen 1 absonderlichen Rahmen, Den Urwald, mit tausend­fachem Leven erfüllen. Der Fllm ber Metro- Embwyn-Mayer ist gleichzeitia erfüllt von brama- tijchem Geschehen, bas ja bie Amerikaner jo ausge­zeichnet auszubauen verstehen. So fließt in diesem Film ein Abenteuer in das andere. Da ist zunächst die Tochter jenes Elfenbeinhändlers und alten Afrikamannes, die eines Tages in Afrika eintrifft,

Und das sott eine Großstadt sein?

Unpolitischer Bries aus der Reichshauptstadt.

Das böhmische Dorf.

Es kostet keinen Eintritt, dieses Dorf. Es ist jedermann zugänglich, wenn auch kaum ein Ber­liner es kennt. Höchstens eine Strahenbahnsahrt muß man daransehen, um hinzugelangen. Denn es liegt in Reukölln, im Süden der Slabt. Dieses Rculvlln, wo es jetzt llntergrundbahnhöfe mit Rolltreppen, einem entwickelten Verkehr über der Erde, elektrisch beleuchtete ^abrikschornsteine und sogar einen ebenso großen wie geschmacklosen Wol­kenkratzer gibt dieses Reukölln hieß vor zwan­zig Jahren R i x d o r f. Unb dieses Rixdorf, das vor zwanzig Jahren wesentlich anders aussah, als das heutige Reukölln, mit Biergärten, Schrebergärten, Pferdebahnen und Vorstadt­charakter dieses Rixdorf hieß vor hundert Jah­ren Böhmisch-Rixdorf. Womit gleich gesagt ist, daß wenn wir von der SilbeRix" absehen wollen dieser Ort nicht nur ein Dorf war, sondern sogar ein böhmisches Dorf.

Davon ist wohl nicht mehr viel übriggeblieben? Ein böhmisches Dorf, unter dem die Untergrund­bahn rollt? Rein, das gibt es nicht! Doch, das gibt es.

Kaum hundert Schritte weit von der nächsten Straßenbahnhaltestelle entfernt, geht es los, das böhmische Dorf. Kleine, windschiefe Häuser stehen zwischen den kahlen Brandmauern vier­stöckiger Mietskasernen, der gehässige Berli­ner Rutschasphalt verwandelt sich unter unseren Füßen jählings in anheimelndes Katzen­kopfpflaster, ein paar Schritt weiter und wir stehen vor einer windschiefen Kirche, die wirk­lich aussieht wie eine Dorfkirche, wie man sich die Kirche eines böhmischen Dorfes vorstellt. Dor Der Kirche steht dann auf einmal ein Gedenkstein an wen? An König Friedrich Wil­helm l in Dankbarkeit gesetzt von den böh­mischen Flüchtlingen, denen er im Jahre 1737 freizügig eine Heimat gewährt hat.

1737 was war da los? Gab es damals schon eine große Stadt Berlin? Rein. Es gab eine Stadt dieses Ramens, die übet das heutige Zentrum nicht hinausging. Rings herum war plattes Land, auf dem sich einige kleine Gemein­den langweilten. Da trafen aus dem Böh­me r 1 a n d einige Flüchtlinge ein. Denen Böhmen zu böhmisch geworden war. Mit Hilfe des genannten preußischen Königs siedelten sie sich auf dem sandigen Boden Rixdorfs an, pflanz­ten Kartoffeln und, da der Mensch von Kartof- seln allein nicht leben kann, bauten sie sich auch eine Kirche zu ländlichem Gottesdienst. Sie wa­ren fleißige Leute, bie Böhmen, sie nahmen es mit den wilden Rixdörsern, Dem eingeborenen Stamm, auf. So kam es, Daß man wegen ihres Fleißes, Der Die Rixdorser GemeinDe mächtig vor­wärts gebracht hatte, sich entschlossen hat, Dem an und für sich schönen Wort RirDorf noch Das PräDikatböhmisch" vorauszustellen.

Es ist eine merkwürDige Sache mit Einwan­derern. Je fremder das Milieu, Der BoDen, Die Rasse, mit Der sie zusammenleben, Desto weniger passen sie sich an, Desto weniger lösen sie sich in der neuen Umgebung auf. So kommt es, Daß Das böhmische Dorf zwar im Jahre 1849 mit Aus­nahme von Kirche unD Schule abbrennen konnte Die Bewohnerschaft aber baute sich, über hundert Jahre nach ihrem Abschied vom Böhmer- land, sofort wieder ein neues böhmisches Dorf nach altem Muster auf. UnD heute noch, wenn

wir uns was Wohl mehr aus Versehen ge­schieht Dorthin verirren, Dann lesen wir freinb- artige Rainen an fast jeder Wohnungstür. Viel­fach Dringen fremde Laute an unser Ohr, und aus Der Studierstube des böhmischen Dorjpfar- rers schimmert ein Licht, das mit der tauscnb- kerzigen Wirklichkeit von Reukölln wirtlich nicht das Geringste zu tun hat . . .

Man sollte es erhalten, dieses böhmische Dorf. Es sollte Naturschutzgebiet werden, mit­ten in einer nervenaufreibenden Großstadt. Wenn wir, was öfters vorkommen sollte, die Wände hochzugehen beginnen, sollte man uns zur Er­holung dort hinschicken. Es ist ein ungemein gro­ßer Trost, daß es mitten in Berlin noch solche Flecken gibt.

Die Straßenbahn soll winken!

Manchmal spielen sich an Berliner Straßenbahn Haltestellen rührende Familienfzcnen ab. Abschiedsszenen, wie es scheint, fürs Leben. Auf Wiedersehen, unb komm gut zu Hause an, unb ruf mich balb roieber an, unb grüße alle ... (Handkuß, Kuß, Umarmung, Taschentuch, Tränen, heftiges ^Winken.) Die Berliner ntraßenbahnfchaffncr sehen bem allen zu, harte, roiiün unb roettererprobte Männer, bie sie finb. Aber bie Straßenbahn selbst kann sich oft tiefer Rührung nicht erwehren. Scus- zenb fährt sie los unb quietscht in ben Kurven ...

Nun soll aber in ihrem Körper eine einschneidende Aenderung durchgefiihrt werden. Sie soll selbst in bie Lage versetzt werben, zu winken! Zwar weniger, um sich von ben jeweiligen Hinterbliebenen an ben Stationen artig zu verabschieben sondern um anzuzeigen, wann unb roo |ie um eine Ecke biegt.

Der Beschluß ber Stabt Berlin ist auch so weit fertig ausgearbeitet. Man hat eingefehen: eine Stra­ßenbahn, bie etwas auf sich hält, muß winken rön­nen, wie jebes bessere Auto bas vermag. Es gehört sozusagen zu ben moralischen Pflichten eines groß­städtischen Verkehrsmittels. Aber trotzbem ist biefer Beschluß bis jetzt noch nicht in bie Tat um gesetzt worben. Unb es ist auch noch gar nicht ab- zusehen, wann er in bie Tat umgcsetzt werben wird. Denn ...

Denn einen solchen Winker zu- beantragen, zu em werfen, ausführen zu lassen, ihn ben verschiebenen Straßenbahnhöfen zum Anmontieren zu überwcise.i, bie entstehenben Unkosten auszurechnen, Den Un toftenübcridjlag beim ötabttammerer einzureichen, biese Maßnahme finanziell burchzusetzen unb bann bie fertigen Winker in Raten zu bezahlen dazu gehört nach ber Meinung ber Stabt Berlin ein solches Heer von Dezernenten, Kommiffaren, Sekie- täten, Fachleuten, unb Ingenieuren, baß biese ein­fache'Maßnahme schlankweg zu einem unerschwing­lichen Luxus wirb.

Nun Haden bie Berliner Stabtväter Pech. Info- fern nämlich, als solch ein Winker als Serien fabrifat bereits in jeber zweiten Autozubehör­merkstatt hergestellt wirb. Dort ist er für billiges Gelb zu haben. Wollte man sämtliche zweitausenb Berliner Triebwagen bamit versehen, jo könnte der praktische Teil biefer Kampagne nicht sehr viel mehr kosten als 20 000 Mark. Das wäre sogar für eine Stabt erschwinglich, bie in so bebürftigen gelblichen Verhältnissen lebt wie Berlin beionbers, Da man mit dieser Maßnahme sämtlichen Schadenersatz Prozessen aus Dem Wege gehen könnte, Die sich immer roieDer um Diese Frage entfpinnen.

Buntes Allerlei.

Ein ägyptisches Verkehrsmuseum.

Esns Der interessantesten Museen ist Das kürz­lich geschaffene Aegyptische Eisenbahn-, Tele­graph- und Telephon-Museum, Das auf Ver­anlassung Des Königs FuaD in wenigen Monaten gefchaf en wurDe. Die Sammlung umfaßt gegen­wärtig etwa 600 Gegenstände und ist in einigen Sälen Des Hauptgebäudes Der Eisenbahn in Kairo untergebracht. Man kann hier einen knappen Ueberblid über Die Geschichte Des Verkehrs von den ältesten Zeiten Der ägyptischen Kultur Durch Die griechisch-römische unD Die arabische Epoche bis zur Gegenwart gewinnen. Einer Der inter­essantesten Aufstellungs-Gegenstände aus Der Pharaonenzeit ist ein Modell, Das nach Der Darstellung in einem Grabe zu el-Barscha und nach einigen andern Reliefs angefertigt worden ist: es zeigt den Transport einer Statue von 60 Tonnen Schwere im alten Aegypten. Man sieht hier Männer, die Wasser aufgießen, um eine Entzündung durch die große Hitze zu ver­meiden, die durch Die Reibung zwischen Dem Schütten, auf Dem sich Die Statue befindet, und Den Kufen, auf Denen er aufliegt, entsteht. Ein Priester geht voraus unD opfert Weihrauch, um die Hilfe Der Götter herbeizurufen. Die Last wird an mächtigen Seilen von vier Ge­spannen von 44 Männern gezogen. Aegypten war das erste Land in Afrika, das eine Eisenbahn erbaute. Auf Der Ausstellung ist der Vtrtrag zu sehen den Der KheDive ALbas Hil^Y I. mit Robe.t Stephenfon, dem Sohn des E inders der Lokomotive, im Jahre 1851 absch^ß, und zwar zur Errichtung einer Eisenbahnlirl e zwischen Kairo und Alexandrien. Vorher war im Lande nur ein englischer Postdienst, Der von LonDon Durch Aegypten nach 3nDien in 60 Tagen ging.

1 Freilich ist von Dieser ersten Eisenbahn noch ein

weiter Weg zu Den moDernen Luxu^zügen und zu Dem LuftverkehrsDienst, Den Aegypten jetzt organisiert hat.

Mottende Katzenaugen.

Die Technik hat Dem modernen Menschen, Der es noch nicht zum Auto, aber schon zum Fahrrad gebracht hat, ein Auge mehr gegeben. Cs ist das rötlich funkelnde, sogenannte Katzenauge, Das hinten am Fahrrad befestigt fein muß. Run hat ein Berliner Kaufmann. Der sich als Erfinder betätigen wollte, bei Den Dreiäugigen einen Man­gel entdeckt. Er stellte fest, Daß Die VorDeraugen beweglich sinD, bas Hinterauge aber nicht. Ilm Diesem Mangel abzuhelfen, erfand er Dasro­tier cnDe Katzenauge". Zu welchem Zweck es Dienen sollte, Das muß allerDings noch erfunDen toerDen. Zunächst verfolgte Der ErfinDer Den Zweck Geld dafür zu bekommen. Er gründete eine Fad ik zur Herstellungrollender Katzen­augen". micte.c Räume dafür und staffierte diese mit allerlei Maschinen aus. Dann suchte und fand er ©elDleute. Siebzehn Personen waren be­reit, ihr Vermögen in Die granDiofe ErsinDung Der beweglichen Katzenaugen zu investieren, ins­gesamt toutben Dem Kaufmann 30 000 Mk. über­geben. Erst später, als der Erfinder längst ver- schwanden war. und zwar spurlos, denn er hatte sich kein Schlußlicht in Form eines rollenden Katzenauges angebracht, rollten Die ©elDgeber mäch.ig mit ihren natürlichen Augen, Denn Der Erfinder war weg. Da © Id war weg unD Die Maschinen, Die waren at.ej Gerümpel, für nichts anieies als zum Verschrotten geeignet. Jetzt, nachDem Der geniale Erfinder Die 30 000 Mk. verbraucht hat, flüchtete er sich reumütig an Den Busen Der Kriminalpolizei unD harrt Dort Der Strafe, Die ihn Dafür treffen soll.