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23/12/1933 Zweites Blatt
 
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Drei Frauen feiern Weihnachten...

Tänzerin,Jägerin und Fliegerin erzählen vom Heiligen Abend in fremden Ländern.

We.hnachien zwischen Garderobe und Gongschlag

Don An a Pawlowa

Die genial« Idruerin Anna Pawlowa, die ein grausames Geschick von der Buhn« des Lebens abrief. Hal vor Jahren, da noch ihre unvergängliche Stunji die ganze Well bezau­berte. ihre Eindrücke über die schönsten Weih­nachten geschildert. Die Erinnerung an die große Künstlerin und ihre jeelenoolle Kunst wird in der heutigen Leit, in der wir uns wieder auf die reine Kunstform besinnen, von neuem lebendig.

Wo ich mein schönstes Weihnachten verbracht habe, soll ich erzählen? Unendlich schwierige Frage für mich wenigstens. Ich liebe dos Weihnacht^ fest über alles und jedes einzelne war wunderschön in seiner Art. Jetzt freue ich mich schon wieder auf meine Weihnachtseinkäufe. Jeder bekommt sein Ge­schenk. Schon muh es sein, praktisch aber auch und zu der Eigenart des Beschenkten passen. Ja. ja. ich habe ein« große Familie. 50, 60, ja 75 Köpfe zählt sie.zuweilen, alle sind mein« großen, geliebten Kin­der. Ich spreche von meinem Corps de Ballet. Aus oller Herren Länder stammen sie: Russen, Englän­der, Deutsche .. und immer vereinigt uns das Weihnachtsfest unter einem strahlenden Lichterbaum.

Oft denke ich in diesen Tagen an meine geliebte Heimat an das russische Weihnachten in Eis und Schnee- mit oll den poetischen Landesbräuchen, an denen dos Herz des Kindes hing und deren die reife erfahrene Frau noch immer mit stiller Wehmut gedenkt. Seit damals war ich nicht mehr daheim seil den Kriegsjahren voller Grauen und Schmerz ... Aber ich habe eine neue Heimat gefunden: Eng­land. Seit 15 Jahren lebe ich in London, und noch nicht ein einziges Mal war cs mir vergönn!, das Christfest im eigenen Heim zu feiern. Der Künstler gehört der ganzen Welt! Ruhelos ziehen wir um­her, meine Truppe und ich.

Es nxir nicht immer ganz leicht, für meine gro­ßen Kinder einen Weihnachtsbourn zu beschaffen. Jetzt weiß ich auch, welches eine unserer schönsten Weihnachtsfeiern war im vergangenen Jahr an Bord des Dampfers, der uns von England nach Südafrika trug. Da fing der Weihnachtszouber schon in Southampton an. Es war eine Idee, einen Tannenbaum ganz heimlich, ohne daß die Mitglie­der meiner Truppe oder die übrigen Mitreisenden etwas davon merkten, an Bord zu schmuggeln. Und dann die vielen, kleinen Weihnachtspäckchen für meine lieben großen Kinder! Diebisch freute ich mich lange vor dem Fest, wenn enttäuschte Stimmen laut wurden, weil doch auf hoher See beim besten Willen kein Weihnachtsbaum zu beschaffen war. Zauberhaftes Heimlichtun Freude bereiten können wie schön, wie unendlich schön ist das! Unvergeßlicher Augenblick, an dem wir dann doch weit draußen auf dem Meere unter dem lichterstrahlendcn Tannenbaum zusommentamen, und die lieben, verträumten Weihnachtslieder zum fternenglänzenden Firmament emporstiegen.

Eine meiner liebsten Erinnerungen ist die Weih­nachtsfeier, die wir kn der Stadt Rangoon auf Burma verlebten, wo wir Station auf dem Wege von Japan nach Indien machten. Aus technischen Gründen mußten wir die Bescherung auf den Neu­jahrsabend verschieben. Wir hatten kaum die letzten Lichter nm Christbaum verglimmen lassen, da ging's hinaus in den Park vor der Stadt, wo ein buntes Volksfest alle Burmesen versammelt hatte. Künstler produzierten sich auf schmalen Holzplattformen, dun- kelhäutitze Mädchen tanzten im phantastischen Ko- flütji originelle Volkstänze. Eine wahre Symphonie von Farben und Tönen umtoste uns kühle Nord- lönber sonnige, kindliche Freude des Südens. Vielleicht war es nicht im eigentlichen Sinne das schönste, sicherlich war es das originellste Weih- nachtsfest, das ich je erlebt habe.

Zum richtigen Weihnachten gehört aber doch eigentlich Schnee und Eis, davon hatten w^r mehr als genug vor einigen Jahren in Colorccho Springs bei Denver in den Bereinigten Staaten in mehr als 700u Meter Höh«. Meine Truppe brauchte Rude. Eine ganze Woche lang genossen wir die majestä- tiiche Schönheit schneebedeckter Berggipfel, die jo herrlich mit unseren Weihnachtsgedanken und un- erer unemgeslandenen Sehnsucht harmonierten.

Einmal im Jahre am Weihnachtsfest fliegen meine Grüße nach Rußland zu den dort zurückge- bliebenen ftünftiern. Einmal im Jahr tanze ich an einem Abend nur für die heimatlosen Vertriebenen meines Geburtslandes. In alle Welt sind sie oer- streut, und ich bin so froh, daß es mir vergönnt ist, hin und wieder ein wenig Freude in manches dunkle Dasein zu bringen.

Anderen eine Freude zu machen, ist sehr schön: ober ich habe auch meine eigenen Wünsche und will hier einmal aus der Schule plaudern. Zu diesem Weihnachtssest in Deutschland habe ich einen ganz deutschen Weihnachtswunsch: ich wünsche mir einen wie sagt man gleich einen Police dog einen Schäferhund, ob ich den wohl bekommen werde.

Weihnachten zwischen Löwen und Hyänen.

Don Frau At'a Schnee.

Die Gattin des ehemaligen Gouverneurs von Deutfch-Ostafrika, Exzellenz von Schnee, schildert ein Weihnachtserlebnis in der afri­kanischen Steppe.

Das schwüle drückende Küstenklima von Dar­essalam eignet sich schlecht zum Feiern von Weih­nachten Dann ist die kühle Brise schon vorbei und auch die kleine Regenzeit. Die Sonne brennt un­barmherzig. Die Fliegen stechen und die schlaflosen Nächte sind an der Tagesordnung. Es ist bann eine Wohltat, ins Innere zu gehen, in die höher ge­legenen Länder, wo die Luft trockener ist und die Haut nicht immer fiebrig. Dort fühlt man sich wie neugeboren. Ein bleiernes Gewicht ist von einem gefallen. Die Brust atmet leicht und ohne Druck.

Weihnachten 1913 sollte uns eine Erholung brin­gen. Mein Mann mußte eine Dienstreise ins Innere machen. Ich begleitete ihn. Wir wollten eine Jagd- partte damit verbinden, eine Weile leben ohne bas lästige Transpirieren. Wir fuhren ab mit Jagd-

gewehren, Zelten und allem, was zu einer richtigen afrikanischen Jagbsafari gehört. Ich hatte bas Schic- ßcn gelernt, nur um das Vergnügen zu haben, die Tiere in der Freiheit beobachten zu können. Es ge­hört zu dem Wunderbarsten, was der Mensch den- kcn kann, diese prachtvollen Tiere spielen, werden und lieben zu sehen ohne überhaupt einen Schuß abzugeben. Das ist wirkliche Natur.

Der Vormittag wurde zum Reisen benutzt, nur die Nachmittage hatte ich zur Jagd. Wenn man sechs Stunden marschiert war, hungrig im Laaer ankam, schmutzig dazu, hundemüde, dann brauchte man wirklich viel Energie, um nachmittags noch aus die Joad zu gehen. Alles Bitten half nichts, nur einen Tag Rast sollten wir haben, und zwar den Weihnachtstag. Die Leute hatten nur, was wir unterwegs geschossen hatten. Infolgedessen mußten wir, ob wir wollten ober nicht, Fleisch für die Küche besorgen. Manchmal wußten wir abends gar nicht, wie wir uns zurück aum Lager schleppen sollten. Wir waren selbst schwarz wie die Neger vom an­gebrannten Steppengras. Die Leute aber schrien vor Freude, daß sie gut verpflegt wurden: denn nur so kann man sie bei guter Laune halten.

Endlich kam der langersehnte Rasttag heran, der Weihnachtstag. Ein einziges Licht, in eine Blech­dose eingeklemmt, brannte zum Zeichen, daß es Hei­liger Abend war. Wir gingen schlafen zur Musik der Löwen und Hyänen, die unser Lager umgaben. Wir hörten sie sogar am Zelte schnüffeln, aber Gott sei Dank war alles fest. Diesen Abend aber brüllte ein Löwe so dickt bei uns, daß an Schlafen nicht zu denken war. Wir frühstückten mit einem Zweig derMimosa" auf dem Tisch, nahmen jeder ein Brötchen -piit, und jeder wählte feine Richtung 3cf) mußte meinem Mann versprechen. Elefanten und Büffel in Ruhe zu lassen, da die Jagd auf diese Tiere für Frauen zu gefährlich fei.

Meine Richtung war gewählt. Ich ging ab; wir wollten mittags wieder im Lager fein. Mein Ge- wehrträger deutete mir an, ich sollte zu einer An­höhe gehen. Ich folgte ihm. Er nahm etwas Laub in die Finger und ließ es fallen, um die Wind- richtung zu sehen.Komm hierher", sagte er. Er führte mich auf Umwegen der Höhe entgegen. Plötz- l'ck pfiff er leise und zeigte mir eine Herde von Gnus, mit einer herrlichen Elen-Antilope dabei. Auch etliche Strauße waren da. Er war zu schön, dieser Anblick: ich saß und genoß das Spiel der Tiere. Plötzlich aber ehe ich daran dachte zu schießen, gaben die Strauße bas Signal, und alle jagten davon ...

Weihnachten unter her Mnialm-Tanne in Delhi.

Don Elly Beinhorn, GDS.

Aus dem Kalender war ohne weiteres festzu­stellen, daß morgen der 24. Dezember fein würde.

Aber schließlich muß ja jeder Mensch mal die ersten Weihnachten irgendwo fern vom Schoße der Familie verbringen. Außerdem hatte ich vorläufig bas (Gefühl, mir würde es in der neuen fremden Umgebung gar nicht zum Bewußtsein kommen, daß morgen ein außergewöhnlicher Tag sein sollte. Don Persien kommend, landete ich nach vielen Flug­stunden und einer Strecke von über tausend Kilo­metern in Karachi, dem ersten indischen Hafen auf meiner Route

Bei der Landung wirbelte eine lange Sandfahne hoch. Ich hielt beim Rollen auf ein anderes rot- golden gemaltes Flugzeug zu. Gott sei Dank! Da war er ja schon, derfliegende Teppich", mein Be­gleiter seit der Notlandung am Persischen Golf. Wie schön, daß nun wenigstens eine, oder vielmehr zwei bekannte Seelen mit mir Weihnachten in Karachi verleben würden.

Dick Halliburton unb Moye Stephens, die Be­satzung desfliegenden Teppichs" waren so richtig Zwei von der Sorte, mit denen man Pferde stehlen kann. Junge Amerikaner, die um die Welt fliegen.

um dann ein Buch darüber zu schreiben. Ganz un­vernünftige Idee es gibt ja auch so unendlich viel Dinge, die wir Flieger erleben, und andere möchten sie doch auch wissen. Menschen, die es kön­nen, sind jür mein Gefühl iwerhaupt beinah ver­pflichtet, über einen großen Flug ein Buch zu schreiben.

Wie ich müde war! Na, ein Glück, nun brauchte ich die Maschine nur in die fjaH« zu rollen; alle Arbeit konnte dann morgen gemacht werden. Nur erst mal schlafen, und zwar ganz lange bis mög­lichst neun Uhr.

Da kam Halliburton auch schon an die Maschine S«laufen:Hallo, Elly, wie gefällt cs Ihnen in nbien? Aber beeilen Sie sich jetzt und machen Sie schnell Ihre Maschine fertig; morgen früh um fünf Uhr fliegen wir weiter nach Delhi." Wie? Ich dachte doch, wir feiern hier Weihnachten? Was ist denn nun passiert? Ein Telegramm haben Sie be­kommen von befreundeten Amerikanern, die jetzt in Indien wohnen.

Nein, ich werde jedenfalls streiken. So müde wie ich bin, kann ich unmöglich am nächsten Morgen um fünf Uhr und dann dreizehnhundert Kilometer I

fliegen. Immerhin bin Ich ja doch ein Mädchen unb ganz allein.

Aber schließlich überredeten mich meine beiben USA.-fioUegcn, daß ich wenigstens meine Maschine klar machte. Denn für die ganze Weihnachtswoche würde man die Halle schließen.

Oh, ich haßte dieses Indien im allacmeinen. Ka­rachi im besonderen unb dann am schlimmsten alle Amerikaner, die auf die greuliche Idee kamen, die einzigen Menschen, die ich im Umkreis von vielen taufend Kilometern kannte, durch ein lächerliches Telegramm von mir wegzurufen, wo sie doch wahr­scheinlich morgen eine riesige Familie unb ich weiß nicht wieviel Bekannte um sich versammeln wurden. I Unö da mußten ausgerechnet meine beiden Flieger noch als besondere Attraktion über 1300 Kilometer herbeordert werden! Ra. schon, ich bin jo kein kleines Baby, unb letzten Endes ist ja auch Dech- i nachten ein Tag wie jeder andere wäre ja auch albern; fliegt da ein Mädchen allein von Deutsch- land nach Karachi und bekommt plötzlich Heimweh ' weil es keinen Menschen zu Weihnachten hat. j

Es hatten mich auch schon irgendwelche Euro- |i päcr auf dem Flugplatz emgelabcn. zum Fest zu « ihnen zu kommen, weil ich ihnen so leib tat ganz | allein zu Weihnachten; benn Moye und Dick hatten l| sich in den Kops gesetzt unb auch schon telegra phiert: sie wollten nach Delhi.

Unsere ganze Unterhaltung später in der Stadt bei Tisch bestand nur aus Beschwörungen, doch nur bas einzige Mal die Müdigkeit zu überwinden und mit ihnen weiterzufliegen.

Aber bei mir war es nun schon der so unb so- vielte Tag, wo ich mitten in der Nacht aufstehen mußte, und immer nur nach wenigen Stunden Schlaf. Ich konnte jetzt einfach nicht mehr.

Der Kampf dauerte bis zwölf Uhr nachts, dann streckte ich die Waffen, wie nämlich 'Moye bi« Streckenkarte für den nächsten Tag fertigmachte Da regte sich gewissermaßen der Soldat in mir; drau­ßen ein startbereites Flugzeug stehen haben, sehen, wie die Kameraden sich marschbereit machen, und selber stöhnen unö sitzen bleiben wegen etwas Mü­digkeit? Nein, so kommt man nicht um die Welt.

Heiligabend-Morgen. Ober vielmehr Nacht Um fünf Uhr, als wir untere Motoren warm lupfen ließen, war es noch so ftoeffimter, baß die verbrann­ten Gase flammend aus den Auspuffrohren ichoifen. Und ein Gegenwind auf der Strecke nach Delhi, na, irgendwo würde ja wohl das Schicksal einmal wieder ein Bett für mich in Bereitschatt haben, in dem ich Aroölf Stunden durchschlafen darf.

Denfliegenden Teppich" verlor ich bald aus den Augen. Einmal hustete mein Motor, unb ich über­legte, wie wohl ein Weihnachtsfest da unten in ben kleinen Eingeborenenhütten aussallen würde.

Zwischenlandung in Jodhpur. Moye und Dick sind schon da, beide gar nicht müde und erfrischend un- sentimental. Bei mir war der tote Punkt inzwischen auch überwunden. Diesmal starte ich zuerst. Unter mir wird es immer indischer. Weiße Häuser unb Paläste, flache Dächer, in den offenen Höfen Män­ner in langen Gewändern und fpielende Kinder.

Das Ziel, endlich. Delhi.

Eine Menge Europäer sind auf dem Flugplatz und winken begeistert. Ich lande, die Gesichter wer­den lang sic haben alle Halliburton und Ste­phens erwartet. Mich kennt kein Mensch.

Heiligabend. Seit Deutschland habe ich zum erstenmal den großen Koffer aufgemacht und mich in ein Abendkleid geworfen. Dick war bei seinen Freunden aus Amerika zum Essen Moye blieb unb leistete mir Gesellschaft. Er hatte auch keine Cuft.j unter fremden Menschen zu sein. Er t»atu W.-ih-l nachten auch noch nie ohne feine Familie ver­bracht. Währenb Dick, der alte ©cltenbummlerj kaum einen Gedanken über die Besonberheit des Tages verlor. Oder doch: am Tage vorher in Sla-- rachi hatte er mich zu überreden versttcht, wenn ich rnitkäme, würde ich vom Weihnachtsmann eine Puppe bekommen. Auf die Puppe warte ich heute noch.

In meinem Koffer lag ein winziges Paket, das Ich erst am Heiligen Abend aufmacben durfte. Drinnen war ein zehn Zentimeter hoher Tannen­baum mit drei winzigen Wach »lickten und einem schworzweißroten Bändchen Ein Stückchen Zuhause H war feine zehntausend Kilometer mit mir heimlich | geflogen unb verlangte nun lein Recht.

Im Speisesaal war großer Rummel. Papier-­

Die Christrose.

(ZineWeihnachtr-iegendevonD.emarMoering.

2116 Joseph und Maria mit dem Jesuskind aus Bethlehem entwichen, weil ihnen durch den Engel des Herrn kund getan war, daß der König Hcrodes sie nut seinem Zorne oersolgte und dem Knäblein nach dem Leben trachte, da mußten sie während ihrer langt» Flucht auf manchem Irrweg wandern, ehe sie in dem Lande Aegypten eine Heimstatt und OU|lud)t fanden. Denn Maria und Joseph waren arme Leute, die die Welt und ihre Gebiete nicht kannten, und da sie sich auf der Flucht abseits von den großen Straßen der Karawanen halten mußten und keinen Menschen nach dem Wege fragen konn- ien, um nicht durch ein unbedachtes Wort die Hä­cker des Königs auf ihre Spur zu locken, so oer- schlug chrc Reise sie manchmal nach Nord und manchmal nach 6üb, heute gen Ost und morgen gen West, ohne daß sie doch recht wußten, in roch ajer Gegend sie sich befanden unb nur auf Gott oertrauen konnten, daß der sie schließlich in feiner

"Nb Barmherzigkeit doch zu einem guten Ziele brachte. Unb daher geschah es denn, daß das Jesus- kmd auf dieser weiten Fahrt auch nach Deutschland kam unb zwar zur unglücklichsten Zeit, nämlich mitten im Winter, wo das Land von Schnee und Eis bedeckt ist unb graue Wolken bat Auge der Sonne verbergen.

Damals war unsre Heimat noch ein rauhes unb wildes Gebiet ohne Städte unb ohne große Heer- straßen, auf benen sich t bequem unb sicher reifen laßt Nur schmale, kaum sichtbare Jägerpfade führ­ten durch da» Dickicht der Walder unb über die enb- losen Ebenen der Moore, die von keiner pflegenben Hand gerodet unb urbar gemacht waren; in ben zerklüfteten Gebirgen aber häuften noch Bär unb Wolf und mancherlei änderet Raubzeug, bas fo unbewaffneten unb friedlichen Reifenden, wie cs bas Jefutkinb unb feine (Eltern waren, leicht ge­fährlich werben konnte. Unb trat der Winter fein rauhes Regiment über biefc unwirtliche unb gering bcficbclte Landschaft an, so herrschte er grimmig wie ein Tyrann über allem Leben, bat sich angstvoll vor ihm verkroch Dann würbe bat Lanb noch einsamer alt zu anderen Jahreszeiten, denn die Menichen verbargen sich in ihren aus Stroh unb Cehm her- acftdlten Hausern vor bem eisigen Wind, unter Dellen jausender Geißel das Land mondelang stöhnte Äem guter Hirt trieb ba feine munter grafmbe Herde über die tote Flur, unb die Jäger schliefen fest in ihre Pelze gehüllt in ben Hütten unb ehr­ten von her Beute bet Sommer Kein bunter Aogeljchwarm verwandelte ben stillen Tom. der

unter der Last des Schnees die Zweige tief zu Boden senkte und seufzte, in ein fröhliches Singe« haus, und nur die Raben und Krähen flogen zu­weilen vor Hunger krächzend von den Feldern empor und zogen ihren Kreis unter der grauen Himmclseinödc, um sich durch die Bewegung ein wenig Wärme zu verschaffen, die sie vor dem (Er­frieren schützte.

Aber der Herrgott hielt auch hier seine Hand sorgend über die drei auf der Flucht und fegnete sie, und die wilden Tiere, denen sie vielfach be- !,egnctcn, trabten achtlos an ihnen vorüber, als ähen sie sie gar nicht. Reh und Hase aber, die riedlichen Gesellen des Waldes und der Heide, überwanden all ihre Scheu vor den Menschen und kamen wohl des Nachts gar zutraulich an das Feuer, bas Joseph entzündete, um sich dicht neben bas Knäblein zu legen und es mit ihren weichen Fellen zu wärmen.

Nun geschah es an einem Abend, da Joseph wieder ein Lager im Walde aufgeschlagen und eine Heine Schneernuldc für die Seinen hergerichtet hatte, daß Maria, die sonst allezeit frohen Mutes und vertrauenden Herzens ihr arges Geschick und alle Mühsal der Reise trug, so still in Gedanken versunken und mit bekümmertem Gesicht am Feuer hoefte und immer wieder so traurig auf ben kleinen Jcsusknaben h.rniedcrschaute, daß es Joseph schwer aufs Herz fiel, wie er sie fo sah Und da er ihr langes Schweigen unb das hin unb wieder aus ben Tiefen ihrer Brust steigende Seufzen nicht mehr ertragen zu können vermeinte, fo fragte er nach einer Weile:Was bedrückt dich, mein liebes Weib, unb welch Kummer nagt an deinem Herzen? Hat uns der Herrgott bislang in feiner Gute nicht immer wieder geholfen und uns in aller Armut md)t umkommen lasten? Vertraue nur, er wird uns auch weiterhin nicht oerlaffen und uns wohl- behalten aus dieser rauhen Gegend geleiten." Unb weil er meinte, daß es vielleicht auch ber - bfr Maria quäle, reichte er ihr ein

cturf Brot, das ihm gute Leute am Taqe zuvor gegeben hatten. 0

«ber Maria schüttelte nur seufzend bas Haupt unb erwiderte: Ach, lieberKann, ich denke daran, daß es beute genau rin Jahr her ist. leit ich unser Rinblein un otaU ju Bethlehem in die Kripp« legte Und nun haben wir in all ber Fremde unb Not nichts, womit wir es m diesem Gedenken erfreuen könnten, fein boljern Sammlern unb fein zierlich geschnitztes Wrb. mit bem es vielleicht spielen mochte. Ach, wo stnd bie schönen Rosen unterer He mat? Sieb, vier -nächst kein« Blume, damit wir znm wenigsten > a rarges Bettlein ckmuck<i konnten. Des ist meine «eie traurig unb ohne Trost.

Als Joseph diese Klage vernahm, betrübte es ihn sehr. Auch faßte ihn Reue darüber, daß er den Ge­burtstag seines Kindleins über all der Sorge um des nackten Lebens Notdurft vergessen hatte, unb darum trat er hinaus in ben dunklen Wald, um zu eben, ob sich nicht doch noch hier ober ba eine Blume änbe, bie gr dem Knaben zur Freube ins Haar lechten könne. Aber so lang er sich auch mühte und uchend umherirrte, sand er doch nicht mehr als einige Tannenzapfen, die wohl ein outes Feuer ab­gaben und einen angenehmen Duft verbreiteten, wenn sie luftig knackend verbrannten, die ihm jedoch 3um Schmuck für den Knaben zu gering erschienen. Und da er sich gar nicht mehr anders zu helfen wußte, so tat er ben Mund auf und rief in seiner Not in ben Wald hinein: Ihr lieben Blumen kommt hervor! Seht, mein Söhnlein hat heute fein Wiegen- fest. Arm und frierend liegt es auf feinem Lager; kommt, ihr lieben Blumen, unb blüht heraus zu seiner Freude, auf daß es Hunger unb Kälte ver­gesse!

Aber keine ber Blumen hörte ihn, denn sie lagen alle in tiefem Schlaf unter dem Schnee, ber sic mit feinem weißen Tuch begraben hatte. Unb so mußte Joseph zu seinem Leide mit leeren Händen an bas Lager zurückkehren, indes ber Winb seine Worte auffing und sie hohnlachenb in Fetzen zerriß.

Nur eine ber Blumen, die nicht so fest wie ihre Schwestern schlief, hatte den Ruf vernommen; bas war die Nieswurz, eine von ben Menschen um ihres giftigen Saftes willen gar arg verachtete unb ge- mtebene Blume, ber man nur Böses nachsagte unb bie man zerstörte, wo man sie antraf, wiewohl sie doch an ihrer unglücklichen Gab« nicht Schuld trug.

Sie also wurde von Josephs Ruf geweckt unb ba sie seine Worte hörte, rührten sie biefe, unb sie backte bei sich: Gern wollte ich ben guten Leuten Helsen und dem fremden Kind zur Freude bienen, allein wie beginn ick's, da meine Zeit noch nicht gekom­men ist? Unb sie war traurig und wußte sich keinen Rat in ihrem finsteren Bette.

Doch als sie noch halb im Traume so dachte unb, ohne daß es ihr gelingen wollte, bie Füßlein ihrer Wurzeln zu bewegen versuchte, da sank in ihr Sin­nen hinein ein warmer Trovfen seltsamster Art, wie sie ihn nie zuvor gespürt hatte. Er war ander» als alle Regentropfen und bie Tropfen be» tauenden Schnees, bie ihr wohlbekannt waren, unb berührte sie in einer wundersamen unb stärkenden Weise, daß sie am liebsten laut aufgejubeü hätte, hatte sie es nur vermocht. Da aber bv Stimme der Blumen allein in der stillen Schönheit ihrer Blüten .zu uns redet, fo begann sie sich alsbald zu regen und ent­fallet« ihren Kelch, und sie fühlte beglückt, daß sie wuchs. Und sie wuchs, bi» ihre Blute ben Schnee

durchdrang und herauftauchte aus der Tiefe ber (Erbt I in lauter Seligkeit.

Dies aber trug sich auf folgende Weife zu: al» * Joseph zurückkehrte zu seinem Weibe und nicht» ge- i funben hatte, womit er das Kinb hätte erfreuen können, ba senkte Mario still das Haupt, und der - Schmerz gewann solche Gewott über sic, daß sie die I Augen verbarg und heimlich für sich weinte. Da nun aber ihre Tränen zu Boden fielen, so sanken sie in den Schnee und fanden ben Weg zu ber J Blume, bie Josephs Ruf vernommen hatte... Unb ; sic berührten sic wie ein sanfter Balsam, daß eine | zauberhafte Kraft fic lieblich betörte unb also gleich 1 zum Blühen aufrief. Und überall, wo Marias Ira» nen in den Schnee sanken, ba stieg mit weihe» - Blütenblättern und golbenem Innern gleich einem Krönlein eine Blüte aus der dichten Decke hervor \ ZU Preis und Ehre des gebenebeiten Kindes, vi» es wie in einem Bette aus lauter lichten Blumen- j kelchen lag. Solcherlei Macht bergen die Tränen einer Mutter, daß selbst die Elemente vor ihnen sich beugen müssen wie Knechte.

Al» aber Mario unb Joseph be» Wunders, ba» vor ihren Augen geschah, gewahr wurden, ba jubel­ten sie unb lobten Gott unb segneten bie stillen I weißen Blüten in Donk unb Andacht Und die Sterne traten hervor aus den weichenden Wolken, | um dos Wunder zu schauen, unb sie fehlen sich auf I die Zweige ber Tannen wie blinkend« Lichtlein unb | ber ganze Wald, in dem bie frommen Wanderer I lagen, ward hell von ihrem Glanz.

Seit diesem Tage ist die so verachtete Nieswur» 1 bie erste unter den Blumen, bie dem Frühling in j unserer Heimat den Teppich unter den Füßen be­reiten darf, unb an manchen Orten hebt sich ihre Blüte schon in ber heiligen Nacht, mitten im Winter aus bem Schnc? al» ein Zeichen, daß der König de» Lichts nicht mehr ferne rft. Unb kein Frost unb feine Kälte vermögen ihr wehe zu tun. Und fetffl diesem Tage heißt sie im Dolksmunde, der immer eine geheime und verborgene Wahrheit in seine Worte legt, die Rose Jesu oder bie Christrose, well sie zur Freube und Ehr« unseres guten Herrn er­wachte, als er ein armes Kindlein in ber Frcrnbe war, unb sich bartot in Liebe zu ihm.

'Zeitschriften.

Das Weihnochtshest derBerliner Illu­strierten" bringt u. o. ein« Wc-Hnachtsnovellch von Richard Billinger unb eine ruhrenbe klein« Geschichte, wie ber große Husorengenerol Ziethen, einmal den Weihnachtsmann spielte Am Schluß des reichen Hests erfreuen schöne Ausnahmen junger öublcemjulaner beim Spiel am Strand unb nn Meer.

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