Nr. 145 Zweites Blatt ■ । -
Samstag, Z4.Zuni (955
Gietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesten)
Wandern und ORcifcn - Bäder und Sommerfrischen.
pfälzisches Barock-Ldytt.
Von Adolf Tschirner, Worms.
Die Pfalz am Rhein ist reich an vielen kleinen ! Landstädtchcn, die manche geschichtliche Erinnerung und eine Fülle schöner alter Gebäude und malerischer Winkel umschließen. D i r m st e i n ist z. D. ein solches Märchen aus alter Zeit! Inmitten der fünften Ausläufer der Haardtberge. von Worms, Bad Dürkheim und Franken- t ha l gleich weit entfernt, liegt diese einstige Som- merrest^cnz der mächtigen Bischöfe von Worms. An den sanften Berghangen ringsum stehen Reben, Reben und nochmals Reben, und dann erst folgen Wiesen, Oleder und Gärten. Himmelsrech, Mandelpsad, Fuchsloch und Dubenhölle sind Dirmsteiner Lagennamen von Ruf. Bon hier bezog schon um 1600 die Wormser Geistlichkeit ihren Ti sch wein.
Wir wandern durch das kleine, verträumte, malerische Städtchen. Es ist, als schritten die Jahr- Hunderte mit uns. Auf dem alten Friedhof stehen unter srühlingsrünen Bäumen sormschöne Grabsteine des 17. und 18. Jahrhunderts. Richt weit davon, in dem barocken, wappengeschmückten Burgbaus residierten einst die Wormser Bischöfe. Durch die gotische Pforte des alten Trep- pcnturmcs schritten oft hohe Kirchenfürsten, die gern die idyllische Ruhe dieses Ortes an Stelle des ewigen Streites mit den reichsfreien Bürgern der Landeshauptstadt Worms eintauschten. Bi- schöslich war Dirmstein bis 1803. Dem Bischof Franz Ludwig aus dem kunstfrohen Hause Schönborn verdankt es seine größte Zier: die stattliche Kirche. Balthasar Reumann, der geniale Erbauer der Würzburger Residenz, stellte dieses Gotteshaus mit den drei feinen Portalen mitten in den Ort. Das Innere ist weit und licht und erfreut durch die Schönheit seiner barocken Ausstattung. Frommer Sinn schuf um 1700 vor der Kirche ein malerisches Bild. Unter dem Laub uralter Kastanien steht ein ergreifendes Kruzifix, ein unsagbar schönes, echt pfälzisches Motiv.
Stolz und Zierde Dirmsteins sind die schönen alten Adelshäuser des 17. und 18. Jahrhunderts. Unter dem Krummstab war gut leben. Das erkannte der Adel und stellte seine schloßartigen Häuser in die kleine Stadt. Reich und malerisch gestaltete das 18. Jahrhundert das Ortsbild. Barocke Gestaltungsfreude spricht aus dem feinen, mit Inschriften überschriebenen Portal, das ein ausdrucksvoller St. Michael krönt. Barocke Madonnen schauen in das malerische Bild der Straßen hinein: und manches schöne Zunstzeichen an den Torbögen behäbiger Bürgerhäuser erinnert an den Gewerbefleiß vergangener Jahrhunderte. Um 1780 bestand in Dirmstein eine Dischöslich- Wormfische Fayence-Fabrik. Ihre Erzeugnisse tragen die Wormser Schlüffelmarke und haben den Ort in der Kunstwelt bekannt gemacht. Das ausgehende 18. Jahrhundert schenkte der kleinen Residenz nod) Köstliches: Zwei englische Parkanlagen von F. W. Schell. Schön und feierlich wirken die uralten Bäume, das niedere Barockschloß der Freiherrn von Koeth-Wanscheid und das entzückende klassizistische Badehaus der Grä- sin Brühl im Dämmerdunkel einer geheimnisvollen Sommernacht.
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Dirmstein ist noch nicht „entdeckt"! Wer aber einmal durch die Straßen der kleinen Stadt ging, im Hofe des alten Bischofsschlosses gestanden hat, oder von den sanften Höhen aus das liebliche
Bild des Ortes mitten in grünen Weinbergen geschaut hat, der wird all diese reizvollen architektonischen und landschaftlichen Schönheiten dankbar in der Erinnerung behalten.
Wanderfahrten.
Lieber — Hohensolms — helshol; — Düneberg — Lieber.
Wir fahren mit Sonntagskarte nach Bieber, durchschreiten den Ort und gehen, zunächst ohne Wegezeichen durch das liebliche Biebertal, an den Mühlen vorbei, die aussichtsreiche Landstraße nach dem reizvoll gelegenen Königsberg, wo wir der Burgruine einen Besuch abstatten, um uns an dem prächtigen Ausblick zu erfreuen, und wandern weiter nach dem hochgelegenen Hohensolms (gute Unterkunft). Hier beginnt die schwarze Punktmarkierung, die uns auf der folgenden Wanderstrecke begleitet. Das Zeichen führt uns an dem stimmungsvollen Kriegerdenkmal vorbei über den sog. Hals mit hübschen Fernblicken nach dem bewaldeten Helsholz. Rach geraumer Zeit wird der Wald durch ein Stück freies Gelände unterbrochen mit wiederum reizenden Blicken auf den Dünsberg und Königsberg. In der Rähe des Forsthaufes Bieber beginnt der Aufstieg, der uns in bequemen Windungen auf den Gipfel des Dünsberges bringt. Sonntags sind.oben Erfrischungen zu haben. Don
(Rachdruck, auch auszugsweise, verboten.)
In über 300 deutschen Reisebüros und mehr als 1000 Annahmestellen dieser Reisebüros hat in den letzten Tagen der Platz- karten-Dorverkauf für den Ferien-Reiseverkehr eingesetzt. Soweit sich die Lage bisher überblicken läßt, ist die Rachfrage nach Platzkarten sehr groß. Außerdem macht man die Beobachtung, daß der überwiegende Teil der Reisenden die verbilligten Ärlaubssahrkarten anfordert.
3n Deutschlands größtem Reisebüro.
Es befindet sich im Potsdamer Bahnhof in Berlin. Ein Dutzend Beamter sind allein damit beschäftigt, über den Schalter hinweg, am Telephon und am Schre blisch, die direkten, fernmündlichen und schriftlichen angeforderten Auskünfte über die bequemsten Reiseverbindungen, über Hotelpreise und Fahrkartenpreise, über Ausflugsmöglichkeiten von den für den Ferienaufenthalt auserfehenen Punkten in die Umgebung zu beantworten.
Dor den Schaltern stehen Menschenmassen. Man sieht, daß der Wille zum Reisen, zum Ausspannen auf einige Wochen, da ist! Man hat Zeit vor den Schaltern, — muß Zeit aufbringen, denn mancher beschäftigt „seinen" Beamten allein eine Viertelstunde.
Und nimmt man sich etwas Muße, genauer aus die Gespräche zwischen den Auskunftsbeamten und den Kunden zu achten — man hört in allen Reisebüros ziemlich dieselben — so wird man gewahr, daß diese Büros über eine ganze Menge von
der Plattform des im Dorjahre vorn Dünsberg- verein mit erheblichen Mitteln erhöhten Aus- sichtsturrn genießt man eine wundervolle Rundschau, eine der großartigsten im ganzen Lahn- tal. Die schwarzen Punkte führen unS über drei Ringwälle hinab, später an einem kleinen ®c- birgsee vorüber nach unserem Endziel Bieber. Dauer der Wanderung knapp 5 Stunden.
Gießen — Annerod — Oppenrod — Reiskirchen — IBirberg — Grünberg.
Wir gehen den als Butterweg bekannten schönen Waldpsad nach Annerod und von hier, den Fernewald durchquerend über Oppenrod nach Reiskirchen Der Weitermarsch führt zunächst nach Winnerod mit seinem altersgrauen, efeuumrankten Kirchlein. Hier treffen wir die von Bersrod kommende blaue Dreieckmarkierung, der wir jetzt folgen. Durch Feld und Wald, öfters schöne Ausblicke genießend, gelangen wir durch das Dörfchen Bollnbach hinaus zum hochgelegenen Kirchspiel Wirberg, einem ehemaligen Ronnen- kloster, wo sich uns eine prächtige Aussicht weit in das Land erschließt. Zum Abstieg wählen wir den hinter der Umfassungsmauer in das Tal führenden Pfad, der uns nach Göbelnrod bringt, von wo wir nunmehr die Landstraße nach Grünberg einschlagen bzw. heimsahren. Wanderzeit bis Göbelnrod 4'_>, bis Grünberg 5 Stunden.
regelrechten „Stammkunden" versügen. Man „kennt sich" seit fünf, seit zehn Jahren...
„Sie wollen nach Rügen?! Da hat es Ihnen wohl vor zwei Jahren so gut gefallen!“ — „Oh, Herr Eichenbach, wieder nach Ostpreußen? Diesmal haben Sie bedeutend bessere Derbindungen als 1930!"
Die Reichsbahn hat diesmal weniger Ferien - Sonderzüge fahren lassen als in vergangenen Jahren. Die verbilligten Som - mer-Urlaubskarten wirken sich dahin aus, daß sie gegenüber den um den gleichen Prozentsatz verbilligten Ferien-Sonderzügen bevorzugt werden. Man ist nicht an den einen Zug gebunden, kann die Reise an beliebigen Orten unterbrochen, mit anderen Zügen weiterfahren.
50000 essen täglich aus Mähern.
In den Speise- und Schlafwagen erwartet man mit Recht für die Ferienmonate eine beträchtliche Zunahme der Zahl der Gäste! Allerdings dürsten die Rekordzahlen der kommenden Reisesaison gerade den Durchschnittszahlen der vorigen Jahre entsprechen — aber das ist schon immerhin bereits ein erfreulicher Fortschritt. In der Hauptreisezeit rollen täglich zahlreiche Speisewagen über die Gleise der Reichsbahn. 5000 Köche, Kellner und Begleitpersonen sind erforderlich, um während der Monate Juli und August täglich bis zu 5 0 0 0 0 Speisewaaengäste zu bedienen, für ihr leibliches Wohl zu sorgen, die rollenden Restaurants zu Aufenthaltsstätten zu gestalten, die sich nicht wesentlich von großen Hotels unterscheiden.
Am 1. Juli beginnt für die Speisewagen die Saison der „G e s ch i r r b r Ü ch e"! Der Geschirr- bestand wird während der Hauptreisezeit einmal, der GlaSbestand ost sogar zweimal vollkommen erneuert.
Interessant ist auch ein Blick aus den für den Monat Juli im Speisewagenbetrieb erwarteten Rohmaterialienverbrauch Eine halbe Million Eier, 300 000 Stück Gebäck, 20 000 Liter Milch. 350 000 Pfund Kartoffeln, eine OBiertel- million Pfund Fleifch, 300 Zentner Wild und Geflügel, je 300 Zentner Butter und Fifche. 500 Zentner Gemüse, 250 Zentner Zucker und 12 500 Pfund Kaffee Mehrere Güterzüge voll Lebensmittel sind notwendig, um den Bedarf der Speisewagen für den Hauptreisemonat zu decken.
schlaf- und Liegewagen erwarten ihre Gaste.
Während in den Wintermonaten nur 160 Schlafwagen in Dienst gestellt werden, ist Zahl für die Hauptreisemonate auf annähernd 300 erhöht worden. Ungefähr 3000 Fahrgäste der Reichsbahn schlafen allnächtlich im fahrenden Bett.
Soweit man eS aus den Anfragen in den Reisebüros bis jetzt übersehen kann, dürsten die Schlafwagenplätze für die Ferienreisezeit auf Tage hinaus im Handumdrehen ausverkauft werden. Der stark ermäßigte DettpreiS hat den Schlafwagen im letzten Jahr schon verhältnismäßig viele Reisende zugesührt, die früher noch die TageS- züge benutzt haben.
Während in allen anderen Monaten im Schlafwagen der Typ des eiligen Geschäftsreisenden vorherrschend ist, der alle Derbindungen und die besten Anschluhrnöglichkeiten im Schlaf auswendig Vertagen kann, erwartet man jetzt den Erholungsreisen den, dem es ganz neu ist, im rollenden Bett zu übernachten.
Alles in allem: der deutsche Fremdenverkehr scheint auf eine gute Saison 1933 rechnen zu können! H. H.
Reisewinke.
Radiumbad Lbcrschlcma.
Gastein-Reisende aus Deutschland wird es durch die gesetzlich verordnete Ausreiseerschwcrung von jetzt ab erheblich weniger geben. Die an (Saftein gewöhnten Erholungsuchenden finden vollwertigen Ersatz im Radiumbad Oberschlema, dem stärksten Radiumbad der Welt. Cs liegt schön im wald- umrauschlen sächsischen Erzgebirge, hat SchonungS- klima, ist das jüngste Heilbad Deutschlands und hat sich sprunghaft entwickelt dank seiner überragenden Heilerfolge.
Lonnwcndfcier und Maßnmalwtihe in Wcrthcim am Main.
Am 24. und 25. Juni findet in Wertheim und Kreuzwertheim eine braune Sonnwendfeier und die Weihe des Kafselstein - Mahnmals statt. Mehrere ReichLstatihalter haben ihr Erscheinen zu den Feiern und beim Ausmarsch aller nationalen Verbände des badischen und bayerischen Frankenlandes zugesagt. Der Automobilklub Main-Tauber hat eine ADAC.-Sternfahrt zur Sonnwendfeier des Frankenlandes ausgeschrieben.
Die Waubskatle verdrängt denKnen-Sonderzug
Platzkarten stürmisch gefragt! — Dreitausend reifen allnächtlich im Bett. Die Saison des „Bruchgeschirrs" beginnt.
Sommeraufenthalt
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