Aus der Provinzialhaupistadt
Oer Mutter Erde Segen.
Der Sommer ist da. Das Jahr hat seine Höhe erreicht. Sonntag liegt über Gottes schöner Natur. Geschmückt stehen Daum und Strauch. Die Schollen tragen festlich Gewand. Wie ein Meer der Fruchtbarkeit wogt das weite Grün. Halm an Halm schaukelt im sonnigen Licht, im befruchtenden Wind- Dazwischen leuchten roter Mohn, blaue Kornblumen. Uni) die Reife geht mit segnender Hand über die bunte Fülle hin, die in trächtiger Schwere den Tagen der Reife entgegenschwingt.
Sommerl 3n diesem Wort klingen tausend Hoffnungen, wehen die schönsten Träume, und wenn der Abend über Land geht, liegt das weite grüne Reich still wie ein Märchen, in dem das Leben verhalten fein ewig tiefes Lied vom Wachsen und Reifen singt.
Ein Gang durchs Kornfeld trägt auch uns über die Straße des Alltags hinaus. Aus der Scholle wird uns wieder die unendliche Kraft, der Mutter Erde Segen in seiner tiefsten Schöne bewußt. Kind dieser Erde empfindet jeder den Wert der Heimat, die nie müde wird, zu schenken und zu spenden.
Die reisenden Kornfelder sind die Feststunden der Natur, unsere Vorbilder. 3n diesem Gleichnis strahlt uns, wie selten wo, der Sieg der Arbeit, der Lohn der Mühe entgegen. Wer zu säen verstand, der Saat ihre Pflege angedeihen ließ darf mit glücklichen Augen die Heranwachsende Fülle sehen, mit hoffenden Händen die schweren Aehren greifen.
Das hohe Lied der Natur singt in den Aehren wie in uns die Freude über die Frucht, in der wir das tägliche Brot sehen dürfen. Noch einige Wochen, und die grünen Wogen glänzen in reifem Gold, glühen wie leuchtendes Abendrot, beruhigend, besänftigend, ein gülden Geschenk der ewig spendenden Mutter Natur!
Der Landmann sieht mit sorgendem Auge seinem Segen entgegen, hofft auf viel Sonne und glückliche Zeit, aber mit ihm wünscht auch der Städter gutes Gedeihen, reiche Ernte, denn der Tisch, der hier gedeckt ist, soll uns allen in Stadt und Land wieder Kraft und Leben geben. So will es unsere Erde, so gibt es der Herr, und wir sollen dankbaren Herzens und in froher Zuversicht durch die Aehrenfelder gehen, denn ewig bleibt das Wort wahr: „(Solange die Erde stehet, soll nicht aufhören Same und Ernte!"
Zohanmsfeuer.
Mehr als in der vergangenen Zeit werden in diesem Jahre die Johannisfeuer den Zauber der Juninacht erhöhen, in der sich die Sommersonnenwende vollzieht. Nach dem urchristlichen Glauben war dies nicht der 21., sondern der 24. Juni, der Geburtstag Johannes des Täufers. Zur Verwischung heidnischer Spuren ließ das spätere Christentum in den germanischen Ländern den Johannestag an die Stelle des Baldurfestes treten, das ursprünglich ebenfalls am 24. gefeiert wurde, und gab den Bräuchen eine neue Deutung.
Und doch lodert in den Johannisfeuern das Vermächtnis mit des stärksten Erlebnisses unserer Vorfahren, die mit der Natur nicht allein in engerer Verbundenheit lebten, sondern auch ihre religiöse Vorstellungswelt mit den Geistern belebten, die sie überall wirkend glaubten und empfanden. Die in Baum und Halm und Strauch, in Quelle und Stein nur die- Verkörperungen der geheimnisvollen Kräfte sahen, aus denen alles wird, und die mit ihrem Dasein auch das Leben des Menschen zum Guten oder in sein Gegenteil zu wenden vermögen.
In den Nächten um die Sonnenwende wurde der Entscheidungskamps der dunklen mit den Lichtmächten ausgefochten, die ihren Platz an der Sonne beanspruchten. Die Feuerbrände, die durch das Land loderten, sollten den Glauben an die Unvergänglich-
Ausruf zum Volksdeutschen Pflichtopfer!
Die nationalsozialistische Revolution hat die tief- innere
Gemeinschaft aller Menschen deutschen Blutes wieder zum großen, bestimmenden Erlebnis unserer Tage gemacht. Die Millionen der Deutschen sind durch die Idee Adolf Hitlers erneut und unverbrüchlich miteinander verbunden.
Wir find endlich wieder ein Volk geworden. Dieses gewaltige Erlehnis aber kann vor den Reichsgrenzen nicht Haltmachen. Denn jenseits dieser Grenzen leben
30 Millionen deutscher Brüder, die durch die geschicktliche Entwicklung oder das Gewaltdiktat unserer Gegner von der Heimat losgelöst auf fernem Posten kämpfen.
Lange hat man sich um sie wenig oder kaum gekümmert. Milionen und Abermillionen find Kulturdünger fremder Welt geworden. Das muß aufhören. Aus dem neuen Erlebnis des Dritten Reiches knüpft sich erneut und unzerreißbar das Band zu denen, die vor der Reichsgrenze in Abwehr um deutsches Leben und deutsche Ehre ringen. Nur morsche Gesinnung und Gedankenlosigkeit unter den Deutschen, die hinter dem schützenden Zaun des Reiches sitzen, kennt Neutralität gegen den Lebenskampf des Deutschen, unseren Volkstums vor den Reichsgrenzen. Das neue Deutschland kennt nur eines:
Gemeinsam mit allen Volksgenossen drinnen und draußen in Freude, Not und Kampf zu- sammenstehen. Der deutschen Wiedergeburt im
Reich muß die deutsche Selbstbehauptung außerhalb der Reichsgrenzen entsprechen.
Wie der Kampf der Waffen vom Manne die Wehrpflicht fordert, so verlangt der Volkstumskampf, der auf allen Außenfronten eine scharfe Fortsetzung des Krieges der Waffen ist, die
allgemeine Opferpflicht.
Erneut tritt in diesen Tagen der VDA. vor das Volk: in mehr als einem halben Jahrhundert treuer, pflichtbewußter Arbeit hat er am Werke der Unterstützung für die auf bedrohtem Außenposten um ihr Volkstum kämpfenden Deutschen geholfen. Die Führer des neuen Deutschland, Reichspräsident und Volkskanzler, haben diese Arbeit gewürdigt und ihre verstärkte Fortsetzung zur Pflicht gemacht.
So rufen auch wir das heffenvolk aus:
helft alle und gebt, wenn die Sammler des VDA. zu euch kommen! Sorgt dafür, daß aus der kleinsten Gabe aller, die sich stolz Deutsche nennen, ein Kampfschah erwachse, der dem VDA. über das bisher Erreichte hinaus den planvollen Einsatz volksdeutscher Hilfe an allen gefährdeten Fronten ermöglicht!
Stehe keiner zurück, wenn es gilt, dafür zu sorgen, daß edelstes Wollen, immer opferbereite Haltung deutscher Abwehr jenseits unserer Grenzen nicht zuschanden werden!
gez.: Dr. Werner, Ministerpräsident, gez.: Ringshausen, Oberschulrat.
keit und zeitlose Größe des Göttlichen im All wach- halten, das den Boden mit übersinnlicher Weihe nährt, so daß im Sonnenrad das Symbol mütterlicher Urkraft heranwuchs.
In dem jungen Gotte Baldur hatte sich die erdnahe Innigkeit des Erlebens, hatte sich der zu- kunstsgläubige Sinn bodenoerwurzelter Pölker und Stämme ein kraftvolles und leuchtendes Sinnbild feiner blutvollen Lebensbejahung geschaffen. Die sieghafte Selbstbehauptung der Sonne war in Baldur zur Jugend geworden, die das Schicksal der Scholle zu tragen berufen ist. Weil der Boden, aus und auf dem sie wurde, heiliges Land ist, getränkt mit dem Blute der Ahnen, deren Erbe zu erhalten und zu mehren ihr Teil ist, deshalb lodern die Son- nenwendfeuer über die deutschen Gaue. Lodernde Brände leidenschaftlicher Liede zu Land und Volk wollen und sollen sie fein, und den Siegrunen gleich mögen die Flammen emporzüngeln in die lebenswarme Nacht der Sonnenwende. K. J. G.
Gießener rsochenmarktprerje.
• Gießen, 24. Juni. Es kosteten auf dem heutigen Wochenmarkt: Landbutter 120 Pfennig, Kochbutter 103, Matte 25, Wirsing (grün) 12, Spinat 10 bis 15, Römischkohl 10, Spargel 40, Bohnen (grün) 35 bis 40, Erbsen 20 bis ,25, Mischgemüse 10, Feldsalat 50, Zwiebeln 10 bis 12, Kartoffeln (alte) 3,5 bis 4 (Ztr. 2,50 bis 2,80 Mk.), (neue) 12, Rhabarber 8 bis 10, Kirschen 20 bis 25, Stachelbeeren 15 bis 20, Erdbeeren 35 bis 45, junge Hähne 90 bis 100, Suppenhühner 70 bis 80 Pfennig pro Pfund; Tauben 50 bis 60, Eier (inländische) 8,5 bis 9, Käse 4 bis 10, Blumenkohl 10 bis 60, Salat 3 bis 10. Salatgurken 25 bis 40, Oberkohlrabi 5 bis 10, Rettich 10 bis 15 Pfennig pro Stück; gelbe Rüben 10 bis 12, rote Rüben 10 bis 12, Radieschen 5 bis 10 Pfennig pro Bund.
Bornotizen.
— Lageskalender für Samstag. Hessischer Landesverband evangelischer Männer- vereine: 10. Jahreshauptversammlung am 24.
und 25. Juni. — Gewerkschaftsbund der Angestellten: 20.30 Uhr, „Hessischer Hof", Monatsversammlung. — Verbünd Deutscher Techniker: 20.30 Uhr, Gewerkschaftshaus, Schanzenstrahe, Versammlung. — VfB. 03 : 20.30 Uhr, Familienabend im Dereinsheim. — Lichtspielhaus Bahnhofstraße: „An heiligen Wassern".
— Tageskalender für Sonntag. Oberhessischer Kunstverein: Turmhaus am Drand- platz, 11 bis 13 Uhr, Ausstellung, „Vorformen künstlerischen Schaffens". — Neues Schloß: 11 bis 13 Uhr: Werbe-Ausstellung hessischer und rheinischer Kunsttöpfereien. — SA.-Fliegerersah- truppe: 20 Uhr, Volkshalle, Deutscher Abend verbunden mit Flugzeug-Taufe. — Lichtspielhaus Bahnhofstraße: „An heiligen Wassern".
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** Sonnwendfeier der Studentenschaft. Bei der morgen abend auf dem Trieb stattfindenden Sonnwendfeier der Gießener Studentenschaft wird der Hochschulgruppenführer des Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbundes Edler Bernhard von Graeve die Ansprache halten.
** Wieder kommunistische Flugblät- ter verteilt. Der Polizeibericht meldet: In der letzten Nacht wurden hier wiederum Flugblätter kommunistischen Inhalts verteilt. Vier junge Leute, die im Verdacht stehen, an dieser Verteilung mitgewirkt zu haben, wurden festgenommen und dem Polizeiamt zugeführt. Das Ermittlungsverfahren ist im Gange.
** Großer Wohnungsdiebstahl in Butzbach. Von der Landeskriminalpolizeistelle Gießen wird mitgeteilt: In der letzten Nacht wurde in Butzbach in der Wohnung eines Bauunternehmers eingebrochen. Die Täter stahlen eine Menge Schmuck- und Kleidungsstücke von hohem Wert, zu deren Erlangung sie sämtliche Behältnisse der Wohnung mit einem Stemmeisen erbrachen. Nach der Tat verschwanden die Spitzbuben-spurlos. Die polizeilichen Ermittlungen wurden von der Landeskriminalpolizeistelle Gießen ausgenommen.
IekWiüdeiimksN
Roman von Helma von Hellermann.
1. Fortsetzung. Nachdruck verboten!
Einen Augenblick stand der Mann regungslos. Dann hob er das Kinn. Es war, als wehre er irgendeinem aufsteigenden Gefühl. „Warten, Peters", befahl er. Und ging in die Bank hinein.
2. Kapitel.
Wera war die große Treppe hinaufgehaftet, rannte in die Garderobe für die Verkäuferinnen und entledigte sich rasch ihrer Hüllen. Aus dem Spiegel, vor dem sie glättend über die Haare strich, blickte ihr ein schmalwangiges Gesicht entgegen, auf dessen blasser Haut rote Erregungsslecke brannten. Unnatürlich groß schienen die schwarzen, dichtum- wimperten Augen durch die dunklen Schatten, die darunter lagen. Sie sah es nicht, prüfte nur die Festigkeit der kleinen Krawatte, rückte am Gürtel der dunklen Wollbluse und eilte eine halbe Etage tiefer in die Abteilung für Herrenkonfektion, an deren hinterster Tafel sie Krawatten und Handschuhe verkaufte. Kein Tageslicht drang hier hinein, auch bei hellstem Wetter mußten diese Räume künstlich beleuchtet werden.
„Na, Wera, kommste schon wieder zu spät? Hier, schnell, ich hab' die Tafeltücher schon zusammengelegt — da steht der Karton mit den neuen Selbstbindern, die wir auslegen sollen", begrüßte sie eine kleine dicke Brünette, die eifrig hinter dem Ver- kauftstisch hantierte. Aus dem runden Gesicht stach eine Stupsnase vergnügt und unternehmungslustig in die Luft..
Wera streichelte ihren Arm. „Du Gutes, hast meine Arbeit mitgernacht — tausend Dank! Ich mache dafür die deine heute abend."
„Laß nur", wehrte die Kleine gutmütig, „haft wohl wieder Kopfschmerzen? Siehst so furchtbar blaß aus. Ein Glück, daß die Alte noch nicht bis hierher kam, sie ist sowieso nicht gut auf dich zu sprechen. Ich glaube, du bist ihr zu fein — paß auf . . ." Das letzte ein zischendes Geflüster.
Eine stattliche Frau, etwa Mitte dreißig, kam durch den langen Gang auf die beiden Mädchen zu. Das Geklapper ihrer hohen Stöckelschube klang irgendwie herausfordernd und unangenehm, fand SBera, deren kalte Hände mechanisch weiter die seidenen Schlipse sortierten.
Die Schritte hielten. „Das ist ja ungemein freundlich von Ihnen, Fräulein Wera, daß Sie sich so pünktlich ins Geschäft bemüht haben!" Ein Blick auf die diamantenfunkelnde Armbandurhr. „Es ist ja erst halb neun durch! Darf man fragen, welche Ausrede Sie heute zu benützen belieben?"
Das Mädchen hielt inne mit der Arbeit, richtete sich auf, stand sehr gerade und sah der Fragenden voll ins geschickt geschminkte Gesicht. Sie war plötzlich ganz ruhig geroorben. Nur der letzte Tropfen Blut wich aus den etwas hohlen Wangen.
„Ich bitte sehr um Verzeihung, daß ich wiederum zu spät kam, Fräulein Henner. Es wird nicht wieder Vorkommen." Der warme Klang ihrer schönen, kultivierten Stimme stach merkwürdig ab gegen die grelle Schärfe der anderen.
„Das vorige Mal fuhr doch ein Motorrad in den Autobus", erinnerte die kleine Brünette höflich ihre Vorgesetzte.
Die zog die gemalten Brauen hoch. „Mit Ihnen habe ich nicht gesprochen, Fräulein Weber. Auch war das keine Entschuldigung. Wer gewissenhaft seine Pflicht tun will, warte? eben nicht bis auf die letztmögliche Verbindung. Und diesen guten Willen haben Sie nicht. Werde es mal dem Chef melden . . ." Die harte Stimme brach jäh ab. Mit verbindlichem Lächeln klapperte die Dame auf den hohen Hacken einem Jüngling entgegen, der soeben die Abteilung betreten und sich suchend umsah. „Was wünscht der Herr? — Handschuhe? Bitte sehr, gleich hier hinten! Zeigen Sie dem Herrn mal die gesteppten Dogskins, Fräulein Wera! Wundervolle Imitation, von echtem Leder nicht zu unterscheiden, das Allerneueste, mein Herr."
Wera Wettern nahm Maß, langte zwei Kartons vom Lager herab, breitete aus, pries die Güte und Billigkeit der Ware, probierte an. Der junge Mensch sah nicht die schlanken, wunderschön geformten Hände, die sanft glättend die Dogskins, die nicht von echtem Leder zu unterscheiden waren, über seine dicken Wurstfinger zogen, sah nicht das zarthäutige, feine Gesicht, unter dessen gesenkten Lidern die dichten Wimpern bläuliaje Schatten auf die blaffe Haut warfen. Seine Aufmerksamkeit war-ganz und ungeteilt auf die Handschuhe gerichtet, die drei Mark sünsundneunzig Pfennig kosteten und ihn zum vollendeten Gent stempeln würden.
Die Sippen des Mädchens preßten sich zusammen. Die Innenfläche dieser starr aufgerichteten Hand war feucht von Schweiß, die Nägel ungepflegt, mit schwarzen Rändern. Unter dem zurückgeschobenen Hut hervor drang der Geruch von Pomade in aufdringlicher Stärke.
Eine plötzliche Uebelkeit überfiel Wera. Sie mußte sich zusammenehmen, um fertig zu probieren, so heftig und unbezähmbar war der Widerwillen, den dieser junge Mann ihr gründ- und sinnlos einflößte. Ja, grundlos. War er denn anders als all die Menschen, die sie tagein, tagaus von früh bis spät seit Monaten hier bediente? Wie hatte sie es nur ertragen, wie ertrug sie es nur — den Lärm, das Stehen auf müden Füßen, die heiße stickige Lust geschwängert von der Ausdünstung der sich 'vorbeischiebenden, drängenden Massen, zu der sich die Gerüche der nebenan liegenden Konditorei nach Fett, Süßigkeiten und Kaffee gefeilten, das grelle Licht der Lampen, das einem in den Augen brannte . . .
Von wundervoller Weichheit waren die Teppiche in Großmamas Haufe gewesen, zartfarbige Seidenhüllen umschlossen die Kerzen des Kronleuchters — Großmama, unter berem weißen Haar die schwarzen Augen so streng und so lustig aufblitzen konn
ten. Nie hatte die kleine, zierliche Frau eines An- lehnens bedurft, bis an jenem fürchterlichen Morgen, da die Halbgelähmte, einen Laternenpfahl zur Stütze im Rücken, ihrem Tod erhobenen Hauptes und furchtlos entgegensah.
Ein Stoß in die Seite. „Aber, Wera, du träumst wohl?!"
Eine gutmütige Männerstimme: „Fräulein, mein Kassenzettel ..."
Wera Wettern zuckte zusammen. „Verzeihung, mein Herr, sofort! Hier — wenn ich bitten darf!"
Ein Laufmädchen, in beiden Händen einen großen Korb voll Ware, für die hinter der Abteilung liegenden Kassen- und Verpackungsstellen bestimmt, kam herangekeucht, blieb stehen: „Fräul'n Wera soll zum Chef raufkommen! Liber gleich!"
Die in der Nähe tätigen Mädchen horchten auf und betrachteten Wera — Neugier ohne Mitleid in den gespannten Zügen. Sie war ihnen wesensfremd — und fremd geblieben.
Die kleine Brünette nickte bedeutsam. „Aha, jetzt kommt's Donnerwetter an höchster Stelle. Halt nur die Ohren steif. Werachen, sei recht freundlich, sag', du warst krank! Der Alte glaubt’s, siehst ja zum Umpusten aus. Nur keine Angst!"
Wera lächelte matt.
„Ich habe keine Angst, Liebes."
Die kleine Anne Weber sah der Davoneilenden einen Moment nach, ehe sie die vor 'ihr stehende dicke Dame mit der Baskenmütze nach Wunsch und Begehr fragte. Nett klang das: Liedes, Gutes ... Wie schwebend die schlanke Gestalt dahinschritt, als berühre ihr Fuß kaum den Boden. Die goldflim- mernden Haare, im Nacken zum Knoten geschlungen, und die schwarzen 2lugen wirkten doch riesig apart, überhaupt das ganze Mädel. Irgendwie war Wera anders als sie alle. „Bitte sehr, gnä’ Frau, was roar's?"
Wera Wettern stand im Zimmer des Abteilungs- chefs, der aus den Tiefen seines Klubsessels ihr höfliches „Guten Morgen!" kurz erwiderte und eine ganze Weile weiter Notizen in einem kleinen Heft machte, ehe er dasselbe in die Brusttasche steckte und sich seiner, noch immer bescheiden an der Tür stehenden Besucherin zuwandte.
„Fräulein Wettern?"
„Jawohl, Herr Direktor."
„Fräulein Henner hat mir gesagt, daß Sie zweimal in dieser einen Woche zu spät gekommen sind — zweimal!" Stark betont. „Zur Kaffeevisite ist das wohl so Usus, bei uns nicht — bei uns nichts Noch stärker betont. „Welche Entschuldigung haben Sie anzugeben?"
„Das erste Mal stieß der Autobus mit einem Motorradfahrer zusammen, heute —" Sie stockte, dachte an die Mahnung der kleinen Weber: „Sag', du warst krank, der Alte glaubt’s!" — „Nein! Heute habe ich es verschlafen", vollendete sie ruhig.
„Ver—" Der stämmige Mann mit den vollen, geröteten Wangen derer, die gern und gut essen, setzte sich mit einem Ruck gerade. „Das ist ja die
** Volkskonzert des Orchester-Vereins. Man schreibt uns: Auf die Aufführung der „Neunten Symphonie" oan L. van Beethoven am 6. Juli, 20 Uhr, tn der VMkshalle fei hiermit nochmals besonders hingewiesen. Neben vier hervorragenden Solisten werden der Große Chor (350 Sänger und Sängerinnen) und das volle Orchester (80 Musiker des Orchesteroereins) unter Prof. Dr. Temesvarys künstlerischer Leitung ihr Bestes zur weihevollen Wiedergabe des herrlichen Werkes geben. Jeder Musikliebhaber dürfte mit Interesse der Veranstaltung entgegensehen. Niemand sollte die seltene Gelegenheit versäumen, sich diese imposante Tonschöpfung bei den äußerst niedrigen Eintrittspreisen anzuhoren. Für die auswärtigen Besucher gibt die Reichsbahnverwaltung Sonntagskarten aus. Das Konzert ist 21.30 Uhr beendet, sämtliche Züge sind somit noch bequem zu erreichen. (Siehe heutige Anzeige.)
** Verbandsfest des Oberhessischen Posaunenchorverbandes. Am 16. Juli findet in Gambach das Verbandsfest des Ober- hessischen Posaunenchorverbandes statt. Die Leitung liegt in Händen des Verbandsvorsitzenden, Pfarrer Lenz, Gießen, während die Chöre von dem Derbandsdirigenten Weihbindermeister Boller, Lang-Göng, geleitet werden. Aus allen Teilen der Provinz liegen Anmeldungen, zum Feste vor. Der Festsonntag wird mit Chv- ralblasen auf den Plätzen des Dorfes eingeleitet.
** Reichsbahnsonderzug nach Oberammergau. In der Zeit vom 1. bis 9. Juli veranstaltet die Reichsbahn eine Sonderfahrt nach dem berühmten Passionsdorf Oberammergau, das, herrlich inmitten der bayerischen Alpen gelegen, den Teilnehmern der Reise Gelegenheit zu schönen Ausflügen bietet. Für die Rückfahrt ist ein eintägiger Aufenthalt in München vorgesehen. Der Gesamtpreis für diese Ferienreise beträgt einschließlich Fahrpreis ab Gießen, Un- tterkunft und Verpflegung 65,80 Mk. Auf die heutige Anzeige sei besonders aufmerksam gemacht.
** Zusammenschluß in der 21 n g e ft el(< ten-Krankenversicherung. Die 14 nicht- verbandlichen Ersatzkosten in der Angestellten-Kran- kenversicherung haben sich zum Zwecke der Fusion freiwillig und unter Zustimmung der Hauptvor- stände bzw. Aufsichtsräte zusammengeschlossen. Bis zum 30. September werden die neue Satzung und die Versicherungsbedingungen festgelegt, sowie die technischen Einzelheiten der Ueberleuung durchgeführt. Die so zufammengeschlossenen nichtoerband- lichen Angestellten-Krankenkafsen stellen sich der deutschen Angestelltenjront, unter Führung des Reichstagsabgeordneten Forster, zur Mitarbeit zur Verfügung. Entgegen anders lautenden Mitteilungen erfolgt die Betreuung der Mitglieder der 14 nichtverbandlichen Ersatzkosten nach wie vor durch diese, unabhängig van den fünf Verbandskassen der Angestellten, die nach den neuesten Mitteilungen erst gegründet werden sollen.
** Zusammenkunft der 105. Inf. - Div. d. Mackensen. Zur Pflege des vaterländischen Gedankens und zum Zwecke des Ausbaues der Vereinigung wird, nachdem bereits im Februar eine Versammlung stattgefunden hat, am Sonntag, 2. Juli, im Hotel Kobel in Gießen eine weitere Versammlung abgehalten, zu der alle Kameraden der 105. Jnf.-Div. und ihrer sämtlichen Formationen eingeladen sind. Auf die heutige Anzeige sei besonders aufmerksam gemacht.
** Zuchtviehversteigerung in Alsfeld. Der Landwirtschaftskammer-Ausschuß für Oberhessen veranstaltet am Montag, 10. Juli, in Verbindung mit dem Prämienmarkt in Alsfeld eine Zuchtviehversteigerung, auf der etwa 20 Bullen des hessischen Fleckviehs aus Leistungszuchten und 6 Eber des veredelten Landschweines zur Versteigerung kommen. Auf die heutige Anzeige sei besonders aufmerksam gemacht.
Hohe! Wohl die Nacht durchamüsiert, und während der Geschäftsstunden schläft man dann — es wird ja bezahlt!" Voll gerechter Entrüstung funkelten die Brillengläser die Sünderin an.
„Nein, Herr Direktor, ich gehe abends nie aus!" Ein scharf betrachtender Blick. „So?! Hm! Krank gewesen?"
„Nein, Herr Direktor, nur" — eine kleine Bewegung der schmalen Hände, hilflos, voll unbewußter Anmut — „verschlafen!"
Wieder ein „Hm!" „Wenn wir das nun alle machten — schöne Wirtschaft — was?"
Es kam scyon viel milder.
„Sie werden einsehen, daß das nicht geht, nicht wahr?" Hübsch und schlank war das Madel, feine Züge ... Eigentlich nicht sein Typ; er liebte bas Handfestere, aber doch irgendwie reizvoll.
„Schon lange bei uns?"
„Fast ein Jahr, Herr Direktor."
Weiche Stimme, angenehm, schmeichelte sich ins Ohr — und herrliche Haare. Naturblond, große Seltenheit in dieser Schattierung. Gute Haltung — so in einem Umhang aus ganz weich gearbeitetem Hermelin, Perlen in den Ohren ... Komisch, ganz deutlich sah er sie so vor sich. Ein eng anliegendes schwarzes Kleid aus seidigschimmerndem Georgette fiel über schlanke Hüften. Er langte ein Verzeichnis aus dem Regal über dem Schreibtisch herunter, blätterte darin. Ein großer Solitär funkelte am Finger der fleischigen Linken. „Wie heißen Sie gleich ...? Wettern?! Wa — We — Wer hier, Wettern ..." Er hob nun überrascht dem Kopf. „Da steht ja: Gräfin Wettern!"
„Ich mache keinen Gebrauch von meinem Titel, Herr Direktor, habe ihn nur der Ordnung halber angegeben, damit meine Papiere und Zeugnisse übereinstimmen."
„Soso! Setzen Sie sich, Fräulein Gräfin — so fetzen Sie sich doch! Zigarette gefällig? Nein? Aber Sie gestatten hoffentlich, daß ich — ja, sehen Sie, mein liebes Fräulein, das erklärt vieles!" Der glatt» geschorene Kugelkopf nichte dem Mädchen vergnügt zu.
Wie ein Schweinchen sieht er aus, dachte Wera und mußte bei diesem Gedanken wider Willen lächeln, was Direktor Bösling auf feine angenehme Gegenwart bezog. Wie ein rosiges, gesundes Schweinchen, das gut gefüttert wird!
„Sie find das Frühaufstehen nicht gewöhnt", fuhr er wohlwollend fort, „das viele Stehen und der Lärm ermüden, und die Bezahlung ist — unter uns gesagt — auch nicht gerade fürstlich. Sie armes Hascheri, Sie —" Er beugte sich vor, tätschelte leise, gleichsam rekognoszierend, die im Schoß liegende Hand und ließ sie, da Wera ihre Finger wie unabsichtlich fortzog, auf dem Knie liegen. Deutlich spürte sie die Wärme, die von dieser fleischigen, supermanikürten Männerhand ausstrahlte. Widerwärtig! Aber die Angst ums tägliche Brot ließ sie einige Sekunden lang still verharren, ehe sie sich, ein wenig anders setzend, von den Berührung befreite,
(Fortsetzung folgt.)


